. . denn ebensosehr wie die Förderung neuer Baukunst muß uns am Herzen liegen, unsere wertvollen, alten Stadtbilder vor baulicher Beeinträchtigung zu schützen.“

German Bestelmeyer.

Le Corbusiers zynisches Wort, das die jahrhundert- ja jahrtausendalte Tradition aller Kunst als den „Weg der Esel“ und Baustile wie den der Gotik oder des Barock als „ehrwürdiges Aas“ (charognes vénérables) bezeichnet — ein Wort, das von ausländersüchtigen Deutschen alsbald nachgebetet wurde — ist der Ausgangspunkt einer Bewegung geworden, die, analog den Naturschutzgebieten, den Stadtkern einer durch Baudenkmäler ausgezeichneten Stadt möglichst als unantastbar erhalten wissen will.

Wer in der Stadt mehr sieht, als einen zufällig zusammengewürfelten und in Häusern willkürlich untergebrachten Menschenhaufen, der wird zwischen sich und le Corbusier einen dicken Trennungsstrich ziehen und alles aufbieten, unsere Städte vor einer sinnlosen Zerstörung oder Verschandelung zu bewahren. Eine Bewegung, die in der Baukunst die Verkörperung einer Idee sieht, bringt naturgemäß auch den baulich verkörperten Ideen früherer Jahrhunderte jenes Verständnis und jene Achtung entgegen, die sie für sich selber in Anspruch nimmt. Eine Stadt wie Athen verkörpert die demokratische Idee anders wie das kaiserliche Rom die Idee der die halbe Erde umspannenden Weltherrschaft; die Zeit der Gotik die Idee des Machtprinzips der Kirche anders, wie das Barock die Idee des absolutistischen Königtums.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei der Begriff „Altstadt“ als Teil einer Stadt präzisiert, der durch Ansammlung von baukünstlerisch wertvollen Gebäuden aus den Stilepochen mehrerer Jahrhunderte zu einem Ortsbild von besonderem Charakter geworden ist. Diesen Altstädten drohen von Seiten derjenigen Architekten, die sie als verkehrsstörend empfinden, in Bezug auf die Erhaltung ihres unersetzlichen kulturellen Bestandes die größten Gefahren. Wenn schon den Forderungen gesteigerten Verkehrslebens Rechnung getragen werden soll, so darf dies nicht so weit gehen, daß die paar Altstädte, die Deutschland hat (und deretwegen es eines der besuchtesten Länder der Welt ist) dem Verkehr geopfert werden. Mit einigem guten Willen ließe sich gewiß ein Modus finden, der dem gesteigerten Verkehr einerseits und den Werten alter architektonischer Schöpfungen andererseits gerecht wird. Es soll hier nicht von Rothenburg oder von Dinkelsbühl, von Amorbach oder Miltenberg (Bild 49) gesprochen werden, von Orten und Städtchen, deren Museumscharakter von niemandem angetastet wird. Der Angriffsgeist setzt den Hebel an Städten an, wo er weiß, daß ganz anderes vernichtet wird, als nur ein Museum. Städte vielmehr wie Danzig und Lübeck, wie Braunschweig und Lüneburg, wie Celle und Heidelberg sind die Objekte zielbewußterZerstörungswut.

Man stelle sich die Altstadt in Danzig vor, deren Rhythmus durch einen Geschäftspalast unserer Zeit entweiht würde. Lübecks Kulturbewußtsein hat es bis heute fertiggebracht, Wesensfremdes seinem Stadtkern fernzuhalten und Neues dorthin zu stellen, wohin es gehört: in Außenbezirke. Man denke sich in die bauliche Geschlossenheit der Marktplätze von Braunschweig oder. Lüneburg einen kubistischen Fremdkörper extremer Architekten ! Die alte Stadt Celle ist für immer entstellt, und wie sich Heidelberg mit seinem Universitätsneubau das Gesicht seiner Altstadt zerschnitten hat, weiß jeder, den sein Weg auf den Ludwigsplatz geführt hat. Nicht nur, daß der ungegliederte, blendendweiße Baukörper zu seiner baulichen Umgebung (Jesuitenkirche, Alte Universität, Jesuitenkollegium) in heftigstem Mißverhältnis steht —die Ideen zweier Epochen prallen hier besonders unvermittelt aufeinander — (Bilder 52 und 53), ist auch das eingetroffen, was der Entwurf schon ahnen ließ: der sehr lange First des Mitteltraktes schneidet in die hinter ihm schwingende Berglinie eine wie mit dem Lineal gezogene endlose Linie und zerstört mehr als roh den ganzen Kulissenaufbau des Gebirges; der vorgelagerte Platz erweist sich für den Baublock von so ungeheurer Schwere als viel zu klein; der Neubau ist ein Parvenü, ein Emporkömmling mit dem ganzen bitteren Beigeschmack, den das Wort auf der Zunge verbreitet. Und hier sei es einmal gesagt, was selbst Fachleute oft nicht fühlen: die Verteidiger des weißgeputzten Baublocks deuten immer mit großer Geste auf die Vergangenheit hin, in der man sich auch nicht gescheut habe, Häuser aus verschiedenen Stilepochen nebeneinander zu stellen. Der Schluß, man dürfe also auch ein ,,Haus unsererZeit“ neben einen Renaissance- oder Barockbau stellen, ist, so verführerisch er auch klingt, falsch. Denn zwischen den Stilen früherer Jahrhunderte ist trotz aller äußerer Verschiedenheiten eine Verwandtschaft nachweisbar: sie haben alle eine und dieselbe Mutter —die Seele. Und deshalb passen sie zu- und nebeneinander.

Da der weißgeputzte Baublock aber keine Seele hat, ist und bleibt er ein Fremdling, wo er auch stehen mag, ganz besonders wenn er sich in Stadtteile drängt, deren Kern einer Zeit angehört, da Seelenbesitz eine Selbstverständlichkeit war. Neben dieser Gefahr für die Altstadt taucht seit der ungewöhnlichen Steigerung des Wirtschaftslebens und der Industrie eine neue Gefahr auf, die Wohnzwecken vorbehaltenen Stadtvierteln droht. Immer mehr machen sich industrielle Anlagen in reinen Wohnbezirken breit. Eines der abschreckendsten Beispiele hierfür dürfte Fahrenkamps „Shellhaus“ in Berlin sein, das sich rücksichtslos,in das vornehme, stille Tiergartenviertel einzwängt und den Verstoß gegen die vom Obdrbaudirektor Hamburgs, Fritz Schumacher, so tatkräftig erhobene Forderung der sauberen Trennung einer Stadt in Zonen des Wohnens und Zonen der Arbeit ad oculos demonstriert.

Angesichts solcher teils bewußter teils unbewußter Attentate auf das Bild unserer Städte, ist derRuf nach einem „lebendigen Baugewissen’‘ in Gestalt einer Aufsichtsstelle nur zu berechtigt. Hätte Amerika eine solche Stelle gehabt, wäre die Lage der amerikanischen Großstädte nicht so verzweifelt, wie sie uns der Berliner Stadtbaurat Wagner in seinem Buche über seine Amerikareise schildert, und in welchem er u. a. sagt:

„Die amerikanischen Städte bekommen heute die Rechnung für vergangene Sünden bereits vorgelegt. Ob Städte wie New York und Chicago Ihre in die Milliarden gehenden Rechnungen bezahlen können, wird die nächste Zukunft lehren. Und wenn sie diese gewaltigen Reparaturrechnungen bezahlen, so werden sie ihrem Volke doch niemals den Stadtkörper bieten können, den die europäischen Städte besitzen. In ihren Bilanzen wird stets die leere Stelle stehen, die nachträglich mit Geld nicht ausgeglichen werden kann, und das ist das heimatliche Wohlgefühl, die über äußere Reichtümer erhabene Kultur und die Kostbarkeiten des Lebens, die weder in der Vielheit noch in der Größe, sondern im ethischen und künstlerischen Wert der Dinge liegen.“

An Amerikas Beispiel gemessen, haben wir allen Grund, mit den unsere Städte zu Kulturzentren machenden Baudenkmälern hauszuhalten und dafür zu sorgen, daß unser Städtebild nicht durch die moderne extreme Architektur entstellt wird. Genug, daß auch die Vorkriegszeit Beispiele für den mangelnden Respekt vor baulich Gewachsenem und Gewordenem da und dort aufzuweisen hat (Bild 54).

Ein kurzes Wort sei noch der ,,Bildersturmerei” des 20. Jahrhunderts gewidmet, ein Wort, das aufs engste mit den Attentaten auf unsere Städtebilder zusammenhängt. Als „verkehrstörende Hindernisse“ sind sie einer Gruppe von „Fortschrittlern“ ein Dorn im Auge. Wir erinnern nur an den weithin Aufsehen erregenden Streit im vergangenen Jahre um die Erhaltung der friderizianischen Spittelkolonnaden in der Leipziger Straße in Berlin. Solche „Spittelkolonnaden“ hat fast jede ältere deutsche Stadt zu hüten. Es geht ja auch weniger um das Baudenkmal als solches, als um die durch es repräsentierte Ideel Und es ist in den meisten Fällen gar keine Frage, daß der kulturelle Verlust größer ist, als der durch die Niederlegung erzielte Gewinn.

Sache der Bauorgane des Dritten Reiches wird es sein, sich für die Erhaltung unserer wertvollen Stadtbilder ganz energisch einzusetzen. Als lebendige Versinnbildlichung unserer Geschichte fällt und steht mit ihnen unsere ganze jahrhundertealte Vergangenheit. Zeigen wir uns als würdige Siegelbewahrer des Geistes unserer Vorfahren, denen Goethes Wort „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen,“ eine Selbstverständlichkeit war!

Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt
Architektur im Dritten Reich – Das Problem der Hochbauten
Architektur im Dritten Reich – Erfahrungen mit städtischen Siedlungsbauten

3. Reich Architektur im Dritten Reich

„Künftige Geschlechter werden vom Spiegel, den sie dem Bauwesen des jetzt kommenden Zeitalters Vorhalten werden, die soziale und nationale Gesinnung ablesen können.“

Theodor Fischer.

„Unser soziales Gewissen ist geschärft, und dies ist vielleicht die stärkste geistige Erscheinung unserer Zeit. Das sozial geschärfte Gewissen drängt im Wohnungsbau auf Dezentralisation, und wir haben die Siedlungsfrage, die Frage des neuen Wohnens.“

Paul Schmitthenner.

Der Siedlungsbau verdankt einerseits dem sozialen Gedanken, der die Mietkaserne der Vorkriegszeit als eine menschenunwürdige Wohnform erkannt hat, andererseits der nach dem Kriege einsetzenden Wohnungsnot seine Entstehung. Als Antwort auf die grotesken Zusammenballungen von Menschenmaterial an den Zentren der Produktion (Bild 41), mußten die ersten Versuche, diese zu entlasten, geradezu als Erlösung aus einem von gewissenlosem Kapitalismus geschaffenen Zustande begrüßt werden.

Die ersten Siedlungen, die als geschlossene Baublocke mit verhältnismäßig großen Innenhöfen oder Gärten auftauchten, überschritten durch Weiträumigkeit und Aufwand der Ausstattung die einem unter den Lasten eines verlorenen Krieges seufzenden Volke gezogenen Grenzen. Wie sich bald herausstellte, erlaubten die unerschwinglichen Mietpreise nur eine verhältnismäßig kleine Zahl Wohnungsuchender unterzubringen. Inzwischen hatte man auch die Erfahrung gemacht, daß die geschlossenen Blöcke der Durchlüftung Widerstand entgegensetzten. Man entschloß sich, den Baublock aufzuschlitzen: auf diese Weise entstand der Streifen- oder Reihenbau. Hätte er sich als Reihen einzelstehender oder im äußersten Falle als Reihen von Doppelhäusern durchsetzen können, so wäre das Ideal des Kleinhauses, so wie wir es im siebenten Kapitel angedeutet haben, erreicht gewesen. Bei Aneinanderreihung einer größeren Anzahl von Häusern lassen sich aber durch Wegfall einer entsprechenden Anzahl Außenwände usw., Ersparnisse erzielen. So näherte man sich wieder einem Zustande, den man überwunden zu haben glaubte: gleichsam schamhaft trat die Mietkaserne der Vorkriegszeit in verwandelter Form wieder in Erscheinung (Bild 42). Wie wir sie heute sehen, unterscheidet sie sich von ihrer vertikalen Vorgängerin fast nur durch ihre horizontale Anlage. Aber das Zugeständnis, das eine gewisse Erdnähe in sich schließt, wurde alsbald durch so schlimme Mängel wieder aufgehoben, daß es nur zu berechtigt ist, von neuen Mietkasernen zu sprechen. Von der Kleinwohnung glitt man schrittweise über die Kleinstwohnung zur Allerkleinstwohnung, die man unverblümt so nennen sollte, wie sie le Corbusier nennt und empfiehlt — zur Zelle. Daß man sie die ,.Wohnform unserer Zeit“ genannt hat, nimmt ihr nichts von ihrer Trübseligkeit.

Den Begriff „Zelle“ kennt der deutsche Sprachgebrauch nur in Verbindung mit den Begriffen Biene, Kloster, Irrenhaus, Zuchthaus. Die Menschen sind aber weder Bienen, noch sind sie in ihrer Mehrheit Klosterbrüder, Irrenhäusler oder Zuchthäusler. Die Landsleute le Corbusiers haben dem Erfinder der ,,Wohnmaschine“ denn auch die richtige Antwort gegeben. Von der vor drei Jahren in Pessac bei Bordeaux errichteten, aus 51 Häusern bestehenden Siedlung wird trotz billigster Mieten so gut wie kein Gebrauch gemacht. Die Bevölkerung lehnt es einfach ab, sie zu bewohnen. Wie ein deutscher Besucher, Hans Kauders, mitteilt, sind 4 Häuser bewohnt: eines von dem Siedlungswächter, eines von einem Postbediensteten, eines von einem Steuerbeamten und eines von einem Amerikaner, die übrigen 47 stehen leer. Man kann es verstehen, wenn man weiterhört: „Diese Bauwerke wirken nicht wie Häuser“. Mir scheint, alles was den Menschen bisher beherbergt hat, von der Erdhöhle bis zum Palast, hatte etwas vom Mutterleib, etwas Schützendes, etwas Umhüllendes, etwas Wärmendes. Diese haben garnichts davon, sie wirken in all ihren Bestandteilen so antiorganisch wie möglich .. . Nicht wahr, manche Häuser stehen doch, manche liegen? Aber diese . . .?!“

Nichtsdestoweniger haben deutsche Architekten diese Wohnmaschinen übernommen, und daß sie, ins Deutsche übersetzt, auch der letzten Liebenswürdigkeiten verlustig gehen mußten, ist jedem klar, dem die Eigenschaft des Deutschen, päpstlicher zu sein als der Papst, nicht unbekannt ist. Mit einer beneidenswerten Geschicklichkeit hat man den Satz, daß die Häuser für den Menschen da sind, in sein Gegenteil verkehrt und den Arbeiter, den Handwerker, den kleinen Beamten zum Objekt der Siedlungsgestaltung gemacht. Da aber in Deutschland etwas, das Geltung haben soll, wissenschaftlich unterbaut und beglaubigt sein muß, hat man die vor kurzem eingegangene „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ gegründet. Ihr lag ob, einen Wohnungstyp ausfindig zu machen, der sich zur Serienherstellung eignete, d. h. der Wohnungstyp hatte die beste Konstruktion mit der billigsten Herstellung zu verbinden. Was dabei herauskam, soll nur an zwei Beispielen gezeigt werden. Hören wir, wie die Reichsforschungsgesellschaft, die hier als Erbauerin und Kritikerin in einer Person auftritt, ihre eigene Bauweise beurteilt!

