WER eine alte, mit Bildnissen geschmückte Ausgabe der Künstlerbiographien Vasaris durchblättert, wird seinen Blick unwillkürlich auf einem trutzigen Haupt mit fast höhnisch dreinschauenden Augen verweilen lassen. Heftig zucken die Nasenflügel; die starke Unterlippe und die Wildheit der breiten Stirn deuten auf ein gewaltiges Temperament, das aller freundlichen Kultur ermangelt. Ob dies Portrat des Florentiner Malers Andrea del Castagno authentisch ist, lasst sich heute nicht mehr ermitteln. Betrachtet man aber in jenem Raum des alten Klosters von St. Apollonia, der zu des Meisters Preise „Castagno-Museum“ heisst, die beiden Hauptwerke des Künstlers, die Fresken der Villa Soffiano und das Abendmahl, so scheint jenes Bildnis zum mindesten gut erfunden. Zeitgenosse der Sforza und Colleoni, glich Castagno einem Maler-Condottiere, der auszog, sich die ganze Fülle der Erscheinungen zu unterwerfen. Sein Leben war ein Sturmlauf gegen anscheinend unzwingbare Probleme der Farbe und Perspektive, und jedes Werk gliederte dem Reich des Darstellbaren eine eroberte Provinz an. Castagno stand im Florenz des frühen Quattrocento mit solchen Zielen nicht allein. Uccello und ganz besonders Masaccio und Donatello waren seine Kampfgenossen. In der Brancacci-Kapelle offenbarte sich ihm der grosse Stil des Komponierens, hier lernte er durch sorgsames Abwägen von Licht und Schatten das Modellieren von Körpern, die, im Gegensatz zu den flächenhaften Schemen der spätgotischen Maler, nach Menschenart mit beiden Füssen fest auf dem Boden stehen. Aber Masaccio zog trotz aller Wiiklichkeit-Studien ein innerer Hang zum Wohlausgeglichenen, zur Harmonie; das „schöne Mass“, eine gewisse „vaghezza“ war ihm eigen. Castagnos saturnischer Natur fehlte — und das scheidet sein Schaffen auch von jenem Donatellos — alle Sehnsucht nach Schönheit. Dem Bauernsohn aus dem Mugellothal, der, laut Vasari. als Knabe noch die Kühe weiden musste, blieb jene Kultur fremd, die Donatello, dem Spross einer alten Florentiner Familie, eignete.

In Shakespearescher Souveränität gebot dieser dem Niedrigen und Grandiosen, dem Schönen wie dem Hässlichen, mühelos wie ein Priester sein Brevier las er in Menschenseelen. Den weiten Horizont des Blickes, solche Allseitigkeit hat der Dorfsohn nie besessen. Unerschütterliche Neigung für alles, was da ist, die Fähigkeit, ein leidenschaftliches Innenleben durch ein Mindestmass von Geberden auszudrücken, weise Beschränkung auf das Notwendige war eigentlich alles, was Andrea von dem Bildhauer lernte. Er war und blieb zeitlebens ein derbknochiger Bauer. Ungestümen und jähzornigen Wesens, wüst, und, wie seine späteren Geistesverwandten Caravaggio und Courbet, stets zum Raufen bereit, imponiert auch in seinen künstlerischen Gebilden zunächst die muskelstarke Wucht. Pathetisch und erhaben, kulturlos und beleidigend, bauernhaft-monumental — so wirkt die Kunst Andrea del Castagnos. Sie war stets ein hohes Lied der Kraft; aber mit dem Können des Meisters wechselte die Orchestrierung. Anfangs heben ungebrochene schwere Farben, die unvermittelt neben einander stehen, von einem dunklen Hintergrund sich ab. Dieser wandelt sich, wie bei einem Bühnenspiel allmählich heller werdend, in blaue Luft; die Farben nehmen stetig an Licht und durchsichtigem Glänzen zu, bis der Alternde, ihrer grellen Buntheit müde, den Reiz gebrochener Töne würdigt und alle Dinge als einfach grosse Farbflächen sieht. Die zu Beginn ängstlich tastende Hand des Zeichners Castagno wiederum gewinnt immer mehr Bestimmtheit; der zuerst schwankende Kontur erlangt ruhige Energie und des reifen Andrea sattelsichere Meisterschaft in der komplizierten Kunst, perspektivische Hindernisse zu nehmen, rang selbst dem Cinquecento Respekt ab.

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Andrea del Castagno Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst