Männliches Bildnis


Auf den ersten Bück hat dies Bildnis etwas Eckiges und Steifes, was vielleicht ganz an der dargestellten Person liegen mag, in unserer Vorstellung aber unwillkürlich auf den Künstler weiterwirkt und ihm als Mangel angerechnet wird, als Abstand von der vollen Höhe der Porträtkunst. Bei näherer Betrachtung nehmen wir wahr, dass das sammetbesetzte Atlasgewand mit den rot unterlegten Ärmelschlitzen nicht bloss mit äusserster Sorgfalt, sondern geradezu wundervoll gemalt, dass die rechte Hand sehr schön ist, und dass Bart und Haar nicht bloss den Fleiss des Miniaturisten, sondern auch noch eine bis ins kleinste gehende Naturwahrheit zeigen, und nun gewinnt auch der ernste und gesunde Kopf, dessen bräunliche Fleischfarbe sich gegen den schmalen weissen Rand der Halskrause kräftig absetzt, unsere Teilnahme, und wir werden es wohl glauben, dass Antonis Mor aus Utrecht, der jedoch zuletzt in Antwerpen lebte, der erste Porträtmaler seiner Zeit, das heisst des Menschenalters nach 1550, gewesen ist, und zwar nicht bloss für die Niederlande, sondern für den Norden überhaupt. Dürer und Holbein waren tot, in Italien lebte noch Tizian, mit dem man ihn sogar verglichen hat, in Deutschland Lukas Cranach der jüngere, über den wir hier kein Wort zu verlieren brauchen. Die grossen Porträtisten der Zukunft, Frans Hals und Rembrandt, waren, als Mor starb, noch nicht geboren. So wurde er denn der Hofmaler Karls V., der ihn auch nach Lissabon und London schickte; ins Madrid und England finden sich noch die meisten Werke von ihm. Er war auch in Italien gewesen, hatte 1550 in Rom studiert, wie dreissig Jahre früher sein Lehrer Jan van Scorel (f 1562), der seit dieser Zeit in seinen religiösen Historien und Einzelfiguren sich möglichst italienisch auszudrücken bemühte, während in seinen Porträts auch später noch die heimische Art durchschlägt. Ein Unterschied in den Gattungen, der sich auch sonst bei den Niederländern findet, z. B. bei Frans de Vriendt (Floris) aus Antwerpen, der ungefähr ein Altersgenosse von Mor ist. Er selbst war wesentlich Bildnismaler und gewann durch seinen italienischen Aufenthalt wohl an Höhe der Auffassung, ohne doch in Manier Zu fallen; seine Porträts sind echt im Charakter, streng und ernst. So waren diese meist nordischen Menschen, gemessen und zurückhaltend nach dem Schicklichkeitsgefühl ihrer Zeit, und das spanische Zeremoniell, das damals in Europa galt, verlangte den Ernst sogar noch kälter, etwas in das Finstere und Gefühllose abgestimmt. So steht z. B. der Herzog Alba von ihm im Brüsseler Museum vor uns. Tizian hatte gewöhnlich andere Menschen zu malen und war der grosse Maler schlechthin und der geborene Kolorist. Mors Gesichtskreis ist enger, sein Feld beschränkt, und als Übergangsmeister wird er in den Schatten gestellt von Vorgängern und Nachfolgern. Auch darin erscheint er einseitig, dass er keine Gruppenbilder malt, wie bald nach ihm der Delfter Miereveit, Ravesteyn aus dem Haag und Cornelis de Vos aus Antwerpen, aber in seiner Beschränkung auf das Einzelporträt hat er als selbständiger Meister den Aufgaben seiner Zeit genügt, und unter diesen historischen Voraussetzungen werden wir sein Kasseler Bildnis sogar individuell und interessant finden. Es ist bezeichnet und datiert (1559), aber wir wissen nicht, wen es darstellt; eine lateinische Inschrift auf dem Rahmen, die den Namen Johann Gallus angibt, ist wahrscheinlich gefälscht. Dazu gehört als Gegenstück ein weibliches Bildnis von angenehmem Gesichtsausdruck, mit einem Bologneser Hündchen auf dem rechten Arm.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ANTONIO MORO

Maler: ANTONIS MOR (auch ANTONIO MORO)


Dies durch Malerei wie geistigen Ausdruck gleich ausgezeichnete und ungewöhnlich fesselnde Bildnis des großen Stammvaters der oranischen Dynastie gelangte zu seinem jetzigen hohen Ansehen erst durch die glückliche Reinigung, die es 1833 durch Professor Hauser jun. erfuhr. Vorher war es wenig beachtet, schon wegen des trüben, erstorbenen Firnisses, der es bedeckte, und weil man den Dargestellten nicht kannte. Nach Beseitigung des Firnisses kam aber eine übermalte Inschrift zutage, die den Dargestellten als „Wilhelm Prinz von Oranien“ auswies, während er vorher nur allgemein als „Porträt eines Prinzen von Oranien“ angegeben und dem Frans Pourbus zugeschrieben war. In der Folge war es Frans Floris und zuletzt Adriaen Key benannt worden, beides unhaltbar, denn es trägt offenkundig den Stempel des Antonis Mor. Das von jeher demselben Meister zugeschriebene Bildnis des Herzogs von Alba im Museum zu Brüssel sieht genau wii ein Gegenstück zu dem jungen Oranier hier aus. „Wilhelmus von Nassaue“, genannt „Taciturnus“, mag kaum 26—28 Jahre alt gewesen sein, als er Moro zu diesem Bilde saß, aber er sieht schon so in sich gefestigt, fertig und selbstbewußt aus, daß man ihn für älter halten möchte. Es ist das einzige Jugendbildnis, überhaupt die beste Wiedergabe seiner körperlichen Erscheinung, die nach dem Leben gemalt existiert. Alle anderen Porträts stellen ihn alt und müde dar. Auch sind die wenigsten davon nach dem Leben gemalt. Hier aber steht er vor uns, eine künstlerische Offenbarung von frappanter Schärfe, von Moro mit intuitivem Blick in das Innerste des Dargestellten erfaßt. So hat das geistvolle, durchdringende Auge des beredten Schweigers geblickt, so waren die fein geschnittenen Lippen geschlossen, so wölbte sich seine edle, gedankenvolle Stirn mit dem kräftigen, energisch aufwärts strebenden Haar. Dies Bildnis hat etwas geradezu Faszinierendes an sich, es gibt diesen seltenen Menschen, der der Geschichte Hollands seine Signatur auf geprägt hat, fraglos wieder, wie er leibte und lebte. Wer es einmal gesehen, kommt nicht wieder davon los. So hat es auch unseren Kaiser, dessen Blut mit dem oranischen vermischt ist, ergriffen, er betrachtet es sich jedesmal, wenn er die Kasseler Galerie besucht, mit besonderem Ernst, hat es auch schon zweimal kopieren lassen. Und ein maßgebender Gemäldekenner, Direktor einer berühmten holländischen Galerie, wollte diesen größten Fürsten der Niederlande für sein Vaterland gewinnen, indem er sich erbot, dies sein Bildnis — zwar nicht mit Gold, aber mit Bildern von Rembrandt aufwiegen zu wollen, was doch gewiß der höchste Schwur im Munde eines Holländers ist.

Aus dem Buch „Album der Casseler Galerie“ von 1907.

ANTONIO MORO Wilhelm I. von Oranien-Nassau