1. Die Massenseele

Die gesellschaftliche Macht hat in ihren größten Steigerungen etwas Übermenschliches, ja nicht selten etwas Unmenschliches an sich. Man versteht es daher, daß viele von den Geschichtschreibern, Staatslehrern, Rechtsphilosophen, Ökonomen und Soziologen, die sich mit Machterscheinungen zu beschäftigen hatten, deren Ursprung in irgend welchen objektiven Elementen außerhalb der Sphäre des persönlichen Wesens gesucht haben. Wer dies tut, begeht aber einen doppelten Irrtum: er schränkt sich auf das Gebiet der äußeren Macht ein, die sich äußerer Machtmittel bedient, und er verwechselt überdies die Macht erscheinung mit den Machtmitteln. Daß von den äußern Machtmitteln ein Gebrauch gemacht wird, der gegen das menschliche Gefühl streitet, dazu ist die Möglichkeit in der Beschaffenheit der Machtmittel gegeben, jedoch die Entscheidung darüber, welcher Gebrauch von den Machtmitteln zu machen ist, fließt letztlich immer aus der Gesinnung des Machthabers. Bei den inneren Mächten ist es vollends klar,- daß sie ihren Ursprung im menschlichen Sinne haben.

Für Denker von der Art Stendhals und Nietzsches, die in der Masse nur den Herdentrieb wirken sehen, lag es nahe, das Übermenschliche der Macht auf die Person eines Übermenschen zurückzufüliren, wobei sic noch eine besondere Größe darin erblicken mochten, wenn dieser als Unmensch die Grenzen des Menschlichen überschritt. Eine solche Deutung reicht indes offenbar für die große Zahl der Fälle nicht aus. Übermenschen oder Unmenschen von der Art Cäsar Borgias sind Ausnahmsmenschen. Übrigens hatte Cäsar Borgia gewiß nicht die Größe, in der ihn Stendhal uns vorführen will. Er war der echte Sohn seiner Zeit, er war einer der vielen und vielleicht der bedenkenloseste unter den Condottieri, denen die italienischen Verhältnisse von damals die Mittel und die Versuchung darboten, sich einen Fürstenthron aufzurichten. Was er wirkte, hat er mit Hilfe der geschichtlichen Mächte gewirkt, wie sie damals der italienische Boden emportrieb. Er für sich allein war keineswegs der Schöpfer seiner Taten und Untaten, für die er die Ziele, die Mittel und Helfer und, man kann sagen, die Aufforderung aus der geschichtlichen Umgebung empfing, in der er lebte. Nur die ganz großen Seelenführer, wie sie einsam in der Geschichte aufragen, schaffen aus eigensten Kräften, aber selbst an ihrem Werk hat die Masse ihren wesentlichen Anteil, weil diese erst es sich aneignen muß, damit es volle Wirklichkeit werde.

Selbst von denjenigen Denkern, die erkannten, daß die Masse am Machterlebnisse ihren persönlichen Anteil habe, konnten sich doch gar viele nicht dazu entschließen, es bis auf die Einzelpersonen, bis auf die Individuen zurückzuführen. Die Individuen scheinen zu schwach, um das Übermenschliche, das überindividuelle der Macht zu tragen, das mitunter bis zum Antiindividuellen gesteigert ist. So erklärt es sich, daß man gerne die Masse, das Volk im ganzen als Kollektivsubjekt der Macht annimmt. Wenn man dies tut, so wird man nicht umhin können, von einer Massensecle, einer Volksseele zu sprechen. Die Versuchung dazu, diese klingenden Worte zu gebrauchen, ist groß, jeder Redner oder Schriftsteller, der über Phantasie und Sprachgewalt verfügt, kann seiner Wirkung gewiß sein, wenn er sie am rechten Platze verwendet. Ein Oswald Spengler, der das überwältigende der Kulturidcen zur Geltung bringen will, w ird die dichterische Freiheit benützen, die ihm der Sprachgebrauch gibt, und von der Volksseele sprechen, aus der diese Ideen strömen, ein Romain Rolland wird von der Massenseele sprechen, w?enn er den Druck empfinden lassen will, mit dem die Gedanken der Heerstraße auch den edleren Geist im Banne halten. Wer so spricht und sich des bildlichen Sinnes dieser Wendungen bewußt bleibt, erzielt eine starke und erlaubte Wirkung. Welche Verirrung aber ist es, die dichterische Freiheit des Wortes theoretisch ernst zu nehmen, und wie es nicht nur unbewußt, sondern sogar vollbewußt geschehen ist, die Volksseele oder die Massenseele statt als die Übereinstimmung der Seelen im Volke oder in der Masse als eine besondere Wesenheit für sich gelten zu lassen, die über den Einzelseelen ihr eigenes Leben hat! Und welche Verirrung ist es gar, wenn man, wie es auch geschehen ist, zu dieser in den Höhen schwebenden Seele noch einen eigenen Körper hinzukonstruiert! Solchen Verirrungen gegenüber muß man klar daran festhalten, daß der Seelensitz auch in allen gesellschaftlichen Beziehungen in den Individuen ist und bleibt. In Wahrheit gibt es keine Volksseele und keinen Volkswillen; man kann noch weiter gehen und sagen, im strengen Sinne gebe es auch keine öffentliche Meinung der Gesellschaft als solcher, keine allgemeine Rechts-Überzeugung des Volkes in seiner Einheit, kein sittliches Gefühl der Masse im ganzen. Alle diese Wendungen, die sich unwillkürlich aufdrängen und die ebenso irreführend als bezeichnend sind, wollen nur sagen oder sollen nur sagen, daß die Seelen, die Willen, die Meinungen, die Überzeugungen, die Gefühle gleichgerichtet sind, entweder bei allen Bürgern oder doch l>ei der entscheidenden Mehrheit oder vielleicht auch nur bei einer Minderheit, die eben die Herrschaft über die Gemüter der andern besitzt.

Wodurch die Individuen einer Vielheit gleichgerichtet werden, da« ist in unserer Untersuchung über den Ursprung und das Wachstum der Macht deutlich geworden. Es ist der Erfolg, der die Individuen dazu verhält, in gleichem Schritt und Tritt vorzugehen. Damit ist zugleich deutlich, daß der einzelne, der mit den vielen gleichgerichtet ißt, sich im Banne einer übergeordneten Gewalt fühlt, die stärker ist als er; daß er selber mit an ihrer Bildung Anteil hat, will ihm nicht leicht in den Sinn. Selbst wenn er zunächst diese Meinung hat, so weist er sie unter dem überwältigenden Drucke der Umgebung wiederum ab. So entsteht das Gefühl, wie es Mephisto im Gedränge der Walpurgisnacht mit den Worten ausspricht: „Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben“. Von wem sonst aber wird der einzelne geschoben, als von den andern, die sich mit ihm drängen und von denen jeder ebenso wie er selbst sich von außen geschoben fühlt ? Es ist der gleichgerichtete Geist aller, der eine Vielheit von Menschen in Bewegung setzt. In jeder Vielheit wird das individuell Besondere, das sich mit der Gesamtbewegung nicht verträgt, niedergehalten und abgeschliffen. Insoweit ist die Bewegung überindividuell und selbst antiindividuell, aber dadurch wird sie nicht unpersönlich. Die Kraft, die in ihr wirkt, kann keinen andern Ursprung haben, als in den Personen, die zur Vielheit vereinigt sind. Jede wahre, jede starke gesellschaftliche Macht muß in den Seelen der beteiligten Individuen miterlebt sein; der Staat wirkt nicht ohne den aufrechten Sinn der Bürger, der seinen Entscheidungen ihr Gewacht gibt, das Heer nicht ohne die Tapferkeit der Krieger und den tätigen Druck ihrer Zahl, die Kirche nicht ohne die Frömmigkeit der Gläubigen, das Recht nicht ohne die Überzeugung der Berechtigten und Verpflichteten, die Ideen müssen, um zu wirken, in den Hirnen der führenden Schichten der Zeit lebendig sein, die gesellschaftlichen Bewegungen oder Strömungen müssen durch ihre Herzen gehen.

Was wir auch an überindividuellen oder selbst antiindividuellen Wirkungen der gesellschaftlichen Macht beobachten, so muß es das wissenschaftliche Denken auf seinen persönlichen Ursprung zurückzuführen vermögen oder das wissenschaftliche Denken hat seine Aufgabe nicht erfüllt.

2. Die Machtpsychologie der Masse

Gegenüber der gefestigten äußeren Macht ist das Machterlebnis der Masse nur leidend. Vielleicht, daß die stärksten Individuen Anwandlungen zum Widerstand verspüren oder dort, wo sie besonders herausgefordert werden oder die Gelegenheit besonders günstig scheint, selbst Widerstand versuchen, aber die große Zahl der Schwachen versinkt in dumpfe Resignation. Auf die Dauer schlägt der Herdentrieb durch, alles fügt sich dem gegebenen Zustand und die ganze Masse folgt dem gleichen Gefühle der Unterordnung.

Die innere Macht weckt in der Masse den Trieb zu williger Nachfolge. Der einzelne gehorcht dabei nicht bloß seinem eigenen Triebe, sondern er wird auch durch die Kühlung mitbcstimmt, die er von dem Verhalten seiner Umgebung und der ganzen großen Masse hat. Das Machterlebnis wird dadurch gesteigert, duß der einzelne, der sich der Macht unterordnet, durch seinen Beitritt zugleich das Gewicht erhöht, mit dem die innere Macht in der Gesellschaft wirkt, er tritt, wenn auch nur mit einem kleinsten Anteil, in die Reihe der gesellschaftlichen Machthaber ein. Das Machterlebnis der Masse wird in seinem Gehalt dort noch ausgiebig bereichert, wo, wie es oft der Fall ist, äußere und innere Mächte zu gemeinsamer Wirkung verbunden sind. Das Machterlebnis des Soldaten gibt uns dafür ein besonders belehrendes Beispiel.

In jeder guten Truppe ereignet sich das Wunder, daß der friedliche Muttersohn, der für seine Person Kampf und Blut scheut, sich zum geschulten Krieger wandelt, welcher mit ruhiger Überlegung der feindlichen Waffe standhält und ihr mit entschlossenem Mut entgegenstürmt. Um diese Wandlung zu vollziehen, reicht die Furcht vor den Zwangsmitteln der militärischen Disziplin nicht aus; Furcht, das leidende Machterlebnis, erzeugt nur dumpfen Gehorsam. Die Wandlung ist auch noch nicht vollzogen, wenn der Rekrut, vom Kanonenfieber geschüttelt, dennoch im suggestiven Bann seiner Umgebung zum Sturmlauf des Angriffes willenlos fortgerissen wird; das ist das bloße Herdenerlebnis der Macht, das ebenso rasch in Panik Umschlagen kann. Die Wandlung beginnt damit, daß der Soldat den Sinn der Mannszucht begreift, ohne die kein Erfolg gedeihen kann. Sobald die Truppe so weit ist, fordert nicht bloß der Vorgesetzte, sondern fordert jeder einzelne in der Truppe von jedem andern, daß er seine Pflicht bis zum äußersten tue, umgekehrt steht jeder einzelne unter der treibenden Vorstellung, daß alle andern es ebenso von ihm erwarten. Der tapfere Sinn antwortet auf diese Erwartung mit der lebendigsten Aufwallung des Ehrgefühls und selbst der schwachmütige Sinn kann sich dem Gebote der Ehre nicht entziehen. Nun findet der Befehl eines Vorgesetzten, dem die Truppe vertraut, die seelischen Bahnen offen, kein Mann würde es ertragen, hinter den andern zurückzubleiben, selbst wenn es das Äußerste gilt. Die Wandlung ist vollendet, wenn sich zur soldatischen Ehre soldatischer Stolz hinzugesellt, der den Triumph des Sieges genießt. Im/ Erfolge de« Siege« erlebt der Soldat da« Hochgefühl einer Kraft sondergleichen, die sich durch alle Schrecken hindurch behauptet; es ist ein Krafterlebnis, wie er es niemals auch nur annähernd in sich gekannt hat uncT von dessen Höhe er auf den Pfahlbürger mit Geringschätzung herabblickt, ein Krafterlebnis, das zugleich ein Machterlebnis ist, weil man es in seiner überwältigenden Gemütswirkung erlebt. Wie jeder, der dabei war, an der Kraft seinen Anteil hatte, so hat er ihn auch an der Macht, er ist durch sie miterhöht und steht mit in ihrem Banne. Soldatenehre und Soldatenstolz fließen zum soldatischen Geist zusammen, der die Soldatenpflicht in sich schließt. Alle die Tausende oder Millionen, die dieses Geistes voll sind, setzen den Befehl des Führers durch das Medium ihres Willens wie bewußte Transformatoren zur eigenen Handlung um und binden sich dadurch zu einer Einheit, von der die stärksten Wirkungen ausgehen.

In allen Fällen, in denen der individuelle Wille in den Massen sich zum gesellschaftlichen Machtgewebe verknüpft , läuft der seelische Prozeß in der gleichen Folge ab: erst die Erkenntnis der Notwendigkeit des Zusammengehens, dann die wechselseitige Forderung und Erwartung des Zusammengehens — all dies auf der Grundlage von Trieben des Unterbewußtseins —, weiter die Aufregung des Ehrgefühls, dieser Erwartung zu entsprechen, und zwar nicht nur bei den starken, sondern selbst hei den schwächeren Genossen, darauf die Wahrnehmung des Erfolges und der Stolz des Krafterlebnisses, das man als Machterlebnis genießt, welches den Trieb verstärkt, und schließlich zum gesellschaftlichen Pflichtgefühl erhöht wird. Je innerlicher das Erlebnis, desto bindender das Pflichtgefühl. Räuberehre und Räuberstolz — auch sie sind ja Äußerungen der gesellschaftlichen Natur des Menschen — führen über das Gefühl kameradschaftlicher Pflicht nicht hinaus; Bürgerchre, Bürgerstolz, Bürgersinn rufen die Stimme des Gewdssens mit auf; Recht und Sittlichkeit sind tief im Gewissen beschlossen, doch fehlen die Erregungen von Ehre und Stolz keineswegs; auf das Ehrenkleid der Unbescholtenheit soll kein Makel fallen und dem aufrechten Manne ist d&s stolze Gefühl getaner schwerer Pflicht erlaubt, ohne daß es ihm als Pharisäertum ausgelegt werden dürfte. Nur der ganz entschlossene Schurke und Bösewicht hat den Trotz, sich als einer gegen alle aufzulehnen. Die Masse der Menschen ist weicher, sie gibt dem Druck des allgemeinen Willens nach und sie gibt ihm nicht nur leidend nach, sondern, dasMachterlcbnis des Rechtssieges mitgenießend, folgt sie ihm tätig, sie formt sich innerlich nach der allgemeinen Regel. Wenn es auch wohl niemand gibt, der nicht im einzelnen Falle, der Versuchung erliegend, das Gewisse nsverbot verletzt, so wird doch das innere Machterlebnis des Sieges über die Versuchung, davS sich in der großen Mehrzahl der Fälle wiederholt, das Gewissen immer wieder neu aufrufen und bestärken. Freilich die Zahl der Menschen, die gar keiner fremden Hilfe bedürfen, um innerlich aufrecht zu bleiben, ist nicht allzu groß. Der weitgehende Verfall von Recht und Sittlichkeit nach Weltkrieg und Umsturz hat mit erschreckender Deutlichkeit bewiesen, wie gering bei vielen Menschen, die bis dahin in allen Ehren dastanden, der eigene moralische Halt war. Die erschütterte Autorität von Gericht, Polizei und Kirche, die durch die Not verursachte Steigerung der Versuchungen, das böse Beispiel des Erfolges gewissenloser Menschen, die wider Recht und Sittlichkeit in die Höhe kamen, hat viele schwächere Gemüter vom Weg der Pflicht abgeleitet oder in ihrer Pflicht säumig gemacht. Es ist ein Trost, zu beobachten, daß, während die Welt vom Lärm derjenigen widerhallt, die das Gesetz brechen, die Stillen im Lande weiterhin ohne Wanken ihrem Gewissen folgen. Sic verstehen einander, ohne daß sic viel Worte zu machen brauchen, sie bewahren die Vorstellung der Gesellschaft, wie sie sein soll, unverkümmert in sich fort und setzen sie durch das Medium ihres Willens weiterhin in Taten um. In der Wärme ihres inneren Machterlebnisses erhalten sich die Keime einer besseren Zukunft.

Das Machterlebnis des Glaubens ist das innerlichste von allen. In den Seelen eines starken Glaubens haben Ehre und Stolz geringes Gewicht, ihr Ruhm ist, wie der Apostel sagt, das Zeugnis ihres Gewissens in Einfalt und Demut des Herzens. Sie sind bereit, ihren Glauben gegen die Macht einer ganzen Welt zu bewähren, das Martyrium ist für sie dae höchste Machterlebnis, durch das sie freudig Zeugnis für eine überirdische Macht geben, mit der sie sieb innerlich verbunden fühlen. Ilir Machterlcbnis ist noch weit reiner und reicher, als selbst das des Soldaten auf dem Felde der Ehre. Sich einem großen Ganzen unterordnen und damit zugleich dessen Erfolge als eigenes Machterlebnis empfinden — dae ist für die Masse der in tausenderlei Formen wiederholte Inhalt der Machtpsychologie.

3. Die Lehre von der Massenpsychologie.

Das Problem der Machtpsychologie, wie wir es eben kennengelernt haben, berührt sieh einigermaßen mit der Lehre von der Massenpsychologie, wie sie von Tarde, Sighele, Le Bon und andern entwickelt ist. Wenn man das Handeln der Masse verfolgt und auf seine psychischen Triebe zurückführt, wie es die Schriftsteller dieser Richtung tun, so stößt man notwendigerweise auf die Erscheinung der Macht, unter deren Bann die Masse handelt. In den Untersuchungen über die Massen-psychologic, die mit Scharfblick und Geist geschrieben sind, findet sich daher mancherlei, was auf die Machterscheinung Licht wirft. Indes ist die Lehre doch nicht auf eine eigentliche Analyse der Machterscheinung angelegt und man muß sich außerdem darüber klar sein, daß der Begriff der Masse in dieser Lehre nicht so verstanden wird, wie wir ihn verstehen, nämlich im Gegensatz, zum Führer. Als Masse gilt hier jede Menge, jede größere Zahl von Menschen, die in einem gegebenen Falle unter den gleichen seelischen Eindrücken stehen; die Führer sind dabei miteingeschlossen, mindestens alle Unterführer und anonymen Führer, die man gar nicht weiter unterscheidet, aber auch so ziemlich alle höheren Führer mit einziger Ausnahme der ganz großen, die sich deutlich von der Menge abheben.

Die Lehre von der Massenpsychologie hat zunächst die Massenpsychosen und sodann von diesen aus in der Hauptsache das Machterlebnis der Massen unserer Zeit beschrieben, die eben zur Herrschaft gelangen, aber ihrer Herrschaft noch nicht ganz sicher sind. Das viel-gelesino Buch von Le Bon über die Psychologie der Massen fülirt uns in geistreicher Darstellung und in lebensvoller Anschaulichkeit in die Gedanken dieser Lehre ein. Der kritische Blick des Skeptikers enthüllt schonungslos die Schwächen der Demokratie. Der Wert der neuen Lehre liegt eben in diesem unerbittlichen Trieb nach Wahrheit, in diesem empirischen Ernst. Daher denn auch ihre große Wirkung, von ihr gilt das Wort ,,Selig sind diejenigen, die keine Phrasen machen, denn sie werden verstanden werden“. Die neue Lehre bedeutet ein redliches Besinnen gegenüber der demokratischen Phrase, zugleich bedeutet sie aber auch in den wissenschaftlichen Gedanken über das gesellschaftliche Handeln die Wendung vom Wort zu den Tatsachen. Sic will nur die Erfahrung gelten lassen und sucht sie an ihrer Quelle. Als die Quelle des gesellschaitlichen Handelns erkennt sie — und das ist eine Erkenntnis, die vor ihr in dieser Deutlichkeit noch nicht da wrar — die Psyche der Individuen, die in einer Masse vereinigt sind und sich in dieser nun wesentlich anders verhalten, als sie es jeder für sich tun. Auch in den bewegtesten Szenen des Massenlebens kennt sie keine anderen handelnden Personen als die Individuen, bei denen jedoch unter den Erregungen des öffentlichen Lebens Motive des Handelns zur Geltung kommen, die im privaten Leben nicht oder kaum hervortreten. Dasselbe Individuum, das in seinem privaten Leben seine Triebe zu zügeln bestrebt ist, mag, wenn es rIb Mitglied der Masse zum Bewußtsein öffentlicher Macht gelangt ist, sich ihnen zügellos hingeben; bei den nüchternsten Menschen, wenn sie als Mitglieder einer Masse besonders starken Eindrücken ausgesetzt sind, mögen Triebe hervorkommen, deren sie sich früher niemals bewußt wfaren, krankhafte und vielleicht gar perverse Triebe, die sich unter der Einwirkung der Massensuggestion in kriminellen oder anderen Massenpsychosen ansteckend verbreiten und entladen. In weiterer Verfolgung ihrer Gedanken behauptet die Lehre von der Massenpsychologie, daß das Individuum in der Masse erregbarer sei, das Triebhafte trete hervor, das Intellektuelle trete zurück; selbst der gebildete Mann, der sich in seinem persönlichen Kreise von allem rohen und flachen Wesen absondert, gehe, wenn er ins bunte Gedränge der Öffentlichkeit gemischt ist, mit der Masse mit, ebenso leichtgläubig wie .sie und ebenso veränderlich von einem Extrem zum andern schwankend.

Diese Sätze werden von Le Bon und seinen Genossen durch eine ganze Reihe von glücklich gewählten und wirksam vorgetragenen Beispielen aus der Erfahrung belegt, dennoch dürfen wir uns mit ihnen nicht zufrieden geben. Abgesehen davon, daß die Lehre von der Massenpsychologie das private Leben überhaupt beiseite läßt — worauf wir noch zurückkommen werden — so hält sie sich selbst innerhalb des öffentlichen Lebens so gut wie ausschließlich an die besonders auffälligen Erscheinungen des Massenlebens, die doch nur die geringere Zahl sind und für den regelmäßigen Verlauf nichts entscheiden. Die Massen, die sie beobachtet, sind die krankhaft erregten oder die sonst aufgeregten und beunruhigten Massen; den ruhigen Massen, die fest in der Hand ihrer Führer stehen, wendet sie keinerlei Aufmerksamkeit zu. Ganz besonders beschäftigt sie sich mit den schwach und unsicher geführten Massen, wie wir sie in der Periode der Revolutionen so oft und gerade bei den bedeutendsten Schicksalswendurigen vor uns sehen. Die Massenpsychologie Le Bons ist im Grunde die Psychologie der modernen demokratischen Mengen, die von dem Bewußtsein ihrer Macht erfüllt sind, aber ihre Macht noch nicht recht zu gebrauchen gelernt haben. Für diese hat in der Tat der Instinkt mehr zu sagen, als die Überlegung und Einsicht, die Suggestion mehr als der entschlossene Wille. Man geht kaum fehl, wenn man erklärt, daß die moderne Lehre das Herdenerlcbnis der Macht beschreibe, sie beschreibt das Massengefühl, das sich in der Aufregung der Öffentlichkeit mit unheimlich ansteckender Kraft verbreitet, sieb übernimmt und wieder an sieh irre wird. Die Periode der Revolutionen, so breit sie ist, ist aber doch nur eine Bruchstelle im ganzen langen Laufe der geschichtlichen Entwicklung, welcher große Perioden einer verhältnismäßig ruhigen und jedenfalls stetigeren Entwicklung vorausgegangen sind und vielleicht wieder solche folgen wrerden. In diesen andern Entwicklungsperioden erhebt sich das Machterlebnis der Masse, die ihrer Erfolge sicher geworden ist, über das bloße Herdenerlebnis, weil die Masse in diesem Jahrhunderten und Jahrtausenden von strengen und strengsten, vielleicht rohen, aber dabei eben erfolgreichen und deshalb festen Führungen beherrscht ist. Über die Psychologie dieser Zeiten erfahren wir aus der neuen Lehre nichts und es ist deshalb doch nur ein verheißungsvoller Anfang, den sie macht, indem sie die auffälligen Erscheinungen der revolutionären Gegenwart beschreibt. Sie hat sieh ihr Bcobachtungsfeld zu enge abgesteckt, wir müssen es auf die ganze Weite der Geschichte ausdehnon, wir müssen die moderne Massenpsychologic zu einer vollen Machtpsychologie erweitern, die vor allem das gesunde, von keinerlei Psychosen, Unsicherheiten oder Schwankungen angekränkelte Maeht-erlebnis der Masse zu beschreiben hat.

Die festgeführtc und in sich beruhigte Masse ist nicht beweglich, sondern konservativ. Le Bon selbst gibt es gelegentlich zu, daß die Masse ihrem Wesen nach eigentlich konservativ ist. Wenn er, so wie die andern Lehrer der Massenpsychologie, als entscheidenden Charakterzug der Masse ihre Beweglichkeit und ihr stetes Schwanken bezeichnet, so hängt dies zu einem Teil wohl damit zusammen, daß man die Beobachtungen hauptsächlich am Volke der Gallier angestellt hat, von denen schon Cäsar bemerkte, daß sie novarum rerum cupidi seien. Vor allem aber ist es gewiß dadurch gegeben, daß man die Beobachtungen in der Periode der Revolutionen an iMassen angestellt hat, die ohne feste Führung sich den Stimmungen der wechselnden Lagen widerstandslos hingeben. In ruhiger Zeit vollzieht die Masse Jahr für Jahr mit unverdrossenem Fleiße ihr schweres Lebenswerk, sie bleibt so starr auf ihren Gesichtskreis bescliränkt, daß sie nüchtern, engherzig, unduldsam wird. Wie sie in allem konservativ ist, so ist sie es insbesondere in der Anhänglichkeit an ihre überlieferten Führungen. Beharrlich und treu, das ist ihr eigenstes Wesen. Was die Lehre von der Massenpsychologie über die Zügellosigkeit des einzelnen in der Masse vorbringt, gilt auch nur für die*. Masse, der die feste Führung fehlt. Die ruhige Masse steht unter dem Banne überlieferter Mächte, die alle ihre Mitglieder binden; diese Mächte setzen aus, sobald die Masse ins Schwanken geraten ist, und die persönlichen Triebe, die durch sie zurüekgehalten waren, können nun ausbrechen. Können sie aber ganz frei ausbrechen ? Nein, das können sie nicht, denn, solange die Masse als Masse handelt, ist sie eine Einheit, die ihren Mitgliedern das Gesetz gibt, und wenn sie erregt ist, das strengste Gesetz gibt. Le Bon macht sehr gute Bemerkungen darüber, wie die Massen in der großen Revolution bei ihren schlimmsten Zügellosigkeiten von dem Gefühle geleitet waren, sie hätten eine öffentliche Pflicht zu vollziehen. Bei den Septembermorden hätte sich der Pöbel als Richter berufen gefühlt und man hätte in diesem Gefühle eifrig darüber gewacht, daß niemand sich an den Habseligkeiten der gerichteten Opfer vergreife. Zügellosigkeit auf eigene Faust ist in der Masse nicht erlaubt, um so schlimmer bricht dafür die Zügellosigkeit der gesamten Masse aus. Der Pöbel, der sich des Richteramtes anmaßt, weil kein Richter da ist, welcher seines Amtes waltet, übernimmt von den Pflichten des Richters nur die eine schrecklichste der Vergeltung und im übrigen gibt er sich dem freventlichen Gelüsten eines ausschweifenden Machterlebmsses hin. Oie Führung, die sein muß, wenn Einheit bleiben soll, fällt den wildesten Sehwarmgeistern zu und der menschliche Herdentrieb wird den niedrigsten tierischen Instinkten der menschlichen Natur dienstbar, selbst bei Personen, die man sonst für gutgeartet halten konnte. ,,Abgründe gähnen im Gemüte, die tiefer als die Hölle sind“, wie es im Gedichte heißt. Zu dem, was die Lehre von der Massenpsychologie über die Eigenschaft der Leichtgläubigkeit behauptet, ist noch allerlei auf klärend hinzuzufügen. Leichtgläubig, so daß sie sich an allem ergötzt, was man ihr bietet, ist die Masse nur dort, wo sie unterhalten sein will, aber sonst kein bestimmtes Interesse verfolgt. Dort, wo sie dies letztere tut, glaubt die Masse immer nur das, was sie glauben will, weil es in dieses ihr Interesse paßt; da freilich ist-sie bereit, selbst das Unwahrscheinlichste zu glauben, wenn sie anders daraus ein Motiv für die Haltung ableiten kann, die ihr durch ihr Interesse geboten ist. Was die Masse nicht glauben will, weil es sie in ihren Interessen behindert, das prallt entweder stumpf an ihr ab, oder sic weist cs mit Heftigkeit zurück, falls man es ihr auf-dringen will; darin ist die ruhigste konservative Masse von der unruhigsten nicht verschieden. Diese Art Leichtgläubigkeit ist ein erwünschtes Mittel der Autosuggestion, durch die man sich in seine Stimmungen verbohrt. Wie jeder einzelne, braucht auch die Masse den Glauben an sieh, sie braucht die Legende ihrer Vortrefflichkeit und Sieghaftigkeit, wie sie die Legende der Verdorbenheit und Hassens -Würdigkeit des Gegners braucht. Anders würde sie der heroischen Anspannung all ihrer Kräfte nicht fähig sein, die der Kampf um die Macht erfordert. Im Kampfe ums Dasein könnte sich kein Volk behaupten, dem solche Anspannung nicht möglich wäre. Es gibt keine Volksgeschichte, die nicht davon zu erzählen hätte, welch äußerste Hingebung die Bürger in den großen Staatskrisen bewährt haben. Die stärksten Völker, die am leidenschaftlichsten danach streben, sich obenauf zu halten, sind am heftigsten darauf aus, mit begieriger Gläubigkeit die Motive zu nähren, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Leidenschaft brauchen. Sobald es nottut, machen sich die erfahrenen Kenner des Massenlebens, wie sie jede geschickte Führung in ihrer Mitte hat, unverweilt daran, dem Volke zu liefern, was dessen Glaubenshunger sucht, und sie wissen recht gut, daß sie in der Kost, die sie verabreichen, nicht wählerisch sein müssen. Je derber, desto wirksamer. Das englische Volk als dasjenige unter den Völkern Europas, das bei seinen staatlichen Entscheidungen am meisten mitzusprechen hat, ist der Propaganda seiner Führer am meisten ausgesetzt. Erst bis geschehen ist, was geschehen sollte, ruft Gott Äolus die Stürme zurück und die Welle ebbt wieder ab. Nun dürfen sich auch die besonnenen Männer wieder hören lassen, die während des allgemeinen Lärmens nicht zu Wort kommen konnten, die vielleicht an sich selber zweifelhaft geworden waren oder die man unsanft zur Seite geschoben hatte. Unter ihrem Tadel und ihren Ermahnungen kommt ein aufrechtes Volk zur Erkenntnis seiner Irrung und man macht sich sogar daran, zu bessern, was noch zu bessern ist, vorausgesetzt allerdings, daß man — konservativ wie man auch darin bleibt — von den Früchten des Sieges nicht zuviel herausgeben muß. Wenn dann der nächste Kampf zu bestehen ist, gibt sich die Volksseele mit gleicher Leichtgläubigkeit wiederum der gleichen Leidenschaftlichkeit hin und ist ohneweiters bereit, falls man sich gegen den Freund von gestern wenden muß, dessen eben noch gerühmte Vorzüge in cbensoviele unheilvolle Laster zu verkehren. Das gehört zur Beharrlichkeit des starken Volkes, das sich in der Welt durchsetzen will.

Auch die Behauptung, daß im Massenlcben das Triebhafte hervortrete, bedarf noch der aufklärenden Berichtigung. Nur dasjenige Triebhafte tritt hervor, das ein Teil einer starken gemeinen Kraft werden kann, aber dieses wird zum bewußten Willen erhöht, das Triebhafte hingegen, das zu den Heimlichkeiten der Menschenbrust gehört, bleibt auf das persönliche Leben eingeschränkt, wo es freilich, sofern es allgemein persönlich ist, weiteste Wirkung üben wird. Hunger und Liebe behalten immer ihre weite Wirkung im gesellschaftlichen Getriebe, aber als Faktoren gesellschaftlicher Macht sind sie von andern Trieben überholt, welche die großen Massen zu Einheiten zusammen-zwingen. Ebenso wird die Behauptung, daß das Intellektuelle in der Masse zurücktrete, im gesunden Leben der Gesellschaft nicht bestätigt, die Masse wird durch den Führer gehoben, dessen Gedanken sie mitdenkt. Durch den Erfolg des gesellschaftlichen Zusammengehens ist gerade das Intellektuelle in den Menschen ganz besonders gefördert worden; die Bildung ist ein gesellschaftliches Werk, das bald in stetiger, ruhiger Arbeit, bald in reißender Strömung vorwärtsgehf. Das letztere ereignet sich dann, wenn neue Ideen nach langer Vorbereitung sich plötzlich über die Gemüter verbreiten, in denen sie durch das Machterlebnis zur Herrschaft kommen, mit dem ihr neuer Schwung freudig empfunden wird. Dann erhält der Gedanke etwas Triebhaftes hinzu, er erhält eine überindividuelle Kraft, die aus dem gesellschaftlichen Nachdruck fließt, mit dem die Geister einander vorwärtsdrängen. Mehr noch als beim einzelnen Denker, der sich seinem Drange nach Wahrheit hingibt, ist der neue Gedanke für die Gesellschaft bei ihrem gesteigerten Wesen mit dem Geiste zugleich vom Verlangen getragen, als ein Wahn voll berückenden Glanzes, voll übermäßiger Erwartungen.

4. Der Individualismus des Privatlebens

Die Lehre von der Massenpsychologic irrt auch darin, daß sie voraussetzt, im privaten Leben finde sich die Erscheinung der Masse nicht, sondern hier stehe das Individuum „für sich“. Es gibt keiD „Individuum für sich“, es wäre nicht lebensfähig. Auch in der Zurückgezogenheit des Hauses und der eigenen Arbeit ist jeder Maua dem Einflüsse gesellschaftlicher Mächte ausgesetzfc — der anonymen Mächte, wie wir sie genannt haben — auch da will man vor dem Erteil der andern bestehen können, deren Augen, wie man wohl weiß, einen überallhin verfolgen, und ebenso will man auch da von den Erfolgen der andern lernen, die man begierig wahrnimmt, auch wenn man seine Geschäfte in einiger Distanz voneinander verrichtet. Das Wesentliche des Masseulobens, daß man sich nacheinander richtet, spielt sich im privaten Kreise wie in der Öffentlichkeit ab, es besteht nur im Grad ein Unterschied. Im privaten Leben iät man nicht so enge aneinander gepreßt, so daß man sich etwas selbständiger rühren kann; im öffentlichen Leben ist man einander so nahe, daß man im engsten Verbände, um mit Mephisto zu reden, schieben muß und geschoben wird.

Dies hängt damit zusammen, daß im privaten Leben jeder für sich selber sorgen muß, er hat sein Sonderwerk zu verrichten, im öffentlichenlichen dagegen sind die gemeinsamen Angelegenhciten zu schlichten, hier ist Gesamtwerk zu tun. Wie wir wissen, ist aber auch das Sonderwerk des Privatlebens nicht isoliert, es ist in seiner Art gleichfalls gesellschaftliches Werk. Nicht nur, daß der einzelne in seinem Sonderwerk in den Schranken der Mächte von Recht und Sittlichkeit gehalten ist. die ihm nur einen gewissen Spielraum der Bewegung freilassen, so bewegt er sich auch innerhalb dieses Raumes durchaus nicht ganz frei. Es wird wenig Haushaltungen geben, die sich gar nicht an das gesellschaftliche Vorbild halten, die meisten richten sich ziemlich genau nach diesem ein und hüten sich ängstlich davor, den Tadel der andern herauszufordem. Die persönliche Energie äußert sich zumeist nur in dem Grade der Selbständigkeit, mit der man die allgemeinen Regeln den persönlichen Verhältnissen anpaßt; von der rechtlichen Bewegungsfreiheit bleibt für die Masse der Menschen praktisch nur eine gewisse Wahlfreiheit übrig in Hinsicht auf die Modalitäten, unter denen sie die allgemeinen Regeln erfüllen. Der Egoismus sondert den einzelnen von den andern keineswegs strenge ab, bei der Masse der Menschen geht er darauf hinaus, so für sich zu sorgen, wie die große Masse der andern für sich sorgt, wie „man“ für sich sorgt. Für die große Masse der Menschen gilt in ihren privaten Angelegenheiten die „Psychologie des Man“ wenn ich einen Ausdruck wiederholen darf, den ich schon bei andrer Gelegenheit angewendet habe. Der Durchschnittsmensch will sich in allem möglichst so verhalten, wdc man sich verhält. Das Ichgcfühl, durch das sich der Mensch in seinem Innersten als ein von den andern abgesondertes Wesen erkennt, wird bei allen schwächeren Menschen — und das ist die große Masse — durch unmerkliche, aber zwingende gesellschaftliche Mächte erzogen und erhält dadurch eine Richtung, die nicht mehr rein persönlich ist. Das Bewußtsein hat ungezählte Einbruchspunkte, durch die es gesellschaftlichen Einflüssen zugänglich ist, welche es bis in seine Tiefen hinein in die gesellschaftlich eingefahxenen Bahnen leiten. Das Ichgefühl des gesellschaftlich erzogenen Individuums ist nicht befriedigt, ^ wenn es sich nicht in allen Hauptbeziehungen mit der Gesellschaft einig findet. Bei voller gesellschaftlicher Erziehung geht der Egoismus vom Individuum aus, um in der Gesellschaft zu endigen, er wird zum gesellschaftlichen Egoismus, der gerade nur so viel für sich verlangt, als man nach dem gesellschaftlichen Herkommen für sich verlangen darf und soll.

Dieser Satz gilt nicht nur dort, wo man sich durch soziale Rücksichten deutlich gebunden fühlt, sondern gerade auch dort, wo man ganz auf sich gestellt zu sein meint. Dort, wo der Mann der Masse, der Durchschnittsmensch sich ganz in seinem Elemente fühlt, ist er am wenigsten ein ,,Individuum für sich“, gerade da ist er so recht das Produkt seiner Umgebung und seiner Zeit, die ihn erzogen haben. Der Individualismus der Durchschnittsmenschen verdient eigentlich diesen Namen nicht, denn an ihnen ist so gut wie nichts Individuelles, nichts wirklich Persönliches geblieben. Haus und Schule haben an ihnen das Eigenartige abgeschliffen und ihnen, ohne daß sie es recht bemerkten, durch überlegenen Druck, dem sie höchstens den Widerstand des halsstarrigen Kindes entgegenzusetzen vermochten, volle Unterordnung abgenötigt. Rechtlich selbständig geworden, fahren sie fort, das Opfer freier Entschließung tatsächlich weiter zu bringen; ängstlich richten sie sich in jeder Lage darnach, wie man sich in dieser Lage allgemein verhält, immer brauchen eie noch die Stütze des allgemeinen Beispieles, um sich darüber zu entscheiden, was das Zuträglichste, das Sparsamste, das technisch Wirksamste und sonst das Klügste sei. Die Masse der Durchschnittsmenschen sind gleichgerichtete Glieder der Gesellschaft, denen ihr eigenes Recht in der privaten Sphäre unbedenklich eingeräumt werden kann, ohne daß die Gesellschaft Gefahr liefe, wie die Gegner des Individualismus es behaupten, in Atome zerrissen zu werden. Das bescheidene Machterlebnis, dessen sie sich unter ihren Umständen erfreuen, genügt, um sic in der überlieferten Ordnung zu halten. Die klassische Lehre vom Individualismus wäre niemals angefochten worden, wenn sie sich darauf beschränkt hätte, Bewegungsfreiheit für die Masse der gewöhnlichen Menschen zu fordern, die sie niemals gesellschaftlich mißbrauchen konnten, freilich wäre sie auch niemals ausgedacht worden, wenn sie nicht mehr zu fordern gehabt hätte.

Erst an den führenden Unternehmern hat sich im privaten Wirtschaftsleben Individualismus im wahren Sinne geltend gemacht. Die sich überstürzende Entwicklung der Technik und des Marktes hat den Männern klaren Blickes und starken Willens Möglichkeiten des Gewinnes eröffnet, von denen sie entschlossen und oft rücksichtslos Gebrauch machten. Sie haben nicht nur individuell frei, sondern individualistisch gehandelt, mit dem Ziele des eigenen Wohles und dem Genüsse des eigenen Willens. Selbst dies gilt im vollsten Sinne nur für die stärksten dieser Unternehmer, für diejenigen, welche die Führer der Masse der Unternehmer sind. Alle andern, so selbständig sie nach außen hin auftreten, schöpfen ihre Kraft doch zum besten Teile aus der Bewegung der Zeit, die mit ihnen zugleich so viele andere Unternehmer erweckt hat, mit denen zusammen sie ihre gemeinsame Bahn gehen. Wie Marx richtig bemerkt, ist der Unternehmer das Geschöpf seiner Zeit, er muß so wollen, wie die andern neben ihm wollen, sonst wird er von seinen eigenen Genossen mißachtet und zurückgedrängt. Wer als Unternehmer neue Wege versucht, muß eine Kraft über das Mittel der Untemehmerkraft besitzen und muß sich gegen seine Genossen durch-kämpfen.

Die Unternehmer lieben es, ihre Geschäftspsychologie, die nichts anderes als Machtpsychologie ist, in dem Sinne zu deuten, daß sie nicht so sehr um ihrer persönlichen, als um der allgemeinen Interessen willen tätig seien, sie geben sich gerne als Organe der Gesellschaft, als öffentliche Wohltäter, sie pflegen sich zu rühmen, in welchem Grade sie die gesellschaftlichen Energien vervielfachen, in welchen Mengen sie neue Leistungen hervorbringen, für wie viele Menschen sie Arbeitsgelegenheit schaffen. Man braucht sie deshalb nicht der Heuchelei zu zeihen, man wird indes kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die meisten dieser Männer ohne den Reiz des persönlichen Muchterlebnisses kaum für das gesellschaftliche Wesen so empfänglich geworden wären, wenn man auch zugehen muß, daß der Drang, ihre Kraft auf dem weiten gesellschaftlichen Felde zu betätigen, mit seinen Reiz auf sie ausübt. Der Reiz des persönlichen Machterlebnisses ist es jedenfalls, was sie dagegen gleichgültig werden läßt, welch harten Zwang sie oft ihren Mitarbeitern und Mitbewerbern auferlegen und welch schwere Opfer sie von ihnen fordern.

4. Die Machtpsychologie der Führer

Wie die wirtschaftlichen Führer, müssen alle Führer des öffentlichen Lebens Persönlichkeiten über dem Mittelmaß sein und insoweit etwas Individuelles an sich haben, was nicht immer heißt, daß sie auch individualistisch sein müssen. Die Führer gehen keineswegs immer darauf aus, ihre Macht für sich persönlich auszunützen, die Zahl derer ist keineswegs gering, deren Egoismus einem weiteren gesellschaftlichen Körper, der Partei, der Klasse, dem Staate dient, und die großen Seelenführer widmen sich ohne Schranken dem allgemeinen Wohle. Wrenn der Führer darauf ausgeht, seine Macht für sich auszunützen, so muß es wiederum nicht in der groben Weise geschehen, daß er wirtschaftlichen Vorteil für sich selber sucht. Die Befriedigung des Ehrgeizes ist ein Motiv, das in aller Regel mitspielt und das nicht selten alle andern verdrängt. Bei der Herrschsucht wird cs sich oft kaum unterscheiden lassen, ob sie den starken Mann vorwärts treibt, weil er sich zum gesellschaftlichen Werke berufener fühlt, als alle die andern um ihn herum, oder weil er es eben nicht über sich bringt, einem andern den Vorrang zu lassen. Jedenfalls ist der Trieb, seine Kraft auszuleben, in der starken Führernatur kaum zu unterdrücken. Dennoch stehen nur wenige Führer so aufrecht, daß man sie nach dem Worte Nietzsches als freie Geister bezeichnen kann, die meisten sind, während sie Macht üben wollen, zugleich selber im Banne der geschichtlichen Machtströmungen. Nur die auserlesensten Führernaturen widmen ihre Kraft den machtlosen Anfängen neuer geschichtlicher Bewegungen oder gar den Mühseligen und Beladenen. Der typische Führer geht mit der Macht, mit der geschichtlich befestigten oder doch wenigstens mit der werdenden, weil sie allein geeignet ist, ihm das berauschende Machterlebnis des Führers zu bieten, wie eine iSeele es verlangt. Dies ist ein typischer Zug in der Machtpsychologie der großen Zahl der Führer.

Seinen Führerberuf, voranzugehen und die Masse zur Nachfolge zu bewegen, erfüllt der typische Führer dadurch, daß er die Mittel und Wege angibt, damit diese zu den Zielen gelange, nach denen ihre Triebe oder Bestrebungen sie weisen. Der typische Führer steht im Dienste der geschichtlichen Ziele der Masse. Am selbständigsten vermag sich über den Gesichtskreis der Masse ein starker herrschaftlicher Führer zu erheben, der seiner Macht sicher ist und durch ihren Widerstand nicht cingeschüchtert wird. Ein Bismarck, als der Berater eines Königs von unantastbarer Stellung, konnte das widerstrebende Bürgertum zwängen, seine militärische Pflicht zu tun, als er das Machtmittel von Blut und Eisen für nötig hielt, um den Nationalstaat, zusammenzuhämmern. Nach dem Siege war er persönlich stark genug, um dem König und den Heerführern selber zu widersprechen, als sie dem Gegner Friedensbedingungen auferlegen wollten, die er für abträglich hielt, und endlich konnte er, nachdem er erkannt hatte, daß das deutsche Volk saturiert sei, seine ganze Meisterschaft daran wenden, um es über alle Kriegsstimmungen hinweg im friedlichen Besitze des Reiches zu erhalten. Freilich kann es im dynastischen Wesen auch anders kommen, denn wenn auch die starken Dynastien geschichtlich ausgclcsen sind, so sind es nicht alle ihre einzelnen Vertreter und nicht alle ihre Berater. Das demokratische Wesen hat den Vorzug, daß alle seine Führer durch einen gewissen Prozeß der Auslese gesichtet werden müssen, wenn auch dieser Prozeß nirgends so eingerichtet ist. noch auch jemals so eingerichtet werden kann, daß er sichere Gewähr dafür gibt, immer nur die Besten des Volkes zur Führung zu erheben. Die demokratischen Führer werden, um hinauf zu kommen und sich oben zu erhalten, in ihrer großen Zahl den Stimmungen der Masse nachgeben, sie müssen mit den Strömungen der Zeit gehen und sie halten sich daher dorthin, wo diese am stärksten sind, während sie das stillere Fahrwasser meiden. Wenn man von den ganz großen Führern absieht, so kann man von den Führern im allgemeinen sagen, daß sie die Bestrebungen der Masse übertreiben, statt sie anszugleichen. Die großen Scelenführer schöpfen immer aus dem Ganzen der menschlichen Natur, sie rufen neue Kräfte auf, aber sie suchen immer auch wieder das Gleichgewicht der Seele, die andern Führer dagegen, die Führer der Mittel und Wege, teilen sich in zwei Gruppen, deren Wirksamkeit bei aller ihrer Verschiedenheit darin übereinkommt, dieses Gleichgewicht zu stören. Die einen bringen eine Art allgemeiner Führerbegabung mit, sie haben die leichte Beweglichkeit, sich nach allen Seiten zu wenden, wie es gerade die Not oder das Interesse gebietet, und sie haben vor allem die Gabe der Rede und der Schrift; sie sind die lautesten Rufer im Streit, sie haben für alles das Wort bereit, sie prägen die Schlagworte des Tages, die dazu geeignet sind, rasch zu kursieren und, indem sie von Mund zu Mund gehen, die Übereinstimmung der Meinungen vorzutäuschen; die Masse spendet ihnen heute Beifall, morgen spottet man vielleicht über sie, aber auf alle Fälle braucht man sie, sie sind die unentbehrlichen Spieler auf der Bühne des öffentlichen Lebens. Die andere Gruppe ist die weitaus wirksamere und wertvollere; es sind die Männer, die in einer besonderen Richtung besonders begabt sind und die auf all den vielen Gebieten des Lebens den Fortschritt einlciten, die Vorarbeiter der Masse, bei denen man aber freilich hinnehmen muß, daß jeder von ihnen auf seine Art beschränkt ist. Sie sind dem gemeinen Mann in ihrer besonderen Leistung hoch überlegen, aber er ist ihnen im ganzen überlegen, denn sein Wesen ist mehr im Gleichgewicht. Sie leiden an Hypertrophie bestimmter Organe und bringen es bei aller Ausbildung oft doch nur dazu, Virtuosen ihres Instrumentes zu werden. Die eine wie die andere Gruppe erhält sich in Geltung und Macht durch den Erfolg, den die Masse unter ihrer Führung gewinnt, aber es ist nicht immer ganz der rechte Erfolg, es ist nicht immer der Erfolg auch im Ziele, das man leicht aus den Augen verliert, sondern oft der bloße Erfolg im Mittel. Der militärische Führer, der nichts weiter ist, als ein tüchtiger militärischer Führer — und die meisten sind nichts weiter — weiß den Sieg auf dem Schlachtfeld zu gewinnen, aber er weiß ihn nicht für den Frieden zu verwerten, und das Volk geht der besten Früchte des Sieges verlustig, wenn ein günstiges Geschick ihm nicht zum Ausgleich auch den tüchtigen staatsmännischen Führer beschert.

Die Beschränktheit des Führers wird für die Masse um so gefährlicher, weil sie mit einem gesteigerten Ehrgefühl verbunden ist. Führerekre ist Ehrgeiz, Habgier nach Ehre. Der Führer braucht dieses gesteigerte Gefühl, denn sein Amt fordert erhöhte Bemühung und legt ihm erhöhte Opfer und Gefahren auf, die Offiziersverluste im Felde sind immer größer, als die der Mannschaft; dafür muß dem Führer ausgleichend auch die Aussicht geboten sein, Ehre in höhererti Maße zu gewinnen. Der Erfolg wird ihm, der weithin sichtbar voranschreitet, vor allen andern zugesprochen; er wird mit dem Lorbeer des Siegers geschmückt, während die Masse doch den Sieg mitbestreiten mußte. Welche Versuchung ist es nicht, die Opfer der Masse zu steigern, um das Führererlebnis der Ehre zu steigern! Die höchste Versuchung geht dahin, die Macht des Führers zur Macht des Herrschers zu erheben. Die Herrschsucht bedroht die Masse noch weit schlimmer, als der bloße Führerehrgeiz. In ihrer höchsten Übertreibung strebt sie nach der Macht um der Macht willen. Jeder Sieg soll einen neuen Sieg gebären, die Aussicht auf den Frieden, dpT doch das Ziel des Erfolges sein soll, rückt in immer weitere Ferne. Die Herrschsucht gefällt sich an den Opfern, die ihr die Masse auf ihrem Wege zum Gipfel der Macht darbringen muß. Das Machterlebnis eines Napoleon wird gesteigert, wenn er nach dem Siege über das Schlachtfeld reitet und es von den Körpern der Gefallenen und Verwundeten bedeckt sieht. Napoleon war nicht bloß ein gewaltiger Kriegsmeister, seine reich begabte Herrschernatur, eine der reichsten der Geschichte, ließ ihn die vielfältigsten und höchsten Aufgaben sonst erfassen und bewältigen, aber .seine Herrschsucht wrar so verzehrend, daß sie alle Kräfte, die er zu schaffen wußte, dem einen Ziele der Weltherrschaft unterordnete, w-elche er mit dem Schwerte zu gewinnen gedachte. Die Machtpsychologie der jakobinischen Schreckensmänner, die vor ihm die Führer der durch die Revolution aufgeregten Massen gewesen waren, ist schwerer durchsichtig als die seine. Bei ihnen war Herrschsucht und Pflichtgefühl, beides ins höchste gesteigert, ununterscheidbar verbunden, sie w’aren die überzeugten Diener eines fanatischen Glaubens, dessen Forderungen sic sich selber aufzuopfern bereit waren; erst ihre Nachfolger heuchelten ein Pflichtgefühl, das sie nicht mehr besaßen. Anders als Napoleon waren sie, den einen Danton ausgenommen, eng-beschränkte Menschen ohne die Fähigkeit, die ungeheuren neu entfesselten und ihres Gesetzes noch nicht bewußten Volkskräfte zu meistern; gerade die Eigenschaft aber, daß sie enge auf den neuen Gedanken der Volkssouveränität beschränkt waren, machte sie zu Führern der Mittel und Wege für so lange, bis die geschichtlichen Widerstände gegen diesen Gedanken gebrochen waren. Sie waren an der allgemeinen revolutionären Psychose noch hitziger erkrankt, als die Masse selbst, und während sic die Schauer eines ungezügelten Machterlebnisses begieriger als alle anderen genossen, waren sic von einem Tag zum andern gewärtig, der furchtbaren Macht, die in ihre Hände gegeben war, selber überliefert zu werden. Kronos, der die eigenen Kinder verschlingt, so hat man von der französischen Revolution gesagt und man hätte kein treffenderes Bild wählen können. Der Machttrieb ruhte nicht bis zur Selbstvernichtung.

An dem Machterlebnisse der großen Führer sind immer auch die bevorzugten Personen ihrer nächsten Umgebung mitbeteiligt und darüber hinaus noch die ganzen Gruppen der bedeutenderen Kämpfer und Helfer, die sie für ihren Erfolg brauchen, die Unterführer, die unter die Mavsse verteilt sind, sowie auch der Troß selbst, der ihnen naohfolgt; eine bunte Gesellschaft von den großen Würdenträgern des Staates wie der Kirche und den Potentaten des Kapitales angefangen, über Adel und Geistlichkeit, Offiziere und Beamte bis zu den niedrigsten persönlichen Vertrauensmännern, zu Prätorianern und Janitscharen, zu kleinen Geschäftsleuten und Lakaien, die besten und die schlimmsten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes nicht zu vergessen. Sie alle sind dem Führer behilflich, seine Macht aufrcchtzuerhalten, die ihre Macht ist. Man muß dies verstehen, um die Tatsache zu verstehen, daß der eine Fürst oder daß eine ganz enge Zahl von Berechtigten den Millionen das Gesetz gibt. Man darf aber außerdem nicht übersehen, was das demokratische Gefühl von heute nicht mehr zu fassen vermag, daß der erfolgreiche dynastische Führer auch im echtesten Sinne volkstümlich werden konnte. Dem demokratischen Gefühl von heute ist das dynastische Gefühl von früher schlechthin der Ausdruck niedriger Unterwürfigkeit; daran hat es ja niemals gefehlt und man braucht nicht nach Asien oder Afrika hinüber zu blicken, um die Belege dafür zu sammeln, aber man muß sich auch in die Seele des seinem Fürsten loyal ergebenen Bürgers zurückversetzen können, der den Fürsten als den Führer der gemeinsamen Siege und Triumphe vor sich sah, dem er durch das schöne männliche Gefühl der Treue verbunden war. Selbst dem schwachen oder ausgearteten Sohne, der dem tüchtigen Vater auf dem Thron folgte, konnte der aufrechte Sinn in Ergebenheit dienen, indem er der Einrichtung diente, die durch die Zeit gefordert, durch die Überlieferung geheiligt und zunächst durch keine andere Ordnung zu ersetzen war. Das Volk mußte erst die Erfahrung des eigenen Machterlebnisses vor sich haben, bevor es sich der geschichtlichen dynastischen Führung entzog, oder aber es mußte die bittere Erfahrung gemacht haben, daß alle Opfer der Ergebenheit, die cs dem fürstlichen Willen brachte, umsonst gewesen waren und im Erlebnisse von Unheil und Ohnmacht endeten.

Der Masse, die in Furcht oder Ehrfurcht auf den Herrscher blickt, antwortet der Herrenwille je nach Persönlichkeit und geschichtlicher Lage in Grausamkeit, Härte, Übermut, in Herablassung und Wohlwollen oder in fürstlich vornehmem Pflichtgefühl. Das gemeinsame Machterlebnis verbindet die Genossen dazu, einander bei der Verteidigung oder Verbesserung der gemeinsamen Stellung Hilfe zu leisten, es verbindet auf der Herrenseite dazu, die gleiche Linie der Abweisung oder der Milde einzuhalten, auf Seite der Masse verbindet es zum gleichen Gefühle des treuen Dieners oder der trotzigen Auflehnung. Wie zwischen Regierenden und Regierten gilt dies, jeweils den Verhältnissen angepaßt, überall, wo Führer und Masse miteinander gehen und dabei ihrer wechselseitigen Abhängigkeit wie der Spannung ihrer Interessen bewußt werden.

6. Das saerificium voluntatis im Machterlebnisse

Im Bilde von Kronos, der die eigenen Kinder verschlingt, ist das Überindividuelle und Antiindividuelle des Machttriebes an dem krassen Falle der jakobinischen Schreckensmänner deutlich gemacht. Etwas Üherindividuelles und vielleicht, auch Antiindividuelles ist aber in jedem Falle der Zugehörigkeit zu einem Macht verbände gegeben und ist daher, wenn auch unter Umständen in geringster Dosis, ein wesentliches Element der Machtpsychologic. Gerade so wie einer, der sich mit andern zusammen drängt, um durch gemeinsamen Druck ein im Wege stehendes Hindernis zu beseitigen, auf den freien Gebrauch seiner Gliedmaßen verzichten muß, muß man im gesellschaftlichen Verbände, ob man nun zur Masse gehört oder selbst als Führer hervortritt, ein Opfer seines eigenen Wesens bringen, vielleicht sogar ein Opfer an schwerer Bemühung und Gefahren, mindestens aber ein Opfer der Selbständigkeit seines Willens. Man wird für dieses saerificium voluntatis im günstigen Falle dadurch entschädigt, daß man Teil einer starken gemeinen Kraft wird, die höhere Erfolge einbringt, und da in der gedeihenden Gesellschaft der günstige Fall die Regel ist, so wird hier das Opfer zumeist nicht vergeblich gebracht sein. Im privaten Leben fühlt man das saerificium voluntatis in der Unbequemlichkeit und Last der sozialen Verpflichtungen, wie man sie der Verwandtschaft, den Nachbarn, den Arbeitsgenossen, der Klasse schuldig ist. Man fühlt es besonders drückend in den Ausgaben, die zur standesmäßigen Haltung gehören, welche auch von den mindergestellten Mitgliedern des Standes gewahrt werden muß. Besonders lebhaft fühlt man den Verzicht auf Liehlingsneigungen, die man der Notwendigkeit des Erwerbes zum Opfer bringen muß.

In der Sphäre der vollen Öffentlichkeit, wo die Masse auf das engste zusammengepreßt wird, ist die Notwendigkeit des einheitlichen Zusammengehens unabweisbar, es genügt nicht, sich in weiten Abständen einigermaßen nacheinander zu richten, sondern man muß geschlossene Einheiten formieren. Der Erfolg fordert gebieterisch das Gesamtwerk und darum unterwirft sich auch der unabhängigste Sinn dem gemeinen Willen. Die Individuen wollen nicht für eich bleiben, sondern ordnen sich freiwillig in Reih und Glied, alle bringen das bewußte und empfundene Opfer des eigenen Willens. Ehre, Stolz, Pflicht überwältigen die Individuen, so daß sie sich freudig für das allgemeine Machterlebnis aufopfem, welches jeder von ihnen mitempfindet; freudig, wenn auch unter Schmerzen, denn nicht ohne Schmerzen kann man dem Selbsterhaltungstrieb das Äußerste an Verzicht abnötigen. Das Individuum in der Masse hört nicht auf, sich als Individuum zu fühlen, wo es sich den starken Mächten der Öffentlichkeit beugt, es hört hier nur auf, individualistisch im Sinne seines persönlichen Vorteils zu fühlen. Jeder einzelne macht sich zum tätigen Organ des gemeinen Willens, den er durch das Medium seines Willens zu zweckvollen Handlungen umsetzt, er bringt ihm seinen Besitz entgegen, er nimmt Mühe und Gefahr bis zum äußersten auf sich und zögert nicht, wenn es sein muß, auf seine Selbsterhaltuug zu verzichten und sein Leben zum Opfer zu bringen. Der Selbsterhaltungstrieb ordnet sich bewußt dem gesellschaftlichen Machttriebe unter, der individuelle Wille wirkt im Sinne überindivi-dneller Forderungen. Tndem er das Äußerste aus sich herausholt, mehr als irgendein Zwang von außen vermöchte, wirkt er antiindividualistisch bis zur Selbstvernichtung. Die Führerehre legt den vorangehenden Führern das saerifieium voluntatis in erhöhtem Maße auf. Vor allen andern sind sie zur aufopfernden Arbeit verpflichtet, der Gefahr gegenüber müssen sie die ersten sein, sich preiszugeben.

7. Der persönliche Selbsterhaltungstrieb und der Machterhaltungstrieb

Wir haben mit dieser Erkenntnis den Schlüssel nicht nur für das Verhalten des einzelnen in der Öffentlichkeit, sondern auch für das Verhalten der ganzen Gemeinschaft selbst. Dadurch, daß jeder in seinem Willen dahin gebunden ist, sich nach den andern zu richten, ist die ganze vereinigte Masse gebunden, wie sie anderseits durch das Zusammenhalten an Wucht und Ausdauer gewinnt. Diese Erkenntnis ist u-alt, älter als alle wissenschaftliche Soziologie, sie ist längst in dem Gleichnisse von den Ruten niedergelegt, die einzeln für sich geschmeidig, dadurch unbiegsam und fest werden, daß sie im Bündel zusammen-geschnürt sind, sie ist in ihrer ganzen Bedeutung aber erst dann erfaßt, wenn man erwägt, daß die Bindung, die einmal besteht, so leicht nicht wieder gelöst werden kann. Ein gesellschaftlicher Verband, wenn er einmal durch das saerificium voluntatis seiner Mitglieder zusammengehalten ist, wird durch die Opfer, die er von seinen Mitgliedern verlangt, nicht ohneweiters erschüttert. Wenn der Erfolg einmal Führer und Masse zum Zusammengehen geleitet hat, so wird ein Mißerfolg trotz der Verluste, die er bringt, nicht ohneweiters zum Auseinandergehen Anlaß geben.

Die Beharrlichkeit cines Volkes kann bis zum Ende aushalten. Gerade die starken Völker haben sich oft für lange Zeit, und manche für immer, an den Opfern erschöpft, die sic auf sich nahmen, um ihren geschichtlichen Weg zu vollenden. Das starke Volk ist noch unbeugsamer, als der starke Mann, dieser findet doch noch eher den Entschluß zur Umkehr, wenn er erkennen muß, daß er sich an den Opfern verblutet, die der Kampf kostet. Der einzelne ist nur durch seine persönliche Leidenschaft gebunden, die Tausende oder Millionen eines Volkes sind es außerdem durch den wechselseitigen Druck, den sie aufeinander ausüben, sie sind durch das allgemeine sacrificium volun-tatis gebunden. Sie sind in ihrer Haltung dem geschichtlichen Zustand angepaßt, in dem sic groß geworden sind, und besitzen nicht das innere Gleichgewicht, um sich leicht in eine neue Haltung hineinzufinden. Die Technik der Massen arbeitet langsam und versagt mitunter überhaupt. Bis zum letzten Ende will man nicht auf hören, an die Macht zu glauben, die bisher immer Erfolg gebracht hat, die im Erfolge groß geworden ist und der man sich nicht mehr entwinden kann, auch wenn der Mißerfolg sic offenkundig Lügen straft.

Damit erst sind wir zum innersten Geheimnisse der Macht-psychologic vorgedrungen. Die persönliche Kraft wird dadurch, daß sie sich mit den Kräften einer Vielheit gleichgerichteter Menschen zusammenfühlt, weit über das persönliche Maß gesteigert, mit ihr wird das Machtgefühl gesteigert, zugleich aber wird die Kraft in nicht geringem Grade persönlich entwurzelt. Im persönlichen Leben hält der Selbsterhaltungstrieb bei allen Irrungen, denen er sonst ausgesetzt sein mag, den gesunden Mann doch immer instinktiv aufrecht, in der Gesellschaft geht diese Sicherheit des Instinktes verloren, sobald sich der persönliche Selbsterhaltungstrieb mit dem Opfer des eigenen Willens dem gesellschaftlichen Machttriebe ganz und gar unterordnet. Indem die vielen ihren Willen vereinigen und das Opfer ihrer Selbständigkeit bringen, wird ihre Willensherrschaft gemindert. Hieraus empfängt die Macht nicht nur einen überindividuellen und antiindividuellen, sondern unter Umständen einen antigesellschaftlichon Charakter, der mit voller Umkehrung des Gesetzes des Erfolges bis zur gesellschaftlichen Selbstvemichtung gehen kami.

Wir werden uns mit diesem Gedanken an späterer Stelle noch eingehend zu beschäftigen haben.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

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Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT
Das Gesetz der Macht – VOM URSPRUNG UND WACHSTUM DER MACHT UND DER MACHTVERBÄNDE
Das Gesetz der Macht – GRUNDFORM DER GESELLSCHAFTLICHEN VERFASSUNG FÜHRER UND MASSE

Das Gesetz der Macht

1.Führung als Ergebnis der Massentechnik

Jeder gesellschaftliche Verband braucht und hat seine Verfassung. Jeder Staatsverband brauchte und hatte seine Verfassung, lange bevor es Verfassungen im modernen Sinne gab, die ausführlich beraten, säuberlich gesatzt und feierlich beschworen wurden. Nicht nur der Staatsverband, auch der Kirchenverband, der Heeresverband, der volkswirtschaftliche Verband und sonst jeder freie gesellschaftliche Verband bis zu den bloß geselligen Verbänden herab braucht und hat seine Verfassung, ob sie nun eine rechtlich gesatzte oder eine bloß tatsächliche Verfassung sei. Die Realitätsverfassung ist die ausdrücklich geregelte Ordnung der Machtbefugnisse im Verbände, die tatsächliche Verfassung ist die tatsächlich befolgte Ordnung — Über- und Unterordnung oder auch Gleichordnung — der Mächte im Verbände, wie sie auf der gegebenen Verteilung der gesellschaftlichen Kräfte beruht. Im letzten Grunde ist die gesellschaftliche Verfassung ebenso der gegebene Zustand der Kräfte und Mächte, wie die Geistesverfassung eines Menschen der Zustand ist, in welchem, sich seine geistigen Kräfte befinden. Je näher der rechtlich beschriebene Zustand dem tatsächlich gegebenen kommt, desto lebensvoller und daher wirksamer wird eine Rechtsverfassung sein. Eine noch so künstlich gesalzte Verfassung, die mit der Wirklichkeit in keinem Punkte stimmt, ist in der Tat, wie Lassalle cs nennt, nur ein Stück Papier. England, das von allen europäischen Staaten die lebensvollste Verfassung besitzt, hat die formloseste von allen.

Alle Verfassungen sind nur Abwandlungen einer immer wiederkehrenden Grundform. Immer ist cs ihr wesentlicher Inhalt, die Macht zwischen Führer und Masse zu teilen. Führer und Masse haben im gesellschaftlichen Leben ihre bestimmten Tätigkeiten, die zwar in ganz verschiedener Stärke wirksam werden können, aber immer beide wirken müssen. Wenn ein Verband handlungs fähig sein soll, so muß er über beide Organe verfügen. Die unmittelbare Demokratie in ihrer weitestgehenden Gestalt ist nicht lebensfähig, denn niemals kann eine große Volksraasse unmittelbar Führungsdienst vollziehen, sie braucht dazu immer ein besonderes Organ der Vertretung. Was das Zusammenwirken von Führer und Masse für den gesellschaftlichen Erfolg bedeutet, das wird heute vom Proletariat genau verstanden, indem cs den Wert der Organisation erkennt. Washeißtes, sich organisieren? Es heißt nichts anderes, als daß sich eine Masse unter Führern ordnet, die ihr Vertrauen haben. Die Führer geben der Bewegung Ziel und Plan, die Masse gibt ihr das Gewicht.

Wenn der Soziologe heute über die Erscheinung der Masse spricht, so pflegt er von der Psychologie der Masse auszugehen, wobei diese zumeist recht schlecht wegkommt. Die wissenschaftliche Betrachtung hält sich dabei gerne an die auffallendsten, an die stürmischen und ausgeartetsten Massenbewegungen und sie bleibt auch gerne im Bereich der politischen Verhältnisse, wo die Masse heute am stärksten hervortritt. Wir wollen den Ausgang unserer Untersuchung allgemeiner wählen. Die Notwendigkeit der Führung ist keineswegs oder ist doch nicht in erster Linie durch die Unzulänglichkeit der Durchschnittsmenschen begründet, welche die Masse bilden. In einem Parlamente sind die Männer versammelt, die sich bei den Wahlen als Führer der Massen durchgesetzt haben, und doch sind sie. wenn sie sich als Parlament versammeln, selbst wieder eine Masse, die ihre Führung braucht. Nicht die Massenpsychologie, sondern die Massentechnik zwingt in erster Linie zur Führung, selbst die fähigsten Menschen, falls sie eben in Masse beisammen sind, könnten nicht handeln, wenn nicht Führer für sie eintreten würden. Die Verständigungsmittel, die man im Einzelverkehr gebraucht, um zum Zusammenschluß und zu gemeinsamer Tat den Weg zu finden, sind in einer großen Masse nicht anwendbar. Der Vertrag ist die geeignete Form der Vereinigung zwischen zwei Personen oder einer ähnlichen geringeren Zahl, zwischen Millionen aber kann es keinen Vertrag geben. Die Denker, welche von einem Gesellschaftsvertrag oder Staatsvertrag ausgehen, haben das Wesen der Massentechnik nicht verstanden, sie sind jenem Irrtum verfallen, mit dem alles gesellschaftliche Denken beginnt, nämlich den Menschen in der Masse so zu nehmen, wie wir ihn in seinem persönlichen Leben vor uns haben. Der Mensch empfängt- aus der Umgebung einer großen Mavssc nicht nur andere Kräfte, sondern er muß sich zu ihr auch durch andere Mittel ins Verhältnis setzen, als er im nahen Verkehr gewohnt ist.

Wenn zwei Personen einen Vertrag schließen wollen, so muß jeder von ihnen seine Absichten für sich überlegen und muß dann dem andern mittcilen, w’as er will. In einem Volke von Millionen ist eine allgemeine Wechselrcdc überhaupt ausgeschlossen, aber schon in einer Versamm lung von Tausenden oder nur von Hunderten dürfen nicht alle reden, wenn man überhaupt zu Ende kommen will, die große Mehrheit muß stille sitzen — wie schon der Name Sitzung besagt — und muß schweigen, während bloß die Wortführer reden. Das Zuhören bringt es leicht mit sich, daß man auch auf das selbständige überlegen verzichtet, man folgt dem Redner auf den Wegen, die dieser cinzuschlagcn für gut findet, um zu den gewünschten Zielen zu gelangen. Da man aber doch nicht ganz unüberlegt handeln will, so wird zur Beratung ein Ausschuß gewählt, zu dessen Technik es unter Umständen wieder gehört, daß er einen Unterausschuß bestellt, der seinerseits das Geschäft der eingehenden Überlegung vielleicht noch auf Berichterstatter abwälzt. Die Beschlußfassung kommt endlich in der Weise zustande, daß der Berichterstatter oder auch ein Gegner einen Antrag stellt, über welchen sodann Unterausschuß, Ausschuß und Vollversammlung durch Zustimmung oder Ablehnung entscheiden. Beschlüsse, die ein ganzes Volk binden, kommen zustande, ohne daß die große Zahl der Volksvertreter mehr als ihr bloßes Ja oder Nein zu äußern braucht. Wie unüberlegt und formlos würde man einen privaten Vertrag nennen, bei dem sich der eine Teil auf die bescheidene Holle zurückziehen wollte, welche die Massentechnik der Mehrzahl der Volksvertreter zuweist!

Einen besonders lehrreichen Einblick in die Technik des Massenhandelns gibt der Fall der politischen Wahl, die ein keineswegs so einfacher Akt ist, wie es die Wähler und leider auch die Gesetzgeber zu denken pflegen. Schon der Name ist vollkommen irreführend, denn der Wähler wählt nicht, er wählt nämlich nicht selber aus, was doch der wesentliche Teil jeder Wahl ist, sondern er sagt nur sein Ja oder Nein zu den Namen der Bewerber, welche die Parteiführungen aus-gewählt haben. Der Wähler wählt die Partei, der er seine Stimme geben will, und dort, wo ihm, wie es so oft der Fall ist, seine Parteistellung von vornherein durch sein Interesse angewiesen wird, wählt er überhaupt nicht, sondern er beschränkt sich darauf, durch die Abgabe des Stimmzettels ein Bekenntnis zu seiner Partei abzulegen. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der vom Volke gewählt werden »oll, damit er dem Kongreß gegenüber möglichste Autorität besitze, wird im wahren Sinn doch nicht vom Volke gewählt, und das kann massentechnisch gar nicht anders sein. Die Vereinigten Staaten würden niemals mit der Wahl des Präsidenten fertig, wTcnn alle Millionen Wähler des Volkes ihren Präsidenten in dem Sinne wählen wollten, wie ein Bräutigam seine Braut wählt. Die eigentliche Wahl, nämlich die Auswahl aus der Zahl der Bewerber, wird in Konventionen der großen Parteien vollzogen — kleinere Parteien haben überhaupt nicht mitzusprechen — und da gehen wieder die engeren Kreise der einflußreichsten Männer den Ausschlag, welche die Konvention leiten. Der Akt, der »ich am öffentlichen Wahltag vollzieht, ist das bloße Parteibekenntnis und als solches freilich entscheidend, weil dadurch das Gewicht der Stimmen abgemessen wird, die sich auf die Parteien verteilen. Diesem entscheidenden Akte muß aber die Auslese des Bewerbers vorausgehen, auf welchen die Wähler ihre Stimmen zu vereinigen haben, die sich zur Partei bekennen, und diese Auslese kann nur im engen Kreise der Führer vollzogen werden.

Wie für die Wahl fordert die Massentechnik für alles gesellschaftliche Handeln, welches immer es sei, durchaus den Führer. Die Führung hat ihren Ursprung nicht — oder nicht in erster Linie — in der Trägheit oder Interesselosigkeit der großen Masse, so sehr diese auch in gewissen Fällen dazu beitragen mag, sondern sie ist unabweisbar durch die Technik des Massenverkehres gefordert. Aus einem Haufen bewaffneter und tapferer Männer wird erst dann eine brauchbare Kampftruppe, wenn «ich die Leute unter Führung gestellt haben. Die Technik des Kampfes fordert durchaus die gebietende Person des Führers, so wie die alte Stoßtaktik die Fahne forderte, die heim Sturme vorangetragen wurde. Ebenso fordert jedes gesellschaftliche Handeln den Führer an der Spitze.

2. Das Wesen der Führung

Der Sprachgebrauch liebt es, den Namen des Führers für die großen Männer der Geschichte vorzubehalten. Theoretisch brauchen wir indessen einen Namen für die Führerstellung, wie immer sie ausgefüllt sein mag, was selbstverständlich nicht sagen will, daß es theoretisch gleichgültig sei, wie sie ausgefüllt werde; theoretisch muß daher der Name allen Personen zugeteilt werden, die leitend über der Masse stehen. Jeder Anführer ins Gute oder ins Schlimme muß uns als Führer gelten, selbst ein zerstörender Attila oder ein Verfallsmeister; auch dürfen wir den Namen nicht auf die militärischen oder politischen Führer, auf die Fürsten, Heerführer, Staatsmänner, Parteiführer beschränken, sondern er gilt ebenso für die religiösen Führer und die Führer in Kunst und Wissenschaft und überhaupt für alle, die auf irgend einem Gebiete gesellschaftlichen Wirkens, wenn auch vielleicht nur in einem engeren Kreise, als Lehrer, Meister, Pioniere, Vorkämpfer, Vorarbeiter vorangehen. Der Führer wirkt nicht nur durch das Mittel des strengen Befehles, der Weisung oder Anordnung, sondern er kann auch durch den Vorschlag oder Antrag wirken, der in der Masse Zustimmung findet, oder durch das Urteil, da« er fällt, oder durch die Lehre, die ihm Schüler oder Jünger gewinnt, oder durch den Rat, den man befolgt, oder durch das erfolgreiche Beispiel, das man nachahmt, oder sonst in irgend einer Weise durch vorbildliches Schaffen, sei es zunächst auch nur ein vorahnendes Fühlen und Streben. In diesem theoretischen Sinn Führer sein, heißt nichts anderes als in Sachen eines gemeinen Wesens der Erste sein. Die gesellschaftliche Funktion des Führers ist Vorangehen, die der Masse ist Nachfolge. Hunderte oder Tausende oder gar Millionen können sich zu einer einheitlichen Bewegung nicht anders zusammenfinden, als wenn sie durch das Beispiel des Erfolges geleitet werden, der in der Person des Führers anschaulich wrird.

3. Die Formen der Führung

Die höchste Form der Führung ist diejenige, bei welcher der Führer durch die überragende Kraft berufen ist, die er an seinem hohen Werke entfaltet. Wir werden sie die autoritäre Führung, und einen solchen Führer den großen Führer nennen, wir könnten ihn vielleicht auch den geborenen Führer nennen. Der große Führer ist der persönliche Führer im eigentlichsten Sinne des Wortes, er leitet sein Amt von niemand anderm ab, er ist durchaus Führer aus eigenem Rechte, der Erfolg hat ihn als den Besten bewährt, sein Titel ist der der reinsten geschichtlichen Auslese. Wenn ihn der öffentliche Ruf bezeichnet, so wird ihm damit nicht erst sein Amt verliehen, sondern er wird eben als der durch den Erfolg Best bewährte anerkannt, dem die andern bereitwillig folgen, wenn er vorangeht. Mitunter setzt sich der große Führer sofort und unter allgemeiner begeisterter Zustimmung durch, falls er, wie der siegreiche Feldherr, den auffälligen hinreißenden Erfolg für sich hat. Mitunter begegnet er, weil er Einkehr und Umkehr im Tiefsten des menschlichen Wesens fordert, leidenschaftlicher Ablehnung, und seine Lehre ringt sich vielleicht erst durch, wenn er durch seinen Tod Zeugnis für sie abgelegt hat. Wie der Leichnam des Cid Campeador den Reihen der Seinigen im Kampfe vorangetragen wurde, so kann es kommen, daß der Gedanke des großen geistigen Führers noch in ferne Zukunft hinein schützend und erhebend die Seelen leitet.

Wir begegnen dem großen Führer, der die Gemüter durch das übermenschliche Ausmaß seines Werkes überwältigt, im Laufe der Geschichte, alles in allem, nur selten. Trotzdem ist seine Gestalt am besten dazu geeignet, uns das Wesen der Führung zu eröffnen, denn sein Fall ist der Idealfall, der dieses Wesen am reinsten und am deutlichsten zeigt. An ihm werden wir der Funktion des Vorangehens und der Auslese durch den Erfolg am klarsten inne; in den andern Formen der Führung, die für die übergroße Zahl der Fälle der Wirklichkeit gelten, werden die beiden Elemente mehr oder weniger verdunkelt.

So geschieht dies vor allem bei der Form der Gewaltführung, die in den Anfängen der Geschichte am stärksten hervortritt. Der siegende Gewalthaber, der den Gegner niederwirft und beraubt, ist „der Erste“ in der Menge, seine Überlegenheit ist offenbar, doch kann man sein Tun kaum als Vorangehen bezeichnen, das Nachfolge erzeugen soll. Der Gewalthaber will die unterworfene Masse nicht vorwärtsbringen, er will sie eher zurückhalten, um ihre Kraft des Widerstandes zu schwächen, auch ist der Sieg der Gewalt, durch den er auf die Gemüter wirkt, eine so rohe Form der Auslese, daß man ihr diesen auszeichnenden Namen kaum zugestehen will. Ansätze wahrer Führung sind erst zu bemerken, wenn der Gewalthaber die Masse sammelt, um sie für sich kämpfen und arbeiten zu lassen. Wenn sich damit die Gewaltführung zur Herren-führung entwickelt, so wird die Funktion des Vorgehens bereits wirksamer erfüllt; die Befolgung der Gebote, die der Herr von den Untergebenen fordert, ist schon echte Nachfolge. Der Gewalthaber, der sich als ordnender Herr behaupten will, ist auch nicht mehr durch bloße Gewalt ausgelesen, sondern muß zugleich durch gewisse Kulturvorzüge hervorgehoben sein. Die Höhe der Herrenführung ist die herrschaftliche Führung, wie sie das europäische Fürstentum vom Mittelalter her bis zum aufgeklärten Absolutismus übte. Die herrschaftliche Führung hat vom Zwange der Gewaltführung nur noch so viel übrig behalten, daß sie den Nachdruck zu steigern vermochte, mit dem die innere Autorität wirkte, welche sie durch den Erfolg ihres weitblickenden Vorangehens gewann. Sie ist eine der wirksamsten Führungen im ganzen Lauf der Gesichte gewesen.

In kleineren gesellschaftlichen Kreisen, wie z. B. in der Zunft, gilt vom Anfung an die genossenschaftliche Bestellung des Führers, der durch Wahl berufen wird, ln einem engeren Kreise von Genossen, die sich wechselseitig kennen, ist diese Form natürlich gegeben. Selbstverständlich ist die rechte Wahl immer auch Auslese der geeignetsten Person, der Genos.se, den man in der Form der Wahl beruft, muß schon vorher durch die Auslese des Erfolges emporgehoben sein; freilich wird es sich kaum vermeiden lassen, daß der Ausgang der Wahl durch die Interessen und Beziehungen der Mächtigen des Kreises mitbe-einflußt wird. Der Grad der Autorität, den der gewählte Führer gegen-über seinen wählenden Genossen behauptet, wird in aller Regel weit geringer sein als beim autoritären Führer. Der gewählte Führer wird gegen die öffentliche Meinung seines Wählerkreises nicht leicht auf-kommen können, in aller Regel wird er durch sie gebunden sein, immerhin muß er wenigstens in den Einzelheiten der Durchführung voran gehen, sonst würde er seine Geltung bald verwirkt haben. Auch in größeren Kreisen und insbesondere im staatlichen Gemeinwesen ist mit zunehmender Freiheit die genossenschaftliche Bestellung des Führers mehr und mehr üblich geworden ; die Wahl der Volksvertreter und der Volksbeauftragten in der Demokratie ist nichts anderes als die genossenschaftliche Führerbestellung im großen. Freilich ist auf ein großes Volk die Form der genossenschaftlichen Führung nicht so rein zu übertragen, wie man heute zu denken lieht. Ohne Vorschlag von berufener Seite müßte sich die Wahl aus einer großen Masse heraus immer zersplittern. Die Wahl ist ja — wir haben dies eben gezeigt — ein gesellschaftliches . Handeln, das, wie jedes andere gesellschaftliche Handeln, der Führung bedarf. Es ist ein grober Irrtum, zu meinen, daß der Wahltag der Gerichtstag ist, an welchem das freie Volk von der Höhe seiner Souveränität sein Urteil über die Führer spricht. Die Parteimassen empfangen die Losungen, mit denen sie zur Wahl gehen, immer von ihren Führern, und die Führer wissen es sehr gut, daß der Ausgang der Wahl zu einem guten Teil davon abhängt, welche Führung die Wahl zu leiten oder, wie man mit einem bezeichnenden Ausdruck sagt, zu „machen“ hat. Auf diesem Instrument der Massentechnik zu spielen, ist nicht so leicht, wie es in seinem gläubigen Sinne der einfache Mann annimmt, als welchen sich, wie man leider hinzufügen muß, in politischen Dingen in aller Regel auch der gebildete Mann erweist. Das Instrument der Wahl muß auf das kunstvollste ausgebildet sein, wenn die aus der Wahlurne gezogenen Lase wirklich die Besten des Volkes bezeichnen sollen, und nicht bloß das Instrument muß auf das kunstvollste aus-gebildet sein, sondern, was viel wichtiger ist, auch die Spieler müssen es sein, die es zu bemeistem haben. Damit die Führerbestellung durch die Wahl das Ziel wirklich erreiche, die Besten des Volkes auszulesen, muß bereits eine geschichtliche Auslese der alten Führungen vorausgegangen sein. In keiner der jungen Demokratien ist diese Voraussetzung erfüllt.

Bei längerer Dauer und unter zutreffenden Umständen wandelt sich die {»ersönlich-autoritäre und auch die genossenschaftliche Führung zur geschichtlichen Führung. Da sich diese erst im Zusammenhänge des geschichtlichen Werkes der Macht verstehen läßt, so müssen wir uns ihre Darstellung bis dahin Vorbehalten.

Es gibt noch eine Form der Führerschaft, die von der Theorie so gut wie gar nicht beachtet wird und die doch von höchster Wirksamkeit und für das Gedeihen der Gesellschaft geradezu unentbehrlich ist. Es ist dies jene Form, die sich in der freien Gesellschaft durchsetzt. Oder sollte die freie Gesellschaft ihre gewaltigen Leistungen ohne Führer vollenden können ? Könnte ohne Führung der Aufbau der freien Volkswirtschaft, die Bildung der Arbeitsteilung und Geldwirtschaft gelungen sein ? Und könnte weiters das Wunderwerk der Sprache, könnte Kunst und Wissenschaft, könnte Recht und Sittlichkeit, könnte auch nur die äußere Sitte sich ohne Führung entwickelt haben? Allerdings sind im Bereiche der freien Gesellschaft niemals Gesamtentscheidungen zu treffen, die eine zusammenfassende Einheitsführung fordern, wie die Entscheidungen in Heer und Staat es tun, die Führung in der freien Gesellschaft muß freier, muß lockerer sein, aber fehlen darf sie doch nicht, weil sie nirgends fehlen darf, wo die Masse gesellschaftlich zu handeln hat, wozu sie ohne Führung schlechterdings unfähig ist. Daß die Aufgaben, die in der freien Gesellschaft zu erfüllen sind, ein gesellschaftliches Handeln fordern, kann nicht bezweifelt werden. Die ungezählten Individuen, die sich in ihrer äußeren Sitte treffen, müssen, damit sie sich treffen können, ein gleichartiges oder — um den Ausdruck zu wiederholen, den wir schon an einer früheren Stelle gebraucht haben — ein paralleles Verhalten befolgen, für die Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Gewerbe oder zwischen den einzelnen Gewerben ist ein ergänzendes Verhalten der einzelnen Wirtschaften gefordert, und ähnlich gilt es in Kunst und Wissenschaft, in Recht und Sittlichkeit. Auch ein solches gleichartig-paralleles oder ergänzendes Verhalten fordert die Verständigung unter den Millionen, und diese Verständigung kann ohne Führung nicht gelingen. Es ist hier eine ganz eigenartige „unpersönliche“ Führung am Werk, deren wissenschaftliche Aufhellung um vieles schwieriger ist als die der klar persönlichen Führung. Das Beispiel der Sprache, bei deren Aufbau beide Formen der Führung vereinigt wirken, gibt uns vielleicht die beste Gelegenheit, diese in ihrer Wirkung gegeneinander zu vergleichen.

Am Aufbau jeder Kultursprache waren große geistige Führer beteiligt, sprochgcwaltige Führer, Meister, deren Wort in alle Weiten des Volkes drang; Dantes „Göttliche Komödie“ hat die italienische Schriftsprache und Luthers Bibelübersetzung hat die deutsche Schriftsprache entscheidend mitbestimmt. Es ist indes klar, daß selbst die Kraft der sprachgewaltigsten Dichter und Propheten nicht für sich allein die nationalen Sprachen ausgebildet hat, ihr Werk setzt schon eine Volkssprache voraus, und auch nachdem sie ihr Werk getan haben, entwickeln sich die nationalen Sprachen weiter. Neben den großen Propheten, vor ihnen und nach ihnen, werden wir auch kleinerer und kleinster Propheten gewahr, die am Aufbau der Sprache mitführend beteiligt sind, der nüchterne Kanzleistil hat auch sein Teil daran gehabt, so wie das Geschäftsleben und die Gasse. Wie oft wird nicht der Sprachschatz durch irgend eine glänzende, witzige oder auch derbe, aber treffende Wendung bereichert, die dem Einfall des Augenblicks ihren Ursprung verdankt, indem sie irgend einem Mann aus dem Volke gelingt und aus dem Kreise der wenigen nächsten Hörer nach und nach in aller Mund übergeht! Diese Kleinarbeit im Aufbau der Sprache ist unaus gesetzt im Gang, ohne daß die Namen derer aufbewahrt würden, die hiebei als Führer wirken. Neben den großen bekannten und benannten Führern, deren Namen die Geschichte vermerkt, sind wechselnde Führer mitbeteiligt, jeder für sich nur mit einer kleinsten Leistung, aber alle zusammen mit einer kaum abzuschätzenden Größe an Wirkung; wir können sie im Gegensätze zu den Gestalten der benannten Führung als anonyme Führer bezeichnen, weil ihre Namen in die große Öffentlichkeit nicht lihmusdringen. So wie den großen Führern folgt auch diesen .kleinen, anonymen Führern die Menge nach, indem sie die von ihnen gefundenen glücklichen Worte und Wendungen begierig aufsammelt und dem Sprachgebrauch einverleibt. Das ,,Volkslied“, dessen Verfasser unbekannt bleibt, gibt uns deutlichen Aufschluß darüber, wie auch der anonyme Führer die Nachfolge der Masse am Werke der Sprachbereicherung gewinnt. Das Volk als solches dichtet nicht, es kann kein Lied schaffen, nur der einzelne, dazu Begabte kann es, aber auch der oder jener einzelne, dem cs an ausreichender Begabung fehlt, um den Namen des Dichters zu verdienen, kann einmal in einer guten Stunde einen guten Ton troffen. Ohne daß sein Name bekannt wird oder erhalten bleibt, greift das Volk das Lied auf, das ihm gefällt, und bewahrt es, seinen Sprachbesitz mehrend, der Zukunft auf.

Ganz so haben anonyme Führer ihren Anteil an der Schöpfung des Geldes. In dem Verlangen, sich im Tausche, den sie um ihres Nutzens willen aufsuchen, besser zu behelfen, als es in der schwerfälligen Form des Naturaltausches sein kann, haben findige Köpfe nach einem bequemeren Tauschmittel gesucht, und indem der Erfolg, den sie im einzelnen und kleinen gewannen, die Menge zur Nachahmung lockte, wurde nach und nach die glatte Gestalt des Geldes herausgeschliffen, das durch die Massengewohuheit der Annahme zum allgemeinen Tausehmittel geworden ist und sodann vom Staate technisch und rechtlich vollendet wurde. Selbstverständlich ist auch die anonyme Führung im Grunde persönlich, nur daß sich die Personen der Führer ablösen. Es ist eine wechselnde und verteilte Fülirung, indem bald der eine, bald der andere den guten Einfall hat, der nachgeahmt wird. Der anonyme Führer schafft ja auch nicht eine große Sache, seine Leistung beschränkt sich auf ein einzelnes Element, auf eine Verbesserung da oder dort. Darum ist es zu verstehen, daß seine Person vernachlässigt wird. Sein Werk findet verbreitete Nachfolge, sein Werk wird ausgelesen, ohne daß es zu einer Auslese der Person käme, die im Dunkeln bleibt. In der Sphäre des privaten Lebens herrscht die anonyme Führung vor. Sie paßt sich den hier bestehenden kleineren Verhältnissen gut an und reicht doch dazu aus, um zu jener Nachahmung des vorbildlichen Beispiels anzuregen, die ein paralleles oder ergänzendes Verhalten in weiteren Kreisen ermöglicht. Wo indes in der privaten Sphäre größere gesellschaftliche Einheiten zur Geltung kommen, treffen wir auch in ihr die ausgesprochene persönliche Führung an. Jeder wirtschaftliche Betrieb bedarf der festen persönlichen Führung, in einem ausgedehnten

Großbetriebe von Hunderten oder Tausenden von Angestellten und Arbeitern tritt die Person des Führers stark hervor. Der Großunternehmer muß eine volle Persönlichkeit sein, um seine Erfolge zu gewinnen, manche von den modernen Großunternehmern zählen mit in die erste Reihe der gesellschaftlichen Führer; an ihren Entscheidungen hängt nicht nur das Schicksal der in ihren Betrieben unmittelbar beschäftigten Massen, sondern durch die Anstöße, die sie geben, wirken sie auch auf die Richtung und das Tempo der ganzen wirtschaftlichen Entwicklung und vielleicht der politischen Entwicklung ihres Landes ein, und selbst Weltwirkungen gehen von ihnen aus. Rechtlich ist die Führungsmacht des Unternehmers auf bloße private Wirkung eingeschränkt, er kann die Personen, mit denen er es zu tun hat, die Lieferanten, Abnehmer, Angestellten und Arbeiter nur durch Verträge binden, bei deren Abschluß sie ihm mit gleicher Rechtsfähigkeit gegenüberstehen. Er hat rechtlich keine Befehlgewalt über sie. Tatsächlich jedoch ist eine überwiegende, mitunter eine ganz überwältigende Macht in seine Hand gegeben, tatsächlich hat er Zwangsmacht, ja Zwangsgewalt, und zwar nicht nur jenen Personen gegenüber, mit denen er Verträge abschließt, sondern auch gegenüber der vielleicht weit größeren Zald derjenigen, die er, ohne mit ihnen persönlich zusammenzutreffen, vom Markte verdrängt oder sonst, sei cs unmittelbar oder mittelbar, in ihren wirtschaftlichen Lebensbedingungen schädigt. Seine Macht ist so groß, daß sie es ihm erlauben würde, überall, wo er sie hemmungslos ausüben kann, als Herrenführer, ja als Gewaltführer der öffentlichen Wirtschaft Zwang anzutun, wie zu seiner Zeit ein waffenmächtiger Ritter mit seinen Reisigen von seiner festen Burg aus. Sogar unter den Hemmungen, die der staatliche Arbeiterschutz und die Gewerkschaft ihnen bereiten, sind die kapitalistischen Unternehmungen großen Stils und gar die Konzerne dieser Unternehmungen imstande, in der Form privaten Rechtes öffentliche Macht zu üben. Dazu trägt nicht wenig die ungewöhnliche Stärke der Persönlichkeiten bei, die unter dem Auftrieb eines bis aufs äußerste gespannten Wettbewerbes zu ihrer Führung ausgelesen werden. In den Ruhepausen der industriellen Entwicklung, wie sie von Zeit zu Zeit auch in unserer bewegten Gegenwart nicht aus-bleiben, erhält man zwar den Eindruck, daß der einmal Teich gewordene Industriekönig oder Finanzmagnat mit dem Übergewicht seines Kapitales den Wettbewerb auch der stärksten persönlichen Begabung niederhalten könne, und daß er in der Lage sein werde, die Stellung, die er selbst aus dem Titel der persönlichen Auslese gewonnen hat, auf Söhne und Enkel aus dem Titel des Erbrechtes weiter zu übertragen. Wenn aber nach solchen Pausen die Entwicklung in Volkswirtschaft und Weltwirtschaft ihren atemlosen Lauf wiederum auf nimmt, dann werden wiederum die Männer der starken Hirne und Nerven als die Sieger im Wettbewerb der Führer in die Höhe kommen. Eine reiche Zahl der amerikanischen Riesenbetriebe von heute ist im Besitze von Männern, die von der Pike auf gedient hahen.

Die von uns beschriebenen Formen der Führung werden dem Reichtum der Wirklichkeit noch nicht ganz gerecht. Wir haben nur die Typen in ihrer reinen Gestalt beschrieben, die Formen der Wirklichkeit sind um vieles bunter gemischt. Wie sich die geistige Verfassung eines Menschen nicht restlos auf die reinen Formen zurückführen läßt, welche die wissenschaftliche Deutung zu zeichnen versucht, so gilt dies auch für die gesellschaftliche Verfassung. Auch die Satzungen der geschriebenen Verfassungen sind der Wirklichkeit nicht voll auf den Leib geschrieben, auch sie enthalten noch allerlei typische Wendungen, die ihren wahren Wert erst durch die Art und Weise empfangen, wie sie durch die Kräfte und Mächte ausgefüllt werden, welche tatsächlich im Staate gegeben sind. Die gleiche demokratische Formel bedeutet für England vermöge seiner besseren Kräfteverteilung eine starke Regierungsmacht, für Deutschland nach dem Umsturz Zerrissenheit und Ohnmacht, für das bolschewistische Rußland die Herrschaft des Schrek-kens.

4. Die Hierarchie der Führung

Um ihres Erfolges sicher zu sein, fordert die Führung die Unterstützung des obersten Führers durch untergeordnete Helfer. Im Heere oder im Staate oder in der Kirche ist es eine förmliche Hierarchie der Führung, die eingerichtet werden muß, um den Dienst der Leitung der Massen zu besorgen. Der oberste Führer wird immer darauf bedacht sein, sich seine Gehilfen und namentlich seine nächsten Gehilfen selbst auszuwählen. Die Apostel konnten nur von Christus mit voller Autorität eingesetzt werden, und ebenso konnten ihre Jünger wieder nur von ihnen selbst berufen werden. Was der Gehilfe für den Führer bedeutet, hat einer der erfolgreichsten wirtschaftlichen Führer in den Vereinigten Staaten, Carnegie, treffend ausgesprochen, indem er sagte, daß, wenn er die Wahl hätte, ob er lieber sein Kapital oder seine Mitarbeiter verlieren wollte, er sich ohne Bedenken für den Verlust des Kapitales entscheiden würde, denn er sei gewiß, sein Kapital wieder zu gewinnen, falls er den Stab seiner Mitarbeiter behielte. Die fürstliche Politik hat im klaren Machtinteresse darnach getrachtet, möglichst alle Stellen in der Hierarchie der Führung nicht nur im Staate seihst, sondern auch in der Kirche, in den Gemeinden oder wo es sonst nur anging, durch fürstliche Ernennung zu besetzen, oder wo dies, wie bei den geistigen Führungen, nicht recht anging, durch Verleihung von Ehren und Titeln und ähnliche Mittel Einfluß auf die Führerpersonen zu gewinnen. Die Demokratie strebt ihrerseits darnach, mit den obersten Führungen auch die Unterführungen möglichst durch Wahl zu besetzen. Die Parteien, die in der Demokratie so viel zu sagen haben, wissen ihre Macht gesteigert, wenn ihnen der Wahlsieg nicht nur Volksvertretung und oberste Regierung, sondern unmittelbar oder mittelbar auch noch weitere Ämter des Staates für ihre Angehörigen eröffnet. Außerdem suchen . sie durch ihre Vereinsorganisation auch im übrigen der Gesellschaft die Führung möglichst in ihre Hand zu bekommen.

Die Unterführer bilden den Übergang vom obersten Führer zur Masse. Der Masse gegenüber zählen sie mit zur Führung, indem sie die Tätigkeit des obersten Führers unterstützen; dem obersten Führer gegenüber zählen sie mit zur Masse, indem sie seinen Weisungen nach-folgcn. Sie sind die Ersten in der Nachfolge und vermitteln dadurch die Nachfolge der breiten Masse, daß sie mit ihr nähere Fühlung haben als der entfernte leitende Führer. Die Führer des untersten Ranges haben viel vom eigentlichen Massengefühl, sie stehen der Masse so nahe, wie etwa der Unteroffizier der Mannschaft. Die Werkführer, die Vorarbeiter in der Fabrik sind technisch Gehilfen der Betriebsführung, ihr Klassengefühl verbindet sie aber häufig mit der Arbeiterschaft, der 9ie dann als Führer im wirtschaftlichen Kampfe vorangehen.

5. Führerschichten (Führervolk, Fahrerstand und Führerklasse)

Neben den einzelnen Führerpersonen müssen wir auch noch auf die Erscheinung der Führerschichten aufmerksam sein, wie sie uns im Führervolk, im Führerstand, in der Führerklasse begegnet. Das römische Volk war ein Führervolk, Adel und Geistlichkeit waren Führerstände, die Schicht der Besitzenden und Gebildeten ist eine Führerklasse. Ein rohes Führervolk, das sich durch bloße Gewalt seine Herrschaft gewannt, wird sich kaum lange an der Herrschaft behaupten können und wird es im besten Falle über eine barbarische Herrschaft nicht hinausbringen, die der Entwicklung nicht fähig ist, das Reich eines Edelvolkes dagegen wird, wenn ihm nicht besonderes Unheil widerfährt, dauern und gedeihen. Die Führervölker edlen Blutes sind die Träger aller großen Geschichte gewesen, die Führerstände und Führerklasse der späteren Entwicklung stammen zum guten Teil aus dem Blute der Führervölker. Aus den Führerschichten werden nicht nur die obersten Führungen ausgelesen, sondern ihnen ist auch die Macht und oft auch das Recht Vorbehalten, alle andern staatlichen und gesellschaftlichen Führerstellungen zu besetzen, mit denen ein ausgiebigerer Einfluß und Vorteil verbunden ist. So hatte z. B. die Klasse der Besitzenden und Gebildeten vor dem Aufstieg des Proletariates die Anwartschaft auf die Stellen ira Staatsdienst, denen wichtigere Entscheidungen zustehen, und ebenso auf den Antritt der freien Berufe und namentlich auch auf den Antritt der wichtigen Führerstelle des Unternehmers. Nur den stärksten und vom Glück besonders begünstigten Angehörigen der untern Schichten mag es gelingen, sich in die Führerschicht und zu den ihr vorbehaltenen Stellen mitzuerheben. Es wird von den befähigten Köpfen der besitzlosen Massen oder der unterworfenen Völker als schmerzhafte persönliche Zurücksetzung und zugleich als öffentliches Übel empfunden, daß die bevorzugten und verantwortungsvollen Führendeen nicht nach Maß der persönlichen Begabung verteilt, sondern für die führenden Schichten Vorbehalten sind, die damit selbst für ihre kenntnislasen und charakterlosen Mitglieder die gewüaschte Versorgung finden. Es hängt indes ganz von den gegebenen Verhältnissen ab, ob die persönliche Ungerechtigkeit des Systems nicht durch den gesellschaftlichen Dienst gutgemacht wird, welchen die Führerschicht als Ganzes kraft ihrer Rasse, ihrer geschichtlichen Auslese und Erziehung leistet.

Bis zu einem gewissen und mitunter sehr hohen Grade deckt und erhebt die starke Rasse und Klasse auch das schwache Individuum, während umgekehrt die schwache Rasse und Klasse auch das starke Individuum drückt. Solange das Volk der Quinten auf seiner Höhe stand, war in Rom der rohe. Barbar, so reich er von der Natur ausgestattet sein mochte, für jedes Amt ungeeignet; im modernen Staate kann der Ungebildete schon die Formansprüche nicht erfüllen, die jedes Amt stellt. Auch kommt es immer darauf an, inwieweit die Führerschicht selber in sich auf persönliche Auslese bedacht ist. Eine Führerschicht kann ihre Höhe immer nur solange voll behaupten, als sic daran festhält, ihre starken Individuen voranzustellen, und der Erfolg könnte sie gar nicht auf ihre stolze Höhe emporgehoben haben, wenn sie an starken Individuen nicht reich wäre. Wenn sie klug ist, wird die Führerschicht selber die besonderen Begabungen, die von unten emporstreben, in ihre Reihen aufnehmen; die Kirche hat es in ihren guten Zeiten so geübt, auch die aufgeklärten fürstlichen Regierungen haben darauf gesehen, selbst der Adel hat es mitunter getan, und die gebildete Klasse ergänzt sich automatisch aus den Talenten, denen der Aufstieg von unten gelingt. Sobald die Führerschicht ihre Überlegenheit von Blut und Erfahrung verliert und doch ihre gesellschaftliche Stellung unter Berufung auf ihr angestammtes wohlerworbenes Recht weiter behaupten will, dann wird auf die Dauer die aufsteigende Bewegung der unteren Schichten durchdringcn. Wo aber diesen die Kraft dazu fehlt, ist es mit dem Volke zu Ende, weil Führer und Masse in gleicher Weise versagen.

6. Die Nachfolge, der Masse

Auf Seite der Masse scheinen die Dinge einfacher zu liegen, indes auch hier begegnet dem aufmerksamen Beobachter eine größere Zahl von Formen, als er zunächst annehmen möchte, ln den einfachsten Fällen bleibt die Nachfolge bei der bloßen Nachahmung stehen: das vorbildliche Beispiel des anonymen Führers wird von seiner Umgebung und sodann auch im weitern Kreise nachgeahmt. Das Werk des großen Führers dagegen ist zu gewraltig, als daß der gewöhnliche Mensch es nachahmen könnte, er versucht cs gar nicht. Die Nachfolge Christi will nicht die Nachahmung Christi sein, sie bescheidet sich damit, die Befolgung jener Gebote zu sein, die der Stifter der Religion der schwachen Menschenkraft für angemessen erachtet hat. Der Dutzendmensch, der die Gebärde des bedeutenden Mannes annimmt, macht sich lächerlich. Selbst die Befolgung der bloßen Massengebote ist für die Kraft gar vieler zu schwer. Auf dem Grunde jeder Gesellschaft liegt der Bodensatz einer toten Masse, die der Schutt der Geschichte ist; der toten Masse zunächst stellt die fast passive Schicht der Masse, die nur zu einer blinden Nachfolge geeignet ist, und die eigentlich mehr der nächsten Umgebung als dem Führer folgt, bis zu dessen Höhe ihre Fühlung gar nicht reicht; sie bildet den Ballast bei den Bewegungen der Gesellschaft und ist eine besondere Gefahr, weil sie jede Bewegung ins Sinnlose übertreibt und immer zum Umkippen hinneigt. Erst die überlegende, prüfende Nachfolge ist wahre Nachfolge. Sie ist bei weitem nicht so verbreitet, wie der stürmische Demokrat arimmmt, der vermeint, das ganze Volk teile seinen Eifer, ein Irrtum, der an den vielen Fehlschlägen der demokratischen Bewegung die Hauptschuld trägt. Die höchste Stufe der Nachfolge ist die tätige Nachfolge, die von der Masse eine gewisse Selbständigkeit des Verhaltens fordert, mit der Fähigkeit, sich den gegebenen Umständen anzupassen. Ernster Wille, unverdrossene Bemühung müssen aufgeboten werden, um selbst den tüchtigen Mann zur tätigen Nachfolge auszubilden. Der geschulte und erprobte Soldat von der Art der Veteranen Casars oder der alten Garde Napoleons vollzieht eine hervorragende Leistung, wenn er dem Befehle des Führers gehorcht. Seine tätige Nachfolge ist, schon körperlich genommen, eine ungewöhnliche Leistung, sie ist es aber ebenso geistig wie moralisch. Aus der Deckung des Schützengrabens aufspringen und dem Führer ins feindliche Feuer folgen, ist ein Willensakt, welcher einen ganzen Mann voraussetzt und der Masse vielleicht nur gelingt, weil sie und wenn sie untereinander die Fühlung hat, daß jeder es von den andern so fordere und daß keiner Zurückbleiben dürfe, ohne vor den Kameraden aufs tiefste beschämt zu sein. Jede wahrhaft tätige Nachfolge der Masse muß geistig und moralisch getragen sein — wie könnte sonst im Volke Empfindung für Recht und Sittlichkeit, wie könnte wahre Bildung, wie könnte starkes Freiheitsgefühl bestehen!

7. Die Funktionen von Führer und Masse

Wir haben die gesellschaftliche Funktion des Führers im Voran-gehen und die der Masse in der Nachfolge erkannt. Diese allgemeine Erkenntnis bedarf noch der näheren Bestimmung.

Die Gesellschaftslehre, wie sie bis heute ausgebildet ist, hat die Funktionen, die von Führer und Masse in der Gesellschaft erfüllt werden, nur ganz unzulänglich gewürdigt, sind doch selbst die Erscheinungen von Führer und Masse nur recht unzulänglich erfaßt worden. Man kann sagen, daß sie alles in allem nui iu ihren auffälligsten Gestalten und nicht in ihrem Wesen erfaßt sind. Die l^elire von der Massenpsychologie handelt in der Hauptsache von den kriminellen, von den pathologischen und insbesondere von den revolutionär erregten Massen, die zum ersten Bewußtsein ihrer Macht kommen, aber ihrer Macht noch nicht sicher sind. Diese Massenzustände, die zum Teil geradezu krankhaft und auf alle Fälle nicht normal sind, beobachtet die Lehre von der Massenpsychologie auf das glücklichste, aber über die Funktion der gesunden Masse in der Gesellschaft sind wir dadurch doch nicht belehrt. Was die Führer betrifft, so sind es in aller Regel nur die ganz großen Gestalten, auf die man aufmerksam ist. Carlyle spricht von den Heroen, Emerson von den repräsentativen Männern, Nietzsche vom Übermenschen, Spencer vom großen Mann. Mehr noch als die andern gesellschaftlichen Denker, die sich mit dem Verhältnisse des Führers zur Masse beschäftigt haben, sind Nietzsche und Spencer voreingenommen an ihre Untersuchungen gegangen, die eigentlich nicht Untersuchungen, sondern Plaidoyers sind bei Nietzsche zum Preise des Übermenschen, bei Spencer zur Wahrung der Massenfreiheit. Wie Nietzsche die Gestalt des Übermenschen idealisierend steigert, so denkt Spencer bei allen Vorbehalten, die er macht, das Volk doch im Zustand gesteigerter Picife. In Wirklichkeit sind Führer und Masse zumeist mit viel bescheideneren Kräften ausgestattet, als Nietzsche und Spencer voraussetzen, und ihre Leistung ist daher um vieles eingeschränkter. Nietzsche und Spencer sind bei jener idealisierenden Darstellung stehen geblieben, die eine unentbehrliche Hilfe der geisteswissenschaftlichen Forschung ist, weil sie den Weg zu den schwerer zu deutenden, zusammengesetzten Gestalten der Wirklichkeit weist, diesen Weg selber sind sie aber nicht mehr gegangen. An ihre Darstellung anschließend, werden wir versuchen, ihn zu gehen.

Nietzsche sieht im großen Menschen den Träger des wahren Lebens. Die vom Herdentrieb geleitete Masse ist ihm nur der Stoff, aus dem dieser seine Werke formt. Der große Mann braucht die Masse als seinen Gegensatz, als seine Gefahr, seinen Kriegszustand, ohne den er seinen Hang nicht behaupten, die notwendige Distanz nicht wahrnehmen kann. Spencer dagegen belehrt uns, daß die „Große-Mann-Theorie“ höchstens eine teilweise Wahrheit besitze, wenn man sie nämlich auf frühere Gesellschaften beschränkt, die darauf ausgehen, einander zu vernichten oder zu unterjochen, in welchem Falle der fähige Führer als all wichtig dargestellt werden dürfe, obgleich selbst hier die Zahl und Eigenschaft seines Gefolges nicht ganz außer acht gelassen werden solle; er lehrt uns aber weiter, daß, sobald der Krieg auf hört, das Geschäft der ganzen männlichen Bevölkerung zu sein, ohne Aufdrängen, ohne den Gedanken an einen König oder Gesetzgeber neue Institutionen, neue Taten, neue Ideen, Meinungen und Gewohnheiten in die Erscheinung treten, deren Entwicklung man nicht verstehen wird, auch wrenn man sich blind läse über den Biographien aller großen Herrscher; er lehrt uns, daß die Gesellschaft den großen Mann bilden muß, bevor er sie neu bilden kann, so daß alle jene Veränderungen, deren nächster Urheber er ist, ihre Hauptursachen in den Generationen haben, von denen er abstammt; daß durch keine Möglichkeit ein Aristoteles von einem Vater oder einer Mutter mit Gesichtswinkeln von 50 Graden kommen könne oder ein Beethoven von einem Kannibalenstamm, dessen Chor zur Vorbereitung auf ein Festmahl von Menschenfleisch eine Art rhythmischen Geheules ist; daß Shakespeare seine Dramen nicht hätte schreiben können ohne die Fülle des Lebens, die ihn in England umgab, ohne die Sprache, welche Hunderte von Generationen durch den Gebrauch entwickelt und bereichert hatten; daß das strategische Genie Moltkes nicht hätte triumphieren können, hätte es nicht eine Nation von 40 Millionen gegeben, die ihm Männer zur Verfügung stellte von stämmigem Körper, starkem Charakter, gehorsamer Natur und fähig. Befehle intelligent auszuführen; und daß denn also eine Erklärung gesellschaftlicher Erscheinungen, die beim großen Mann verweilt, nicht mehr Rationalität besitzt, als wenn jemand bei den überschwenglichen Wirkungen eines Körnchens Pulver verweilt, ohne die entzündete Ladung, die Bombe, die Kanone und jene ganz enorme Summe von Hilfsmitteln zu erwähnen, wodurch Ladung, Bombe, Kanone wie das Pulverkörnchen erzeugt worden sind.

Spencer hat ohne Zweifel recht, wenn er auch das Genie von der geschichtlichen Vorbereitung und von der Mitarbeit seines Volkes und seiner Zeit abhängig zeigt. Er übersieht jedoch, daß, um der Not der Zeit abzuhelfen, welche die Gesellschaft in Spannung erhält, ein Neues zu schaffen ist, ein Neues, welches sich vom Alten zunächst so fremd abhebt, daß es nicht als seine geschichtliche Folge, sondern als seine Aufhebung erscheint. Dieses Neue, das im geheimnisvollen Dunkel einer großen Seele entsteht hat nur in ihr entstehen können. Wie immer wir überzeugt sein mögen, daß auch die Kraft, die in der großen Seele wirkt, in den früheren Zuständen deT Gesellschaft ihre Ursachen hat, so sind wrir doch nicht imstande zu sagen, wie sie aus ihren Ursachen hervorgegangen ist. Hier ist für unser menschliches Auge ein wirklich Neues, nicht bloß eine alte Kraft, die sich in neue Formen nach Regeln umsetzt, welche wir zu beherrschen oder auch nur irgendwie zu ahnen vermöchten. Immer wieder mußte überraschend aus dem ficicn Raume des Geistes der Funke des Genies aufblitzcn, durch die Titanenkraft eines Prometheus entzündet, um der Entwicklung ihre Balm zu weisen durch das Licht eines neuen Gedankens, durch den Hauch neuer Empfindung, durch den Mut zu neuer Tat. So aufgefaßt, löst sich das aufbauende Werk der Geschichte in eine Reihe von Fortschritten auf, von denen jeder die Leistung eines großen Führers voraussetzt. Ohne die großen Männer wäre keine Entwicklung, sie sind die Triebe, durch welche die Menschheit wächst, ohne sic wäre das Volk nicht das Volk, wäre die Welt nicht die Welt. In einem Hauptpunkt hat Spencer ganz offenbar unrecht. Die Persönlichkeit des Führers ist nicht nur in den ersten rohen, vernichtenden Kämpfen „allwichtig“, sie bleibt es immerdar, ja ihre Bedeutung wächst mit den Aufgaben der Kultur. Eher noch hätten die vernichtenden Kämpfe der ersten Horden und Stämme ohne den allwichtigen Führer zu ihrem ziellosen Ende gelungen können, als daß die Aufgaben eines wissenschaftlichen Zeitalters, eines sittlich empfindenden Zeitalters ohne überragenden Führer erfüllt werden konnten. Der Stollen, der aus dem Dunkel der Unkultur zum Lichte hinauf getrieben wird, ist dort eröffnet worden, wo das Gestein am weichsten war und am wenigsten Widerstand bot — im Kampf der Gewalt gegen die Schwäche — erst im weiteren Fortschreiten wagt man sich sodann an immer härteres Gestein und immer schwerer muß daher die Aufgabe des Führers werden, der mit dem diamantenen Vorbohrcr des Geistes die Widerstände überwindet. Des naturwissenschaftlichen Geistes seiner Zeit voll, hat Spencer von den gesellschaftlichen Zusammenhängen vor allem diejenigen auf-gegriffen, die sich naturwissenschaftlicher Bestimmung leichter fügen wollten, die Bewegungen der Masse, die einem festen Gesetze des Fortschrittes zu folgen scheinen. Für die Wege des Genies glaubte er kein Gesetz finden zu können und daher war cs ihm darum zu tun, den großen Mann so klein als möglich zu machen und aus dem Zusammenhänge der Geschichte auszuschaltcn, so weit es nur angchcn mochte. Darum ließ er vom großen Mann fast nichts übrig, Napoleon ist ihm kaum mehr als ein großer Räuberhauptmann gewesen.

So unerläßlich die Leistung des vorangehenden Führers für das Werk der Gesellschaft ist, so unerläßlich ist aber auch die Nachfolge der Masse. Wenn der Führer der Sämann ist, der das Samenkorn auswirft, so ist die Masse der Boden, der es aufnimmt; auf felsigem Gestein verdorrt es, im reichen Ackergrund trägt es tausendfältige Frucht. Die Kraft des Führers allein kann der Gesellschaft noch nicht das Gesetz geben, sein Werk ist es, die Geister zur Nachfolge aufzurufen. Damit gewimit er sich zunächst seinen Führungsstab; durch die Unterführer mitgenommen, antworten die regsamsten Gruppen der breiten Masse dem Rufe des Führers mit tätiger Nachfolge, allmählich gehen dann die andern mit, bis auch die Gruppe der blinden Nachfolge in Bewegung kommt und selbst die tote Masse ihr Gewicht leiht. Durch diese Allgemeinheit der Nachfolge empfängt, das gesellschaftliche Gebot seinen all bezwingenden Charakter, wie wir ihn z. B. aus der Massen-gewohnheit der Annahme beim Gelde so deutlich entstehen sehen. Dadurch, daß sic ihnen Nachfolge vorenthält oder gewährt, entscheidet die Masse in letzter Instanz über die Führer selbst, sie ist es, die über die Führer das weltgeschichtliche, das welt-gerichtliche Urteil ausspricht. Durch die Probe des Erfolges trifft die Masse die Auslese zwischen den Führern. Gewiß kann der einfache Mann aus dem Volke die Idee des Führers nicht in Worten wiedergeben, noch weniger kann er über sie in Worten urteilen, dennoch hilft er dazu mit, über sie zu entscheiden, indem er, soweit es seiner Sphäre angemessen ist, seine Taten nach ihr einrichtet. Es ist Torheit, der Masse den Beruf abzusprechen, über die Leistung des Führers zu entscheiden. Für die Menschheit, die es vermocht hat, die übermenschliche Gestalt eines Christus in Ehrfurcht zu erkennen, gibt cs keine menschliche Größe, über die zu urteilen sie nicht das Vermögen besitzen sollte. Man muß sich nur immer erinnern, daß zur Masse auch die Apostel und Jünger mit der ganzen Hierarchie der Führung gehören. Alles, was in letzter Folge die Probe der Massen Vollziehung nicht aushält, ist wider die Natur des Menschen oder geht über menschliche Kraft.

Was die Masse für den Führer bedeutet, gibt uns am besten das Verhalten der Führer selber zu erkennen. Viele von ihnen lichten sich von allem Anfang auf die Haltung der Masse ein und suchen nur die Mittel und Wege, um den Strömungen der Masse genug zu tun, aber auch die starken Geister, die zunächst ihren eigenen Weg gehen, indem sie sich unwillig von den Menschen abkehren, welche am Gewohnten fest-halten, wenden sich, sobald sie die rechte Bahn gefunden zu haben meinen, wieder zur Masse zurück und verlangen begierig nach ihrer Nachfolge, die ihnen als die Bestätigung dafür gilt, daß ihnen der rechte Erfolg gelungen ist. Der Führer will, daß der von ihm gefundene Weg der allgemeine Weg wird; darin liegt ja uueh sein gesellschaftlicher Dienst, durch den er das allgemeine Wesen vorwärts bringt. Wie viele von den Führern werden aber nicht klein in der Begierde, mit der sie nach öffentlicher Anerkennung verlangen! Wie viele von ihnen erniedrigen sich nicht geradezu dadurch, daß sie nach leerem Beifall lechzen und ihn schon für wirkliche Anerkennung nehmen! Wie oft wird da nicht der Übermensch menschlich, allzumenschlich! Selbst diejenigen Führer, welche die schale, mit Worten dargebrachte Huldigung verachten, werden, wie oft, von jenem edleren Ehrgeiz verzehrt, der es nicht erwarten kann, in den Taten der Masse fortzeugend bestätigt zu sein. Nur die wahrhaft großen Geister sind über solche Schwäche erhaben. Ihr Sinn geht voll in ihren Werken auf, sie sind ihres Wesens so sicher, daß sie das Gleichgewicht in sich selber finden.

Der Verfall der Führerschicht eines Volkes ist ein schweres gesellschaftliches übel. Es bedarf neuer gewaltiger Anstöße, um in einer neuen Geschichteperiode neue Führungen emporzuheben. Nicht jedes Volk hat die Kraft besessen, nach der höfischen und kirchlich-ritterlichen Kultur noch zu einer bürgerlichen Kultur aufzusteigen. Damit aber eine neue Volksschicht aufsteigen könne, muß die Masse in ihren Tiefen gesund gebheben sein. In diesen Tiefen fließt die Quelle der Volkskraft, die Masse ist der Jungbrunnen des Volkes, die Reserve seiner Zukunft. Wenn einmal auch die Bauemkraft verdorben ist, dann hat das Volk seine geschichtliche Rolle für immer ausgespielt.

Was hier von der Masse gesagt ist, gilt nur von der gesunden Masse des Volkes, die mit den Führungen gleichen Blutes ist und in ihrem Blut geschichtlich noch nicht verdorben wurde. Der Hochmut der Führerschichten pflegt auch diese Masse für minderwertig zu nehmen, in Wahrheit ist sic es keineswegs, sie ist, weil durch ihre Massenaufgabe gebunden, allerdings geschichtlich zurückgeblieben und ihre Werte sind daher noch nicht ausgebildet, dafür sind sie aber auch noch nicht ausgegeben. Sobald ihre Zeit da ist, wird die gesunde Masse des Volkes an Stelle der verbrauchten geschichtlichen Führungen neue Schichten zur Führung entsenden. Der demokratische Sinn irrt aher seinerseits, wenn er auch die Masse minderen oder verdorbenen Blutes für vollwertig nimmt. Diese Masse, die den Namen der Masse verächtlich gemacht hat, nimmt an der Geschichte des Volkes keinerlei fördernden Anteil, sie ist vielmehr ein völliger Unwert, sie ist Hemmung und Gefahr, sie ist der Pöbel und das Chaos.

Jedes starke Volk hat die Zuversicht, daß ihm zur rechten Zeit der rechte Führer geboren w erde. Die Religionen lehren und die Frommen im Volke glauben es, daß Gottes Finger den großen Führer erhebt, wo es nottut. Auch die wissenschaftliche Geschichtschreibung hat dieser Meinung lange Zeit beigepflichtet, noch Spencer hatte sich mit einem namhaften englischen Historiker seiner Zeit nuscinander-zusetzen, der in diesem Sinne Geschichte schrieb. Der moderne wissenschaftliche Geist lehnt mit allen andern Wundem auch dieses Wunder ab, er ist eher geneigt, wie wir am Beispiel Spencers sahen, die großen Männer wegzuleugnen, um damit die Folgerichtigkeit der geschichtlichen Entwicklung zu wahren. In der neuesten Roligionsgeschichte scheut man sich nicht, den Zweifel auszusprechen, oh die grüßten religiösen Führer, ob ein Zoroaster, Buddha und Christus jemals gelebt haben. Man versucht ihre Lehren aus der Gesinnung ihrer Zeit abzuleiten. Was wäre indes damit gewonnen ? Wenn man Christus leugnet, so sind doch die Worte Christi da, in einer überwältigenden Einfachheit ausgevsprochen, wie sie nur ein Geist sondergleichen aussprechen konnte, und w’enn man selbst über die Worte Christi hinwegkommen wollte, so bleibt doch Paulus übrig, den man nicht wegleugnen kann.

Auch Alexander den Großen und Cäsar muß die geschichtliche Kritik auf alle Fälle gelten lassen, und so wie man dies tut, steht man vor der Frage, welches der Gang der Weltgeschichte gewesen wäre, wenn Alexander seine Lebenskraft früher verzehrt und wenn der Dolch der Verschwörer oder ein gallisches Schwert Cäsar früher weggerafft hätte. Ist der große Mann in der Geschichte, wenn man ihn zuläßt, wie man muß, nicht ein bloßer Zufall, der die Folgerichtigkeit der Entwicklung aufhebt ? Zu dieser Frage muß man die rechte Stellung finden. Auch wir dürfen an ihr nicht vorübergehen.

8. Der große Mann

Fürs erste sei hierzu bemerkt, daß der große Mann keineswegs immer unersetzlich ist, er ist keineswegs immer der Eine, der Einzige, der meht wiederkehrt. Wie oft sind nicht große Ideen, sobald sie im Zuge der Zeit gelegen waren, von mehreren Denkern nebeneinander ausgesprochen worden! Lcibniz und Newton mit ihren mathematischen Entdeckungen sind ein bekanntes Beispiel. Wir können für sicher annehmen, daß auch in dem Falle, als Kolumbus vorzeitig gestorben wäre, Amerika nicht unentdeckt geblieben wäre; es ist nicht zu bezweifeln, daß unter den kühnen Seefahrern, die nach ihm seine Entdeckung weiter verfolgten, sich auch der Mann gefunden hätte, der an seiner Statt den Gedanken des Kopernikus in die Tat umsetzen konnte. Überall, wo wir eine Folge von großen Forschern arbeiten sehen, die eine Wissenschaft nacheinander auf hauen, können wir gewiß sein, daß die späteren die Arbeit ihrer Vorgänger, die sie fortsetzen, selber getan hätten, wenn sie eben nicht schon getan gewesen wäre.

Dieser erste Gedanke leitet auf einen zweiten über. Es gehört zum Wesen jedes starken Volkes, daß es mit großen Männern begabt ist, so wie sich in jedem Gebirge über den Kamm noch die Gipfel erheben. Niemals hat es ein Volk gegeben, dessen Individuen von der Natur alle gleich oder auch nur annähernd gleich angelegt waren, der Volkscharakter, den man beobachtet, ist der Durchschnitt aus einer sehr ausgiebigen Dispersion der Anlagen. Der Grad der Dispersion ist von Volk zu Volk verschieden, die Börner waren gleichmäßiger begabt als die Griechen; nach dem Urteil Mommsens hatten sie bis auf Cäsar keinen Staatsmann und selbst keinen Feldherrn von wirklich genialer Größe, aber dieser Mangel war durch die Tüchtigkeit ihrer Massen gutgemacht. In Rom konnte man von Jahr zu Jahr mit aller Wahrscheinlichkeit darauf rechnen, die zwei Konsuln zu finden, welche die Legionen nach den überlieferten Regeln der Kriegskunst zu führen verstanden, und die Legionen waren die Jahrhunderte hindurch von gleicher Siegeskraft. Dabei hat jedes Volk in der Richtung, in der seine Masse stärker begabt ist, auch die größere Zahl der starken Führerbegabungen. Ist es zu verwundern, wenn ihm in den Richtungen, in denen es vor allem seine Wege sucht, zur rechten Zeit der rechte Führer gegeben ist ? Die allgemeine Spannung der Zeit des Suchens muß die besonders empfindlichen Führerbegabungen besonders erregen; sie werden durch eine größere Zahl von mitstrebenden, wenn auch minder begabten Genossen gedrängt und gehoben, die leidenschaftliche Begierde, mit der die Führerleistung erwartet und aufgenommen wird, steigert ihre innere Sammlung aufs höchste und steigert die Äußerungen ihrer Kraft aufs höchste. Ihr Auftreten, ihr Wirken ist kein Zufall. Er ist das folgerichtige Ausklingen der Umgebung, der sie aber allerdings den erhöhten persönlichen Ausdruck zu geben das Vermögen haben.

Vollends freilich kann man auf diese Weise die Taten Alexanders oder Casars und kann man Shakespeares Hamlet oder Goethes Faust geschichtlich nicht konstruieren, um von den größten Seelenführern, den Propheten, ganz zu schweigen. Es bleibt ein unerklärbarer persönlicher Rest, ohne Zweifel. Dieser unerklärbare persönliche Rest deckt sich aber doch keineswegs mit dom Ganzen der großen Führergestalten, sondern er betrifft nur denjenigen Teil ihres Wuchses, mit dem sie den nächst berufenen Führer überragen, der in Volk oder Welt ihr Werk übernommen hätte, wenn cs von ihnen nicht vorgetan worden wäre. Wäre Cäsar nicht gewesen, so hätte Pompejus der Große oder einer seiner kraftvollen Söhne oder einer der andern nach der Herrschaft strebenden Römer das Werk getan, das geschichtlich getan werden mußte, um den Staat monarchisch einzurichten, der bei seiner Ausdehnung und der Ungleichartigkeit seiner Teile nicht mehr mit seiner alten städtisch-genossenschaftlichen Verfassung weiterleben konnte. Vielleicht hätte ein anderer als Cäsar das Werk nicht mit dem gleichen genialen Wurf getan und es hätte vielleicht wiederholter Anläufe bedurft, bis der cäsarische WTille zur Herrschaft sieb durchgerungen hätte, aber er hätte sich durch gerungen, weil er sich durchringen mußte. An den Gestalten von Marcus Antonius, Augustus, Tiberius sehen wir, daß die Generationen des Rom von damals reich genug an Herrennaturen waren. Auch der ganz große Führer ist doch zu einem ansehnlichen Teile der Exponent seines Volkes und seiner Zeit. Jedenfalls verläuft aber von dem Zeitpunkt an, wo er in die Geschichte cingrcift, der weitere Prozeß streng folgerichtig. Von seiner persönlichen Leistung hält das Volk so viel aufrecht, als es vermöge seiner gegebenen Beschaffenheit dauernd zu tragen vermag.

Am Beispiel Bismarcks und des deutschen Volkes wird uns das Verhältnis des großen Mannes zur Masse anschaulich klar. Ohne Bismarcks politisches Genie wäre das Deutsche Reich vielleicht nicht so bald und nicht so stark aufgerichtet worden. Er hat sich selber bloß als den Steuermann erklärt, der ohne die Macht der nationalen Strömung nichts ausgerichtet hätte, und die Macht der nationalen Strömung war so kräftig und in solchem Ansteigen, daß sich früher oder später ein anderer Steuermann gefunden hätte, der, wenn vielleicht auch mit geringerer Kunst, da« Volk zum Ziele des Reiches geleitet hätte. Im Vergleiche zu Engländern, Franzosen oder Italienern ist die politische Unreife der Deutschen an Haupt und Gliedern, an Führer und Masse so groß, daß der unerklärbare persönliche Rest bei der Gestalt Bismarcks erheblich größer ist, als bei den großen politischen Führern jener andern Nationen. In Preußen, dem politisch am stärksten organisierten deutschen Staat, war Bismarck nach Friedrich dem Großen der erste, der wiederum zur Weltpolitik befähigt war. Er kannte sein Volk zu gut, um nicht von schwerer Sorge erfüllt zu sein, ob das von ihm aufgerichtete Reich von Dauer sein werde. Sein Wort: „Ich habe das deutsche Volk in den Sattel gehoben, reiten muß es selber können“ klingt wie eine Vorahnung des drohenden Sturzes. Es hätte eines zweiten Bismarck bedurft, um den Weltkrieg zu verhindern oder ihn politisch so vorzubereiten, daß er militärisch gewonnen werden mußte — dieser zweite Bismarck war nicht da, der geschichtliche Zufall, daß Deutschland über einen zur Weltführung berufenen Staatsmann verfüge, hat sich in so kurzer Zeit nicht zum zweiten Male ereignet. Auch die Entente hatte bei der Eröffnung des Weltkrieges nur Staatsmänner mittleren Ranges zur Vcifügung, aber ihre politische Schulung, namentlich in England, dem geschichtlich reifsten Staate Europas, war Deutschland und den Mittelmächten gegenüber so überlegen, daß der Sieg ihr nur durch eine militärische Höchstleistung der Mittelmächte hätte entrissen werden können, die diese in gewissen Abschnitten des Krieges erreichten, die sie aber auf die Dauer doch nicht festhalten konnten. Das deutsche Volk hat den Weltkrieg des 20. Jahrhunderts aus dem gleichen Grunde verloren und verlieren müssen, wie seinerzeit den Dreißigjährigen Weltkrieg des 17. Jahrhunderts. Der Dreißigjährige Krieg, der als religiöser Bürgerkrieg innerhalb Deutschlands begonnen hatte, ist durch die Einmischung erst der Dänen, dann der Schweden und zuletzt der Franzosen, und neben ihnen auch noch der Magyaren mehr und mehr ein Außenkrieg geworden, der weiter und weiter andauerte, auch nachdem der Kaiser mit der Mehrzahl der protestantischen Stände seinen Frieden gemacht hatte. In diesem Außenkrieg sind Kaiser und Reich der Staatskunst Oxenstiernas und Richelieus unterlegen, denen nach dem Falle Wallensteins kein ebenbürtiger Führer entgegenstand. Damals und jetzt ist das deutsche Volk in strengster Folgerichtigkeit durch seine politische Unreife zu schwerstem Schaden gekommen. Von Bismarcks Erbe hat das deutsche Volk so viel aufrechterhalten, als es nach dem geschichtlich bedingten Maß seiner Kräfte dauernd zu tragen vermochte. Wird die Folgerichtigkeit der Geschichte sich auch darin wieder bewähren, daß es sich durch gesteigerte innere Kraft neuerdinge erhebt, für die es ihm niemals an großen Führern gemangelt hat?

Ist die innere Volkskraft in ihren Ursprüngen übrigens nicht ebenso geheimnisvoll wie der ,,unerklärbare persönliche Rest“, von dem wir gesprochen haben ? Wie für den übermenschlichen Führer können wir auch für die Volksmasse das Gesetz nicht fassen, durch das ihr Aufstieg aus den Tiefen des Seins und das Ziel ihrer Kraft bestimmt wird. Wir müssen zufrieden sein, wenn es uns gelingt, die Folgerichtigkeit zu zeigen, mit der die Geschichte sich vollzieht, sobald Führer und Masse mit ihren Kräften auf den Plan getreten sind.

9. Die Grundlinien der Entwicklung des Verfassungswesens

Auch das Verfassungswesen eines Volkes ist folgerichtig bestimmt, sobald einmal durch Anlage und geschichtliche Erziehung die Kräfte gegeben sind, mit denen seine Führer und Massen an die geschichtlichen Werke gehen, die ihnen durch die Zeit vorgeschrieben sind. Stets ordnen sich seine wirkenden Kräfte nach dem Gesetze der höchsten Kraft oder des Erfolges.

Zu allen Zeiten sind der Gesellschaft zweierlei Werke vorgesehrieben. Die einen sind die Gesamtwerke, zu denen sich die „geeinigte Masse“ zu gemeinsamem Vorgehen unter einheitlichen Führungen zusammenfinden muß, die anderen sind die Sonder werke oder privaten Werke, als deren Subjekte uns auf den ersten Blick die Individuen als solche erscheinen, an denen wir aber, wenn wir genauer zusehen, doch immer auch die Masse beteiligt sehen, die sich als „zerstreute Masse“ unter anonymen Führungen für ein paralleles oder ergänzendes Handeln die Regeln gibt. Subjekt des öffentlichen Wesens ist die unter benannten Führern geeinigte, von Einheitsmächten beherrschte Masse, Subjekt des privaten Wesens ist die unter anonymer Führung stehende, von anonymen Mächten beherrschte zerstreute Masse. Nicht nur das öffentliche Wesen, sondern auch das private Wesen hat seine Verfassung, oder wie wir richtiger sagen müssen, seine Verfassungen, denn hier und dort gölten für alle zugehörigen Sphären des gesellschaftlichen Handelns besondere Verfassungen, die durch davS besondere Werk der einzelnen Sphären gefordert sind. Die Staatsverfassung ist nur eine der mehreren ineinandergreifenden öffentlichen Verfassungen, ebenso ist die Wirtschaftsverfassung nur eine der mehreren ineinandergreifenden privaten Verfassungen. Aus dein Ineinandergreifen des ganzen öffentlichen und privaten Verfassungswesens erst bildet sich die Gesamtverfassung der Gesellschaft. Der Jurist, der die Staatsverfassung als eine Gegebenheit für sich betrachtet, kann sie unmöglich bis auf den Grund verstehen. Ihr Gleichgewicht, ihr Schwerpunkt ist immer durch die gesellschaftliche Gesamtverfassung bestimmt. Die politischen Rechte und Pflichten sind der Ausdruck von Kräften und Widerständen, die in der religiösen Verfassung und den übrigen öffentlichen Verfassungen und neben diesen in der Wirtschafte Verfassung und den übrigen privaten Verfassungen ihren Halt haben.

Wie sich Führer und Masse in die Macht teilen, ist nicht allein durch die Persönlichkeit des obersten Führers bestimmt. Es hängt immer wesentlich mit den Aufgaben zusammen, die dem obersten Führer am Werke der Zeit zufallen und die seinem Einfluß bald mehr, bald weniger Raum eröffnen, und es hängt noch ganz besonders mit dem Aufbau der Führerschichten und der Massenschichten im Volke zusammen und mit der Spannung, die zwischen diesen besteht.

Alles private Werk ruft in erster Linie die Individuen zur Vollziehung auf. Es kommt für sein Gedeihen daher auf die durchgängige Tüchtigkeit der Masse an. Die Führung erhebt sich in der Hauptsache nicht über die Form der anonymen Führung. Da die anonymen Führer in stetem Wechsel aus der Masse hervortreten, so sind sic mit dieser auf das innigste verflochten und für ihre Tüchtigkeit ist die durchgängige Tüchtigkeit der Masse die gegebene Voraussetzung. Die anonymen Führer werden ihre Antriebe aus ihren eigenen privaten Werken empfangen, die sie so wie alle andern betreiben, nur daß sie eben in guter Stunde die eine oder andere Weise finden, um die bisherige Übung da oder dort erfolgreicher zu gestalten. lTnter ihrem schrittweisen Vorangehen, dem die ganze Masse folgt, wird der allgemeine Zustand, wenn auch im einzelnen fast unmerklich, auf die Dauer doch ausgiebig gebessert, und nach und nach kann ein neuer Roden gefestigt sein, auf dem sich eine durchgreifendere Veränderung vorbereitet. Innerhalb der ländlichen Hauswirtschaft hat .sich das Gewerbe, innerhalb des zünftigen Gewerbes der Großbetrieb vorbereitet. Durchgreifendere Veränderungen bedürfen dann allerdings der offenen Führung, die aber auch noch innerhalb des privaten Wesens wirken kann, wie uns die großen Unternehmer zeigen, welche im privaten Wesen fußen, wenn sie auch ins öffentliche Wesen hinüberreichen mögen.

Jede Glaubensgemeinschaft, jede sittliche Gemeinschaft und jede andere innere Gemeinschaft braucht die feste Unterlage verbreiteter Massenbeteiligung unter anonymer Führung, von deren Boden aus, wenn es zu durchgreifenden Entwicklungen kommen soll, sich die großen autoritativen Führer erheben. Das Gcsamtw erk der Zwangsgemeinschaften und Einheitsverbände hat immer die offene persönliche Führung zur Voraussetzung, wobei die führenden Personen aus den gegebenen Führerschichten hervortreten.

In den Perioden der Staatengründung und der Kultur begrün-dung nimmt die offene persönliche Führung ihre strengsten Formen an. Gewaltführung, Herrenführung, herrschaftliche Führung sind aufgerufen, höchste autoritäre Führer erheben sich, eine herrschende Schicht von Kriegern und Priestern baut sich über der Masse auf. Es hangt von der Anlage und geschichtlichen Erziehung der herrschenden Schichten und wohl auch von äußeren Umständen ab, ob sie sich selber ihre genossenschaftliche Verfassung bewahren oder sich auch ihrerseits unter Fürsten und Fürstengcschlechter unterordnen, unter deren Leitung sie ihr Gruppeninteresse vielleicht noch erfolgreicher lKifriedigen. Das römische Bauemvolk hat in seinen Kämpfen mit den Nachbarn, die ursprünglich eher in der Absicht der Abwehr als der des Angriffes ihr Motiv hatten, mit der Führung der patrizischen Geschlechter, die ihrerseits keinen König brauchten noch duldeten. Nach der Abwehr des Angriffes von Hanibal, unter dem Eindruck der Vernichtungsschlacht von Cannae, die mit der Vernichtung des Staates zu drohen schien, gingen die römischen Kriege auf das höhere Ziel, die Weltherrschaft bis zu ihrer vollen Sicherung auszubauen, und von da an konnte der nach altvaterischer Überlieferung geleistete Dienst der Führe rschicht für das Wechsel volle Werk der Weltpolitik nicht mehr ausreichen. Starke persönliche Führer waren notwendig, von der Kraft eines Scipio, eines Marius, eines Sulla, eines Pompejus, um die gefährlichen Krisen des Staatslebens zu überwinden, die nacheinander durchgemacht werden mußten, bis die Herrschaft an Julius Cäsar, als den stärksten Führer fiel und von ihm aus auf die julische Dynastie und sodann auf weitere Dynasten und Dynastien überging. In der ganzen Periode der Kämpfe um die Staatengründung ist dieMilitärverfassung der Rahmen der Staatsverf assung. Dies gilt nicht nur für die Despotie des barbarischen Siegers, sondern cs galt ebenso im Staate des Römervolkes in seiner guten Zeit und ebenso in der Blütezeit der germanisch-romanischen Staaten. Es hat sein letztes bezeichnendes Symptom noch in der Gegenwart darin, daß der Monarch auch im europäischen Kulturstaat die militärische Uniform als diejenige Kleidung trägt, die seine Stellung am getreuesten bezeichnet.

Unter dem Druck der Kampfverfassung versinkt allmählich die alte Bauernkraft aller weicheren Völker, und selbst die der härteren Völker droht zu versinken. Dagegen erheben sich in der nun gesicherteren Ordnung der Staaten neue Kräfte, nach der Kraft eines gereinigten Glaubens die wirtschaftliche Kraft des Bürgertums und die Kraft der Bildungsschichten, im Bünduis mit ihnen sammelt und erholt sich wiederum die Bauernkraft. In der kapitalistischen Volkswirtschaft massiert und organisiert sich sodann die Kraft des Arbeiterproletariates. Die neuen Schichten machen sich zuerst nur als Träger wirksamer Widerstände gegen die alten Mächte geltend, später steigen die stärksten unter ihnen selbst in die führenden Schichten auf und zuletzt nimmt auch die proletarische Schicht die Führung im Volk, und wenn es nicht anders geht, die Diktatur in Anspruch. Nachdem die kirchliche Autorität sich mit der modernen Bildungsmacht hatte auseinandersetzen müssen, müssen auch Fürst und Adel dem demokratisierenden Zug der Zeit nachgeben, wie ihn das Werk geistiger und wirtschaftlicher Arbeit des Bürgertums und Proletariates in das Verfassungswesen hereinbringt ; entweder fügen sie sich oder sie werden durch umstürzende Gewalt beseitigt. Die Kampfverfassung mit ihrer monarchisch-feudalen Spitze wandelt sich zur Demokratie des Bürgertums und Proletariates, die mit ihren kapitalistischen und genossenschaftlichen Bestrebungen ihren Rahmen in der Wirtschaftsverfassung hat.

Durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Völkergeschichte bis auf die Gegenwart herauf hat das Gegenspiel von persönlichen Führern, Führerschiehten und Masse dem Aufbau des gesellschaftlichen Lebens seine Grundlinien gegeben. Immer weist das Werk der Zeit den Spielern ihre Rollen zu, die sie nach dem Grade der Kraft ausfüllcn, welcher ihnen durch Blut und geschichtliche Erziehung zu eigen ist.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

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Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT
Das Gesetz der Macht – VOM URSPRUNG UND WACHSTUM DER MACHT UND DER MACHTVERBÄNDE

Das Gesetz der Macht

I. Die Blutsgemeinschaften

Staat und Gesellschaft werden oft als Erweiterungen der Familie, die Familie wird oft als die gesellschaftliche Zelle bezeichnet. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, so müßten die Familien, die in Staat und Gesellschaft nebeneinanderstehen, durch dieselben Kräfte und Mächte zusammengehalten werden, wie die einzelne Familie in sich selbst. Das ist aber nicht der Fall. Die Familie in sich ist durch das Liebesgefühl des Blutes zusammengehalten, in Staat und Gesellschaft aber sind neben starken Gefühlen der Zusammengehörigkeit nicht minder starke Gefühle der Gleichgültigkeit und Feindschaft offenbar, die nicht nur geduldet, sondern unter Umstanden gepflegt, gefördert und gefordert werden. Zwar gibt es auch in der Familie Streit und Haß, die Bibel beginnt ihre Erzählung von den menschlichen Dingen, die der Vertreibung aus dem Paradiese folgten, mit dem Brudermord, den Kain an Abel verübte. Während aber der Brudermord in der Familie als fluchwürdiges Verbrechen empfunden wird, ist er in den Kriegen in Staat und Gesellschaft als Pflicht erzwungen und als Heldentum gefeiert. Selbst wenn, was erst noch zu beweisen ist, das ganze Menschen geschlecht eines Blutes wäre, so ginge es daher nicht an, den Ursprung der gesellschaftlichen Macht vom Blutinstinkt der Familie abzuleiten. In Staat und Gesellschaft wirken noch andere Elemente wesentlich mit, Staat und Gesellschaft sind nicht schlechthin Erweiterungen der Familie, die Familie ist nicht die gesellschaftliche Zelle. In einem patriarchalischen Zeitalter könnte man sich etwa mit dieser Auffassung zufrieden geben, die alle Macht auf die Autorität des Familienvaters zurückführt, in welchem die Blutsgcmeinsehaft ihr natürliches Oberhaupt verehrt; in einer Zeit der Machtkämpfe, wie cs die Gegenwart ist, wird man nichts mehr mit ihr anzufangen wissen, wie sie uns auch für das Verständnis der geschichtlichen Machtkämpfe keine Erklärung zu bieten vermag.

Immerhin müssen wir für unsere Erklärung davon ausgehen, daß die Familie zeitlich die notwendige Vorstufe aller großen gesellschaftlichen Verbände ist. Sie ist geschichtlich zuerst da gewesen und hat den Boden bereitet, in welchem die Triebe Wurzel fassen konnten, durch deren Wachstum die Gesellschaft gebildet wurde. In den Anfängen des menschlichen Daseins gab es keine andere Kraft, welche die Menschen untereinander hätte verbinden können, als die instinktive Kraft des Blutes, die den Mann und das Weib in den Jahren der Geschlechtsreife zusammenführt, die Eltern mit den Kindern verbindet, welche ihrer Umarmung entsprießen, und noch die Kinder und Kindeskinder untereinander verbindet, welche sich der gleichen Abstammung bewußt Rind. In einer Fntwicklungsperiode, in der höhere Verbände noch nicht gefunden waren, mußte der Blutsverband auch gewisse gemeinsame Werke außerhalb des Familienhauses auf sich nehmen, die von der Not des Lebens gebieterisch gefordert wurden. Dadurch wurde er zum Kampfverband und zum wirtschaftlichen Verband; auch Sitte, Sittlichkeit und Becht haben in ihm ihre ersten Bildungen erhalten.

Wie jedes stark in Anspruch genommene Organ wurde auch die Familie unter diesen Umständen übermäßig, man möchte sagen hypertrophisch, entwickelt. Das Blutsgefühl, das durch die Notwendigkeiten des gemeinsamen Handelns aufs lebhafteste aufgerufen war, wurde weit über den engeren Kreis der Familie, bis in entfernteste Verwandtschaftsgrade hinaus, leliendig, in denen es die späteren Menschen nicht mehr nachempfinden konnten. Die Horde, der Stamm, der Clan, die Sippe, das Geschlecht erkennt die Verwandtschaft bis in die Vettemschaften entlegensten Gliedes, und dadurch wurden sie, das läßt sich nicht leugnen, zu Werkgemeinschaften befähigt, die tief in die Funktionen eindrangen, welche späterhin von den neuentstehenden höheren Verbänden übernommen wurden. Als aber endlich diese höheren Verbände gefunden waren, erwiesen sie sich für die einschlägigen Funktionen um so viel tauglicher, daß die Blutsverbände ihnen weichen mußten. Von da an wurde die Familie wieder zu ihrer natürlichen Funktion und Ausdehnung rückgebildet, wie das Haus, das man in unsicherer Zeit zum wehrhaften Haus und zur Burg ausgebaut hatte, wieder zum einfachen Wohnhaus rückgebildet wurde, sobald es der Staat auf sich nehmen konnte, für die öffentliche Sicherheit zu sorgen. Im ausgebildcten Staate ist die Familie wieder das Organ des rein persönlichen Lebens geworden, das sie im Anfang war, im Dienste der ehelichen Gemeinschaft der Geschlechter und nTit ihr im Dienste der Fortpflanzung und der Erziehung der Kinder. Das Liebesgefühl der Familie wird nun für die Sphäre des häuslichen Lebens bewahrt. In der Sphäre der Öffentlichkeit reicht cs nicht zu und muß noch andern Gefühlen Raum geben, die zum Teile hart auf Abwehr und Kampf gestellt sind, oder aber, wenn sic auf den Frieden eines öffentlichen Wesens gestellt sind, weitsinnig aufs Allgemeine gehen müssen.

Das weibliche Herz ist den Gefühlen fast verschlossen, die das öffentliche Leben fordert, dennoch geht die Liebe, mit der die Mutter ihre Kinder umgibt, für das öffentliche Leben nicht verloren. Wer das Glück einer reinen Jugend gehabt hat, wird sich auch gegenüber den leidenschaftlichen Versuchungen reiner bewahren, denen seine Mannheit im öffentlichen Wirken begegnet. Wie das Licht der Sonne durch jeden Riß in der Wolkendecke durchdringt, so wTird das Licht der Liebe, das von seiner Kindheit her sein Herz erwärmte, in das kalte Dunkel der Welt eindringen, wro immer eine Einbruchstelle offen ist. Der Fortschritt von Friede und Gesittung wäre noch langsamer gewiesen, als er ist, ja er wäre wohl ganz in Frage gestellt gewesen, wrenn das Liebesgefühl nicht vom Eltemhause her überall lebendig erhalten worden wäre. Freilich stellt das gesellschaftliche Wesen aber so mannigfache Forderungen, daß es zu seinem Aufbau noch andrer härterer Elemente bedarf.

2. Die Werkgemeinschaften

Was sind die Ursachen, welche die Blutsgemeinschaft daran hindern, sich aus sich selbst heraus zu großen gesellschaftlichen Verbänden zu erweitern ? Stellen wir zunächst die Tatsachen fest, bevor wir zur Erklärung schreiten. Von den Blutsverbänden spalten sich unter dem Drucke der Fortpflanzung und Vermehrung von Zeit zu Zeit die Überschüsse ab, die sich aus dem neuen Zuwachs gebildet haben. Sie formen sich zu selbständigen Verbänden, indem sie näher oder entfernter neue Jagdgründe oder Weideplätze oder Ackerböden auf suchen. Es ist im Grunde der gleiche Vorgang wie bei den Bienenvölkern, bei denen von Zeit zu Zeit Schwärme vom Mutterstock ausfliegen, die unter eigenen Königinnen neue Völker bilden. Der Trieb, mit dem die neuen Zuwächse, welche im alten Blutsverbande nicht mehr Raum finden, an diesem hängen, wird durch den Trieb der Selbständigkeit sehr rasch überwunden. Dabei wirkt die Tatsache entscheidend mit, daß die Menschen für ihre Nahrung viel weiterer Räume bedürfen als die Bienen, deren ausgeflogene Schwärme ganz in der Nähe wieder einfallen und im gleichen Blütenrevier ihre Nahrung holen. Der menschliche Wändersdliwarm, der sich abgespaltet hat, muß ziemlich weit hinaus, um seinen Nährboden zu finden. Es ist bekannt, daß selbst die Bienenvölker, deren Stöcke im gleichen Hause knapp beisammen stehen, einander fremd und feindlich werden, sie unterscheiden sich am Gerüche und stellen Wächterbienen auf, welche die fremden Bienen abwehren, die sich einschleichen oder ,,einschmeicheln“ wollen, um Honig zu rauben. Noch fremder werden sich die menschlichen Bluts verbände, die w’cit auseinander hausen und sicli den örtlichen Bedinguiigenaiipassen; mögen sie auch durchdie Gemeinschaft der Sprache und mancher Sitte zunächst noch verbunden bleiben, so werden sie sich jeder in seiner besonderen Art weiterbilden und jeder wird auf den Besonderheiten seines Wesens mit Eifersucht bestehen. Am längsten werden religiöse Überlieferungen verbindend weiter wirken; bei den Griechen galt Gottesfriede für die großen, den Göttern geweihten Spiele, bei denen die Angehörigen aller Stämme zusammentrafen, zwischen welchen im übrigen Kämpfe ohne Unterlaß weiter gingen, bis sich diese unter der Führung der beiden Hauptstaaten Athen und Sparta zum Peloponnesischen Kriege steigerten, der fast zum Vernichtungskrieg ausartete. In sich durch anziehende Molekularkräfte innig verbunden, sind die einzelnen Blutsverbände gegeneinander durch abstoßende Molekularkräfte selbständig und feindlich gestellt.

Vor dem Triebe der Selbsterhaltung, mit dem sich jeder der abgespalteten Blutsverbände zu behaupten sucht, versagt der Instinkt der Blutsgemcinschaft. Der Fortpflanzungstrieb sendet immer weiter neue Schwärme von Blutsverbänden aus, aber je fruchtbarer er wird, um desto weiter zerfällt die ursprüngliche Einheit. Schon sind jedoch im Innern der Blutsverbände die Bildungen bereitet, welche die Eignung dazu haben, den Selbsterhaltungstrieb der Blutsverbände zu überwinden und über ihre Gegensätze hinweg den gesellschaftlichen Aufbau ins Große fortzusetzen und zu vollenden. Nach und nach entstehen innerhalb der Blutsverbände Werkgemeinschaften des Kampfes, der Wirtschaft oder anderer Zwecke, die nicht mehr alle Blutsverwandten umfassen und die ihre Ordnung nicht mehr von der verw andtschaftlichen Ordnung empfangen. Eine Zahl junger Leute schart sich um den sieggewohnten Führer, wenn er zum Raub oder zur Eroberung auszieht; es ist nicht der Vorrang des Blutes, der ihm seine Stellung gibt, er wird Heeresfürst oder Herzog durch den Erfolg seiner Waffen, die Jungmannschaft, die mit ihm auszieht, geht nicht als seine Verwandtschaft, sondern als seine Gefolgschaft mit, und wenn er unter ihnen eiserne Zucht aufrichtet, so leitet er das Recht dazu aus dem Kampfzweck ab, der erreicht Werden soll. Im fortschreitenden Erfolge wird die werbende Kraft der Werkgemeinschaft so groß, daß sie, sei es gewaltsam, sei cs friedlich, über die Kluft hinübergreift, welche die alten Blutsverbände voneinander trennt. Von da an ist der Weg zur Gesellschaft offen, die Familie, die Schöpfung des Blutinstinktes, bleibt zurück, höhere Ordnungen des Zusammenseins bauen sich über ihr auf, die der bloße Instinkt nicht mehr schaffen kann, weil sie gesammelte, zweckbewußte Kraft voraussetzen, die freilich zuerst roheste Gewalt ist, sich aber nach und nach zu den Höhen der Zivilisation und Kultur erhebt. Wahrend in der Blutsgemeinschaft mehr das Animalische des Menschen hervortritt, wirkt er in der Weite der Gesellschaft als voller Mensch, wenn auch zuerst noch in der Vollkraft der Wildheit. Die Tierstaaten sind bloße Bluts verbände, die gesellschaftliche Überwindung des Blutes ist dem Tiere versagt. Nur ganz leichte Ansätze finden sich vielleicht da und dort, wie zum Beispiel in den sklavenhaltenden Ameisenstaaten.

Setzt sich aber nicht der Instinkt des Blutes auch in den gesellschaftlichen Verbindungen der Menschen auf der Höhe der Entwicklung wieder durch ? Man nimmt dies vom Nationalstaat gerne so an. Ist er nicht die Schöpfung des nationalen Blutes? Gibt ihm nicht die Gemeinschaft des Blutes seine instinktive Kraft? Man braucht nur der Entstehung der Nationalstaaten nachzugehen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Alle ohne Ausnahme sind sie Bildungen der Blutinischung. Alle Stämme reinen Blutes sind auseinandergefallen und mit andern zu.samniengeflossen, sobald sie in den großen Lauf der Geschichte eingetreten sind. Von den Germanen wissen wir gar nicht, daß sie jemals eine Einheit gebildet hätten, die Deutschen sind erst nach und nach zu einer Einheit zusammengewachsen, die niemals voll war und von der große Splitter wieder abgefallen sind. Die Teile haben sich fast alle mit Blut andern Ursprungs und anderer Zunge vermengt. Das deutsche Volk von heute, als Volk wie als Staat genommen, ist geschichtlich unter Blutmischung gebildet, und dasselbe gilt für alle großen Nationen. Sic alle sind nicht bloße Schöpfungen des Blutinstinktes, sondern höhere Ordnungen der Werkgemeinschaft, welche die Ordnungen der Blutsgemeinschaft überwunden haben.

3. Der Ursprung der Macht im Erfolge

Die zwingende Kraft der Werkgemeinschaft geht vom Erfolge aus, den ihr Wirken schafft. Ein wichtiger Satz! Er erklärt uns, weshalb die Werkgemeinschaft besteht und wächst, während die Blutsgemeinschaft stillcsteht und vergeht. Die Blutsgemeinschaft besitzt den großen Vorzug, daß in ihr von vornherein Bereitwilligkeit zum gemeinsamen Handeln da ist, zugleich mit einer natürlichen Ordnung der Familie, die immer ihr Oberhaupt hat. Darum ist sie zeitlich zuerst berufen, ohne sie hätte die Geschichte keinen Anfang, aber bei der Enge des Kreises, auf den sie beschränkt bleibt, kann sie über einen verhältnismäßig nahen Punkt der Entwicklung nicht hinauskommen, und daher hätte durch sie allein die Geschichte keinen Fortgang. Zur reinen Werkgemeinschaft fehlt vom Anfang an die Bereitwilligkeit der Massen, die sich nicht kennen, und weim sie sich kennen, nicht finden, weil sie sich mißtrauen. Darum sind die ersten Bildungen der Werkgemeinschaft auch nur auf den kleinen Kreis der Blutsgemeinschaft beschränkt. Ist aber einmal sichtbarer Erfolg gewonnen, so wendet seine Zauberkraft die Gemüter, und je melir er wächst und gefestigt wird, tut er es bei einer um so größeren Zahl von Menschen und bindet er um so fester Gefühl und Wollen in seine Richtung. Anderseits schreckt der Mißerfolg Gefühl und Wollen ab. Durch Erfolg und Mißerfolg ist die Geschichte die Lehrmeisterin der Menschen, eine Lehrmeisterin, die mit höchsten Werten belohnt und mit Geißeln und Skorpionen züchtigt. Auf die Dauer erzeugt der Erfolg der verbundenen Kraft feste Herrschaft über die Gemüter; durch den Erfolg geleitet, kann die Masse am Ende nicht anders, als sich, wie die geschulte Truppe, im gleichen Schritt und Tritt von Gefühl und Wollen bewegen. So werden die Machtverbände und so wird die Macht geschaffen.

Die Erfolge wechseln, und es scheint daher, daß die Macht auf eine schwankende Grundlage gestellt sein muß, wenn sie ihren Ursprung im Erfolge haben soll. Gibt es nicht in der Tat genug schwankende Macht, und muß die Theorie der Macht nicht auch deren Ursprung erklären ? Mau darf nur nicht meinen, daß eine Macht immer gleich zerstört ist, wenn der Erfolg einmal ausbleibt. Xur die schwachen Menschen beugen sich widerstandslos dem Mißgeschick, die starken, die entschlossenen werden ihm Trotz bieten, sie fühlen die Kraft in sich, den Erfolg wieder zu gewinnen, und ihnen gehört darum am Ende die Welt. In der Dauer ihrer Macht belohnt sich die Zuversicht ihrer Kraft. Bis zum Weltkriege hat das Haus Hohenzollera allen, selbst den schwersten Stürmen des Geschickes Widerstand geleistet, seine feste Hand hat jedes Mißgeschick überwunden jind den Erfolg immer wieder an seine Farben gefesselt, daher hat es über die Gemüter eine Herrschaft gewonnen, die unzerstörbarschien. Der Mißerfolg im Weltkrieg war aber so furchtbar, so volksvernichtend, daß diese Macht mit einem Male zusammengebrochen ist.

Kann man auch die innere Macht, die moralischen Mächte insbesondere, aus dem Erfolge ableiten ? Muß cs dem geraden Manne nicht widerstreben, „sich nach dem Erfolge zu richten“ und heute diesem, morgen jenem Mächtigen des Tages seine Huldigung zu leisten? Daß man die äußere Kraft, über die man verfügt, nach dem Erfolge einschätzt, scheint klug und unabweisbar, denn wie kann man sie vernünftigerweise anders schätzen als nach ihrer Wirkung ? Immer werden wir die Mächte, die uns förderlich sind, als wohltätige Hilfen für unser Wesen, als Freiheitsmächte, und diejenigen, die uns hemmen und erdrücken, als Zwangsmächte empfinden — wie könnten wir es anders halten ? Hierin liegt nichts Unmoralisches, der strengste Richter muß es billigen. Könnte mau es aber bei den inneren Mächten anders halten, dürfte man sie einschätzen, ohne auf ihre Erfolge zu achten ? Warum schätzen wir sie so hoch ? Doch nur, weil sic die höchsten, die dauerndsten, die beglückendsten Erfolge verheißen! Der Mann, der ..sich nach dem Erfolge richtet“, wird dadurch verächtlich, daß er seine Gesinnung dem bloßen äußeren Erfolge zum Opfer bringt. Der Satz, daß die Macht durch den Erfolg bedingt ist, nimmt den inneren Mächten nichts von ihrer Größe und Würde, man muß diesen Satz nur recht verstehen, daß er sich auf den wahren und dauernden Erfolg bezieht. Die Geltung der inneren Mächte ist dadurch nicht herabgemindert, geschweige denn aufgehoben, daß man auch sie nach ihren Wirkungen wertet, im Gegenteil, ihrer ist die Zukunft, weil sie sich auf die Dauer als die Mächte der umfassendsten und gesichertsten Wirkungen bewähren.

Die zwingende Kraft des Erfolges bindet die Menschen auch dort, wo der Instinkt des Blutes versagte, sie bindet auch Menschen verschiedenen Blutes. Eine Werkgemeinschaft, die den Erfolg für sich hat, darf nicht fürchten, daß sich ihre Mitglieder von ihr abspalten, vielmehr werden ihr immer neue Mitglieder Zuströmen, solange ihr der Erfolg treu bleibt, ihre wachsende Zahl wird vielleicht sogar — es muß dies keineswegs immer so sein, aber es gilt gerade für die stärksten Kräfte — die Kraft zum Erfolge noch steigern. Das Römervolk war aus drei verschiedenen Stämmen zusamraengeflossen, deren Geschichtserinnerung sich noch lange in gewissen Überlieferungen, namentlich in gewissen Kulteinrichtungen bewahrt hat; die zeugende Kraft des Erfolges hat aber das Blut der drei Stämme zu einer untrennbaren Einheit des Kampfes und des Staatslebens verbunden. Durch das gemeinschaftliche Werk seiner äußeren Siege und seiner inneren Entwicklung ist das Römervolk zu einer geschichtlichen Einheit geworden.

Die zwingende Kraft des Erfolges wird von den Menschen am deutlichsten bei den äußeren Zwangsmächten empfunden, die ja auch im Sprachgebrauch und in der gemeinen Vorstellung als die Mächte schlechthin gelten. In der Tat erhalten aber auch die inneren Mächte aus dem Erfolge zwingende Kraft und ordnen Gefühl und Wollen der Menschen ebenso gebieterisch wie die strengsten äußeren Mächte. Sie ergänzen sich mit diesen oder wenden sich gegen sie, und immer wird das wechselseitige Verhältnis durch den Erfolg bestimmt.

4. Zwangsmächte und Freiheitsmächte

Der folgende Überblick zeigt uns in aller Kürze die Hauptformen der Zwangsmächte und der Freiheitsmächte und zugleich damit die Hauptformen der Gemeinschaften oder Verbände, die durch die einen und durch die anderen zusammengehalten werden.

Der rohe äußere Zwang schafft die strengsten der Zwangsverbände, die Gew alt verbände, wie es die Staaten waren, die von rohen Siegervölkern durch den Erfolg ihrer Waffen aufgerichtet wurden. Solange Gefühl und Wille der Besiegten nocli nicht ganz gebrochen sind, werden sie die Zwangsherrschaft durch Aufstande und Abfall abzuschüttcln suchen. Schwache Völker verlieren am Ende durch die Zwangsherrschaft alle Fähigkeit der Selbstbestimmung und versinken in die schlimmste Abhängigkeit bis zur vollen Sklaverei.

Auch der Staat eines freien Volkes, wie es die Römer waren, ist in sich ein Zwangsverband. Ob man will oder nicht, gehört man dem Staate an, in den man hineingeboren ist, und muß in ihm seine Pflicht erfüllen. Dies gilt für jeden Staat, selbst für den freiesten; trotzdem darf sich dasjenige Volk mit Recht frei nennen, das keinen Herrn über sich hat, sondern sich ganz aus eigenem Willen den Notwendigkeiten des Daseins unterwirft. Die gemeine Not ruft das allseits von Feinden umgebene Volk dazu auf, die gemeine Kraft zur Behauptung seiner Unabhängigkeit zu gebrauchen. Jeder echte Quirite fühlte in sich den Trieb, «sich für den Staat zum Kampfe zu stellen, und forderte es zugleich so von jedem andern. Indem einer dem andern die Pflicht des Bürgertums zumutet, entsteht aus wechselseitigem sozialem Zwung eine Zwangsgemcinschaft, die durch Übereinstimmung des Gefühles ihre Mitglieder noch unverbrüchlicher zusammenhält, als der Gewaltverband die Unterworfenen an die Sieger fesselt, unverbrüchlicher und zugleich wirksamer, weil jedermann die ganze Kraft seines Willens einbringt, um der gemeinen Sache zu dienen. In gleicher Weise verbindet das Solidaritätsgefühl überall, wo es lebendig ist, die Genossen durch einen sozialen Zwang zu einem festen Verbände, den der Erfolg ausbreitet und verstärkt. Selbst die lauen und schwachen Genossen gehen mit, auch wenn sie es unangenehm und drückend empfinden, daß sie ihre persönliche Bequemlichkeit aufgeben und für die allgemeine Sache, die ihnen doch nicht recht am Herzen liegt, Opfer bringen müssen. Sie sind Mitläufer, die sich ,,nach dem Erfolge richten“, solange dieser sich eben einstellt, sie werden sich zurückhalten und früher oder später abfallen, sobald der Erfolg einmal ausbleibt. Die überzeugten und entschlossenen Genossen dagegen werden durch den Mißerfolg nicht sobald abgeschreckt, sie glauben an ihre Sache und erwarten aufrechten Gefühles den kommenden Sieg. Wo dus genossenschaftliche Zusammenhalten sich bewährt, nimmt die Zwangsgenieinschaft des Gefühles nach und nach die verfeinerte Gestalt des Rechtsverbandes an, der seine Regeln durch rechtlichen Zwang empfängt. Wo man Widerständen begegnet, die das Äußerste an Kraft herausfordern, dort steigert sich in der Verzweiflung des Gefühles der soziale Zwang zum Terror, der nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern noch rücksichtsloser gegen die eigenen Genossen w ütet, welche sich widerspenstig zeigen oder denen man mißtraut. Solange die Staaten gegeneinander im Kampfe stehen, sind die Opfer, die ein Staat von den Bürgern fordern muß, so groß, daß auch im freien Volksstaat der Zwang erdrückend werden kann. Dasselbe gilt für die Klassen auf der Höhe des Klassenkampfes.

Die Glaubensgemeinschaft, die sittliche Gemeinschaft und jede Kulturgemeinschaft sind durch inneren Zwang zusammengehalten, durch moralischen Zwang, durch den Zwang des Gewissens, des Wahrheitstriebes, des Verlangens nach dem Schönen und jedes sonstigen starken inneren Triebes. Auch in diesen Gemeinschaften sind immer Mitläufer anzutreffen, ganze Scharen von Menschen, die sich zur Stimmung des Tages bekennen, ängstlich bemüht, das Verhalten zur Schau zu tragen, das dem Vollmenschen durch die innere Stimme vorgeschrieben ist. Für die Mitläufer liegt der Erfolg, dem sie sich beugen, in dem allgemeinen Beifall, der dem Verhalten zu Teil wird, dem sie sich anschließen, für die echten Menschen liegt er in ihrer inneren Befriedigung und der Selbstsicherheit ihres Wesens, die sie erreichen. Sie können nicht anders, als dem Gewissen gehorchen und der Wahrheit die Ehre geben; sie tun es vielleicht erst nach schweren inneren Kämpfen, aber nachdem sie sich durch diese durchgerungen, hat ihr Wesen dafür beruhigende Festigkeit gewonnen. Ohne Zweifel hat für die Masse auch der echten Menschen das Vorbild des großen Führers überragende Bedeutung, ohne dessen Weisung würde man seinen Weg nicht finden, aber man folgt ihm doch nur deshalb nach, weil man sich innerlich getroffen fühlt und weil die Seelenkraft aufgerufen ist, deren Gebot man sich nicht mehr entziehen kann. Ohne Zweifel wird die Masse auch der echten Menschen in ihrer Richtung dadurch ermutigt, daß sie neben sich andere in großer oder überwältigender Zahl auf dem gleichen Wege findet; die Überzeugung der Masse wird immer durch die Wahrnehmung gefestigt, daß man nicht allein geht, sondern einer großen Gemeinschaft angehört. Neben dem inneren Zwange und ihn steigernd wird also auch ein gewisser sozialer Zwang empfunden, dem man sich umso weniger entziehen kann, weil das soziale Urteil mit Härte diejenigen trifft, die sich gegen die Gebote der Gemeinschaft verfehlen, ein Urteil, das bei den schlimmsten Verfehlungen soweit geht, die Frevler aus dem gesellschaftlichen Verkehre auszuschließen; sie werden durch den Spruch einer sozialen Feme so in Acht und Bann getan, wie Staat und Kirche es tun. Trotzdem haben wnr in den inneren Gemeinschaften nicht Zwangsgemeinschaften vor uns, sondern freie Gemeinschaften, denn sie sind im tiefsten doch durch den Trieb des Inneren zusammengehalten; sie würden niemals entstanden sein und würden nicht aufrecht bleiben, wenn nicht ein Ruf sic erweckt hätte und lebendig erhielte, der aus dem Innersten ertönt, in welchem kein anderes Gebot als das der eigenen Überzeugung gilt. Die Pflichten, die sie heischen, werden von den echten Menschen, welche ihren festen Kern bilden, freudig empfunden als Erfüllungen des eigenen Wesens, als Entscheidungen des freien Willens. Für diese Empfindung kommt nichts darauf an, ob das Gefühl der Willensfreiheit nur ein schmeichelnder Schein ist, in dem sich die Strenge des Kausalgesetzes verhüllt, oder ob der moralische Zwang seine unaufhaltsame Kraft nicht gerade dem Umstande verdankt, daß sich in ihm das Beste des menschlichen Wesens wirklich frei ergießt.

Es gibt allerlei Interessenverbände, die durch die Erkenntnis des praktischen Nutzens geschaffen und zusammengehalten sind, welchen man davon hat, seine Kraft, die für sich allein fast verloren wäre, im Zusammenhang mit andern zu gebrauchen. Der volkswirtschaftliche Wrband ist das bedeutendste Beispiel. Der einzelne steigert seinen Erfolg ins Ungemeine, wenn er den richtigen Platz für sein Wirken in der arbeitsteiligen Wirtschaft des Volkes findet. Die Volkswirtschaft, wie sie sich auf der Grundlage des privaten Eigentums entwickelt hat, unterscheidet sich durch ihre freiere Ordnung deutlich von der Zwangsgemeinschaft, von der uns der Staat das bedeutendste Beispiel gibt; sie hat kein gemeinsames Handeln als Inhalt, sie geht nicht unter dem Zwang eines einheitlichen Befehles vor sich, die Individuen sind nur insoweit unter den Zwang des Rechtes und der Sittlichkeit gestellt, daß sie gewisse unüberschreitbare Schranken einhalten müssen, aber innerhalb dieser dürfen sie sich nach ihrem Ermessen frei bewegen, es ist Ihnen überlassen, sich nach ihres Interesses zu entscheiden. Von den inneren Gemeinschaften, für die wir in der sittlichen Gemeinschaft das bedeutendste Beispiel haben, unterscheidet sich die Volkswirtschaft dadurch, daß das Interesse durch Erwägungen der Klugheit geleitet wird, die nicht die Strenge der inneren Überzeugung haben. Man muß die Frage erheben, ob die Volkswirtschaft, da sie weder einem sozialen noch einem ausgesprochenen inneren Zwange folgt, überhaupt eine eigentliche Gemeinschaft sei oder nicht vielmehr ein loser Verband von Individuen, die sich ohne alle Verbindlichkeit treffen und wieder trennen. Für die älteren Ordnungen des Wirtschaften hat allerdings der genossenschaftliche Verband des Dorfes und der Zunft, haben die Grundherrschaften und städtischen Obrigkeiten und haben die merkantilistischen Regierungen mit ängstlicher Sorgfalt die mannigfaltigsten Zwangavorschriften erlassen, später aber haben sich die Klassiker mit ihrer Lehre durchgesetzt, da alle diese Zwangsvorschriften gegen das Wesen der Wirtschaft verstießen, welches innerhalb der allgemeinen Schranken von Recht und Sittlichkeit die freie Bewegung der Individuen fordere. Geht man nun aber der klassischen Lehre nach, so wird man erkennen, daß auch die Individuen selbst dort, wo ihnen rechtliche und sittliche Bewegungsfreiheit eingeräumt ist. unter zwingende gesellschaftliche Mächte gestellt sind, die vom Wettbew erbe des Angebotes und der Nachfrage ausgehen. Geht man den Dingen noch genauer auf den Grund, so erkennt man, daß es nicht erst der Wettbewerb ist, der die gesellschaftlichen Mächte schafft, welche dem wirtschaftlichen Individuum seine Bahn weisen. Tn den Weiten der Volkswirtschaft wäre jeder einzelne, selbst der Stärkste, verloren, wenn er allein auf sich gestellt bliebe. Dem starken und vom Glück begünstigten Menschen gelingt cs, sich mit zur Führung der Mächte aufzuschwingen, denen er sich an vertraut hat, der schwächere oder in ungünstige Lage gestellte sucht in seines Nichts durchbohrendem Gefühle den Anschluß an gesellschaftliche Mächte innerhalb der Masse, und wenn er ihn nicht findet, so wird er die Beute von feindlichen Mächten, die seine Kraft für ihre Zwecke ausnützen. Schon in seiner Berufswahl, die ihm den Ausgangspunkt für seine Tätigkeit weist, ist der einzelne nicht freier Herr seiner Entschlüsse, er ist in der Hauptsache durch die Macht seiner Verhältnisse und seiner Umgebung bestimmt, und es sind w iederum nur die Stärksten und vom Glück Begünstigter, die sich selber durchzusetzen wissen. Die Masse folgt dem Herkommen, das dem Individuum in zahlreichen Fällen gar keine eigene Wahl läßt und in andern Fällen seine Wahl aufs engste einschränkt. Das alte Recht, das noch nicht zu individualisieren vermochte, sondern überall dem typischen Zustand seinen naiven Ausdruck gab, hat in der starren Ordnung der Kasten den Sohn geradezu an den Beruf des Vaters gebunden, das moderne Recht erst gibt die Berufswahl frei, aber rechtliche Freiheit bedeutet hier, wie sonst so oft, keineswegs auch schon tatsächliche Unabhängigkeit. Diese kommt alles in allem doch nur verhältnismäßig wenigen zugute, für die Masse bleibt es bei der tatsächlichen Gebundenheit der Berufswahl. Auch in der Ausübung des Berufes ist es dem einzelnen Geschäftsmanne durchaus nicht anheimgegeben, ganz selbständig das Maß zu bestimmen, in welchem er seinen Vorteil verfolgen will, sondern er ist an den Typus gewiesen, den der allgemeine Wettbewerb auf Grundlage der technischen und gesellschaftlichen Erfahrungen der Zeit und der gegebenen Volksenergie ausbildet. Es sind immer nur verhältnismäßig wenige, die nicht die Kraft aufbringen, den Typus zu erfüllen, und ihre Mißerfolge geben den andern ein warnendes Beispiel. Die große Masse hält ßich ziemlich enge an den Typus; die Freiheit, die sie von Rechts wegen besitzt, äußert sich, alle« in allem, nur in ganz geringen Abweichungen, die sie sich nach oben oder nach unten erlaubt. Selbst der persönliche Egoismus ist in aller Regel gesellschaftlich umschrieben, die wenigsten sind kühn genug, ihren persönlichen Vorteil über den Rahmen des typischen Verhaltens hinaus zu verfolgen.

Selbst in den Bereich des Privatlebens dringen gesellschaftliche Mächte herein. Privates Leben ist nicht isolieites, sondern gesellschaftliches Leben. Es geht nicht an, von Robinson, solange er der einzige Bewohner seiner Insel ist, zu sagen, daß er Privateigentum habe. Privates Leben ist nicht nur immer von gesellschaftlichem Leben umgeben, sondern ist auf dieses immer auch mehr oder weniger eingestellt, nur daß es dem Berechtigten Vorbehalten ist, die Größe des Einflusses zu bestimmen, den er der gesellschaftlichen Umgebung zugedacht, und insbesondere fremde Eingriffe ahzuwehren, die ihn stören. Mein Privatrecht erlaubt mir, über das Meinige selbständig mit Ausschließung anderer zu verfügen, aber es hält mir die Möglichkeit offen, bei meinen Verfügungen mit andern Personen in Verkehr zu treten; ich wäre um vieles ärmer, wenn ich diese Möglichkeit nicht hätte, alle Geldwerte, über die ich verfüge, wären da verloren und selbst der größte Teil der naturalen Werte ließe sich nicht mehr voll ausnützen. Wie das Privatrecht, steht alles private Leben unter gesellschaftlicher Perspektive, selbst in dem persönlichsten Abschnitte des privaten Lebens, im Familienleben des Hauses, läßt sich der einzelne vom gesellschaftlichen Wesen nicht ganz absondem. Der Satz ,,Mein Haus ist meine Burg“ will nur das aussagen, daß jeder in seinem Hause fremden Zutritt überwachen darf und selbst der Staat das Ilausrecht schützen und in gewissem Grade auch seinerseits respektieren muß. Dabei empfindet aber doch jeder Verständige ein lebhaftes Interesse, die Ordnung seines Hauses im Sinne der besten Vorbilder zu treffen, die ihm die Gesellschaft gibt, und er weiß recht gut, daß er sich dem gesellschaftlichen Tadel aussetzt, wenn er von den Vorschriften der allgemeinen Sitte und besonders von den Vorschriften seiner Klasse und Schicht merklich abweichen wollte. Bei Völkern und Schichten entwickelter Zivilisation treffen wir eine überraschende Uniformität in allen Einzelheiten des häuslichen Wesens; Anlage und Betrieb haben in allen Punkten ihre bestimmte Regel, vom Morgen bis zum Abend hat jede Stunde ihre feste Einteilung. Gilt das gesellschaftliche Gebot schon im Haute, so gilt es um so mehr, wenn sich der einzelne auf die Straße und in den Verkehr der Öffentlichkeit begibt, auch wenn er dabei nur seine privaten Angelegenheiten im Sinne hat. Die Kleidung, die man trägt, wenn man sieh unter die Leute mischt, die Bewegung, die man sieh dabei erlauben darf, das Mienenspiel, die Ausdruckweise und Stärke, mit der man die Stimme laut werden läßt, müssen, wenn man nicht auffallen und herausfordern will, genau im Sinne der gesellschaftlichen Sitte abgemessen sein. Auch dieses Gebot der gesellschaftlichen Sitte, so wenig es zunächst den Anschein hat, geht vom Erfolg aus, denn selbst eine schwerfällige, belästigende Sitte, selbst eine törichte Mode bringt in ihrer Uniformität doch einen merklichen gesellschaftlichen Erfolg, weil die Gleichmäßigkeit, die sie vorschreibt, die Reibungen mindert. Ist eine militärische Truppe oder sonst ein gesellschaftlicher Verband, der ein Gesamtwerk leisten soll, auf einheitliches Handeln, ist die Interessengemeinschaft der Volkswirtschaft auf ergänzendes Handeln gerichtet, so sind die Individuen in ihrem privaten Handeln, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, parallel gerichtet, so daß auch das private Handeln sich als ein gesellschaftlich geleitetes, als ein gesellschaftliches Werk darstellt.

Der Trieb dazu, sich auch in seinen privaten Angelegenheiten gesellschaftlich zu richten, ist tief in dos menschliche Wesen gelegt, es gibt kaum eine gesellschaftliche Macht, die sieh unverbrüchlicher durchsetzt, als die Macht der Verkehresitte, welcher sich fast ohne Ausnahme alle Menschen unterordnen, nicht nur die Masse des Durchschnittes, sondern auch diejenigen, die eich sonst abseits stellen, nicht nur die feiner Gebildeten, sondern auch die Plumpen und Frechen, nicht nur die Toren, sondern auch die Weisen. Man könnte fast daran irre werden, ob die Menschen, die der Zufall auf der Straße, im Theater, in den Verkehrsanstalten zusammen wirft, hier nicht überall eigentlich ihr privates Wesen verlieren und bei allem Wechsel der Personen doch zu gesellschaftlichen Körpern zusammenschmelzen. Unsere Sprache bezeichnet die Massen, die sich in diesen Zwischenzuständen zwischen privatem und öffentlichem Wesen befinden, als Publikum; ein glücklicher Ausdruck, der die Beziehung auf die Öffentlichkeit anklingen läßt, aber doch nicht so deutlich ausspricht, als das deutsche Wort es täte. Nun, dieses Publikum ist, während es seinerseits gesellschaftlichen Mächten unterworfen ist, zugleich selber eine starke gesellschaftliche Macht. Für alle öffentlichen Darbietungen, von der deß Dichters, des Schauspielers, des bildenden Künstlers bis zu der des wirtschaftlichen Angebotes, entscheidet die Gunst des Publikums über den Erfolg, mindestens über den nächsten und äußeren Erfolg, der aber oft genug, wenn es sich nicht um edlere Werte handelt, der entscheidende Erfolg bleibt.

Über das einzelne der Machtpsychologie — das will sagen der psychischen Erregungen, unter denen die Macht ihre Herrschaft über die Gemüter gewinnt und festhält — wäre noch vieles zu sagen, was wir aber an dieser Stelle lieber noch beiseite lassen wollen. Zunächst war es uns nur darum zu tun, die großen Formen der Macht aus der gemeinsamen Quelle des gesellschaftlichen Erfolges abzuleiten und die ebenso verbreitete als irrige Vorstellung zu widerlegen, als ob keine andere zwingende Macht in Frage käme, wie die der äußeren Gewalt. Über diese Vorstellung muß jeder hinwegkommen, der die Wege der Macht in Geschichte und Gegenwart verstehen will. Wer sie nicht überwindet, der bleibt in gesellschaftlichen Dingen von Grund aus ein Laie. Er teilt die Kurzsichtigkeit der anarchistischen Träumer, für welche das Ideal der Freiheit ein Zustand gänzlicher Herrschaftslosigkeit ist, den sie sich so denken, daß die Individuen zueinander in keine andern Verbindungen treten, als diejenigen, die sie durch ihren Vertragswillen schuffen und wieder lösen, wonach also jeglicher Dienst des Staates von Vereinen übernommen werden könnte, derart wie die Sportvereine oder Geselligkeitsvereine, denen beizutreten oder aus denen auszutreten in jedermanns Belieben stünde. Damit wäre die Gesellschaft aller Festigkeit beraubt, sie würde in ihre persönlichen Atome zerfallen und die festen Bindungen verlieren, die sie zur Sicherung ihrer Erfolge braucht. Es ist indes dafür gesorgt, daß es dahin nicht komme; die treibende Kraft, die der Erfolg der Werkgemeinschaften erzeugt, wird bei jedem Volke, das zu gesellschaftlichem Werke fähig ist, auch die notwendigen Bindungen im Gemüte schaffen. Die schwächeren Teilnehmer werden durch Zwangsmächte gebunden, die starken finden in Freiheitsmächten die notwendige Hilfe. Ein gesundes Volk erkennt es sehr bald, daß die Besiegung der auf ihm lastenden Zwangsmächte nur der erste Schritt zur Freiheit ist und daß, wenn die Freiheit wirklich erstehen soll, der zweite Schritt, die Aufrichtung von Freiheitsmächten, folgen müsse, deren soziale Gebote den gleichen Gehorsam finden, wie vorher das Gebot des äußeren Zwanges. Wahre Freiheit ist nicht persönliche Ungebundenheit, sondern ist ein errungener gesellschaftlicher Zustand. Gottfried Keller, der vom Herzen Demokrat war, spottete über diejenigen seiner Schweizer Landsleute, die vermeinten, schon dadurch allein echte Republikaner zu sein, daß sie keinen König über sich hätten. Um wie viel mehr Grund zum Spotte hätten ihm die neuen Republiken gegeben, die nach dem Umstürze in einer ganzen Reihe von europäischen Staaten fast überNacht errichtet w urden, ohne durch tragfähige Freiheit machte gestützt zu sein!

Wie der Staat, bedarf jede Werkgemeinschaft tragfähiger Freiheitsmächte, um in Wahrheit frei zu sein. War die Volkswirtschaft dadurch allein schon wirklich frei geworden, daß das liberale System durchgeführt und alle geschichtlich überlieferten Zwangsvorschriften beseitigt wurden, oder sind nicht vielmehr überall dort, wo die kleinbürgerlichen, die proletarischen oder auch die kleinbäuerlichen Schichten zu schwach waren, an Stelle des staatlichen Zwanges die kapitalistischen Zwangsmächte hervorgetreten, wo ihr keine genügenden Hemmungen mehr in den Weg traten ?

5. Urvölker und Kulturvölker

Es ist eine fast unübersehbare Fülle von Zwangsmächten und Freiheitsmächten, von Kampfmächten und Friedensmächten, von Mächten des öffentlichen und des privaten Lebens, durch die bei jedem entwickelten Volke Gefühl und Wille der Menschen gesellschaftlich gerichtet sind. Von diesen Mächten ist in den engen Blutsgemeinschaften, mit denen die Geschichte beginnt, fast nichts lebendig, der Instinkt des Blutsgefühles mußte sic ersetzen und die Gemüter zu Werken der Gemeinschaft bereit machen. Dennoch dürfen wir die Kräfte nicht gering schätzen, mit denen die Menschen ihr geschichtliches Werk begonnen haben. Dies gilt insbesondere für diejenigen Stämme, die sich späterhin zu Edelvölkern entfaltet haben. In dem Blute der edlen Urvölker waren alle Anlagen zum Kulturmenschen in reichlichen Keimen ausgesät. Zwar hatten auch sie ihre primitiven Anfänge, aber es wäre ein grober Irrtum, wenn man für diese das Maß von solchen Volksstämmen abnehmen wollte, die, von der Natur vernachlässigt, bis heute primitiv zurückgeblieben sind. Von der ungeheuren Größe ihrer Leistung gibt uns die Robinsonade, an deren Beispiel man sich gerne die Volksanfänge anschaulich inacht, nur ein ganz unzureichendes Bild, denn was ihnen zu tun oblag, haben sie ohne die Hilfen tun müssen, die Robinson auf seine Insel mitgebracht hat. Robinson kommt auf seiner Insel deshalb so gut durch, weil er schon wichtige Erfahrungen der heimischen Bildung mitbringt und weil ihn der klug berechnende Erzähler mit gerade so viel Vorräten und Werkzeug aus dem gestrandeten Schiffe ans Land kommen läßt, als er notwendig hat, um sich durchzuschlagen. Wir stellen uns die Vorfahren der Edelvölker am besten so vor, wie sie die Volkssage beschreibt, als Riesen, die den Kampf mit den Göttern wagen. Die Kulturvölker stehen kaum über ihren Vorfahren, sondern eher unter ihnen, wenn man es auf die Spannung des Wesens und auf das innere Gewicht der Kraft ankoinmen läßt. Der verfeinerte Kulturmensch würde das Werk, das jene zu leisten hatten, nimmermehr bewältigen können, er würde dabei schmählich unterliegen, denn seine Kräfte sind bei aller ihrer Ausbildung doch durch die vorausgegangene Fronarbeit der Geschichte arg verkümmert und entartet. Könnte dagegen ein Wildling edlen Blutes in ein Kulturland gebracht werden, so würde er rasch und begierig seine Anlagen entwickeln. Die Wikinger, welche die Normandie besetzten, waren in kurzer Zeit so weit, daß sie in den Künsten des Krieges und des Friedens die Spitze der europäischen Ritterschaft einnahmen. Was das Kulturvolk voraus hat, ist das Kulturkapital, das es der Arbeit der vorhergegangenen Generationen verdankt. Durch diesen Besitz ist es reich, auch wenn es selber nur wenig Kraft zu seiner Mehrung übrig hat. Fs hat alle Ursache, die Kraft von Körper und Willen zu bewundern, mit der seine reckenhaften Vorfahren der Wildheit des Lebens Trotz boten, und es hat nicht minder Ursache, die geistige Kraft zu bewundern, mit der sie die Bahnen fanden, die aus der Wildheit zur Kultur führten. Der Begründer des Welthauses Krupp hat erklärt, das Schwerste sei gewesen, das erste Tausend Taler aufzusammcln. Haben nicht auch unsere Ahnen das Schwerste getan, indem sie das erste Tausend an Kulturarbeit erarbeiteten ? Die Erfindung des Pfluges ist von den Alten mit gutem Sinn den Göttern zugeschrieben worden, sie ist an Tiefe und Wirksamkeit von keiner der glänzendsten Erfindungen übertroffen, auf welche die Gegenwart stolz ist.

6. Staatengründung und Kulturbegründung als grundlegende gesellschaftliche Werke

Bei alledem bedurfte es der angestrengten Bemühungen der Jahrtausende, um selbst die edelsten Volksanlagen zur Reife zu bringen. Der Name der Evolution, den man für diesen Prozeß gerne gebraucht, kann leicht irreführen, wir haben nicht eine einfache Entfaltung vor uns, wie wir sie etwa beim Baume wahrnehmen, der, unter günstigen Verhältnissen auf wachsend, Jahresring auf Jahresring ansetzt, die Entwicklung ist auch weit gestaltenreicher als die des Schmetterlings, in den sich die Raupe durch den Puppenstand verwandelt. Der Fortschritt jedes Volkes ist immer im stärksten Maße durch die Hemmungen bedingt, denen er begegnet und die seine Kraft aufregen. Das gesellschaftliche Werk erhält seine stärksten Antriebe aus der Nötigung, die Widerstände zu überwunden, die ihm von Stufe zu Stufe entgegentreten.

Solange das Zusammenleben auf den engen Kreis der Blutsgemeinschaft beschränkt ist, sind der Entwicklung nahe Grenzen gezogen. Alle leben das gleiche einförmige Leben, die Arbeitsteilung ist so ziemlich auf die häuslichen Geschäfte beschränkt, denn draußen treiben alle fast das gleiche Werk. Sic alle sind Jager, Fischer oder Hirten. Auch der Häuptling und seine nächsten Gehilfen bei der Führung sind nur um weniges über die andern hervorgehoben, im Grunde sind sie alle desselben rohen Wesens. Die Abstufung im Range bedeutet so gut wie keine Schichtung in der Lebenssitto, der vornehme und der geringe Mann sitzen bei der gleichen Mahlzeit am gleichen Tisch, nur daß der erstere den Ehrenplatz einnimmt. Für solche Anlagen, die über das hergebrachte Tun hinausstreben, ist kaum Gelegenheit der Anwendung. Vielleicht sind die Anlagen des gleichen Blutes überhaupt ziemlich gleich, jedenfalls fehlt es bei der Dürftigkeit der Mittel an Behelfen, sie zu fördern. Man geht darin auf, das Dasein des Stammes und seine Lebensnotdurft einigermaßen sic heraus teilen. Darüber hinaus kommt man aber nicht. Die Kraft der Entwicklung, durch keinen Reiz von außen herausgefordert, wird nicht lebendig.

Auch mit den Verbänden, die von Zeit zu Zeit vom Mutterslamme abwandem, kommt es kaum zu fruchtbarem Verkehr. Für den Tauschverkehr, der das erste Mittel ist, um fremde Völkerschaften zu verbinden, fehlt noch immer die Voraussetzung der Arbeitsteilung, denn auch die Abgewanderten treiben so ziemlich dasselbe, was im Mutterstamme getrieben wird. Man liesitzt weder hier nocli dort die Kenntnisse, um die eigentümlichen Schätze seines Bodens auszubreiten. Für geistigen Austausch fehlt erst recht jede Voraussetzung, alle Geister sind gleich unentwickelt, überdies kommt man nicht über das Hindernis hinweg, das selbst durch geringe Entfernungen schon bereitet wird. Die umgebenden Hemmungen gehen noch über die Kraft.

Der treibende Reiz geht von dem Hange zur Gewalt aus, der dem Menschen mitgegeben ist. Der Mensch der geschichtlichen Anfänge war ein Gewaltmensch und mußte es sein, um den Kampf mit der ungebändigten Natur bestehen zu können. Der Gewalttrieb, innerhalb der Blutsgemeinschaft zurückgehalten, findet den Weg ins Weite gegenüber dem abgewanderten und fremdgewordenen Stamme und vollends gegenüber dem Stamme fremden Blutes. Anlässe zum Kampf sind immer da, Fremd sein heißt Feindsein; das gilt für den Kulturmenschen so, und wie sollte es nicht für den rohen Menschen gelten! In der allgemeinen Lebensnot stoßen die Interessen hart aneinander, man ist dringend aufgefordert, die Ansprüche mit allem Nachdruck zu wahren, die man auf Jagdboden und Fischwasser, auf Weide und Acker, auf Vieh und das sonstige kärgliche Eigen zu besitzen glaubt, man muß, was noch viel stärker auf das Gemüt fällt, Freiheit und Leben für sich und die Scinigen schützen, die fortwährend bedroht sind. Das Weib ist dassjenige Kampfziel, das die Leidenschaft der Männer am heißesten erregt. Begierde, Mißtrauen, Furcht und Streitlust sind darin unerschöpflich, zum Kampfe zu reizen. In einer unendlichen Folge von Abwehr und Angriff, von Sieg und Niederlage setzen sich endlich die stärksten Stämme durch, sie unterwerfen sich nach und nach die schwächeren Nachbarn, große Reiche entstehen und vergehen, endlich gelingt es den Siegern höchster äußerer und innerer Kraft, dauernde Herrschaften zu begründen, feste Staaten werden aufgerichtet, Völkerschaften und Völker wachsen auf. Durch den Erfolg von Siegen und Siegen sind über den Volkstrümmern der alten Blutsgemeinschaften ausgedehnte gesellschaftliche Gewaltverbände entstanden. Nun finden die Anlagen, die in der ursprünglichen Enge keine Nahrung hatten, den Boden reicher Entwicklung. Die Spannung des Kampfes, der auf Tod und Leben geht, kann nicht anders wirken, als daß sie die höchsten Anstrengungen aufruft, der Triumph des Sieges bringt ihnen Blüte und Frucht. Das mächtig gewordene Volk wird sich sodann seiner zurückgehaltenen Bedürfnisse bewußt; es erholt sich an den Besitztümern der Unterworfenen und mehrt seinen Reichtum, indem es diese für sich arbeiten läßt. Der Trieb der Volksvermelirung wird nicht mehr durch die Not nach außen abgelenkt, mit der Volkszahl mehrt sich die Volkskraft. Von aller knechtliekeii Arbeit entbunden, einzig auf das Werk des Kampfes gewiesen, der seinen Herrensinn erhebt, gewinnt das Siegervolk Laune und Muße zu höheren Betätigungen. Die entstehende Siegerkultur, die sich zuerst in äußerer Pracht gefällt, wendet sich bei den Edelvölkern bald ins Innere, geistige Bedürfnisse werden wach, durch welche die geistigen Kräfte angeregt werden, die Finsternis eines kindlichen Aberglaubens wird erhellt, der befreite Geist fängt an, zu den Erfahrungen, die er sammelt, auch die Deutungen zu suchen, nach denen es ihn drängt. Der Weg aus dem Engen ins Weite führt zugleich aus dem Dunkeln ins Helle, dem Werke der Staatengründung verbindet sich das Werk der Kulturbegründung. Hinter diesen beiden gesellschaftlichen Werken treten in den geschichtlichen Anfängen alle andern weit zurück, an ihnen bilden sich die großen gesellschaftlichen Kräfte, die sich in die herrschenden Mächte der Zeit umsetzen. Krieger und Priester, oder wie man sie späterhin nennt, geistliche und weltliche Große, Adel und Geistlichkeit, werden die Machthaber dieser Epoche.

Jede der folgenden Epochen ist durch besondere gesellschaftliche Werke ausgezeichnet, wie sie durch die Bedürfnisse und die Kraft der Zeit herausgefordert und ermöglicht sind. Eine Geschichtschreibung großen Stils wird die Epochen, die sie unterscheidet, nach den gesellschaftlichen Werken abgrenzen, die ihnen eigentümlich sind. Jede Epoche mißt die Größe ihrer Führer an dem Erfolge, mit dein diese das Werk der Zeit fördern. Begabungen, die unter andern Verhältnissen unfruchtbar geblieben wären, schütten, wenn ihre Stunde da ist, ihren vollen Reichtum aus. Was an gesellschaftlichen Kräften verfügbar ist, wird in den Dienst der Führer der Zeit gezwungen oder stellt sich begierig selber in ihren Dienst. Durch die gesellschaftlichen Erfolge gehoben, die sich an ihren Namen knüpfen, treten die neuen Führer mit in die Reihe der Machthaber ein, während die Macht der Mächtigen von früher mehr und mehr verblaßt.

7. Die beiden Grundtendenzen des gesellschaftlichen Wachstums

Innerhalb des gesellschaftlichen Wachstums sind zwei Tendenzen zu bemerken. Die erste ist die Tendenz zunehmender Schichtung; die Gesellschaft wird immer reicher an Abstufungen deT Überordnung und Unterordnung, und die Dißtanzen von den obersten zu den untersten Stufen werden immer größer, weil sich die neu geschaffenen materiellen und geistigen Werte zunächst bei den Machthabern sammeln, während die unteren Schichten an den Fortschritten geringeren Anteil haben oder gar ausgeplündert und herabgedrückt werden. Das Liebt der aufgehenden Kultur trifft zuerst die Spitzen der Gesellschaft, die Tiefen bleiben zunächst im Dunkeln, und bei vielen Völkern bleiben sie es für immer. Ist wohl heute schon irgend ein Kulturvolk so weit, daß seine geschieht lieh herabgedrückten Schichten alle wieder zu menschenwürdiger Höhe erhoben sind ? Immerhin, eine Tendenz in dieser Richtung besteht bei jedem kräftigen Volk, es ist dies die zweite Tendenz des Wachstums, die wir wahrnehmen, die Tendenz der aufsteigenden Klassenbewegung, um sie mit dem Namen zu bezeichnen, den ihr ein geistvoller Denker in Rücksicht auf die modernen Verhältnisse gegeben hat. Starke Völker sind von so gesunder Kraft, daß ihre unteren Schichten dem Drucke von oben Widerstand zu leisten vermögen, so daß ßie ihm nicht völlig erliegen, sondern sich, wenn auch verspätet und langsam, das Gute zu eigen machen, wie es ihnen durch die neu geschaffenen materiellen und geistigen Werte der oberen Schichten vermittelt wird. Der verständige Machthaber erkennt ja selber das Interesse, das er daran hat, die Volkskraft zu steigern, um sic besser zu nützen, der Machthaber großen Sinnes hat übrigens immer auch ein starkes Volksgefühl. Wenn auch die Massen durch lange Epochen der Geschichte hindurch an der öffentlichen Macht keinen Anteil haben, so geben ihnen der Friede und das Aufblühen der Arbeitskünste doch die Möglichkeit, in gesellschaftlicher Wechselhilfe ihr privates Werk weiterzubilden.

In stiller Arbeit mit unverdrossener Bemühung hat Bauernkraft, wo es nur anging, die Wälder gerodet und den Boden urbar gemacht, und hat Bürgerfleiß die Städte gefüllt und bereichert. In der Epoche der Gegenwart wird das Antlitz der Erde durch die Regsamkeit der führenden wie der ausführenden industriellen Arbeiter technisch umgewandelt. Alle diese stillbereiteten ansteigenden Massenkräfte haben sich zu ihrer Zeit in gesellschaftliche Macht umgesetzt oder werden sich in sie umsetzen, erst als Widerstand wirkend, zum Schlüsse aber auch als mittätiges Element der Führung wirksam. Damit wird der Boden für eine neue Geschichtsepoche gelegt.

8. Das wirtschaftliche Werk in der Gesellschaft, der Irrtum der materialistischen G eschichtsauf fassung

Erst in der Gegenwart ist das Wirtschaften in die vordere Reihe der gesellschaftlichen Werke aufgenommen worden. Die längste Zeit hindurch war die Gütererzeugung, weil örtlich gebunden, eine private Angelegenheit geblieben. Das stärkste Hindernis ihrer gesellschaftlichen Entwicklung war die Entfernung; nicht nur weil die Erzeugnisse die Kosten der mühevollen Transporte nicht bezahlten, sondern ebensosehr, ja mehr noch deshalb, weil die produktiven Kräfte nicht genügend beweglich waren. Man konnte die Menschen, die man brauchte, nicht zur Stelle schaffen, und die Kapitalien waren noch zu spärlich angesammelt, um sie weithin auszubreiten. Die materialistische Geschichtsauffassung lehrt, daß das Wirtschaften von Anfung an die allgemeinste menschliche Angelegenheit sei und daher von Anfang an die leitende gesellschaftliche Angelegenheit sein müsse. Dies ist ein Mißverständnis. Das allgemeine Werk ist als solches nicht auch schon ein gesellschaftliches W erk, wenigstens nicht ein gesellschaftliches Werk im entscheidenden Sinne der Werkgemeinschaft. Was alle machen, müssen sie nicht auch gemeinsam machen. Solange ein Nachbar neben dem andern sein Feld bebaut, bleibt die Bodenkultur eine private Sache, die ihren gesellschaftlichen Einschlag nur dadurch erhält, daß einer vom andern lernt; dieses parallele Vorgehen hebt aber ihren privaten Grundcharakter noch nicht auf. Auch das Ineinandergreifen der Arbeitsteilung, wie ca bei genügender Entwicklung der Privat betriebe eingerichtet wird, nimmt diesen ihren Grundcharakter noch nicht, jeder Produzent und Geschäftsmann bleibt doch selbständig. Erst der Großbetrieb schafft wirkliche Werkgemeinschaften. Vielleicht wird die weitere Entwicklung des Großbetriebes zur allgemeinen volkswirtschaftlichen Werkgemeinschaft führen, wie es der Sozialist fordert. Darübet wird der Erfolg entscheiden, vorerst ist man noch nirgends so weit, immerhin wird heute das Wirtschaften soweit gemeinsam empfunden, daß es das Solidaritätsgefühl weiterer Kreise anregt, und da die Wirtschaft außerordentliche Reichtümer ansammelt. ist es zu verstehen, wenn sie beginnt, ihre Kräfte in gesellschaftliche Macht umzusetzen.

Nach einer besonderen Richtung hat das wirtschaftliche Interesse schon von Anfang an schwerwiegenden gesellschaftlichen Einfluß geübt, es ist von Anfang an eine der Wurzeln des gesellschaftlichen Kampfes gewesen. Vom Anfang an wurde der Kampf um den Besitz geführt, so wie der noch folgenschwerere um die Freiheit des Arbeiters, an dessen Stelle nachher, als endlich die persönliche Freiheit des Arbeiters bei den Kulturvölkern vom Rechte gewährleistet war, der Kampf um die Freiheit der Arbeit tritt. Im politischen Kampfe ging es und geht es im weiten Umfange um wirtschaftliche Interessen; ebenso in den Bürgerkriegen und ebenso in den äußeren Kriegen. Vielleicht wäre der Weltkrieg gar nicht entbrannt, wenn zu den nationalen Befürchtungen und Empfindlichkeiten, die an seinem Ausbruch Schuld tragen, nicht noch wirtschaftliche Begehrlichkeit und Besorgnis.se hinzugetreten wären. Sicherlich ist das wirtschaftliche Interesse nicht das einzige Kampfinteresse. Es geht nicht an, wie es im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung liegt, die Kämpfe um die Staatengründung grundsätzlich als wirtschaftliche Kämpfe zu bezeichnen, noch weniger geht es an, das Werk der Staatengründung als solches rein aus dem wirtschaftlichen Interesse abzuleiten. Vollends beim Werke der Kulturbegründung kann der wirtschaftliche Charakter gar nicht in Frage kommen.

9. Die geschichtlichen Wachstumsperioden und die persönlichen Altersstufen

Das Nacheinander der Werke, denen sich die Gesellschaft zuwendet, das Nacheinander der Schichtungsstufen, über die sich die gesellschaftlichen Werke ausbreiten, erstreckt den Prozeß des geschichtlichen Wachstums auf lange Zeitperioden. Jedes gesellschaftliche Werk fordert und zeitigt auf jeder seiner Stufen einen wohl angepaßten Machtapparat, der Aufbau dieser Machtapparate braucht wieder seine gemessene Zeit, zumal er immer den Widerstand der Machtorganisationen zu überwinden hat, die bei dem vorhergehenden Werke ihren Dienst zu leisten hatten, wie er ja auch seinerseits bestrebt sein wird, sich über sein Werk hinaus weiter zu behaupten. Wenn mehrere gesellschaftliche Werke gleichzeitig zu vollziehen sind — und das wird umso ausgiebiger geschehen, je reicher die verfügbaren Kiäfte geworden sind — so werden sich ihre Machtorganisationen gegeneinander auszugleichen haben, was oft erst nach langen Kämpfen glücken mag. Der langdauernde Kampf zwischen Staat und Kirche, der vom Mittelalter her die Jahrhunderte bis in die Neuzeit hinein füllte, ist aus dem Widerstreit der Maehtorganisationen entsprungen, die innerhalb der romanisch-germanischen Völker für die beiden Werke der Staatenbildung und der Kulturentwdcklung aufgebaut wurden. Kirche und Staat waren durch ihre Erfolge stark geworden, und beide setzten alles daran, die dominante Macht zu werden.

Die Anlagen jedes Volkes sind begrenzt und auf die Dauer mögen daher selbst die Kräfte des begabtesten und aufs glücklichste gestellten Volkes ausgeschöpft werden. Dann wird die Entwicklung stillestehen, und da im Wettbewerb der Völker Stillstand Zurückbleiben ist, so wird das zurückblcibondc Volk vielleicht andern, frischeren zur Beute ausgeliefert sein. China gibt uns dafür ein Beispiel. Das Stillestehen eines Volkes kann aber auch anderswo seinen Grund haben, als in der völligen Erschöpfung seiner Kräfte, es kann im Mißverhältnis der Volksmächte begründet sein, indem eine übermächtig gewordene Oberschicht die noch nicht ausgereiften Kräfte der unteren Schichten niederhält, w ährend sie doch selbst neuen Aufschwungs nicht mehr fähig, wTeil in sich erschöpft ist. Wachstum der gesellschaftlichen Kräfte und Schichtung der gesellschaftlichen Mächte sind zwei Erscheinungen, die man streng auseinanderhalten muß. Gewöhnlich pflegt man nur den ersteren Verlauf zu beachten, der uns leichter zugänglich ist, weil er im Wachstum der persönlichen Kräfte seine Analogie hat, der zweite verdient aber die Aufmerksamkeit des gesellschaftlichen Forschers in viel höherem Grade, denn aus ihm entstehen die eigentümlichsten und dunkelsten gesellschaftlichen Probleme. Der Baum im Walde wächst anders empor als der freistehende Baum; er wird durch die umgebenden Bäume beeinträchtigt und wird vielleicht verkümmern, wenn er zu schwach ist, er muß in die Höhe streben, um nicht von Luft und Licht abgeschnitten zu werden, und ist daran behindert, eine reiche volle Krone anzusetzen, dafür ist er gegen die Gefahr des Windbruchs besser geschützt. Ebenso wirkt die Einordnung in die Machtschichtung der Gesellschaft bald fördernd, bald drückend auf das Wachstum der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Die Überschichtung durch eine höhere Macht mag das Wachstum der unteren Schichten schützend fördern, mag es aber auch aufhalten und zerstören. Jede Änderung in den Verhältnissen der Schichtung wird darum immer auch auf das Wachstum der Kräfte wirken, sie mag den Druck nach unten verstärken, sie mag aber auch zurückgehaltene Kräfte befreien. Die Überschi eh tung der untertänigen Bauern war so drückend, daß sie die alte Bauernkraft, die geschichtliche Wurzel der Volkskraft, aufzureiben drohte. Das Werk der Bauernbefreiung, das die fürstlichen Regierungen begannen und die Revolutionen vollendeten, hat dem Bauerntum und damit dem Volkstum die Bahn seiner natürlichen Entwicklung wiederum eröffnet. Das Proletariat erwartet von seiner Befreiung die gleiche Wirkung.

Wie die einzelne Macht unter dem Drucke des Mißerfolges abbröckelt oder zusammenbricht, wenn die Kräfte versagen, die ihr den Ursprung gaben, oder wenn sie von einer höheren Macht überwältigt wird, so kann auch der volle gesellschaftliche Verfall seinen Grund in den beiden Tatsachen des inneren Kräfteverfalls und der Überschichtung haben. Die aus beutenden Übermächte, die sich an den großen Kräften des Volkes versündigen, müssen immer zum allgemeinen Verfalle führen, die gesellschaftlichen Spitzen müssen einstürzen, wenn die tragenden Schichten nachgeben. Die stolzen Herrenvölker, welche die Geschichte dos alten Asien gemacht haben, sind heute nach Menschenzahl, Besitz und Bildung auf den Stand ihrer Frühepochen rückgebildet und zählen geschichtlich nicht mehr mit. Ein guter Teil ihrer Kräfte ist freilich in greuelvollen Kriegen aufgerieben worden, aber bei allen hat die Überschichtung der Macht ihren wesentlichen Anteil am Verfalle gehabt.

Verfall eines Volkes bedeutet noch nicht seinen vollen Untergang. Zum vollen Untergang eines Volkes kommt es überhaupt mm selten, er wird eigentlich nur im Vernichtungskriege bereitet, und der Vernichtungskrieg im vollen Sinne wird nur solche Völkerschaften aufzehren, die, wie die Goten in Italien oder die Vandalen in Afrika, als eine ganz dünne Oberschicht ausgebreilet sind und ihre Herrschaft in barbarischem Heldenmut fast bis auf den letzten Mann verteidigen. Von solchen Ausnahmsfällen abgesehen, erleidet kein Volk den körperlichen Tod. Und man darf cs auch nicht als seelischen Tod deuten, wenn ein Volk durch die Vermischung mit andern sein Sonderdasein endigt. Der Untergang des römischen Reiches bedeutete nicht auch den Untergang der ganzen römischen Bevölkerung, sowenig etwa wie die Unterwerfung des Sachsenreiches in England durch die Normannen den Untergang des Sachsen Volkes bedeutete. In dem einen wie, in dem andern Fall haben die Besiegten zwar ihre Volksindividualität verloren, sie haben aufgehört selbständig zu sein, und mußten sich die Überschichtung durch eine fremde Macht gefallen lassen, aber wie die Sachsen in England auch in der Verschmelzung mit den Normannen ein lebenswichtiges Element des englischen Volkes blieben, so gilt dies auch für die römische Reichsbevölkerung, die bei der Versclmelzung mit den germanischen Siegern diesen sogar ihre Sprache aufzudrängen vermochte und außerdem einen ansehnlichen Rest ihrer Kultur in das folgende Zeitalter hinüberrettete, den die ältere Geschichtschreibung wohl um vieles zu niedrig angeschlagen hat. Diese Übertragung von Sprache und Kultur, wie sie vom untergehenden römischen Reiche auf die emporstrebenden Barbarenreiche stattfand, hatte einen noch viel reicheren Gehalt als der Kulturprozeß der Renaissance. Die Renaissance war eine bloße Übertragung der Ideen, die Humanisten verfeinerten ihr Latein, indem sie sich in Cicero vertieften, und die Bildhauer und Architekten lernten an den neuausgegrahenen römischen Vorbildern, dagegen ließ der Untergang des römischen Reiches, mit so großen Opfern an Volkszahl er auch verbunden war, doch eine den zugewanderten Siegern überlegene Zahl von Einwohnpm übrig, die als persönliche Träger der alten gesellschaftlichen Kulturkräfte tätig waren und durch die Überlegenheit iiirer Kultur Einfluß üben konnten, auch wenn sie ihre äußere Machtstellung verloren hatten. Dadurch, daß sie die Kirohe und das Papsttum für sich hatten, fanden sie übrigens sogar den Zugang zu den herrschenden Mächten der Zeit.

Die hier vorgetragene Auffassung vom geschichtlichen Wachstum deckt sich mit der üblichen Auffassung nicht. Es ist üblich, das Gesetz des gesellschaftlichen Wachstums vom persönlichen Wachstum herzunehmen und demnach in der Gesellschaft die gleichen drei Altersstufen der Jugend, der Mannheit und des Greisentums zu unterscheiden, wie im persönlichen Leben. Man folgt dabei derselben anthropomorphen Anschauung des gesellschaftlichen Lebens, durch die man sich auch sonst dessen zusammengesetzte Bildungen unter dem einfacheren und vertrauteren Bilde der persönlichen Lebensakte näherzubringen sucht. So faßt man z. B. die Akte, durch welche das Handeln innerhalb der Gesellschaft bestimmt wird, als gesellschaftliche Willensentschcidungen auf, von denen man annimmt, daß sie ganz im Sinne der persönlichen Willensentscheidungen ablaufen, mit dem einzigen Unterschied, daß sie, statt von einem einzelnen Subjekt, von Tausenden oder von Millionen zusammen vollzogen werden, ln der Tat verläuft die gesellschaftliche Willensbildung, worüber an anderer Stelle ausführlicher zu sprechen sein wird, in der Weise, daß der Wille der Masse der Teilnehmer entweder geradezu ausgeschaltet oder doch auf eine so untergeordnete Mitwirkung beschränkt wird, wie sie niemals genügen würde, um einen persönlichen Willensakt zu begründen. Ebenso geht auch vom persönlichen Wachstum ein großer und vielleicht der größte Teil ins gesellschaftliche Wachstum nicht über. Dus Greisenalter zieht sich mit seiner schwindenden Kraft vom gesellschaftlichen Werke nach und nach zurück, alles in allem ist doch nur die Mannheit gesellschaftlich tätig, das ganze persönliche Wachstum der «Jugend fällt gesellschaftlich aus, es bringt die Gesellschaft nicht weiter, sondern bringt nur die Jugend einmal so weit, daß sie gesellschaftlich mittun kann. Das Wachstum der Jugend ist für das gesellschaftliche Wachstum nur dann von Bedeutung, wenn die Jugend aus den neuen Verhältnissen, in denen sie groß wird, zu neuen Bewegungen gestimmt wird, in der Hauptsache aber holt die Jugend zunächst einmal die vorausgegangene gesellschaftliche Entwicklung nach. Wie der menschliche Embryo dem ontogenetischen Grundgesetz zufolge die Formen wiederholt, in denen sich die Entwicklung der Gattung vom einfachsten Lebewesen bis zum Menschen vollzogen hat, so wiederholt der jugendliche Geist in seinem Wachstum die Gestalten, die der menschliche Geist geschichtlich durchzumachen hatte; der Knabe lebt zuerst spielerisch dabin, dann gefällt er sich mit leidlos an den wilden Grausamkeiten des Indianers, später wendet sich sein Sinn ins Abenteuerlich-heroische, in einer gewissen Spannung der Entwicklung schwelgt er in. der Inbrunst des Glaubens, um nachher hochgespannten Idealen nachzujagen, bis der Geist der großen Zahl der Herangewachsenen endlich ernüchtert im Hafen der wirtschaftlichen Klugheit landet. Das gesellschaftliche Wachstum ist dagegen durchaus nicht die Wiederspiegelung des persönlichen, immer wird nur ein Teil der persönlichen Kräfte auch der Mannheit zum gesellschaftlichen Werke aufgerufen, der Rest bleibt dem persönlichen Leben Vorbehalten.

Der zum gesellschaftlichen Werke aufgerufene Teil ist in zwei eng verwobene Prozesse eingestellt, nämlich die Entwicklung der Kräfte durch ihre Übung und die Umsetzung der Kräfte in gesellschaftliche Macht. Dieser zweite Prozeß hat im persönlichen Leben überhaupt keine Analogie, und auch der erstere wird gesellschaftlich ganz eigentümlich verschoben, denn er vollzieht sich, wie wir wissen, schichtenweise oder stufenweise, wofür das persönliche Wachstum gleichfalls keine Analogie , hat. Kein Volk, das sich entwickelt, wächst in allen seinen Schichten gleichmäßig, die obersten Schichten mögen schon abgelebt sein, während die mittleren und unteren noch in unverbrauchter Frische aufsteigen oder aber vorzeitig gehemmt und rückgebiklet werden. Ein Volk, das sich entwickelt, wird in seinen verschiedenen Schichten immer verschiedenen Alters sein, sofernc man die persönlichen Abstufungen der Lebensalter überhaupt auf seine Verhältnisse übertragen darf. Nur für die Stufen der frühesten Anfänge und vielleicht auch der letzten Vollendung, wenn es sie jemals erreichen sollte, dürfte man das ganze Volk einer und derselben Altersperiode angehörig denken. Die Reifezeiten von Rittertum und Bürgertum sind bei den Völkern des Abendlandes wreit voneinander getrennt, die des Proletariates ist überhaupt noch nirgends in Sicht. Selbstverständlich wdrd dabei doch vermöge des allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhanges jede Stufe immer vom Stande der andern mit beeinflußt sein, es mag daher eine Volksschicht, die schon stillestand, von einer andern, die weiter strebt, neue Anregungen empfangen. Daher zeigt jede Volksgeschichte die Erscheinung wiederholter Pubertät, die das persönliche Wachstum nicht kennt, oder wenn wir Goethe folgen dürfen, nur bei Persönlichkeiten von ganz besonderer Stärke kennt.

Wie ist man wohl dazu gekommen, die Wachstumperioden der Völker mit denen des persönlichen Lebens gleichzustellen? Man hat es immerhin nicht ganz ohne einigen Grund getan. Die geschichtliche Betrachtung zeigt hei den Völkern manche Ähnlichkeiten zur Persönlichkeit, die ja freilich nicht ausreichen können, um die Idee des Wachstums auf die Völker voll zu übertragen. Vor allem ist das Reifen der Völker dem persönlichen Reifen nahe, wenn auch die Zeiträume, die es füllt, ungleich ausgedehnter sind. Wie jedes Individuum bringt jedes Volk eine gewisse Ausstattung von Anlagen mit, die nach und nach zu Blüte und Frucht gedeihen, bis sie endlich ausgeschöpft sein müssen. Bei Völkern, die durch ihre Anlagen dazu berufen sind, Geschichte zu erleben, aber noch nicht recht in ihre Entwicklung eingetreten sind, erhält man ohne allen Zweifel den Eindruck jugendlichen Wesens, das auch den Männern und selbst den rüstigen Greisen noch das erfrischende Gefühl verhaltener Kraft leiht; daneben zeigt uns die Wahrnehmung wieder andere Völker, denen jede Anlage zui Geschichte fehlt und die von ihrer Frühzeit an greisenhaft welk sind, und ebenso gibt es Zustände des gesellschaftlichen Verfalles, wo schon die jungen Leute Drang und Hoffnung vermissen lassen. Nicht jedes Volk indes erlebt solchen Verfall. Sowenig ein Volk, sich in immer frischen Geschlechtern erneuernd, körperlichen Tod erleidet, sowenig erleidet das starke Volk jenen Verfall der Kräfte, der dem Tode vorausgeht. Seine Kraft ausschöpfen, heißt für das Volk nichts anderes, als seine Anlagen bis zu Ende ausbilden, so daß es in seiner Entwicklung stillesteht. Dazu, daß die gesellschaftlichen Kräfte im eigentlichen Sinne verfallen, müßten ganz besondere Ursachen tätig sein. Dieses Schicksal droht insbesondere den obersten Schichten, die sich in den übermäßigen Anstrengungen des Krieges, der ihnen obliegt, oder auch der geistigen Arbeit verzehren, der sie sich leidenschaftlich hingeben, oder die im Übermut der Ausschweifungen entarten; den Massen droht es, wenn sie in dumpfe Not und Sklaverei herabgedrückt sind. Wo aber sich unter der Decke der welkenden Oberschicht die Masse kernhaft gesund erhält, wird beim Aufstieg ihrer Schichten das Volk eine neue Mannheit und selbst eine neue Jugend erleben. Von den meisten der Völker des Altertums haben wir durch die antiken Geschichtschreiber nur die Zustände der obersten herrschenden Schicht geschildert erhalten, die uns als geschichtlichen Abschluß den Eindruck des Verfalles geben. Allerdings bestimmt die Geschichte der Oberschicht im großen Maßstab die der Massen mit, aber sie entscheidet sie keineswegs endgültig. Wenn die herrschende Schicht erschöpft ist, werden die Reiche zusammenbrechen, die nur durch ihre Kraft gehalten waren, und die Massen werden unter unendlichen Leiden mit in den Sturz hineingezegen werden, dennoch wird die Lebenszähigkeit der Massen noch folgenden Jahrhunderten neues Wachstum und reichen Inhalt geben können. Immer wieder müssen wir darauf zurückkommen, daß die Entwicklung der Völker sich in ihren Schichten stufenweise vollzieht. Der Geschichtschreiber wird seiner Aufgabe niemals genügen, wenn er die Entwicklung eines Volkes in dem einfachen Zuge persönlicher Entwicklung darstellen will. Er muß mit der größten Aufmerksamkeit den Wendungen folgen, iu denen die herrschenden Schichten zur Herrschaft aufsteigen, in denen der Druck der Oberschichtung die Massen niederhält, und in denen hinwieder die Massen, wo sic dazu stark genug sind, durchbrechend ihre gesammelte Kraft zu neuer Blüte entfalten.

Bei den Völkerschaften des Altertums kann man die Kulturentwicklung fhsofeme als ein ungeteiltes Ganzes nehmen, weil sie bei ihnen von einer einzigen Kulturschicht getragen ist. Die Kultur der Athener ist von der dünnen Schicht der Vollbürger getragen, die über den Halbbürgern und Unfreien aufgebaut war. Bei den modernen Völkern dagegen ist auf ihren Höhen die Kulturschicht nirgends in rechtlicher und tatsächlicher Schärfe vom übrigen Volke abgesondert und darum geht es nicht an, die Kulturgeschichte und auch die allgemeine Geschichte der modernen Volker im gleichen ungebrochenen Zuge darzustellen, wie die der Antike. Ihre Vielgestaltigkeit läßt sich nicht auf den einfachen Umriß persönlicher Entwicklung zurückführen. Um die Innigkeit nachzufühlen, die in deutscher Musik und deutscher Lyrik ausklingt, muß man die Frömmigkeit und den Frieden verstehen, mit dem das deutsche Bürgerhaus sich vom äußerlichen Treiben der Höfe und des Adels abhebt, worüber man doch wieder die Vorgeschichte nicht übersehen darf, in welcher der Fürst und die Ritterschaft die kraftvollen Vorkämpfer und Vorbilder des Volkes waren. So liefert eine Zeit und Schicht nach der anderen die Züge, die den Charakter des Volkes zeichnen.

Wir unsererseits werden unsere Untersuchungen durchaus auf «len gesellschaftlichen Gesichtspunkt einstellen. Vom Persönlichen werden wir dabei gewiß nicht absehen können, aber wir werden es nur insoweit einbeziehen dürfen, als cs eben die notwendige Unterlage des Gesellschaftlichen ist. Wir werden es daher nur dann berücksichtigen, wenn es dazu befähigt ist, gesellschaftliche Wirkung zu üben. Wir werden nicht glauben, daß wir die geschichtliche Entwicklung aus dem Streben des persönlichen Wachstums allein verstehen können, sondern wir werden immer darauf aufmerksam sein, auch die äußeren Umstände mit zu bedenken, die den wachsenden Kräften des Innern die gesellschaftlichen Bahnen eröffnen oder verschließen. Wenn wir in den Anfängen harte Gewalt entscheiden sehen, so werden wnr diese nicht schlechthin aus der Unreife der Völkerjugend erklären, sondern wir werden sie vor allem aus der Härte der Widerstände ableiten, die in den Anfängen zu überwinden sind. Wenn wir späterhin weichere innere Mächte immer reicher aufwrachsen sehen, so werden w ir diese wiederum nicht schlechthin auf die gewonnene Volksreife oder etwra auf die Alterserschöpfung des Volkes zurückführen, sondern wir werden in Rechnung stellen, welch unendliche Hilfe der erreichte Zustand äußeren Friedens und Reichtums dazu geben muß, die lange zurückgehaltenen zarteren Regungen zu entfalten und die erwartungsvollen Seelen endlich einmal ganz zu lösen. Wir werden immer auch noch die Nachwirkungen in Rechnung zu stellen haben, welche die einmal befestigte Macht nach flieh zieht. Solange ihr keine neuen Kräfte entgegentreten und sie in ihrer eigenen Kraft etwa abbröckelt und verfällt, hat die einmal befestigte Macht einen Vorsprung, durch den sie sich weiterbehaupten mag. Wenn neue starke Kräfte emporkommen, so wird sic ihnen endlich weichen müssen, aber nichtsdestoweniger kann sie ihnen als Vorstufe gedient haben, und dieser Dienst tritt dann ganz klar hervor, wenn sie sich aus sich selber im Sinne der neuen Verhältnisse wandelt. In beiden Fällen baut sich die neue Macht aus den Erfolgen der alten auf. Mögen auch die beiden Richtungen sich kreuzen und verwirren, so wird der Blick des gesellschaftlichen Forschers doch die Gesamtlinie der Entwicklung erkennen. Sein gerechtes Urteil stellt fest, daß die harte Gewalt, die den Staat begründet hat, dazu notwendig war, um den Volksboden für die Freiheitsmächte zu schaffen. Die politische Leidenschaft denkt niemals weiter hinaus oder zurück, sie hält sich an die Gegenwart, und vielleicht kann es nicht anders sein, wenn das Werk der Gegenwart getan werden soll. Die fortgeschrittenen Parteien der Gegenwart heben die kühnen Führer des Freiheitskämpfer auf den Schild und wenden sich in Spott und Zorn wider die Gewalthaber; sie tun es mit Recht, wenn die Stunde der Freiheit wirklich da ist, mit gleichem Recht haben aber damals, als das Werk der Staatengründung harte Gewalt forderte, die besten Männer sieb an den Höfen der siegenden Fürsten gesammelt, um ihnen zu dienen. Zum Teil haben sie es wrohl um des äußeren Erfolges willen getan, die echten unter ihnen haben es jedoch aus Überzeugung getan, in dem Bestreben, mit am Werke, am Fortschritte der Zeit zu arbeiten. Vielleicht hat der eine oder der andere sogar den Blick dafür besessen, um zu erkennen, daß der weitere Fortschritt zur Freiheit führen müsse. Volle Anerkennung gebührt aber auch schon jenen Männern, die nichts weiter im Sinne hatten, als dem Werke der Zeit genug zu tun, ohne sich erst Rechenschaft darüber zu geben, daß dieses Werk sich späterhin wrandeln werde und müsse.

Gesunde Völker haben die Kraft, durch alle Wege der Entwicklung hindurch zum guten Ende zu kommen, wenn sich nur ihrer Kraft auch ein günstiges Geschick gesellt. Die schwrachen und vom Schicksal verfolgten Völker bleiben nuf dem Wege liegen, sie vermögen es nicht, die Gegenkraft aufzubringen, um die Übermacht der alten Gewalten zu brechen, oder dem Einbrüche starker Völker zu begegnen.

10. Das utilitarische Prinzip in der Gesellschaft

Aus dieser Betrachtung erhellt, daß die Macht, die im gesellschaftlichen Erfolge ihren Ursprung hat und mit ihm wächst, doch keineswegs ohneweiters den höchsten gesellschaftlichen Nutzen verbürgt. Tn der gesellschaftlichen Entw icklung ist das utilitarische Prinzip, das Prinzip höchsten gesellschaftlichen Nutzens nur unter gewissen Bedingungen verwirklicht zu finden, die so gestellt sind, daß sie ausschließlich für die Völker höchster Kraft und Lebenszähigkeit zutreffen und daß selbst für diese die Entwicklung erst stufenweise gelingen kann. Gesellschaftlicher Erfolg ist jeder Erfolg innerhalb der Gesellschaft, auch ein solcher, der von einer einzelnen Gruppe auf Kosten der Masse errungen wird. Das Gesetz der kleinen Zahl ruht auf dem gesellschaftlichen Erfolg kleiner Gruppen, der gesellschaftliche Erfolg kleiner Gruppen kann sich aber zu vollem gesellschaftlichen Erfolg erheben, wenn die neue Kraft, die durch die kleine Gruppe zunächst in ihrem Interesse gebildet ist, aus ihren Händen in die Verfügung der ganzen Gesellschaft hinübergeleitet wird. Erst einigt der Fürst das Volk und nützt es für sich; sobald jedoch das Volk sich in der gesicherten Ordnung des Fürstenstaates von den Wunden erholt hat, die ihm der Kampf um die Ordnung geschlagen hatte, so schüttelt es, wenn es noch genug Auftrieb in sich hat, den unbequem und kostspielig gewordenen fürstlichen Führer ab und wendet sieb in fortschreitender Entwicklung unter neuen Werkmeistern neuen Werken zu. Es wird seine Erfahrungen zu machen haben, ob es mit den neuen Führern besser fährt. Auch für die entwickeltsten Völker ist das goldene Zeitalter friedsamer allgemeiner Wohlfahrt noch ferne, das Ziel höchsten gesellschaftlichen Nutzens ist noch nirgends erreicht, und wir müssen in bangem Zweifel sein, ob sich heute schon die Linie der Entwicklung erkennen läßt, die zu ihm leitet.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

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Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT

Das Gesetz der Macht

I. ÄUSSERE UND INNERE MACHT

1. Das Gesetz der kleinen Zahl als innerstes Problem der Macht

Bis ins 18. Jahrhundert hat sich die Kraft fast aller Völker des modernen Europa willig dem Gesetze gefügt, das ihnen eine kleine Zahl von Adelsgeschlechtern oder gar ein fürstlicher Alleinherrscher gab. Der eine oder die wenigen herrschten über die vielen, so gut wie unbestritten galt das Gesetz der kleinen Zahl. In der Antike ist es nicht anders gewesen. Im Orient war das Gesetz der kleinen Zahl fast überall bis zur Despotie gesteigert, bei fast allen Völkern gehorchte die oft bis zur Sklaverei herabgedrückte Masse dem Gebote ihrer Herren. Sind Griechen und Römer während gewisser Perioden ihrer Geschichte in sich selber auch frei gewesen, so hat sich gerade durch sie das Gesetz der kleinen Zahl um so strenger in den Herrschaften erfüllt, die sie ausbreiteten. Die kleine Zahl der Römer gab einer Welt das Gesetz.

Das Gesetz der kleinen Zahl ist das merkwürdigste Problem, das uns die Geschichte zur Lösung stellt. Es teilt das Schicksal aller großen Probleme, daß man es die längste Zeit gar nicht als Problem empfunden hat. Es war den Menschen durch Jahrtausende hindurch so selbstverständlich, sich dem Gesetze der kleinen Zahl zu beugen, vor dem es kein Entrinnen gab. daß sie sich gar nicht fragten, wie es denn sein könne, daß die kleine Zahl das Übergewicht über die große Menge habe. Als dann endlich der Gedanke der Volkssouveränität aufkam, gab man sich ihm so leidenschaftlich hin, daß man erst recht nicht fragte, warum er nicht schon immer gegolten habe.

„Das Volk hat geschlafen, aber nun ist es erwacht und von nun an wird die Macht bei den vielen bleiben“,

mit dieser Formel, die ihr von den Rednern des Tages vorgetragen wurde, gab sich die Öffentliche Meinung zufrieden.

Für die proletarischen Denker hat der Gedanke der Volkssouveränität, der ursprünglich von den Denkern des Bürgertums verkündet worden war, erhöhte Bedeutung gewonnen, denn sie erst fühlten sich als die wahren Vertreter der Masse des Volkes. Dennoch würde man es vergebens erwarten, von ihnen über den Sinn des Gesetzes der kleinen Zahl Aufklärung zu erhalten, denn ihnen mußte es ja vor allem daran gelegen sein, gar keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, daß das Volk allein zur Macht berufen sei. Auf dieses Ziel waren die eindringlichen Untersuchungen gerichtet, die sie über die Macht anstellten. Eine solche Untersuchung, realpolitisch auf die Gegenwart berechnet, ist die Rede ,,Übcr Verfassungswesen“, mit der Lassalle seine Agitation eröffnete, der er ebensogut den Titel „Über das Wesen der Macht“ hätte geben können; eine solche Untersuchung, auf den geschichtlichen Werdegang der Macht eingestellt, ist Marxens Lehre von der materialistischen Geschichtsauffassung. Aller Reichtum und Glanz dieser Darstellungen darf uns jedoch nicht darüber täuschen, daß in ihnen ein unerklärter Rest übrigbleibt, ein Rest, der geradezu das Wesentliche des Machtproblems betrifft.

Lassalle nennt am Beginn seiner Rede den König in Preußen als eine der realen Mächte. Damit rührt er an das Problem der kleinen Zahl, aber er geht daran vorbei, ohne sich in Gedanken darüber einzu-lassen. Um so ausführlicher verweilt er bei der realen Macht der Armee. Während er die geschriebene Verfassung Preußens „das Blatt Papier“ nennt, bezeichnet er die Kanonen als „jene so wichtigen Vcrfossungs-grundlagen“, wras in seinem Sinne so viel sagen will, wie ein wesentliches Stück realer Macht. Er klagt die Demokratie auf das heftigste an, daß man im Jahre 1848 seine Zeit damit verloren habe, sich über eine Verfassung zu beraten, statt sich der Kanonen zu bemächtigen, wie man es leicht hätte tun können. War es aber im Preußen von damals wirklich so leicht, sich der Kanonen zu bemächtigen ? Man hätte dies nicht olmeweiters tun können, denn man hätte es zuerst mit den Kanonieren zu tun bekommen, und diese waren damals gut königlich gesinnt. Für das Volk ist die Zeit, sich der Kanonen zu bemächtigen, erst 70 Jahre später gekommen, als der preußische König nach dem Zusammenbruch aufgehört hatte, eine reale Macht zu sein. Wenn der Fürst durch die Waffe herrscht, so herrscht er über sie durch eine innere Macht, die er über die Träger der Waffen hat, diese innere Macht ist die Schlüssel macht zu seiner äußeren Macht. Uns über diese Schlüssel macht Aufklärung zu geben, hat Lassalle gar nicht versucht. Er hat uns daher das Wesen der Macht nicht erklärt, ja er ist nicht einmal so weit gelangt, daß er das innerste Problem der Macht auch nur aufgestellt hätte.

Auch Marx in seiner materialistischen Geschichtsauffassung ist nicht so weit gelangt. Wir werden Marx beistimmen, wenn er sagt, daß in den Jahrhunderten, die der Besiedlung des Landes folgten, der Grundbesitz der entscheidende Besitz war, und wir werden ihm ebenso darin beistimmen, daß in der Zeit der großen industriellen Entwicklung der Kapital besitz entscheidend wurde; wenn er aber dann behauptet, daß in der ersteren Periode Fürst, Adel und Geistlichkeit mächtig sein mußten weil sie über den Grundbesitz verfügten, und daß sodann die Unternehmer mächtig sein mußten, weil sic über das Kapital verfügten, so können wir ihm nicht mehr folgen, denn er hätte uns erst klarmachen müssen, was klarzumachen er gar nicht versucht, wie es kommen konnte, daß sich der entscheidende Besitz von Land und Kapital nicht immer in der Hand der großen Masse befunden habe. Was hat der kleinen Zahl die Schlüssel macht gesichert, durch die sie über den entscheidenden Besitz verfügen konnte ? Darauf kommt es an.

2. Der Sprachbegriff der Macht

Lassalle und Marx konnten sich, ebenso wie zu ihrer Zeit die Denker der bürgerlichen Freiheitsbewegung, dem Problem der Macht nicht nähern, weil ihnen ein klarer Begriff der Macht fehlte. Sie alle standen im Banne des gemeinen Sprachgebrauches, in welchem der Gedanke der äußeren Macht voransteht, wie diese durch die große Zahl, durch Waffen oder Reichtum erworben wird. Und doch hätte der Sprachgebrauch eines Besseren belehren können. Denn im Worte Macht, wenn man ihm auf den Grund geht, ist der tiefste Sinn der Machterscheinung beschlossen, der die innere Macht mitumfaßt. Das ist der unschätzbare Vorteil, den alle Wissenschaft vom inneren Erleben des Menschen vor den Naturwissenschaften voraus hat, daß für sie der Sprachgebrauch, wenn er nur recht gedeutet wird, der untrügliche Weiser bis in die letzte Tiefe der Erscheinung ist. Die in der Volkssprache niedergelegte Naturbeobachtung ist die Beobachtung des Laien, die von der Naturwissenschaft weit überholt ist; deshalb vermeidet es der methodisch geschulte Naturforscher mit Recht, dem Sinne der Worte der Volkssprache nachzugrübeln, für welche die Sonne immer noch aufgeht und untergeht; Ernst Mach, der ausgezeichnete Methodiker der Physik, will selbst den Sprachbegriff der Kraft nicht mehr gelten lassen. In Rücksicht auf die inneren Erlebnisse des Menschen ist dagegen das Volk mit seinen Aussagen nicht Laie, seine Aussagen sind Kronzeugnisse, als die Aussagen derjenigen, die dabei gewesen sind. Der strengste gesellschaftliche Denker wird den Sprachbegriff der Macht gelten lassen müssen, er wird ihn nicht nur gelten lassen müssen, sondern er wird erst seinen Sinn ganz auszuschöpfen haben, bevor er sich der Machterscheinung zu wenden kann, deren Umfang und Gehalt ihm der Sprachbegriff aufschließt.

Wie alle Urwörtcr der Sprache, die sich auf menschliche Dinge beziehen, hat auch das Wort Macht einen schillernden, verwirrenden Reichtum an Sinn. Man versteht es, wenn Max Weher den Machtbegriff amorph nennt. Was wird nicht alles an äußerer und innerer Macht ausgesngt und von welchen verschiedenartigsten Trägern wird es nicht ausgesagt! Die Träger der äußeren Macht sind meist Personen, entweder Einzelpersonen oder Personengruppen, wie der Fürst, die Adelsgeschlechter, das Volk und seine Parteien, der Staat; innere Macht wird nur in selteneren Fällen auf bestimmte Personen bezogen, wie es z. B. geschieht, wenn man dem großen Rcligionsstifter oder der Kirche Macht zuerkennt, in aller Regel wird sie als unpersönliche, als anonyme Macht ausgesagt, als eine Macht, die da ist, ohne daß sie bestimmten Personen zuerkannt werden könnte. So verhält es sich bei der Rechtsmacht oder der sittlichen Macht oder bei den Ideen, Strömungen und Bewegungen, denen Macht zugesprochen wird. Diese unpersönliche Art der Aussage darf uns nicht irremachen, alle diese anonymen Mächte haben doch immer ihre persönlichen Träger. Könnte Rechtsmacht oder sittliche Macht bestehen, ohne rechtlich oder sittlich fühlende Menschen ? Damit die Ideen Macht haben, müssen immer Menschen in Bewegung sein, die sich ihnen begierig hingeben. Bei allen diesen anonymen Mächten ist jedoch die Zahl derer, die sie tragen, so groß, daß sie nicht mehr zu übersehen ist, und auf jeden einzelnen von den vielen entfällt ein so geringer Anteil an Macht, daß man ihn nicht als Machthaber zählen kann, und darum laßt man dort, wro man anonyme Mächte auszusagen hat, ihre persönlichen Träger fallen, während man die inneren Kräfte, durch welche die Wirkung ausgeiibt wrird, als ihre Träger nennt. Der gleichen Metonymie bedient man sich übrigens auch bei den äußeren Mächten, wenn man z. B. von der Macht der Waffen oder des Reichtums spricht, die doch nicht selber Macht in sich haben, sondern nur die Machtmittel, die Werkzeuge sind, durch welche die persönlichen Träger ihre Macht haben. Wenn endlich der Sprachgebrauch auch noch die Wendung*zuläßt, daß jemand oder daß etwas eine Macht sei, wenn man z. B. vom Staate sagt, daß er eine Macht, eine Großmacht, eine Weltmacht sei, so betrifft diese Wendung nur die Form der Aussage; der Zustand, der ausgesagt wird, ist immer der gleiche. Der Staat ist eine Macht, weil er so ist, daß er Macht hat.

Für alle im Sprachgebrauch ausgesagten Machterscheinungen trifft ohne Ausnahme und auf das genaueste die Deutung zu, die Spinoza gibt, wenn er die Macht als Herrschaft über das menschliche Gemüt definiert. Die Naturkraft wird zur , wenn ihre Wirkungen unser Gemüt durch ihre Furchtbarkeit oder ihre Zauber mit Schrecken oder mit Bewunderung erfüllen; die Macht, die ein Freund über den andern, die ein Liebender über die Geliebte gewinnt, gebt durch das Medium des Gemütes, und ebenso bedeutet gesellschaftliche Macht — um die es uns bei unserer Untersuchung zu tun ist — die Herrschaft über die Gemüter in der Gesellschaft. Bei der inneren Macht ist diese Beziehung auf das Gemüt, auf das seelische Fühlen und Wollen von vornherein klar; die Rechtsmacht und die sittliche Macht, die Macht des Glaubens, des Wissens, der Ideen und geistigen Bewegungen aller Art und nicht anders die Macht der Gewohnheit und selbst die der äußeren Sitte beruhen auf Eindrücken, die im Gemüte würken. Gilt dasselbe aber nicht auch für jegliche Bildung äußerer Macht? In ihrem nächsten Sinne scheint äußere Macht nichts anderes besagen zu wollen, als die Verfügung über die äußeren Machtmittel, über die großen Massen, die Waffen oder den Reichtum — alle diese Machtmittel sollen aber auf die eine oder die andere Weise im letzten Ziele die Menschen, auf die sie gerichtet sind, unterwerfen oder irgendwie abhängig machen und also Herrschaft über die Gemüter geben; die großen Massen, über die man gebietet, sollen es durch den überwältigenden Eindruck ihrer Menge, die Waffen sollen es durch Furcht und Schrecken, die sie verbreiten, der Reichtum soll es durch die Genüsse, die er in Aussicht stellt, oder durch den Druck, den er auf den Konkurrenten ausübt, dessen Absatz er bedroht, oder den er auf den Arbeiter auaübt, welchem er die Mittel zur Arbeit bietet oder verweigert. Immer ist also äußere Macht Verfügung über äußere Machtmittel mit dem Ziele der Herrschaft über die Gemüter, oder wie wir besser zu Bagen haben, äußere Macht ist Herrschaft über die Gemüter durch die Verfügung, die man über äußere Machtmittel besitzt. Sie ist daher ganz und gar des gleichen Wesens mit der inneren Macht, von der sie sich nur durch die Mittel unterscheidet, die sie gebraucht.

3. Außere und innere Machtaggregate

Wir dürfen uns auch durch die Bestimmtheit nicht irrcmuchcn lassen, mit welcher der Sprachgebrauch die äußere Macht hervorhebt. Wenn man von Macht spricht, ohne sie durch einen Zusatz als innere Macht erkennen zu lassen, so ist immer äußere Macht gemeint. Außere Macht ist Macht schlechthin, Übermacht ist überlegene äußere Macht, der Machthaber, der Mächtige ist derjenige, der über äußere Macht verfügt; wird doch die äußere Macht oft geradezu als die entscheidende Macht ausgesagt:

„Macht geht vor Recht“.

Ist damit das Kronzeugnis des Sprachgebrauches nicht eindeutig zugunsten der äußeren Macht abgelegt? Wenn wir aber alles überlegen, so müssen wir doch erkennen, daß der Sprachgebrauch auch die innere Macht, überall wo er sie aussagt, als echte Macht gelten läßt. Wenn der Dichter die Macht des Gewissens aufruft, die innerste Macht, die es gibt, so spricht er nicht im Gleichnis, Shakespeare zeigt uns Richard III. in der Wirklichkeit seiner Verzweiflung, die sein Gemüt überwältigt. Daß der Sprachgebrauch der äußeren Macht den Vorrang gibt, erklärt sich zur Genüge daraus, daß sie mit sinnlich wahrnehmbaren Mitteln wirkt, die sich der Beobachtung am deutlichsten darbieten, und daß ihre Entscheidungen, ihre Siege und Niederlagen in ihrer nächsten Wirkung unbestreitbar sind. Die große Masse beugt sich ihnen in stummer Ergebung und selbst das tapfere Herz mag durch sie erschüttert werden, während dagegen die innere Macht oft und oft, namentlich in ihren fast unbemerkbaren ersten Regungen, nur mit leisen Schlägen arbeitet und auch ihre Siege oft und oft so ganz allmählich gewannt, daß sie der öffentlichen Aufmerksamkeit kaum recht zu Bewußtsein kommt. Schließlich sind doch die in die Sinne fallenden Entscheidungen der äußeren Macht alle ohne Ausnahme von inneren Mächten getragen, mögen diese auch, im Hintergründe wirkend, der Beobachtung der Menge entzogen sein und sich nur dem Blick des großen Führers oder späterhin dem rückblickenden Auge des Forschers erschließen. Es ist heute eine beliebte Redensart geworden, von der Rücksicht zu sprechen, die der gewandte Politiker auf die besondere Mentalität seines Gegners zu nehmen weiß, und den Staatsmann zu rühmen, der auch für die Imponderabilien Fühlung hat, im letzten Grunde kommt es indessen immer auf Mentalität und Imponderabilien an, denn es kommt immer auf die Wirkung im Gernüte an, die unwägbar ist, auch wenn sie überwältigend Ist. Die letzten Träger der äußeren Mächte sind immer irgendwelche innere Schlüsselmächte, die den gesicherten Zugang zu ihrem Besitz eröffnen. Der äußere Macht verband des Staates, den das Siegervolk auf dem Rücken der unterworfenen Millionen aufrichtet, setzt, um aufrecht bestehen zu können, einen überlegenen inneren Machtverband des Siegervolkes selber voraus, der den festen Kern des Staates bildet; das weite, äußere Machtaggregat der unterworfenen Völker, das durch Furcht und Schrecken zusammengehalten ist, setzt das innere Machtaggregat des Siegervolkes voraus, das durch sein Volksgefühl geeinigt ist. Es ist noch eine ganz rohe innere Macht, die das Siegervolk in sich verbindet, aber es ist gleichwohl eine innere Macht. Sobald im Siegervolk keine Zusammengehörigkeit mehr besteht, so zerfällt das innere Machtaggregat und mit ihm geht auch das darüber aufgebaute äußere Machtaggregat in Brüche.

Bei den zu dauernder Herrschaft begabten Siegervölkern verfeinert sich im Laufe der Entwicklung die rohe innere Macht, mit der sic ihre Laufbahn beginnen. Die Erfahrung des Kampfes sagt ihnen, daß sie ihre Siege mehren und sichern, wenn sie sich bei ungebrochenem Mannessinn dem Befehle der erfolgreichen Führer untcrordnen, und sie sagt wohl auch dem führenden Adel, daß er am besten tue, sich dem gewaltigen Kriegsfürsten unterzuordnen, der Sieg auf Sieg häuft. Am Ende geht die Entwicklung dahin, daß ein aufgeklärtes fürstliches Regiment auch das äußere Machtaggregat der Unterworfenen mit innerer Macht durch dringt und bindet, indem es die Untertanen zu Bürgern wandelt. So entstand die reale Macht des Königs in Preußen, von der Lassalic spricht. Sie war nach außen, den fremden Staaten gegenüber, auf die Furcht der Waffen gegründet, nach innen, dem Volke gegenüber, auf Ehrfurcht und Vertrauen, wie dies Bismarck in seinen ,,Gedanken und Erinnerungen“ so treffend darlegt. Der ,,Rocher de bronce“, auf den die Hohenzollern pochten, war wie der Fels, auf den Christus die Kirche baute, ein Aggregat innerer Macht. Er war minder fest wie der kirchliche Bau, der heute noch steht; mit der Macht des preußischen Königs war es vorüber, sobald die Masse des Volkes dem obersten Kriegsherrn, der im Weltkrieg versagt hatte, nicht mehr Ehrfurcht und Vertrauen entgegenbringen konnte.

4. Die Aufgabe der Geschichtschreibung

Die Geschichtschreibung hat damit begonnen, daß sie von Siegen und Niederlagen des eigenen Volkes und dann auch der fremden Völker erzählte, von denen man Kunde hatte, und daß sie im Zusammenhang damit vom Aufbau und Niederbruch der Staaten erzählte und von den Königen, Feldherren und Staatsmännern, die bei diesen Ereignissen die Führer der Völker gewesen waren. Die Geschichte dieses Sinnes ist die Geschichte der auffälligsten von den äußeren Mächten, nämlich der Kriegsmächte und der Staatsmächte. Später hat man auch der wirtschaftlichen Entwicklung mehr Aufmerksamkeit zugewendet, da man die Bedeutung tirkunnte, welche die wirtschaftlichen Volkskräfte für den Sieg im Kriege und für das Gedeihen des Staates besitzen; allerdings ist man nicht so weit gekommen, daß man es vermocht hätte, die geschichtliche Entfaltung der Wirtschaftsmächte deutlich zu erkennen und in festen Zusammenhang mit der Staatsgeschichte zu bringen. Auch in das Gebiet der inneren Mächte ist man sodann eingedrungen, wo man die kirchliche Macht als Gegenmacht des Staates in die Darstellung aufzunehmen sich gezwungen sah. Bei der geschichtlichen Erzählung blieben die beteiligten Massen meistens im Hintergrund, ulles Licht fiel auf die großen Führer. Das Studium und die Darstellung ihrer Charaktere war eine Aufgabe, an der sich die Kunst des Geschichtschreibers besonders gerne versuchte.

Es ist noch nicht lange her, daß man es müde wurde, von Kriegen, Kriegsfürsten und Feldherren zu berichten, und sich mehr und mehr der Entwicklung von Zivilisation und Kultur zuwandte, indem man diese entweder mit der äußeren Staatsgeschichte verband oder geradezu für sich behandelte. Es möge dem Verfasser gestattet sein, daß er in aller Kürze der Meinung Ausdruck gebe, die Geschichtschreibung sei trotz dieser Wendung noch immer nicht zur vollen Erfassung ihrer Aufgabe vorgeschritten. Gerade das Wichtigste über die inneren Mächte hat uns eine Geschichtschreibung noch nicht gesagt, die uns an Stelle der alten militärpolitischen Staatengeschichte innerhalb ihres Kähmens über die innere Macht nicht mehr zu sagen wußte, als wir sonst in Geschichtswerken über die schönen Künste, über Religion, Dichtung und Wissenschaft zu lesen bekommen. Eine solche Geschichtschreibung hat uns noch durchaus nicht darüber belehrt, in welchem Maße die inneren Mächte zum Aufbau der menschlichen Gesellschaft beitragen. Wissenschaft und Kunst erschöpfen ihre gesellschaftliche Wirkung nicht darin, daß sie unser Lehen schmücken, sie festigen es auch, und mehr noch als sie tun dies die inneren Mächte des Glaubens und der Sittlichkeit. Während die äußeren Mächte die äußeren Machtaggregate auf bauen, bauen die inneren Mächte als deren Schlüsselmächte die inneren Machtaggregate auf, die der tiefste Halt aller Gesellschaft sind. Die Geschichtschreibung darf ihr Werk nicht beendet sehen, bevor es ihr nicht gelungen ist, uns zu erzählen, wie der gesellschaftliche Aufbau sich im allmählichen Werden durch die Wechselwirkung von äußeren und inneren Mächten bis zur heutigen Höhe aufgerichtet hat.

Die Geschichtschreibung setzt sich jedenfalls ins Unrecht, wenn sie überhaupt auf hören will, von Schlachten und Siegen zu berichten, selbst wenn durch diese die Kulturvölker sich der vernichtenden Angriffe ihrer barbarischen Gegner erwehrten. Die Perserkriege darzustellen, hat nicht nur lokalpatriotisches Interesse für den griechischen Erzähler gehabt, denn diese Kriege bezeichnen eine der großen Wendungen in dem tausendjährigen Ringen der westlichen und östlichen Völker. Wenn es einem zur Kultur berufenen Volke glückt, in schwerem Kampfe seine Unabhängigkeit zu wahren, so ist ein solcher Erfolg kulturgeschichtlich noch bedeutsamer als kriegsgeschichtlich. Der Sieg gegen Attila auf den Katalaunischen Gefilden hat die sinkende römische Kultur noch für eine kurze Frist gesichert und wenigstens die schlimmste der zerstörenden Mächte von ihr abgewendet. Der Sieg, den Karl Martell bei Tours und Poitiers über die aus Spanien hervorbrechenden Araber erfocht, hat der werdenden Kultur des Abendlandes ihre freie Zukunft gesichert. Der Sieg in der Türkenschlacht vor den Mauern von Wien eröffnet« die Wendung, in deren Folge das erstarkte Abendland den verloren gegangenen Südosten von Europa wiedergewann. Der antiken Kultur haben Alexander, Scipio und Cäsar den weiten Bereich und die lange Dauer ihrer Geltung erobern müssen, ohne die sie nicht die Unterlage der modernen Kultur hätte werden können. Das durch das Schwert gegründete Römerrcich ist die notwendige Vorstufe für die römische Kirche, und das will sagen, für die entscheidende Verbreitung des Christentums gewesen.

Die Größe der Herrschaft, welche die äußeren Mächte über die Gemüter ausüben, erkennt man daran, daß auch die innersten Mächte nicht umhin können, sich ihrer als letzter Auskunft, als ultimum remedium zu bedienen. Die inneren Mächte haben den Trieb der Ausdehnung geradeso in sich, wie ihn die Machtbegierde des Eroberervolkes oder des kriegerischen Dynasten in sich hat. Jede leidenschaftliche Überzeugung ist von dem Verlangen begleitet, sich andern mitzuteilen, um sie zu bekehren: ,.Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über.“ Sobald eine treibende Überzeugung auf eine andere stößt, die sich nicht zu ihr bekehren will, so entbrennt der Kampf der Geister, und falls dieser Kampf sich mit geistigen Waffen nicht austragen ließe — und gegen eine Überzeugung des Herzens gibt es keine Argumente — so drängen die aufgeregten Gemüter dazu, ihn mit kriegerischen und anderpn äußeren Machtmitteln auszukämpfen. Ideen, die ihrer ganzen Anlage nach auf tiefen Frieden gestellt sind, münden, falls sic sich mit widerstreitenden Ideen begegnen, am Ende in mörderischen Krieg. Die von Christus eingesetzten Apostel sind ausgezogen, um mit feurigen Zungen die frohe Botschaft des ewigen Friedens zu verkünden, der den Menschen gebracht sei; stark durch die Kraft des Glaubens haben die Christen den Waffen der Verfolger getrotzt, die nur ihre Körjx>r, nicht aber auch ihre Seelen treffen konnten, aber eben dieser unbezähmbare Drang hat dazu geführt und dazu führen müssen, daß man dem andern nicht den Frieden bewahren wollte, der im Unglauben verharrte oder im Aberglauben abfiel. Wer der Lehre widerspricht, der man aus innerstem Herzen anhängt, macht einen selber im Glauben irre, welcher das heiligste Besitztum dos Menschen ist, und er gilt daher als der gefährlichste aller Gegner. Darum hat die Inbrunst der religiösen Idee die Greuel der Albigenscrkriege und die Inquisition zur Folge gehabt . Die Protestanten waren nicht weniger hartnäckig in ihrem Glauben als die katholische Kirche, darum hat sich nach der Reformation der erbitterte Gegensatz der alten und der neuen Kirchen, die alle den Frieden lehrten, im Dreißigjährigen Kriege entladen, welcher der Weltkrieg des 17. Jahrhunderts geworden ist. Der moderne Freiheitssinn liebt es, die Kirche wegen ihres Willens zur Gewalt anzuklagen; hat aber nicht die moderne Freiheitsbewegung, die das Reich der Vernunft aufrichten wollte, selber im Willen zur Gewalt geendigt ? Der Rest des Reiches der Vernunft war die Guillotine, der Bürgerkrieg und die lange Reihe der äußeren Kriege bis zu Napoleon hin, zu denen die Nation durch den Expansionstrieb der Freiheitsidee fortgerissen wurde. Das ganze Zeitalter der modernen Kultur ist, weil mit neuen Ideen, so auch mit Ideenkriegen gefüllt. Hätte das moderne wissenschaftliche Denken sich in einer großen Weltanschauung vollendet, die auch die Massen hätte ergreifen können, so hätte es auch unausw-eichlich zum Ideenkrieg führen müssen. Die sittlichen Ideen haben sich von den religiösen Ideen noch nicht so weit abgetrennt, daß sic selbständig in die Menschengeschichte eingegriffen hätten, dafür erregen die wirtschaftlichen Ideen ununterbrochen den wirtschaftlichen Kampf, der, selbst dort, wo er nur mit wirtschaftlichen Mitteln ausgefoohten wird, doch nicht weniger Opfer fordert als der Kampf mit Waffen. Und wie oft hat nicht der Gegensatz der wirtschaftlichen Interessen den Kampf der Waffen selber herausgefordert, und mit welchen Gefahren droht er nicht noch für die Zukunft!

Und doch bringt das ultimum re medium der äußeren Mächte keine endgültige Entscheidung im Reiche der inneren Mächte, keine Idee kann auf dem Schlachtfclde niedergerungen werden, es sei denn, daß man die Menschen und Völker vollends vernichte, die ihre Träger sind. Der Dreißigjährige Glaubenskrieg hat den Besitzstand der streitenden Bekenntnisse nicht verändert. Was aber das Schwert nicht vermochte, hat die neue Idee der Aufklärung getan, welche beiden Rcligionsparteien durch den Abfall der Geister empfindlichen Abbruch getan hat. Das durch die Aufklärer errichtete Reich der Vernunft ist durch die Diktatur Napoleons beseitigt wrorden, dessen Cäsarentum durch die heilige Allianz besiegt wurde, starker aber noch als die Heere der heiligen Allianz war die durch die Bildungsbewegung getragene demokratische Idee. Amos Comenius, der Begründer der Elementarschule. der im Dreißigjährigen Krieg von Haus und Heimat vertrieben wurde, hat in der Geschichte dauerhaftere Bahnen gezogen als Wallenstein und Gustav Adolf. Im Laufe der Geschichte wächst der Anteil, den die inneren Mächte am gesellschaftlichen Aufbau haben, und vielleicht wird einmal der Tag kommen, an welchem das ultimum remedium der äußeren Macht nicht mehr aufgerufen zu werden braucht, weil die inneren Mächte beruhigt ins Gleichgewicht gekommen sind. Kann eine Geschichtschreibung vollständig sein, welche die eine oder die andere der beiden aufbauenden Mächte vernachlässigt?

5. Außere und innere Mächte im Weltkrieg

Auch der Weltkrieg war nicht bloß ein Interessenkrieg, sondern zugleich ein wahrer Ideenkrieg, es hat sich in ihm nicht nur um große praktische Vorteile, sondern um bewegende Gedanken gehandelt, welche die Geister erheben und zu Opfern bereit machen. Der Weltkrieg ist durch den Gegensatz der nationalen Ideen entzündet worden, die aus der atemlosen Entwicklung der Volkswirtschaften ihre gesteigerte Spannung erhalten haben. Nationale Kulturmacht und Wirtschaftsmacht, beides innere Mächte, aus dem Frieden geboren und auf Frieden gestellt, haben sich gedrängt gefühlt, ihre Gegensätze in Waffen auszutragen, weil alle großen und kleinen Kulturnationen bis zur höchsten Spannung von ihnen erfüllt waren. Nur als Ideenkrieg hat der Weltkrieg seine ungeheuren Verhältnisse annehmen können, kein Dynast hätte einem Kulturvolke so maßlose Opfer an Gut und Blut zumuten dürfen, als die Nationen es selber in der Erregung der Gemüter getan haben. Auch Napoleon hat den Franzosen nur deshalb die Lasten seiner Kriege aufbürden können, weil er die Heere der Revolution vorfand, die noch des Expansionstriebes der Freiheit voll waren, und wreil er die französische Nation durch die Idee der Weltherrschaft zu berauschen vermochte.

Dem nächsten Anschein nach hatte die Entente ihren Sieg nur ihrer Überlegenheit an äußeren Machtmitteln zu danken, ihrer überzahl an Streitern, an Waffen und sonstigen Kriegsmitteln, zumal an den lebenswichtigen Gütern des Volkskonsums. Bei genauerem Zusehen erkennt man, daß hier wrie sonst die Ideen die Träger der Kampfmittel waren und die Tragfähigkeit der Ideen den Ausschlag gegeben hat. Die Entente hat durch die werbende Kraft der nationalen Idee eine Anzahl von Nationen zum Kampfe gewonnen, die sich zunächst noch fern gehalten hatten, und sie hat insbesondere durch die werbende Kraft der von ihr aufgerufenen demokratischen Idee die entscheidende Hilfe der Vereinigten Staaten gewonnen, deren Massen von ihren kapi-talistischen Führern nicht anders hätten in Bewegung gesetzt werden können.

Wie zuerst bei den Russen die sozialistische Idee die Front zersetzte, so ist dies später auch bei den Mittelmächten geschehen, und das nationalgemischte Österreich-Ungarn ist überdies noch durch die Wühlarbeit der nationalen Idee zersetzt worden. Wäre der Wille zum Krieg bei den Völkern der Mittelmächte durch alle Schichten hindurch bis zum Ende so entschlossen geblieben, wie er es zu Anfang war, so hätten sie sich der Überzahl der Gegner, so groß diese war, vielleicht doch so weit zu erwehren vermocht, um einen Frieden der Selbsterhaltung durch -zusetzen. Die Kriegsnot wrar jedoch für die von der Hungerblockade heimgesuchten Bürger der Mittelmächte fast unerträglich geworden, und in folgenschwrerer Verblendung versäumten es die obersten Führer, die militärischen und politischen Folgerungen aus dieser Tatsache beizeiten zu ziehen. So kam es, daß der Sieg, den die Entente an der Front nicht zu gewinnen vermochte, durch den Zusammenbruch der Gemüter im Hinterlande entschieden wurde, dem der Zusammenbruch an der Front und der innere Znsammenbrnoh folgten.

Wie bei allen Ideenkriegen, wird auch beim Weltkrieg der Sieg der Waffen, so überwältigend er scheint, nicht die letzte Entscheidung bringen. Schon heute ist die öffentliche Meinung auch in den Siegerländern darin unsicher geworden, auch dort leidet man darunter, daß der Friede, den man diktierte, kein Friede ist, und wer weiß, ob man nicht auch dort endlich erkennen wird, daß die Schuld am Frieden, den man genau zu überlegen volle Zeit hatte und der doch kein Friede werden kann, weit schlimmer Ist als die am Kriege, den alle gefürchtet hatten und von dem doch alle überrascht wurden.

Sollten die Kulturnationen keiner inneren Bewegung mehr fähig sein, die den von allen ersehnten Frieden bringen wird ? In Indien hat Gandhi mit seiner Idee des nationalen Widerstandes ohne Gewalt den großartigsten Versuch innerer Machtwirkung unternommen, der, abgesehen von den religiösen Bewegungen, jemals unternommen worden ist. Er hat Erfolge erreicht, die niemand erwartete, er hat Hindus und Mohammedaner vereinigt, er hat die bewunderungswürdige Herrschaft über sich selber erwiesen, der Bewegung Halt zu gebieten, als er fürchtete, daß sie im Begriffe sei, in Gewalt umzuschlagen, und er hat das Wunder getan, die Menge zum Gehorsam zu bringen, wenn er ihr Halt gebot, er hat endlich auch der englischen Regierung, die ihm zunächst mit Geringschätzung begegnete, Respekt abgenötigt. Es mag dahingesteilt bleiben, ob es ihm gelingen wird, die überwiegende Mehrheit der Inder für seine Idee zu gewinnen und dauernd bis zum Sieg zusammenzuhalten, es mag dahingestellt bleiben, ob der Widerstand ohne Gewalt, in den sich das Naturell des Inders ergibt, auch dem härteren Willen der europäischen Masse abgerungen werden kann. Gewiß aber beweist die Mächtigkeit, welche die indische Bewegung heute schon erlangt hat, daß innere Bewegungen höchster Ergriffenheit, wie sie in den Zeiten von Buddha, Zoroaster und Christus über die Erde gegangen sind, auch heute noch zur Wirklichkeit werden können und nicht nur den Erinnerungen der Geschichtskenner oder den Träumen der Schwärmer angehören.

6. Realpolitik und Ideenpolitik

Die großen Realpolitiker, die am Eingang und am Ausgang des 19. Jahrhunderts die Weltpolitik gemacht haben, Napoleon und Bismarck, haben beide die Ideologien ihrer Zeit mit Verachtung abgewiesen, nichts wäre aber verkehrter als die Meinung, daß Napoleon nur durch seine starken Bataillone und Bismarck nur durch Blut und Eisen gesiegt habe. Während sie die Ideologien abwiesen, haben sie die wirkenden Ideen der Zeit klar erkannt und für ihre Politik genützt. Jede große Realpolitik ist immer auch Ideenpolitik, sie arbeitet zugleich mit Waffen und sonstigen äußeren Machtmitteln, wie mit den inneren Mächten, welche die Menschen beherrschen. Kein Staatsmann wäre groß zu nennen, der sich nicht auch der wirksamen Ideen der Zeit zu seinen Zwecken bediente.

Die Ideologien sind als Buchideen entstanden, als bloße Hirnideen, wenn man so sagen darf, wie sie der Geist der Opposition erzeugt, der sich gegen den Druck der alten Gewalten auflehnt, aber doch dem Leben fremd ist, weil er seine Vorstellungen nach erträumten Idealen bildet. Die Ideologien der französischen Devolution waren die konstruierten Ideen des reinen Vemunftmenschen, aber nicht die lebendigen Ideen des Franzosen der Wirklichkeit, der aus seiner geschichtlichen Umgebung nicht ganz heraus konnte. Diese konstruierten Ideen waren reich genug, um dem Widerstand gegen die überlebten geschichtlichen Mächte vollen Halt zu geben und die Menschen mit dem Mut zu neuen Zielen zu erfüllen, sie waren indes der Wirklichkeit doch zu wenig an gepaßt, um sich in dauernde Ordnungen Umsätzen zu lassen. Nach dem ersten Glücksrausch des revolutionären Erwachens fand sich die französische Nation in einen tragischen Konflikt gestürzt: gesellschaftliches Denken und gesellschaftliches Handeln wollte sich nicht zusammenfinden. Da hielten sich die Besonnenen zurück, weil sie sich über ihre Wege nicht schlüssig werden konnten, und die Führung der Geschicke blieb bei den Verblendeten, denen das tönende Wort über alles ging und die, um die Herrschaft des Wortes durchzusetzen, dem die Gemüter der Menge nicht mehr folgen wollten, daa Äußerste an Schrecken aufbieten mußten. Napoleon war der Mann dazu, nicht nur den revolutionären Ausartungen durch Gewalt ihr Ende zu bereiten, sondern zugleich dem guten Sinn der Bewegung genugzutun, indem er als Realpolitiker das verwirklichte, was von ihren Wünschen realisierbar war. Er erkannte mit unfehlbarer Sicherheit die lebendigen Bedürfnisse der französischen Volksseele, er gab der französischen Verwaltung ihre bleibende Ordnung, er schuf das. bürgerliche Gesetzbuch, — es trägt nicht nur seinen Namen, sondern atmet auch seinen Geist — das dem Rechtsempfinden des französischen Volkes seinen klaren Ausdruck gibt. Er hat der französischen Nation ihre Einheit, er hat dem Begriffe der Nation seine Gestalt gegeben. Wie zutreffend er den französischen Charakter verstand, beweist am anschaulichsten das kleine Bändchen der von ihm gestifteten Ehrenlegion, an dem sich die französische Gesellschaft noch heute nach allen Stürmen der Geschichte erkennt und an dem sie fest-halten wird, solange es Franzosen gibt. In Deutschland gewann er sich die Mitwirkung der landesherrlichen Idee, die er auf Kosten des Reiches stärkte; daß er seine Eroberungen in Italien festhalten konnte, dankte er seinem Verständnis der italienischen nationalen Idee, der er den ersten politischen Ausdruck verlieh. Sein Verhängnis war der unbezähmbare Machttrieb, der ihn sich nicht daran genügen ließ, der Cäsar Frankreichs zu sein, sondern ihm das unerreichbare Ziel wies, der Imperator der Welt zu werden. Sein Glück verblendete ihn, so daß er den Widerstand aller geschichtlichen Ideen des alten Europa aufrührte, bis zuletzt die starken Bataillone gegen ihn waren; sie waren stark nicht so sehr durch ihre Zahl, denn gegen die überzahl hatte er oft genug gesiegt, sondern sie waren es durch den nationalen Geist, der sie befeuerte, während die durch endlose Kriege erschöpften Franzosen sich in ihren Gemütern von ihm abwendeten und selbst seine Marschalle den Glauben an ihn verloren.

Wie Napoleon die Ideologie der französischen Revolution, so hat Bismarck die demokratische Ideologie des Jahres 1848 geringschätzig zurückgewiesen, indem er richtig empfand, daß sie der Gesinnung der Masse des preußischen Volkes und der deutschen Nation nicht gemäß sei. War er aber nicht doch der Vollender der Ideen der Paulskirehe ? Er hat die richtigen Mittel gefunden, um sie durchzusetzen, die das Parlament der gebildeten Männer vergebens gesucht hatte. Er sah es klar vor sich, daß, um die deutsche Einigung zu vollenden, auch noch äußere Machtmittel angewendet werden mußten, welche die durch die Geschichte gegebenen Widerstände zu überwinden hatten, und er wußte, daß die Machtmittel, die er brauchte, ihm durch die Überlieferungen der preußischen Regierung und des preußischen Volkes in die Hand gegeben waren, er wußte, daß der preußische Landwehrmann dem Rufe des Königs zu den Waffen in Treue folgen werde. Sein klarer Blick ließ ihn zugleich nicht im Zweifel, daß er, um bis zum Ende zu kommen, die Gefühle der besiegten Süddeutschen und Österreichs schonen mußte, war er doch daran, sein Leben zu enden, wenn es ihm nicht gelänge, den König zu einem billigem Frieden mit Österreich zu überreden. Dadurch erreichte er es, daß Kaiser Franz Josef sich im französischen Krieg neutral verhielt, und er erreichte späterhin den noch größeren Erfolg, dem Deutschen Reiche durch den Zweibund seinen geschichtlich berufenen Verbündeten zu sichern. Sein verhängnisvoller Fehler war, daß er heim Friedensschhiß mit Frankreich dem Drängen der preußischen Generale nicht zu widerstehen vermochte, die ein Stück des französisch nationalen Bodens begehrten, um damit einen militärischen Anfangsvorteil für den nächsten Krieg zu haben, den sie eben dadurch herausforderten.

Diese Verletzung der nationalen Idee hat sich im Weltkrieg furchtbar gerächt. Im Zeitalter der nationalen Idee kann keine große Nation auf ihre ungeschmälerte Selbstcrhaltung verzichten. Das nationale Selbstbewußtsein drängt die Gemüter zu Machtaggregaten zusammen, die sich durch die in ihnen unablässig wirkenden anziehenden Molekularkräfte immer wieder zusammenschließen, mögen sie auch auf kürzere oder längere Zeit durch die Einbrüche überlegener äußerer Mächte zerrissen werden. Durch die Nachhaltigkeit ihres nationalen Gefühles haben die Italiener und die Polen trotz aller Niederlagen über die großen Mächte triumphiert, die sich in ihre Stammesgebiete zu teilen gedachten. Wird sich die Kraft der nationalen Selbsterhaltung nicht auch an der deutschen Nation bestätigen ?

7. Kraft und Macht

Jede Macht setzt als ihre Unterlage eine Kraft voraus. Dadurch, daß die Wirkungen der Kraft im Bewußtsein wahrgenommen werden, werden Gefühl und Wullen angeregt; zu den Wirkungen, welche die Kraft ihrem Naturgesetze gemäß bis dahin ausgeübt hat, tritt nun die Wirkung aufs Gemüt hinzu, um derentwillen man ihrem Träger Macht zuerkennt. Es ist ein anderes, die natürlichen Wirkungen der Kraft zu erkennen, und ein anderes, die Größe der Macht zu empfinden, die sie im Gemüte übt. Der Ballistiker vergleicht rechnerisch die Elevation, die Geschwindigkeit und die Sehlagwirkung der Geschosse oder die Tragweite der Geschütze, in der Schlacht erst kommt die Wirkung auf das Gemüt zur Geltung, um die es dem Feldherm zu tun ist. Der Techniker schätzt die Wirkung der Wasserkraft nach den Pferdekräften ein, mit denen sie arbeitet, auf dem Markte erst kommt durch das Mittel der Preise die Wirkung auf das Gemüt der Nachfrage zur Geltung, um die es dem Unternehmer zu tun ist. Nicht nur die äußerem Naturkräfte, sondern auch die persönlichen Kräfte, die in der Wirtschaft auf ge wendet werden, muß man nach ihrer äußeren Leistung anschlagen, der Unternehmer vergleicht rechnerisch kühl die Leistung des Arbeiters mit der der Maschine, und im sozialistischen Zukunftsstaate wird man dies auch nicht unterlassen dürfen. Es gilt nicht anders für alle persönlichen Kräfte welcher Art immer, die für einen praktischen Zweck eingesetzt werden. Immer muß die Wirkung nachgeprüft werden, die ihnen als Mittel zum Zweck zukommt; erst darauf, daß sie sich als Mittel zum Zweck bewährt haben, folgt der Eindruck im Gemüt, der sie mit dem Nimbus der Macht umgibt.

Bei jenen inneren Kräften, die mit ihrer Wirkung unmittelbar aufs Bewußtsein zielen, wie bei der Verstandeskruft, welche Erkenntnis bringen soll, oder bei der moralischen Kraft, die den Willen läutern soll, wird schon der Akt der Kraftlcistung von Regungen des Gemütes begleitet, doch muß man auch hier Kraft und Macht grundsätzlich klar auseinanderhalten. Auch hier hat überall die Kraft ihre Technik. Was ist die Logik anders als die Technik des Verstandes.

Der Soziologe, der es unternimmt, die Wege der Macht zu zeigen, muß die Kräfte kennen, die sich in der Gesellschaft in Macht umsetzen, und er muß in seiner Darstellung von ihnen ausgehen, aber er wird es sich nicht zur Aufgabe machen, das Gesetz darzustcllcn, nach welchem die Kräfte wirken, noch wird er auf ihre Ursprünge und das Gesetz ihrer Entfaltung zurückgehen. Eine so weit ausgedehnte Aufgabe müßte seine Fähigkeiten übersteigen, wie ihr auch die Aufnahmsfälligkeit der Leser nicht gewachsen würde. Er muß es den Technikern überlassen, zu zeigen, in welcher Folge die Menschen sich die Naturkräfte für ihre Arbeit nutzbar gemacht haben, er muß es den Philosophen und den Moralisten überlassen, die allmähliche Entwicklung der moralischen und intellektuellen Energien klarzumachen, er selber hat genug zu tun, wenn er das Gesetz der Macht erkennen lehrt, zu der sich die Kraft wandelt, indem ilire Wirkungen die Gemüter in Bewegung setzen. Das Gesetz der kleinen Zahl stellt fest, daß die Kraftwirkungen der vielen nur einigen wenigen zu Macht zugerechnet werden; der siegende Feldherr empfängt seine Macht nicht schon allein durch seine eigene Leistung, sondern immer auch durch die Leistung der Soldaten, sowie der erfolgreiche Unternehmer die seinige mit durch die Leistung seiner Arbeiter. Es gibt noch eine Reihe anderer Gesetze, welche die Umsetzung gesellschaftlicher Kraft in Macht betreffen. Die Theorie der Macht hat eine ebenso schwierige wie bedeutsame Aufgabe zu erfüllen, wenn sie die Probleme lösen will, die durch diese Gesetze gestellt sind.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

Das Buch kann hier herunter geladen werden.

Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort

Das Gesetz der Macht