Das eine Beispiel betrifft die Siedlung Dessau-Törten. Mit bewundernswerter Offenheit schildert eine von der ,,Deutschen Bauhütte“ auf Grund der Untersuchungen der Reichsforschungsgesellschaft verfaßte Broschüre die Mängel der Siedlung wie folgt:

„Es ist verkehrt, dem deutschen Arbeiter und Siedler eine Form überzustülpen, die, aus modischen Eigenheiten und Absonderlichkeiten entspringend, nur schlecht zu seinem Hausrat und zu seinen herkömmlichen Gewohnheiten paßt. — Übel ist es, wenn der nötige Bodenraum fehlt, und der einzelne sich durch wahllos aneinander gebaute Kisten und Kasten, durch Bretterbuden und Wellblechverschläge im Garten behilft. Dann entsteht das grotesk-lächerliche Bild der verunstalteten Hausrückseiten, das deutlich zeigt, woran es am Haus fehlt. — Übel ist es, wenn wesentliche Dinge, z. B. die hintere Ausgangstüre zum Garten, weggelassen werden, weil das Geld aufgebraucht wurde für die Dachterrassen, die Neunzehntel des Jahres nicht benutzt werden können. — Übel ist es, wenn Schlafzimmer so gebaut werden, daß das Kopfende des Bettes direkt unter das Bänderfenster kommt. — Übel ist es, wenn die Fenster so hoch sind, daß sie das Schauen auf die Straße verhindern. In vielen Wohnungen sind rohe Kisten vor der Fensterbrüstung aufgestellt. — Übel ist es, wenn die Fensterreihen einer Mode zuliebe nur teilweise zu öffnen sind, und ihre Reinigung, anstatt von den Hausfrauen selbst besorgt zu werden, einer Putzkolonne überlassen werden muß. Verfehlt ist es endlich, wenn den Leuten eine nüchterne Sachlichkeit (gekalkte Wände, phantasieärmste Gleichförmigkeit) aufgeredet wird, die nicht zu ihren Anschauungen paßt, und wobei dann durch die eigene Ausstaffierung und Ausschmückung ein viel schlimmerer Kontrast zu der aufgezwungenen Meinung entsteht, als wenn man von Anfang an dem Schmuck-und Wohnlichkeitsbedürfnis Rechnung getragen hätte. Der deutsche Mensch ist nach seiner Erbanlage durchaus kein Massengeschöpf, das sich dem Sachlichkeitsfanatiker zuliebe zum schematischen Formeltier zurecht stutzen läßt. Das Bauwesen aber folgt allein den Gesetzen der Natur und nicht dem parteipolitischen oder dem Bedürfnis einzelner ehrgeiziger Leute, die sich krampfhaft als die Pioniere aufsehenerregender Neuigkeiten aufspielen möchten.

Das zweite Beispiel betrifft die von dem Frankfurter Stadtbaurat Ernst May errichteten Plattenhäuserinder Siedlung Frankfurt-Praunheim (Bild 43und44),und die Miethäuser Bruchfeldstraße Frankfurt a. M., bei denen ebenfalls durch einen von der Reichsforschungsgesellschaft mit der Prüfung des Feuchtigkeitgehalts beauftragten Fachmann festgestellt wurde, daß die Plattenwände (es wurden 832 Wohnungen mit solchen hergestellt!) 15—24 v. H. Feuchtigkeitsgehalt aufzuweisen hatten gegen einen Feuchtigkeitsgehalt von 1,25 v. H. bei normalem Ziegelbau. Fortwährende Reparaturen seien an der Tagesordnung und schluckten die Differenz, um welche die Plattenbauweise billiger sei, als die übliche Bauweise.

Gerade das Argument der Verbilligung bei gleicher Güte, mit dem die Ersteller dieser Siedlung ihren Werken die nötige Popularität sichern wollten, hat keiner Prüfung ernstlich standgehalten. Trotz Typisierung, Normung und Rationalisierung ist nichts eingespart worden. Was erreicht wurde, sind Massenquartiere als sichtbares Symbol der mechanisierenden Tendenzen unserer Zeit. Was nicht erreicht wurde, ist die Errichtung von menschenwürdigen Wohnungen, in denen sich der ohnehin von der Mechanik der täglichen Arbeit abgestumpfte Mensch erholen kann. Was von den Häusern gilt, gilt ebenso von den Wohnungen. Selbst ein so modern gerichteter Architekt wie Josef Frank-Wien sagt in einem Aufsatz über die ,.Moderne Einrichtung des Wohnhauses“ („Innenräume“, Akad. Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart, 1928):

,,. . . Die Wohnung ist deshalb das absolute Gegenteil der Arbeitsstätte. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bequemlichkeit der Sitz- und Ruheplätze, sondern auf alles Sichtbare, da das Auge sich erholen will, weshalb alle in Fabrik, Büro usw. vorhandenen Dinge vermieden werden sollen . . . Die Wohnung ist auch kein Kunstwerk, deshalb hat sie nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken, was das Gegenteil ihres Zweckes wäre. Einheitlichkeit und Schmucklosigkeit machen unruhig, Ornamentik und Vielfältigkeit verschaffen Ruhe und beseitigen das Pathetische der reinen Zweckform.“

Die Bewegung, die sich eine Erneuerung des Menschen von der Seele her, eine Erlösung des Menschen aus dem zur Formel gewordenen „geometrischen Tier” angelegen sein läßt, wird auch die Wohnform herauskristallisieren, in der das neue Geschlecht zur Erfüllung der ihm gestellten hohen Ziele heranwächst.

„Man wird sich — wie Peter Meyer-Zürich sagt — wieder ernsthaft mit den seelischen Potenzen auseinandersetzen müssen, gerade im Namen des gleichen Lebens, das heute als groteske Begründung für den plattesten Materialismus herhalten muß.“

Das bauliche Symbol aber für dieses Geschlecht wird anders aussehen, wie das ihm gegen seine innere Natur aufgezwungene unserer Zeit. Wenn sich auch das Ideal — das einzelstehende Kleinhaus im Garten —vorerst nur langsam verwirklichen lassen wird, so werden aber doch die Reihenhäuser den Charakter der Zuchthaus oder Irrenhauszelle abstreifen und innen wie außen den Bedürfnissen menschlicher Wesen wieder mehr ent-gegenkommenf Bild 45 bis 48). Schon stehen Architekten bereit, die den Ruf nach den seelischen Potenzen begriffen haben, und während die unbelehrbaren extremen Konstruk-tivisten die Welt mit ihren letzten Schöpfungen zu beglücken glauben, haben sich die anderen bereits in Marsch gesetzt, um den ehernen Weg einer unbestechlichen Entwicklung zu gehen.

Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt
Architektur im Dritten Reich – Das Problem der Hochbauten

3. Reich Architektur im Dritten Reich

(Nutzbauten — Repräsentationsbauten)

,,Der Formwille, ein Produkt aus Verstand, Gefühl und Charakter, wird sich am freiesten und natürlichsten äußern, wenn der Architekt die auf ihn einströmenden Forderungen ohne Vorurteile in sich aufnimmt und aus ihnen den Bau gestaltet. Das natürliche Eingehen auf Zweckmäßigkeit braucht dabei die Bauten nicht langweilig zu machen.“

Hans Hertlein-Berlin.

Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln zu begründen versucht, warum Hochbauten für Wohnzwecke in Deutschland nicht in Frage kommen.

Es hieße hinter den Aufgaben der Zeit Zurückbleiben, wollten wir die Form der Hochbauten für industrielle und repräsentative Zwecke grundsätzlich ablehnen. Es gibt ohne Zweifel Fälle, in welchen Hochbauten in diesem Sinne nicht nur berechtigt, sondern geradezu geboten sind, besonders dann, wenn es sich darum handelt, die „City“ aufzulockern. Dabei darf wohlgemerkt die Auflockerung nicht soweit gehen, daß architektonisch wertvolle Straßenzüge oder Städtebilder zerstört werden (worauf wir im 11. Kapitel zurückkommen); oder es liegt der Fall vor, daß der bauliche Zweck die Forderung stellt, einen Hochbau zu errichten. Dieser Zweck wäre gegeben bei Industrie- und Verwaltungsgebäuden, also „Nutzbauten“ einerseits, andererseits bei Staatsgebäuden, Schulhäusern, Kirchen, also Gebäuden, bei welchen der Repräsentationsgedanke im Vordergrund steht. In diesen Hochbauten architektonisch um jeden Preis ein „Symbol des Fortschritts“ sehen zu wollen, wäre eine Einstellung, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Die Zeiten, da wir wie fasziniert über den Ozean schauten und die Prosperität eines Volkes sozusagen vom Meterstabe der Wolkenkratzer ablasen (Bild 31), sind vorüber, seitdem der Amerikaner selbst zugegeben hat, daß die New Yorker City nur ein Notprodukt ist. Nie wären New York oder Chicago Wolkenkratzerstädte geworden, wenn die Amerikaner, als es noch Zeit war, einen Generalbebauungsplan gehabt hätten. Praktisch, wie der Amerikaner nun einmal ist, hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Bald galt es in der Geschäftswelt als besonders vornehm, sein Büro so hoch wie möglich zu haben. Je höher aber das Büro untergebracht war, desto höher waren die Mieten. Heute, da die Weltwirtschaftslage auch vor Amerika nicht Halt macht, ist eine Ernüchterung eingetreten. Man zahlt keine Phantasiepreise mehr, und das größte Haus, das Empire State Building, ist nur zu einem Viertel vermietet.

Kommen wir zum Architektonischen der Hochbauten! Wir verlangen mit Lewis Mumford, dem Verfasser des ausgezeichneten Buches „Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer”, mehr, als daß die ästhetische Seite des Hochhausbaus „mit dem Eingang, dem Personenaufzug und den mit Fenstern durchlöcherten Mauern abgetan“ ist. Was wir bis jetzt in Deutschland an Hochbauten haben, erfüllt oft nicht viel mehr, als diese äußerste Forderung. Daß es nicht die Höhe allein ist, sondern daß noch etwas hinzukommen muß, das die Höhe erträglich macht, ist nur wenigen Baukünstlern unserer Zeit eine Selbstverständlichkeit. Erst dies Hinzukommende — mögen wir es Ordnung, Gliederung, Aufbau nennen — macht ein Bauwerk zu einem Ganzen, das die Bezeichnung „gestaltet” verdient.

Merkwürdigerweise weist das Rheinland im Gegensätze zu Berlin eine ganze Reihe von Hochbauten auf, die sich um Gestaltung bemühen. Wir denken an das Wilhelm-Marx-Haus von Wilhelm Kreis in Düsseldorf (1924), an das Hochhaus des Stumm-Konzerns von Paul Bonatz ebenda (1925) (Bild 32), an das Hans-Sachs-Haus von Alfred Fischer in Gelsenkirchen (1926), an die Ausstellungshallen von Adolf Abel in Köln-Deutz (1927) und vor allem an die Gutehoffnungshütte von Peter Behrens in Oberhausen (1925). In Berlin jagt man währenddessen Utopien nach, die von dem, was wir „gestaltet“ nennen, weit entfernt sind. Eigentlich ist es nur einer, der der Versuchung, sich in utopischen Gebilden zu verlieren, widersteht, und das ist der Oberbaudirektor des Siemenskonzerns in Berlin, Hans Hertlein, der mit seinem Schaltwerk in Siemensstadt (Bild 33), dem ersten Fabrikhochhaus in Deutschland im eigentlichen Sinne, die Aufmerksamkeit weitester Fachkreise auf sich zieht. Hier ist mehr als „Eingang, Personenaufzug und mit Fenstern durchlöcherte Mauern”; vielleicht, weil bei diesem Schaltwerk und bei den übrigen Hochbauten von Siemensstadt die Synthese von Baukunst und Ingenieurkunst zum ersten Male überzeugend gelungen ist. Ist doch für Hertlein in der engen Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur das Geheimnis des neuzeitlichen Industriebaues enthüllt. Freilich übersieht er dabei nicht, daß bei einem der beiden die Führung, die Priorität der Leitung liegen muß, denn auch der Verschmelzungsprozeß des Miteinanderarbeitens erfordert zuletzt die Führung eines Einzigen. Wenn sie, wie bei Hertlein, bei dem Architekten liegt, ist das Ergebnis ein erfreuliches. Man denke sich in das Werden des Schaltwerkes hinein: die Eigenart der Fabrikation verlangte einen Geschoßbau.

