Bildnis des Pieter Snayers
Holz, 28×21 cm

Die besten Bildnisse van Dycks sind im ganzen diejenigen, in welchen der Meister nicht der charaktervollen Naturwahrheit durch das Bestreben Eintrag tat, die Erscheinung der Dargestellten ins Vornehme und Elegante zu steigern. Dies Bestreben war freilich von vornherein in seinem Wesen begründet, aber es lug uueh besonders nahe, wenn es sich um Bildnisse aus Aristokraten- und Hofkreisen handelte. Je mehr indes diese schmeichelnde Art die Modelle befriedigte, desto mehr gewöhnte er sich daran, auch im bürgerlichen Bildnis, wie an den Künstlerportäts eines Hendrik Liberti und Karel Malery oder an dem Kaufmannspaar Leerse derselben Tendenz zu huldigen, und zwar nicht bloß wie bekannt in den typisch koketten Händen mit den zierlichen und weichlichen Fingern, sondern in der Haltung und dem Ausdruck der Köpfe. Wir ziehen deshalb, um nur Werke der Pinakothek zu nennen, die Familienbildnisse eines Jan de Wael und eines Colyn de Nole vor, in welchen der Meister den ihm befreundeten Genossen gegenüber bei voller und unverkünstelter Naturwahrheit blieb. Zu diesen ungezwungenen und durchaus erfreulichen Werken gehört auch das Bildchen seines Landsmannes, des Schlachtenmalers Pieter Snayers. Geboren 1592 war dieser als Schüler des Sebastian Vranex 1613 Frei meister der Antwerpener Malergilde geworden. Obwohl er, nachdem er Brüsseler Hofmaler geworden, 1628 dahin übersiedelte, war er doch zu Familien- und Freundesbesuchen bis an seinen Tod 1667 oft in seine Heimatstadt zurückgekehrt, so daß keineswegs feststeht, das Bild von van Dyck könne nur zwischen 1626 bis 1628 gemalt sein, wie auch ein gemeinschaftlich von Snayers und van Dyck hergestelltes, vom letzteren unvollendet gebliebenes Werk der alten Pinakothek, Nr. 832, die Schlacht bei Martin d‘ Eglise darstellend, späteren Ursprunges zu sein scheint. Das brillant gemalte Bildnis, bei dem es auch nicht ausgeschlossen erscheint, daß van Dyck es unter dem Bann eines Halsschcn Werkes ausgeführt, läßt auf einen etwa vierzigjährigen Mann schließen. Das Bild stammt aus der Mannheimer Galerie.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641

(1599—1641)
Leinwand, 135×115 cm

Dir religiöse Malerei van Dycks war in der Zeit vor seinem italienischen Aufenthalt im allgemeinen von beschrankter Bedeutung. Rubens selbst drängte ihn, gewiß durchaus wohlmeinend und ohne jede eifersüchtige Regung aufs Bildnis, obwohl er ihn weitgehend „als seinen besten Schüler“ an seinen eigenen religiösen Bildern beschäftigte. So eng er sich aber damals notwendig an die Art seines Meisters anschloß, so trieb er doch dieselbe einerseits vom Kraftvollen ins Derbe, anderseits aber auch in eine gewisse durch den formal pathetischen Akzent statt des Dramatischen des Rubens nicht wesentlich belebte kalte Leere. Dies änderte sich in Italien gewaltig, indem er sich weit mehr, als dies die ungleich selbständigere Natur eines Rubens ermöglichte, den italienischen und namentlich tizianischen Einflüssen hingab. Seine Darstellung wurde dabei weich und lyrisch, wobei er gewiß auch gelegentlich sogar Rubensschen Werken den Vorrang ablief. Besonders die Madonnendarstellungcn „lagen ihm“ mehr, die Empfindung der Mutter Gottes mit dem Kinde wie der schmerzhaften Maria in den Beweinungsbildem ist ansprechender als die übergesunde Fülle in Rubensschen Mariendarstellungen. Aber bei aller Formen- und Farbenschönheit wird man namentlich an der Beweinung Christi in der Pinakothek den Eindruck eines gewissen theatralischen Gebärdenaffektes nicht los, welcher, zwar minder empfindlich als an den Sebastiansbildern, die Wahrheit und Tiefe beeinträchtigt. Am meisten tritt dies zutage in den beiden schönen heiligen Familien der Pinakothek, von welchen die Maria mit dem Kind und dem Knaben Johannes freilich sehr nahen Anschluß an die Venezianer zeigt, wahrend die Ruhe auf der Flucht, welche unsere Tafel gibt, von höchstem intimen Reiz ist. Die Schönheit des an der Brust der Mutter schlafend hingegossenen Kindes, wie der mütterlich süße Ausdruck Mariens sind bezaubernd und würden bei Rubens schwerlich eine Parallele finden. Auch im koloristischen Vortrag entfernt sich der Künstler entschieden von seinem Meister, dem eine ähnliche Weichheit widerstrebt haben würde. Das Bild stammt aus der kurbayrischen Galerie.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641

 

 

Die Kinder Karls I.


