Mariä Tempelgang


Die kleine Maria steigt mit einer brennenden Kerze bedächtig dieTempelstufen hinan. Oben unter dem Portal wird sie der Priester empfangen. Unten haben sich ihre Angehörigen versammelt, darunter Männer in orientalischer Tracht. Rechts auf der Treppe haben anmutige Genrefiguren platzgenommen, ein Knabe und eine Frau, die Geflügel und Obst feilhalten, dahinter stehen beturbante Männer. Den Mittelpunkt nimmt ein Säulenbau ein, den Hintergrund bergige Landschaft mit Palmen. Wer nicht ganz fremd ist in der italienischen Malerei, sieht sofort, daß er ein venezianisches Bild vor sich hat: an der stark hervortretenden Architektur, an den orientalischen Kostümen und der ruhigen, prozessionsartigen Haltung der Figuren. Und zwar muß es ein früher Venezianer sein, der noch unberührt ist von Tizians Lebendigkeit und den tiefen Farbenwirkungen Giorgiones. Die Gesamtfärbung ist kühl, die Kleiderstoffe zeigen nur Anfänge des Helldunkels. Jenen jüngeren Schülern des Giovanni Bellini gehen Cima und der ihm in den Gegenständen und auch in der Auffassung verwandte Carpaccio zeitlich voran, sie entsprechen stilistisch den Malern der florentmischen Frührenaissance. Aber Venedig stellte andre Aufgaben. Außer den überall begehrten Heiligenbildern hatten diese Maler große Wandgemälde, die hier das Fresko vertreten sollten, zu liefern mit Historien oder zeitgenössischen Vorgängen, Siegesfeiern, Weiheakten und Prozessionen, in denen zahlreiche Porträts angebracht wurden und der Reichtum der Lagunenstadt an kostbaren Kostümen sich entfalten konnte. Immer nimmt die Architektur Venedigs, die wirkliche oder eine phantastisch nachgebildcte, auf diesen Bildern einen breiten Raum ein. Auch aus der heiligen Geschichte wählte man gern die ruhigen Vorgänge, die sich leicht zu weltlichen Schaustellungen umbilden ließen. So wird die beliebte Darstellung von Mariens Tempelgang zu einem Stück venezianischen Lebens. Carpaccio und namentlich Tizian haben denselben Gegenstand größer und prächtiger gemalt. Dieses hier ist ein bescheidenes Bild, aber echt in Charakter und für die Dresdener Galerie, die an frühitalienischen Bildern nicht reich ist, besonders wertvoll. Es kam 1743 aus einer Kirche bei Venedig.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

CIMA DA CONEGLIANO 1489-1517 Dresdner Galerie FLORENTINISCHE SCHULE