DIE politische Konstellation war, wie gesagt, zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Österreich eine für Entwicklung der Künste überaus günstige. Nicht nur die überwiegende Macht der Habsburger in Mitteleuropa, als der einzigen Dynastie, welche mit der Glorie Ludwigs XIV. wetteifern konnte, sondern speziell die Beziehungen zu anderen kunstreichen Ländern, zu den Niederlanden, zu Spanien und vor allem zu Italien hatten den Sinn für Prachtentfaltung und Kunstpflege in Österreich erweckt. Früh hatte hier eine imponierende Sammeltätigkeit begonnen, welche auf Gemälde berühmter Meister, auf Prunkwaffen und Geräte, auf Münzen und Medaillen, sowie auf kostbare Bücher ihr Augenmerk richtete. Nun kam dazu, daß infolge des spanischen Erbfolgekrieges Österreich zur Vormacht in Oberitalien gelangte, nachdem in Venedig, Mailand, Genua usw. die anderen Einflüsse zurückgedrängt waren.

Nebenlinien des Hauses Habsburg hatten in den wichtigsten alten Kunststätten die Herrschaft inne. Noch heute sind die ererbten Titel der Großherzoge von Modena und Toskana, der Parma und Este im Brauch; noch heute sind die Namen alter italienischer Geschlechter in Armee und Kirche Österreichs vielfach vertreten: die Orsini, Colloredo, Montecuccoli. Dazu kam die Übereinstimmung der religiösen Gesinnung, der gottesdienstlichen Formen.

Zunächst kam dieser lebhafte Austausch hoher Kulturwerte in der Baukunst zum Ausdruck. In Wien und Umgebung, besonders am Donaustrom, entstanden herrliche Kirchen, Klöster und Schlösser, entfaltete sich ein Zusammenwirken von Baumeistern, Steinmetzen, Tischlern, Malern, Goldschmieden usw., von dessen Intensität und Gewissenhaftigkeit man gerade in jüngster Zeit durch Publikation von zahlreichen in Archiven verborgen gewesenen Dokumenten überzeugende Kunde erhielt.

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Alt-Wien; die Geschichte seiner Kunst

Mit dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts setzt in Wien eine Epoche friedlicher Kulturentwicklung ein, die mit ihren künstlerischen Leistungen den eigenartigen Charakter des Stadtbildes in seinen Hauptzügen festlegte und auch einen kräftigen Grund für alle weitere Tätigkeit abgab. Eine Zeit furchtbarer äußerer und innerer Kämpfe war überwunden. Zuerst hatten die Glaubensstreitigkeiten die ganze Bevölkerung Österreichs ebenso wie diejenige des deutschen Nordens aufgewühlt. Es ist begreiflich, daß die Regierung, welche von Wien aus ihre Soldaten, ihre Feldherren und ihre Befehle in den Dreißigjährigen Krieg entsendete, mit den stärksten Mitteln der Gegenreformation wenigstens im eigenen Lager die geistige Ruhe wiederherstellte. — Zugleich waren gegen Osten hin die Anstürme der Türken abzuwehren. Nachdem der Kaiser Siegismund und sein Heer bei Nicopolis unterlegen waren, hatten die Türken 1453 Konstantinopel erobert und drängten unaufhaltsam gegen Mitteleuropa vor. Die Niederlage bei Mohäcs, der Abfall des von den Ungarn zum König gewählten Johann Zapolya, der sich mit den Türken gegen Kaiser Ferdinand verband, hatten die erste schreckensvolle Invasion 1529 zur Folge.

Die heldenmütige Verteidigung der Wiener unter Niklas Grafen Salm ist oft geschildert worden. Aber die Gefahr war nicht endgültig abgewendet; die abgebrannten Vorstädte durften nicht wieder aufgebaut, die Wälle und Befestigungen mußten beständig vermehrt werden. Aus der berühmten Handelsstadt, in der vorher auch Kunst und Dichtung geblüht hatten, wurde eine Festung. Erst nach der zweiten gewaltigen Abwehr 1683, bei der etwa 20000 Einwohner sich gegen ein Heer von 170000 Mann zu verteidigen hatten, bis deutsche und polnische Truppen zum Entsätze der Stadt herbeikamen, war der „Erbfeind“ endgültig zurückgedrängt.

Um so reicher konnten dann aber unter Josef I., Karl VI. und Maria Theresia die aus früherer Aussaat emporschießenden Künste sich entfalten. Es ist diese Epoche in Geschichtswerken oft so dargestellt worden, als ob der Zwang der religiösen Zucht, der jesuitischen Beichtväter alle geistige Regsamkeit niedergehalten und die Übermacht der Hofkreise und des Adels alles kräftige Empfinden vernichtet hätte. Dieser Auffassung gegenüber müßte doch darauf hingewiesen werden, unter welchem Druck der vornehmen Kreise im mächtigen Frankreich und auch in Spanien die gesamte Bevölkerung zu leiden hatte, und daß auch dort die großen Künstler, wie Rigaud, Le Brun, Boucher, Watteau sich um die allein wärmende Sonne des Königtums drehten. Und was die geistige Regsamkeit im nördlichen Deutschland zu jener Zeit anbelangt, so war sie wohl auch von Pietismus und Zopf bös beeinflußt. In der neuesten Zeit erst, wo man die Kultur einer Epoche nicht mehr einseitig nach literarischen Leistungen mißt, konnten‘ die Kunsthistoriker zum Verständnis jener bedeutungsvollen Epoche Vordringen, in welcher die Baukunst, Denkmalplastik, Freskomalerei, Gobelinweberei, Porzellanfabrikation, Goldschmiedekunst und manche anderen Hilfskünste sich zu einem vollkommen selbständigen, wenn auch von italienischem Barock und französischem Rokoko in einzelnen Formen und Motiven beeinflußten Stil entfalteten. Diesen Stil als einheitliche historische Offenbarung zu studieren, müßte ein Hauptinteresse der kunstsinnigen Weltreisenden sein. Freilich gehört dazu ein längerer Aufenthalt und ein emsiges Nachgehen; auch fehlt ein anregender, übersichtlicher Cicerone. Vielleicht geben diese Zeilen den Anstoß dazu.

Siehe auch:
Wien : eine Auswahl von Stadtbildern
Alt- und Neu-Wien in seinen Bauwerken
Wien-Einleitung und Historischer Überblick

Alt-Wien; die Geschichte seiner Kunst

DER heutigen Generation von Alt-Wien erzählen bedeutet fast, eine in’s Meer versunkene Stadt aus Erinnerung und Phantasie wieder aufzubauen. Wohl stehen noch viele der prächtigsten und markantesten Bauten aus acht vergangenen Jahrhunderten. Aber ihre Umgebung ist verändert, die Größenverhältnisse sind verschoben, die Gruppierung und die Veduten sind zerstört: das Gesamtbild der Stadt ist ein total anderes. Man kann den Wienern der Gegenwart den Vorwurf nicht ersparen, daß sie allzu willig und oft ohne das volle Verständnis für die historisch gewordene Schönheit jeglichem Regulierungsplan Raum gegeben haben, auch wo es nicht durch sanitäre oder Verkehrserfordernisse geboten war. So wurde das reizvolle alte Bild des Hohen Marktes und des Mehlmarktes, — der heute stolz „Neuer Markt“ genannt wird — fast ganz zerstört; der Platz „Am Hof“ ist jetzt an der Reihe, bald werden noch andere Opfer einer unverständigen Neuerungssucht, die intimen Schönheiten des idyllischen Heiligenkreuzerhofes, des Franziskanerplatzes, die Prachtbauten der Wipplinger Straße folgen.

Das alte Wien, wie es aus den noch vorhandenen schönen Resten, aus alten Plänen, Bildern und Schilderungen sich vor dem inneren Auge aufstellt, war ein individuelles Kunstwerk, etwa wie es Nürnberg oder Venedig heute noch sind. Und wenn man ein altes Meisterwerk, einen Dürer oder Peter Vischer, andächtig konserviert, so sollte man wohl auch dem kunstvollen alten Stadtbilde gegenüber nicht gar zu dünkelhaft auf die eigenen neuesten Errungenschaften technischer Art pochen. Es wäre Raum genug vorhanden, nach Süd- und Nordost die Wohnstätten und Industrieanlagen Wiens auszudehnen, so wie man in Nürnberg, mit Wahrung des alten Stadtteiles, die neue Stadt jenseits der Wälle aufbaute. Gerade an den Ufern des großen Donaustromes, die bisher noch in ländlicher Unberührtheit schlummern, lockt ein weites Gebiet die moderne Welt zu kühnen technischen Leistungen. — Es ist über dieses leider sehr aktuelle Thema in den letzten Monaten viel Tinte verspritzt worden; nutzlos, weil die Zerstörer den höheren Wert des in der Vorzeit Geschaffenen nicht kennen. Sie darüber zu belehren, den rasch und oberflächlich Urteilenden Geschmack und Verständnis für die Werke der inniger und ehrlicher empfindenden Vorfahren beizubringen, ist in unserer Epoche eine wichtige Aufgabe des Kunsthistorikers.

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