(1617—1682)
Leinwand, 146×113 cm

Murillo ist der Poet unter den spanischen Künstlern. Er gibt uns schwebende Madonnen, Engel auf goldenen Wolken, vielfach abgetöntes Himmelslicht, bald warm und sonnig, bald verschleiert und kühl, und dazu oft eine wundervolle Landschaftsferne. Aber er malt auch freskenartig auseinander gezogene religiöse Historien mit vielen Figuren, wie die Italiener, und dann hat er von allen Spaniern am meisten italienisches, ohne doch jemals in Italien gewesen zu sein. An dem zerlumpten Volk, den Bettlern und Krüppeln, die er auf solchen Bildern den Heiligen zugesellt, erkennt man eher den Spanier und den Realisten. Es kommen auch Kinder darunter vor, aber hauptsächlich sind es doch die Alten und Erwachsenen, die er da malen muß. Für die Kinder, die er sehr liebt, bat er seine besonderen Abteilungen. Ganz klein schwirren sie als Wolkenengel auf jenen Madonnenbildem und bei den Visionen einzelner Heiligen umher, manchmal in dichten Schwärmen und so, daß sie ganz in der Ferne nur noch ihre Köpfe zeigen und die Wolkenballen Engelgesichter bekommen zu haben scheinen. In etwas reiferem Alter treffen wir sie dann auf religiösen Genrebildern als „heilige Kinder“, Christus und Johannes, bisweilen begleitet von geflügelten Spielkameraden. Endlich kommen noch die Gassenbuben hinzu und die Mädchen aus dem Volke, ohne höhere Einkleidung, ganz wie sie sind und leben, unbeachtet und natürlich, manchmal in Lumpen und auch etwas schmutzig, immer aber zufrieden und seelenvergnügt. Das sind seine eigentlichen Genrebilder, die ihn am meisten populär gemacht haben. Diese Gassenjungen sind zwar nicht gerade individuell, und auch die Mädchenköpfe ähneln einander, denn Murillo war kein Porträtist, aber sie sind doch als Gattung echt und überzeugend. In ihrer ganz modern wirkenden Gegenständlichkeit verlangen sie keine Erklärung; man soll aber auch auf die ungemeine Kunst des Lichts und der Farbenwirkung achten und den sicheren Pinselstrich bewundern, der soviel Natur eingefangen hat. Die Italiener der klassischen Zeit haben dies profane Genrebild nicht gepflegt, erst bei Caravaggio, Ribera und Salvator Rosa zeigen sie Anfänge. Murillo führt uns also hier weiter in das Moderne hinein, so wie die vlämiscben und holländischen Bauernmaler, aber seine Art ist anders: nicht so derb und niemals unflätig, er gibt uns ferner immer das ruhige Dasein und umwebt es noch mit einem duftigen Schimmer von Stimmung und Poesie, so daß man nicht leicht ein solches Genrebild von ihm mit einem niederländischen verwechseln könnte. Außerdem haben diese Bilder lebensgroße Figuren, während im Norden der stark verjüngte Maßstab üblich ist. — Unser Bild, das nebst vier anderen schon früh in den Besitz der bayrischen Fürsten gekommen ist (keines hat eine Jahreszahl, denn Murillo bezeichnet sich selten und datiert fast niemals), zeigt uns ein Mädchen in zerrissenen Schuhen, das dem neben ihr hockenden Jungen den Erlös des kleinen Handels vorzählt Hinter ihnen öffnet sich die Landschaft mit einem feingestimmten Wolkenhimmel; auf anderen Bildern finden wir geschlossene Räume mit scharf einfallendem Licht. Das im Duft verschwimmende verfallene Gemäuer mit dem Blattwerk davor steht fast im Schatten, — vaporoso. Die Lichtführung von links ist deutlich und prächtig, der Früchtekorb eine Leistung, die ganz für sieb allein jedem Spezialisten Ehre machen würde.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682

(1617—1682)
Leinwand, 145×107 cm

Man hat mit Recht gesagt, daß Murillo, einer der hervorragendsten Kirchenmalcr aller Zeiten und von seiner frommen Mission durchdrungen wie wenige Künstler, den Himmel auf die Erde gezogen habe. Seine Heiligen sind schlichte, fromme Menschen, und selbst seine Engel, wie in der Engelküche des hl. Diego aus S. Francisco in Sevilla (jetzt im Louvre), konnten, irdisch gesund, wie sie sind nach Körperbau und Gehaben, der Flügel leicht entraten. Sein Realismus aber steigert sich, wenn sich bei Wunderdarstellungen hilfsbedürftige Sterbliche mit den Heiligen verbinden, so wie dies unter anderem bei der Armenspeisung und der Armenspende aus dem Zyklus der Diego-Legende v. S. Francisco in Sevilla, bei der hl. Elisabeth in der Akademie zu Madrid und bei dem Wunder des hl. Thomas von Villa nueva in der Pinakothek zu München sich findet. Dabei fehlt unter den verschiedenen Altern auch das Greisenhafte nicht, aber es begegnet uns nie in der abstoßenden Hospitalgestalt der Gemälde Riberas. Am besten freilich erscheint der Meister der harmlosen und genügsamen Bettelhaftigkeit essender, spielender oder sonst geschäftiger Kinder, sowohl im Einzelbildnis, wie ln dem lächelnden Blumenmädchen von Dulwich Castle und in der Eremitage von St. Petersburg oder in dem Knaben mit dem Hund der letzteren Sammlung, wie auch in Gruppen von zwei oder drei Figuren, von welchen München die entzückende Reihe von fünf Gemälden besitzt, nämlich die Melonenesser, die Pastetenesser, die geldzählenden Mädchen, den mit dem Hunde spielenden Knaben, den die Großmutter betreut, und die würfelnden Kinder, welches letztere Bild unser Blatt wiedergibt. Die gespannte Versenkung der beiden spielenden Kinder in die momentane Chance der gefallenen Würfel, ihre bezeichnende Gebärde, die gänzlich ungesuchten Stellungen sind ebenso bewundernswert, wie die Teilnahmslosigkeit des links stehenden Jungen, der auch das begehrlich zu dem Imbiß des Knaben emporblickende Hündchen ignoriert. Auch das Beiwerk, der Früchtekorb und der zerbrochene Krug, ist von bewundernswert wahrer Durchbildung. — Von Kurfürst Max Etuanuel aus dem Besitz des Gisbert van Ceuleu erworben.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682

(1617—1682)
Leinwand, 144×101 cm

Als Schüler des letzten der spanischen Italianisten Juan del Casillo hatte der bitterarme Waisenknabe Murillo nach dem Abgang seines Lehrers nach Cadiz seine Laufbahn mit schnöder Brotarbeit dir Dorf und Kolonien begonnen, unbemerkt in seiner stolzen Heimat Sevilla. Höhere Ansprüche scheinen ihm erst erwacht zu sein, als sein zurückgekehrtcr Landsmann Pedro Moya ihn angeregt, in Madrid weitere Studien zu machen, welche denn auch der fünfundzwanzigjährige Künstler auf Velazquez Rat mit Eifer in den königlichen Sammlungen betrieb. Dabei ließ er die älteren italienischen Meister, unter deren Eindrücken er seine erste Schule gemacht, unberührt, während Ribera, Velazquez und Rubens ihm den Weg zur Natur wiesen, diametral entgegensetzt jenem, welchen er in der Lehre des Juan del Casillo gewandelt war. Der Funke des eigenen Genies lies es jedoch nicht zu, den Bahnen dieser unselbständig zu folgen, und so blieben auch nach seiner Rückkehr seine Naturstudien sevülanisch, aus der Schilderung des Volkslebens, wie es ihn umgab und wie es ihm von Kindesbeinen an nahegestanden, beruhend. Er mochte sich selbst des Aufgehens in diesen Studien freuen und in ihnen einen Born seiner Entwickelung und vollen Ausbildung erkennen, weshalb er sie, worin ihm freilich Velazquez vorangegangen, über Studien und Skizzen weit hinausführte und unbeschadet seiner Stellung als Kirchenmaler zu vollen Bildern erhob. Dieses Kindergenre hatte mit der niederländischen Genremalerei weder inhaltlich noch technisch irgend etwas gemein, und verhält sich dazu vielmehr gegensätzlich, nämlich ebenso als Kinderleben städtischer Vorstädte zu dem Kneip- und Raufgenre holländischer Bauern, wie als lebensgroßes Gruppenbild mit wenigen Figuren zu den kleinen, figurenreichen, lärmenden Schcrzbildchen eines Brouwer und Ostade. Unser Bild zählt zu den gelungensten Genredarstellungen aller Zeiten. Die beiden Sevillaner Betteljungen überbieten sich an harmloser Natürlichkeit und Wahrheit.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682

(1617—1682)
Leinwand, 144×101 cm

Der feine und weiche Murillo, der unter allen spanisches Malern am meisten Poetisches hat, liebt auch besonders die Kinder, wie es Tizian, Rubens und van Dyck taten. Ganz klein treffen wir sie als Wolkenengel auf seinen Madonnenbildern und bei den Visionen seiner betenden Heiligen. Dann, in etwas vorgerücktem Alter, als Christus und Johannes, manchmal von geflügelten Spielkameraden begleitet, ganz wie bei Rubens. Und nun kommen noch die Gassenbuben und die Mädchen aus dem Volke, ohne jede höhere Einkleidung, so wie sie leiben und leben, unbeobachtet, sprechend natürlich, meistens in Lumpen und auch wohl ein wenig schmutzig, aber immer zufrieden und seelenvergnügt Das sind seine Genrebilder. Und sie haben Murillo, dessen Herz doch zuerst der religiösen Kunst angehörte, am meisten populär gemacht Die Münchener Pinakothek besitzt ihrer fünf, schon seit Alters, und das hier mitgeteilte (Galerienummer 1304) ist das beste. Diese Gassenjungen sind nicht gerade individuell, weil Murillo kein Porträtist war, aber sie sind doch als Gattung echt und überzeugend, und in ihrer ganz modernen Gegenständlichkeit bedürfen sie keiner Erklärung. Die klassischen Italiener lieben das profane Genrebild nicht, wir finden erst bei Caravaggio, Ribera und Salvator Rosa die Anfänge davon. Murillo führt es weiter, gleichzeitig mit den Holländern. Aber seine Art ist anders. Er ist niemals derb, er gibt uns sodann immer das ruhige Dasein, und er umgibt es bei aller Naturtreue doch noch mit einem Duft von Poesie, so daß man ein solches Genrebild nicht leicht fllr niederländisch halten würde. Auch hat Murillo lebensgroße Figuren, die bei den Nordländern selten sind. Und nun bewundere man die ungemeine Kunst der Lichtführung und der Karben Wirkung, den sicheren Pinselstricb und die naturwahre Wiedergabe alles Stofflichen.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682