VAN DYCK nimmt in der Geschichte der Malerei einen viel höheren Rang ein, als man gewöhnlich annimmt; Jahrhunderte haben in keiner Weise die Bedeutung der Werke verringert, die einst seinen Ruhm begründet haben. Als der Spiegel einer exklusiven Gesellschaft bieten seine Porträts, mögen sie auch zum grossen Teil ihren Reiz der Phantasie des Künstlers verdanken, nichtsdestoweniger ein Gesamtbild von eigenem Zauber und Wert für die Zeit, in der er lebte, und für das Milieu, in dem sich seine kurze und glänzende Laufbahn abspielte. War doch van Dyck vor allem Porträtmaler und man kann sagen, dass seine Kunst einen Höhepunkt der Bildnismalerei bedeutet. Die Menschen, die sein Pinsel wiedergegeben hat, erscheinen vielleicht anders, wie sie andere Augen schärfer und naturgetreuer gesehen haben — aber ein Ersatz für uns ist es, dass wir die Ueberzeugung gewinnen, sie ständen so uns vor Augen, wie sie selbst zu erscheinen wünschten. Bei dem blossen Namen „van Dyck“ sieht jeder vor seinem geistigen Auge Gemälde von heroischem Pathos und andere von anmutigem Liebreiz auftauchen, die sich seinem Gedächtnis mit unauslöschlicher Lebhaftigkeit eingeprägt haben.

Van Dyck interpretiert; seine künstlerischen Vorstellungen sind zum grossen Teil auf das Ideale gerichtet, und äussere Umstände veranlassen ihn in höherem Masse, als man glaubt, ein System zu befolgen, das viel galt in der Schule des Rubens — und Rubens war ja sicherlich van Dyck’s Inspirator, wenn nicht geradezu sein Lehrer. Aber wenn man auch die Richtung bei Seite lässt, die van Dyck’s Kunst genommen, auch ohne Rubens würde er zu den Künstlern ersten Ranges zählen. Ja, ein Autor des XVIII. Jahrhunderts, der bekannte Marquis d’Argens, nennt ihn in seiner „Reflexions critiques sur les differentes ecoles de peinture“ den ersten aller Künstler.

Sein Talent offenbart sich in hervorragenden Werken, noch bevor er bei Rubens gearbeitet hat, als er mit 18 Jahren das Atelier Hendrick van Balens verlassen hat. Zwei Porträts der Dresdener Galerie (1022 und 1023) stammen aus dem Jahre seiner Aufnahme als Meister in die Antwerpener Lukasgilde (1618). Ein Männerbildnis im Brüsseler Museum ist von 1619 datiert. Dieses Bild und andere Schöpfungen aus derselben Zeit galten und gelten noch als Werke des Rubens: das genügt, um ihren hohen Wert zu beweisen. Wann das gemeinsame Arbeiten der beiden Künstler begann, ist schwer zu bestimmen. Im Jahre 1620 schreibt ein Agent des Grafen Thomas Arundel diesem, dass der Ruf van Dycks kaum dem des Rubens nachstehe. Es handelte sich damals darum, den jungen Künstler zu veranlassen, in den Dienst des Königs von England zu treten, was auch erreicht wurde. Der Aufenthalt van Dycks in London war dieses erste Mal nur von kurzer Dauer. Wir müssen uns in Ermangelung von Werken dieses ersten englischen Aufenthalts mit der interessanten Thatsache begnügen, dass der Meister gleich zu Anfang seiner künstlerischen Laufbahn Beziehungen mit einem Lande anknüpfte, welches dann späterhin in hohem Masse seinem Talent Relief verleihen sollte.

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ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641 Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Bildnis des Pieter Snayers
Holz, 28×21 cm

Die besten Bildnisse van Dycks sind im ganzen diejenigen, in welchen der Meister nicht der charaktervollen Naturwahrheit durch das Bestreben Eintrag tat, die Erscheinung der Dargestellten ins Vornehme und Elegante zu steigern. Dies Bestreben war freilich von vornherein in seinem Wesen begründet, aber es lug uueh besonders nahe, wenn es sich um Bildnisse aus Aristokraten- und Hofkreisen handelte. Je mehr indes diese schmeichelnde Art die Modelle befriedigte, desto mehr gewöhnte er sich daran, auch im bürgerlichen Bildnis, wie an den Künstlerportäts eines Hendrik Liberti und Karel Malery oder an dem Kaufmannspaar Leerse derselben Tendenz zu huldigen, und zwar nicht bloß wie bekannt in den typisch koketten Händen mit den zierlichen und weichlichen Fingern, sondern in der Haltung und dem Ausdruck der Köpfe. Wir ziehen deshalb, um nur Werke der Pinakothek zu nennen, die Familienbildnisse eines Jan de Wael und eines Colyn de Nole vor, in welchen der Meister den ihm befreundeten Genossen gegenüber bei voller und unverkünstelter Naturwahrheit blieb. Zu diesen ungezwungenen und durchaus erfreulichen Werken gehört auch das Bildchen seines Landsmannes, des Schlachtenmalers Pieter Snayers. Geboren 1592 war dieser als Schüler des Sebastian Vranex 1613 Frei meister der Antwerpener Malergilde geworden. Obwohl er, nachdem er Brüsseler Hofmaler geworden, 1628 dahin übersiedelte, war er doch zu Familien- und Freundesbesuchen bis an seinen Tod 1667 oft in seine Heimatstadt zurückgekehrt, so daß keineswegs feststeht, das Bild von van Dyck könne nur zwischen 1626 bis 1628 gemalt sein, wie auch ein gemeinschaftlich von Snayers und van Dyck hergestelltes, vom letzteren unvollendet gebliebenes Werk der alten Pinakothek, Nr. 832, die Schlacht bei Martin d‘ Eglise darstellend, späteren Ursprunges zu sein scheint. Das brillant gemalte Bildnis, bei dem es auch nicht ausgeschlossen erscheint, daß van Dyck es unter dem Bann eines Halsschcn Werkes ausgeführt, läßt auf einen etwa vierzigjährigen Mann schließen. Das Bild stammt aus der Mannheimer Galerie.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641

(1599—1641)
Leinwand, 135×115 cm

Dir religiöse Malerei van Dycks war in der Zeit vor seinem italienischen Aufenthalt im allgemeinen von beschrankter Bedeutung. Rubens selbst drängte ihn, gewiß durchaus wohlmeinend und ohne jede eifersüchtige Regung aufs Bildnis, obwohl er ihn weitgehend „als seinen besten Schüler“ an seinen eigenen religiösen Bildern beschäftigte. So eng er sich aber damals notwendig an die Art seines Meisters anschloß, so trieb er doch dieselbe einerseits vom Kraftvollen ins Derbe, anderseits aber auch in eine gewisse durch den formal pathetischen Akzent statt des Dramatischen des Rubens nicht wesentlich belebte kalte Leere. Dies änderte sich in Italien gewaltig, indem er sich weit mehr, als dies die ungleich selbständigere Natur eines Rubens ermöglichte, den italienischen und namentlich tizianischen Einflüssen hingab. Seine Darstellung wurde dabei weich und lyrisch, wobei er gewiß auch gelegentlich sogar Rubensschen Werken den Vorrang ablief. Besonders die Madonnendarstellungcn „lagen ihm“ mehr, die Empfindung der Mutter Gottes mit dem Kinde wie der schmerzhaften Maria in den Beweinungsbildem ist ansprechender als die übergesunde Fülle in Rubensschen Mariendarstellungen. Aber bei aller Formen- und Farbenschönheit wird man namentlich an der Beweinung Christi in der Pinakothek den Eindruck eines gewissen theatralischen Gebärdenaffektes nicht los, welcher, zwar minder empfindlich als an den Sebastiansbildern, die Wahrheit und Tiefe beeinträchtigt. Am meisten tritt dies zutage in den beiden schönen heiligen Familien der Pinakothek, von welchen die Maria mit dem Kind und dem Knaben Johannes freilich sehr nahen Anschluß an die Venezianer zeigt, wahrend die Ruhe auf der Flucht, welche unsere Tafel gibt, von höchstem intimen Reiz ist. Die Schönheit des an der Brust der Mutter schlafend hingegossenen Kindes, wie der mütterlich süße Ausdruck Mariens sind bezaubernd und würden bei Rubens schwerlich eine Parallele finden. Auch im koloristischen Vortrag entfernt sich der Künstler entschieden von seinem Meister, dem eine ähnliche Weichheit widerstrebt haben würde. Das Bild stammt aus der kurbayrischen Galerie.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641

