Donatello und Luca gebührt in gleichem Masse das Verdienst, den Sinn, dem die Darstellung der Madonna im modernen Geiste entsprang, erkannt zu haben und das Bedürfnis nach der künstlerischen Wiedergabe derselben in vollendetster Weise befriedigt und weiter angeregt zu haben. Durch ein halbes Jahrhundert wird dadurch in Florenz und von dort aus fast in ganz Italien die Madonna, im Relief wie im Bild, in den Mittelpunkt der künstlerischen Darstellung gerückt. Um der Nachfrage danach einiger-massen gerecht zu werden, um selbst den wenig Bemittelten die Anschaffung eines solchen Kunstwerkes zu ermöglichen, kam man darauf die in Marmor, Bronze oder Thon ausgeführten Originale durch Stückgüsse oder Thonabdrücke nachzubilden, diese reich zu bemalen und, ähnlich wie die Originale, in Tabernakel einzurahmen. Solche Stucknachbildungen sind, obgleich sie bis vor wenigen Jahren fast ganz unbeachtet blieben und der Zerstörung ausserordentlich ausgesetzt waren, doch noch mehr als tausend erhalten; sie müssen zu vielen Tausenden die Altäre der Hauskapellen, die Zimmer der Paläste, der Villen und Häuser der einfachen Bürger wie die Tabernakel und Ecken der Strassen in Florenz und im Florentinischen ge-schmückt haben. Selbst im Inventar des Lorenzo dei Medici finden wir in den Villen verschiedene solcher Madonnenreliefs in Stuck aufgeführt, die nicht einmal sehr viel niedriger bewertet sind als die Originale. Diese Stuckreliefs haben für die Kunstgeschichte eine besondere Bedeutung gehabt. Anfangs stand man ihnen, wie der alte Katalog des Kensington Museums beweist, fast ratlos gegenüber; allmählich haben wir sie aber dem grössten ‚feil nach, namentlich soweit sie von hervorragenden Künstlern herrühren, auf ihre Meister bestimmen können, und mit ihrer Hilfe ist es uns geglückt, nicht nur die Werke einer Reihe von Bildhauern sehr zu bereichern, kritisch festzustellen und sie in ihrem Zusammenhang besser zu verstehen, sondern auch verschiedene Künstler neu in die Kunstgeschichte einzuführen.

Donatellos unmittelbare Nachfolger, von denen wir gerade vorwiegend Madonnenreliefs besitzen, — wohl weil sie den Anforderungen gerecht werden mussten, die Donatcllo selbst nur teilweise befriedigen konnte, — stehen so stark unter dessen Einwirkung, dass sie bei ihrer mässigen Begabung oft eigentümliche und zum Teil recht unerfreuliche Umbildungen der Vorbilder ihres Meisters geben. Bald ist der ernste kummervolle Zug in der Mutter zu schwächlicher Sentimentalität entstellt, bald hat Donatellos rein menschliche Auffassung des Kindes die ganze Gruppe bestimmt, die dann einen noch stärker genrehaften und selbst derb realistischen Charakter dadurch erhält, dass meist eine Reihe von Engeln, den ausgelassenen Putten Donatellos nachgebildet, als Gespielen dem Christkind beigegeben ist. Der Art sind die Madonnen des Agostino di Duccio (die Marmorreliefs im Museo delf Opera und in der Kirche zu Anvilliers, sowie ein Stuckrelief im Berliner Museum) und die kleinen Bronzereliefs Bertoldos, die aus der Zahl der meist namenlosen Nachfolger Donatellos fast allein eigenartig und bedeutend herausragen. Ein älterer Mitarbeiter Donatellos, Michelozzo di Bartolommeo, bleibt in seinen Madonnenreliefs, deren uns neben den Madonnen in den Grabdenkmälern bis jetzt etwa ein halbes Dutzend wieder bekannt geworden sind, der früheren Art des Künstlers treu in der ruhigen geschlossenen Haltung, in der ernsten Auffassung, in den edlen Gestalten. Die ebenmässige Schönheit der Formen und das klassische Hochrelief sind Michelozzo eigentümlich; er blieb darin wohl nicht ohne Einwirkung von Ghiberti, dessen Gehilfe er anfangs war, und später von seinem jüngeren Freunde Luca della Robbia, mit dem er gleichfalls wiederholt zusammenarbeitete.

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Andrea della Robbia Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst