1. Die Massenseele

Die gesellschaftliche Macht hat in ihren größten Steigerungen etwas Übermenschliches, ja nicht selten etwas Unmenschliches an sich. Man versteht es daher, daß viele von den Geschichtschreibern, Staatslehrern, Rechtsphilosophen, Ökonomen und Soziologen, die sich mit Machterscheinungen zu beschäftigen hatten, deren Ursprung in irgend welchen objektiven Elementen außerhalb der Sphäre des persönlichen Wesens gesucht haben. Wer dies tut, begeht aber einen doppelten Irrtum: er schränkt sich auf das Gebiet der äußeren Macht ein, die sich äußerer Machtmittel bedient, und er verwechselt überdies die Macht erscheinung mit den Machtmitteln. Daß von den äußern Machtmitteln ein Gebrauch gemacht wird, der gegen das menschliche Gefühl streitet, dazu ist die Möglichkeit in der Beschaffenheit der Machtmittel gegeben, jedoch die Entscheidung darüber, welcher Gebrauch von den Machtmitteln zu machen ist, fließt letztlich immer aus der Gesinnung des Machthabers. Bei den inneren Mächten ist es vollends klar,- daß sie ihren Ursprung im menschlichen Sinne haben.

Für Denker von der Art Stendhals und Nietzsches, die in der Masse nur den Herdentrieb wirken sehen, lag es nahe, das Übermenschliche der Macht auf die Person eines Übermenschen zurückzufüliren, wobei sic noch eine besondere Größe darin erblicken mochten, wenn dieser als Unmensch die Grenzen des Menschlichen überschritt. Eine solche Deutung reicht indes offenbar für die große Zahl der Fälle nicht aus. Übermenschen oder Unmenschen von der Art Cäsar Borgias sind Ausnahmsmenschen. Übrigens hatte Cäsar Borgia gewiß nicht die Größe, in der ihn Stendhal uns vorführen will. Er war der echte Sohn seiner Zeit, er war einer der vielen und vielleicht der bedenkenloseste unter den Condottieri, denen die italienischen Verhältnisse von damals die Mittel und die Versuchung darboten, sich einen Fürstenthron aufzurichten. Was er wirkte, hat er mit Hilfe der geschichtlichen Mächte gewirkt, wie sie damals der italienische Boden emportrieb. Er für sich allein war keineswegs der Schöpfer seiner Taten und Untaten, für die er die Ziele, die Mittel und Helfer und, man kann sagen, die Aufforderung aus der geschichtlichen Umgebung empfing, in der er lebte. Nur die ganz großen Seelenführer, wie sie einsam in der Geschichte aufragen, schaffen aus eigensten Kräften, aber selbst an ihrem Werk hat die Masse ihren wesentlichen Anteil, weil diese erst es sich aneignen muß, damit es volle Wirklichkeit werde.

Selbst von denjenigen Denkern, die erkannten, daß die Masse am Machterlebnisse ihren persönlichen Anteil habe, konnten sich doch gar viele nicht dazu entschließen, es bis auf die Einzelpersonen, bis auf die Individuen zurückzuführen. Die Individuen scheinen zu schwach, um das Übermenschliche, das überindividuelle der Macht zu tragen, das mitunter bis zum Antiindividuellen gesteigert ist. So erklärt es sich, daß man gerne die Masse, das Volk im ganzen als Kollektivsubjekt der Macht annimmt. Wenn man dies tut, so wird man nicht umhin können, von einer Massensecle, einer Volksseele zu sprechen. Die Versuchung dazu, diese klingenden Worte zu gebrauchen, ist groß, jeder Redner oder Schriftsteller, der über Phantasie und Sprachgewalt verfügt, kann seiner Wirkung gewiß sein, wenn er sie am rechten Platze verwendet. Ein Oswald Spengler, der das überwältigende der Kulturidcen zur Geltung bringen will, w ird die dichterische Freiheit benützen, die ihm der Sprachgebrauch gibt, und von der Volksseele sprechen, aus der diese Ideen strömen, ein Romain Rolland wird von der Massenseele sprechen, w?enn er den Druck empfinden lassen will, mit dem die Gedanken der Heerstraße auch den edleren Geist im Banne halten. Wer so spricht und sich des bildlichen Sinnes dieser Wendungen bewußt bleibt, erzielt eine starke und erlaubte Wirkung. Welche Verirrung aber ist es, die dichterische Freiheit des Wortes theoretisch ernst zu nehmen, und wie es nicht nur unbewußt, sondern sogar vollbewußt geschehen ist, die Volksseele oder die Massenseele statt als die Übereinstimmung der Seelen im Volke oder in der Masse als eine besondere Wesenheit für sich gelten zu lassen, die über den Einzelseelen ihr eigenes Leben hat! Und welche Verirrung ist es gar, wenn man, wie es auch geschehen ist, zu dieser in den Höhen schwebenden Seele noch einen eigenen Körper hinzukonstruiert! Solchen Verirrungen gegenüber muß man klar daran festhalten, daß der Seelensitz auch in allen gesellschaftlichen Beziehungen in den Individuen ist und bleibt. In Wahrheit gibt es keine Volksseele und keinen Volkswillen; man kann noch weiter gehen und sagen, im strengen Sinne gebe es auch keine öffentliche Meinung der Gesellschaft als solcher, keine allgemeine Rechts-Überzeugung des Volkes in seiner Einheit, kein sittliches Gefühl der Masse im ganzen. Alle diese Wendungen, die sich unwillkürlich aufdrängen und die ebenso irreführend als bezeichnend sind, wollen nur sagen oder sollen nur sagen, daß die Seelen, die Willen, die Meinungen, die Überzeugungen, die Gefühle gleichgerichtet sind, entweder bei allen Bürgern oder doch l>ei der entscheidenden Mehrheit oder vielleicht auch nur bei einer Minderheit, die eben die Herrschaft über die Gemüter der andern besitzt.

Wodurch die Individuen einer Vielheit gleichgerichtet werden, da« ist in unserer Untersuchung über den Ursprung und das Wachstum der Macht deutlich geworden. Es ist der Erfolg, der die Individuen dazu verhält, in gleichem Schritt und Tritt vorzugehen. Damit ist zugleich deutlich, daß der einzelne, der mit den vielen gleichgerichtet ißt, sich im Banne einer übergeordneten Gewalt fühlt, die stärker ist als er; daß er selber mit an ihrer Bildung Anteil hat, will ihm nicht leicht in den Sinn. Selbst wenn er zunächst diese Meinung hat, so weist er sie unter dem überwältigenden Drucke der Umgebung wiederum ab. So entsteht das Gefühl, wie es Mephisto im Gedränge der Walpurgisnacht mit den Worten ausspricht: „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben“. Von wem sonst aber wird der einzelne geschoben, als von den andern, die sich mit ihm drängen und von denen jeder ebenso wie er selbst sich von außen geschoben fühlt ? Es ist der gleichgerichtete Geist aller, der eine Vielheit von Menschen in Bewegung setzt. In jeder Vielheit wird das individuell Besondere, das sich mit der Gesamtbewegung nicht verträgt, niedergehalten und abgeschliffen. Insoweit ist die Bewegung überindividuell und selbst antiindividuell, aber dadurch wird sie nicht unpersönlich. Die Kraft, die in ihr wirkt, kann keinen andern Ursprung haben, als in den Personen, die zur Vielheit vereinigt sind. Jede wahre, jede starke gesellschaftliche Macht muß in den Seelen der beteiligten Individuen miterlebt sein; der Staat wirkt nicht ohne den aufrechten Sinn der Bürger, der seinen Entscheidungen ihr Gewacht gibt, das Heer nicht ohne die Tapferkeit der Krieger und den tätigen Druck ihrer Zahl, die Kirche nicht ohne die Frömmigkeit der Gläubigen, das Recht nicht ohne die Überzeugung der Berechtigten und Verpflichteten, die Ideen müssen, um zu wirken, in den Hirnen der führenden Schichten der Zeit lebendig sein, die gesellschaftlichen Bewegungen oder Strömungen müssen durch ihre Herzen gehen.

Was wir auch an überindividuellen oder selbst antiindividuellen Wirkungen der gesellschaftlichen Macht beobachten, so muß es das wissenschaftliche Denken auf seinen persönlichen Ursprung zurückzuführen vermögen oder das wissenschaftliche Denken hat seine Aufgabe nicht erfüllt.

2. Die Machtpsychologie der Masse

Gegenüber der gefestigten äußeren Macht ist das Machterlebnis der Masse nur leidend. Vielleicht, daß die stärksten Individuen Anwandlungen zum Widerstand verspüren oder dort, wo sie besonders herausgefordert werden oder die Gelegenheit besonders günstig scheint, selbst Widerstand versuchen, aber die große Zahl der Schwachen versinkt in dumpfe Resignation. Auf die Dauer schlägt der Herdentrieb durch, alles fügt sich dem gegebenen Zustand und die ganze Masse folgt dem gleichen Gefühle der Unterordnung.

Die innere Macht weckt in der Masse den Trieb zu williger Nachfolge. Der einzelne gehorcht dabei nicht bloß seinem eigenen Triebe, sondern er wird auch durch die Kühlung mitbcstimmt, die er von dem Verhalten seiner Umgebung und der ganzen großen Masse hat. Das Machterlebnis wird dadurch gesteigert, duß der einzelne, der sich der Macht unterordnet, durch seinen Beitritt zugleich das Gewicht erhöht, mit dem die innere Macht in der Gesellschaft wirkt, er tritt, wenn auch nur mit einem kleinsten Anteil, in die Reihe der gesellschaftlichen Machthaber ein. Das Machterlebnis der Masse wird in seinem Gehalt dort noch ausgiebig bereichert, wo, wie es oft der Fall ist, äußere und innere Mächte zu gemeinsamer Wirkung verbunden sind. Das Machterlebnis des Soldaten gibt uns dafür ein besonders belehrendes Beispiel.

In jeder guten Truppe ereignet sich das Wunder, daß der friedliche Muttersohn, der für seine Person Kampf und Blut scheut, sich zum geschulten Krieger wandelt, welcher mit ruhiger Überlegung der feindlichen Waffe standhält und ihr mit entschlossenem Mut entgegenstürmt. Um diese Wandlung zu vollziehen, reicht die Furcht vor den Zwangsmitteln der militärischen Disziplin nicht aus; Furcht, das leidende Machterlebnis, erzeugt nur dumpfen Gehorsam. Die Wandlung ist auch noch nicht vollzogen, wenn der Rekrut, vom Kanonenfieber geschüttelt, dennoch im suggestiven Bann seiner Umgebung zum Sturmlauf des Angriffes willenlos fortgerissen wird; das ist das bloße Herdenerlebnis der Macht, das ebenso rasch in Panik Umschlagen kann. Die Wandlung beginnt damit, daß der Soldat den Sinn der Mannszucht begreift, ohne die kein Erfolg gedeihen kann. Sobald die Truppe so weit ist, fordert nicht bloß der Vorgesetzte, sondern fordert jeder einzelne in der Truppe von jedem andern, daß er seine Pflicht bis zum äußersten tue, umgekehrt steht jeder einzelne unter der treibenden Vorstellung, daß alle andern es ebenso von ihm erwarten. Der tapfere Sinn antwortet auf diese Erwartung mit der lebendigsten Aufwallung des Ehrgefühls und selbst der schwachmütige Sinn kann sich dem Gebote der Ehre nicht entziehen. Nun findet der Befehl eines Vorgesetzten, dem die Truppe vertraut, die seelischen Bahnen offen, kein Mann würde es ertragen, hinter den andern zurückzubleiben, selbst wenn es das Äußerste gilt. Die Wandlung ist vollendet, wenn sich zur soldatischen Ehre soldatischer Stolz hinzugesellt, der den Triumph des Sieges genießt. Im/ Erfolge de« Siege« erlebt der Soldat da« Hochgefühl einer Kraft sondergleichen, die sich durch alle Schrecken hindurch behauptet; es ist ein Krafterlebnis, wie er es niemals auch nur annähernd in sich gekannt hat uncT von dessen Höhe er auf den Pfahlbürger mit Geringschätzung herabblickt, ein Krafterlebnis, das zugleich ein Machterlebnis ist, weil man es in seiner überwältigenden Gemütswirkung erlebt. Wie jeder, der dabei war, an der Kraft seinen Anteil hatte, so hat er ihn auch an der Macht, er ist durch sie miterhöht und steht mit in ihrem Banne. Soldatenehre und Soldatenstolz fließen zum soldatischen Geist zusammen, der die Soldatenpflicht in sich schließt. Alle die Tausende oder Millionen, die dieses Geistes voll sind, setzen den Befehl des Führers durch das Medium ihres Willens wie bewußte Transformatoren zur eigenen Handlung um und binden sich dadurch zu einer Einheit, von der die stärksten Wirkungen ausgehen.

In allen Fällen, in denen der individuelle Wille in den Massen sich zum gesellschaftlichen Machtgewebe verknüpft , läuft der seelische Prozeß in der gleichen Folge ab: erst die Erkenntnis der Notwendigkeit des Zusammengehens, dann die wechselseitige Forderung und Erwartung des Zusammengehens — all dies auf der Grundlage von Trieben des Unterbewußtseins —, weiter die Aufregung des Ehrgefühls, dieser Erwartung zu entsprechen, und zwar nicht nur bei den starken, sondern selbst hei den schwächeren Genossen, darauf die Wahrnehmung des Erfolges und der Stolz des Krafterlebnisses, das man als Machterlebnis genießt, welches den Trieb verstärkt, und schließlich zum gesellschaftlichen Pflichtgefühl erhöht wird. Je innerlicher das Erlebnis, desto bindender das Pflichtgefühl. Räuberehre und Räuberstolz — auch sie sind ja Äußerungen der gesellschaftlichen Natur des Menschen — führen über das Gefühl kameradschaftlicher Pflicht nicht hinaus; Bürgerchre, Bürgerstolz, Bürgersinn rufen die Stimme des Gewdssens mit auf; Recht und Sittlichkeit sind tief im Gewissen beschlossen, doch fehlen die Erregungen von Ehre und Stolz keineswegs; auf das Ehrenkleid der Unbescholtenheit soll kein Makel fallen und dem aufrechten Manne ist d&s stolze Gefühl getaner schwerer Pflicht erlaubt, ohne daß es ihm als Pharisäertum ausgelegt werden dürfte. Nur der ganz entschlossene Schurke und Bösewicht hat den Trotz, sich als einer gegen alle aufzulehnen. Die Masse der Menschen ist weicher, sie gibt dem Druck des allgemeinen Willens nach und sie gibt ihm nicht nur leidend nach, sondern, dasMachterlcbnis des Rechtssieges mitgenießend, folgt sie ihm tätig, sie formt sich innerlich nach der allgemeinen Regel. Wenn es auch wohl niemand gibt, der nicht im einzelnen Falle, der Versuchung erliegend, das Gewisse nsverbot verletzt, so wird doch das innere Machterlebnis des Sieges über die Versuchung, davS sich in der großen Mehrzahl der Fälle wiederholt, das Gewissen immer wieder neu aufrufen und bestärken. Freilich die Zahl der Menschen, die gar keiner fremden Hilfe bedürfen, um innerlich aufrecht zu bleiben, ist nicht allzu groß. Der weitgehende Verfall von Recht und Sittlichkeit nach Weltkrieg und Umsturz hat mit erschreckender Deutlichkeit bewiesen, wie gering bei vielen Menschen, die bis dahin in allen Ehren dastanden, der eigene moralische Halt war. Die erschütterte Autorität von Gericht, Polizei und Kirche, die durch die Not verursachte Steigerung der Versuchungen, das böse Beispiel des Erfolges gewissenloser Menschen, die wider Recht und Sittlichkeit in die Höhe kamen, hat viele schwächere Gemüter vom Weg der Pflicht abgeleitet oder in ihrer Pflicht säumig gemacht. Es ist ein Trost, zu beobachten, daß, während die Welt vom Lärm derjenigen widerhallt, die das Gesetz brechen, die Stillen im Lande weiterhin ohne Wanken ihrem Gewissen folgen. Sic verstehen einander, ohne daß sic viel Worte zu machen brauchen, sie bewahren die Vorstellung der Gesellschaft, wie sie sein soll, unverkümmert in sich fort und setzen sie durch das Medium ihres Willens weiterhin in Taten um. In der Wärme ihres inneren Machterlebnisses erhalten sich die Keime einer besseren Zukunft.

Das Machterlebnis des Glaubens ist das innerlichste von allen. In den Seelen eines starken Glaubens haben Ehre und Stolz geringes Gewicht, ihr Ruhm ist, wie der Apostel sagt, das Zeugnis ihres Gewissens in Einfalt und Demut des Herzens. Sie sind bereit, ihren Glauben gegen die Macht einer ganzen Welt zu bewähren, das Martyrium ist für sie dae höchste Machterlebnis, durch das sie freudig Zeugnis für eine überirdische Macht geben, mit der sie sieb innerlich verbunden fühlen. Ilir Machterlcbnis ist noch weit reiner und reicher, als selbst das des Soldaten auf dem Felde der Ehre. Sich einem großen Ganzen unterordnen und damit zugleich dessen Erfolge als eigenes Machterlebnis empfinden — dae ist für die Masse der in tausenderlei Formen wiederholte Inhalt der Machtpsychologie.

3. Die Lehre von der Massenpsychologie.

Das Problem der Machtpsychologie, wie wir es eben kennengelernt haben, berührt sieh einigermaßen mit der Lehre von der Massenpsychologie, wie sie von Tarde, Sighele, Le Bon und andern entwickelt ist. Wenn man das Handeln der Masse verfolgt und auf seine psychischen Triebe zurückführt, wie es die Schriftsteller dieser Richtung tun, so stößt man notwendigerweise auf die Erscheinung der Macht, unter deren Bann die Masse handelt. In den Untersuchungen über die Massen-psychologic, die mit Scharfblick und Geist geschrieben sind, findet sich daher mancherlei, was auf die Machterscheinung Licht wirft. Indes ist die Lehre doch nicht auf eine eigentliche Analyse der Machterscheinung angelegt und man muß sich außerdem darüber klar sein, daß der Begriff der Masse in dieser Lehre nicht so verstanden wird, wie wir ihn verstehen, nämlich im Gegensatz, zum Führer. Als Masse gilt hier jede Menge, jede größere Zahl von Menschen, die in einem gegebenen Falle unter den gleichen seelischen Eindrücken stehen; die Führer sind dabei miteingeschlossen, mindestens alle Unterführer und anonymen Führer, die man gar nicht weiter unterscheidet, aber auch so ziemlich alle höheren Führer mit einziger Ausnahme der ganz großen, die sich deutlich von der Menge abheben.

Die Lehre von der Massenpsychologie hat zunächst die Massenpsychosen und sodann von diesen aus in der Hauptsache das Machterlebnis der Massen unserer Zeit beschrieben, die eben zur Herrschaft gelangen, aber ihrer Herrschaft noch nicht ganz sicher sind. Das viel-gelesino Buch von Le Bon über die Psychologie der Massen fülirt uns in geistreicher Darstellung und in lebensvoller Anschaulichkeit in die Gedanken dieser Lehre ein. Der kritische Blick des Skeptikers enthüllt schonungslos die Schwächen der Demokratie. Der Wert der neuen Lehre liegt eben in diesem unerbittlichen Trieb nach Wahrheit, in diesem empirischen Ernst. Daher denn auch ihre große Wirkung, von ihr gilt das Wort ,,Selig sind diejenigen, die keine Phrasen machen, denn sie werden verstanden werden“. Die neue Lehre bedeutet ein redliches Besinnen gegenüber der demokratischen Phrase, zugleich bedeutet sie aber auch in den wissenschaftlichen Gedanken über das gesellschaftliche Handeln die Wendung vom Wort zu den Tatsachen. Sic will nur die Erfahrung gelten lassen und sucht sie an ihrer Quelle. Als die Quelle des gesellschaitlichen Handelns erkennt sie — und das ist eine Erkenntnis, die vor ihr in dieser Deutlichkeit noch nicht da wrar — die Psyche der Individuen, die in einer Masse vereinigt sind und sich in dieser nun wesentlich anders verhalten, als sie es jeder für sich tun. Auch in den bewegtesten Szenen des Massenlebens kennt sie keine anderen handelnden Personen als die Individuen, bei denen jedoch unter den Erregungen des öffentlichen Lebens Motive des Handelns zur Geltung kommen, die im privaten Leben nicht oder kaum hervortreten. Dasselbe Individuum, das in seinem privaten Leben seine Triebe zu zügeln bestrebt ist, mag, wenn es rIb Mitglied der Masse zum Bewußtsein öffentlicher Macht gelangt ist, sich ihnen zügellos hingeben; bei den nüchternsten Menschen, wenn sie als Mitglieder einer Masse besonders starken Eindrücken ausgesetzt sind, mögen Triebe hervorkommen, deren sie sich früher niemals bewußt wfaren, krankhafte und vielleicht gar perverse Triebe, die sich unter der Einwirkung der Massensuggestion in kriminellen oder anderen Massenpsychosen ansteckend verbreiten und entladen. In weiterer Verfolgung ihrer Gedanken behauptet die Lehre von der Massenpsychologie, daß das Individuum in der Masse erregbarer sei, das Triebhafte trete hervor, das Intellektuelle trete zurück; selbst der gebildete Mann, der sich in seinem persönlichen Kreise von allem rohen und flachen Wesen absondert, gehe, wenn er ins bunte Gedränge der Öffentlichkeit gemischt ist, mit der Masse mit, ebenso leichtgläubig wie .sie und ebenso veränderlich von einem Extrem zum andern schwankend.

Diese Sätze werden von Le Bon und seinen Genossen durch eine ganze Reihe von glücklich gewählten und wirksam vorgetragenen Beispielen aus der Erfahrung belegt, dennoch dürfen wir uns mit ihnen nicht zufrieden geben. Abgesehen davon, daß die Lehre von der Massenpsychologie das private Leben überhaupt beiseite läßt — worauf wir noch zurückkommen werden — so hält sie sich selbst innerhalb des öffentlichen Lebens so gut wie ausschließlich an die besonders auffälligen Erscheinungen des Massenlebens, die doch nur die geringere Zahl sind und für den regelmäßigen Verlauf nichts entscheiden. Die Massen, die sie beobachtet, sind die krankhaft erregten oder die sonst aufgeregten und beunruhigten Massen; den ruhigen Massen, die fest in der Hand ihrer Führer stehen, wendet sie keinerlei Aufmerksamkeit zu. Ganz besonders beschäftigt sie sich mit den schwach und unsicher geführten Massen, wie wir sie in der Periode der Revolutionen so oft und gerade bei den bedeutendsten Schicksalswendurigen vor uns sehen. Die Massenpsychologie Le Bons ist im Grunde die Psychologie der modernen demokratischen Mengen, die von dem Bewußtsein ihrer Macht erfüllt sind, aber ihre Macht noch nicht recht zu gebrauchen gelernt haben. Für diese hat in der Tat der Instinkt mehr zu sagen, als die Überlegung und Einsicht, die Suggestion mehr als der entschlossene Wille. Man geht kaum fehl, wenn man erklärt, daß die moderne Lehre das Herdenerlcbnis der Macht beschreibe, sie beschreibt das Massengefühl, das sich in der Aufregung der Öffentlichkeit mit unheimlich ansteckender Kraft verbreitet, sieb übernimmt und wieder an sieh irre wird. Die Periode der Revolutionen, so breit sie ist, ist aber doch nur eine Bruchstelle im ganzen langen Laufe der geschichtlichen Entwicklung, welcher große Perioden einer verhältnismäßig ruhigen und jedenfalls stetigeren Entwicklung vorausgegangen sind und vielleicht wieder solche folgen wrerden. In diesen andern Entwicklungsperioden erhebt sich das Machterlebnis der Masse, die ihrer Erfolge sicher geworden ist, über das bloße Herdenerlebnis, weil die Masse in diesem Jahrhunderten und Jahrtausenden von strengen und strengsten, vielleicht rohen, aber dabei eben erfolgreichen und deshalb festen Führungen beherrscht ist. Über die Psychologie dieser Zeiten erfahren wir aus der neuen Lehre nichts und es ist deshalb doch nur ein verheißungsvoller Anfang, den sie macht, indem sie die auffälligen Erscheinungen der revolutionären Gegenwart beschreibt. Sie hat sieh ihr Bcobachtungsfeld zu enge abgesteckt, wir müssen es auf die ganze Weite der Geschichte ausdehnon, wir müssen die moderne Massenpsychologic zu einer vollen Machtpsychologie erweitern, die vor allem das gesunde, von keinerlei Psychosen, Unsicherheiten oder Schwankungen angekränkelte Maeht-erlebnis der Masse zu beschreiben hat.

Die festgeführtc und in sich beruhigte Masse ist nicht beweglich, sondern konservativ. Le Bon selbst gibt es gelegentlich zu, daß die Masse ihrem Wesen nach eigentlich konservativ ist. Wenn er, so wie die andern Lehrer der Massenpsychologie, als entscheidenden Charakterzug der Masse ihre Beweglichkeit und ihr stetes Schwanken bezeichnet, so hängt dies zu einem Teil wohl damit zusammen, daß man die Beobachtungen hauptsächlich am Volke der Gallier angestellt hat, von denen schon Cäsar bemerkte, daß sie novarum rerum cupidi seien. Vor allem aber ist es gewiß dadurch gegeben, daß man die Beobachtungen in der Periode der Revolutionen an iMassen angestellt hat, die ohne feste Führung sich den Stimmungen der wechselnden Lagen widerstandslos hingeben. In ruhiger Zeit vollzieht die Masse Jahr für Jahr mit unverdrossenem Fleiße ihr schweres Lebenswerk, sie bleibt so starr auf ihren Gesichtskreis bescliränkt, daß sie nüchtern, engherzig, unduldsam wird. Wie sie in allem konservativ ist, so ist sie es insbesondere in der Anhänglichkeit an ihre überlieferten Führungen. Beharrlich und treu, das ist ihr eigenstes Wesen. Was die Lehre von der Massenpsychologie über die Zügellosigkeit des einzelnen in der Masse vorbringt, gilt auch nur für die*. Masse, der die feste Führung fehlt. Die ruhige Masse steht unter dem Banne überlieferter Mächte, die alle ihre Mitglieder binden; diese Mächte setzen aus, sobald die Masse ins Schwanken geraten ist, und die persönlichen Triebe, die durch sie zurüekgehalten waren, können nun ausbrechen. Können sie aber ganz frei ausbrechen ? Nein, das können sie nicht, denn, solange die Masse als Masse handelt, ist sie eine Einheit, die ihren Mitgliedern das Gesetz gibt, und wenn sie erregt ist, das strengste Gesetz gibt. Le Bon macht sehr gute Bemerkungen darüber, wie die Massen in der großen Revolution bei ihren schlimmsten Zügellosigkeiten von dem Gefühle geleitet waren, sie hätten eine öffentliche Pflicht zu vollziehen. Bei den Septembermorden hätte sich der Pöbel als Richter berufen gefühlt und man hätte in diesem Gefühle eifrig darüber gewacht, daß niemand sich an den Habseligkeiten der gerichteten Opfer vergreife. Zügellosigkeit auf eigene Faust ist in der Masse nicht erlaubt, um so schlimmer bricht dafür die Zügellosigkeit der gesamten Masse aus. Der Pöbel, der sich des Richteramtes anmaßt, weil kein Richter da ist, welcher seines Amtes waltet, übernimmt von den Pflichten des Richters nur die eine schrecklichste der Vergeltung und im übrigen gibt er sich dem freventlichen Gelüsten eines ausschweifenden Machterlebmsses hin. Oie Führung, die sein muß, wenn Einheit bleiben soll, fällt den wildesten Sehwarmgeistern zu und der menschliche Herdentrieb wird den niedrigsten tierischen Instinkten der menschlichen Natur dienstbar, selbst bei Personen, die man sonst für gutgeartet halten konnte. ,,Abgründe gähnen im Gemüte, die tiefer als die Hölle sind“, wie es im Gedichte heißt. Zu dem, was die Lehre von der Massenpsychologie über die Eigenschaft der Leichtgläubigkeit behauptet, ist noch allerlei auf klärend hinzuzufügen. Leichtgläubig, so daß sie sich an allem ergötzt, was man ihr bietet, ist die Masse nur dort, wo sie unterhalten sein will, aber sonst kein bestimmtes Interesse verfolgt. Dort, wo sie dies letztere tut, glaubt die Masse immer nur das, was sie glauben will, weil es in dieses ihr Interesse paßt; da freilich ist-sie bereit, selbst das Unwahrscheinlichste zu glauben, wenn sie anders daraus ein Motiv für die Haltung ableiten kann, die ihr durch ihr Interesse geboten ist. Was die Masse nicht glauben will, weil es sie in ihren Interessen behindert, das prallt entweder stumpf an ihr ab, oder sic weist cs mit Heftigkeit zurück, falls man es ihr auf-dringen will; darin ist die ruhigste konservative Masse von der unruhigsten nicht verschieden. Diese Art Leichtgläubigkeit ist ein erwünschtes Mittel der Autosuggestion, durch die man sich in seine Stimmungen verbohrt. Wie jeder einzelne, braucht auch die Masse den Glauben an sieh, sie braucht die Legende ihrer Vortrefflichkeit und Sieghaftigkeit, wie sie die Legende der Verdorbenheit und Hassens -Würdigkeit des Gegners braucht. Anders würde sie der heroischen Anspannung all ihrer Kräfte nicht fähig sein, die der Kampf um die Macht erfordert. Im Kampfe ums Dasein könnte sich kein Volk behaupten, dem solche Anspannung nicht möglich wäre. Es gibt keine Volksgeschichte, die nicht davon zu erzählen hätte, welch äußerste Hingebung die Bürger in den großen Staatskrisen bewährt haben. Die stärksten Völker, die am leidenschaftlichsten danach streben, sich obenauf zu halten, sind am heftigsten darauf aus, mit begieriger Gläubigkeit die Motive zu nähren, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Leidenschaft brauchen. Sobald es nottut, machen sich die erfahrenen Kenner des Massenlebens, wie sie jede geschickte Führung in ihrer Mitte hat, unverweilt daran, dem Volke zu liefern, was dessen Glaubenshunger sucht, und sie wissen recht gut, daß sie in der Kost, die sie verabreichen, nicht wählerisch sein müssen. Je derber, desto wirksamer. Das englische Volk als dasjenige unter den Völkern Europas, das bei seinen staatlichen Entscheidungen am meisten mitzusprechen hat, ist der Propaganda seiner Führer am meisten ausgesetzt. Erst bis geschehen ist, was geschehen sollte, ruft Gott Äolus die Stürme zurück und die Welle ebbt wieder ab. Nun dürfen sich auch die besonnenen Männer wieder hören lassen, die während des allgemeinen Lärmens nicht zu Wort kommen konnten, die vielleicht an sich selber zweifelhaft geworden waren oder die man unsanft zur Seite geschoben hatte. Unter ihrem Tadel und ihren Ermahnungen kommt ein aufrechtes Volk zur Erkenntnis seiner Irrung und man macht sich sogar daran, zu bessern, was noch zu bessern ist, vorausgesetzt allerdings, daß man — konservativ wie man auch darin bleibt — von den Früchten des Sieges nicht zuviel herausgeben muß. Wenn dann der nächste Kampf zu bestehen ist, gibt sich die Volksseele mit gleicher Leichtgläubigkeit wiederum der gleichen Leidenschaftlichkeit hin und ist ohneweiters bereit, falls man sich gegen den Freund von gestern wenden muß, dessen eben noch gerühmte Vorzüge in cbensoviele unheilvolle Laster zu verkehren. Das gehört zur Beharrlichkeit des starken Volkes, das sich in der Welt durchsetzen will.

Auch die Behauptung, daß im Massenlcben das Triebhafte hervortrete, bedarf noch der aufklärenden Berichtigung. Nur dasjenige Triebhafte tritt hervor, das ein Teil einer starken gemeinen Kraft werden kann, aber dieses wird zum bewußten Willen erhöht, das Triebhafte hingegen, das zu den Heimlichkeiten der Menschenbrust gehört, bleibt auf das persönliche Leben eingeschränkt, wo es freilich, sofern es allgemein persönlich ist, weiteste Wirkung üben wird. Hunger und Liebe behalten immer ihre weite Wirkung im gesellschaftlichen Getriebe, aber als Faktoren gesellschaftlicher Macht sind sie von andern Trieben überholt, welche die großen Massen zu Einheiten zusammen-zwingen. Ebenso wird die Behauptung, daß das Intellektuelle in der Masse zurücktrete, im gesunden Leben der Gesellschaft nicht bestätigt, die Masse wird durch den Führer gehoben, dessen Gedanken sie mitdenkt. Durch den Erfolg des gesellschaftlichen Zusammengehens ist gerade das Intellektuelle in den Menschen ganz besonders gefördert worden; die Bildung ist ein gesellschaftliches Werk, das bald in stetiger, ruhiger Arbeit, bald in reißender Strömung vorwärtsgehf. Das letztere ereignet sich dann, wenn neue Ideen nach langer Vorbereitung sich plötzlich über die Gemüter verbreiten, in denen sie durch das Machterlebnis zur Herrschaft kommen, mit dem ihr neuer Schwung freudig empfunden wird. Dann erhält der Gedanke etwas Triebhaftes hinzu, er erhält eine überindividuelle Kraft, die aus dem gesellschaftlichen Nachdruck fließt, mit dem die Geister einander vorwärtsdrängen. Mehr noch als beim einzelnen Denker, der sich seinem Drange nach Wahrheit hingibt, ist der neue Gedanke für die Gesellschaft bei ihrem gesteigerten Wesen mit dem Geiste zugleich vom Verlangen getragen, als ein Wahn voll berückenden Glanzes, voll übermäßiger Erwartungen.

4. Der Individualismus des Privatlebens

Die Lehre von der Massenpsychologic irrt auch darin, daß sie voraussetzt, im privaten Leben finde sich die Erscheinung der Masse nicht, sondern hier stehe das Individuum „für sich“. Es gibt keiD „Individuum für sich“, es wäre nicht lebensfähig. Auch in der Zurückgezogenheit des Hauses und der eigenen Arbeit ist jeder Maua dem Einflüsse gesellschaftlicher Mächte ausgesetzfc — der anonymen Mächte, wie wir sie genannt haben — auch da will man vor dem Erteil der andern bestehen können, deren Augen, wie man wohl weiß, einen überallhin verfolgen, und ebenso will man auch da von den Erfolgen der andern lernen, die man begierig wahrnimmt, auch wenn man seine Geschäfte in einiger Distanz voneinander verrichtet. Das Wesentliche des Masseulobens, daß man sich nacheinander richtet, spielt sich im privaten Kreise wie in der Öffentlichkeit ab, es besteht nur im Grad ein Unterschied. Im privaten Leben iät man nicht so enge aneinander gepreßt, so daß man sich etwas selbständiger rühren kann; im öffentlichen Leben ist man einander so nahe, daß man im engsten Verbände, um mit Mephisto zu reden, schieben muß und geschoben wird.

