Blendend bei den Meistern der Spätzeit — soweit sie eine national holländische Auffassung vertreten — wirkt ihre Schulung, überraschend die Leichtigkeit im Schaffen. Als lachende Erben der Künstlergeneration Rembrandts bewegen sie sich mühelos auf allen Gebieten. Ihre grossen Vorgänger hatten ihnen den Kampf um die Ausdrucksmittel abgenommen, waren darum auch tiefer in das Seelenleben eingedrungen; denn nur im Ringen um den Ausdruck wird es ganz hegriffen. Dusart ist unter diesen frühreifen Meistern einer der gestaltungsreichsten. War er auch bis nach 1700 tätig, so unterlag er doch nicht dem verderblichen französischen Einfluss. Schon die Werke, die er mit neunzehn Jahren schuf, sind im Gruppieren der Figuren und im Bilden des Raumes den späten Kompositionen seines Lehrers Adriaen van Ostade fast überlegen. Ebenso leicht wie den Pinsel handhabt er den Stichel, und keiner tat es ihm in Holland in der erst jüngst entdeckten Schah-kunst gleich. So verwundert es nicht, dass er sich auch als Zeichner den mannigfachsten Techniken anzuschmiegen wusste.

In der Richtigkeit der Zeichnung (freilich nicht das Rühmlichste, was sich von einem Künstler sagen lässt) war er gross und ühertraf den viel grösseren Jan Steen. Im Vergleich zu Ostade wieder, der persönlicher und intimer gestaltete, verfugt er über einen grösseren Reichtum an Typen.

Familie am Herd


Trotz eines kurzen Lebens hat der für Anregungen empfängliche Künstler eine lange Entwicklung durchgemacht. Unsere Zeichnung muss der frühesten Periode um die Mitte der siebziger Jahre, der Zeit eines engen Anschlusses an Ostade, angehören. Ist in der Beleuchtung der Einfluss Remhrandts deutlich — verwunderlich für diese späte Zeit, in der Ostade wie alle anderen Künstler den Stil des grossen Meisters bereits verleugneten — so sind Typen und Komposition ganz die seines Lehrers, nur erscheinen sie ins Unfreundliche und Derbe umgehildet.

Brandtrommler / Kornflicker


Die holländischen Künstler, die so gerne in das Einzelne eindringen und so leicht versagen, wenn sie mehrere Individualitäten zu einer Einheit zusammenfügen sollen, leisteten fast das Beste in der Darstellung der Einzelfigur. Wahrhaft bewunderungswürdig ist die Kunst, wie sie dabei fertige Kompositionen, eine nach allen Seiten motivierte Handlung zu gestalten verstehen, wie sie zugleich mit dem Individuellen das Typische des Standes anzudeuten wissen.

Die beiden Blätter gehörten vielleicht zu einer Folge einzelner Volkstypen und schildern die Mühen des Berufes des Brandtrommlers und des Korbflickers. Der erste schleppt sich unverantwortlich langsam nach der Seite, wo er den Brand vermutet; er scheint sich in der Richtung zu irren, wie ein eilends herheilaufender Bursche ihm sagt. Bei ihm wie hei dem Korbflicker ist das verschiedene Temperament treffend in Bewegung und Gesichtsbildung ausgedrückt. Der zweite muss mit zwei ineinander verzwickten Stühlen auf dem Rücken einen Hang hinaufklettern und kann sich die Last, die ihm unangenehm zwischen den Nacken gerutscht ist, nicht einmal bequem zurechtschieben, da er unter dem einen Arm ein grosses Strohbündel trägt. Bei dem Trommler erzählt der Umriss von Lässigkeit; die Kurven des Armes, der den Klöppel der Trommel hält, sind matt gebogen, das Gesicht mit stumpfem Kinn und stumpfer Nase wirkt energielos. Bei dem Korhflicker umgekehrt ist die Silhouette spitz und bewegt, sein Gesicht ist schräg nach unten gebaut, Nase und Kinn sind eckig, das Auge klein und lebhaft; er drängt nach vorne und flucht und schreit dabei.

Der Violinspieler


Dieses Blatt trägt eine unechte Bezeichnung des Jan Steen. Es steht ihm nahe in der humoristischen Auffassung, wie in den kleinen Verhältnissen des Kopfes und den merkwürdigen Verkürzungen. Aber die Konturen sind zu deutlich und trocken, die Verkürzungen zu gut gelungen, das Blatt verrät einen geübten, berufsmässigen Zeichner, und dies war Steen nicht. Ausser ihm kommt nur Dusart in Frage, der auf einer seiner Radierungen, einer Wirtshausszene, eine ganz ähnliche Figur wiedergiht. Vieles spricht fiir ihn: am meisten die virtuose Sicherheit, mit der die Hände gezeichnet und (bei den Füssen durch die Feuerkieke) das Unschöne der Verkürzungen vermieden ist, die sorgfältige Bemalung, der Ausdruck, in dem das Übertreibende und Wilde — das hei Steen so unwiderstehlich mitreisst — vermieden ist.

Das Blatt bezeichnet eine andere Entwicklungsstufe des Künstlers als die drei vorangehenden Zeichnungen. Der Einfluss Jan Steens, der schon im Typus des Korbflickers merklich ist, ist stärker als früher. Aber die Gestalt hebt sich nicht wie dort von dunklem Grund ah, sie steht in gleich-mässig lichten Tönen vor einer hellen Wand. Je mehr man sich dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts nähert, desto heller werden die Farben, desto lichter vor allem wird der Fond. Den Umschlag in der künstlerischen Auffassung empfanden schon die Zeitgenossen. So erzählt Houbraken, dass der Stillebenmaler Jan van Huysum es zuerst gewagt habe, die Blumen vor einen hellen Grund zu malen. Der Weg, der in dieser Richtung führte, war aber schon lange vorher heschritten worden, zuerst wohl von Carel Fabritius und Jan Vermeer.

Die Zeichnung wird ebenso wie die folgende, die (1688) datiert ist, aus den achtziger Jahren stammen, vermutlich geht sie dieser noch voran.

Der Krüppel


Noch mehr hat die Zeichnung mit dem Krüppel das absichtlich Gefällige der späteren Werke des Künstlers. Unschönes ist verborgen, Gliedmassen und Stützen des Krüppels sind in ein annehmbares Verhältnis zu der ganzen Figur gebracht, und vor allem ist die Figur im Umriss so zusammengeschlossen, dass man als abschliessenden Rahmen der Darstellung nur einen Kreis erwarten kann. Die Aquarellfarben sind weichlich verschwommen auf Pergament aufgetragen, statt der Feder ist schwarze Kreide gewählt, die, mit den Farben vermischt, unsauber wirkt. Das Motiv ist freilich derb, gewiss sagte es den Holländern des siebzehnten Jahrhunderts zu. Sie malten Krüppel schwerlich, um Mitleid zu erregen, sondern um ihres kuriosen Aussehens willen. Aus diesem kindlichen Empfinden heraus schufen sie besseres, als sie es mit moderner Humanität getan hätten, da sie nicht Gefahr liefen, tendenziös zu werden.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Cornelis Dusart