Das Deutsche Rathaus der Renaissance

In den vorangehenden Kapiteln ist auf die lokale Stellung der Rathäuser kaum Bezug genommen worden. Wenn man auch sagen kann, daß die Entwicklung in ihren Grundzügen in ganz Deutschland die gleiche Richtung nimmt so ist doch die Ausdrucksweise in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden. Auch nach dem allgemeinen Durchbruch der Renaissance besteht »die geistige Konfiguration des deutschen Kulturlebens aus einer Anzahl gesonderter, provinzialer Gebiete, die fast bis zum Eigensinn ihre Originalität und Selbständigkeit behaupten« .

Es wird hier nicht versucht, jede einzelne Stilprovinz abzugrenzen. Nur von dem großen Gegensatz, der zwischen norddeutscher und süddeutscher Architektur besteht, soll gesprochen werden. Den Rathäusern von Stadthagen, Münden, Paderborn, Bremen treten die Rathäuser im Elsaß, in Rothenburg, Nürnberg, Augsburg gegenüber. Daneben bilden die obersächsischen und schlesischen Rathäuser eine so bestimmte Gruppe für sich, daß sie auch im Rahmen dieses Kapitels eine gesonderte Betrachtung verlangen. —

Der charakteristische Gegensatz zwischen Nord und Süd am Anfang der Epoche ist der, daß man in Süddeutschland an die gotische Rathausfassade anknüpft, indem man z. B. das Motiv der Freitreppe weiterbildet, im Norden jedoch der Zusammenhang mit der bisherigen Gestalt so gut wie ganz fehlt. Und man hat hier für die ersten Rathäuser des neuen Stiles noch keine besondere Formulierung gefunden.

Von dem entschiedenen Ausdruck, der dem mittelalterlichen Rathaus gerade in den Hansastädten eigen ist, haben sie nichts. Manche könnten auch für Privathäuser gelten. So hat man die für das norddeutsche Wohnhaus bezeichnende, für dieses speziell erdachte „Auslucht“ auch dem Rathaus gegeben — oft als einzige Bereicherung der Fassade (Rinteln, Celle, Alfeld u. a.). Dagegen steht den Rathäusern im Elsaß und in Heilbronn ihre Bestimmung an der Stirn. Einen solchen Rathaustypus weist Norddeutschland damals nicht auf.

Die süddeutsche Fassade besitzt eine größere Einheitlichkeit als die norddeutsche. Beim Privathaus ist das weniger bemerkbar als bei dem umfangreicheren Thema des Rathauses. Der Sinn für eine zusammengehaltene, auf die Gesamterscheinung bedachte Komposition, wie er in der Freitreppenanlage in Verbindung mit einem Mittelbau auftritt, ist ein Vorzug des Südens. Dieser zusammenschließenden Art, der mit wenigen Mitteln ein entscheidender Eindruck gelingt, steht ein Rathaus wie das von Stadthagen gegenüber. Hier sind mehrere Akzente über die lange Front verzettelt. Die Beziehungen sind lose, zufälliger als im Süden. Daher kommt es auch, daß an norddeutschen Fassaden spätere Anbauten möglich sind, nicht aber an der geschlossenen Komposition eines süddeutschen Rathauses, das aus einem Guß fertig dasteht.

Das Nebeneinandersetzen gleicher Faktoren, wie es in Stadthagen der Fall ist, wie es dann im sächsischen Gebiet zur Regel wird, widerspricht dem süddeutschen Temperament, das sich durch solche Wiederholungen gelangweilt fühlt. Entgegen der Aufreihung gleichwertiger Faktoren in Niederdeutschland und Sachsen, hebt man in Süddeutschland schon früh ein Glied besonders hervor. Die Freude an plastischen Gegensätzen führt hier dann eher dazu, aus einer unregelmäßigen Grundrißform heraus eine architektonisch gegliederte Fassade zu gestalten, während man im Norden mehr zu einer von malerischer Empfindung getragenen Flächendekoration der nicht durch Ausbauten unterbrochenen Fassadenwand neigt. Eine Komposition, wie sie später in Franken, in Rothenburg, ihre klassische Ausprägung fand, hat Norddeutschland unter seinen Rathäusern nicht aufzuweisen. Was der Norden zu dieser Zeit unter einer reichen Komposition versteht, dafür geben die Niederlande bessere Beispiele. So stellt sich das Rathaus im Haag (1565) als ein würdiges Gegenstück zum Rothenburger Rathaus dar. Zu der Verbindung verschiedenartigst gebildeter Teile den stark differenzierten Giebeln, dem Eckturm, dem seitlich orientierten Portal, tritt hier noch der Wechsel von Ziegel- und Haustein in unregelmäßiger wohlüberlegter Verteilung als besondere Belebung der Wand. Eigentümlichkeiten im Aufbau, die sich in Süddeutschland nicht finden, in der holländischen Architektur dagegen allgemein sind, daß z. B. die Last des vorgekragten Giebels ohne Einfluß auf die Konsolen ist, die unter geringerer Belastung an den Frontecken die gleiche Form haben, die Art, wie diese Konsolen mit den Ziegelpilastern verbunden sind und wie die Giebelwände mehr unter malerischem als struktivem Gesichtspunkt gegliedert sind, sie decken sich mit dem, was wir an der norddeutschen Renaissance im Gegensatz zur süddeutschen beobachten.

Gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts bildet die norddeutsche Architektur unter dem Einfluß der Niederlande ihre eigene Sprache aus, und damit gewinnen auch die norddeutschen Rathäuser einen individuelleren Ausdruck. Der Gegensatz gegen die gleichzeitigen Rathäuser im Süden verschärft sich und wird mit dem allgemein sich steigernden Reichtum der Ausgestaltung immer deutlicher.

Der Gegensatz erscheint besonders stark, wenn man den Rathäusern von Bremen, Paderborn die zwei Hauptrepräsentanten Süddeutschlands, die Rathäuser in Nürnberg und Augsburg, gegenüberstellt, somit der norddeutschen Spätrenaissance nicht die süddeutsche oder, wenn man will, den süddeutschen Barock, sondern Werke italienisch geschulter, italienisch denkender Architekten. Der Pracht und der Bewegung der Bremer Front steht die Nürnberger Fassade ruhig und schmucklos gegenüber. In Bremen wie in Paderborn ist die Fläche aufgelöst in Schichten und kleine Felder von mannigfaltigstem Charakter. In Nürnberg und Augsburg sieht man es ab auf wenige, aber entschiedene Cäsuren. Man hält die Flächen zusammen, und das Wichtigste ist, ein wohltuendes Verhältnis von Mauer zu Öffnung herzustellen. Die Nürnberger Front sucht dabei durch die gleiche Folge ein und derselben Fensterform zu wirken, während das Temperament des Elias Holl einen lebhafteren Wechsel in der Durchlochung der Wand verlangte.

Es sind einheitlich gebildete Körper. Allerdings stellt sich heute das Nürnberger Rathaus im ganzen als ein Konglomerat aus mehreren Jahrhunderten dar, der ursprüngliche Plan jedoch ging dahin, das Gebäude gleichmäßig vierflügelig den Hof umschließen zu lassen, eine Anlage, auf die man in Norddeutschland damals nicht gekommen wäre1).

Das Erdgeschoß wird als festes Sockelgeschoß individuell behandelt. Man legt nicht Arkaden vor, die sich einladend öffnen wie in Bremen und Paderborn. Am Nürnberger Rathaus zeigt das Erdgeschoß eine geringe, unregelmäßige Durchlochung, als habe es sich noch nicht ganz frei gelöst von der Gesteinsmasse des Erdreichs, noch nicht die Selbstbestimmung und die Gesetzmäßigkeit der oberen Geschosse gewonnen. In der Tat hat in Nürnberg der Sockel die starke Steigung des Geländes auszugleichen. Elias Holl hätte sich an der Fassadenseite auf keinen unregelmäßigen Unterbau eingelassen. Auch er trennt das Erdgeschoß ab, verlangt aber bereits hier eine klare, dem Oberbau analoge Gliederung.

Der blockmäßige Charakter verbietet jenes lebhafte Ausklingen des Gebäudes in einen bewegten, sprühenden Kontur, wie ihn das Bremer Rathaus besitzt. Die Geraden und allenfalls die in einer Kurve ausschwingenden Linien werden gesucht. Am stärksten betont man den horizontalen Abschluß gegen das Dach. Auch in Bremen gibt es eine Balustrade, aber — an sich von leichterer, durchsichtigerer Art als in Augsburg und Nürnberg — wird sie durch die drei Giebel und das ansteigende Dach in ihrer Wirkung geschwächt. In Nürnberg spricht das Kranzgesimse das Hauptwort. Die Dachbauten nehmen seine Horizontalbewegung noch einmal auf. Der Dachstuhl spielt in der Gesamtansicht keine Rolle. Noch viel weniger gilt das Dach in Augsburg, wo sich nur über dem Mittelbau ein Dachstuhl erhebt, dessen Steilheit sich jedoch völlig hinter dem Giebel verbirgt und erst durch einen Aufriß entdeckt wird.

Trotz dieser direkt auf Italien weisenden Eigenheiten, denen sich natürlich auch italienische Detailformen wie Portal- und Fensterumrahmungen beigesellen, wirken die beiden Gebäude nicht als unverstandene Nachahmungen. Die Architekten waren selbständige Künstler genug, ihre italienischen Eindrücke zu verarbeiten. Man kann sich unmöglich vorstellen, daß diese Bauten in Italien selbst gewachsen seien. »Wie wir die Nationalität eines Ausländers, auch wenn er gut deutsch spricht, sofort an seiner Aussprache erkennen, so erkennen wir im Nürnberger Rathaus auf den ersten Blick das Werk eines deutschen Meisters.“

Elias Holl hat wohl noch mit genialerer Intuition als Wolff den Geist italienischer Baukunst erfaßt. Dabei war er nicht durch gotische Teile behindert wie der Nürnberger Architekt und hatte auch im Grundriß freie Hand. Holl hätte sich wohl niemals mit einem Umoder Anbau begnügt. Er, der »größte unter den deutschen Palladianern“, besaß ein Verständnis für den fremdländischen Raumsinn wie kein andrer seiner Landsleute. In Norddeutschland vollends gibt es keinen gleichzeitigen Raum, der auch nur annähernd dem „goldnen Saal“ zu vergleichen wäre. In Bremen zerstörte man damals die ursprüngliche Form des gotischen Saales, indem man den Einbau für die Risalitzimmer machte, ein Beweis, wie wenig der Sinn für einen einheitlichen übersichtlichen Raum im Norden entwickelt war. —

Die Rathäuser von Nürnberg und Augsburg nehmen eine exklusive Stellung in der damaligen Architektur Süddeutschlands ein. Wohl kann es als ein Zeichen feinen Instinktes bezeichnet werden, daß gerade Rathäuser, die ein Gemeinwesen nach außen und innen vertreten, das repräsentative Gewand italienischer Architektur tragen. Um jedoch die norddeutsche Eigenart deutlicher noch hervortreten zu lassen, wollen wir den Rathäusern von Münden, Bremen, Paderborn diejenigen Gebäude entgegenstellen, die man unter dem Begriff süddeutscher Spätrenaissance oder süddeutschen Barocks faßt. Durch die reiche Verwendung dekorativer Elemente erscheinen sie den norddeutschen Fassaden näher verwandt. Und doch haben sie ein Wesentliches mit den Rathäusern von Nürnberg und Augsburg gemeinsam: Die Folgerichtigkeit der tragenden und lastenden Glieder, den organischen Aufbau der Fassade. Bei der Charakterisierung eines Sockelgeschosses als starken Fundamentes eines üppigen Oberbaues wie bei der Gestalt des Giebels, von dem im besonderen die Rede sein wird, geht man aus auf eine gefestigte sichere Existenz. In Norddeutschland wird den konstruktiven Teilen nicht mehr Wert beigelegt als der Dekorierung eines Frieses oder eines Brüstungsfeldes. Wichtiger, als daß sie Glieder eines geschlossenen Gefüges sind, ist ihre Wirkung in der Fläche. Man empfindet nicht als notwendig, daß die Vertikalen eines oberen Stockwerkes in der Fortsetzung der Erdgeschoßträger sitzen, daß alles »/Stimmt« wie bei einem Rechenexempel. Man freut sich an dem Unexakten wie an den Unregelmäßigkeiten einer echten Spitze. Der Beschauer soll nicht einzelnen begrenzenden Linien nachgehen, sich nicht über die Brüchigkeit der Verbindungen aufhalten; er soll den reizvollen Wechsel in der Aufeinanderfolge verschiedenartigster Oberflächen, glatter und fazettierter Schichten, dicht aufgereihter Fenster und ornamentaler Bänder erfassen. Es sei vor allem an die Bremer Rathausfassade erinnert: die krausen Formen der Ornamente und figürlichen Füllungen neben der glatten Kernmauer, die Fensterflächen und die mit Wohlbedacht von der alten Front übernommenen Baldachimfiguren dazwischen, die prunkenden Giebel und die schlichte Dachfläche, die wieder ein zackiger Kamm einfaßt.

In Süddeutschland wird man bei der Dekorierung und Durchlochung der Wand nie den Organismus der aufsteigenden Mauer vergessen. „Die großen Teilungslinien des Systems,“ sagt Bezold gelegentlich des Heidelberger Friedrichbaues, „treten aus der Fülle der Formen klar heraus“. Die Durchlochung geht in Süddeutschland nicht bis zu der starken Negierung der Mauer wie im Norden, wo man ein Geschoß vollständig in Öffnungen auflöst und nur die notwendigsten Stützen, spindeldürre Säulchen, stehen läßt. So ist es bei den Paderborn er Vorbauten und beim Bremer Risalit, das sich in noch größeren Dimensionen in die Höhe baut. Für süddeutsches Gefühl wäre das ein zu dünnes Gerüst. Elias Holl hätte nicht begriffen, wie man etwas so schwebendes, bewegliches, im Licht flimmerndes aus der alten geschlossenen Bremer Front machen könne. Ihm wäre das so fremdartig vorgekommen wie einem Florentiner Baumeister ein venetianischer Palast Das Bremer Rathaus könnte man sich auch am Rande spiegelnden Wassers denken. Stammen ja doch auch wesentliche Züge dieser Fassade, wie der norddeutschen Architektur jener Zeit überhaupt, aus einem wasserreichen, dem Meere nahen Lande, von Menschen, die mit ähnlichen Sinnen begabt waren wie die Venetianer. Für einzelne Teile hat man auf bestimmte niederländische Vorlagen hingewiesen1). Mit dem Prunk der Gesamterscheinung können selbst die reichsten holländischen Fassaden nicht wetteifern. Wie weit der kompositioneile Oedanke, die Verbindung des zentralen Risalits mit dem Arkadenbau, Eigentum des Architekten gewesen ist, ist schwer zu entscheiden. Unter den gleichzeitigen Rathäusern der Niederlande findet sich kein Vorbild. Wohl aber möchte auf eine gotische Analogie in Belgien, das Rathaus in Audenarde, hinzuweisen sein, so sehr zunächst die Verschiedenheit der Proportionen einem Vergleich entgegensteht. Die Verteilung der Akzente ist die gleiche: Eine Arkadenanlage längs der Front, ein vertikaler Mittelakzent darüber, ein Dacherker jederseits als Begleitung. Die innere Verwandtschaft, die beide Gebäude zu Erzeugnissen nordischer Architektur stempelt, besteht in der Unbefangenheit, mit der in Audenarde der Turm, in Bremen das Giebelrisalit über dem Altan aufsteigt, ohne daß sich in dem Unterbau eine wesentliche Vorbereitung findet. In Süddeutschland hat man bei ähnlich lautenden Dispositionen diese wenig stabile Verbindung zu vermeiden gewußt (vgl. Rathaus von Heilbronn). —

Den Norden kennzeichnet die besondere Vorliebe für figürlichen und ornamentalen Schmuck. Das Gefühl, nicht an der reinen architektonischen Form Genüge zu finden wie der Romane, treibt zu der liebevollen Ausdeutung von Friesfüllungen und Konsolenköpfen. Das Auge ist oft in Versuchung, bei dieser Kleinkunst, die gern eine symbolische oder historische Geschichte erzählt, länger zu verweilen als bei der Gesamterscheinung der Fassade, und manchmal steckt wirklich in einem solchen Detail mehr Gelingen als in der großen Komposition des Gebäudes.

Bei der reichen Ausdeutung der Fläche ist keine starke Plastik in den norddeutschen Fassaden. Leise treten die Glieder aus der Wand vor, die dünnen Schatten von Gesimsen und Bändern verflüchtigen sich rasch ins Licht, das auf den gemusterten Quadern und figürlichen Füllungen vibriert. Die Tür- und Fensterrahmen, die in Süddeutschland sich immer kräftiger vor der Wand entwickeln, bleiben hier im Bereich der Fläche. Auch die für den Norden charakteristische Auslucht schiebt sich nur sacht aus der Wand hervor, ein schmales Rechteck im Grundriß. Ihr süddeutsches Gegenstück ist der lebhaft vorspringende polygone Erker.

Bei der Freude an der Belebung der Fläche, an der Verwendung mannigfacher Dekoration ist das Verständnis für Verhältnisse in Norddeutschland nicht in dem Maße entwickelt wie im Süden. Selbst da, wo man einmal die Fassade durch ein reinliches System von Pilastern und Gebälk aufteilt, wie an dem italienisierenden Fürstenhaus in Wismar, hat man die Fenster höchst ungeschickt in die rahmende Gliederung eingesetzt. Der Sinn für ein rechtes Verhältnis von Wand zu Öffnung fehlt, und die Vorzüge des Gebäudes sind im Detail, in den Pilasterfüllungen und Friesreliefs zu suchen. Man halte dem das Rathaus von Straßburg entgegen, dessen Fassade ebenfalls aus einem durchgeführten Gerüst vertikaler und horizontaler Glieder besteht. Sie sind an sich von reicherer Art; ebenso deutet das Format der Felder auf spätere Zeit. Aber unabhängig davon ist das stärkere Gefühl für die Beziehungen der Teile zueinander. Das Ausschlaggebende ist hier nicht der Wechsel in der Behandlung der Fläche und nicht die einzelne Verzierung, sondern das rhythmische Verhältnis der Felder, wovon der Norden selten etwas weiß. —

Das Rathaus von Emden. Die ostfriesische Renaissance kann nach Pauli mit Recht als eine Stilprovinz der niederländischen Kunst bezeichnet werden.

Auch das Emdener Rathaus nimmt durchaus eine Sonderstellung unter den norddeutschen Rathäusern ein. Man hat hier sogar auf ein bestimmtes niederländisches Vorbild, das Rathaus von Antwerpen, hingewiesen. Wir kennen dieses nur in einem Wiederaufbau von 1581, und es ist nicht ersichtlich, wie weit dieser das Rathaus von 1561—65, das in der Zwischenzeit zerstört war, reproduziert. Jedenfalls ist der offene Umgang unter dem Walmdach bis auf die glückliche Ecklösung, das verstärkende Zusammenrücken der Pfosten, dem Emdener und dem heutigen Antwerpener Rathaus gemeinsam. An Antwerpen erinnert auch die Gesamtfigur des Emdener Rathauses, dessen mächtige Erscheinung gleichwie der großangelegte Grundriß des Hauptgeschosses aus dem Rahmen der zeitgenössischen norddeutschen Rathäuser herausfällt1), dann das Unterbrechen der gleichmäßigen Fassadengliederung, der Galerie und des Daches durch ein Giebel-Risalit. Aber die Formen der Gliederung und die Proportionen der Fenster sind völlig verschieden, und es liegt keine Veranlassung vor, für den Emdener Entwurf den nämlichen Architekten anzunehmen wie für das Antwerpener Rathaus, sofern dieses sich auch nur einigermaßen an das ältere Gebäude anschließt. Ja, die Kombination des Blendgiebels mit dem Dachturm in Emden, die Konstruktion des Turmes selbst, sowie ferner die ornamentierte Blendbogenverdachung der oberen Erdgeschoßfenster, die Hausteinbänderung der Seiten- und Rückfront, die Verwendung schmiedeeiserner Dekoration an der Fassade — das weist eher auf Holland als auf Belgien2), und wird seinen Grund in der Herkunft des aus Delft stammenden Architekten haben, der nachweislich den Bau ausführte. Man vergleiche auch den Emdener Mittelbau und seinen im Verhältnis zur Front zu kleinen und zu zart gegliederten Giebel, der die Fassade nicht beherrscht, mit dem in vlämischer Pracht und Breite sich erhebenden Risalit des Antwerpener Rathauses. Bemerkenswert ist ferner, daß in Antwerpen der übers Dach aufsteigende Giebel bis ins oberste Geschoß als Verkleidung von Räumlichkeiten dient im Gegensatz zu dem Blendgiebel in Emden.

Obersachsen, Schlesien. Die Rathäuser der sogen, „sächsischen Schule“, meist aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, haben in ihrer kahlen trockenen Art viel Verwandtes mit den frühen Bauten in Nordwest-deutschland. Aber während dort nach den ersten ärmlichen Versuchen unter dem Einfluß der Niederlande neue reichere Formen auftauchen und ein frischer Zug in die Komposition kommt, haftet den sächsischen Gebäuden dauernd etwas Nüchternes, Freudloses an. Zu diesem Eindruck trägt auch das Material bei, dem man überall begegnet, ein stark nachgedunkelter Verputz und graue Sandsteingliederungen. Man denkt zurück an die bemalten Häuser am Oberrhein, an den hellen gelben Stein in Rothenburg, an die leuchtenden Farben des Heilbronner Rathauses, an die farbigen Fassaden der Küstenstädte.

Ein Charakteristikum der sächsischen Rathäuser, die in Reih und Glied aufgereihten Dacherker, wurde bereits genannt. Immer wieder bildet dieses gleichmäßige Nebeneinanderpflanzen den wesentlichen Schmuck der Fassade, spät noch bei dem dem Wittenberger nachgebildeten Rathaus in Guben. Ein solches Bekrönungsmotiv, das man entsprechend dem Fassadenformat beliebig beschneiden oder fortsetzen kann, ist der nach Geschlossenheit verlangenden süddeutschen Art zuwider.

Auch in der freieren Gruppierung, wie man sie am Altenburger Rathaus angestrebt hat, bleibt etwas Mühevolles, nicht auf einen Wurf Gelungenes. Wie der eine Erker halb in der Wand drin steckt, das käme in Franken nicht vor. Auch würde man dort nicht darauf verfallen, aus einer Ecke sich einen runden Erker entwickeln zu lassen, wie das im sächsischen Stilgebiet häufig geschieht. Ein Vieleck müßte es sein. Beim Rothenburger Rathaus kann man sehen, wie viel besser ein so geformter Erker zu einem polygonen Treppenturm steht. In Altenburg fehlt dem Beieinander die Notwendigkeit.

Von Bedeutung ist der Turm am sächsischen Rathaus. Er enthält in seinem unteren Teil die Haupttreppe und wird manchmal weit über die Dachhöhe hinaufgeführt. Über dem viereckigen Unterbau erhebt sich ein polygoner Stamm mit doppelt durchlochtem, geschweiftem Helm. Dort, wo ein solcher in lebhaft bewegter Form aufsteigender Kupfer- oder Zinnhelm nicht von späteren Renovierungen herstammt, mag man wohl mit Recht auf die Einwirkung niederländischer Renaissancetürme raten. In Schlesien scheint bei dem gleichartigen Turmhelm des Brieger Rathauses tatsächlich ein Zusammenhang mit den Niederlanden zu bestehen.

Das Ärmliche und Unfreie im Äußeren der meisten sächsischen Rathäuser offenbart sich auch in einigen Grundrissen. In Plauen z. B. empfängt uns ein enger dunkler Flur. Auch die umfangreichere Anlage des Wittenberger Rathauses hat eine kleinliche, geizige Disposition. Eine weiträumige Diele fehlt, weil sie nicht unbedingt nötig war. Diese „nüchterne und raumsparende Zweckmäßigkeit“ scheint mir nicht lediglich, wie Stiehl meint, ein Gegensatz zu den mittelalterlichen Anlagen zu sein. Es ist vielmehr ein Ausdruck sächsischer Engherzigkeit. Man erinnere sich, wie anders die Gesinnung in den späteren Rathäusern von Emden, Paderborn, Augsburg ist. —

Schweinfurt steht mit seinem Rathaus auch stilistisch auf der Grenze nach Franken hin. Wenn man von dort kommt, empfindet man deutlich, daß hier eine andere Luft weht als in Rothenburg. Einzelformen und Material weisen das Gebäude zur sächsischen Gruppe. Stammte doch auch der Architekt aus Halle. Andererseits ist die Komposition eine so einheitlich erdachte, die im Grundriß festgelegte, sich aus ihm entwickelnde Gliederung der Fassade eine so reiche, wie man sie sonst nur in Süddeutschland antrifft. Die Rothenburger wußten, was sie taten, als sie den Architekten zur Begutachtung ihres neuen Rathausentwurfes zu sich beriefen. —

Der Giebel.

In der Behandlung der Giebel, die den hohen Dachstühlen entsprechen, wiederholen sich die charakteristischen Eigenheiten der großen Komposition in konzentrierter Form. Denn noch intensiver als die Spätgotik hat sich die Renaissance der Giebelwand bemächtigt. Sie mag sich oft mit einem schmucklosen Unterbau bescheiden, um dann am Giebel all ihre Dekorationslust auszulassen. So braucht es oft nur des Giebels, um zu erkennen, wo und wann ein Haus gebaut wurde. In den Giebelzügen spricht sich die Natur der Fassade ähnlich bedeutsam aus wie das Wesen einer menschlichen Erscheinung im Gesicht. Das gilt vor allem für das eingebaute Privathaus, das allein die hohe Front der Straße zuwendet. Aber.auch das Rathaus kann — sofern es nicht ganz aus italienischer Empfindung entstanden ist — dieses eigentlich nordische Gebilde, auf dem der Hauptunterschied zwischen deutscher und südländischer Straßenperspektive jener Zeit beruht, nicht entbehren. Der Giebel erscheint als Dachabschluß und als Krönung von Erkern, so daß manchmal mehrere Exemplare verschiedenen Formates an einem Gebäude vertreten sind. Bei der wichtigen Rolle, die dem Rathaus im Stadtbild zukommt, wird sich auch an seinen Giebeln der zeitliche und örtliche Charakter in hervorragender Weise ausprägen.

Das Format des Giebels und sein Verhältnis zum Unterbau. Der Giebel ist im Norden gewöhnlich steiler als in Süddeutschland. Die Schrägen laufen in spitzerem Winkel zusammen. Er reckt sich hoch hinauf und überschneidet oft um das ganze skulpierte Schlußstück den Dachfirst. Man fragt sich manchmal, ob die Fassade die hohe Hauptzier wirklich tragen könne. In einigen Fällen ist der Giebel höher als der Unterbau (Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo; Hauptbeispiel in den Niederlanden, wo das Emporsteigen der Giebelspitze über den Dachfirst besonders häufig ist: die Haarlemer Fleischhalle). Im Gegensatz dazu ruht er in Süddeutschland breitbeinig sicher auf der viel höheren Fassade (Rothenburger Rath.). Man vergleiche das Verhältnis von Unterbau zu Giebel beim Paderborner Rathaus und beim Nürnberger Pellerhaus: Dort der Giebel gewichtig dominierend, als wenn der Unterbau nur da wäre, ihn zur Geltung zu bringen, in Nürnberg lediglich ein abschließendes Schmuckstück der stattlichen Front.

Aus dem Buch: Das deutsche Rathaus der Renaissance (1907), Author Grisebach, August.

Siehe auch:
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Vorwort
Die Bedeutung des Rathauses im Stadtbild
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil I
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil II
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Fachwerkrathäuser
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Die Fassade
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Grundriß und Aufriß

Das Deutsche Rathaus der Renaissance

Der Grundriß des Rathauses ist seinem Inhalt nach bedingt durch die Grösse und durch die Verwaltungsform jeder einzelnen Stadt, daher läßt sich unter diesem Gesichtspunkt keine chronologische Reihe aufstellen. Unabhängig dagegen von diesen äußeren Bedingungen ist die Art, wie man die Räume kombiniert. In dem Wandel, den die Kombination der geforderten Räumlichkeiten sowie ihr kubisches Verhältnis aufweist, spricht sich eine Ent Wicklung aus, die mit der des Außenbaues zusammengeht. Und zwar wird der Zusammenhang zwischen Innen- und Außenbau im Verlauf der uns hier beschäftigenden Periode immer enger.

Bei den älteren Rathäusern bestand das Hauptgeschoß oft nur aus einem einzigen Raum, oder dieser nahm zum mindesten die ganze Frontseite ein. Daraus erklärt sich deren symmetrische Gliederung:

DieFassade eines reinen Saalbaues gab zu keiner irregulären DispositionAnlaß. In den Rathäusern aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist der Grundriß mit wenigenAusnahmen mehrfach geteilt und zwar ist die Teilung keine reguläre. Das Beieinander der Räume erscheint nur dem Bedürfnis angepaßt, die Stellung der klei- Abb.40. Altenburg, Hauptgeschoß1), neren Zimmer zum Hauptraum zufällig. Während die Fassaden dieserZeit an der Gleichgewichtskomposition noch festhalten, ist in den Grundrissen von einer symmetrischen Anordnung nichts zu spüren. Wohl aber liegt in dem Format der einzelnen Räume, lauter geschlossenen Rechtecken, eine Analogie zur äußeren Erscheinung der damaligen Gebäude: Festgebunden wie die Umrißlinie sind die rechtwinklig aneinander stoßenden Teile des Inneren (Ensisheim).

Als man die geschlossene Fassade auflöst, Türme und Erker aus dem Rumpf hervorzieht und das Haus nach oben lebhafter ausklingen läßt, zeigt auch der Grundriß nicht mehr das rechtwinklige Gefüge. Er wird zu einem bewegten abwechslungsreichen Gebilde, das Wiederholungen vermeidet und möglichst ungleiche Teile zu gruppieren sucht. Im Gegensatz zu früher, wo sich oft zwei oder mehr große Räume von annähernd gleichen Abmessungen benachbart sind, entsteht jetzt das reizvolle Thema eines Mittelraumes, um den sich kleinere Gemächer herumschließen. Wie man sich nicht scheut, die Umfassungsmauern in stumpfem oder spitzem Winkel aneinanderstoßen zu lassen, zieht man auch im Inneren einzelne Wände so, daß trapezförmige Zimmer entstehen (Altenburg). Ferner pflegt der eingebaute Treppenturm mit einem Stück seines Polygons in den Dielenraum einzudringen, ihn, oft an einer beliebigen Stelle, zu beschneiden.

Diese Zeit mit ihrer Freude am Ausgebuchteten, Winkligen eingenisteter Bauglieder hat keinen frei nach allen vier Ecken sich ausdehnenden Saal geschaffen. Dazu kommt die horizontale, im Verhältnis zur Breite und Tiefe des Raumes meist niedrige Balkendecke an Stelle der mittelalterlichen Saalgewölbe, die über die Nebenräume emporstiegen.

Die Ratszimmer namentlich kleinerer Gemeinden haben mit ihrer in warmen Tönen gehaltenen Täfelung und den stattlichen, oft der Wandmitte Vorgesetzten Kachelöfen etwas Bürgerlich-Wohnliches, nicht das Aussehen von Sitzungsräumen eines Stadtregiments. In vielen Fällen trägt zu diesem Eindruck der Erker bei. Vom Privathaus herstammend bringt er durch seine Form, die Art seines Anschlusses an den Raum und nicht zuletzt als starke Lichtquelle das freundliche Behagen eines Wohnzimmers in den Amtsraum hinein. Auch abgesehen vom Erker ist eine ungleichmäßige Lichtzuführung mitbestimmend für den bürgerlichen Charakter der Räume. Sie sind im allgemeinen heller als ehemals, aber sie besitzen nicht das gleichmäßige ruhige Licht, das späteren Beratungssälen Würde verleiht. Wer der deutschen Renaissance „Monumentalität im höchsten Sinne“ nicht zuerkennt, wie Bezold in der Einleitung zur „Baukunst der Renaissance“, wird sich vorzüglich auf die Gestaltung dieser offiziellen Räumlichkeiten aus der Zeit ihrer eigentlichsten Blüte berufen können. Das seltenere Vorkommen großer Säle im 16. Jahrhundert allein aus einer veränderten Verwaltungsform zu erklären, daraus, daß an die Stelle der früheren allgemeinen Bürgerversammlungen der „große Rat“ getreten ist, geht nicht an.

Eines begegnet uns in den wichtigsten Grundrissen aus dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts, was das 17. — auch da, wo es im übrigen ganz anders denkt, — aufgenommen und weiter entwickelt hat: man bemißt den Raum im Rathaus nicht nach knappem Bedürfnis, sondern schafft mehr als der praktische Zweck es fordert. So gibt es in Schweinfurt und Rothenburg außer dem alten Saal eine geräumige Diele, als Verbindungs- und Warteraum für die Ratszimmer. Die Treppe mündet nicht auf einen engen Flur, auch nicht geradewegs in einen der Arbeitsräume, wie das früher wohl vorkam. Ein Vorsaal von bedeutenden Dimensionen lehrt den Besucher, Achtung zu haben vor dem Hause, das er betritt. —

Bedingt die Zahl der notwendigen Lokalitäten ein weiteres Stockwerk, so hält man sich, mehr als früher, an die Anlage des unteren Geschosses, nicht nur in den durch die Konstruktion gegebenen Hauptteilungen. Denn wie man allmählich auf Vereinfachung und Klärung des einzelnen Grundrisses ausgeht, will man auch die Folge der Stockwerke gleichmäßig durchbilden. Sie kündigen sich an der Fassade gleichartig an und sollen sich nun auch imGrundriß gleichen. Strebt man doch nach einem immer festeren Zusammenwachsen des Innenbaues mit dem Außenbau!

Auch die Abgrenzung einzelner Fassadenteile findet manchmal bereits in der Phase der malerischen Komposition ihre Bestätigung im Grundriß; so z. B. beim Schweinfurter Risalit. Andererseits geschieht aber viel nur im Interesse der Außen Wirkung. Der Treppenturm, der die Front halbiert, hat auf die Teilung des Inneren keinen entsprechenden Einfluß. Und im besonderen spricht bei der Durchlochung der Wand und der Gruppierung der Fenster mehr der Wunsch, daß die Augen des Gebäudes sich nach außen gut präsentieren, als daß sie zum einzelnen Raum hin passend orientiert sind.

Wie sich bei den späteren Rathäusern die Einheit von Grundriß-und Fassaden-Komposition gestaltet, wurde gelegentlich der Mündener Fassade gesagt (S. 125). Am Augsburger Rathaus wird sie am deutlichsten. In dieser Anlage prägt sich der Gegensatz zu den bisherigen Formulierungen um so schärfer aus, weil hier die Persönlichkeit des Architekten aus den in der Zeit liegenden Bestrebungen die letzten Konsequenzen gezogen hat. Die Symmetrie der Fassade deckt sich mit der des Grundrisses. Er ist der einzige, der formal groß durchgedacht ist. Neben dem des Altenburger Rathauses erscheint er wirklich von »abstrakter Regelmäßigkeit“. Kann man doch das Verhältnis der Eckgemächer zum Zentralraum zahlenmäßig feststellen. Eine Hälfte des Grundrisses entspricht genau der anderen. Das erstreckt sich bis auf die Fenster und die Türen, die in gleicher Achse liegen. Die Kombination wird beziehungsreich, ein Raum bereitet den anderen vor; alle scheinen dem im obersten Geschoß gelegenen Hauptraum untertan. Die Freude am Raumreichtum hat sich bis zu einer verschwenderischen Pracht gesteigert. Gleich die Eingangshalle lehrt, daß man es mit bis dahin unerhörten Ansprüchen an Dimensionen zu tun hat. In dem „goldnen Saal“ vollends lebt — zum erstenmal wieder seit den mittelalterlichen Sälen — ein groß geartetes Raumgefühl. Gleich jenen erhebt er sich über die Nebengemächer, die jedoch hier durch ihre Anordnung, ihren Grundriß und ihr Volumen einen festen Zusammenhang mit ihm bewahren.

Auch in der Ausstattung der Räume ist eine Wandlung gegen früher zu bemerken. In Augsburg wie in Nürnberg, wo wir z. T. nur auf schriftliche Nachrichten angewiesen sind, ist man auf eine wohlüberlegte Steigerung der Dekoration von der Eingangshalle bis zu den Haupträumen bedacht gewesen. Das hat seinen Grund einmal darin, daß die Rathäuser dieser wohlhabenden Städte in einem Zuge bis zu Ende aufgeführt und geschmückt werden konnten. Aber wir dürfen, obwohl sich keine ganz originale Rathauseinrichtung des 16. Jahrhunderts erhalten hat, annehmen, daß man nirgends so planvoll in der Dekoration vorgegangen ist wie jetzt. Einzelne Räume werden aufs reichste ausgestattet, andere dagegen kahl geblieben sein. Den Eindruck, den die rechte Aufeinanderfolge von Räumen nicht nur nach ihren kubischen Werten, sondern auch nach der Ausstattung hin zu geben vermag, hat man bis dahin nicht zu schätzen gewußt. —

Das Erdgeschoß und dieTreppe. Das Erdgeschoß behält im 16.Jahrhundert gewöhnlich seine besondere Bestimmung wie im Mittel-alter. Die Sphäre der Verwaltungs- undAmts-räume beginnt erst im oberen Stock. Doch verändert es sich in seiner äußeren Erscheinung, indem die teilweise oder vollständige Auflösung in eine offene Pfeilerhalle, die vielbeinig den Saal trägt, wie sie sich z. B. in Lübeck und im Anfang des 16.Jahrhunderts noch in Ensisheim findet, nicht mehr vorkommt. Das Geschoß schließt sich nach außen. Es wird zu Lagergewölben und zu Verkaufsräumen, auch zu Trinkstuben benutzt und von der Stadt vermietet. In Emden rechnete man bei dem Bau des neuen Rathauses geradezu mit dieser Einnahme. Am Ende nimmt man dann das Erdgeschoß zum Rathausverkehr hinzu. Das hängt zusammen mit der späteren Form der Treppenanlage. In Augsburg gibt man ihm der einheitlichen Durchbildung zu Gefallen die in den obern Stockwerken geltende Teilung.

Die Treppe spielt bei gotischen Rathäusern meist eine untergeordnete Rolle. Sie wird irgendwo im Innern angelegt und ist, weil sie möglichst wenig Platz einnehmen darf, eng und dunkel. Sie ist da, weil sie da sein muß. Häufiger als diese Anlage übernehmen die Renaissancerathäuser die der Fassade vorgelegte einfache oder doppelte Freitreppe zum oberen Stockwerk. Das geht zusammen mit der Absicht, das Erdgeschoß vollständig zu isolieren. Für ein etwaiges drittes Geschoß genügte eine kleine Treppe im Inneren. — Eine zweite Art, die Treppe vom Grundriß zu trennen, ist ihre Unterbringung in einem Turm. Beidemal wird sie ein Faktor in der Fassadenkomposition. Am Ende der Entwicklung, nach 1600, zog man sie wieder ins Innere hinein. Das entsprach der neuen Fassadengestaltung. Aber wie die Forderungen an Saal und Zimmer wuchsen, gab man auch den Treppen mehr Raum und Licht. Man vertrug nicht mehr die Form der Wendeltreppe1). Sie werden gradläufig, erhalten geringere Steigung und womöglich breite Podeste. Anfangs setzen sie hart hinterm Portal an, so daß der Besucher sofort hinaufgetrieben wird. Später, als man beginnt, im Erdgeschoß eine repräsentative Eingangshalle anzulegen, erhält die Treppe eine noch stattlichere Einkleidung. Unter einem besonderen Bogen schließt sie sich breit einsetzend an. Am reichsten ist der Zugang in Paderborn. Hier gabelt sich die Treppe in halber Höhe. In Augsburg gibt es sogar, der Symmetrie des Grundrisses zuliebe, zwei sich gleichende Anlagen. Der Begriff der «schönen Treppe“, den wir im Nürnberger Rathaus finden, ist erst nach 1600 möglich.

Der Hof. Die Anlage eines Hofes findet sich selten. Man sah sich in den meisten Fällen nicht notwendig dazu veranlaßt. Und der Sinn, den der Italiener für den einen Hofraum gleichmäßig umschließenden Gebäudering hat, pflegte im allgemeinem dem Deutschen zu fehlen. Mangel an Platz ist bei einem Rathausbau kein ausreichender Grund. Doch lieber als die Mittel für ein größeres Terrain aufzuwenden und die Gesamtanlage nach einem großen Gesichtspunkt zu bilden, mochte man ein einzelnes Zimmer aufs kostbarste ausgestalten, in einem Schnitzwerk den Reichtum der Stadt bezeugen.

Der Hof im Rothenburger Rathaus ist nur ein zufällig sich ergebender Lichtschacht. Auch der kleine mittelalterliche Hof im Görlitzer Rathaus ist unbedeutend, obwohl man ihn im 16. Jahrhundert durch den Archivflügel, dessen Verkleidung vielleicht auf die anderen Seiten ausgedehnt werden sollte, ansehnlicher zu machen suchte. Einheitlicher gestaltet ist, in derselben Zeit ungefähr, der sogen. Löwenhof in Köln, der trotz geringer Abmessungen zum erstenmal eine planmäßig überlegte Anlage im Grundriß darstellt. Die klare Anordnung von vier, einen Hof umschließenden Flügeln zeigt das Rathaus von Brieg, das von einem Italiener entworfen wurde. Bedeutender, auch in seiner Ausgestaltung, ist der Hof des Nürnberger Rathauses. Hier war die wichtige Rolle, die der Hof im Nürnberger Wohnhaus spielt, auch fürs Rathaus maßgebend. Der gotische Flügel bezeugt, wie hoch man den Hof schon vor dem Renaissancebau bewertete. Für ausgedehntere Rathausanlagen ist die Anordnung der Räume an Korridoren, die sich auf einen Hof öffnen, wie es in Nürnberg der Fall ist, das übliche Schema geworden, für alle Verwaltungsgebäude überhaupt bis in unsere Zeit.

Aus dem Buch: Das deutsche Rathaus der Renaissance (1907), Author Grisebach, August.

Siehe auch:
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Vorwort
Die Bedeutung des Rathauses im Stadtbild
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil I
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil II
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Fachwerkrathäuser
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Die Fassade
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Grundriß und Aufriß
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Die lokalen Sondercharaktere

Das Deutsche Rathaus der Renaissance

I. Die allgemeine Entwicklung des Rathauses.
A. Die Fassade.

I. Die Fassade bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts.

Bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts behalten die Rathäuser wie der übrige Profanbau noch viel von der gotischen Ausdrucksweise. Allmählich erst entwickelt sich in der Gesamthaltung ein wirklich neuer selbständiger Typus. Was bis dahin die Fassaden in die Region des neuen Stiles bringt, sind oft nur dekorative Einzelformen, und zwar werden in der Regel, wie Hausman und Polaczek beim Rathaus von Ensisheim bemerken, „wo es sich um Konstruktion handelt, immer noch gotische Formen verwendet, alle rein ornamentalen Teile dagegen sind dem Motivenschatz der Renaissance entnommen«.

Die Haltung der Gebäude ist noch blockmäßig geschlossen, ohne scharfe Teilungen. Die Mauer um die rechtwinklig eingeschnittenen Fenster, die noch nicht durch vortretende Rahmen akzentuiert werden, wächst als eine einheitliche gebundene Masse empor. Das Dach bedeutet noch viel, steil und hoch erhebt es sich über der Fassade, und dort, wo der schindelgedeckte Dachstuhl nicht mit Gaupen oder Erkern durchsetzt ist, erscheint die große, ruhig ansteigende Fläche von besonderer Wirkung. Andererseits hat man den Rumpf, wo es irgend der Raum erlaubte, gern in die Breite gezogen, ihn nicht so straff in die Höhe gereckt wie vordem. Diese Absicht wird unterstützt durch die jetzt eintretende Bevorzugung der Breitseite des Gebäudes als Hauptfront. Der Tendenz des gotischen Stiles hatte es entsprochen, die schmalen Giebelseiten zu betonen — auch dann, wenn die Breitseite des Rathauses an einem Platz lag1). Ferner verschwinden jene hohen Spitzbogenfenster, die den mittelalterlichen Ratssälen Licht zuführten und den Rathäusern ihr besonderes Gesicht gegenüber den Privathäusern gaben. Ihr Vertikalismus war der gotischen Fassade willkommen gewesen. Später hat man selbst da, wo man den alten Saal konservierte wie in Nürnberg, die hohen Frontfenster verworfen. Dagegen spricht in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Rest gotischen Verlangens, statt der ruhenden Wagerechten eine Aufwärtsbewegung zu geben, aus der Erhöhung der mittleren Öffnung bei den Fenstergruppen am Oberrhein (Rath. v. Ensisheim, Mülhausen u. a). Später legte man die Fenster zwischen zwei horizontale Gurte fest und gibt ihnen womöglich noch in der Gestalt einer Dreiecksbekrönung eine dämpfende Kappe.

Eine Gliederung der Wand in diesem Sinne wird in der ersten Hälfte des Jahrhunderts namentlich am Oberrhein oft durch die Fassadenmalerei besorgt, die die dem neuen Stil genehme Breitendehnung betont und die nach gotischer Art oft noch unregelmäßige Disposition der Fenster vertuscht. Sie gab der Stadt Gelegenheit, ihren Reichtum glänzen zu lassen. Bei dem Rathaus von Mühlhausen notierte Montaigne in sein Reisejournal: un palais magnifique et t.o u t dore.

Vor allem aber ist es die symmetrische Anordnung der plastischen Akzente, die den Fassaden dieser Zeit ihren wesentlichen Ausdruck gibt. In Süddeutschland übernimmt man von der Gotik die zentrale Anlage einer doppelläufigen Freitreppe (Rathäuser in Mols heim und Mühlhausen). In der Tat geben die steil ansteigenden Treppen, die auf ein nur schmales Podest hinlaufen, gotischer Empfindung Ausdruck. Namentlich wenn diese Aufwärtsbewegung wie in Molsheim, dem mittelalterlichen Rathaus von Dettelbach analog, in dem Türmchen, das oberhalb des Podestes die Dachbasis überschneidet, ihre Fortsetzung findet. Neu ist das Format der Fassade.

Bei dem gotischen Rathaus in Karlstadt liegt die Freitreppe der Giebelseite vor, so daß die beiden Treppenläufe sich in dem stufenweis aufsteigenden Giebelschrägen wiederholen. Und während das Rathaus von Dettelbach gleich einer kräftigen Pflanze aus der Erde hervorbricht und dreigeschossig in die Höhe treibt, ruhen die Rathäuser von Molsheim und Mühlhausen auf breiter Basis, wobei einmal die Balkons, das andere Mal die Bemalung den Eindruck des Horizontalen unterstützen.

Als Weiterbildung dieser Anlagen gehört die Ausgestaltung der Heilbronner Rathausfassade, die aus den achtziger Jahren stammt, hierher, Die Treppen stoßen nicht mehr auf einen quadratischen Vorplatz zusammen, sondern führen zu einem Altan, der sich über fünf Arkaden vor der Front entlang zieht. So kommen die Treppenläufe neben der starken Wirkung der nebeneinander gereihten Bogen und der breiten Brüstung nicht zu Worte. Die Anordnung der zwei Türen an den Altanenden entspricht ebenfalls der; Breitentendenz der Fassade. Der zentral sitzende Uhraufbau steht als Vertikalglied nicht wie das Molsheimer Türmchen in Konnex mit den Treppen, sondern tritt in Gegensatz zum Altan. Dieses klare Gegenübersetzen der Vertikalen und Horizontalen, das später in großartigerer Fassung am Bremer Rathaus erscheint, macht die Wirkung dieses Gebäudes aus, von dem Goethe bemerkt, es sei „nicht groß, aber schicklich1).«

Im nördlichen Deutschland, wo das Mittelalter kein Beispiel für die Freitreppe gab, zeichnete man zu dieser Zeit die kahle Front durch eine Bekrönung von gleichmäßig aufgereihten Dacherkern aus (Rath, von Stadthagen, Wittenberg, Leipzig). Auch dafür lassen sich Analogien an gotischen Rathäusern nachweisen (Hannover, Salzwedel u. a.). Nur hat sich der Charakter der Bekrönung verändert. Im 15. Jahrhundert machen die Erker durch ihr aufstrebendes Wesen die Dachform zu nichte, sie wollen über die Breite der Fassade forttäuschen, nur der vertikale Wille der Dachbauten soll herrschen. Ganz scharf gibt sich diese horizontale Negierung in der Braunschweiger Rathaushalle mit ihrem zackigen Ausklang. Die Dacherker des neuen Stiles haben die entgegengesetzte Bedeutung: Am Rathaus von Wittenberg ist der hochaufgeschossene massive Rumpf mit den sächsischen Vorhangfenstern noch gotischer Art. Erst die Dacherker geben dem Gebäude sein Renaissancegesicht. Denn das unbehinderte Emporsteigen des Unterbaus wird gedämpft durch diese Reihe gleichwertiger Kräfte, deren vertikale Gliederung sich auf ganz wenige unscheinbare Pilaster beschränkt, deren gleichmäßige horizontale Schichtung aber durch den Kontrast zur Fassade noch stärker wirkt.

Eine Weiterentwicklung der Wittenberger Anlage haben wir im Rathaus von Leipzig. Breit dehnt es sich am Marktplatz hin. Die Horizontalerstreckung der Front war ursprünglich durch die dem Erdgeschoß vorliegenden Arkaden noch nachdrücklicher betont.

Mit dem Format der Front hat sich auch das Format der Dacherker in die Breite entwickelt. In Wittenberg hat ihr rechteckig aufwachsendes Fenstergeschoß noch viel schlankere Proportionen als in Leipzig, wo der Giebel auf einem ganz niedrigen, oblongen Geschoß aufsitzt. Die Glieder der Kette miteinander zu verbinden, sind die vierteiligen Mansardenfenster zwischen die Erker geschoben. So nimmt dieses fortlaufende horizontale Band von Öffnungen, gleich einer Balustrade über dem Dachgesims, noch einmal die der Fassade wesentliche Richtung auf.

Das Rathaus von Saalfeld, dessen Dacherker noch von hochgereckter, rechteckiger Form sind, unterscheidet sich in seiner Komposition von den gleichzeitigen Rathäusern durch das Herausschieben verschiedenartiger Glieder, zumal der ungleich gebildeten und ungleich disponierten Fassadenerker. Es weist damit bereits auf den Rathaustypus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hin. Dazu beigetragen hat sicherlich die Lage auf einem Eckgrundstück, das seiner Natur nach zu einer asymmetrischen Disposition auffordert. Für die Gesamtwirkung ausschlaggebend ist wohl aber doch der symmetrische Abschluß seiner Marktfront, die Anordnung des Turmkopfes zwischen den zwei gleichmäßig behandelten Dacherkern. Dieser Gegensatz der Bekrönung zum Unterbau findet sich — allerdings in einer durchaus anderen Beziehung zum Grundriß — später an der Mündener Rathausfront wieder, zu einer Zeit, als man von der malerischen Komposition zur Regularität zurückkehrte.

Im allgemeinen wird dem Rathaus, seiner Bestimmung gemäß, eine förmliche offizielle Haltung, die in der symmetrischen Anlage ihren Ausdruck findet, stärkeres Bedürfnis sein als dem Privathaus. Diesem wird der zwanglose fröhliche Charakter einer freien Gruppierung, die Bezold als das eigenste Kompositionsprinzip der deutschen Renaissance bezeichnet, mehr im Blut stecken. Wir werden im folgenden Abschnitt sehen, daß eine Zeitlang auch die Rathäuser von dieser Stimmung ergriffen werden. Bis um die Mitte des Jahrhunderts haben die meisten noch die ausgesprochene Tendenz, das Gleichgewicht der Fassade durch eine symmetrische Verteilung der Akzente zu bewahren.

II. Die Fassade in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die gotischen Elemente, die mehr oder weniger in den bisherigen Rathäusern noch enthalten sind, verlieren sich nach der Mitte des Jahrhunderts. Wir begegnen neuen Charakteren. Man verzichtet auf Symmetrie zugunsten einer malerischen Gruppierung. Verschiedenartige Glieder beginnen aus dem bis dahin kompakten Stamm hervorzutreiben. Sie lösen sich als Treppenturm und Arkaden1), als Risalit und Erker aus der Masse heraus. Dem entsprechend wandelt sich der Abschluß nach oben. Im Gegensatz zu den gleichmäßigen Ausstrahlungen einiger gotischer Rathäuser im Backsteingebiet ergibt sich jetzt aus der Über- und Unterordnung ungleichwertiger Glieder eine mannigfaltige reiche Silhouette.

Als spezielles Eigentum der Rathäuser figuriert hier vor allem der Turm. Bei dem mittelalterlichen Rathaus (Würzburg, Regensburg) steigt er — gleich den gotischen Stadthaustürmen Toskanas — als Einzelwesen für sich in die Höhe, ohne zu anderen Fassaden-und Dachausbauten in Beziehung zu stehen. Jetzt wird er niedriger und findet in den Erkerhelmen, den Dacherkergiebeln und der Konstruktion des Dachstuhls eine Gesellschaft, die sich untergeben um ihn gruppiert. Er verwandelt sich aus einem vierkantigen Stamm in ein Polygon; seine Flächen verdoppeln sich, er erscheint reicher im Wechsel von Licht und Schatten. Indem sein Erdgeschoß als fester Sockel den rechteckigen Grundriß bewahrt, ergibt sich beim Übergang zum Vieleck Raum für einen Altan: ein neuer Anlaß, die Front zu schmücken. Der Turm des Leipziger Rathauses, der eigenwillig seitlich seinen Platz einnimmt, bedeutete eine erste Durchbrechung gleichmäßiger Fassadenentwicklung. Aber er nimmt im Gesamtbild noch eine isolierte Stellung ein und ist nicht eng verbunden mit dem Gebäudekomplex. Noch überwiegt der Eindruck der gleichförmig langgestreckten Front.

Aus dem nämlichen Prinzip, das Giebel, Erker, Treppenturm und Arkaden individualisiert und zu einer Gruppe verbindet, das den Grundriß der einzelnen Teile und den Kontur gegen die Luft viel-gliederig und vielgestaltig macht, erklärt sich die gleichzeitig auftretende Gliederung der Wand in verschiedenartige Felder. Hier wie dort ist es auf eine möglichst reiche Teilung abgesehen, ohne daß dadurch die Einheitlichkeit des Ganzen Schaden leidet. Zur neuen Belebung der Wand dient auch der figürliche Schmuck, Freifiguren der Tugenden, Reliefdarstellungen von Gerichtsszenen und ornamentale Verzierung. Der geeignetste Platz dafür ist der Erker. Dann geben die — meist überm Portal sitzenden — Rahmen der Inschrift- und Wappentafeln sonderlich den Rathäusern für dekorativen Schmuck Anlaß. Auch die Freifiguren haben lediglich eine dekorative Aufgabe. Sie erscheinen nicht mehr wie etwa an den mittelalterlichen Rathäusern der Niederlande truppweise von ein und derselben Art, als gleichmäßige architektonische Gliederer der Front. Die Stellung jeder einzelnen ist individuell, höchstens, daß zwei korrespondieren. Sie sitzen an der Fassadenecke, auf den Spitzen der Giebel und auf Brüstungen. Aber eine Funktion im Organismus der Fassade erfüllen sie nicht mehr.

Wie bereits gelegentlich des Saalfelder Rathauses gesagt wurde, ist die Anlage auf einem Eckgrundstück, das ohne weiteres den Reiz einer malerischen Perspektive verspricht, der neuen Richtung besonders willkommen. Ja, ein Eckgrundstück verträgt sehr schlecht eine symmetrische Anlage. Ein Gebäude, das sich nur auf einer Seite anlehnt, hat die Verpflichtung der Asymmetrie in sich.

An diese Phase der Entwicklung denken wir, wenn von deutscher Renaissancearchitektur die Rede ist. Sie ist ihr eigentlichster Ausdruck. Auch bei den wenigen modernen Bauten, die den Anspruch machen dürfen, selbständige Weiterbildungen jenes Stiles zu sein, ist das wesentliche Merkmal eben das künstlerische Gruppieren unterschiedlicher Teile — im Grundriß und an der Fassade — zu einer einheitlichen Gesamthaltung. Das Rathaus, das sich damals für kurze Zeit enger denn je an den bürgerlichen Privatbau anschloß, gibt die bedeutendsten Lösungen für diese Kompositionsweise.

Wo man sich keinen Neubau gönnen durfte, suchte man wenigstens durch Anbauten dem vorhandenen Rathaus die strenge abgeschlossene Art zu nehmen. Man errichtete Vorhallen, oft in mehreren Geschossen, von denen die sogen. »Bürger- oder Morgensprachen«, Verordnungen und Wahlen verkündet wurden. Man schob zierliche Erker aus der glatten Wand vor und legte prächtige Freitreppen an. Das Rathaus sollte ein festlicheres Aussehen bekommen. Die Freude an reichen Prunkstücken, die dem Zeitalter eigen ist, offenbart sich in diesen Anbauten in gleicher Weise wie in den Schaugeräten, die die Goldschmiedekunst für die Banketts ‚der Ratsherren lieferte. Die gotische Fassade wirkt oft nur wie eine schlichte Folie für den reich gegliederten, ornamental und figürlich verzierten neuen Vorbau, der als stärkster Akzent das Auge auf sich zieht. Jedenfalls erscheint das Besondere des neuen Stils nirgends klarer und wirkungsvoller als in solch unmittelbarem Kontakt mit einem andersartigen Wesen früherer Zeit (Doppelhalle in Köln*), Lübecker Vorbau am Markt1. Bei dem Anbau der Freitreppen ist es charakteristisch, daß man nach der statiösen doppelarmigen Anlage, die ehemals die Würde der Fassade verlangt hatte, jetzt die einarmige Treppe guthieß. So in Lübeck1). Die Ein-armigkeit des Treppenbaues am Nördlinger Rathaus scheint man später als störend empfunden zu haben. Wenigstens zeigt eine Abbildung aus der Mitte des 19. Jahrhundert (im Rathausmuseum), daß sie einmal durch einen zweiten, heute fehlenden Arm provisorischen Charakters »ergänzt“ worden ist. Bei einigen Rathäusern lassen sich mehrere Anbauten verschiedenen Alters unterscheiden (Lemgo2), Stadthagen3), Celle4), Lübeck). Etappenweise — in finanziell günstigen Jahren, kaum durch rein praktische Rücksichten veranlaßt — schmückt die Stadt ihr anfangs vielleicht ganz unscheinbares Haus. In den meisten Fällen sieht es am Ende aus, als habe es so sein müssen. Und man fragt sich, ob ein freundlicher Zufall oder weise Berechnung bei der Disposition der Attribute gewaltet hat. Bei beschränkten Mitteln gab man wohl auch nur durch eine Rahmung des Portals mit Pilastern und Giebelaufsatz dem Wunsche nach einer heiteren Erscheinung der Fassade Ausdruck (z. B. am bescheidenen Rathaus von Merseburg). Oder man suchte den oberen Abschluß reicher auszubilden, die knappe geradlinige Silhouette bewegt und fröhlich zu machen (Aufbau auf dem Treppenturm in Marburg 1581, Turmhelm des Rathauses von Halle 1568).

Die besondere Physiognomie, die ein Gebäude durch das selbstständige Nebeneinanderbestehen verschiedener Stilausprägungen bekommt, gehört unter den Profanbauten allein den Rathäusern. Kein anderes Haus beanspruchte das Interesse der Stadt in dem Maße; daß mehrere Generationen daran gearbeitet hätten. Kein anderes wünschte man nach Möglichkeit immer repräsentabler zu gestalten.

Der erste wichtige Rathausneubau dieser Entwicklungsstufe ist der von Altenburg. In Wittenberg und Leipzig entsprach der Vorderseite die Rückseite. Die Giebel korrespondierten, der Grundriß war rechteckig geschlossen. Erker durchbrachen die Wand nur an den Schmalseiten. Das Rathaus in Altenburg zeigt nach jeder Seite ein anderes Gesicht. Der kurze Flügel gegen Osten, die Torfahrt zwischen Rathaus und Nachbarhaus haben kein Gegenstück. Von den Erkern sitzt der eine halb in der Wand gefangen, der andere rundet sich aus der Ecke heraus. Die Zugänge sind, mit Ausnahme des Turmportals seitlich gerückt. Zu der Teilung der Wand in ungleich hohe horizontale Streifen tritt die besondere Gliederung der Dachbauten in Gegensatz; ebenso tragen Erker und Turm verschiedene Kleidung.

Eine reichere, dabei mehr zusammengehende Gruppierung zeigt auf ebenso kleinem Raum das Rathaus von Schweinfurt. Sowohl in der Beziehung der Massen zueinander wie in der Gliederung der Flächen. Wie die einzelnen Teile aus dem Kern herausgeholt sind, wie sich aus dem Risalit wieder die besondere Figuration des Erkertürmchens entwickelt, das scheint fester gebunden und einheitlicher gedacht als die Altenburger Komposition. In Altenburg ist der Zusammenhang zwischen den runden Erkern und dem polygonen Turm ein lockerer. Ebenso unvorbereitet wie die Erker aus der Wand heraustreten, steigen auch die Dacherker auf. In Schweinfurt ist alles Unvermittelte vermieden. Der Ausklang des Gebäudes ist im Grundplan festgelegt. Dazu kommt, daß in Schweinfurt die Anordnung der Fenster ein wirksamer Faktor in der Komposition wird. Sie tragen wesentlich zu der temperamentvollen Haltung bei. In Altenburg zeigen wohl die Ausbauten eine besondere Durchlochung, die anderen Fenster jedoch sind gleichmäßig verteilt und leiten nicht wie in Schweinfurt von dem Kern zu den Ausbauten über. Unter solchen Umständen glaubt man sich immer wieder erst davon überzeugen zu müssen, daß die Schweinfurter Marktfront symmetrisch angelegt ist. Und doch ist es eine malerische Komposition, der es um Überschneidung, um Licht- und Schattenwirkung zu tun ist. Die Hauptansicht des Gebäudes bietet nicht die Face-Ansicht, sondern ist gegenüber der Südwestecke zu nehmen, von wo aus auch der Vorbau an der Straßenseite, der nicht in der Achse des Giebels sitzt, als zurückliegende Kulisse zur Geltung kommt1). Auf die Einziehung des Risalits in die Perspektive der am Marktplatz entlang führenden Straße wurde in der Einleitung hingewiesen.

Nachdrücklicher noch verlangt die Anlage des Rathauses in Rothenburg vom Beschauer einen seitlichen Standpunkt. Nur die eine Ansicht, dem Erker schräg gegenüber, ist erschöpfend. Giebelseite und Arkadenfront erscheinen gleichzeitig in der Verkürzung, die im Sinne dieser Komposition liegt. Die tatsächliche Beschneidung des Giebels durch den Erker wirkt von hier wie eine momentane Verschiebung. Was sich in Altenburg ankündigte und was sich in Schweinfurt in künstlerisch wertvollerer Weise fortsetzte — das offenbart sich am Rothenburger Rathaus in vollkommenster Form. Keines der Glieder, die die Gestalt bestimmen, tritt in mehreren Exemplaren auf. In Altenburg gibt es noch zwei nahezu gleichgebildete Erker, in Schweinfurt ist die Front in zwei sich entsprechende Hälften geteilt. In Rothenburg wird jede Wiederholung vermieden. So führt jeder Teil ein intensiveres Leben. Aber gleichzeitig wird auch die Beziehung der Teile zueinander eine lebhaftere, engere; und die Komposition gewinnt bei aller Differenzierung an Geschlossenheit. Das gleiche

kommt in der Gliederung der Wand zum Ausdruck. Die Charakterisierung eines Sockelgeschosses, wie es an der Giebelseite auftritt, gibt es bis dahin nicht. Es tritt in Gegensatz zu den zwei Hauptgeschossen und diese wiederum in Gegensatz zum Giebel. Es ist eine Bereicherung der Fläche nach oben zu, eine vielfachere Teilung, ein Leichterwerden. Während bis dahin, in Rinteln wie in Altenburg und Schweinfurt, Gurte nur über und unter den Fenstern hinlaufen, bezeichnen in Rothenburg außerdem Gesimse den Ansatz der Stockwerke; sie werden als wichtigste Grenzlinien an den Gelenken des Gebäudes am kräftigsten gebildet. Man differenziert und erhöht den Reiz der Einzelerscheinung und ihrer Aufeinanderfolge. Mit dem reich verzierten Erker kontrastiert der glatt aufwachsende Treppenturm; und seine Durchlochung weicht von der des Erkers sowohl wie der der Fassade ab. Dieselbe Freude an der Zusammenordnung ungleicher Wesen, das Bestreben nach möglichster Ausschaltung einer gleichartigen Folge hat auch die Fenster an der Giebelseite in zwei verschiedene Gruppen geteilt. Ja, nicht einmal an der Marktfront wird streng an der einen Form festgehalten. Schließlich bildet noch der gotische Flügel einen wirksamen Gegensatz zum neuen Gebäude. So wird der Betrachter, der von der großen Komposition ausgeht, dann an der Wand hinaufblickt und am Ende zur Vergleichung einzelner Glieder gelangt, in fortwährender Spannung gehalten, die beglückt, weil die Zusammenordnung der einzelnen Faktoren keine willkürliche ist, sondern weil ein auf die Gesamterscheinung gerichteter Sinn in der Verknüpfung der großen wie der kleinen Teile lebt.

III. Die Fassade von 1600 bis 5620.

Dem Typus, der in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts seine reifste Interpretation im Rothenburger Rathaus fand, stellt sich etwa eine Generation danach eine ganz neue Erscheinung gegenüber. Ging der Wunsch damals auf eine malerische Gruppierung ungleichwertiger Teile, so will man jetzt eine durchaus klar symmetrisch entwickelte Fassade. Gleichwie die Schlösser mit ihrem Mittelbau und ihren Eckpavillons im 17. Jahrhundert beginnen sich in der Face-Ansicht zu präsentieren und ihre Gärten darauf zugeschnitten werden, so wird auch bei den Rathausfassaden der Beschauer nicht mehr auf einen seitlichen Standpunkt gewiesen. Die reine Face-Ansicht ist die erschöpfende. Es gibt keine Überschneidungen mehr, die das Bild wesentlich ändern.

Das Irreguläre begann man als unklar zu empfinden, das vielfache Gruppieren schädigte die Übersichtlichkeit der Gesamtanlage. Das Zeremoniell, das man bei ratsherrlichen Empfängen und Sitzungen beobachtete, fand in einer strengen symmetrischen Disposition der Rathausfassade eine bessere Analogie als in der zwanglosen Erscheinung verschiedenartig auslegender Bauteile, die dem Gebäude nach jeder Seite ein anderes Gesicht geben. Bei Privatbauten hatte es wohl nicht an Übertreibungen in dieser Richtung gefehlt. Finden sich doch in Bauordnungen aus der Zeit Bestimmungen gegen das Überhandnehmen von »Ausstößen“, Erkern und Stiegen. Die Wendung zu einer einfacheren, geklärteren Haltung, die sich beim Privathaus ganz allmählich vollzieht, geht weit rascher beim Rathaus2). Einzelne Erker in Form zierlicher Ausladungen kommen hier nicht mehr vor, ebenso verschwinden Treppentürme und Freitreppen, zumal einarmige. Wenn jetzt ein Bauteil aus dem Rumpf heraustritt, ist er nicht mehr bloß schmückendes Attribut der Wand, sondern stellt mit seiner großen Form und seiner unverrückbaren symmetrischen Placierung einen entscheidenden Faktor im Aufbau der Fassade dar. Die Verteilung geschieht allgemein in der Weise, daß man einem hervorragenden Mittelglied zwei unter sich gleiche Seitenglieder unterordnet. Für Norddeutschland bedeutet das in der Regel einen Abschluß der Fassade durch drei Giebel, von denen der mittlere erhöht wird, an Stelle der bisherigen, besonders in Mittel- und Norddeutschland häufigen Frontbekrönung durch gleichmäßig nebeneinandergesetzte Giebel. Beim Nürnberger Rathaus sind es statt der Giebel turmartige Dachbauten, beim Augsburger Rathaus durchdringt die Dreiteilung den gesamten Körper.

Die Rathäuser dieser Zeit nehmen einen feierlich repräsentativen Charakter an, wie ihn die großen mittelalterlichen Rathäuser besaßen. Auch dort, wo sich die Dekoration verschwenderischer als bisher über die Fassade ausbreitet, bleibt die einheitliche imposante Erscheinung gewahrt. Diese Rathäuser gehören ihrem Charakter nach in die Sphäre dessen, was wir unter Barock verstehen. Gleichwie man Gebäude spätgotischer Zeit ihrer Raumproportionen und ihrer Gesamtbildung wegen trotz gotischer Einzelformen für die Renaissance in Anspruch nimmt, möchten auch die Rathäuser um 1600 ungeachtet des Details eine der ersten großen Äußerungen des neuen Stilgefühls sein, in dem das 17. Jahrhundert seinen monumentalen Ausdruck gefunden hat.

Wir erkennen in dem Rathaus von Münden einen Übergang zu dem neuen Typus. An der Fassade selbst besteht noch ein Equilibrieren mit verschiedenen Faktoren. Das seitlich gerückte Risalit findet einen Ausgleich in der starken Durchlochung der Wand der anderen Fronthälfte. Aber diese unregelmäßige Disposition ist untergeordnet der entscheidenden Symmetrie der drei krönenden Giebel. Der mittlere ist durch Breite und Höhe vor seinen Nachbarn ausgezeichnet und erhält noch eine weitere Betonung durch das in seiner Achse sitzende reiche Portal. Man hat die Fassade des Hersfelder Rathauses als »das bescheidenere und kleinere Vorbild des Rathauses zu Münden« bezeichnet. Das Gemeinsame liegt in der Umkleidung des Satteldaches durch aneinandergeschobene Giebel, die eine ungegliederte Frontwand krönen. Es sind jedoch in Hersfeld nur zwei über der Fassade, das Hervorheben eines Mittelgliedes fehlt. Vor allem ist in Münden das etwas ganz Neues, daß die drei Giebel der dreifachen Hauptteilung des Grundrisses entsprechen, dem alten Saalbau und den beiderseitigen Nebengelassen. Wir sahen, daß in der Zeit des Rothenburger Rathauses die Stockwerkgrenzen sich durch Gesimse an der Fassade ausprägen. Diese Bezeichnung des Aufrisses nach außen ver-verschwindet wieder mehr und mehr. Dafür erscheint jetzt die in den Stockwerken sich wiederholende Hauptgrundrißdisposition an der Fassade angedeutet. Das hängt zusammen mit der klarer, regulärer werdenden Gestalt des Grundrisses. Es ist nur dann möglich. Was sich in Münden erst in der Bekrönung zeigt, ist am Augsburger Rathaus vom untersten Geschoß an durchgeführt.

In Bremen handelte es sich nicht um eine Grundrißerweiterung — das Risalitzimmer war sicherlich nicht der Anlaß zum Bau — sondern man wünschte den alten Saalbau durch ein Fassadenprunkstück zu einer neuen Herrlichkeit zu machen, ohne den historisch wertvollen Raum verlieren zu müssen. Dreißig Jahre früher hätte man durch Erker und Auslucht zu wirken gesucht, vielleicht eine Freitreppe zum Saal hinaufgeführt wie in Lübeck. Jetzt findet man in der symmetrischen Verteilung weniger starker Akzente eine monumentale Lösung. Man übernimmt von der alten Front das Motiv der Arkaden, deren Längserstreckung durch den Fries und das Altangeländer verstärkt wird und noch einmal wieder aufklingt in der leichteren Dachbalustrade. Den wagerechten Gebilden begegnet die Vertikale des Risalites, das als neu hinzukommender Faktor die Front in zwei gleiche Hälften teilt. In dieser klar ausgesprochenen Entgegensetzung der zwei Elementarrichtungen, wobei der Breitendehnung durch den Kontrast eine um so nachdrücklichere Geltung gesichert wird, liegt der Grundgedanke dieser Komposition. Durch die Anordnung der seitlichen Dacherker hat man eine Isolierung des Mittelgiebels, wie sie am Emdener Rathaus besteht, vermieden; sie sind ihm als Stützen und zugleich seine Erscheinung steigernde Begleiter beigegeben. Für sich allein bedeuten sie nichts.

Diesem großen und einfachen architektonischen Gerüst ist es zu danken, daß der Reichtum in der malerischen Flächenbehandlung, den die Fassade in höherem Grade als irgend ein anderes Rathaus besitzt, nicht verwirrend und verkleinernd wirkt. Und vielleicht wäre die Zusammenfassung der Fülle dekorativer Einzelteile zu einem so imponierenden Ganzen nicht erreicht worden, wenn man statt den geschlossenen gotischen Kern zu benutzen von Grund auf neugebaut hätte. Zu der malerischen Belebung der Fläche kommt an hellen Tagen eine starke farbige Wirkung: der verwitterte rote Backstein, mit glasierten dunkleren Steinen durchsetzt, die Fenster mit ihren kleinfeldrigen Scheiben, wie schwarze, in der Sonne aufblitzende Wasserspiegel, der graugelbe Sandstein der Arkaden und die dunklen Schatten unter den Bögen; über dem allen das grüne Kupferdach vor dem mageren Blau des norddeutschen Himmels.

Beim Rathaus von Paderborn, das dieselben Daten wie die Bremer Fassade hat, handelte es sich ebenfalls um die Umgestaltung eines vorhandenen Baues. Hier hat allerdings auch der Grundriß eine Modifikation erfahren, und nur daraus, daß eine Giebelseite die Front bildet, könnte man auch ohne Dokumente eine Freiheitsbeschränkung des Renaissancearchitekten vermuten. Er hätte sonst den geraden Fassadenschluß gewählt. Aber dieses Rathaus ist ein vortreffliches Beispiel dafür, daß man in dieser Zeit verstand, auch einer Fassade von den Abmessungen eines größeren Privathauses ein bedeutendes Ansehen zu geben1). Man hat das Dreigiebelsystem selbst auf die verhältnismäßig beschränkte Front zu übertragen gewußt, indem man die zwei Vorbauten anordnete, deren Bekrönungen der Obhut des Hauptgiebels unterstellt sind. Dabei wird der Breiteneindruck der Front noch durch die bandmäßige Gliederung der Erker verstärkt. Welch eine Steigerung an Stattlichkeit und Reichtum sich in einer solchen Fassade gegenüber früheren offenbart, wird bei einem Vergleich mit dem Westbau des Rintelner Rathauses deutlich, aus dessen sechzig Jahre älterer Giebelfront ebenfalls symmetrisch zwei unter sich gleiche Erker vorgeschoben sind. —

Das Nürnberger Rathaus stellt sich als Landsmann dem Rothenburger Rathaus mit besonderem Nachdruck gegenüber. Und es war die gleiche Aufgabe wie in Rothenburg: ein Erweiterungsbau an einen großen oblongen Saal und einige Nebengemächer. Die Disposition des Vorhandenen hätte wohl auch hier zu einer malerischen Lösung auffordern können. Doch dem neuen Bautrieb entsprach eine gleichmäßige vierflügelige Anlage und ein großer Hof. Von den Flügeln kam nicht viel mehr als einer zur Ausführung, aber seine einheitliche geschlossene Fassade setzt ihn in schärfsten Gegensatz zu dem viel-gliedrigen, bewegt silhouettierten Rothenburger Ensemble. Neben dieser fröhlichen Erscheinung nimmt die Nürnberger Fassade eine offizielle Haltung ein und sondert sich damit auch von den gleichzeitigen Bürgerhäusern der Stadt, wie z. B. dem Peilerhaus (1605) und dem Fembohaus (1614). Kein Erker oder Treppenturm bringt die Fassade aus ihrer Ruhe. Erst die Dachbauten, deren Dreiklang die Portale aufnehmen, geben eine lebhaftere Akzentuierung — zwischen den gleichartigen Eckgliedern der betonte Mittelbau, in symmetrischer Anordnung. Dieses Grundmotiv hat bereits die Fassade des früheren Entwurfes, aber in charakteristischer Variation: Zunächst ist der Abschluß gegen den Unterbau weniger kräftig. Die Balustraden laufen nur zwischen den „Dacherkern“, die ohne eine Abgrenzung aus dem Rumpf aufsteigen. Sie sind giebelmäßig gebildet, entgegen den nach allen vier Seiten freiliegenden „turmartigen Aufsätzen“ des ausgeführten Projekts. Der Umriß verliert an Lebhaftigkeit. Statt der Voluten und Figuren gibt man schlichte flachgeneigte Dächer, statt der Figur als Krönung den einfachen Helm. Diese Vereinfachung in den Teilen, die Freude an der geraden geschlossenen Linie führte bei der Gesamtanlage zur Ablehnung der alten Saalbaufront, die der zweite Entwurf noch bewahrt. In Rothenburg hatte man auch noch den alten und den neuen Flügel nebeneinander vertragen. Den Saal selbst konservierte man wohl hauptsächlich aus historischen Gründen wie in Bremen.

Was das Augsburger Rathaus vom Nürnberger sowohl wie von allen anderen der Zeit unterscheidet, ist, daß hier der Außenbau den Grundriß deutlich interpretiert. Das Mündener Rathaus nahm, wie wir sahen, einen Anlauf dazu. Die Nürnberger Fassade ist ganz verschwiegen. Sie verrät nicht, wo der Saal liegt, noch gibt sie über die Treppe und über die Art der anderen Räume Aufschluß. Das Augsburger Rathaus zerlegt sich für den Betrachter des Außenbaue§ ohne weiteres: in den Saalbau, die beiden Treppenhäuser und die die vier Ecken einnehmenden quadratischen Blöcke. Das geschieht durch ein geringes Vorziehen und ein Erhöhen der Mittelglieder, deren Betonung nicht mehr lediglich der Fassade zu Gefallen da ist, sondern sich notwendig aus der inneren Anlage ergibt. Vor allem geschieht es durch die Verschiedenheit ihrer Durchlochung. Aber auch in der vertikalen Folge jedes Teiles besteht ein Wechsel im Format der Öffnungen, so daß die Verschiedenartigkeit der Säle im Mittelbau sowie der sie begleitenden Eckräume untereinander in den Fenstern zutage tritt. Gleichwie der Grundriß eine in sich geschlossene Figur darstellt, der man nichts fortnehmen und nichts anfügen darf, ist auch die äußere Erscheinung des Gebäudes an die eine Körperlichkeit gebunden. Jede Erweiterung nach irgend einer Seite würde als überflüssig, ja störend empfunden werden, während man sich die Nürnberger Fassade in die Breite und auch in die Höhe fortgesetzt denken kann. Ihre Dachbauten könnten leicht, dem Fassadenformat folgend, ihre Stellung ändern. In Augsburg ergibt sich die Erhöhung des Saalbaues und der Treppenhäuser mit Notwendigkeit aus dem Unterbau. Sie müssen da sein und können nur an dieser Stelle da sein.

In der Gliederung des Äußeren und dem Abschluß nach oben ist es auf einen Ausgleich von Höhen- und Breitenbewegung abgesehen, der der abwägenden Teilung und dem Zusammenstimmen der verschiedenen Raumvolumina im Innern entspricht. Der Aufwärtsbewegung in der Durchführung der Fensterachsen, namentlich in der bis in den Giebel hinaufreichenden Folge vertikaler Formen am Mittelbau und in den Turmendigungen der Treppenhäuser begegnen als wichtigste horizontale Faktoren die Reihung der Fenster, die die Breitendimension der Front unterstützt, und — durch die Balustraden über den Eckblöcken verstärkt — das Dachgesims. Indem es den Saalbau überschneidet, wird ausnahmsweise eine Konzession an die Fassaden Wirkung gemacht; denn diese Teilung stimmt nicht mit der Eindeckung des goldenen Saales, der höher hinaufgeht. Dadurch, daß man in beiden Richtungen nicht mit dünnen angelegten Gliedern wie Pilastern und Gurten operierte —nur das Sockelgeschoß wird durch ein Gesims getrennt — blieb der Eindruck der geschlossenen Masse gewahrt. Auch die an den Ecken sich hinaufziehende Quaderfassung, die sich ebenso am Nürnberger Rathaus findet, zielt darauf hin.

Man hat der Fassade Nüchternheit vorgeworfen. Ich glaube mit Unrecht, denn dadurch, daß das Verhältnis der Öffnungen zu der sie umgebenden Mauer in den Stockwerken zueinander wie innerhalb jedes einzelnen immer wieder sich ändert, dazu die Umrahmungen der Fenster variieren, wird das Auge in einer Bewegung gehalten, die nicht ermüdet. Wie beim Aufriß kann man auch bei der Fassade von einem Hinleiten auf den zentralen Hauptraum sprechen. Jedenfalls ist der rhythmische Wechsel von Öffnung und Wand bei der Geschlossenheit der Gesamtform und der Schlichtheit der Silhouette von besonderer Intensität Das Augsburger Rathaus verdankt seinen Ursprung zunächst nicht der Bürgerschaft wie überall sonst, sondern dem Wunsch des Architekten selbst, der die Vorstellung eines neuen Rathauses in sich trug und sie durch das Entgegenkommen seiner Stadt in einer durchaus persönlichen Fassung verwirklichen konnte.

Aus dem Buch: Das deutsche Rathaus der Renaissance (1907), Author Grisebach, August.

Siehe auch:
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Vorwort
Die Bedeutung des Rathauses im Stadtbild
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil I
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil II
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Fachwerkrathäuser
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Die Fassade
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Grundriß und Aufriß
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Die lokalen Sondercharaktere

Das Deutsche Rathaus der Renaissance