Die hier vereinigten Aufsätze und Vorträge, ein kleiner Ausschnitt meiner Versuche im Dienste unseres amerikanischen Deutschtums, wollen einen doppelten Zweck erfüllen. Wie sie dem Vaterlande Kunde bringen möchten über die Entstehung und den Geist der deutschen Bewegung in Amerika, so wollen sie diese zugleich selbst fördern, vertiefen und in immer weitere Kreise tragen.

Die einzelnen Stücke der Sammlung sind in einem Zeitraum von dreißig Jahren entstanden und spiegeln somit den Gang der Bewegung wider soweit ich selbst an ihr teilnehmen durfte. Sie mögen daher in gewissem Sinne auch als geschichtliche Dokumente gelten. Namentlich die längst vergriffenen und noch immer verlangten „Deutschen Briefe an Karl Biedermann“, eine Festschrift zur großen Pionierfeier im Jahre 1883, die zugleich als Programm des neu zu schaffenden deutschen Lebens gedacht war. Daß die Schrift als solches damals auch gefühlt wurde, mag die freudige Zustimmung bezeugen, die sie bei Bismarck, Rudolf Hildebrand, Karl Schurz und anderen führenden Geistern hier, wie drüben fand. Als eine Art geschichtliches Zeugnis für das Wachsen der Bewegung darf wohl auch der Auszug aus der Flugschrift „Zur deutschen Frage in Amerika“ gelten, worin als Lösung der Frage die Gründung einer allgemeinen deutsch-amerikanischen Verbandes zum Zwecke der Erhaltung deutscher Sprache und Kultur vorgeschlagen wurde. Fünfzehn Jahre später kam der Gedanke dann im Deutsch-amerikanischen Nationalbund zur Verwirklichung.

Geschichtliches Interesse darf schließlich die ursprünglich in englischer Sprache gehaltene Rede gegen den angelsächsischen Imperialismus vielleicht auch heute noch beanspruchen. Was sich jetzt von selbst versteht, erregte damals in der amerikanischen Presse Aufsehen, weil es dieser neu war, zu hören, daß wir Deutsch-Amerikaner ein geschichtliches Recht hätten, in dieser wichtigen nationalen Frage mit Zureden. Es war in jenen Tagen nicht leicht, sich zu dieser Wahrheit zu bekennen, zumal für einen Universitätslehrer, dem an manchen Anstalten dieses freien Landes ein ungeschriebenes akademisches Gesetz das öffentliche Wort in nationalen Fragen verbietet, falls er sich nicht der Entlassung und Verfolgung aussetzen will. —

Dem Leser wird es nicht schwer fallen, die heimlichen Triebkräfte der deutschen Bewegung im Erwachen des geschichtlichen Selbstbewußtseins und des deutsch-amerikanischen Einheitsgefühles zu entdecken. In dem Bemühen, diese Kräfte nach allen Richtungen hin zu entwickeln und zu stärken, möge man zugleich das Band erblicken, daß die verschiedenen Stücke dieser Sammlung zur Einheit verknüpft.

Ich betrachte es als glückliche Fügung, daß das Erwachen des neuen deutschen Lebens in unserer Mitte mit einer Reihe nationaler Gedenktage zusammenfiel, die uns die goldene Blütezeit deutscher Kultur froh ins Gedächtnis zurückriefen. Wenn ich versucht habe, in einer Anzahl von Reden, von denen hier wenigstens die Festrede zum Faustjubiläum wiedergegeben ist, unser Streben mit dem Kulturideal jener großen Zeiten in Verbindung zu setzen, dann wolle man es dem Schüler Rudolf Hildebrands zugute halten, der in der deutschen Philologie nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Arbeiterin am Heile unseres Volkstums sieht. Wohl wissen wir in Amerika zu schätzen und zu nützen, was die deutsche Kultur auch seit den Tagen unserer klassischen Dichter und Denker Unvergängliches geschaffen hat, und mit heißem Hoffen verfolgen wir das Aufsteigen einer neuen deutschen Kultur, die sich im Vaterlande heute vorbereitet. Denn wie unsere Kultur ihren Weltgang einst mit der Botschaft unserer Großen antrat, so wird sie ihn auch nur im Zeichen des Idealismus vollenden.

Könnte dies Buch dazu beitragen, die Bande des Blutes und Geistes, die dies Land schon seit Jahrhunderten mit der deutschen Heimat verbinden, noch enger zu knüpfen und anzuspornen zu gemeinsamer Arbeit auf den höchsten und heiligsten Gebieten des Menschenwesens, dann wäre meine schönste Hoffnung erfüllt.

Urbana, Illinois, Januar 1914.

Julius Goebel.

Text aus dem Buch: Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika : aufsätze und vorträge zur deutsch-amerikanischen Bewegung, Verfasser: Goebel, Julius.

Siehe auch:
Die deutsche Bewegung in Amerika. Rückblicke und Aussichten.
Zur deutschen Frage in Amerika.
Zur Geschichte der Scheltnamen Dutchman und Dutch.
Warum protestieren wir Deutsch-Amerikaner gegen den Imperialismus?
Amerika in der deutschen Dichtung.
Über die deutsche Dichtung in Amerika.
Longfellow als Vermittler deutscher Geisteskultur.
Die Deutschen in der amerikanischen Geschichtschreibung.
Das Deutschtum in Amerika zu Lincolns Zeit.
Die Gründung von Neu-Bern in Nord-Carolina.
Das Faust-Jubiläum.
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika.
Der Deutsch-amerikanische Nationalbund.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

Es ist auf den vorhergehenden Blättern dieser Schrift so häufig vom Deutsch-Amerikanischen Nationalbund die Rede gewesen, daß es besonders den Lesern im Vaterland erwünscht sein mag, Näheres über ihn zu erfahren.

Ich habe in der Rede über die deutsche Bewegung in Amerika versucht, im allgemeinen zu schildern, welche geistigen und politischen Strömungen den Gedanken eines einheitlichen Zusammenschlusses emportrugen. Es ist bezeichnend, daß der Anstoß zur praktischen Verwirklichung des Gedankens von Pennsylvanien ausging, dem Staate, der bis tief ins neunzehnte Jahrhundert hinein als der eigentliche Sitz des amerikanischen Deutschtums galt und wo sich, wie die große Pionierfeier des Jahres 1883 zeigte, die geschichtliche Überlieferung am treuesten und stärksten erhalten hatte.

Read More Der Deutsch-amerikanische Nationalbund.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

Das Gedächtnis an die große Pfälzerwanderung im Jahre 1710, das wir in diesen Tagen feiern, der eigentliche Anfang unserer Geschichte in diesem Lande, weckt mit dem sinnenden Rückblick in die Vergangenheit und der freudigen Umschau in die Gegenwart auch Gedanken der Zukunft.

So mischen sich ja auch an den Festtagen unseres eigenen Lebens Gefühle der Erinnerung an vergangene Tage mit Vorsätzen und Entschlüssen fürs kommende Leben. Und aus dieser Stimmung heraus gebiert sich im Gemüte gesunder Menschen und Völker eine Selbsterneuerung und Erhöhung des eigensten Lebens, die die Quelle alles wahren Fortschritts ist. Dürfen wir heute von einer Erneuerung deutsch-amerikanischen Lebens reden? Gibt es überhaupt ein deutsch-amerikanisches Volkstum?

Read More Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

Und an alle Geschlechter ergeht ein göttliches Machtwort, Was du mit heiliger Hand bildest, mit heiligem Mund Redest, wird den erstaunten Sinn allmächtig bewegen; Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut, Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget.

Schiller (Der Genius).

Nie vielleicht im Laufe der Geschichte hat sich die Zaubermacht des Genius über das Menschengemüt glänzender bewahrheitet, als durch die Wirkung der Dichtung, deren erstes Erscheinen vor einem Jahrhundert wir heute festlich begehen.

Was die Sagen der Völker über die Wunderkraft der Poesie in grauer Vorzeit berichten, wo der Dichter als Priester und Weiser die Geheimnisse der Gottheit und des Menschenherzens dem aufhorchenden Sinn zum ersten Male enträselte, das sollte am Anfang des vorigen Jahrhunderts ein deutsches Dichtwerk in noch größerem Maße leisten. Denn nicht auf sein eigenes Volk blieb der wunderbar befreiende und erhebende Eindruck des Faustdramas beschränkt. Goethe sollte es noch erleben, daß auch die übrigen Kulturvölker Europas staunend in diesem Werk die höchste Leistung moderner Poesie anerkannten.

Read More Das Faust-Jubiläum.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika