EMPEDOKLES

Als die Ältesten und Priester vernahmen, daß er, viel wandernd, ihrer Stadt sich nähere, traten sie vor dem großen Tore ihm entgegen und priesen ihr Glück und salbten sein Haupt mit Öl und wanden Efeu und weiße Wolle in sein langes schwarzes Haar, und geweiht und wie einer, der Opfer hinnimmt, schritt er im Mantel von der Farbe des Purpurs und in goldenen Sandalen durchs große Tor, und staunend drängte in den Straßen sich das Volk und streute Rosen in den Staub und breitete bunte Tücher unter seine Schritte, und die ganze Stadt schien sein Tempel und der hohe Himmel dieses Tempels Dach. Seine Weisheit, hieß es unter den Menschen, sei so groß wie die Liebe der Götter und das Verderben, das sie senden, sein Herz sei rein und still wie das Herz des Siegers der Schlacht, und seine.Augen, hieß es, blickten weiter als die Sehnsucht. Und das Volk harrte seiner Worte und war stumm und gleich einem Bilde, da einer aus dem Volke, der arm schien und Lumpen trug, zu dem, der ihm zunächst stand, leise sprach: „Sieh, wahrlich hier geht einer, der den Tod überwunden hat!“ Niemand hatte die Worte gehört, denn das Volk und die Ältesten und Priester harrten dessen, was er ihnen sagen sollte, und waren gleich Bildern. Doch er hatte die Worte gehört: „Sieh, wahrlich hier geht einer, der den Tod überwunden hat!u Und ihm war, als hätte durch die nackte Brust eine fremde Hand ihm nach dem Herzen gegriffen, und sein Herz schlug jetzt schnell und laut, und Dunkelheit lag ihm dicht vor den Blicken, und die Augen brannten und stachen, und sein Sinn war verwirrt. Er sah das Volk nicht mehr, und daß es voll stummer Fragen ihm die Straße ließ, und er wußte nicht, daß das Tor und die Türme und weißen Mauern der Stadt weit schon hinter ihm lagen, und er hörte nicht, wie die goldenen Sandalen hart an die Steine des steilen und leeren Weges schlugen und der kalte Wind des Berges in die vielen Falten des Mantels von der Farbe des Purpurs fuhr. Er sah nur tief unten durch die Erde und Felsen das Feuer und oben den rauchenden Schlund, und ihm war, als führte ihn jemand, der stark war und schwieg, und brächte ihn den Berg hinan bis hin vor das dunkle Tor des großen Feuers. Der heiße Rauch sengte seine Lider und das lange schwarze Haar, von den Füßen band er die goldenen Sandalen und strich den Efeu und die weiße Wolle aus dem gesalbten Haar und warf den Mantel von der Farbe des Purpurs ab, und leicht fiel und nackt sein noch junger Leib in die ewige Glut.

Die Seele

DA Phrygiens großer König Kandaules Nyssia zur Gattin nahm, gab dieser Gyges, der ihr Vater und ein Zauberer war, einen Ring mit, der die Tugend besaß, Nyssia unsichtbar zu machen, wenn Nyssia ihn so trug, daß der Rubin nach unten zu liegen kam.

Noch nie hatte ein Mann sein Weib so sehr geliebt wie Kandaules Nyssia, und wenn Nyssia nachts wie zum Scherze sich unsichtbar machte, da pflegte Kandaules zu sagen: „Nyssia, du bist jetzt in mir und wie meine eigene Seele.“

Und alle wußten von der großen Liebe des Königs zu seinem Weibe, und durch die Stadt ging die Rede: „Noch nie war ein Mann so glücklich, denn dieses Weib ist ihm wie die eigene Seele.“

Und die Freunde kamen zu Kandaules und sprachen: „Noch nie war ein Weib einem Manne so treu, denn Nyssia ist um dich, auch wenn du sie nicht siehst. Nyssia ist wie deine eigene Seele.“ Und immer wieder kamen die Freunde zu Kandaules und sagten: „Wir beneiden dich alle.“