Dies hängt damit zusammen, daß im privaten Leben jeder für sich selber sorgen muß, er hat sein Sonderwerk zu verrichten, im öffentlichenlichen dagegen sind die gemeinsamen Angelegenhciten zu schlichten, hier ist Gesamtwerk zu tun. Wie wir wissen, ist aber auch das Sonderwerk des Privatlebens nicht isoliert, es ist in seiner Art gleichfalls gesellschaftliches Werk. Nicht nur, daß der einzelne in seinem Sonderwerk in den Schranken der Mächte von Recht und Sittlichkeit gehalten ist. die ihm nur einen gewissen Spielraum der Bewegung freilassen, so bewegt er sich auch innerhalb dieses Raumes durchaus nicht ganz frei. Es wird wenig Haushaltungen geben, die sich gar nicht an das gesellschaftliche Vorbild halten, die meisten richten sich ziemlich genau nach diesem ein und hüten sich ängstlich davor, den Tadel der andern herauszufordem. Die persönliche Energie äußert sich zumeist nur in dem Grade der Selbständigkeit, mit der man die allgemeinen Regeln den persönlichen Verhältnissen anpaßt; von der rechtlichen Bewegungsfreiheit bleibt für die Masse der Menschen praktisch nur eine gewisse Wahlfreiheit übrig in Hinsicht auf die Modalitäten, unter denen sie die allgemeinen Regeln erfüllen. Der Egoismus sondert den einzelnen von den andern keineswegs strenge ab, bei der Masse der Menschen geht er darauf hinaus, so für sich zu sorgen, wie die große Masse der andern für sich sorgt, wie „man“ für sich sorgt. Für die große Masse der Menschen gilt in ihren privaten Angelegenheiten die „Psychologie des Man“ wenn ich einen Ausdruck wiederholen darf, den ich schon bei andrer Gelegenheit angewendet habe. Der Durchschnittsmensch will sich in allem möglichst so verhalten, wdc man sich verhält. Das Ichgcfühl, durch das sich der Mensch in seinem Innersten als ein von den andern abgesondertes Wesen erkennt, wird bei allen schwächeren Menschen — und das ist die große Masse — durch unmerkliche, aber zwingende gesellschaftliche Mächte erzogen und erhält dadurch eine Richtung, die nicht mehr rein persönlich ist. Das Bewußtsein hat ungezählte Einbruchspunkte, durch die es gesellschaftlichen Einflüssen zugänglich ist, welche es bis in seine Tiefen hinein in die gesellschaftlich eingefahxenen Bahnen leiten. Das Ichgefühl des gesellschaftlich erzogenen Individuums ist nicht befriedigt, ^ wenn es sich nicht in allen Hauptbeziehungen mit der Gesellschaft einig findet. Bei voller gesellschaftlicher Erziehung geht der Egoismus vom Individuum aus, um in der Gesellschaft zu endigen, er wird zum gesellschaftlichen Egoismus, der gerade nur so viel für sich verlangt, als man nach dem gesellschaftlichen Herkommen für sich verlangen darf und soll.

Dieser Satz gilt nicht nur dort, wo man sich durch soziale Rücksichten deutlich gebunden fühlt, sondern gerade auch dort, wo man ganz auf sich gestellt zu sein meint. Dort, wo der Mann der Masse, der Durchschnittsmensch sich ganz in seinem Elemente fühlt, ist er am wenigsten ein ,,Individuum für sich“, gerade da ist er so recht das Produkt seiner Umgebung und seiner Zeit, die ihn erzogen haben. Der Individualismus der Durchschnittsmenschen verdient eigentlich diesen Namen nicht, denn an ihnen ist so gut wie nichts Individuelles, nichts wirklich Persönliches geblieben. Haus und Schule haben an ihnen das Eigenartige abgeschliffen und ihnen, ohne daß sie es recht bemerkten, durch überlegenen Druck, dem sie höchstens den Widerstand des halsstarrigen Kindes entgegenzusetzen vermochten, volle Unterordnung abgenötigt. Rechtlich selbständig geworden, fahren sie fort, das Opfer freier Entschließung tatsächlich weiter zu bringen; ängstlich richten sie sich in jeder Lage darnach, wie man sich in dieser Lage allgemein verhält, immer brauchen eie noch die Stütze des allgemeinen Beispieles, um sich darüber zu entscheiden, was das Zuträglichste, das Sparsamste, das technisch Wirksamste und sonst das Klügste sei. Die Masse der Durchschnittsmenschen sind gleichgerichtete Glieder der Gesellschaft, denen ihr eigenes Recht in der privaten Sphäre unbedenklich eingeräumt werden kann, ohne daß die Gesellschaft Gefahr liefe, wie die Gegner des Individualismus es behaupten, in Atome zerrissen zu werden. Das bescheidene Machterlebnis, dessen sie sich unter ihren Umständen erfreuen, genügt, um sic in der überlieferten Ordnung zu halten. Die klassische Lehre vom Individualismus wäre niemals angefochten worden, wenn sie sich darauf beschränkt hätte, Bewegungsfreiheit für die Masse der gewöhnlichen Menschen zu fordern, die sie niemals gesellschaftlich mißbrauchen konnten, freilich wäre sie auch niemals ausgedacht worden, wenn sie nicht mehr zu fordern gehabt hätte.

Erst an den führenden Unternehmern hat sich im privaten Wirtschaftsleben Individualismus im wahren Sinne geltend gemacht. Die sich überstürzende Entwicklung der Technik und des Marktes hat den Männern klaren Blickes und starken Willens Möglichkeiten des Gewinnes eröffnet, von denen sie entschlossen und oft rücksichtslos Gebrauch machten. Sie haben nicht nur individuell frei, sondern individualistisch gehandelt, mit dem Ziele des eigenen Wohles und dem Genüsse des eigenen Willens. Selbst dies gilt im vollsten Sinne nur für die stärksten dieser Unternehmer, für diejenigen, welche die Führer der Masse der Unternehmer sind. Alle andern, so selbständig sie nach außen hin auftreten, schöpfen ihre Kraft doch zum besten Teile aus der Bewegung der Zeit, die mit ihnen zugleich so viele andere Unternehmer erweckt hat, mit denen zusammen sie ihre gemeinsame Bahn gehen. Wie Marx richtig bemerkt, ist der Unternehmer das Geschöpf seiner Zeit, er muß so wollen, wie die andern neben ihm wollen, sonst wird er von seinen eigenen Genossen mißachtet und zurückgedrängt. Wer als Unternehmer neue Wege versucht, muß eine Kraft über das Mittel der Untemehmerkraft besitzen und muß sich gegen seine Genossen durch-kämpfen.

Die Unternehmer lieben es, ihre Geschäftspsychologie, die nichts anderes als Machtpsychologie ist, in dem Sinne zu deuten, daß sie nicht so sehr um ihrer persönlichen, als um der allgemeinen Interessen willen tätig seien, sie geben sich gerne als Organe der Gesellschaft, als öffentliche Wohltäter, sie pflegen sich zu rühmen, in welchem Grade sie die gesellschaftlichen Energien vervielfachen, in welchen Mengen sie neue Leistungen hervorbringen, für wie viele Menschen sie Arbeitsgelegenheit schaffen. Man braucht sie deshalb nicht der Heuchelei zu zeihen, man wird indes kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die meisten dieser Männer ohne den Reiz des persönlichen Muchterlebnisses kaum für das gesellschaftliche Wesen so empfänglich geworden wären, wenn man auch zugehen muß, daß der Drang, ihre Kraft auf dem weiten gesellschaftlichen Felde zu betätigen, mit seinen Reiz auf sie ausübt. Der Reiz des persönlichen Machterlebnisses ist es jedenfalls, was sie dagegen gleichgültig werden läßt, welch harten Zwang sie oft ihren Mitarbeitern und Mitbewerbern auferlegen und welch schwere Opfer sie von ihnen fordern.

4. Die Machtpsychologie der Führer

Wie die wirtschaftlichen Führer, müssen alle Führer des öffentlichen Lebens Persönlichkeiten über dem Mittelmaß sein und insoweit etwas Individuelles an sich haben, was nicht immer heißt, daß sie auch individualistisch sein müssen. Die Führer gehen keineswegs immer darauf aus, ihre Macht für sich persönlich auszunützen, die Zahl derer ist keineswegs gering, deren Egoismus einem weiteren gesellschaftlichen Körper, der Partei, der Klasse, dem Staate dient, und die großen Seelenführer widmen sich ohne Schranken dem allgemeinen Wohle. Wrenn der Führer darauf ausgeht, seine Macht für sich auszunützen, so muß es wiederum nicht in der groben Weise geschehen, daß er wirtschaftlichen Vorteil für sich selber sucht. Die Befriedigung des Ehrgeizes ist ein Motiv, das in aller Regel mitspielt und das nicht selten alle andern verdrängt. Bei der Herrschsucht wird cs sich oft kaum unterscheiden lassen, ob sie den starken Mann vorwärts treibt, weil er sich zum gesellschaftlichen Werke berufener fühlt, als alle die andern um ihn herum, oder weil er es eben nicht über sich bringt, einem andern den Vorrang zu lassen. Jedenfalls ist der Trieb, seine Kraft auszuleben, in der starken Führernatur kaum zu unterdrücken. Dennoch stehen nur wenige Führer so aufrecht, daß man sie nach dem Worte Nietzsches als freie Geister bezeichnen kann, die meisten sind, während sie Macht üben wollen, zugleich selber im Banne der geschichtlichen Machtströmungen. Nur die auserlesensten Führernaturen widmen ihre Kraft den machtlosen Anfängen neuer geschichtlicher Bewegungen oder gar den Mühseligen und Beladenen. Der typische Führer geht mit der Macht, mit der geschichtlich befestigten oder doch wenigstens mit der werdenden, weil sie allein geeignet ist, ihm das berauschende Machterlebnis des Führers zu bieten, wie eine iSeele es verlangt. Dies ist ein typischer Zug in der Machtpsychologie der großen Zahl der Führer.

Seinen Führerberuf, voranzugehen und die Masse zur Nachfolge zu bewegen, erfüllt der typische Führer dadurch, daß er die Mittel und Wege angibt, damit diese zu den Zielen gelange, nach denen ihre Triebe oder Bestrebungen sie weisen. Der typische Führer steht im Dienste der geschichtlichen Ziele der Masse. Am selbständigsten vermag sich über den Gesichtskreis der Masse ein starker herrschaftlicher Führer zu erheben, der seiner Macht sicher ist und durch ihren Widerstand nicht cingeschüchtert wird. Ein Bismarck, als der Berater eines Königs von unantastbarer Stellung, konnte das widerstrebende Bürgertum zwängen, seine militärische Pflicht zu tun, als er das Machtmittel von Blut und Eisen für nötig hielt, um den Nationalstaat, zusammenzuhämmern. Nach dem Siege war er persönlich stark genug, um dem König und den Heerführern selber zu widersprechen, als sie dem Gegner Friedensbedingungen auferlegen wollten, die er für abträglich hielt, und endlich konnte er, nachdem er erkannt hatte, daß das deutsche Volk saturiert sei, seine ganze Meisterschaft daran wenden, um es über alle Kriegsstimmungen hinweg im friedlichen Besitze des Reiches zu erhalten. Freilich kann es im dynastischen Wesen auch anders kommen, denn wenn auch die starken Dynastien geschichtlich ausgclcsen sind, so sind es nicht alle ihre einzelnen Vertreter und nicht alle ihre Berater. Das demokratische Wesen hat den Vorzug, daß alle seine Führer durch einen gewissen Prozeß der Auslese gesichtet werden müssen, wenn auch dieser Prozeß nirgends so eingerichtet ist. noch auch jemals so eingerichtet werden kann, daß er sichere Gewähr dafür gibt, immer nur die Besten des Volkes zur Führung zu erheben. Die demokratischen Führer werden, um hinauf zu kommen und sich oben zu erhalten, in ihrer großen Zahl den Stimmungen der Masse nachgeben, sie müssen mit den Strömungen der Zeit gehen und sie halten sich daher dorthin, wo diese am stärksten sind, während sie das stillere Fahrwasser meiden. Wenn man von den ganz großen Führern absieht, so kann man von den Führern im allgemeinen sagen, daß sie die Bestrebungen der Masse übertreiben, statt sie anszugleichen. Die großen Scelenführer schöpfen immer aus dem Ganzen der menschlichen Natur, sie rufen neue Kräfte auf, aber sie suchen immer auch wieder das Gleichgewicht der Seele, die andern Führer dagegen, die Führer der Mittel und Wege, teilen sich in zwei Gruppen, deren Wirksamkeit bei aller ihrer Verschiedenheit darin übereinkommt, dieses Gleichgewicht zu stören. Die einen bringen eine Art allgemeiner Führerbegabung mit, sie haben die leichte Beweglichkeit, sich nach allen Seiten zu wenden, wie es gerade die Not oder das Interesse gebietet, und sie haben vor allem die Gabe der Rede und der Schrift; sie sind die lautesten Rufer im Streit, sie haben für alles das Wort bereit, sie prägen die Schlagworte des Tages, die dazu geeignet sind, rasch zu kursieren und, indem sie von Mund zu Mund gehen, die Übereinstimmung der Meinungen vorzutäuschen; die Masse spendet ihnen heute Beifall, morgen spottet man vielleicht über sie, aber auf alle Fälle braucht man sie, sie sind die unentbehrlichen Spieler auf der Bühne des öffentlichen Lebens. Die andere Gruppe ist die weitaus wirksamere und wertvollere; es sind die Männer, die in einer besonderen Richtung besonders begabt sind und die auf all den vielen Gebieten des Lebens den Fortschritt einlciten, die Vorarbeiter der Masse, bei denen man aber freilich hinnehmen muß, daß jeder von ihnen auf seine Art beschränkt ist. Sie sind dem gemeinen Mann in ihrer besonderen Leistung hoch überlegen, aber er ist ihnen im ganzen überlegen, denn sein Wesen ist mehr im Gleichgewicht. Sie leiden an Hypertrophie bestimmter Organe und bringen es bei aller Ausbildung oft doch nur dazu, Virtuosen ihres Instrumentes zu werden. Die eine wie die andere Gruppe erhält sich in Geltung und Macht durch den Erfolg, den die Masse unter ihrer Führung gewinnt, aber es ist nicht immer ganz der rechte Erfolg, es ist nicht immer der Erfolg auch im Ziele, das man leicht aus den Augen verliert, sondern oft der bloße Erfolg im Mittel. Der militärische Führer, der nichts weiter ist, als ein tüchtiger militärischer Führer — und die meisten sind nichts weiter — weiß den Sieg auf dem Schlachtfeld zu gewinnen, aber er weiß ihn nicht für den Frieden zu verwerten, und das Volk geht der besten Früchte des Sieges verlustig, wenn ein günstiges Geschick ihm nicht zum Ausgleich auch den tüchtigen staatsmännischen Führer beschert.

Die Beschränktheit des Führers wird für die Masse um so gefährlicher, weil sie mit einem gesteigerten Ehrgefühl verbunden ist. Führerekre ist Ehrgeiz, Habgier nach Ehre. Der Führer braucht dieses gesteigerte Gefühl, denn sein Amt fordert erhöhte Bemühung und legt ihm erhöhte Opfer und Gefahren auf, die Offiziersverluste im Felde sind immer größer, als die der Mannschaft; dafür muß dem Führer ausgleichend auch die Aussicht geboten sein, Ehre in höhererti Maße zu gewinnen. Der Erfolg wird ihm, der weithin sichtbar voranschreitet, vor allen andern zugesprochen; er wird mit dem Lorbeer des Siegers geschmückt, während die Masse doch den Sieg mitbestreiten mußte. Welche Versuchung ist es nicht, die Opfer der Masse zu steigern, um das Führererlebnis der Ehre zu steigern! Die höchste Versuchung geht dahin, die Macht des Führers zur Macht des Herrschers zu erheben. Die Herrschsucht bedroht die Masse noch weit schlimmer, als der bloße Führerehrgeiz. In ihrer höchsten Übertreibung strebt sie nach der Macht um der Macht willen. Jeder Sieg soll einen neuen Sieg gebären, die Aussicht auf den Frieden, dpT doch das Ziel des Erfolges sein soll, rückt in immer weitere Ferne. Die Herrschsucht gefällt sich an den Opfern, die ihr die Masse auf ihrem Wege zum Gipfel der Macht darbringen muß. Das Machterlebnis eines Napoleon wird gesteigert, wenn er nach dem Siege über das Schlachtfeld reitet und es von den Körpern der Gefallenen und Verwundeten bedeckt sieht. Napoleon war nicht bloß ein gewaltiger Kriegsmeister, seine reich begabte Herrschernatur, eine der reichsten der Geschichte, ließ ihn die vielfältigsten und höchsten Aufgaben sonst erfassen und bewältigen, aber .seine Herrschsucht wrar so verzehrend, daß sie alle Kräfte, die er zu schaffen wußte, dem einen Ziele der Weltherrschaft unterordnete, w-elche er mit dem Schwerte zu gewinnen gedachte. Die Machtpsychologie der jakobinischen Schreckensmänner, die vor ihm die Führer der durch die Revolution aufgeregten Massen gewesen waren, ist schwerer durchsichtig als die seine. Bei ihnen war Herrschsucht und Pflichtgefühl, beides ins höchste gesteigert, ununterscheidbar verbunden, sie w’aren die überzeugten Diener eines fanatischen Glaubens, dessen Forderungen sic sich selber aufzuopfern bereit waren; erst ihre Nachfolger heuchelten ein Pflichtgefühl, das sie nicht mehr besaßen. Anders als Napoleon waren sie, den einen Danton ausgenommen, eng-beschränkte Menschen ohne die Fähigkeit, die ungeheuren neu entfesselten und ihres Gesetzes noch nicht bewußten Volkskräfte zu meistern; gerade die Eigenschaft aber, daß sie enge auf den neuen Gedanken der Volkssouveränität beschränkt waren, machte sie zu Führern der Mittel und Wege für so lange, bis die geschichtlichen Widerstände gegen diesen Gedanken gebrochen waren. Sie waren an der allgemeinen revolutionären Psychose noch hitziger erkrankt, als die Masse selbst, und während sic die Schauer eines ungezügelten Machterlebnisses begieriger als alle anderen genossen, waren sic von einem Tag zum andern gewärtig, der furchtbaren Macht, die in ihre Hände gegeben war, selber überliefert zu werden. Kronos, der die eigenen Kinder verschlingt, so hat man von der französischen Revolution gesagt und man hätte kein treffenderes Bild wählen können. Der Machttrieb ruhte nicht bis zur Selbstvernichtung.