Da größtmögliche Beweglichkeit in der Verwendung der Arbeitsräume Be-dingung war, ein Umstand, der feste Einbauten verbot, so wurden alle Nebenräume wie Treppen, Toiletten usw. außerhalb des eigentlichen Baukörpers in turmartigen Anbauten untergebracht. Und hier haben wir gleich ein glänzendes Beispiel für den Formwillen dieses Baukünstlers. Bei ihm sehen die Türme nicht etwa willkürlich angeklebt aus. Sie, die gleichzeitig als Windversteifung gedacht sind, bringen in die tote Masse des Baukörpers jene Lebendigkeit, ohne welche die 175 Meter lange Fassade unerträglich wäre.

Um verstanden zu werden, sei diesem Schaltwerk der Hochbau Professor Fahrenkamps, das sogenannte ,,Shellhaus“ am Lützowufer in Berlin (Bild 34) gegenübergestellt. In kühner treppenartiger Anlage von 5 auf 10 Stockwerke ansteigend, ist der Stahlskelettbau (auch das Schaltwerk ist Stahlskelett, aber in Ziegelummauerung) perspektivisch von hohem Reiz. Wie er auf der einen Seite die Traufenhöhe des Nachbarhauses aufnimmt, zeugt von dem rücksichtsvollen Eingehen auf Vorhandenes. Aber bei näherer Betrachtung der Einzelheiten stellt man fest, daß die Bewegtheit der Wasserfront auf Kosten der inneren Struktur und sogar des Grundrisses erreicht wird, Dinge, die mit der betonten Sachlichkeit der modernen Baukunst in Widerspruch stehen.

Nicht anders ist es mit den Repräsentationsbauten, den Staatsgebäuden und Schulhäusern bestellt. Während die neue Staatsform noch wenig Gelegenheit genommen hat, sich in reinen Staatsbauten zu manifestieren (viele wollen darin eher das Eingeständnis einer Unsicherheit, als den Mangel an Mitteln sehen!) kann sie immerhin mit einer Reihe von Schulneubauten aufwarten. Hier trifft aber die Beobachtung zu, die wir bei den Industriebauten gemacht haben: viel unnötige Härte, Langeweile und Unsachlichkeit bei einem Übermaß von Luxus und Hygiene. Wir brauchen nur etwa das Oessauer Bauhaus von Gropius (Bild 35) der neuesten Schöpfung Schmitthenners, der Hohensteinschule in Zuffenhausen-Stuttgart (Bilder 36 und 37), gegenüberzustellen, um uns verständlich zu machen. Wie kaum ein zweites Werk Schmitthenners bringt die Hohensteinschule das Geheimnis seiner Kunst zum Ausdruck. Schmitthenner ist Elsäßer, ist Alemanne und als solcher der geborene Hüter deutschen Geisteswesens und Formgefühls. Daß er sich der technischen Mittel bedient, soweit sie diesem Formgefühl nicht feindlich werden, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich wie Hertlein sieht Schmitthenner in der Technik die Dienerin der Baukunst, und er hütet sich, sie Herrscherin, Beherrscherin werden zu lassen. Der Bau ist als Massiv-Rohbau in einfachem Hartbrandstein ausgeführt mit Eisenbetondecken. Eine sehr genau vergleichende Berechnung ergab nämlich, daß die Ausführung als Massivbau wesentlich billiger war, als etwa ein Stützenbau in Stahl oder Eisenbeton. Auf die heute beliebte Auflösung in horizontale Glasbänder ist aus Wirtschaftlichkeitsgründen und unter Vermeidung überlichteter Schulräume verzichtet. Beispiele guter handwerklicher Arbeiten erinnern an den Zweck eines Teiles der Schule als Gewerbeschule, in der Handwerker fortgebildet werden sollen.

Weit mehr noch, als in Schmitthenners Hochbauten sehen wir in seinem Wohnhaus und in seinen Siedlungsbauten die gesunde Entwicklung unserer baulichen Zukunft.

So sehr die Entwicklung der profanen Hochbauten unter mancherlei Vorbehalten einem Höhepunkte zuzustreben scheint, so sehr ist auf dem Gebiete des Sakralbaues noch alles im Fluß (Bilder 38 bis 40). Von der nicht ernstzunehmenden, auf der Pressa in Köln gezeigten Stahlkirche eines Bartning bis zur Geburt eines das zweifellos im Erstarken begriffene religiöse Lebensgefühl unserer Zeit verkörpernden Kultbaues, ist wohl noch ein weiter Weg.

Die Versuche, den Eisenbeton als solchen, wie bei rein technischen Anlagen auch im Kirchenbau zu verwenden, sind bisher wenig befriedigend gewesen. Abgesehen davon, daß Eisen und Beton in akustischer Beziehung sich ungünstiger verhalten, als Holz und Ziegelstein, muß auch der Ausdruck des Profanen bei einem kirchlichen Zwecken gewidmeten Gebäude vermieden werden. Erst vor kurzem hat sich der ausgezeichnete Münchener Architekt, Geheimrat Prof. Dr. Bestelmeyer, in diesem Sinne auf dem Internationalen Architekten-Kongreß in Budapest geäußert. Er sagte:

„Je stärker sich der Repräsentationsgedanke in einer Architektur aussprechen soll, desto mehr Anforderungen an Formgestaltungswillen werden gestellt, und es scheint, als ob solchen Gesichtspunkten die Entwicklung der modernen deutschen Baukunst nicht in erwünschtem Maße gerecht werden konnte . . „

Was hier erreicht ist, wird vielfach auf Kosten der sakralen Stimmung erkauft; nach der Richtung der Übereinfachheit hin allzusehr übersteigerte Kirchenbauten laufen Gefahr, an Industrie- oder Kinobauten anzuklingen . . . Denn die Kirche, die sich, ganz aus dem Geist unserer Zeit erfunden, den alten Kathedralen und Klosterkirchen ebenbürtig an die Seite stellen will, muß erst noch gebaut werden.“ Bestelmeyer kennt den Geist unserer Zeit; er kennt aber auch das Volksempfinden, das, gerade im Gegensatz zu dem offensichtlich profanen Wesen der Gegenwart, von einem kirchlichen Gebäude die Betonung des Feierlichen verlangen wird.

Eine Bewegung, die das Dritte Reich vorbereitet, und die in der Erneuerung des nationalen Volksempfindens ihre Grundlage erblickt, eine Bewegung also, der das Volksempfinden eine heilige Angelegenheit ist, wird — zur kulturbildenden Einheit geworden — den Ausdruck für den Kultbau finden, der das religiöse Lebensgefühl der kommenden Zeit verkörpert.



Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt

3. Reich Architektur im Dritten Reich

„Gerade weil wir heute nicht in der Lage sind, wirklich geräumige Wohnungen den Minderbemittelten zur Verfügung zu stellen, sollte wenigstens das einzige wertvolle Ausgleichmittel der Engräumigkeit, nämlich die Erdnähe der Kleinwohnung, unter allen Umständen angestrebt werden“

Altred Grotjahn-Berlin.

Das Problem „Familie und Wohnung“ ist unter dem Gesichtspunkte des Geburtenrückganges in Deutschland vielleicht noch nie mit so viel Recht in den Vordergrund des Interesses gerückt worden, wie in unseren Tagen. Die Statistik hat festgestellt, daß wir, was den Rückgang der Geburten angeht, zum ersten Male vor Frankreich, dem typischen Lande des Geburtenrückganges, rangieren.

Daß die Ursache des Geburtenrückganges in Deutschland neben der verzweifelten Wirtschaftslage und der Mutlosigkeit, angesichts dieser eine Familie zu gründen, in weitgehendem Maße in den unzulänglichen Wohnverhältnissen zu suchen ist. dürfte die Bestrebungen derjenigen rechtfertigen, die sich für eine der modernen Flygiene entsprechende Form der Wohnweise einsetzen. So sind gerade in der jüngsten Vergangenheit die Kämpfe und die Anschauung, ob der Hoch- oder Flachbau eine für das Familienleben idealere Wohnweise ist, bis zum äußersten ausgefochten worden. Wenn wir uns nicht irren, scheint die den Flachbau vertretende Richtung den Sieg davon zu tragen. Wenigstens gipfelte die vor kurzem gepflogene Aussprache des vom Reichsministerium des Innern berufenen „Reichsausschusses für Bevölkerungsfragen“ über das Thema „Familie und Wohnung“ in nachfolgender Entschließung:

„Das Familienleben darf nicht nur eine Schlaf- und Abfütterungsstätte sein, sondern muß die Möglichkeit bieten, eine mindestens zur Bestanderhaltung der Bevölkerung ausreichende Zahl gesunder Kinder aufzuziehen und die körperlichen und seelischen Kräfte der Familienmitglieder zu entwickeln und zu schützen. Hierzu ist das Heim nur imstande, wenn es hinreichenden Raum bietet, den hygienischen Forderungen genügt, wenn Erdnähe vorhanden ist (Bild 29) und die Aufwendungen im richtigen Verhältnis zum Gesamteinkommen der Familie stehen. Hochbauten und Zusammendrängungen einer größeren Zahl von Familien in einen Bau erschweren oder verhindern die Erfüllung dieser Aufgaben; Flachbauten mit dem Ziel des Eigenheims fördern sie . . . Vom bevölkerungspolitischen Gesichtspunkte aus ist die mit der Flachwohnung verbundene Erdnähe unersetzlich . . . Für Familien mit Kindern müssen Hochhäuser vom Stande der Volkswohlfahrt abgelehnt werden.“

Man hat gesagt: alles gut und schön, aber diese Forderungen scheitern einfach an der Unwirtschaftlichkeit; die Errichtung ausreichender Flachbauwohnungen ist angesichts unserer verzweifelten finanziellen Lage einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Die so denken, gehorchen allzusehr den Geboten des Augenblicks. Die Wirtschaftlichkeit in Zahlen ist ihr einziger Maßstab. Daß es eine Wirtschaftlichkeit gibt, die sich in Zukunft bezahlt macht, und die in anderen Werten wie in Zahlen zu uns zurückkehrt, wollen sie nicht einsehen. Und doch ist die Einstellung „auf weite Sicht“ auf keinem Gebiet so wichtig wie auf dem des Wohnwesens. Diesen Standpunkt vertritt u. a. auch Oberbaurat Heinicke mit den Worten:

„Man versteht immer mehr den Wert einer unmittelbaren Verbindung der Wohnung mit einem Teil der Natur, wenn er auch noch so klein ist. Der Balkon der mehrgeschossigen Wohnung kann niemals den Auslauf ersetzen, der für Kinder notwendig ist, und den nur der Garten bietet . . . Man erkennt wieder die Kinder und Heranwachsende bildende Kraft einer ungestörten Beobachtung der sich ständig entwickelnden Pflanzen- und Kleintierwelt. Man erlebt wieder den erfrischenden Einfluß persönlicher Abgeschlossenheit nach der langen schädigenden Einwirkung unvermeidbarer Gegensätze in den Stunden der Arbeit. Man liebt das Gefühl voller Selbständigkeit und eigener Verantwortlichkeit auf eigenem Grund und Boden.“

Angesichts solcher durchaus einleuchtender Forderungen muten die Bemühungen gewisser Vertreter der Hochhauswohnungen, eine Kongruenz zwischen der modernen Baukunst und dem „Menschen von heute“ herzustellen, indem sie auf eine scheinbare Parallele der Geschichte, nämlich die Kongruenz zwischen der Baukunst und dem Menschen vergangener großer Bauepochen, verweisen, fast komisch an. Abgesehen davon, daß es nicht angeht, die Bauweisen eines Dezenniums in gleiche Linie zu setzen mit Bauepochen, die sich über längere Zeiträume erstreckten, und Epochen geschlossener Weltanschauung mit einer kurzen eben gerade diese entbehrenden Zeitspanne zu vergleichen, ist es irreführend, den „Menschen von heute“ als einen feststehenden Typ aufzustellen und ihm Eigenschaften, Gewohnheiten, und Bedürfnisse nachzusagen, die er in seiner Gesamtheit gar nicht hat. Hier scheint der Wunsch allzusehr der Vater des Gedankens zu sein. In Wirklichkeit entstehen die Wohnhochhäuser ja gar nicht, weil sie die gegebenen Quartiere für den „Menschen von heute“ sind, sondern indem man ihm diese Quartiere als Wohnung anweist, soll er erst zum Menschen von heute gemacht werden. Leider sagt uns keine Statistik und keine Rundfrage, wieviel Prozent unserer Bevölkerung freiwillig in die für sie errichteten Wohnungen eingezogen sind. Es genügt aber zu wissen, mit welchem Widerstreben sie von den ihnen gebotenen Wohnquartieren Gebrauch machen. Eine Kongruenz zwischen der modernen Bauweise und dem ,, Menschen von heute” ist also gar nicht da, vielmehr soll sie künstlich erzeugt werden. Ist sie aber künstlich erzeugt, dann verliert die Bauweise in ihrer heutigen Formgebung ihre innere Berechtigung.

Es kann nur als Scherz aufgefaßt werden, wenn ein bekannter moderner Architekt den Ausspruch getan hat: „Baut Wohnhochhäuser, dann wird das gewonnene Bauland zum Garten!“ Es klingt fast so lächerlich, als wenn le Corbusier seine Häuser auf Stelzen stellt mit der Begründung, daß der so gewonnene Raum unter dem Haus anderweitig verwendet werden könne. Und dennoch müssen die Vertreter des Wohnhochhausgedankens mit den Bedürfnissen des Volkes Fühlung haben. Denn in hochherziger Geberlaune machen sie ihm das Geschenk des — Dachgartens! Daß dieser aber als Ersatz des erdnahen Gartens nicht in Frage kommen kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Warum den Garten auf dem Umweg über das Wohnhochhaus erstreben, wo er als Attribut der Kleinhaus- und Flachbauwohnung eine Selbstverständlichkeit ist? Wo der Dachgarten aber gar für mehrere Familien gedacht ist, da steigert sich der verfehlte Gedanke zur Absurdität. Wer weiß, wie aufsässig und unverträglich ein paar Familien selbst in abgeschlossenen Wohnungen einer Mietkaserne sind, der kann sich einen Begriff von der gemeinsamen Benutzung eines Dachgartens machen. Man muß schon recht weltfremd sein, wenn man dies für möglich hält!

Den Forderungen nach dem Kleinhaus und der Erdnähe kommt die augenblicklich sehr aktuelle, sowohl vom politischen und wirtschaftlichen, als auch vom rein menschlichen Standpunkt nur zu begrüßende Bauernsiedlungsfrage entgegen. Als Entlastung der Großstadt (laut Statistik entfällt auf dem Lande auf 17 Erwerbstätige 1 Arbeitsloser, in der Großstadt von mehr als 100 000 Einwohnern 1 Arbeitsloser schon auf 3 Erwerbstätige) gar nicht hoch genug einzuschätzen, stellen die Versuche doch nur einen schüchternen Anfang dessen dar, was auf diesem Gebiete dem Dritten Reich zu tun Vorbehalten bleibt. Da es den bäuerlichen Siedlungsplan als eines seiner vornehmsten Ziele betrachtet, wird es als Erwecker des dem deutschen Menschen fast ganz verloren gegangenen Sinnes für den Wert der Scholle und der damit verbundenen ethischen Werte auftreten. Der den Lockungen der Großstadt und dem vermeintlichen Komfort der Mietkaserne erlegene Land- und Bodenflüchtige wird wieder den Pflug zur Hand nehmen und die Mietkaserne mit dem erdnahen Bauernhaus vertauschen (Bild 30). Denn als Symbol des Vertauschbaren, Ungebundenen und Beziehungslosen stellt die Mietkaserne das Gegenteil dessen dar. was als würdige Wohn- und Lebensform dem Dritten Reiche vorschwebt.

Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?

3. Reich Architektur im Dritten Reich