Die Meinung, daß ein Individuum, wenn es gewaltsam in Sexus zerlegt worden ist, sich nach neuer Vereinigung sehnt, hat viel für sich. Der Trieb beider Geschlechter zueinander läßt sich darin verdeutlichen; die Sehnsucht nach Wiedervereinigung zweier Segmente, Weib und Kind, einer individuellen Welt würde die wichtigen Inzestwünsche zwischen Sohn und Mutter unabhängig von den Ereignissen nach der Geburt machen und ihnen den Charakter unvermeidlicher menschlicher Notwendigkeit geben; ja auch die gleichgeschlechtlichen Leidenschaften würden auf eine Art Urgrund zurückgeführt. Man stände der Möglichkeit gegenüber, das Leben selbst als abhängig von dem Triebe einer zwiegespaltenen Dreieinheit zur Vereinigung aufzufassen. Die Wirkung des Begriffs Individuum würde sich damit auf alle Beziehungen des Menschen zum Menschen, ja zur ganzen Welt ausdehnen. Überall und durchaus gäbe es nicht Mensch und Nichtmensch, sondern nur immer Mensch-Gott, Mensch-Tisch, Mensch-Tag, Mensch-Welt, nicht Subjekt und Objekt, sondern ein Neues, ein Subjekt-Objekt. Von meinem Standpunkt als Arzt aus betone ich, daß eine solche Bildung eines neuen Individuums Kranker-Arzt die Angel ist, um die sich die Behandlung dreht. Ich überlasse dem Leser die Anwendung auf das Problem des freien Willens und der Notwendigkeit; andrerseits möchte ich hervorheben, daß die Beziehungen von Individuum und Sexus klarer werden, sobald man die Frage des freien Willens hineinzieht. In der Tat kenne ich keinen andern Weg, um sich mit dem Phänomen des Ganzen im Teil und des Teils im Ganzen auseinanderzusetzen. Beschränkt man den Blick auf die Erscheinungen des menschlichen Individuums, so treten zwei solcher Versuche einer Vereinigung deutlich hervor: der Beginn und das Ende, Empfangen und Sterben.

Ich habe schon mehrfach auf die enge Verwandtschaft von Empfängnis und Tod aufmerksam gemacht. Der Tod des Männlichen (Samenerguß mit folgender Erschlaffung) ist die Bedingung des Werdens. Großartig hat sich diese Wahrheit in der Sage vom Sündenfall durchgesetzt, die den Baum des Lebens neben den der Erkenntnis (erkennen = begatten), das Sterben neben das Werden setzt.

Das Wort „sterben“ (engl, to starve = vor Hunger umkommen) scheint ursprünglich „sich mühen, arbeiten“ zu bedeuten (anord. starf = Arbeit, starfa = sich mühen, stjarfe = Starrkrampf). Dieselbe Sinnverwandtschaft findet sich im Griechischen, wo kamno sich mühen heißt, kamontes die Verstorbenen. (Wurzel: kam-, cema-, cme- — müde werden, sich mühen.) Verwandte griechische Wörter klären über die Beziehung von „sich mühen“ und „sterben“ auf. Kamara heißt das Gewölbe (lat. camera, camur = gewölbt, nhd. Kammer; anord. hamo = Hülle, nhd. Hamen = Fangnetz, nhd. Hemd, got. himins = Himmel, gr. kaminos = Ofen, Ofen = Gebärmutter, in der das Kind gebacken wird, Backofen noch jetzt Bezeichnung für Gebärmutter). Kamarosist Hummer (Scheren sind Symbol der weiblichen Geschlechtstätigkeit), dasselbe Wort ist gebraucht für Nieswurz und Gift (Samen), kamax ist Stange, Pfahl, kamasso = schwingen, schütteln, kmelethron = Dach, Haus, alles Geschlechtssymbole (Wurzel: crampo-, kep- = krümmen; ai. capam = Bogen, capalam = unstetes Wesen).

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Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Die Drei des Menschen — Mann-Weib-Kind — ist unteilbar und das Wort Individuum berechtigt, wenn man es auf das bezieht, was unteilbar ist, das, was allen Menschen gemeinsam und notwendig ist: die Dreieinheit. Leider ist der Ableitung Individualität ein andrer Sinn untergelegt worden. Man braucht sie gerade für Eigenschaften, die gewiß abtrennbar vom Individuum sind. Individuum ist Neutrum und bezieht sich nicht auf die Eigentümlichkeiten der einzelnen Menschen, sondern auf das Gemeinsame aller, auf das Menschliche. Eine individualisierende Behandlung, von der seit einigen Jahrzehnten in der Medizin soviel gesprochen wird, kann nur die sein, die das Menschliche, abgesehen von Person und Charakter, berücksichtigt. Daß ein solches Individualisieren — nicht bloß für den Arzt, sondern für jeden, der mit Menschen zu tun hat — die Grundlage aller Erfolge ist und die Grundlage alles Meinens und Denkens sein sollte, brauche ich nicht erst zu sagen. Wer es fertig brächte, jede Lebenserscheinung ohne weiteres zu prüfen und zu entscheiden, was bei ihr „individuum“ und was „dividuum“, allgemein menschlich und persönlich ist, würde eine gewaltige Wirkung ausüben. Leider ist niemand dazu imstande und gerade unsre europäische Kultur kümmert sich bewußt so gut wie gar nicht um das Unteilbare. Was man hier und da von asiatischer Weisheit zu hören bekommt, legt den Gedanken nahe, daß man dort in den Klöstern wenigstens Forschungen in dieser Richtung treibt; ob es wahr ist, ist eine andre Frage. Bei uns Europäern liegt die Beschäftigung mit dem Individuum im Unbewußten; dort ist sie tätig, leitet und lenkt unser Leben, ohne daß wir das Geringste davon wissen. Wir beten die Persönlichkeit an, wissen vom Menschlichen nur das, was Maske ist, behandeln als Personen die Personen im täglichen Leben so gut wie im ärztlichen Tun.

Es läßt sich auch so leben, vielleicht bequemer und leichter als es uns ein bewußtes Anerkennen des Individuums, des Unteilbaren gewähren kann. Aber mit Wahrheit und Wissenschaft hat das nichts zu tun, es ist Charakterkunde, Studium des Theaters, des Unwesentlichen am Menschen.

Persona kommt nach Walde aus dem etruskischen Phersu, das „maskiert“ bedeutet („Maske“ aus dem arabischen mashana = Possen reißen). Die, die immer auf ihre Persönlichkeit pochen und daraus Rechte statt Pflichten ableiten, sollten endlich erfahren, daß sie sich Possenreißer nennen und mit Recht. Angeblich soll Goethe die Persönlichkeit höchstes Glück der Erdenkinder genannt haben. In den Versen über das Glück der Persönlichkeit braucht Hafis den Konjunktiv „sei“, es ist die Meinung von Volk und Knecht und Überwinder, nicht die des Hafis, der das Glück in dem Verlust der Persönlichkeit sieht.

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Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Zum Begriff des Menschlichen gehört als dritter Bestandteil das Kindliche. Das deutsche Wort Kind ist, wie ich schon früher erwähnte, von der Wurzel gen, ken abgeleitet; es betont also das Entstehen und die Abstammung, führt nicht zu Merkmalen, die für uns wesentlich sein könnten. Ebenso bezeichnet das griechische Wort teknon (Zusammenhang mit Degen?) nur das Erzeugen, Erzeugt- und Geborenwerden (tikto = gebären, erzeugen). Im Lateinischen gehört in diese Zusammenhänge ein Plural liberi = die Kinder, ein Wort, das als die „Heranwachsenden“ zu der indogermanischen Wurzel leudh- hervorkommen, wachsen gehört (got. liudan, ahd. liotan, nhd. Leute, ab. ljud = Volk, lat. über, gr. eleutheros = frei, auch der lateinische Gottesname Liber als Gott der Zeugung). Schon eher gibt das englische Wort child eine Beziehung zu dem Menschlichen, da es möglicherweise mit got. kilthei = Gebärmutter zusammenhängt. Dagegen führt das französische enfant mitten in die unterscheidenden Merkmale hinein, die das tägliche Leben für die Begriffe kindlich und erwachsen aufstellt. Enfant ist spätlateinisch infans (in = Verneinung, fari = sprechen), das Wesen, das nicht spricht (unmündig). Damit ist eine bestimmte zeitliche Grenze, zwar nicht für den Gebrauch, aber für den Begriff gegeben.

Infans: ein Wesen, das nicht sprechen kann, so eine Art Tier, ein Wurm, eine nette Pflanze oder gar ein Püppchen, jedenfalls ein Wesen, das nicht Recht noch Unrecht (fas und nefas von fari) kennt, dessen persönlichen Wert noch keine fama (Gerücht, Ruhm) in die Welt posaunt, das keine confessio (fateor = bekennen), kein Glaubensbekenntnis, ja nicht einmal einen Glauben hat, das ebensowenig von dem fatum (fari), dem allmächtigen Schicksal etwas weiß wie von dem allmächtigen Gott, das keine fabula mit unvermeidlicher Moral ersinnt, sondern nur babbelt (schwed. babbla, nhd. babbeln, engl, baby, allgemein baba, Urwurzel von fari und infans bha- sprechen) und bampft und pampft = essen (dieselbe Wurzel bha-), ein infans, ein Wesen, das nicht spricht, das heißt das nicht denkt; denn denken, so höre ich, tut man in Worten (en arche en ho logos = Im Anfang war das Wort, Theos en ho logos = Gott war das Wort, Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht).

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Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Wenn die Lateiner die Stärke des Männlichen hervorheben wollten, sprachen sie von einem „vir“, die Griechen hatten dafür das Wort „aner“. Hat das Deutsche nichts, was dem entspräche?

Ich habe mich lange damit herumgequält, was nicht nötig gewesen wäre, wenn ich geübter Fachmann wäre; Spaßes halber, dem nicht ein gewisser Ernst fehlt, teile ich hier mit, wie ich die Antwort auf die Frage fand. Ich war im Begriff, aus einer Blechschachtel eine kleine Zigarre zu nehmen; auf dem Deckel des Kästchens war das Bildnis Karls des Ersten von England dargestellt: plötzlich wußte ich, daß der entsprechende Ausdruck bei uns Nordländern „Kerl“ ist. Das Wort (ahd. karal, schwed. karl) bezeichnete und bezeichnet in vielen Verbindungen noch heute den Mann in voller Manneskraft, den Geliebten (angs. ceorlian = heiraten); prachtvoller Kerl oder „das ist mal ein Kerl, Hauptkerl“ sind ebenso gutes Deutsch wie „Saukerl“. Besonders deutlich tritt die Geschlechtsbedeutung darin hervor, daß der Ausdruck Kerl im täglichen Leben als Bezeichnung für den leistungsfähigen Geschlechtsteil gebraucht wird, auch „Kerlchen“. — Auch das Wort „Held“ scheint seine Entstehung der Kraft des männlichen Geschlechtsgliedes zu verdanken, es hängt mit caleth, calath = hart zusammen.

Vielleicht ist es bemerkenswert, daß der Name Karl, der dasselbe ist wie Kerl, so häufig als Königsname gebraucht worden ist, ja zu Zeiten fast wie ein Königstitel auftrat. — Schon hier möchte ich auf die Tatsache hinweisen, daß der Name des Menschen für ihn und sein Leben wirksame Folgen hat; die Karle unter den Königen treten oft durch besonders glänzende Leistungen hervor, sind echte Kerle, oder sie fallen gemäß der erniedrigenden Bedeutung des Worts, durch ihre Unfähigkeit auf. Über die Zusammenhänge des Königtums mit der Geschlechtskraft zu sprechen, werde ich Gelegenheit finden.

Das vorhin erwähnte Wort „Held“ weckt die Erinnerung an das im Mittelhochdeutschen, aber auch in der jetzigen Zeit gebrauchte Wort „Recke“. Es ist, soweit ich bei den Sachverständigen feststellen konnte, erst spät zu der Bedeutung starker Krieger gekommen, ursprünglich soll es eine Bezeichnung für den Einsamen, Vertriebenen, Umherschweifenden gewesen sein; noch spät tritt es im Schweizer Idiom als rek = Landstreicher auf, und das englische wretch = Lump (angels. wrekka = Flüchtling) beweist, wie stark dieser Sinn des Worts einmal betont gewesen ist. Auch unser deutsches „Rächer, Rache“ stammt von derselben Wurzel. Damit ist eine Seite des Männlichen, des Helden, Kerls betont, die grundsätzliche Bedeutung als gegensätzlich zu dem Weiblichen hat, die tiefe Einsamkeit des Mannes und seine merkwürdige Hilflosigkeit, sein Hilfsbedürfnis einfachen Tagesereignissen gegenüber. Die kindliche Natur des Mannes, die sich so deutlich in dem Verhalten seines Geschlechtsteils außerhalb der Erregungszeiten zeigt, macht es begreiflich, daß dasselbe Wort für den Helden und den Elenden gebraucht wird; der Mann ist eben ein Anderer — elend bedeutet der Andere, lat. alius, engl, else, der Vertriebene, anders Geartete —, ein Zweifacher, Kerl und Kerlchen, Riese und Zwerg, je nach dem Zustande seines Gemüts.

Für meine Art der Betrachtung besteht kein Zweifel, daß die Begriffe Riese — Zwerg dem Phänomen der Erektion und der Erschlaffung entnommen sind: in gleicher Weise müssen die Gegensätze von Kind (auch dem ungeborenen) und Erwachsenen gewirkt haben: dazu kommen noch die Bergeshöhen, verglichen mit ganz niedrigen Bodenerhebungen (Maulwurfshügel). Könnte man das Wort Recke mit „recken“ zusammenbringen, so hätte man eine neue Stütze für den Versuchsbau einer Brücke zwischen Symbol und Sprache, ja Leben. Aber Recke (zu einem hypothetischen got. wrakja gehörig, got. wrikan = verfolgen) hat nichts mit recken (lat. porrigo, gr. orego, nhd. recht) zutun; allerdings darf man annehmen, daß der Wiederentdecker des Worts Wieland eher dem Gleichklang und der Sinnesähnlichkeit der beiden Wörter Recke und sich recken gefolgt ist als der vergessenen Verbindung Recke —Vertriebener. Wieland entnahm das Wort, das aus dem Sprachschatz verschwunden war, den Heldengedichten des Mittelalters, und dort wird Recke vielfach gleichbedeutend mit Riese gebraucht.

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