Kandaules war stolz auf sein Glück und die Worte der Freunde, und erzählte alles Nyssia, und Nyssia war gleich ihm voll Freude. Doch da die Freunde immer wieder kamen und dasselbe sagten, wunderte sich Kandaules und zweifelte und wurde verlegen und wurde mißtrauisch: „Warum beneiden meine Freunde mich? Nyssia ist schön, das ist wahr. Aber …. Nyssia kann mich betrügen. Ja, ja, ich weiß es, Nyssia betrügt mich. Es ist ihr ein leichtes. Sie lachen schon alle. Ich bin ein Tor.“ So redete Kandaules zu sich und ging zu Nyssia und sprach: „Nyssia, gib mir den Ring!“ Da Nyssia fragte: „Warum willst du den Ring?“ sagte Kandaules weiter: „Es ist besser so.u Und da Nyssia sich wehrte, schrie der König: „Du bist mir untreu und eine Dirne, und ich bin ein Tor. Alle wissen es schon und lachen.“ Und Kandaules entriß Nyssia den Ring und lief schnell zum Fluß, und warf den Ring in den Fluß und dachte also bei sich: „Jetzt bin ich klug, und jetzt werde ich Herr sein über Nyssia und Nyssia sehen wie meinen eigenen Leib.“

Nyssia weinte und wollte Kandaules verlassen und zu Gyges, ihrem Vater, zurückkehren. Doch Nyssia schämte sich und sprach: „Nein, ich werde mich rächen. Jetzt will ich Kandaules wirklich betrügen, und zwar so, daß alle es gleich wissen. Kandaules mag mich dann töten. Es ist besser so. Ich nehme den Obersten seiner Leibwache.“

Und wirklich, in einigen Tagen war der Oberste derLeibwache des Königs derGeliebte der Königin, und die ganze Stadt wußte es, und nur der König sah es nicht, und alle Freunde erzählten einander und ihren Weibern: „Der Oberste der Leibwache des Königs ist der Geliebte der Königin.“

Und die Freunde kamen wieder zu Kandaules und lachten heimlich und stießen sich, und einer von ihnen nahm Kandaules, der es noch immer nicht wußte, beiseite und redete leise zum König: „Dein Weib ist dir untreu. Nyssia liebt den Obersten deiner Leibwache. Es ist ihr ein leichtes. Sieh zu!“

Da Kandaules seinen Freund also gehört hatte, kehrte er sich von ihm weg und lächelte vergnügt und wissend und still, und sprach leise zu sich: „Die Toren, sie glauben, alles zu wissen, sie wissen aber nicht, wo der Ring ist! Ich weiß es, ich und sonst niemand.“

Die Mutter

IN einer großen Stadt Indiens lebte vor vielen Jahren ein reicher Fürst. Er besaß viele Frauen, und jede seiner Frauen hatte ihm einen Sohn geschenkt. Und die Söhne des reichen Fürsten waren voll Liebe zueinander und zu ihren Müttern, nur Mahidasa haßten sie, da Mahidasas Mutter eine Sklavin des Vaters gewesen war und Mahidasa seine Mutter nicht kannte. Und die Söhne des reichen Fürsten nannten Mahidasa, ihren Bruder, einen Hurensohn und jagten Mahidasa aus des Vaters Haus.

Mahidasa irrte lange umher und kam endlich zu einem Weisen, der einsam im Walde lebte und von dem das Volk sagte, daß er die Wahrheit besitze. Mahidasa sagte dem Weisen, daß seine Mutter eine Sklavin seines Vaters, der ein reicher Fürst ist, gewesen sei, und daß er die Mutter nicht kenne, und daß darum die Brüder ihn aus seines Vaters Haus gejagt hätten; und da der Weise Mahidasa liebgewonnen hatte, sprach er zu ihm: „Bleibe bei mir, und ich will dich die Wahrheit lehren, und wenn du die Wahrheit weißt, wirst du stärker sein als deine Brüder, und deine Brüder werden dich nicht mehr aus des Vaters Haus jagen.“