 

 

Die Kinder Karls I.


Unter den großen Bildnismalern der Vergangenheit stehen die zwei Romanen Tizian und Velazquez zwei reinen Germanen gegenüber, Frans Hals und Rembrandt diese haben das bürgerliche Holland gemalt, jene die vornehmere Welt Südeuropas bis hinauf zu den Fürsten und Königen. Der Antwerpener van Dyck ist als Künstler genommen ein halber Romane, ein Nachfolger von Tizian und Paolo Veronese. Er malt ebenfalls hauptsächlich Menschen der hohem Gesellschaftsklasse, genuesische Nobili und englische Aristokraten, und die Erscheinung der Niedriggeborenen weiß er angemessen zu steigern. Bei Tizian wäre es schwer zu sagen, welchem Geschlecht seine Kunst die vollkommenem Leistungen abgewonnen hat die stolze und kühle Art des Velazquez kommt am meisten in seinen Männerbildnissen zur Geltung van Dyck ist seinem Wesen nach zu allererst ein Maler der Frauen, auch seine Männer sind meistens in das Weiche und Weibliche verfeinert, wobei nicht selten schon ihr natürlicher Charakter seiner Auffassung ein gutes Stück entgegengekommen ist. Seine Bildnisse sind nach ihrem geistigen Gehalt und in der Art ihrer Ausführung sehr verschieden. Ihre Menge würde bei seiner nur vierzigjährigen Lebensdauer ohne die Mitarbeit zahlreicher Schüler und Gehilfen nicht zu begreifen sein, und namentlich während seiner letzten Periode in England macht sich das Fabrikmäßige in seiner Produktion stark geltend. Das unterscheidet ihn von Tizian und Velazquez, die sich bis zuletzt auf ihrer Höhe gehalten haben. Von den Gruppenbildern der Kinder des Königs Karl I. kann nur eines als eigenhändig gelten, das schönste und früheste, im Museum zu Turin: der älteste Prinz, der spätere Karl II., steht neben einem großen Hühnerhunde, er trägt noch Mädchentracht und ist etwa fünfjährig, das Bild ist also 1635 gemalt, und diese Jahrzahl findet sich auf einer Wiederholung. Auf unserm Dresdner Bilde, ebenfalls mit drei Kindern, hat der Prinz Beinkleider an, seine Geschwister sind etwas größer geworden, und alle drei sind von zwei Wachtelhunden (King Charles) flankiert. Die Kleider sind farbiger, und auch sonst hat das Bild mehr Lokalfarbe als jenes und im ganzen einen warmen Ton. Wiederholungen finden sich im Louvre (mit nur einem Hunde links), in Windsor und in Grove Park, diese mit der Jahrzahl 1635, aber die Darstellung muß um 1636 entstanden sein. Eine dritte, völlig neue Komposition, mit noch zwei jüngeren Kindern, haben wir auf zwei 1637 datierten Bildern in Berlin und in Windsor. Alle sind bessere Werkstattarbeiten, wie ein Vergleich mit eigenhändigen Porträts von van Dyck zweifellos dartut.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ANTONIUS VAN DYCK 1599-1641 Dresdner Galerie