Unter den großen Bildnismalern der Vergangenheit stehen die zwei Romanen Tizian und Velazquez zwei reinen Germanen gegenüber, Frans Hals und Rembrandt diese haben das bürgerliche Holland gemalt, jene die vornehmere Welt Südeuropas bis hinauf zu den Fürsten und Königen. Der Antwerpener van Dyck ist als Künstler genommen ein halber Romane, ein Nachfolger von Tizian und Paolo Veronese. Er malt ebenfalls hauptsächlich Menschen der hohem Gesellschaftsklasse, genuesische Nobili und englische Aristokraten, und die Erscheinung der Niedriggeborenen weiß er angemessen zu steigern. Bei Tizian wäre es schwer zu sagen, welchem Geschlecht seine Kunst die vollkommenem Leistungen abgewonnen hat die stolze und kühle Art des Velazquez kommt am meisten in seinen Männerbildnissen zur Geltung van Dyck ist seinem Wesen nach zu allererst ein Maler der Frauen, auch seine Männer sind meistens in das Weiche und Weibliche verfeinert, wobei nicht selten schon ihr natürlicher Charakter seiner Auffassung ein gutes Stück entgegengekommen ist. Seine Bildnisse sind nach ihrem geistigen Gehalt und in der Art ihrer Ausführung sehr verschieden. Ihre Menge würde bei seiner nur vierzigjährigen Lebensdauer ohne die Mitarbeit zahlreicher Schüler und Gehilfen nicht zu begreifen sein, und namentlich während seiner letzten Periode in England macht sich das Fabrikmäßige in seiner Produktion stark geltend. Das unterscheidet ihn von Tizian und Velazquez, die sich bis zuletzt auf ihrer Höhe gehalten haben. Von den Gruppenbildern der Kinder des Königs Karl I. kann nur eines als eigenhändig gelten, das schönste und früheste, im Museum zu Turin: der älteste Prinz, der spätere Karl II., steht neben einem großen Hühnerhunde, er trägt noch Mädchentracht und ist etwa fünfjährig, das Bild ist also 1635 gemalt, und diese Jahrzahl findet sich auf einer Wiederholung. Auf unserm Dresdner Bilde, ebenfalls mit drei Kindern, hat der Prinz Beinkleider an, seine Geschwister sind etwas größer geworden, und alle drei sind von zwei Wachtelhunden (King Charles) flankiert. Die Kleider sind farbiger, und auch sonst hat das Bild mehr Lokalfarbe als jenes und im ganzen einen warmen Ton. Wiederholungen finden sich im Louvre (mit nur einem Hunde links), in Windsor und in Grove Park, diese mit der Jahrzahl 1635, aber die Darstellung muß um 1636 entstanden sein. Eine dritte, völlig neue Komposition, mit noch zwei jüngeren Kindern, haben wir auf zwei 1637 datierten Bildern in Berlin und in Windsor. Alle sind bessere Werkstattarbeiten, wie ein Vergleich mit eigenhändigen Porträts von van Dyck zweifellos dartut.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641 Dresdner Galerie

 

 

Sebastian Leerse mit Frau und Kind


Die Kasseler Galerie ist reich an besonders hervorragenden Bildnissen van Dycks, sowohl der italienischen als der Antwerpener Zeit. Das anmutigste darunter ist ohne Frage das des Sebastian Leerse mit Frau und Kind. Er war 1631 Almosenier von Antwerpen, gemalt wurde das Bild aber vermutlich schon zwischen 1628 und 1630. In dieser Zeit hatte sich van Dyck wieder gern und mit großem Erfolg dem bürgerlichen Milieu seiner flämischen Landsleute anbequemt, nachdem er zuvor in Genua einen sehr glücklichen Anlauf zum Maler der vornehmen Gesellschaft genommen hatte, wozu sein persönlicher Geschmack offenbar besonders inklinierte. Später, als er in England für den Hof und die Aristokratie arbeitet, ist die Porträtkunst van Dycks mehr oder weniger eine durch die Hofluft bedingte vornehmgebundene, repräsentafiv-posierende geworden, was aber bekanntlich nicht ausschloß, daß er auch in dieser Sphäre Leistungen höchster Qualität zeitigte. Die Leerse’sehe Familiengruppe, unvergleichlich in der Geschlossenheit malerischer Erscheinung, stammt aus des Malers bester flämischer Zeit. Die Ehegatten und ihr junger Stammhalter bilden einen Dreiklang in Farbe und Ausdruck, wie man ihn wohltuender sich nicht denken kann. Die Mienen der Dargestellten sind gesättigt von Daseinsbefriedigung und das Auge des Betrachters ruht mit freudiger Genugtuung auf diesem wundervollen Bilde innerer und äußerer Harmonie. Das reichliche Schwarz der damaligen Tracht hindert van Dyck nicht, eine Wärme des Tones zu erreichen, wie sie in einer Skala farbiger Lokaltöne kaum denkbar ist, wobei freilich das feine, vornehme Inkarnat der Köpfe, das tiefe» satte Grün des Knabengewandes und der bräunlich goldene landschaftliche Hintergrund dem malerisch nuancierten, durchleuchteten Schwarz die erwünschte Ergänzung und Belebung geben. Eine alte gute Kopie unseres Bildes in Frankfurt a. M. galt längere Zeit dort als Original, oder wenigstens als gleichwertige Wiederholung des hiesigen Werkes. Sie gelangte durch Schenkung aus der Familie Mannskopf in den Besitz des Städelschen Kunstinstituts, wo sie jetzt ihre richtige Einschätzung als Kopie erhalten hat. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sagte einmal Lenbach angesichts dieses van Dyck zum Vorstand der Kasseler Galerie; „Wir Heutigen sind nicht wert, den Alten die Schuhriemen zu lösen!“ Wenn ein Mann von dem berechtigten Selbstbewußtsein eines Lenbach solches sagte» muß wohl etwas Wahres daran sein.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641 Kasseler Galerie