Geboren 1560 zu Bologna, Gestorben 1609 in Rom.
Bologneser Schule

Carracci — man spricht mit Verachtung von ihnen, nicht allein, weil ihr Eklektizismus unserem, mehr realistischen Empfinden fern steht, sondern auch weil wir sie nicht gut kennen. Denn ihre Meisterwerke sind vergraben; sie befinden sich auf den Schlössern des englischen Adels, der einst in höchster Begeisterung für jene gestrengen Akademiker schwärmte, wie heute für die Praeraffaeliten. In Bologna, der Stadt der Gelehrten, hatte um 1585 Ludovico Carracci zusammen mit seinen Vettern Agostino und Annibale Carracci die „Accademia degli Incamminati“ gegründet. Das unruhige, flatterhaft gewordene Getriebe der Kunst sollte wieder in festere Bahnen gelenkt werden, und zwar zunächst technisch auf Grund sorgfältigen Studiums der Natur sowohl wie alter Meisterwerke. Als erstes Vorbild galt ihnen Correggio, den aus der Vergessenheit zum Licht, zur bewundernden Erkenntnis der Welt erhoben zu haben ihr höchstes Verdienst ist. Sein Einfluss macht sich denn auch überall geltend, nicht nur in der Maltechnik und der Vorliebe für starke Lichteffekte, sondern selbst in der Komposition. So lehnt sich Annibale, der als Maler bedeutendste, auf dem schönsten Bild der Schule, der unter dem Namen „die drei Marien“ weltberühmten Beweinung bei Earl Carlisle auf Castle Howard offenbar an die ähnliche Darstellung Correggio’s in Parma an. Aber während dieser in genialster Weise und voller Leidenschaft das Ganze als rein malerischen Vorwurf erfasst, wo das Licht allein herrscht und Einheit schafft, sucht der strengere Nachfolger auch in die formale Gruppierung der Figuren Ordnung zu bringen. Es gelingt ihm in glänzendster Weise. Die Landschaft und das Genrehafte jener wie im Blitzlicht aus düsterer Nacht gefesselten Darstellung Correggio’s gibt er auf, dem tiefen Ernst der Empfindung zuliebe. Die Figuren heben sich in plastischer Festigkeit als eine eng geschlossene Gruppe von dem dunklen Grund. Was nicht die prächtige, den Aufbau nach oben abschliessende Bogenlinie zusammenhält, das packt das Licht. Nur im Mittelpunkt der Komposition, auf dem Körper des Toten ruht es in voller Klarheit, von wo überspringend es auf den Gesichtem, den Händen der Trauernden spielt. Der grosse, tragische Moment ist monumental und in prächtiger Schönheit erfasst. Wachsende Erregung, allmählich gesteigert von den hingesunkenen Köpfen des Toten und der ohnmächtigen Mutter zu dem erschreckten Aufblick im Profil der knieenden links, dann die herbeieilende alte Frau, zu schneller Hilfeleistung die Arme vorstreckend, um als höchster Superlativ der Leidenschaft in dem wild verzweifelnden Klagen der Jugend um den Angebeteten, für die Verlorenen zu ver-schäumen. Gewiss wird man den Eindruck der Konstruktion, der nicht in reiner, innerer Erregung erfassten Conception kaum los werden. Man mag besonders bei dem doppelten Klagen die Einheitlichkeit des seelischen Momentes vermissen — Correggio trennt feiner die um den Toten klagende Maria Magdalena von der Gruppe der um die Mutter erregten Frauen: — die hohe Macht der Schönheit herrscht trotzdem allgewaltig. Es ist jenes ruhevoll Pathetische, welches über uns kommt dann, wenn glühende Leidenschaftlichkeit gebändigt wird von der ordnenden Kraft des menschlichen Geistes, wenn die Erkenntnis der Wahrheit nicht zur Vergewaltigung der feinsten Gefühle unseres inneren Organismus hinreissen lässt, sondern Empfinden und Verstehen sich einigen. Das Kunstwerk wird so ein Organismus, der alle Bedingungen und Rechte zum Sein klar in sich trägt, als ein uns verwandtes Wesen.

Annibale Carracci