Kategorie: Andrea Pisano

(1273-1348)

AM Eingang der neueren italienischen Kunst steht auf einsamer Höhe ein begnadeter Genius, Giovanni Pisano, ein Plastiker, ein selbstherrlicher Schöpfer von Form und Bewegung, der an Begabung, an Kraft und an Temperament nur mit den grössten, mit Michelangelo selbst, zu vergleichen ist. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, wie der neuen Kunst, nach kurzem Anlauf, gleich dies überragende Genie ersteht. Der Durchschnitt der produzierenden Kräfte war freilich noch nicht reif ihn zu verstehen er machte nicht Schule. Abgesehen von wenigen glücklichen Werken, die unter seinem unmittelbaren Einfluss entstanden, entfernen sich seine Nachfolger schnell von ihm, ja seihst eine Wiederholung des äusserlichen Gebarens seines Stils findet man nach seinem Tode trotz der Fülle der Produktion — kaum, im Gegensatz zu der erschreckenden Nachahmung Michelangelos, in all den verschraubten Marmorfiguren, die seit dem Cinquecento Italiens Kirchen bevölkern.

Schon zu Giovannis Lebzeiten macht sich ein ganz anderer Geist bemerkbar, eine Auffassung, die ihren grossen Meister in Giotto hat. Soviel dieser Maler dem grossen Plastiker verdankt — die Grundrichtung seines künstlerischen Empfindens ist völlig verschieden: er ist Freskomaler, und aus seiner Aufgabe, der farbigen Dekoration grosser Wandflächen, der eindringlichen Erzählung heiliger Geschichten, bildet sich sein Stil; als Ganzes dem Stil jenes Marmorkünstlers völlig entgegengesetzt. Nun ist es wiederum überraschend, wie sich die Plastik diesem Freskostil anempfindet; überraschend wenigstens für uns, die wir an Plastik und Malerei mit ganz verschiedenen Begriffen und Wünschen herantreten — die Florentiner haben den Unterschied bis ins Cinquecento hinein weniger scharf empfunden, Malerei und Plastik standen in Wechselwirkung.

Andrea Pisano Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst