Wenn von der Kunst der »Stilleben« die Rede ist, wird man zuerst an die zahlreichen Maler denken, welche in Holland während des 17. Jahrhunderts diese Kunst in der mannigfachsten Weise ausgeübt haben. Aber die Darstellungen, die wir unter diesem Namen zusammenfassen, kommen in der Kunst schon sehr viel früher vor. Bereits die Antike hat sie gekannt und mit großem Stilgefühl in der Dekorationsmalerei und namentlich in den Mosaiken verwandt Auch in der Renaissancezeit wurde das Stilleben mit besonderem Geschick behandelt; freilich, so wenig wie im Altertum, in der großen Kunst, sondern in der Dekoration. In der Architektur, namentlich in den Füllungen, den Friesen, Pilastern und so fort finden wir nicht selten stillebenartige Zusammenstellungen; in reichster und pikantester Weise haben aber die Intarsiatoren sich dieser Motive bedient, die auch das Architeicturbild und die reine Landschaft zuerst in die italienische Kunst eingeführt haben. Mit diesen stilvollen dekorativen Darstellungen hat die Stillebenmalerei des 17. Jahrhunderts keine Beziehung oder Verwandtschaft; sie ist nur um ihrer selbst willen da, ist von vornherein auf bildmäßige Wirkung berechnet. Die Niederlande sind die wahre Heimat dieser Kunst; die wenigen Maler, welche gleichzeitig in Italien und Spanien in derselben Richtung tätig waren, sind sämtlich Nachfolger der niederländischen Meister und mehr oder weniger abhängig von diesen. In Holland wie in den spanischen Niederlanden blühte dieser eigentümliche Zweig der Kunst während des ganzen 17. und fast bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Kaum ein anderes Gebiet der Malerei hat hier eine ähnliche Zahl von Künstlern aufzuweisen. Eine ganze Reihe von ihnen war uns früher schon dem Namen nach und durch ihre Werke bekannt, aber fast auf jeder Ausstellung alter Gemälde und in zahlreichen Versteigerungen, namentlich in Holland und Deutschland, begegneten uns bis vor kurzem in bezeichneten Stilleben bisher unbekannte Meister, die uns durch Houbraken und die rege neue Urkundenforschung nur als leere Begriffe überliefert waren; für einige unter ihnen müssen selbst noch die Urkunden erst ausfindig gemacht werden. Auch bei der allmählich fortschreitenden wissenschaftlichen Bearbeitung der vielen kleinen Galerien in Deutschland und zum Teil auch derer in Frankreich werden auf zahlreichen Bildern, die bisher dem J. de Heem, Claes Heda, Frans Snyders und anderen bekannten Meistern zugeschrieben waren, die Namen von Künstlern zutage gefördert, die uns bis dahin in ihrer Tätigkeit oder selbst ihrem Namen nach nicht bekannt waren.

Die Freude an der künstlerischen Darstellung der unbelebten Natur hat ihren Grund in der tief im niederländischen Volke wurzelnden Lust, alles im Bilde zu gestalten, was die Welt der Erscheinungen nur bietet Auf das Interesse am Stilleben weist noch im besonderen die holländische Gartenkunst und die Liebhaberei des Volkes für Blumen, die fast sprichwörtlich geworden ist Die Freude an Prunkgefäßen in Gold und Silber, in Kupfer und Zinn bezeugen die Aufbauten auf den Tafeln der Schützengemälde und auf den Kredenzen in den Prachtgemächern, wie sie uns die Bilder eines B. van Bassen und D. van Delen vorführen. Auch sind ja die Raritätensammlungen und »Kunstkammern« von den Niederlanden ausgegangen, wo wir ihnen schon im Anfänge des 17. Jahrhunderts begegnen.

Der großen Zahl der Künstler, welche sich an den verschiedensten Orten Hollands der Darstellung des Stillebens widmeten, entspricht die große Mannigfaltigkeit und erstaunlich vielseitige Gestaltung dieses Stoffgebietes. In Holland tritt das Stilleben, unter dem wir im weiteren Sinne auch die Blumenmalerei und die Schilderung toter Tiere begreifen, gleich mit der Loslösung der holländischen Kunst von der altniederländischen ins Leben. In der ersten Epoche ihrer Entwickelung, d:e sich in ihren Ausläufern bis gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts, erstreckt, bekunden sich die lokalen Strömungen, welche für diese Periode überhaupt charakteristisch sind, besonders stark. Schon nach den Motiven können wir bei den Werken dieser Zeit meist mit einiger Sicherheit angeben, ob das eine oder andere Stilleben von einem Haarlemer oder von einem Leidener, Amsterdamer oder Haager Meister gemalt worden ist oder doch entstand, während der Künstler an einem von diesen Orten lebte. Diese Verschiedenheit der Motive und teilweise auch die verschiedene Auffassung und Behandlung lassen interessante Rückschlüsse zu auf den Charakter der Städte, welche In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, obgleich im Umkreise von wenigen Meilen belegen, noch eigentümlich abgeschlossen erscheinen. Die Maler der reichen alten Patrizierstadt Haarlem lassen den Beschauer an der Erinnerung der Tafelfreuden sich ergötzen; bald schildern sie den überladenen Tisch des Reichen mit den schönsten silbernen Pokalen und venezianischen Gläsern, bald das frugale Frühstück des Armen, dessen Appetit durch den Anblick einer Stange Bier, einiger Austern, etwas Käse und durch die Aussicht auf eine Pfeife Tabak gewiß nicht weniger gereizt wurde als die Gelüste des reichen Junkers mit verwöhntem Magen vor den Pfauenpasteten und den Gläsern mit Sekt. Wieder andere Haarlemer Künstler v/ählen das prunkende Tafelgeschirr aus dem Atelier der Goldschmiede, eines Vianen und Lutma, zum malerischen Vorwarf. Dem lukullischen Haarlem tritt das nahe Leiden mit Würde und Prätension als die alte Universitätsstadt und der Sitz der orthodoxen Theologie gegenüber. Die Stilleben der Leidener Maler sind malerische Zusammenstellungen von Büchern in schweinsledernen Einbänden, von Schreibutensilien, Musikalien und Musikinstrumenten; daneben steht ein Gläschen Dünnebier und liegt ein Tonpfeifchen, einen Genuß verheißend, den sich auch der prüdeste Gelehrte gestatten darf; aber es fehlen auch nicht Totenkopf, Stundenglas und Licht als Symbole der Vergänglichkeit aller irdischen Gelehrsamkeit und Genüsse, Im Haag ist es nicht der fürstliche Hof, sondern der berühmte Fischmarkt des nahen Scheveningen, der die Maler zur Wahl ihrer Motive bestimmt. In Utrecht wiederum wird von reformierten Flüchtlingen aus den spanischen Niederlanden jene Gattung farbenprächtiger Gemälde von Blumen und Früchten ausgebildet, als deren bedeutendster Meister sich bald Jan de Heem hervortut. In Amsterdam faßt die Stillebenmalerei erst festen Fuß, als Rembrandts Auftreten eine neue, die glänzendste Phase der holländischen Malerei hervorgerufen hatte und der Reichtum der Weltstadt Künstler aus allen Nachbarstädten anzog. Die vielseitige und großartige Entwickelung des Stiilebens wird daher wesentlich durch künstlerische Gesichtspunkte bestimmt, die auch für die Wahl der Motive in erster Linie ausschlaggebend sind.

So mannigfach wie in den Motiven, so verschiedenartig sind die hundert und mehr Maler, welche dieser Kunst oblagen, in der malerischen Auffassung und Behandlung des Stiilebens. Wenn auch die Darstellung eine gewisse Beschränkung nach dieser Richtung auferlegte, wenn die Fischstücke und Silbergefäße eine helle und kühle Malerei, wenn die Blumenbuketts reiche und kräftige Farben, wenn die Vanitas-Darstellungen monochrome Behandlung nahelegten, so lassen sich doch auch hier — und das gleiche gilt für die malerische Behandlung — je nach Ort und Zeit, nach Veranlagung und Schulung zahlreiche feine Abstufungen beobachten. Ein Gillig oder Putter malt die Fische rast farblos und kühl im Ton, ein A. van Beijeren macht ein leuchtendes, brillantes Farbstück daraus; ein Heda malt seine Frühstücke in kühlem Licht und mit wenig Lokalfarbe, ein Kalf oder Claeuw mit prachtvollster Farbengebung und reizvollem Helldunkel; und während ein J. D. de Heem oder J. van Huysum die Blumenstücke flüssig und delikat malt, impastiert sie A. van Beyeren wie ein moderner Impressionist Gerade die Einfachheit der Motive machte die Maler erfinderisch in der Wahl und Ausbildung aller künstlerischen Mittel.

Bei Spezialisten, wie es die Stillebenmaler sind, dürfen wir größere Vielseitigkeit und eine reichere Entwickelung im Werdegang des Einzelnen nicht erwarten; nur bei den bedeutendsten und einflußreichsten Meistern läßt sie sich beobachten. Es lohnt daher, sich nur mit ihnen näher zu befassen, da ihre Entwickelung für die ganze Gattung typisch ist und Bedeutung hat.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

Das Holländische Stilleben