AUF Andrea della Robbia, namentlich auf seine Madonnen, scheint neben Luca della Robbia sein vielseitigerer und weit begabterer Altersgenosse Andrea del Verrocchio Einfluss geübt zu haben. Verrocchio ist namentlich durch seine Gemälde für die Madonnendarstellung im letzten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts von hervorragender Bedeutung geworden, ganz besonders durch den Einfluss, den er auch in dieser Richtung auf seinen Schüler und langjährigen Gehilfen Leonardo ausübte. Seine Madonnen zeichnen sich keineswegs durch grosse Mannigfaltigkeit in der Komposition oder im Ausdruck besonders aus: von dem trefflichen Thonrelief aus dem Hospital S. Maria Nuova weicht das Marmorrelief im Museo Nazionale nur wenig ab, das sich in mehreren der gemalten Madonnen fast treu wiederholt; auch die Komposition des Marmorreliefs der Madonnen mit einem Engel zur Seite, im Besitz von Mr. Quincy A. Shaw zu Boston, kehrt in einem Gemälde der Londoner National Gallery ganz ähnlich wieder. Aber worauf es Verrocchio vor allem ankam: vollendete Treue in der naturalistischen Durchbildung bis in alle Einzelheiten, das hat der Künstler in den eigenhändigen Arbeiten, wie in dem genannten Thonrelief, meisterhaft erreicht, ohne sich dabei ins Kleine zu verlieren. Er vertieft sich mit einem Eifer und einer Gründlichkeit in das Studium der Natur, als ob er der erste wäre auf diesem Wese, und seine Freude an der Schönheit der Natur bis in ihre kleinsten Schöpfungen lacht aus allen seinen Gestalten. Der Künstler fusst auf Donatellos und Lucas Werken, deren Sinn auf das Grosse und Bedeutende in seinem Schüler Leonardo wieder zur Geltung kommt.

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Andrea del Verrocchio Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Zwischen Donatello und seinem Enkelschüler Michelangelo steht als bedeutendster Meister der italienischen Skulptur am Ende des 15. Jahrhunderts Andrea del Verrocchio — bedeutsam durch die wundervollen Werke, die er hinterliess, wie durch den Einfluss, den er auf die nachfolgende Generation von Künstlern ausübte.

Verrocchio hat erst verhältnismässig spät der Skulptur im Grossen sich zugewendet: alle seine plastischen Arbeiten drängen sich in den kurzen Zeitraum von 1472—1488 zusammen. Dem grösseren Publikum pflegt gewöhnlich nur das Reiterstandbild des Colleoni in Venedig in der Erinnerung zu haften. Seine anderen Werke ziehen das ungeübte Auge nicht unbedingt an.

Wer sich aber aufmerksam ihnen zuwendet, wird beobachten, welche ausserordentliche Kenntnis des menschlichen Körpers der Künstler in ihnen offenbart. Der „David“ des Bargello (1476) zeigt uns den Knaben in ungezwungener Haltung nach vollbrachter That, ihm zu Füssen Goliaths Haupt. Der jugendliche Körper ist straff und sehnig, die Haltung energisch und voll von Bewusstsein eigenen Wertes: die Linke in die Hüfte gestemmt, der Kopf keck nach rechts herübergeworfen, das Gewicht des Körpers auf das rechte Bein verlegt — so ist diese Figur einheitlich vom Scheitel bis zur Zehe. Dabei hat die Durcharbeitung des Körpers, besonderswenn man das Muskelspiel der jugendlich-eckigen Arme ins Auge fasst, an Naturwahrheit das äusserste erreicht.

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Andrea del Verrocchio Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Geboren 1435 zu Florenz. Gestorben 1488 zu Venedig.

olzschneider, Bildhauer, Goldarbeiter, Perspektivzeichner, Maler und Musiker war der Florentiner Andrea del Verrocchio. Er hatte jedoch in der Bildhauer- und Malerkunst eine etwas harte und schroffe Methode, gleich jemand, der sie mehr durch unendliches Studium, als durch Gabe der Natur erwirbt. Hätte ihm von dieser Gabe nicht mehr gefehlt, als er durch außergewöhnlichen Fleiß und seitenes Studium ersetzte, so würde er in diesen Künsten vortrefflich geworden sein; zu größter Vollendung aber fordern sie Studium und Naturanlage vereint; wo eines von beiden fehlt, wird selten ihr höchster Grad erreicht, wenn auch Studium und Fleiß zu höherer Stufe führen. Diese waren bei Andrea größer als bei irgendeinem anderen, und er wird deshalb unter die seltenen und ausgezeichneten Meister der Kunst gezählt. In seiner Jugend beschäftigte er sich mit den Wissenschaften, und ganz vornehmlich mit Geometrie. Zur Zeit, als er die Goldschmiedekunst übte, verfertigte er außer vielen anderen Dingen einige Knöpfe zu Pluvialen, die sich in Santa Maria del Fiore befinden. An Grosseriearbeiten hat man von ihm ein Becken, ringsum mit Laubwerk, Tieren und mancherlei Seltsamkeiten verziert, welches so schön ist, daß alle Künstler davon wissen, und von dem selben Meister ist ein anderes Becken, worauf man einen sehr anmutigen Kindertanz sieht. Durch diese Dinge gab er einen Beweis seiner Geschicklichkeit, und der Magistrat der Kaufleute verlangte, er solle für die Ecken des Altars von S. Giovanni zwei Reliefkompositionen in Silber arbeiten, die ihm, als sie vollendet waren, großes Lob erwarben.

Zu jener Zeit fehlten in Rom einige der großen silbern nen Apostel, die gewöhnlich in der Kapelle des Papstes auf dem Altäre stehen, gleich anderem Silberzeug, weh ches man eingeschmolzen hatte. Es wurde nach Andrea gesandt, und ihm unter großer Begünstigung von Papst Sixtus IV. der Auftrag gegeben, alles dort Nötige zu fertigen; er aber führte alles mit viel Einsicht und Fleiß zu Ende. Während seines Aufenthaltes in Rom lernte Andrea, wie die vielen Statuen und anderen Altertümer jener Stadt in hohem Wert standen; sah, daß der Papst das Bronzepferd von S. Giovanni Laterano aufstellen ließ, und daß man nicht nur vollständige Werke, sondern auch Bruchstücke, wie sie jeden Tag erfunden wurden, in Ehren hielt; deshalb beschloß er, sich zur Bildhauerkunst zu wenden, gab die Goldschmiedekunst völlig auf und versuchte einige kleine Figuren in Bronze zu gießen, die sehr gerühmt wurden. Nun stieg ihm der Mut, und bald fing er an, auch in Marmor zu arbeiten. Zu jener Zeit war die Gattin des Francesco Tornabuoni im Wochenbett gestorben; ihr Gemahl, welcher sie sehr geliebt hatte, wollte ihr im Tode jede mögliche Ehre erweisen und gab Andrea den Auftrag, ihr Grabmal zu verfertigen. Dieser stellte auf einer Platte über dem Marmorsarkophag die Verstorbene dar, dann Geburt und Tod, dabei drei Gestalten, welche die drei Tugenden versinnlichen, und dies Werk, als seine erste Marmorarbeit für rühmenswert anerkannt, wurde in der Minerva errichtet.

Mit viel Geld und Ruhm und Ehren kehrte er nach Florenz zurück, und erhielt dort den Auftrag, einen David in Bronze, zwei und eine halbe Elle hoch, zu arbeiten, den man nach seiner Vollendung mit großem Lobe des Meisters oben an der Treppe aufstellte, wo sich die Kette befand. — Durch alles dieses erlangte Andrea den Namen eines trefflichen Meisters, vornehmlich in Ausführung von Metallwerken, an denen er viel Gefallen fand. Er schuf in S. Lorenzo das Grabmal von Giovanni und Piero, Söhnen des Cosimo del Medici, ganz im runden aus Erz. Der Porphyrsarg dieses Grabmales wird von vier bronzenen Eckverzierungen getragen, deren Laubwerk sehr schön und mit großem Fleiße gearbeitet ist, gleichwie man von dem ganzen Werke sagen kann, daß weder in Ziselier noch in Gußarbeit Besseres zu leisten wäre. Es wurde zwischen der Kapelle des Sakramentes und der Sakristei errichtet, und Andrea zeigte bei dieser Veranlassung seine Einsicht in der Baukunst, denn er stellte das Grabmal in die Öffnung eines Fensters von fünf Ellen Breite und etwa zehn Ellen Höhe auf ein Postament, welches die Kapelle des Sakramentes von der alten Sakristei trennt. Zur Ausfüllung des Raumes über dem Sarkophag bis zur Fensterwölbung brachte er ein Mandorlengitter von Bronzestricken an, welches ein sehr natürliches Ansehen hat und an einigen Stellen mit Gewinden und anderen schönen Phantasien geziert ist; lauter bemerkenswerte Dinge, mit viel Übung, Urteil und Erfindung ausgeführt. Der Bildhauer Donatello hatte für den Magistrat der Sechse von der Kaufmannschaft das Marmortabemakel gearbeitet, welches heutigen Tages am Oratorium von Or San Michele dem heil. Michael gegenüber aufgestellt ist; hierbei sollte ein heil.Thomas von Bronze angebracht werden, der die Hand in Jesu Wunde legt; diese Figuren jedoch wurden damals nicht ausgefiihrt, weil unter denen Streit entstand, welchen die Sorge dafür zukam. Die einen waren der Meinung, die Ausführung solle dem Donatello übertragen werden, die anderen, dem Lorenzo Ghiberti; so lange diese beiden lebten, waren die Sachen auf demselben Punkt geblieben; nun endlich wurde dem Andrea die Ausführung jener beiden Statuen übergeben. Er arbeitete Modelle und Formen, nahm den Guß vor, und sie kamen so wohlbehalten, vollständig und schön zum Vorschein, daß es sehr zu rühmen ist; als er daher Hand anlegte, sein Werk auszuputzen und zu beenden, brachte er es zu jener Vollkommenheit, in der es nunmehr vor uns steht und die nichts zu wünschen übrig läßt.

Der Ruf Andreas vermochte nunmehr in dieser Kunst nicht weiter zu steigen, und da er zu den Menschen gehörte, denen nicht genügt, in einem Dinge vollkommen zu sein, beschloß er, seinen Geist dem Studium der Malerei zuzuwenden. Er zeichnete den Karton zu einer Schlacht von lauter nackten Gestalten sehr gut mit der Feder, um ihn in Farben auf der Mauer auszufuhren, und entwarf noch einige andere Kartons zu historischen Bildern, die er zu malen anfing, aus irgendeinem Grunde aber liegen ließ.

Zur Zeit des Andrea Verrocchio war endlich die Kuppel von Santa Maria del Fiore fertig gemauert, und man beschloß nach langer Beratung, es solle die kupferne Kugel verfertigt werden, welche gemäß der Bestimmung Brunelleschis auf die oberste Höhe des Gebäudes kommen mußte. Die Sorge dafür wurde dem Andrea übertragen; er arbeitete sie vier Ellen hoch und wußte sie sodann auf einem Knopf in solcherWeise zu befestigen und anzuketten, daß mit Sicherheit das Kreuz darauf gesetzt werden konnte. Sobald das Werk vollendet war, wurde es zu großem Vergnügen und Ergötzen der Menge an seinen Platz gebracht, und gewiß tat es not, bei dessen Vollführung viel Fleiß und Verstand aufzubieten, damit man, wie der Fall ist, von unten hineinkommen könne und die Kugel samt dem Kreuz so wohl befestigt sei, daß weder Sturm noch Winde ihnen Schaden zu bringen vermögen.

Andrea hatte niemals Ruhe, er führte immer Maler- oder Bildhauerwerke aus, bisweilen zweierlei Arbeiten auf einmal; er meinte dadurch zu verhindern, daß ihm nicht eine einzelne Sache zum Überdruß werde, wie dieses vielen geschieht; und obschon er die oben genannten Kartons nicht zur Ausführung brachte, übernahm er doch einige andere Malereien, darunter eine Tafel für die Nonnen von S. Domenico zu Florenz, wobei er ziemlich Gutes geleistet zu haben meinte. Dieses war die Ursache, daß er bald nachher in S. Salvi für die Mönche von VaU’ombrosa eine andere malte, welche darstellt, wie Christus von Johannes die Taufe empfängt. — Hierbei half ihm Lionardo da Vinci, der damals noch sehr jung und sein Schüler war; von ihm ist in jenem Gemälde ein Engel, welcher besser gelang als die übrigen Dinge; weshalb Andrea, der dieses erkannte, beschloß, keinen Pinsel mehr anzurühren, da Lionardo, so jung noch, in dieser Kunst Besseres geleistet hatte.

Unterdessen wollten die Venezianer die großen Verdienste des Bartolommeo aus Bergamo, der ihnen viele Siege errungen hatte, durch ein Denkmal ehren; sie glaubten dadurch den Mut anderer zu stärken, und da der Ruf Andreas zu ihnen gedrungen war, beriefen sie ihn und trugen ihm auf, die Reiterstatue jenes Feldhauptmanns zu verfertigen, die auf dem Platze S. Giovanni und Paolo errichtet werden sollte. Schon hatte Andrea das Modell zum Pferde vollendet und angefangen, es mit Rüstzeug zu versehen, um es in Bronze zu gießen, als unter Begünstigung einiger Edelherren der Entschluß gefaßt wurde, Vellano aus Padua solle die Figur, Andrea nur das Pferd arbeiten. Kaum war dieser hiervon unterrichtet, so zerbrach er Kopf und Füße seines Modells und kehrte ganz erbittert und ohne ein Wort zu sagen, nach Florenz zurück. Hierauf ließ die Signoria von Venedig ihm kund tun, er solle nie mehr wagen, nach ihrer Stadt zu kommen, wenn er nicht seines Kopfes verlustig gehen wolle. Auf diese Drohung entgegnete Andrea in einem Briefe, er werde sich wohl davor hüten, denn es stehe nicht in ihrer Macht, den Menschen für abgeschnittene Köpfe neue aufzusetzen, nicht einmal seinem Pferd, dem er einen schöneren anstatt des zerbrochenen hätte wiedergeben können. — Diese Antwort war den Herren nicht mißfällig, sie beriefen Andrea mit verdoppeltem Gehalt nach Venedig zurück; er kam, stellte sein Modell wieder her und goß es in Bronze, konnte es jedoch nicht ganz zu Ende bringen, denn er erkältete sich bei der Arbeit des Gießens sehr heftig und starb nach wenig Tagen in jener Stadt. Bei diesem Werke war nur noch wenig auszuputzen, und es kam an seinen bezeichneten Platz; außerdem blieb durch den Tod Andreas auch zu Pistoja eine seiner Arbeiten unvollendet: das Grabmal des Kardinals Forteguerra, mit den drei theologischenTugenden und einem Gottvater darüber geziert, welches der florentinische Bildhauer Lorenzetto zu letzter Vollkommenheit brachte.

Andrea war, als erstarb, sechsundfünfzig Jahre alt, und sein Tod geschah seinen Freunden und Schülern, deren sehr viele waren, sehr leid; vor allen dem Bildhauer Nanni Grosso, einem Mann, so eigentümlich in der Kunst wie im Leben. Man sagt, wenn dieser Nanni außer seiner Werkstatt, und vornehmlich, wenn er für Mönche und Ordensbrüder gearbeitet, habe er stets verlangt, daß ihm die Tür zum Gewölbe oder Keller offen stehe, damit er, ohne vorher Erlaubnis zu begehren, trinken könne, so oft er wolle. Außerdem erzählt man, er sei einstmals, von irgendeiner Krankheit völlig genesen, aus Santa Maria Nuova gekommen; seine Freunde besuchten ihn und fragten, wie es ihm gehe. „Schlecht,“ war seine Antwort. — „Wie,“ riefen sie, „du bist ja wieder ganz hergestellt!“ — „Und dennoch,“ sagte er, „geht es mir schlimm, denn mir täte ein wenig Fieber not, damit ich im Spitale bequem und mit guter Bedienung verweilen könnte.“ Nanni lag zum anderen Male krank im Spitale, und da endlich seine Sterbestunde nahte, hielt man ihm ein hölzernes Kruzifix vor, schlecht und grob gearbeitet; als er dieses sah, bat er flehentlich, es wegzunehmen und ein anderes zu bringen, was Donato gearbeitet hatte, und versicherte, wenn sie jenes nicht wegtäten, werde er in Verzweiflung sterben. So großes Mißfallen erweckten in ihm die schlechten Werke seiner Kunst.

Andrea fand viel Vergnügen daran, in Gips zu formen und Abgüsse zu machen. Man pflegt diesen Gips aus einem sehr weichen Stein zu bereiten, den man in Volterra, Siena und vielen anderen Gegenden Italiens gräbt; am Feuer gebrannt, fein gestoßen und mit lauem Wasser geknetet, wird er so weich, daß man damit abformen kann, was man will, verhärtet und verdichtet dann aber so, daß man ganze Figuren darin ausgießen kann. Mit solchen Formen pflegte Andrea natürliche Gegenstände abzuformen, um sie mit größerer Bequemlichkeit vor Augen zu haben und nachzuahmen: Hände, Füße, Knie, Beine, Arme und Rümpfe. Nachher fing man zu seiner Zeit auch an, mit wenig Kostenaufwand in dieser Art die Angesichter von Verstorbenen nachzuahmen, und es sind deshalb in allen Häusern in Florenz über Kaminen, Türen, Fenstergesimsen und anderen Vorsprüngen eine unendliche Menge solcher Bildnisse zu sehen, so gut ausgeführt, daß sie der Natur gleicherscheinen. Dieser Brauch, welcher von da an stets fortdauerte, hat mir zu großem Nutzen gereicht, indem ich dadurch viele Bildnisse erhielt, welche ich bei den Gemälden im Palast des Herzogs Cosimo anbrachte, und sicherlich müssen wir der Kunst Andreas großen Dank zollen, der dieses Verfahren zuerst in Ausführung brachte. Von dem an wurden besser gearbeitete Bilder nicht nur in Florenz, sondern an allen Andachtsorten verfertigt, nach welchem die Menschen strömen, um für irgendeine empfangene Gnade Votivbilder oder, wie man sagt, Wunderbilder zu spenden. Vordem hatte man dazu kleine Silberfiguren oder bloße Schildereien oder auch sehr ungeschickt gearbeitete Wachsbildchen gebraucht; nun aber fing man an, sie nach besserer Manier zu arbeiten, und da Andrea in naher Freundschaft mit dem Wachsarbeiter Orsino stand, der in seiner Kunst ein geschickter Meister war, fing er an, ihn zu unterrichten, wie er darin ganz vollkommen werden könne. Veranlassung zu einem Werk der Art fand sich, als in Santa Maria del Fiore Julian von Medici ermordet und Lorenzo, sein Bruder, verwundet worden war; denn die Freunde und Verwandten Lorenzos bestimmten, aus Dankbarkeit für seine Errettung solle sein Bildnis an viele Orte gestiftet werden. Sie ließen demnach von Orsino mit Hilfe Andreas drei Bilder in Lebensgröße von Wachs verfertigen; das Gerüst im Inneren wurde, wie ich schon anderwärts gesagt habe, von Holz ausgeführt, mit gespaltenem Rohr durchflochten und mit wachsüberzogenem, schön gefaltetem Tuch so wohl umkleidet, daß man nichts Besseres und mehr der Natur Getreues sehen kann. Köpfe, Hände und Füße wurden hohl, von stärkerem Wachs, nach der Natur gebildet und mit Ölfarben bemalt, auch mit natürlichen Haaren und anderem nötigen Schmuck versehen, welches alles so gut gemacht war, daß diese Figuren nicht aus Wachs, sondern lebende Menschen zu sein schienen. Dies ist noch an jeder dieser drei Gestalten zu sehen. Die eine steht in der Kirche der Nonnen von Chiarito in der Via von S. Gallo vor dem Kruzifix, welches Wunder tut; sie ist in das Gewand gekleidet, welches Lorenzo trug, als er in der Kehle verwundet wurde und sich verbunden am Fenster seines Hauses dem Volke zeigte, welches herzugeströmt war, um zu wissen, ob er lebe oder tot sei, ob es sich freuen oder Rache nehmen solle. Die zweite Figur, mit dem Lucco, dem gewöhnlichen florentinischen Bürgerkleid, angetan, steht in der Kirche der Annunziata bei den Serviten über der kleinen Tür neben dem Tisch, wo die Wachskerzen verkauft werden. Die dritte wurde vor der Madonna in Santa Maria degli Angeli zu Assisi aufgestellt, wo Lorenzo von Medici von der Kirche bis zum Tor von Assisi, welches nach S. Francesco führt, den ganzen Weg hatte mit Backsteinen belegen und auch die Quellen hersteilen lassen, die unter Cosimo, seinem Ältervater, dahin geleitet worden waren. Um indes noch einmal auf die Wachsbilder zu kommen, so sind alle diejenigen in der Servitenkirche von Orsino gearbeitet, bei denen unten als Zeichen ein großes O steht, welches ein R umschließt, mit einem Kreuz darüber, und diese alle sind so schön, daß wenige nachmals diesen Meister erreicht haben. Diese Kunst hat sich bis auf unsere Tage erhalten, ist jedoch eher im Abnehmen als im Zunehmen, entweder weil weniger Frömmigkeit herrscht oder aus sonst irgendeinem anderen Grunde.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo
Sandro Botticelli

Andrea del Verrocchio