WER die deutsche Kunst in Gemäldegalerien studiert, wird schwerlich dem Irrtum entgehen, sie zu unterschätzen. Kaum irgendwo stehen Bildtafeln, auf die der Deutsche mit sicherem Stolze hinweisen könnte, wenn ihm die Ueberlegenheit fremder Kunst vor diesem oder jenem Werke gepriesen wird. Solange überhaupt Einzelnes mit Einzelnem verglichen wird, bleibt die deutsche Kunst arg im Nachteil; ihr günstiger fällt die Messung aus, sobald das Ganze des südlichen Schaffens dem Ganzen des deutschen Schaffens gegenübergestellt wird. In der traurig kurzen Zeitspanne, in der die deutsche Malkunst sich in eigener Sprache mit Sicherheit auszudrücken vermochte, sind ihr nicht viele Bilder von vollkommener Harmonie gelungen. Der moderne Beobachter, dessen Ansprüche freilich durch die Kenntnis der italienischen Kunst gebildet sind, fühlt vor den deutschen Malwerken nur allzu häufig einen Widerspruch zwischen dem Gewollten und dem Erreichten, zwischen der Aufgabe und der Absicht des Meisters, zwischen der Anschauung und den Ausdrucksmitteln des Malers. Die selbst vor Dürers Gemälden oft beklagte Unzulänglichkeit wird in der üblichen Art historisch abgeleitet, sei es aus Mängeln der deutschen Anlagen, sei es aus Hemmungen, die politische, kirchliche oder soziale Umstände dem Schaffen bereiteten.

Dieser und die sieben folgenden Holzschnitte gehören zu den „Bildern des Alten Testamentes“ von Holbein, die 1538 bei den Brüdern Trechsel zu Lyon erschienen. Die Zeichnungen sind schon um 1525 in Basel entstanden, und die Ausführung im Holzschnitt rührt von H. Lützelburger her, der 1522 schon gestorben ist.

Denjenigen Grad von Bewunderung, zu dem der freundlichste Beurteiler vor keiner einzelnen Schöpfung zu steigen vermag — der Beurteiler des gesamten deutschen Schaffens wird ihn erreichen, wenn er nur gerecht und ausdauernd ist. Der Weg zu dieser sehr hohen Schätzung ist allerdings mühsam. Nicht hier oder dort mit einem Schlage enthüllt sich die Grösse der deutschen Kunst; allmählich aus der Betrachtung vieler unscheinbarer Zeugnisse erwächst die Vorstellung von einer Gestaltungskraft, deren Umfang und Originalität unvergleichlich sind.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Der deutsche Holzschnitt und der deutsche Kupferstich