Kategorie: Alessandro Bonvicino

Geboren zu Brescia um 1498, Gestorben Daselbst 1554.

Unter den Städten am Südabhange der Alpen ist die weiträumigste und schönste das hellschimmernde Brescia, weit überragt von seiner hohen Festung. Die Kunst, die sich hier zu einer glänzenden, wenn auch kurzen Blüte entfaltete, nachdem die Stadt durch den grossen Condottiere Colleoni der Herrschaft Venedigs ein verleibt und von venezianischer Kultur durchdrungen war, besitzt den lichten Glanz und die vornehme Schönheit, welche der Stadt eigentümlich sind. Zwei Künstler sind es, die Brescias Ruhm ausmachen: Romanino und Moretto; beide ausgezeichnet durch die Grösse ihrer Formenanschauung und die Pracht ihrer Farbengebung; Romanino stürmisch und glühend im Ton, Moretto zurückhaltend und kühl in den Farben. Zahlreich sind die Fresken, die uns von Romanino, zahlreich die Altarbilder, die von Moretto erhalten sind. Unter allen das bekannteste und gefeiertste ist Morettos grosses Gemälde im k. k. Hofmuseum zu Wien, die h. Justina darstellend, zu deren Füssen der vornehme Brescianer Stifter kniet. Die Heilige, eine herrliche Frauengcstalt, Palmas h. Barbara ähnlich, von vollen, grossen Formen, schönen Zügen und in prächtigen Gewändern, wendet sich leicht zur Seite mit einem huldvollen Blick auf den edlen Brescianer, der ihr zur Seite kniet, ein stolzer Südländer mit vollem, tiefschwarzem Barte und klassischen Zügen, den Blick voll inbrünstiger Andacht zu seiner Schutzheiligen erhebend. An der andern Seite ruht das Einhorn, das geheiligte Tier der jungfräulichen Patronin. Die Landschaft zeigt die schönen Formen der Umgebung von Brescia.

Alessandro Bonvicino