An dem Machterlebnisse der großen Führer sind immer auch die bevorzugten Personen ihrer nächsten Umgebung mitbeteiligt und darüber hinaus noch die ganzen Gruppen der bedeutenderen Kämpfer und Helfer, die sie für ihren Erfolg brauchen, die Unterführer, die unter die Mavsse verteilt sind, sowie auch der Troß selbst, der ihnen naohfolgt; eine bunte Gesellschaft von den großen Würdenträgern des Staates wie der Kirche und den Potentaten des Kapitales angefangen, über Adel und Geistlichkeit, Offiziere und Beamte bis zu den niedrigsten persönlichen Vertrauensmännern, zu Prätorianern und Janitscharen, zu kleinen Geschäftsleuten und Lakaien, die besten und die schlimmsten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes nicht zu vergessen. Sie alle sind dem Führer behilflich, seine Macht aufrcchtzuerhalten, die ihre Macht ist. Man muß dies verstehen, um die Tatsache zu verstehen, daß der eine Fürst oder daß eine ganz enge Zahl von Berechtigten den Millionen das Gesetz gibt. Man darf aber außerdem nicht übersehen, was das demokratische Gefühl von heute nicht mehr zu fassen vermag, daß der erfolgreiche dynastische Führer auch im echtesten Sinne volkstümlich werden konnte. Dem demokratischen Gefühl von heute ist das dynastische Gefühl von früher schlechthin der Ausdruck niedriger Unterwürfigkeit; daran hat es ja niemals gefehlt und man braucht nicht nach Asien oder Afrika hinüber zu blicken, um die Belege dafür zu sammeln, aber man muß sich auch in die Seele des seinem Fürsten loyal ergebenen Bürgers zurückversetzen können, der den Fürsten als den Führer der gemeinsamen Siege und Triumphe vor sich sah, dem er durch das schöne männliche Gefühl der Treue verbunden war. Selbst dem schwachen oder ausgearteten Sohne, der dem tüchtigen Vater auf dem Thron folgte, konnte der aufrechte Sinn in Ergebenheit dienen, indem er der Einrichtung diente, die durch die Zeit gefordert, durch die Überlieferung geheiligt und zunächst durch keine andere Ordnung zu ersetzen war. Das Volk mußte erst die Erfahrung des eigenen Machterlebnisses vor sich haben, bevor es sich der geschichtlichen dynastischen Führung entzog, oder aber es mußte die bittere Erfahrung gemacht haben, daß alle Opfer der Ergebenheit, die cs dem fürstlichen Willen brachte, umsonst gewesen waren und im Erlebnisse von Unheil und Ohnmacht endeten.

Der Masse, die in Furcht oder Ehrfurcht auf den Herrscher blickt, antwortet der Herrenwille je nach Persönlichkeit und geschichtlicher Lage in Grausamkeit, Härte, Übermut, in Herablassung und Wohlwollen oder in fürstlich vornehmem Pflichtgefühl. Das gemeinsame Machterlebnis verbindet die Genossen dazu, einander bei der Verteidigung oder Verbesserung der gemeinsamen Stellung Hilfe zu leisten, es verbindet auf der Herrenseite dazu, die gleiche Linie der Abweisung oder der Milde einzuhalten, auf Seite der Masse verbindet es zum gleichen Gefühle des treuen Dieners oder der trotzigen Auflehnung. Wie zwischen Regierenden und Regierten gilt dies, jeweils den Verhältnissen angepaßt, überall, wo Führer und Masse miteinander gehen und dabei ihrer wechselseitigen Abhängigkeit wie der Spannung ihrer Interessen bewußt werden.

6. Das saerificium voluntatis im Machterlebnisse

Im Bilde von Kronos, der die eigenen Kinder verschlingt, ist das Überindividuelle und Antiindividuelle des Machttriebes an dem krassen Falle der jakobinischen Schreckensmänner deutlich gemacht. Etwas Üherindividuelles und vielleicht, auch Antiindividuelles ist aber in jedem Falle der Zugehörigkeit zu einem Macht verbände gegeben und ist daher, wenn auch unter Umständen in geringster Dosis, ein wesentliches Element der Machtpsychologic. Gerade so wie einer, der sich mit andern zusammen drängt, um durch gemeinsamen Druck ein im Wege stehendes Hindernis zu beseitigen, auf den freien Gebrauch seiner Gliedmaßen verzichten muß, muß man im gesellschaftlichen Verbände, ob man nun zur Masse gehört oder selbst als Führer hervortritt, ein Opfer seines eigenen Wesens bringen, vielleicht sogar ein Opfer an schwerer Bemühung und Gefahren, mindestens aber ein Opfer der Selbständigkeit seines Willens. Man wird für dieses saerificium voluntatis im günstigen Falle dadurch entschädigt, daß man Teil einer starken gemeinen Kraft wird, die höhere Erfolge einbringt, und da in der gedeihenden Gesellschaft der günstige Fall die Regel ist, so wird hier das Opfer zumeist nicht vergeblich gebracht sein. Im privaten Leben fühlt man das saerificium voluntatis in der Unbequemlichkeit und Last der sozialen Verpflichtungen, wie man sie der Verwandtschaft, den Nachbarn, den Arbeitsgenossen, der Klasse schuldig ist. Man fühlt es besonders drückend in den Ausgaben, die zur standesmäßigen Haltung gehören, welche auch von den mindergestellten Mitgliedern des Standes gewahrt werden muß. Besonders lebhaft fühlt man den Verzicht auf Liehlingsneigungen, die man der Notwendigkeit des Erwerbes zum Opfer bringen muß.

In der Sphäre der vollen Öffentlichkeit, wo die Masse auf das engste zusammengepreßt wird, ist die Notwendigkeit des einheitlichen Zusammengehens unabweisbar, es genügt nicht, sich in weiten Abständen einigermaßen nacheinander zu richten, sondern man muß geschlossene Einheiten formieren. Der Erfolg fordert gebieterisch das Gesamtwerk und darum unterwirft sich auch der unabhängigste Sinn dem gemeinen Willen. Die Individuen wollen nicht für eich bleiben, sondern ordnen sich freiwillig in Reih und Glied, alle bringen das bewußte und empfundene Opfer des eigenen Willens. Ehre, Stolz, Pflicht überwältigen die Individuen, so daß sie sich freudig für das allgemeine Machterlebnis aufopfem, welches jeder von ihnen mitempfindet; freudig, wenn auch unter Schmerzen, denn nicht ohne Schmerzen kann man dem Selbsterhaltungstrieb das Äußerste an Verzicht abnötigen. Das Individuum in der Masse hört nicht auf, sich als Individuum zu fühlen, wo es sich den starken Mächten der Öffentlichkeit beugt, es hört hier nur auf, individualistisch im Sinne seines persönlichen Vorteils zu fühlen. Jeder einzelne macht sich zum tätigen Organ des gemeinen Willens, den er durch das Medium seines Willens zu zweckvollen Handlungen umsetzt, er bringt ihm seinen Besitz entgegen, er nimmt Mühe und Gefahr bis zum äußersten auf sich und zögert nicht, wenn es sein muß, auf seine Selbsterhaltuug zu verzichten und sein Leben zum Opfer zu bringen. Der Selbsterhaltungstrieb ordnet sich bewußt dem gesellschaftlichen Machttriebe unter, der individuelle Wille wirkt im Sinne überindivi-dneller Forderungen. Tndem er das Äußerste aus sich herausholt, mehr als irgendein Zwang von außen vermöchte, wirkt er antiindividualistisch bis zur Selbstvernichtung. Die Führerehre legt den vorangehenden Führern das saerifieium voluntatis in erhöhtem Maße auf. Vor allen andern sind sie zur aufopfernden Arbeit verpflichtet, der Gefahr gegenüber müssen sie die ersten sein, sich preiszugeben.

7. Der persönliche Selbsterhaltungstrieb und der Machterhaltungstrieb

Wir haben mit dieser Erkenntnis den Schlüssel nicht nur für das Verhalten des einzelnen in der Öffentlichkeit, sondern auch für das Verhalten der ganzen Gemeinschaft selbst. Dadurch, daß jeder in seinem Willen dahin gebunden ist, sich nach den andern zu richten, ist die ganze vereinigte Masse gebunden, wie sie anderseits durch das Zusammenhalten an Wucht und Ausdauer gewinnt. Diese Erkenntnis ist u-alt, älter als alle wissenschaftliche Soziologie, sie ist längst in dem Gleichnisse von den Ruten niedergelegt, die einzeln für sich geschmeidig, dadurch unbiegsam und fest werden, daß sie im Bündel zusammen-geschnürt sind, sie ist in ihrer ganzen Bedeutung aber erst dann erfaßt, wenn man erwägt, daß die Bindung, die einmal besteht, so leicht nicht wieder gelöst werden kann. Ein gesellschaftlicher Verband, wenn er einmal durch das saerificium voluntatis seiner Mitglieder zusammengehalten ist, wird durch die Opfer, die er von seinen Mitgliedern verlangt, nicht ohneweiters erschüttert. Wenn der Erfolg einmal Führer und Masse zum Zusammengehen geleitet hat, so wird ein Mißerfolg trotz der Verluste, die er bringt, nicht ohneweiters zum Auseinandergehen Anlaß geben.

Die Beharrlichkeit cines Volkes kann bis zum Ende aushalten. Gerade die starken Völker haben sich oft für lange Zeit, und manche für immer, an den Opfern erschöpft, die sic auf sich nahmen, um ihren geschichtlichen Weg zu vollenden. Das starke Volk ist noch unbeugsamer, als der starke Mann, dieser findet doch noch eher den Entschluß zur Umkehr, wenn er erkennen muß, daß er sich an den Opfern verblutet, die der Kampf kostet. Der einzelne ist nur durch seine persönliche Leidenschaft gebunden, die Tausende oder Millionen eines Volkes sind es außerdem durch den wechselseitigen Druck, den sie aufeinander ausüben, sie sind durch das allgemeine sacrificium volun-tatis gebunden. Sie sind in ihrer Haltung dem geschichtlichen Zustand angepaßt, in dem sic groß geworden sind, und besitzen nicht das innere Gleichgewicht, um sich leicht in eine neue Haltung hineinzufinden. Die Technik der Massen arbeitet langsam und versagt mitunter überhaupt. Bis zum letzten Ende will man nicht auf hören, an die Macht zu glauben, die bisher immer Erfolg gebracht hat, die im Erfolge groß geworden ist und der man sich nicht mehr entwinden kann, auch wenn der Mißerfolg sic offenkundig Lügen straft.

Damit erst sind wir zum innersten Geheimnisse der Macht-psychologic vorgedrungen. Die persönliche Kraft wird dadurch, daß sie sich mit den Kräften einer Vielheit gleichgerichteter Menschen zusammenfühlt, weit über das persönliche Maß gesteigert, mit ihr wird das Machtgefühl gesteigert, zugleich aber wird die Kraft in nicht geringem Grade persönlich entwurzelt. Im persönlichen Leben hält der Selbsterhaltungstrieb bei allen Irrungen, denen er sonst ausgesetzt sein mag, den gesunden Mann doch immer instinktiv aufrecht, in der Gesellschaft geht diese Sicherheit des Instinktes verloren, sobald sich der persönliche Selbsterhaltungstrieb mit dem Opfer des eigenen Willens dem gesellschaftlichen Machttriebe ganz und gar unterordnet. Indem die vielen ihren Willen vereinigen und das Opfer ihrer Selbständigkeit bringen, wird ihre Willensherrschaft gemindert. Hieraus empfängt die Macht nicht nur einen überindividuellen und antiindividuellen, sondern unter Umständen einen antigesellschaftlichon Charakter, der mit voller Umkehrung des Gesetzes des Erfolges bis zur gesellschaftlichen Selbstvemichtung gehen kami.

Wir werden uns mit diesem Gedanken an späterer Stelle noch eingehend zu beschäftigen haben.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

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Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT
Das Gesetz der Macht – VOM URSPRUNG UND WACHSTUM DER MACHT UND DER MACHTVERBÄNDE
Das Gesetz der Macht – GRUNDFORM DER GESELLSCHAFTLICHEN VERFASSUNG FÜHRER UND MASSE

Das Gesetz der Macht

1.Führung als Ergebnis der Massentechnik

Jeder gesellschaftliche Verband braucht und hat seine Verfassung. Jeder Staatsverband brauchte und hatte seine Verfassung, lange bevor es Verfassungen im modernen Sinne gab, die ausführlich beraten, säuberlich gesatzt und feierlich beschworen wurden. Nicht nur der Staatsverband, auch der Kirchenverband, der Heeresverband, der volkswirtschaftliche Verband und sonst jeder freie gesellschaftliche Verband bis zu den bloß geselligen Verbänden herab braucht und hat seine Verfassung, ob sie nun eine rechtlich gesatzte oder eine bloß tatsächliche Verfassung sei. Die Realitätsverfassung ist die ausdrücklich geregelte Ordnung der Machtbefugnisse im Verbände, die tatsächliche Verfassung ist die tatsächlich befolgte Ordnung — Über- und Unterordnung oder auch Gleichordnung — der Mächte im Verbände, wie sie auf der gegebenen Verteilung der gesellschaftlichen Kräfte beruht. Im letzten Grunde ist die gesellschaftliche Verfassung ebenso der gegebene Zustand der Kräfte und Mächte, wie die Geistesverfassung eines Menschen der Zustand ist, in welchem, sich seine geistigen Kräfte befinden. Je näher der rechtlich beschriebene Zustand dem tatsächlich gegebenen kommt, desto lebensvoller und daher wirksamer wird eine Rechtsverfassung sein. Eine noch so künstlich gesalzte Verfassung, die mit der Wirklichkeit in keinem Punkte stimmt, ist in der Tat, wie Lassalle cs nennt, nur ein Stück Papier. England, das von allen europäischen Staaten die lebensvollste Verfassung besitzt, hat die formloseste von allen.

Alle Verfassungen sind nur Abwandlungen einer immer wiederkehrenden Grundform. Immer ist cs ihr wesentlicher Inhalt, die Macht zwischen Führer und Masse zu teilen. Führer und Masse haben im gesellschaftlichen Leben ihre bestimmten Tätigkeiten, die zwar in ganz verschiedener Stärke wirksam werden können, aber immer beide wirken müssen. Wenn ein Verband handlungs fähig sein soll, so muß er über beide Organe verfügen. Die unmittelbare Demokratie in ihrer weitestgehenden Gestalt ist nicht lebensfähig, denn niemals kann eine große Volksraasse unmittelbar Führungsdienst vollziehen, sie braucht dazu immer ein besonderes Organ der Vertretung. Was das Zusammenwirken von Führer und Masse für den gesellschaftlichen Erfolg bedeutet, das wird heute vom Proletariat genau verstanden, indem cs den Wert der Organisation erkennt. Washeißtes, sich organisieren? Es heißt nichts anderes, als daß sich eine Masse unter Führern ordnet, die ihr Vertrauen haben. Die Führer geben der Bewegung Ziel und Plan, die Masse gibt ihr das Gewicht.

Wenn der Soziologe heute über die Erscheinung der Masse spricht, so pflegt er von der Psychologie der Masse auszugehen, wobei diese zumeist recht schlecht wegkommt. Die wissenschaftliche Betrachtung hält sich dabei gerne an die auffallendsten, an die stürmischen und ausgeartetsten Massenbewegungen und sie bleibt auch gerne im Bereich der politischen Verhältnisse, wo die Masse heute am stärksten hervortritt. Wir wollen den Ausgang unserer Untersuchung allgemeiner wählen. Die Notwendigkeit der Führung ist keineswegs oder ist doch nicht in erster Linie durch die Unzulänglichkeit der Durchschnittsmenschen begründet, welche die Masse bilden. In einem Parlamente sind die Männer versammelt, die sich bei den Wahlen als Führer der Massen durchgesetzt haben, und doch sind sie. wenn sie sich als Parlament versammeln, selbst wieder eine Masse, die ihre Führung braucht. Nicht die Massenpsychologie, sondern die Massentechnik zwingt in erster Linie zur Führung, selbst die fähigsten Menschen, falls sie eben in Masse beisammen sind, könnten nicht handeln, wenn nicht Führer für sie eintreten würden. Die Verständigungsmittel, die man im Einzelverkehr gebraucht, um zum Zusammenschluß und zu gemeinsamer Tat den Weg zu finden, sind in einer großen Masse nicht anwendbar. Der Vertrag ist die geeignete Form der Vereinigung zwischen zwei Personen oder einer ähnlichen geringeren Zahl, zwischen Millionen aber kann es keinen Vertrag geben. Die Denker, welche von einem Gesellschaftsvertrag oder Staatsvertrag ausgehen, haben das Wesen der Massentechnik nicht verstanden, sie sind jenem Irrtum verfallen, mit dem alles gesellschaftliche Denken beginnt, nämlich den Menschen in der Masse so zu nehmen, wie wir ihn in seinem persönlichen Leben vor uns haben. Der Mensch empfängt- aus der Umgebung einer großen Mavssc nicht nur andere Kräfte, sondern er muß sich zu ihr auch durch andere Mittel ins Verhältnis setzen, als er im nahen Verkehr gewohnt ist.

Wenn zwei Personen einen Vertrag schließen wollen, so muß jeder von ihnen seine Absichten für sich überlegen und muß dann dem andern mittcilen, w’as er will. In einem Volke von Millionen ist eine allgemeine Wechselrcdc überhaupt ausgeschlossen, aber schon in einer Versamm lung von Tausenden oder nur von Hunderten dürfen nicht alle reden, wenn man überhaupt zu Ende kommen will, die große Mehrheit muß stille sitzen — wie schon der Name Sitzung besagt — und muß schweigen, während bloß die Wortführer reden. Das Zuhören bringt es leicht mit sich, daß man auch auf das selbständige überlegen verzichtet, man folgt dem Redner auf den Wegen, die dieser cinzuschlagcn für gut findet, um zu den gewünschten Zielen zu gelangen. Da man aber doch nicht ganz unüberlegt handeln will, so wird zur Beratung ein Ausschuß gewählt, zu dessen Technik es unter Umständen wieder gehört, daß er einen Unterausschuß bestellt, der seinerseits das Geschäft der eingehenden Überlegung vielleicht noch auf Berichterstatter abwälzt. Die Beschlußfassung kommt endlich in der Weise zustande, daß der Berichterstatter oder auch ein Gegner einen Antrag stellt, über welchen sodann Unterausschuß, Ausschuß und Vollversammlung durch Zustimmung oder Ablehnung entscheiden. Beschlüsse, die ein ganzes Volk binden, kommen zustande, ohne daß die große Zahl der Volksvertreter mehr als ihr bloßes Ja oder Nein zu äußern braucht. Wie unüberlegt und formlos würde man einen privaten Vertrag nennen, bei dem sich der eine Teil auf die bescheidene Holle zurückziehen wollte, welche die Massentechnik der Mehrzahl der Volksvertreter zuweist!

Einen besonders lehrreichen Einblick in die Technik des Massenhandelns gibt der Fall der politischen Wahl, die ein keineswegs so einfacher Akt ist, wie es die Wähler und leider auch die Gesetzgeber zu denken pflegen. Schon der Name ist vollkommen irreführend, denn der Wähler wählt nicht, er wählt nämlich nicht selber aus, was doch der wesentliche Teil jeder Wahl ist, sondern er sagt nur sein Ja oder Nein zu den Namen der Bewerber, welche die Parteiführungen aus-gewählt haben. Der Wähler wählt die Partei, der er seine Stimme geben will, und dort, wo ihm, wie es so oft der Fall ist, seine Parteistellung von vornherein durch sein Interesse angewiesen wird, wählt er überhaupt nicht, sondern er beschränkt sich darauf, durch die Abgabe des Stimmzettels ein Bekenntnis zu seiner Partei abzulegen. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der vom Volke gewählt werden »oll, damit er dem Kongreß gegenüber möglichste Autorität besitze, wird im wahren Sinn doch nicht vom Volke gewählt, und das kann massentechnisch gar nicht anders sein. Die Vereinigten Staaten würden niemals mit der Wahl des Präsidenten fertig, wTcnn alle Millionen Wähler des Volkes ihren Präsidenten in dem Sinne wählen wollten, wie ein Bräutigam seine Braut wählt. Die eigentliche Wahl, nämlich die Auswahl aus der Zahl der Bewerber, wird in Konventionen der großen Parteien vollzogen — kleinere Parteien haben überhaupt nicht mitzusprechen — und da gehen wieder die engeren Kreise der einflußreichsten Männer den Ausschlag, welche die Konvention leiten. Der Akt, der »ich am öffentlichen Wahltag vollzieht, ist das bloße Parteibekenntnis und als solches freilich entscheidend, weil dadurch das Gewicht der Stimmen abgemessen wird, die sich auf die Parteien verteilen. Diesem entscheidenden Akte muß aber die Auslese des Bewerbers vorausgehen, auf welchen die Wähler ihre Stimmen zu vereinigen haben, die sich zur Partei bekennen, und diese Auslese kann nur im engen Kreise der Führer vollzogen werden.

Wie für die Wahl fordert die Massentechnik für alles gesellschaftliche Handeln, welches immer es sei, durchaus den Führer. Die Führung hat ihren Ursprung nicht — oder nicht in erster Linie — in der Trägheit oder Interesselosigkeit der großen Masse, so sehr diese auch in gewissen Fällen dazu beitragen mag, sondern sie ist unabweisbar durch die Technik des Massenverkehres gefordert. Aus einem Haufen bewaffneter und tapferer Männer wird erst dann eine brauchbare Kampftruppe, wenn «ich die Leute unter Führung gestellt haben. Die Technik des Kampfes fordert durchaus die gebietende Person des Führers, so wie die alte Stoßtaktik die Fahne forderte, die heim Sturme vorangetragen wurde. Ebenso fordert jedes gesellschaftliche Handeln den Führer an der Spitze.

2. Das Wesen der Führung

Der Sprachgebrauch liebt es, den Namen des Führers für die großen Männer der Geschichte vorzubehalten. Theoretisch brauchen wir indessen einen Namen für die Führerstellung, wie immer sie ausgefüllt sein mag, was selbstverständlich nicht sagen will, daß es theoretisch gleichgültig sei, wie sie ausgefüllt werde; theoretisch muß daher der Name allen Personen zugeteilt werden, die leitend über der Masse stehen. Jeder Anführer ins Gute oder ins Schlimme muß uns als Führer gelten, selbst ein zerstörender Attila oder ein Verfallsmeister; auch dürfen wir den Namen nicht auf die militärischen oder politischen Führer, auf die Fürsten, Heerführer, Staatsmänner, Parteiführer beschränken, sondern er gilt ebenso für die religiösen Führer und die Führer in Kunst und Wissenschaft und überhaupt für alle, die auf irgend einem Gebiete gesellschaftlichen Wirkens, wenn auch vielleicht nur in einem engeren Kreise, als Lehrer, Meister, Pioniere, Vorkämpfer, Vorarbeiter vorangehen. Der Führer wirkt nicht nur durch das Mittel des strengen Befehles, der Weisung oder Anordnung, sondern er kann auch durch den Vorschlag oder Antrag wirken, der in der Masse Zustimmung findet, oder durch das Urteil, da« er fällt, oder durch die Lehre, die ihm Schüler oder Jünger gewinnt, oder durch den Rat, den man befolgt, oder durch das erfolgreiche Beispiel, das man nachahmt, oder sonst in irgend einer Weise durch vorbildliches Schaffen, sei es zunächst auch nur ein vorahnendes Fühlen und Streben. In diesem theoretischen Sinn Führer sein, heißt nichts anderes als in Sachen eines gemeinen Wesens der Erste sein. Die gesellschaftliche Funktion des Führers ist Vorangehen, die der Masse ist Nachfolge. Hunderte oder Tausende oder gar Millionen können sich zu einer einheitlichen Bewegung nicht anders zusammenfinden, als wenn sie durch das Beispiel des Erfolges geleitet werden, der in der Person des Führers anschaulich wrird.

3. Die Formen der Führung

Die höchste Form der Führung ist diejenige, bei welcher der Führer durch die überragende Kraft berufen ist, die er an seinem hohen Werke entfaltet. Wir werden sie die autoritäre Führung, und einen solchen Führer den großen Führer nennen, wir könnten ihn vielleicht auch den geborenen Führer nennen. Der große Führer ist der persönliche Führer im eigentlichsten Sinne des Wortes, er leitet sein Amt von niemand anderm ab, er ist durchaus Führer aus eigenem Rechte, der Erfolg hat ihn als den Besten bewährt, sein Titel ist der der reinsten geschichtlichen Auslese. Wenn ihn der öffentliche Ruf bezeichnet, so wird ihm damit nicht erst sein Amt verliehen, sondern er wird eben als der durch den Erfolg Best bewährte anerkannt, dem die andern bereitwillig folgen, wenn er vorangeht. Mitunter setzt sich der große Führer sofort und unter allgemeiner begeisterter Zustimmung durch, falls er, wie der siegreiche Feldherr, den auffälligen hinreißenden Erfolg für sich hat. Mitunter begegnet er, weil er Einkehr und Umkehr im Tiefsten des menschlichen Wesens fordert, leidenschaftlicher Ablehnung, und seine Lehre ringt sich vielleicht erst durch, wenn er durch seinen Tod Zeugnis für sie abgelegt hat. Wie der Leichnam des Cid Campeador den Reihen der Seinigen im Kampfe vorangetragen wurde, so kann es kommen, daß der Gedanke des großen geistigen Führers noch in ferne Zukunft hinein schützend und erhebend die Seelen leitet.

Wir begegnen dem großen Führer, der die Gemüter durch das übermenschliche Ausmaß seines Werkes überwältigt, im Laufe der Geschichte, alles in allem, nur selten. Trotzdem ist seine Gestalt am besten dazu geeignet, uns das Wesen der Führung zu eröffnen, denn sein Fall ist der Idealfall, der dieses Wesen am reinsten und am deutlichsten zeigt. An ihm werden wir der Funktion des Vorangehens und der Auslese durch den Erfolg am klarsten inne; in den andern Formen der Führung, die für die übergroße Zahl der Fälle der Wirklichkeit gelten, werden die beiden Elemente mehr oder weniger verdunkelt.

So geschieht dies vor allem bei der Form der Gewaltführung, die in den Anfängen der Geschichte am stärksten hervortritt. Der siegende Gewalthaber, der den Gegner niederwirft und beraubt, ist „der Erste“ in der Menge, seine Überlegenheit ist offenbar, doch kann man sein Tun kaum als Vorangehen bezeichnen, das Nachfolge erzeugen soll. Der Gewalthaber will die unterworfene Masse nicht vorwärtsbringen, er will sie eher zurückhalten, um ihre Kraft des Widerstandes zu schwächen, auch ist der Sieg der Gewalt, durch den er auf die Gemüter wirkt, eine so rohe Form der Auslese, daß man ihr diesen auszeichnenden Namen kaum zugestehen will. Ansätze wahrer Führung sind erst zu bemerken, wenn der Gewalthaber die Masse sammelt, um sie für sich kämpfen und arbeiten zu lassen. Wenn sich damit die Gewaltführung zur Herren-führung entwickelt, so wird die Funktion des Vorgehens bereits wirksamer erfüllt; die Befolgung der Gebote, die der Herr von den Untergebenen fordert, ist schon echte Nachfolge. Der Gewalthaber, der sich als ordnender Herr behaupten will, ist auch nicht mehr durch bloße Gewalt ausgelesen, sondern muß zugleich durch gewisse Kulturvorzüge hervorgehoben sein. Die Höhe der Herrenführung ist die herrschaftliche Führung, wie sie das europäische Fürstentum vom Mittelalter her bis zum aufgeklärten Absolutismus übte. Die herrschaftliche Führung hat vom Zwange der Gewaltführung nur noch so viel übrig behalten, daß sie den Nachdruck zu steigern vermochte, mit dem die innere Autorität wirkte, welche sie durch den Erfolg ihres weitblickenden Vorangehens gewann. Sie ist eine der wirksamsten Führungen im ganzen Lauf der Gesichte gewesen.

In kleineren gesellschaftlichen Kreisen, wie z. B. in der Zunft, gilt vom Anfung an die genossenschaftliche Bestellung des Führers, der durch Wahl berufen wird, ln einem engeren Kreise von Genossen, die sich wechselseitig kennen, ist diese Form natürlich gegeben. Selbstverständlich ist die rechte Wahl immer auch Auslese der geeignetsten Person, der Genos.se, den man in der Form der Wahl beruft, muß schon vorher durch die Auslese des Erfolges emporgehoben sein; freilich wird es sich kaum vermeiden lassen, daß der Ausgang der Wahl durch die Interessen und Beziehungen der Mächtigen des Kreises mitbe-einflußt wird. Der Grad der Autorität, den der gewählte Führer gegen-über seinen wählenden Genossen behauptet, wird in aller Regel weit geringer sein als beim autoritären Führer. Der gewählte Führer wird gegen die öffentliche Meinung seines Wählerkreises nicht leicht auf-kommen können, in aller Regel wird er durch sie gebunden sein, immerhin muß er wenigstens in den Einzelheiten der Durchführung voran gehen, sonst würde er seine Geltung bald verwirkt haben. Auch in größeren Kreisen und insbesondere im staatlichen Gemeinwesen ist mit zunehmender Freiheit die genossenschaftliche Bestellung des Führers mehr und mehr üblich geworden ; die Wahl der Volksvertreter und der Volksbeauftragten in der Demokratie ist nichts anderes als die genossenschaftliche Führerbestellung im großen. Freilich ist auf ein großes Volk die Form der genossenschaftlichen Führung nicht so rein zu übertragen, wie man heute zu denken lieht. Ohne Vorschlag von berufener Seite müßte sich die Wahl aus einer großen Masse heraus immer zersplittern. Die Wahl ist ja — wir haben dies eben gezeigt — ein gesellschaftliches . Handeln, das, wie jedes andere gesellschaftliche Handeln, der Führung bedarf. Es ist ein grober Irrtum, zu meinen, daß der Wahltag der Gerichtstag ist, an welchem das freie Volk von der Höhe seiner Souveränität sein Urteil über die Führer spricht. Die Parteimassen empfangen die Losungen, mit denen sie zur Wahl gehen, immer von ihren Führern, und die Führer wissen es sehr gut, daß der Ausgang der Wahl zu einem guten Teil davon abhängt, welche Führung die Wahl zu leiten oder, wie man mit einem bezeichnenden Ausdruck sagt, zu „machen“ hat. Auf diesem Instrument der Massentechnik zu spielen, ist nicht so leicht, wie es in seinem gläubigen Sinne der einfache Mann annimmt, als welchen sich, wie man leider hinzufügen muß, in politischen Dingen in aller Regel auch der gebildete Mann erweist. Das Instrument der Wahl muß auf das kunstvollste ausgebildet sein, wenn die aus der Wahlurne gezogenen Lase wirklich die Besten des Volkes bezeichnen sollen, und nicht bloß das Instrument muß auf das kunstvollste aus-gebildet sein, sondern, was viel wichtiger ist, auch die Spieler müssen es sein, die es zu bemeistem haben. Damit die Führerbestellung durch die Wahl das Ziel wirklich erreiche, die Besten des Volkes auszulesen, muß bereits eine geschichtliche Auslese der alten Führungen vorausgegangen sein. In keiner der jungen Demokratien ist diese Voraussetzung erfüllt.

Bei längerer Dauer und unter zutreffenden Umständen wandelt sich die {»ersönlich-autoritäre und auch die genossenschaftliche Führung zur geschichtlichen Führung. Da sich diese erst im Zusammenhänge des geschichtlichen Werkes der Macht verstehen läßt, so müssen wir uns ihre Darstellung bis dahin Vorbehalten.

Es gibt noch eine Form der Führerschaft, die von der Theorie so gut wie gar nicht beachtet wird und die doch von höchster Wirksamkeit und für das Gedeihen der Gesellschaft geradezu unentbehrlich ist. Es ist dies jene Form, die sich in der freien Gesellschaft durchsetzt. Oder sollte die freie Gesellschaft ihre gewaltigen Leistungen ohne Führer vollenden können ? Könnte ohne Führung der Aufbau der freien Volkswirtschaft, die Bildung der Arbeitsteilung und Geldwirtschaft gelungen sein ? Und könnte weiters das Wunderwerk der Sprache, könnte Kunst und Wissenschaft, könnte Recht und Sittlichkeit, könnte auch nur die äußere Sitte sich ohne Führung entwickelt haben? Allerdings sind im Bereiche der freien Gesellschaft niemals Gesamtentscheidungen zu treffen, die eine zusammenfassende Einheitsführung fordern, wie die Entscheidungen in Heer und Staat es tun, die Führung in der freien Gesellschaft muß freier, muß lockerer sein, aber fehlen darf sie doch nicht, weil sie nirgends fehlen darf, wo die Masse gesellschaftlich zu handeln hat, wozu sie ohne Führung schlechterdings unfähig ist. Daß die Aufgaben, die in der freien Gesellschaft zu erfüllen sind, ein gesellschaftliches Handeln fordern, kann nicht bezweifelt werden. Die ungezählten Individuen, die sich in ihrer äußeren Sitte treffen, müssen, damit sie sich treffen können, ein gleichartiges oder — um den Ausdruck zu wiederholen, den wir schon an einer früheren Stelle gebraucht haben — ein paralleles Verhalten befolgen, für die Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Gewerbe oder zwischen den einzelnen Gewerben ist ein ergänzendes Verhalten der einzelnen Wirtschaften gefordert, und ähnlich gilt es in Kunst und Wissenschaft, in Recht und Sittlichkeit. Auch ein solches gleichartig-paralleles oder ergänzendes Verhalten fordert die Verständigung unter den Millionen, und diese Verständigung kann ohne Führung nicht gelingen. Es ist hier eine ganz eigenartige „unpersönliche“ Führung am Werk, deren wissenschaftliche Aufhellung um vieles schwieriger ist als die der klar persönlichen Führung. Das Beispiel der Sprache, bei deren Aufbau beide Formen der Führung vereinigt wirken, gibt uns vielleicht die beste Gelegenheit, diese in ihrer Wirkung gegeneinander zu vergleichen.

Am Aufbau jeder Kultursprache waren große geistige Führer beteiligt, sprochgcwaltige Führer, Meister, deren Wort in alle Weiten des Volkes drang; Dantes „Göttliche Komödie“ hat die italienische Schriftsprache und Luthers Bibelübersetzung hat die deutsche Schriftsprache entscheidend mitbestimmt. Es ist indes klar, daß selbst die Kraft der sprachgewaltigsten Dichter und Propheten nicht für sich allein die nationalen Sprachen ausgebildet hat, ihr Werk setzt schon eine Volkssprache voraus, und auch nachdem sie ihr Werk getan haben, entwickeln sich die nationalen Sprachen weiter. Neben den großen Propheten, vor ihnen und nach ihnen, werden wir auch kleinerer und kleinster Propheten gewahr, die am Aufbau der Sprache mitführend beteiligt sind, der nüchterne Kanzleistil hat auch sein Teil daran gehabt, so wie das Geschäftsleben und die Gasse. Wie oft wird nicht der Sprachschatz durch irgend eine glänzende, witzige oder auch derbe, aber treffende Wendung bereichert, die dem Einfall des Augenblicks ihren Ursprung verdankt, indem sie irgend einem Mann aus dem Volke gelingt und aus dem Kreise der wenigen nächsten Hörer nach und nach in aller Mund übergeht! Diese Kleinarbeit im Aufbau der Sprache ist unaus gesetzt im Gang, ohne daß die Namen derer aufbewahrt würden, die hiebei als Führer wirken. Neben den großen bekannten und benannten Führern, deren Namen die Geschichte vermerkt, sind wechselnde Führer mitbeteiligt, jeder für sich nur mit einer kleinsten Leistung, aber alle zusammen mit einer kaum abzuschätzenden Größe an Wirkung; wir können sie im Gegensätze zu den Gestalten der benannten Führung als anonyme Führer bezeichnen, weil ihre Namen in die große Öffentlichkeit nicht lihmusdringen. So wie den großen Führern folgt auch diesen .kleinen, anonymen Führern die Menge nach, indem sie die von ihnen gefundenen glücklichen Worte und Wendungen begierig aufsammelt und dem Sprachgebrauch einverleibt. Das ,,Volkslied“, dessen Verfasser unbekannt bleibt, gibt uns deutlichen Aufschluß darüber, wie auch der anonyme Führer die Nachfolge der Masse am Werke der Sprachbereicherung gewinnt. Das Volk als solches dichtet nicht, es kann kein Lied schaffen, nur der einzelne, dazu Begabte kann es, aber auch der oder jener einzelne, dem cs an ausreichender Begabung fehlt, um den Namen des Dichters zu verdienen, kann einmal in einer guten Stunde einen guten Ton troffen. Ohne daß sein Name bekannt wird oder erhalten bleibt, greift das Volk das Lied auf, das ihm gefällt, und bewahrt es, seinen Sprachbesitz mehrend, der Zukunft auf.

Ganz so haben anonyme Führer ihren Anteil an der Schöpfung des Geldes. In dem Verlangen, sich im Tausche, den sie um ihres Nutzens willen aufsuchen, besser zu behelfen, als es in der schwerfälligen Form des Naturaltausches sein kann, haben findige Köpfe nach einem bequemeren Tauschmittel gesucht, und indem der Erfolg, den sie im einzelnen und kleinen gewannen, die Menge zur Nachahmung lockte, wurde nach und nach die glatte Gestalt des Geldes herausgeschliffen, das durch die Massengewohuheit der Annahme zum allgemeinen Tausehmittel geworden ist und sodann vom Staate technisch und rechtlich vollendet wurde. Selbstverständlich ist auch die anonyme Führung im Grunde persönlich, nur daß sich die Personen der Führer ablösen. Es ist eine wechselnde und verteilte Fülirung, indem bald der eine, bald der andere den guten Einfall hat, der nachgeahmt wird. Der anonyme Führer schafft ja auch nicht eine große Sache, seine Leistung beschränkt sich auf ein einzelnes Element, auf eine Verbesserung da oder dort. Darum ist es zu verstehen, daß seine Person vernachlässigt wird. Sein Werk findet verbreitete Nachfolge, sein Werk wird ausgelesen, ohne daß es zu einer Auslese der Person käme, die im Dunkeln bleibt. In der Sphäre des privaten Lebens herrscht die anonyme Führung vor. Sie paßt sich den hier bestehenden kleineren Verhältnissen gut an und reicht doch dazu aus, um zu jener Nachahmung des vorbildlichen Beispiels anzuregen, die ein paralleles oder ergänzendes Verhalten in weiteren Kreisen ermöglicht. Wo indes in der privaten Sphäre größere gesellschaftliche Einheiten zur Geltung kommen, treffen wir auch in ihr die ausgesprochene persönliche Führung an. Jeder wirtschaftliche Betrieb bedarf der festen persönlichen Führung, in einem ausgedehnten

Großbetriebe von Hunderten oder Tausenden von Angestellten und Arbeitern tritt die Person des Führers stark hervor. Der Großunternehmer muß eine volle Persönlichkeit sein, um seine Erfolge zu gewinnen, manche von den modernen Großunternehmern zählen mit in die erste Reihe der gesellschaftlichen Führer; an ihren Entscheidungen hängt nicht nur das Schicksal der in ihren Betrieben unmittelbar beschäftigten Massen, sondern durch die Anstöße, die sie geben, wirken sie auch auf die Richtung und das Tempo der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung und vielleicht der politischen Entwicklung ihres Landes ein, und selbst Weltwirkungen gehen von ihnen aus. Rechtlich ist die Führungsmacht des Unternehmers auf bloße private Wirkung eingeschränkt, er kann die Personen, mit denen er es zu tun hat, die Lieferanten, Abnehmer, Angestellten und Arbeiter nur durch Verträge binden, bei deren Abschluß sie ihm mit gleicher Rechtsfähigkeit gegenüberstehen. Er hat rechtlich keine Befehlgewalt über sie. Tatsächlich jedoch ist eine überwiegende, mitunter eine ganz überwältigende Macht in seine Hand gegeben, tatsächlich hat er Zwangsmacht, ja Zwangsgewalt, und zwar nicht nur jenen Personen gegenüber, mit denen er Verträge abschließt, sondern auch gegenüber der vielleicht weit größeren Zald derjenigen, die er, ohne mit ihnen persönlich zusammenzutreffen, vom Markte verdrängt oder sonst, sei cs unmittelbar oder mittelbar, in ihren wirtschaftlichen Lebensbedingungen schädigt. Seine Macht ist so groß, daß sie es ihm erlauben würde, überall, wo er sie hemmungslos ausüben kann, als Herrenführer, ja als Gewaltführer der öffentlichen Wirtschaft Zwang anzutun, wie zu seiner Zeit ein waffenmächtiger Ritter mit seinen Reisigen von seiner festen Burg aus. Sogar unter den Hemmungen, die der staatliche Arbeiterschutz und die Gewerkschaft ihnen bereiten, sind die kapitalistischen Unternehmungen großen Stils und gar die Konzerne dieser Unternehmungen imstande, in der Form privaten Rechtes öffentliche Macht zu üben. Dazu trägt nicht wenig die ungewöhnliche Stärke der Persönlichkeiten bei, die unter dem Auftrieb eines bis aufs äußerste gespannten Wettbewerbes zu ihrer Führung ausgelesen werden. In den Ruhepausen der industriellen Entwicklung, wie sie von Zeit zu Zeit auch in unserer bewegten Gegenwart nicht aus-bleiben, erhält man zwar den Eindruck, daß der einmal Teich gewordene Industriekönig oder Finanzmagnat mit dem Übergewicht seines Kapitales den Wettbewerb auch der stärksten persönlichen Begabung niederhalten könne, und daß er in der Lage sein werde, die Stellung, die er selbst aus dem Titel der persönlichen Auslese gewonnen hat, auf Söhne und Enkel aus dem Titel des Erbrechtes weiter zu übertragen. Wenn aber nach solchen Pausen die Entwicklung in Volkswirtschaft und Weltwirtschaft ihren atemlosen Lauf wiederum auf nimmt, dann werden wiederum die Männer der starken Hirne und Nerven als die Sieger im Wettbewerb der Führer in die Höhe kommen. Eine reiche Zahl der amerikanischen Riesenbetriebe von heute ist im Besitze von Männern, die von der Pike auf gedient hahen.

Die von uns beschriebenen Formen der Führung werden dem Reichtum der Wirklichkeit noch nicht ganz gerecht. Wir haben nur die Typen in ihrer reinen Gestalt beschrieben, die Formen der Wirklichkeit sind um vieles bunter gemischt. Wie sich die geistige Verfassung eines Menschen nicht restlos auf die reinen Formen zurückführen läßt, welche die wissenschaftliche Deutung zu zeichnen versucht, so gilt dies auch für die gesellschaftliche Verfassung. Auch die Satzungen der geschriebenen Verfassungen sind der Wirklichkeit nicht voll auf den Leib geschrieben, auch sie enthalten noch allerlei typische Wendungen, die ihren wahren Wert erst durch die Art und Weise empfangen, wie sie durch die Kräfte und Mächte ausgefüllt werden, welche tatsächlich im Staate gegeben sind. Die gleiche demokratische Formel bedeutet für England vermöge seiner besseren Kräfteverteilung eine starke Regierungsmacht, für Deutschland nach dem Umsturz Zerrissenheit und Ohnmacht, für das bolschewistische Rußland die Herrschaft des Schrek-kens.

4. Die Hierarchie der Führung

Um ihres Erfolges sicher zu sein, fordert die Führung die Unterstützung des obersten Führers durch untergeordnete Helfer. Im Heere oder im Staate oder in der Kirche ist es eine förmliche Hierarchie der Führung, die eingerichtet werden muß, um den Dienst der Leitung der Massen zu besorgen. Der oberste Führer wird immer darauf bedacht sein, sich seine Gehilfen und namentlich seine nächsten Gehilfen selbst auszuwählen. Die Apostel konnten nur von Christus mit voller Autorität eingesetzt werden, und ebenso konnten ihre Jünger wieder nur von ihnen selbst berufen werden. Was der Gehilfe für den Führer bedeutet, hat einer der erfolgreichsten wirtschaftlichen Führer in den Vereinigten Staaten, Carnegie, treffend ausgesprochen, indem er sagte, daß, wenn er die Wahl hätte, ob er lieber sein Kapital oder seine Mitarbeiter verlieren wollte, er sich ohne Bedenken für den Verlust des Kapitales entscheiden würde, denn er sei gewiß, sein Kapital wieder zu gewinnen, falls er den Stab seiner Mitarbeiter behielte. Die fürstliche Politik hat im klaren Machtinteresse darnach getrachtet, möglichst alle Stellen in der Hierarchie der Führung nicht nur im Staate seihst, sondern auch in der Kirche, in den Gemeinden oder wo es sonst nur anging, durch fürstliche Ernennung zu besetzen, oder wo dies, wie bei den geistigen Führungen, nicht recht anging, durch Verleihung von Ehren und Titeln und ähnliche Mittel Einfluß auf die Führerpersonen zu gewinnen. Die Demokratie strebt ihrerseits darnach, mit den obersten Führungen auch die Unterführungen möglichst durch Wahl zu besetzen. Die Parteien, die in der Demokratie so viel zu sagen haben, wissen ihre Macht gesteigert, wenn ihnen der Wahlsieg nicht nur Volksvertretung und oberste Regierung, sondern unmittelbar oder mittelbar auch noch weitere Ämter des Staates für ihre Angehörigen eröffnet. Außerdem suchen . sie durch ihre Vereinsorganisation auch im übrigen der Gesellschaft die Führung möglichst in ihre Hand zu bekommen.

Die Unterführer bilden den Übergang vom obersten Führer zur Masse. Der Masse gegenüber zählen sie mit zur Führung, indem sie die Tätigkeit des obersten Führers unterstützen; dem obersten Führer gegenüber zählen sie mit zur Masse, indem sie seinen Weisungen nach-folgcn. Sie sind die Ersten in der Nachfolge und vermitteln dadurch die Nachfolge der breiten Masse, daß sie mit ihr nähere Fühlung haben als der entfernte leitende Führer. Die Führer des untersten Ranges haben viel vom eigentlichen Massengefühl, sie stehen der Masse so nahe, wie etwa der Unteroffizier der Mannschaft. Die Werkführer, die Vorarbeiter in der Fabrik sind technisch Gehilfen der Betriebsführung, ihr Klassengefühl verbindet sie aber häufig mit der Arbeiterschaft, der 9ie dann als Führer im wirtschaftlichen Kampfe vorangehen.

5. Führerschichten (Führervolk, Fahrerstand und Führerklasse)

Neben den einzelnen Führerpersonen müssen wir auch noch auf die Erscheinung der Führerschichten aufmerksam sein, wie sie uns im Führervolk, im Führerstand, in der Führerklasse begegnet. Das römische Volk war ein Führervolk, Adel und Geistlichkeit waren Führerstände, die Schicht der Besitzenden und Gebildeten ist eine Führerklasse. Ein rohes Führervolk, das sich durch bloße Gewalt seine Herrschaft gewannt, wird sich kaum lange an der Herrschaft behaupten können und wird es im besten Falle über eine barbarische Herrschaft nicht hinausbringen, die der Entwicklung nicht fähig ist, das Reich eines Edelvolkes dagegen wird, wenn ihm nicht besonderes Unheil widerfährt, dauern und gedeihen. Die Führervölker edlen Blutes sind die Träger aller großen Geschichte gewesen, die Führerstände und Führerklasse der späteren Entwicklung stammen zum guten Teil aus dem Blute der Führervölker. Aus den Führerschichten werden nicht nur die obersten Führungen ausgelesen, sondern ihnen ist auch die Macht und oft auch das Recht Vorbehalten, alle andern staatlichen und gesellschaftlichen Führerstellungen zu besetzen, mit denen ein ausgiebigerer Einfluß und Vorteil verbunden ist. So hatte z. B. die Klasse der Besitzenden und Gebildeten vor dem Aufstieg des Proletariates die Anwartschaft auf die Stellen ira Staatsdienst, denen wichtigere Entscheidungen zustehen, und ebenso auf den Antritt der freien Berufe und namentlich auch auf den Antritt der wichtigen Führerstelle des Unternehmers. Nur den stärksten und vom Glück besonders begünstigten Angehörigen der untern Schichten mag es gelingen, sich in die Führerschicht und zu den ihr vorbehaltenen Stellen mitzuerheben. Es wird von den befähigten Köpfen der besitzlosen Massen oder der unterworfenen Völker als schmerzhafte persönliche Zurücksetzung und zugleich als öffentliches Übel empfunden, daß die bevorzugten und verantwortungsvollen Führendeen nicht nach Maß der persönlichen Begabung verteilt, sondern für die führenden Schichten Vorbehalten sind, die damit selbst für ihre kenntnislasen und charakterlosen Mitglieder die gewüaschte Versorgung finden. Es hängt indes ganz von den gegebenen Verhältnissen ab, ob die persönliche Ungerechtigkeit des Systems nicht durch den gesellschaftlichen Dienst gutgemacht wird, welchen die Führerschicht als Ganzes kraft ihrer Rasse, ihrer geschichtlichen Auslese und Erziehung leistet.

Bis zu einem gewissen und mitunter sehr hohen Grade deckt und erhebt die starke Rasse und Klasse auch das schwache Individuum, während umgekehrt die schwache Rasse und Klasse auch das starke Individuum drückt. Solange das Volk der Quinten auf seiner Höhe stand, war in Rom der rohe. Barbar, so reich er von der Natur ausgestattet sein mochte, für jedes Amt ungeeignet; im modernen Staate kann der Ungebildete schon die Formansprüche nicht erfüllen, die jedes Amt stellt. Auch kommt es immer darauf an, inwieweit die Führerschicht selber in sich auf persönliche Auslese bedacht ist. Eine Führerschicht kann ihre Höhe immer nur solange voll behaupten, als sic daran festhält, ihre starken Individuen voranzustellen, und der Erfolg könnte sie gar nicht auf ihre stolze Höhe emporgehoben haben, wenn sie an starken Individuen nicht reich wäre. Wenn sie klug ist, wird die Führerschicht selber die besonderen Begabungen, die von unten emporstreben, in ihre Reihen aufnehmen; die Kirche hat es in ihren guten Zeiten so geübt, auch die aufgeklärten fürstlichen Regierungen haben darauf gesehen, selbst der Adel hat es mitunter getan, und die gebildete Klasse ergänzt sich automatisch aus den Talenten, denen der Aufstieg von unten gelingt. Sobald die Führerschicht ihre Überlegenheit von Blut und Erfahrung verliert und doch ihre gesellschaftliche Stellung unter Berufung auf ihr angestammtes wohlerworbenes Recht weiter behaupten will, dann wird auf die Dauer die aufsteigende Bewegung der unteren Schichten durchdringcn. Wo aber diesen die Kraft dazu fehlt, ist es mit dem Volke zu Ende, weil Führer und Masse in gleicher Weise versagen.

6. Die Nachfolge, der Masse

Auf Seite der Masse scheinen die Dinge einfacher zu liegen, indes auch hier begegnet dem aufmerksamen Beobachter eine größere Zahl von Formen, als er zunächst annehmen möchte, ln den einfachsten Fällen bleibt die Nachfolge bei der bloßen Nachahmung stehen: das vorbildliche Beispiel des anonymen Führers wird von seiner Umgebung und sodann auch im weitern Kreise nachgeahmt. Das Werk des großen Führers dagegen ist zu gewraltig, als daß der gewöhnliche Mensch es nachahmen könnte, er versucht cs gar nicht. Die Nachfolge Christi will nicht die Nachahmung Christi sein, sie bescheidet sich damit, die Befolgung jener Gebote zu sein, die der Stifter der Religion der schwachen Menschenkraft für angemessen erachtet hat. Der Dutzendmensch, der die Gebärde des bedeutenden Mannes annimmt, macht sich lächerlich. Selbst die Befolgung der bloßen Massengebote ist für die Kraft gar vieler zu schwer. Auf dem Grunde jeder Gesellschaft liegt der Bodensatz einer toten Masse, die der Schutt der Geschichte ist; der toten Masse zunächst stellt die fast passive Schicht der Masse, die nur zu einer blinden Nachfolge geeignet ist, und die eigentlich mehr der nächsten Umgebung als dem Führer folgt, bis zu dessen Höhe ihre Fühlung gar nicht reicht; sie bildet den Ballast bei den Bewegungen der Gesellschaft und ist eine besondere Gefahr, weil sie jede Bewegung ins Sinnlose übertreibt und immer zum Umkippen hinneigt. Erst die überlegende, prüfende Nachfolge ist wahre Nachfolge. Sie ist bei weitem nicht so verbreitet, wie der stürmische Demokrat arimmmt, der vermeint, das ganze Volk teile seinen Eifer, ein Irrtum, der an den vielen Fehlschlägen der demokratischen Bewegung die Hauptschuld trägt. Die höchste Stufe der Nachfolge ist die tätige Nachfolge, die von der Masse eine gewisse Selbständigkeit des Verhaltens fordert, mit der Fähigkeit, sich den gegebenen Umständen anzupassen. Ernster Wille, unverdrossene Bemühung müssen aufgeboten werden, um selbst den tüchtigen Mann zur tätigen Nachfolge auszubilden. Der geschulte und erprobte Soldat von der Art der Veteranen Casars oder der alten Garde Napoleons vollzieht eine hervorragende Leistung, wenn er dem Befehle des Führers gehorcht. Seine tätige Nachfolge ist, schon körperlich genommen, eine ungewöhnliche Leistung, sie ist es aber ebenso geistig wie moralisch. Aus der Deckung des Schützengrabens aufspringen und dem Führer ins feindliche Feuer folgen, ist ein Willensakt, welcher einen ganzen Mann voraussetzt und der Masse vielleicht nur gelingt, weil sie und wenn sie untereinander die Fühlung hat, daß jeder es von den andern so fordere und daß keiner Zurückbleiben dürfe, ohne vor den Kameraden aufs tiefste beschämt zu sein. Jede wahrhaft tätige Nachfolge der Masse muß geistig und moralisch getragen sein — wie könnte sonst im Volke Empfindung für Recht und Sittlichkeit, wie könnte wahre Bildung, wie könnte starkes Freiheitsgefühl bestehen!

7. Die Funktionen von Führer und Masse

Wir haben die gesellschaftliche Funktion des Führers im Voran-gehen und die der Masse in der Nachfolge erkannt. Diese allgemeine Erkenntnis bedarf noch der näheren Bestimmung.

Die Gesellschaftslehre, wie sie bis heute ausgebildet ist, hat die Funktionen, die von Führer und Masse in der Gesellschaft erfüllt werden, nur ganz unzulänglich gewürdigt, sind doch selbst die Erscheinungen von Führer und Masse nur recht unzulänglich erfaßt worden. Man kann sagen, daß sie alles in allem nui iu ihren auffälligsten Gestalten und nicht in ihrem Wesen erfaßt sind. Die l^elire von der Massenpsychologie handelt in der Hauptsache von den kriminellen, von den pathologischen und insbesondere von den revolutionär erregten Massen, die zum ersten Bewußtsein ihrer Macht kommen, aber ihrer Macht noch nicht sicher sind. Diese Massenzustände, die zum Teil geradezu krankhaft und auf alle Fälle nicht normal sind, beobachtet die Lehre von der Massenpsychologie auf das glücklichste, aber über die Funktion der gesunden Masse in der Gesellschaft sind wir dadurch doch nicht belehrt. Was die Führer betrifft, so sind es in aller Regel nur die ganz großen Gestalten, auf die man aufmerksam ist. Carlyle spricht von den Heroen, Emerson von den repräsentativen Männern, Nietzsche vom Übermenschen, Spencer vom großen Mann. Mehr noch als die andern gesellschaftlichen Denker, die sich mit dem Verhältnisse des Führers zur Masse beschäftigt haben, sind Nietzsche und Spencer voreingenommen an ihre Untersuchungen gegangen, die eigentlich nicht Untersuchungen, sondern Plaidoyers sind bei Nietzsche zum Preise des Übermenschen, bei Spencer zur Wahrung der Massenfreiheit. Wie Nietzsche die Gestalt des Übermenschen idealisierend steigert, so denkt Spencer bei allen Vorbehalten, die er macht, das Volk doch im Zustand gesteigerter Picife. In Wirklichkeit sind Führer und Masse zumeist mit viel bescheideneren Kräften ausgestattet, als Nietzsche und Spencer voraussetzen, und ihre Leistung ist daher um vieles eingeschränkter. Nietzsche und Spencer sind bei jener idealisierenden Darstellung stehen geblieben, die eine unentbehrliche Hilfe der geisteswissenschaftlichen Forschung ist, weil sie den Weg zu den schwerer zu deutenden, zusammengesetzten Gestalten der Wirklichkeit weist, diesen Weg selber sind sie aber nicht mehr gegangen. An ihre Darstellung anschließend, werden wir versuchen, ihn zu gehen.

Nietzsche sieht im großen Menschen den Träger des wahren Lebens. Die vom Herdentrieb geleitete Masse ist ihm nur der Stoff, aus dem dieser seine Werke formt. Der große Mann braucht die Masse als seinen Gegensatz, als seine Gefahr, seinen Kriegszustand, ohne den er seinen Hang nicht behaupten, die notwendige Distanz nicht wahrnehmen kann. Spencer dagegen belehrt uns, daß die „Große-Mann-Theorie“ höchstens eine teilweise Wahrheit besitze, wenn man sie nämlich auf frühere Gesellschaften beschränkt, die darauf ausgehen, einander zu vernichten oder zu unterjochen, in welchem Falle der fähige Führer als all wichtig dargestellt werden dürfe, obgleich selbst hier die Zahl und Eigenschaft seines Gefolges nicht ganz außer acht gelassen werden solle; er lehrt uns aber weiter, daß, sobald der Krieg auf hört, das Geschäft der ganzen männlichen Bevölkerung zu sein, ohne Aufdrängen, ohne den Gedanken an einen König oder Gesetzgeber neue Institutionen, neue Taten, neue Ideen, Meinungen und Gewohnheiten in die Erscheinung treten, deren Entwicklung man nicht verstehen wird, auch wrenn man sich blind läse über den Biographien aller großen Herrscher; er lehrt uns, daß die Gesellschaft den großen Mann bilden muß, bevor er sie neu bilden kann, so daß alle jene Veränderungen, deren nächster Urheber er ist, ihre Hauptursachen in den Generationen haben, von denen er abstammt; daß durch keine Möglichkeit ein Aristoteles von einem Vater oder einer Mutter mit Gesichtswinkeln von 50 Graden kommen könne oder ein Beethoven von einem Kannibalenstamm, dessen Chor zur Vorbereitung auf ein Festmahl von Menschenfleisch eine Art rhythmischen Geheules ist; daß Shakespeare seine Dramen nicht hätte schreiben können ohne die Fülle des Lebens, die ihn in England umgab, ohne die Sprache, welche Hunderte von Generationen durch den Gebrauch entwickelt und bereichert hatten; daß das strategische Genie Moltkes nicht hätte triumphieren können, hätte es nicht eine Nation von 40 Millionen gegeben, die ihm Männer zur Verfügung stellte von stämmigem Körper, starkem Charakter, gehorsamer Natur und fähig. Befehle intelligent auszuführen; und daß denn also eine Erklärung gesellschaftlicher Erscheinungen, die beim großen Mann verweilt, nicht mehr Rationalität besitzt, als wenn jemand bei den überschwenglichen Wirkungen eines Körnchens Pulver verweilt, ohne die entzündete Ladung, die Bombe, die Kanone und jene ganz enorme Summe von Hilfsmitteln zu erwähnen, wodurch Ladung, Bombe, Kanone wie das Pulverkörnchen erzeugt worden sind.

Spencer hat ohne Zweifel recht, wenn er auch das Genie von der geschichtlichen Vorbereitung und von der Mitarbeit seines Volkes und seiner Zeit abhängig zeigt. Er übersieht jedoch, daß, um der Not der Zeit abzuhelfen, welche die Gesellschaft in Spannung erhält, ein Neues zu schaffen ist, ein Neues, welches sich vom Alten zunächst so fremd abhebt, daß es nicht als seine geschichtliche Folge, sondern als seine Aufhebung erscheint. Dieses Neue, das im geheimnisvollen Dunkel einer großen Seele entsteht hat nur in ihr entstehen können. Wie immer wir überzeugt sein mögen, daß auch die Kraft, die in der großen Seele wirkt, in den früheren Zuständen deT Gesellschaft ihre Ursachen hat, so sind wrir doch nicht imstande zu sagen, wie sie aus ihren Ursachen hervorgegangen ist. Hier ist für unser menschliches Auge ein wirklich Neues, nicht bloß eine alte Kraft, die sich in neue Formen nach Regeln umsetzt, welche wir zu beherrschen oder auch nur irgendwie zu ahnen vermöchten. Immer wieder mußte überraschend aus dem ficicn Raume des Geistes der Funke des Genies aufblitzcn, durch die Titanenkraft eines Prometheus entzündet, um der Entwicklung ihre Balm zu weisen durch das Licht eines neuen Gedankens, durch den Hauch neuer Empfindung, durch den Mut zu neuer Tat. So aufgefaßt, löst sich das aufbauende Werk der Geschichte in eine Reihe von Fortschritten auf, von denen jeder die Leistung eines großen Führers voraussetzt. Ohne die großen Männer wäre keine Entwicklung, sie sind die Triebe, durch welche die Menschheit wächst, ohne sic wäre das Volk nicht das Volk, wäre die Welt nicht die Welt. In einem Hauptpunkt hat Spencer ganz offenbar unrecht. Die Persönlichkeit des Führers ist nicht nur in den ersten rohen, vernichtenden Kämpfen „allwichtig“, sie bleibt es immerdar, ja ihre Bedeutung wächst mit den Aufgaben der Kultur. Eher noch hätten die vernichtenden Kämpfe der ersten Horden und Stämme ohne den allwichtigen Führer zu ihrem ziellosen Ende gelungen können, als daß die Aufgaben eines wissenschaftlichen Zeitalters, eines sittlich empfindenden Zeitalters ohne überragenden Führer erfüllt werden konnten. Der Stollen, der aus dem Dunkel der Unkultur zum Lichte hinauf getrieben wird, ist dort eröffnet worden, wo das Gestein am weichsten war und am wenigsten Widerstand bot — im Kampf der Gewalt gegen die Schwäche — erst im weiteren Fortschreiten wagt man sich sodann an immer härteres Gestein und immer schwerer muß daher die Aufgabe des Führers werden, der mit dem diamantenen Vorbohrcr des Geistes die Widerstände überwindet. Des naturwissenschaftlichen Geistes seiner Zeit voll, hat Spencer von den gesellschaftlichen Zusammenhängen vor allem diejenigen auf-gegriffen, die sich naturwissenschaftlicher Bestimmung leichter fügen wollten, die Bewegungen der Masse, die einem festen Gesetze des Fortschrittes zu folgen scheinen. Für die Wege des Genies glaubte er kein Gesetz finden zu können und daher war cs ihm darum zu tun, den großen Mann so klein als möglich zu machen und aus dem Zusammenhänge der Geschichte auszuschaltcn, so weit es nur angchcn mochte. Darum ließ er vom großen Mann fast nichts übrig, Napoleon ist ihm kaum mehr als ein großer Räuberhauptmann gewesen.

So unerläßlich die Leistung des vorangehenden Führers für das Werk der Gesellschaft ist, so unerläßlich ist aber auch die Nachfolge der Masse. Wenn der Führer der Sämann ist, der das Samenkorn auswirft, so ist die Masse der Boden, der es aufnimmt; auf felsigem Gestein verdorrt es, im reichen Ackergrund trägt es tausendfältige Frucht. Die Kraft des Führers allein kann der Gesellschaft noch nicht das Gesetz geben, sein Werk ist es, die Geister zur Nachfolge aufzurufen. Damit gewimit er sich zunächst seinen Führungsstab; durch die Unterführer mitgenommen, antworten die regsamsten Gruppen der breiten Masse dem Rufe des Führers mit tätiger Nachfolge, allmählich gehen dann die andern mit, bis auch die Gruppe der blinden Nachfolge in Bewegung kommt und selbst die tote Masse ihr Gewicht leiht. Durch diese Allgemeinheit der Nachfolge empfängt, das gesellschaftliche Gebot seinen all bezwingenden Charakter, wie wir ihn z. B. aus der Massen-gewohnheit der Annahme beim Gelde so deutlich entstehen sehen. Dadurch, daß sic ihnen Nachfolge vorenthält oder gewährt, entscheidet die Masse in letzter Instanz über die Führer selbst, sie ist es, die über die Führer das weltgeschichtliche, das welt-gerichtliche Urteil ausspricht. Durch die Probe des Erfolges trifft die Masse die Auslese zwischen den Führern. Gewiß kann der einfache Mann aus dem Volke die Idee des Führers nicht in Worten wiedergeben, noch weniger kann er über sie in Worten urteilen, dennoch hilft er dazu mit, über sie zu entscheiden, indem er, soweit es seiner Sphäre angemessen ist, seine Taten nach ihr einrichtet. Es ist Torheit, der Masse den Beruf abzusprechen, über die Leistung des Führers zu entscheiden. Für die Menschheit, die es vermocht hat, die übermenschliche Gestalt eines Christus in Ehrfurcht zu erkennen, gibt cs keine menschliche Größe, über die zu urteilen sie nicht das Vermögen besitzen sollte. Man muß sich nur immer erinnern, daß zur Masse auch die Apostel und Jünger mit der ganzen Hierarchie der Führung gehören. Alles, was in letzter Folge die Probe der Massen Vollziehung nicht aushält, ist wider die Natur des Menschen oder geht über menschliche Kraft.

Was die Masse für den Führer bedeutet, gibt uns am besten das Verhalten der Führer selber zu erkennen. Viele von ihnen lichten sich von allem Anfang auf die Haltung der Masse ein und suchen nur die Mittel und Wege, um den Strömungen der Masse genug zu tun, aber auch die starken Geister, die zunächst ihren eigenen Weg gehen, indem sie sich unwillig von den Menschen abkehren, welche am Gewohnten fest-halten, wenden sich, sobald sie die rechte Bahn gefunden zu haben meinen, wieder zur Masse zurück und verlangen begierig nach ihrer Nachfolge, die ihnen als die Bestätigung dafür gilt, daß ihnen der rechte Erfolg gelungen ist. Der Führer will, daß der von ihm gefundene Weg der allgemeine Weg wird; darin liegt ja uueh sein gesellschaftlicher Dienst, durch den er das allgemeine Wesen vorwärts bringt. Wie viele von den Führern werden aber nicht klein in der Begierde, mit der sie nach öffentlicher Anerkennung verlangen! Wie viele von ihnen erniedrigen sich nicht geradezu dadurch, daß sie nach leerem Beifall lechzen und ihn schon für wirkliche Anerkennung nehmen! Wie oft wird da nicht der Übermensch menschlich, allzumenschlich! Selbst diejenigen Führer, welche die schale, mit Worten dargebrachte Huldigung verachten, werden, wie oft, von jenem edleren Ehrgeiz verzehrt, der es nicht erwarten kann, in den Taten der Masse fortzeugend bestätigt zu sein. Nur die wahrhaft großen Geister sind über solche Schwäche erhaben. Ihr Sinn geht voll in ihren Werken auf, sie sind ihres Wesens so sicher, daß sie das Gleichgewicht in sich selber finden.

Der Verfall der Führerschicht eines Volkes ist ein schweres gesellschaftliches übel. Es bedarf neuer gewaltiger Anstöße, um in einer neuen Geschichteperiode neue Führungen emporzuheben. Nicht jedes Volk hat die Kraft besessen, nach der höfischen und kirchlich-ritterlichen Kultur noch zu einer bürgerlichen Kultur aufzusteigen. Damit aber eine neue Volksschicht aufsteigen könne, muß die Masse in ihren Tiefen gesund gebheben sein. In diesen Tiefen fließt die Quelle der Volkskraft, die Masse ist der Jungbrunnen des Volkes, die Reserve seiner Zukunft. Wenn einmal auch die Bauemkraft verdorben ist, dann hat das Volk seine geschichtliche Rolle für immer ausgespielt.

Was hier von der Masse gesagt ist, gilt nur von der gesunden Masse des Volkes, die mit den Führungen gleichen Blutes ist und in ihrem Blut geschichtlich noch nicht verdorben wurde. Der Hochmut der Führerschichten pflegt auch diese Masse für minderwertig zu nehmen, in Wahrheit ist sic es keineswegs, sie ist, weil durch ihre Massenaufgabe gebunden, allerdings geschichtlich zurückgeblieben und ihre Werte sind daher noch nicht ausgebildet, dafür sind sie aber auch noch nicht ausgegeben. Sobald ihre Zeit da ist, wird die gesunde Masse des Volkes an Stelle der verbrauchten geschichtlichen Führungen neue Schichten zur Führung entsenden. Der demokratische Sinn irrt aher seinerseits, wenn er auch die Masse minderen oder verdorbenen Blutes für vollwertig nimmt. Diese Masse, die den Namen der Masse verächtlich gemacht hat, nimmt an der Geschichte des Volkes keinerlei fördernden Anteil, sie ist vielmehr ein völliger Unwert, sie ist Hemmung und Gefahr, sie ist der Pöbel und das Chaos.

Jedes starke Volk hat die Zuversicht, daß ihm zur rechten Zeit der rechte Führer geboren w erde. Die Religionen lehren und die Frommen im Volke glauben es, daß Gottes Finger den großen Führer erhebt, wo es nottut. Auch die wissenschaftliche Geschichtschreibung hat dieser Meinung lange Zeit beigepflichtet, noch Spencer hatte sich mit einem namhaften englischen Historiker seiner Zeit nuscinander-zusetzen, der in diesem Sinne Geschichte schrieb. Der moderne wissenschaftliche Geist lehnt mit allen andern Wundem auch dieses Wunder ab, er ist eher geneigt, wie wir am Beispiel Spencers sahen, die großen Männer wegzuleugnen, um damit die Folgerichtigkeit der geschichtlichen Entwicklung zu wahren. In der neuesten Roligionsgeschichte scheut man sich nicht, den Zweifel auszusprechen, oh die grüßten religiösen Führer, ob ein Zoroaster, Buddha und Christus jemals gelebt haben. Man versucht ihre Lehren aus der Gesinnung ihrer Zeit abzuleiten. Was wäre indes damit gewonnen ? Wenn man Christus leugnet, so sind doch die Worte Christi da, in einer überwältigenden Einfachheit ausgevsprochen, wie sie nur ein Geist sondergleichen aussprechen konnte, und w’enn man selbst über die Worte Christi hinwegkommen wollte, so bleibt doch Paulus übrig, den man nicht wegleugnen kann.

Auch Alexander den Großen und Cäsar muß die geschichtliche Kritik auf alle Fälle gelten lassen, und so wie man dies tut, steht man vor der Frage, welches der Gang der Weltgeschichte gewesen wäre, wenn Alexander seine Lebenskraft früher verzehrt und wenn der Dolch der Verschwörer oder ein gallisches Schwert Cäsar früher weggerafft hätte. Ist der große Mann in der Geschichte, wenn man ihn zuläßt, wie man muß, nicht ein bloßer Zufall, der die Folgerichtigkeit der Entwicklung aufhebt ? Zu dieser Frage muß man die rechte Stellung finden. Auch wir dürfen an ihr nicht vorübergehen.

8. Der große Mann

Fürs erste sei hierzu bemerkt, daß der große Mann keineswegs immer unersetzlich ist, er ist keineswegs immer der Eine, der Einzige, der meht wiederkehrt. Wie oft sind nicht große Ideen, sobald sie im Zuge der Zeit gelegen waren, von mehreren Denkern nebeneinander ausgesprochen worden! Lcibniz und Newton mit ihren mathematischen Entdeckungen sind ein bekanntes Beispiel. Wir können für sicher annehmen, daß auch in dem Falle, als Kolumbus vorzeitig gestorben wäre, Amerika nicht unentdeckt geblieben wäre; es ist nicht zu bezweifeln, daß unter den kühnen Seefahrern, die nach ihm seine Entdeckung weiter verfolgten, sich auch der Mann gefunden hätte, der an seiner Statt den Gedanken des Kopernikus in die Tat umsetzen konnte. Überall, wo wir eine Folge von großen Forschern arbeiten sehen, die eine Wissenschaft nacheinander auf hauen, können wir gewiß sein, daß die späteren die Arbeit ihrer Vorgänger, die sie fortsetzen, selber getan hätten, wenn sie eben nicht schon getan gewesen wäre.

Dieser erste Gedanke leitet auf einen zweiten über. Es gehört zum Wesen jedes starken Volkes, daß es mit großen Männern begabt ist, so wie sich in jedem Gebirge über den Kamm noch die Gipfel erheben. Niemals hat es ein Volk gegeben, dessen Individuen von der Natur alle gleich oder auch nur annähernd gleich angelegt waren, der Volkscharakter, den man beobachtet, ist der Durchschnitt aus einer sehr ausgiebigen Dispersion der Anlagen. Der Grad der Dispersion ist von Volk zu Volk verschieden, die Börner waren gleichmäßiger begabt als die Griechen; nach dem Urteil Mommsens hatten sie bis auf Cäsar keinen Staatsmann und selbst keinen Feldherrn von wirklich genialer Größe, aber dieser Mangel war durch die Tüchtigkeit ihrer Massen gutgemacht. In Rom konnte man von Jahr zu Jahr mit aller Wahrscheinlichkeit darauf rechnen, die zwei Konsuln zu finden, welche die Legionen nach den überlieferten Regeln der Kriegskunst zu führen verstanden, und die Legionen waren die Jahrhunderte hindurch von gleicher Siegeskraft. Dabei hat jedes Volk in der Richtung, in der seine Masse stärker begabt ist, auch die größere Zahl der starken Führerbegabungen. Ist es zu verwundern, wenn ihm in den Richtungen, in denen es vor allem seine Wege sucht, zur rechten Zeit der rechte Führer gegeben ist ? Die allgemeine Spannung der Zeit des Suchens muß die besonders empfindlichen Führerbegabungen besonders erregen; sie werden durch eine größere Zahl von mitstrebenden, wenn auch minder begabten Genossen gedrängt und gehoben, die leidenschaftliche Begierde, mit der die Führerleistung erwartet und aufgenommen wird, steigert ihre innere Sammlung aufs höchste und steigert die Äußerungen ihrer Kraft aufs höchste. Ihr Auftreten, ihr Wirken ist kein Zufall. Er ist das folgerichtige Ausklingen der Umgebung, der sie aber allerdings den erhöhten persönlichen Ausdruck zu geben das Vermögen haben.

Vollends freilich kann man auf diese Weise die Taten Alexanders oder Casars und kann man Shakespeares Hamlet oder Goethes Faust geschichtlich nicht konstruieren, um von den größten Seelenführern, den Propheten, ganz zu schweigen. Es bleibt ein unerklärbarer persönlicher Rest, ohne Zweifel. Dieser unerklärbare persönliche Rest deckt sich aber doch keineswegs mit dom Ganzen der großen Führergestalten, sondern er betrifft nur denjenigen Teil ihres Wuchses, mit dem sie den nächst berufenen Führer überragen, der in Volk oder Welt ihr Werk übernommen hätte, wenn cs von ihnen nicht vorgetan worden wäre. Wäre Cäsar nicht gewesen, so hätte Pompejus der Große oder einer seiner kraftvollen Söhne oder einer der andern nach der Herrschaft strebenden Römer das Werk getan, das geschichtlich getan werden mußte, um den Staat monarchisch einzurichten, der bei seiner Ausdehnung und der Ungleichartigkeit seiner Teile nicht mehr mit seiner alten städtisch-genossenschaftlichen Verfassung weiterleben konnte. Vielleicht hätte ein anderer als Cäsar das Werk nicht mit dem gleichen genialen Wurf getan und es hätte vielleicht wiederholter Anläufe bedurft, bis der cäsarische WTille zur Herrschaft sieb durchgerungen hätte, aber er hätte sich durch gerungen, weil er sich durchringen mußte. An den Gestalten von Marcus Antonius, Augustus, Tiberius sehen wir, daß die Generationen des Rom von damals reich genug an Herrennaturen waren. Auch der ganz große Führer ist doch zu einem ansehnlichen Teile der Exponent seines Volkes und seiner Zeit. Jedenfalls verläuft aber von dem Zeitpunkt an, wo er in die Geschichte cingrcift, der weitere Prozeß streng folgerichtig. Von seiner persönlichen Leistung hält das Volk so viel aufrecht, als es vermöge seiner gegebenen Beschaffenheit dauernd zu tragen vermag.

Am Beispiel Bismarcks und des deutschen Volkes wird uns das Verhältnis des großen Mannes zur Masse anschaulich klar. Ohne Bismarcks politisches Genie wäre das Deutsche Reich vielleicht nicht so bald und nicht so stark aufgerichtet worden. Er hat sich selber bloß als den Steuermann erklärt, der ohne die Macht der nationalen Strömung nichts ausgerichtet hätte, und die Macht der nationalen Strömung war so kräftig und in solchem Ansteigen, daß sich früher oder später ein anderer Steuermann gefunden hätte, der, wenn vielleicht auch mit geringerer Kunst, da« Volk zum Ziele des Reiches geleitet hätte. Im Vergleiche zu Engländern, Franzosen oder Italienern ist die politische Unreife der Deutschen an Haupt und Gliedern, an Führer und Masse so groß, daß der unerklärbare persönliche Rest bei der Gestalt Bismarcks erheblich größer ist, als bei den großen politischen Führern jener andern Nationen. In Preußen, dem politisch am stärksten organisierten deutschen Staat, war Bismarck nach Friedrich dem Großen der erste, der wiederum zur Weltpolitik befähigt war. Er kannte sein Volk zu gut, um nicht von schwerer Sorge erfüllt zu sein, ob das von ihm aufgerichtete Reich von Dauer sein werde. Sein Wort: „Ich habe das deutsche Volk in den Sattel gehoben, reiten muß es selber können“ klingt wie eine Vorahnung des drohenden Sturzes. Es hätte eines zweiten Bismarck bedurft, um den Weltkrieg zu verhindern oder ihn politisch so vorzubereiten, daß er militärisch gewonnen werden mußte — dieser zweite Bismarck war nicht da, der geschichtliche Zufall, daß Deutschland über einen zur Weltführung berufenen Staatsmann verfüge, hat sich in so kurzer Zeit nicht zum zweiten Male ereignet. Auch die Entente hatte bei der Eröffnung des Weltkrieges nur Staatsmänner mittleren Ranges zur Vcifügung, aber ihre politische Schulung, namentlich in England, dem geschichtlich reifsten Staate Europas, war Deutschland und den Mittelmächten gegenüber so überlegen, daß der Sieg ihr nur durch eine militärische Höchstleistung der Mittelmächte hätte entrissen werden können, die diese in gewissen Abschnitten des Krieges erreichten, die sie aber auf die Dauer doch nicht festhalten konnten. Das deutsche Volk hat den Weltkrieg des 20. Jahrhunderts aus dem gleichen Grunde verloren und verlieren müssen, wie seinerzeit den Dreißigjährigen Weltkrieg des 17. Jahrhunderts. Der Dreißigjährige Krieg, der als religiöser Bürgerkrieg innerhalb Deutschlands begonnen hatte, ist durch die Einmischung erst der Dänen, dann der Schweden und zuletzt der Franzosen, und neben ihnen auch noch der Magyaren mehr und mehr ein Außenkrieg geworden, der weiter und weiter andauerte, auch nachdem der Kaiser mit der Mehrzahl der protestantischen Stände seinen Frieden gemacht hatte. In diesem Außenkrieg sind Kaiser und Reich der Staatskunst Oxenstiernas und Richelieus unterlegen, denen nach dem Falle Wallensteins kein ebenbürtiger Führer entgegenstand. Damals und jetzt ist das deutsche Volk in strengster Folgerichtigkeit durch seine politische Unreife zu schwerstem Schaden gekommen. Von Bismarcks Erbe hat das deutsche Volk so viel aufrechterhalten, als es nach dem geschichtlich bedingten Maß seiner Kräfte dauernd zu tragen vermochte. Wird die Folgerichtigkeit der Geschichte sich auch darin wieder bewähren, daß es sich durch gesteigerte innere Kraft neuerdinge erhebt, für die es ihm niemals an großen Führern gemangelt hat?

Ist die innere Volkskraft in ihren Ursprüngen übrigens nicht ebenso geheimnisvoll wie der ,,unerklärbare persönliche Rest“, von dem wir gesprochen haben ? Wie für den übermenschlichen Führer können wir auch für die Volksmasse das Gesetz nicht fassen, durch das ihr Aufstieg aus den Tiefen des Seins und das Ziel ihrer Kraft bestimmt wird. Wir müssen zufrieden sein, wenn es uns gelingt, die Folgerichtigkeit zu zeigen, mit der die Geschichte sich vollzieht, sobald Führer und Masse mit ihren Kräften auf den Plan getreten sind.

9. Die Grundlinien der Entwicklung des Verfassungswesens

Auch das Verfassungswesen eines Volkes ist folgerichtig bestimmt, sobald einmal durch Anlage und geschichtliche Erziehung die Kräfte gegeben sind, mit denen seine Führer und Massen an die geschichtlichen Werke gehen, die ihnen durch die Zeit vorgeschrieben sind. Stets ordnen sich seine wirkenden Kräfte nach dem Gesetze der höchsten Kraft oder des Erfolges.

Zu allen Zeiten sind der Gesellschaft zweierlei Werke vorgesehrieben. Die einen sind die Gesamtwerke, zu denen sich die „geeinigte Masse“ zu gemeinsamem Vorgehen unter einheitlichen Führungen zusammenfinden muß, die anderen sind die Sonder werke oder privaten Werke, als deren Subjekte uns auf den ersten Blick die Individuen als solche erscheinen, an denen wir aber, wenn wir genauer zusehen, doch immer auch die Masse beteiligt sehen, die sich als „zerstreute Masse“ unter anonymen Führungen für ein paralleles oder ergänzendes Handeln die Regeln gibt. Subjekt des öffentlichen Wesens ist die unter benannten Führern geeinigte, von Einheitsmächten beherrschte Masse, Subjekt des privaten Wesens ist die unter anonymer Führung stehende, von anonymen Mächten beherrschte zerstreute Masse. Nicht nur das öffentliche Wesen, sondern auch das private Wesen hat seine Verfassung, oder wie wir richtiger sagen müssen, seine Verfassungen, denn hier und dort gölten für alle zugehörigen Sphären des gesellschaftlichen Handelns besondere Verfassungen, die durch davS besondere Werk der einzelnen Sphären gefordert sind. Die Staatsverfassung ist nur eine der mehreren ineinandergreifenden öffentlichen Verfassungen, ebenso ist die Wirtschaftsverfassung nur eine der mehreren ineinandergreifenden privaten Verfassungen. Aus dein Ineinandergreifen des ganzen öffentlichen und privaten Verfassungswesens erst bildet sich die Gesamtverfassung der Gesellschaft. Der Jurist, der die Staatsverfassung als eine Gegebenheit für sich betrachtet, kann sie unmöglich bis auf den Grund verstehen. Ihr Gleichgewicht, ihr Schwerpunkt ist immer durch die gesellschaftliche Gesamtverfassung bestimmt. Die politischen Rechte und Pflichten sind der Ausdruck von Kräften und Widerständen, die in der religiösen Verfassung und den übrigen öffentlichen Verfassungen und neben diesen in der Wirtschafte Verfassung und den übrigen privaten Verfassungen ihren Halt haben.

Wie sich Führer und Masse in die Macht teilen, ist nicht allein durch die Persönlichkeit des obersten Führers bestimmt. Es hängt immer wesentlich mit den Aufgaben zusammen, die dem obersten Führer am Werke der Zeit zufallen und die seinem Einfluß bald mehr, bald weniger Raum eröffnen, und es hängt noch ganz besonders mit dem Aufbau der Führerschichten und der Massenschichten im Volke zusammen und mit der Spannung, die zwischen diesen besteht.

Alles private Werk ruft in erster Linie die Individuen zur Vollziehung auf. Es kommt für sein Gedeihen daher auf die durchgängige Tüchtigkeit der Masse an. Die Führung erhebt sich in der Hauptsache nicht über die Form der anonymen Führung. Da die anonymen Führer in stetem Wechsel aus der Masse hervortreten, so sind sic mit dieser auf das innigste verflochten und für ihre Tüchtigkeit ist die durchgängige Tüchtigkeit der Masse die gegebene Voraussetzung. Die anonymen Führer werden ihre Antriebe aus ihren eigenen privaten Werken empfangen, die sie so wie alle andern betreiben, nur daß sie eben in guter Stunde die eine oder andere Weise finden, um die bisherige Übung da oder dort erfolgreicher zu gestalten. lTnter ihrem schrittweisen Vorangehen, dem die ganze Masse folgt, wird der allgemeine Zustand, wenn auch im einzelnen fast unmerklich, auf die Dauer doch ausgiebig gebessert, und nach und nach kann ein neuer Roden gefestigt sein, auf dem sich eine durchgreifendere Veränderung vorbereitet. Innerhalb der ländlichen Hauswirtschaft hat .sich das Gewerbe, innerhalb des zünftigen Gewerbes der Großbetrieb vorbereitet. Durchgreifendere Veränderungen bedürfen dann allerdings der offenen Führung, die aber auch noch innerhalb des privaten Wesens wirken kann, wie uns die großen Unternehmer zeigen, welche im privaten Wesen fußen, wenn sie auch ins öffentliche Wesen hinüberreichen mögen.

Jede Glaubensgemeinschaft, jede sittliche Gemeinschaft und jede andere innere Gemeinschaft braucht die feste Unterlage verbreiteter Massenbeteiligung unter anonymer Führung, von deren Boden aus, wenn es zu durchgreifenden Entwicklungen kommen soll, sich die großen autoritativen Führer erheben. Das Gcsamtw erk der Zwangsgemeinschaften und Einheitsverbände hat immer die offene persönliche Führung zur Voraussetzung, wobei die führenden Personen aus den gegebenen Führerschichten hervortreten.

In den Perioden der Staatengründung und der Kultur begrün-dung nimmt die offene persönliche Führung ihre strengsten Formen an. Gewaltführung, Herrenführung, herrschaftliche Führung sind aufgerufen, höchste autoritäre Führer erheben sich, eine herrschende Schicht von Kriegern und Priestern baut sich über der Masse auf. Es hangt von der Anlage und geschichtlichen Erziehung der herrschenden Schichten und wohl auch von äußeren Umständen ab, ob sie sich selber ihre genossenschaftliche Verfassung bewahren oder sich auch ihrerseits unter Fürsten und Fürstengcschlechter unterordnen, unter deren Leitung sie ihr Gruppeninteresse vielleicht noch erfolgreicher lKifriedigen. Das römische Bauemvolk hat in seinen Kämpfen mit den Nachbarn, die ursprünglich eher in der Absicht der Abwehr als der des Angriffes ihr Motiv hatten, mit der Führung der patrizischen Geschlechter, die ihrerseits keinen König brauchten noch duldeten. Nach der Abwehr des Angriffes von Hanibal, unter dem Eindruck der Vernichtungsschlacht von Cannae, die mit der Vernichtung des Staates zu drohen schien, gingen die römischen Kriege auf das höhere Ziel, die Weltherrschaft bis zu ihrer vollen Sicherung auszubauen, und von da an konnte der nach altvaterischer Überlieferung geleistete Dienst der Führe rschicht für das Wechsel volle Werk der Weltpolitik nicht mehr ausreichen. Starke persönliche Führer waren notwendig, von der Kraft eines Scipio, eines Marius, eines Sulla, eines Pompejus, um die gefährlichen Krisen des Staatslebens zu überwinden, die nacheinander durchgemacht werden mußten, bis die Herrschaft an Julius Cäsar, als den stärksten Führer fiel und von ihm aus auf die julische Dynastie und sodann auf weitere Dynasten und Dynastien überging. In der ganzen Periode der Kämpfe um die Staatengründung ist dieMilitärverfassung der Rahmen der Staatsverf assung. Dies gilt nicht nur für die Despotie des barbarischen Siegers, sondern cs galt ebenso im Staate des Römervolkes in seiner guten Zeit und ebenso in der Blütezeit der germanisch-romanischen Staaten. Es hat sein letztes bezeichnendes Symptom noch in der Gegenwart darin, daß der Monarch auch im europäischen Kulturstaat die militärische Uniform als diejenige Kleidung trägt, die seine Stellung am getreuesten bezeichnet.

Unter dem Druck der Kampfverfassung versinkt allmählich die alte Bauernkraft aller weicheren Völker, und selbst die der härteren Völker droht zu versinken. Dagegen erheben sich in der nun gesicherteren Ordnung der Staaten neue Kräfte, nach der Kraft eines gereinigten Glaubens die wirtschaftliche Kraft des Bürgertums und die Kraft der Bildungsschichten, im Bünduis mit ihnen sammelt und erholt sich wiederum die Bauernkraft. In der kapitalistischen Volkswirtschaft massiert und organisiert sich sodann die Kraft des Arbeiterproletariates. Die neuen Schichten machen sich zuerst nur als Träger wirksamer Widerstände gegen die alten Mächte geltend, später steigen die stärksten unter ihnen selbst in die führenden Schichten auf und zuletzt nimmt auch die proletarische Schicht die Führung im Volk, und wenn es nicht anders geht, die Diktatur in Anspruch. Nachdem die kirchliche Autorität sich mit der modernen Bildungsmacht hatte auseinandersetzen müssen, müssen auch Fürst und Adel dem demokratisierenden Zug der Zeit nachgeben, wie ihn das Werk geistiger und wirtschaftlicher Arbeit des Bürgertums und Proletariates in das Verfassungswesen hereinbringt ; entweder fügen sie sich oder sie werden durch umstürzende Gewalt beseitigt. Die Kampfverfassung mit ihrer monarchisch-feudalen Spitze wandelt sich zur Demokratie des Bürgertums und Proletariates, die mit ihren kapitalistischen und genossenschaftlichen Bestrebungen ihren Rahmen in der Wirtschaftsverfassung hat.

Durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Völkergeschichte bis auf die Gegenwart herauf hat das Gegenspiel von persönlichen Führern, Führerschiehten und Masse dem Aufbau des gesellschaftlichen Lebens seine Grundlinien gegeben. Immer weist das Werk der Zeit den Spielern ihre Rollen zu, die sie nach dem Grade der Kraft ausfüllcn, welcher ihnen durch Blut und geschichtliche Erziehung zu eigen ist.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

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Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT
Das Gesetz der Macht – VOM URSPRUNG UND WACHSTUM DER MACHT UND DER MACHTVERBÄNDE

Das Gesetz der Macht