(1684—1721)

ES gab Zeiten, wo Gemälde von Watteau nicht viel höher im Werte standen als heute vielleicht die Werke eines Guido Reni. Seit einigen Jahrzehnten ist dem Künstler wieder erhöhte Huldigung dargebracht worden, und ein Hauptwerk des Meisters würde es heute auf einer Auktion zu einer Kaufsumme bringen, die nicht weit hinter der für einen Raffael oder Rembrandt zurückstände.

Man ist leicht geneigt, die Erklärung hierfür in dem „mondainen“ Charakter seiner Bilder zu suchen, die bei der grossen Kunstfertigkeit des Urhebers sie dem verfeinerten Auge des vornehmen, nicht allzu tief veranlagten Durchschnitts-Publikums willkommen erscheinen lassen. Man könnte als gewichtiges Argument für diese Auffassung darauf hinweisen, dass auch die faden, wenn auch geschickten Nachahmer Watteaus, Pater und Lancret, eine in den Bilderpreisen sich deutlich kundgebende Steigerung in der Gunst des Publikums erfahren haben. Man könnte vieles noch anführen, die Argumente liegen auf der Strasse.

Es ist nicht so leicht für den ernsten Beurteiler, Watteau in Deutschland gegenüber einer wohlfeilen Kritik zu seinem Rechte zu verhelfen. Eine Art von passivem Widerstande ist ferner zu überwinden. Es wagen wohl heute viele nicht mehr, die Werke des Meisters als leichte Ware mit einem vornehmen Achselzucken, der eigenen klassischen tiefen Bildung bewusst, einfach abzuthun. An die Stelle der offenen Opposition ist dann eine bedingungsweise Anerkennung getreten, die für den unbedingten Bewunderer des künstlerischen Genies fast noch verletzender als jene wirkt. Man erkennt wohl die hohe Begabung Watteaus an und man setzt bedauernd hinzu, dass der Einfluss einer leichten Zeit es nicht dazu kommen liess, dass er es zu Werken von tieferem, ernster zu nehmendem Charakter brachte. Es ist das Vorurteil, mit dem jeder zu kämpfen hat, der sich mit dem Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts beschäftigt. Steht doch unsere ganze Auffassung unter dem Banne einer historischen Schilderung, die immer nach dem Ende dieses Jahrhunderts hinschielt und bei der alle Erscheinungen nur unter dem Gesichtswinkel betrachtet werden, inwieweit sie die vorbereitenden Akte für die grosse Katastrophe der französischen Revolution sind.

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ANTOINE WATTEAU 1684-1721 Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Geboren zu Valenciennes 1684, Gestorben in Nogent 1721.
Französische Schule

Eine Féte Champétre, ein ländliches Fest im Freien, wir können es uns schon nicht mehr vorstellen, jetzt wo überall Gesetz oder öffentliche Meinung ordnet und jede Ausgelassenheit auf ein gutes Gleichmass schraubt. Aber diese schöne Welt war nur das Treiben einer sich in Genüssen berauschenden Aristokratie, der durch die Alleingcwalt des Königs der kräftige Lebensfaktor entzogen war. Keine Macht hatte sie mehr und keine Ziele, sondern sie war in allem abhängig von den Launen des Königs und seiner Maitressen. Man gefiel sich an schönen Sommertagen, draussen im Freien heitere Freudenfeste zu feiern. Prinzessinnen Louise von Orleans —, Theaterschönheiten La Montagne —, Marquise de Parabire und andere inszenierten solche Fetes galantes. Sie fanden in Watteau nicht nur den geschickten Regisseur, der mit Entwerfen von Kostümen dazu half, solche Paradiese auf kurze Augenblicke zur Wirklichkeit zu machen, sondern auch den Dichter, den Künstler, welcher diese Freuden für die Ewigkeit, zu immer heiterem Erglänzen, zu bannen vermochte. Er hat, wie kaum einer mit gleicher Grazie, den flimmernden Sonnenstrahl festgehalten, wie er hinhuscht über den grünen Rasen, die flimmernden Seidengewänder und die zarten Gesichter dieser Weltdamen. Er konzentriert das Licht nach einem Punkt, zumeist nach der Mitte des Bildes, wie in unserer Féte Vénitienne auf das Kleid der tanzenden Dame, und lässt es von da aus nach den Seiten in die Tiefen allmählich verdämmern. Doch bevor es enteilt, wird es hie und da aufgefangen, angehalten an dem rosafeinen Kamat der Damen, den bunten Hüten und Strumpfbändern der Herren oder an den glitzernden Tropfen überflutenden Wassers, um hinweg über helle Brunnenfiguren, Vasen oder andere derartige damals übliche Parkdekorationen zu entschlüpfen. Aber auch die Farben haben neben dem Licht etwas zu sagen. Sie sind immer hell und heiter bunt: Zinnober, Karmin, Gelb und Hellblau in entzückenden Spielen. Starke Lokal -tönc gibt cs ebensowenig wie schwarze Schatten. Denn der Maler schattiert nur in Farbe, setzt freilich die spitzen Lichter gern mit Weiss auf. Da alles nur da ist, um ein heiteres Gesamtspiel, eine feine Licht- und Raumwirkung zu erzeugen, vermeidet er jedoch allzu starke Farbeneffekte. Noch ein Wort vom Künstler. Man glaubt, er wäre ein lustiger Gesell gewesen, der all diese Freuden voll ausgekostet hätte, und doch war er ein mürrischer, kranker Mann, der, selbst unbeteiligt, diese Kristalle nur von ferne wie erhellt von einem Strahl aus dem Himmelreich hat funkeln sehen. Er kam aus dem französischen Flandern, aus der Heimat der Breughel, Teniers u. a., und hat deren Bauc-ngeschichtcn in das feine Pariser Französisch übersetzt. Das bunte Kriegsvolk, welches oft durch die Strassen von Valenciennes zog, und besonders die italienischen Komödianten haben ihn zuerst zu solchen Genreszenen animiert. Das weitere ergab das Treiben der vornehmen Welt in Paris. Seine Bilder hat er immer mit leichter Hand schnell auf die Leinwand geworfen. Aber die grosse Anzahl von Studien, die er nach der Natur gemacht, zeigt, dass auch diese Geschicklichkeit ausgeprobt, dass jede Göttergabe erkämpft sein will.

ANTOINE WATTEAU 1684-1721

 

 

Gesellige Unterhaltung im Freien


Watteaus Name bedeutet ein Zeitalter. Für die Entwicklung der Kunst liegt in seinen Bildern eine ganze Richtung beschlossen; das Rokoko, – und dazu ist er als Maler dieser kleinen Bilder der vollkommenste Künstler des ganzen achtzehnten Jahrhunderts gewesen. Die Herrschaft des französischen Geschmacks über Europa, die die Maler Ludwigs XIV. vorbereitet hatten, war nun entschieden. Diese leichte Grazie der Bewegungen im Schimmer der aus weichem Duft aufsteigenden Farben war unwiderstehlich. In seinen Bildern richtete sich der aus dem einstmals niederländischen Valenciennes stammende Watteau hauptsächlich nach Teniers und Rubens. Das Entscheidende war aber doch, daß dieser kränkliche kleine Dekorationsmaler, der schon mit sechsunddreißig Jahren starb, einen so wunderbar fein entwickelten Sinn nach Paris mitbrachte für das, was die französische Gesellschaft damals wollte, daß er sich verstand auf ihre Kleider und Möbel und auf alle ihre Lebenswünsche einging, und daß er nun ihre galanten Feste malen konnte, die Konzerte, Tänze, Hochzeiten und Theateraufführungen, das ganze Schäferleben in Seide und Spitzen, alles im Freien und eins immer noch schöner als das andre. Watteaus Blüte tritt mit dem Beginn seines zweiten Pariser Aufenthalts ein, um 1711, noch in den Tagen Ludwigs XIV. Sie ist kurz. Seine Nachfolger Lancret und vollends Pater — beide kann man ebenfalls in der Dresdner Galerie kennen lernen — haben schon nicht mehr seine Frische, seinen Geist und die Feinheit seiner Zeichnung. Bilder von Watteau sind außerhalb Frankreichs selten; nur der deutsche Kaiser besitzt eine beträchtliche Zahl aus der ehemaligen Sammlung Friedrichs des Großen. In der Dresdner Galerie befanden sich schon vor 1753 zwei feine Gegenstücke mäßigen Umfangs, deren Farben nur etwas abgeblaßt sind. Das hier mitgeteilte ist ausgezeichnet durch die gefällige und leichte Komposition, eine Verbindung der Figuren mit der Landschaft, darin es Watteau mit den größten Malern aller Zeiten aufnimmt. Vorn die langgestreckte Hauptgruppe. Von ihr abgesondert der jene Gartenfigur betrachtende Kavalier. Weiter oben die im Mittelpunkt gelagerte Gesellschaft, aus der sich ein Paar waldeinwärts entfernt. Ganz hinten eine Meierei mit einer Wassermühle. Unter diesen Bäumen leben, in dieser sonnigen Luft atmen, und in solchen Kleidern, ist das nicht noch schöner als die Wirklichkeit? Dieser geistvolle Zeichner hatte nicht bloß die Gabe, neue Moden zu erfinden, sondern auch noch etwas von der Phantasie eines Dichters, die vergolden kann und die nicht für ihre Zeit allein schafft!

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ANTOINE WATTEAU 1684-1721 Dresdner Galerie