Der Weise lehrte Mahidasa die Wahrheit, und Mahidasa weilte lange bei ihm; und als Mahidasa die Wahrheit wußte, verließ er den Weisen und trat in seines Vaters Haus unter seine Brüder und redete diese an, daß der Weise, von dem das Volk sage, daß er die Wahrheit besitze, ihn diese Wahrheit gelehrt habe, und daß er jetzt stärker sei als sie um dieser Wahrheit willen, und daß sie ihn darum nicht mehr aus des Vaters Haus vertreiben würden. Als die Brüder Mahidasa also sprechen hörten, staunten sie zuerst und antworteten nicht, doch plötzlich sahen sie einander an und lachten laut und ließen Mahidasa allein. Mahidasa aber wurde rot vor Scham und verließ seines Vaters Haus und lief in den Wald zum Weisen, der ihn die Wahrheit gelehrt hatte, und rief: „Ich schäme mich der Wahrheit, die du mich gelehrt hast. Ich will nicht mehr deine Wahrheit. Nimm mir die Wahrheit ab!C£ Der Weise lachte und sah dann lange in Mahidasas Augen und sprach langsam: „Mahidasa, zeige mir die Wahrheit, die ich dich gelehrt habe, auf daß ich meine Wahrheit wieder erkenne! Mahidasa, gib du mir meine Wahrheit zurück!“ Mahidasa wußte nicht, wie ihm sei, und er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte lange.

DER TRÄUMER

ALS Nicolaus, der dritte dieses Namens aus dem starken und wilden Geschlechte der Markgrafen von Este, Parisina Malatesta als sein Weib in die Burg von Ferrara führte, ließ er für diesen Tag, wie die Sitte es wollte, alle Ritter von beiden Ufern des Po zu einem großen Turnier rufen. Und die Freunde kamen mit ihren Frauen und brachten die Pagen und silbergeschirrten Rappen zum Spiele, und viele Falken und gefleckte Hunde; und da die Dichter Parisina lachend im grünen Burghofe die Sieger des Spieles krönen sahen, hatten sie viele Worte für des Markgrafen Glück und Stolz und seines Weibes lachende Schönheit, und doch wußte keiner von allen, die zum Spiele kamen und vom Spiele schieden, daß Nicolaus Parisina mehr liebte als sein Glück und seinen Stolz und Parisinas lachende Schönheit. Wenn zu Parisina ein großer Schmerz gekommen wäre und ihr vom Mund und aus den Augen und der Seele das Lachen genommen hätte, Nicolaus würde gleich den Schmerz gekannt und mit ihm um Parisinas Lachen gerungen und Parisina das Lachen zurückgegeben haben, doch so war ihm, als suchte dieses, Parisinas Lachen, Dinge, die er nicht kannte und zu finden vermochte, und als hätte Parisinas Lachen viele kleine silberne Flügel und flöge um ihn und flöge an ihm vorbei und wäre dann überall; und Nicolaus haßte seines Weibes Lachen und haßte sich selber, als er fühlte, daß er nur still und glücklich sei, wenn er nachts im dunklen Bette Parisina das Lachen von den Lippen küßte und Tränen in ihren Augen waren und sie stumm vor großer Lust und wie blind in seinen Armen lag. Nicolaus wußte, daß Parisina ihn liebe, doch er wußte nicht, ob Parisina ihn so liebe, wie er sie liebe; und Nicolaus erschien sich oft wie im Spiegel und ein Fremder, und wußte nicht, wohin seine Blicke ihn führten, und Nicolaus erschrak dann. ,,Wenn Parisina allein ist und nachdenkt und zurückdenkt, gehört sie dann ebenso mir, wie sie mir gehört, wenn in blinder Nacht sie unter meinen Lippen die Augen schließt? Wenn Parisina allein ist, wer ist mit ihr? Wenn Parisina träumt, bin ich auch dann das Ende ihres Traumes, so ich des Traumes Anfang war? Woher kommt Parisinas Lachen, und wohin geht es? Ich kann Parisinas Lachen nicht greifen. Warum liebt mich Parisina?“ So fragte sich oft Nicolaus; und da ihm niemand Antwort gab, war er wie ohne Licht vor den Augen und hörte wieder Parisinas Lachen, und daß es wie mit vielen kleinen silbernen Flügeln um ihn flattere und dann vorbeifliege und überall draußen sei in blauen und goldenen Fernen.

Nicolaus sprach nie zu Parisina von seiner Liebe. Nicolaus redete zu Parisina von den Rittern, die kamen, den Falken, die bei der Jagd sich verloren hatten, und den Spielen der Höfe, und er, der den Grund von seines Weibes Liebe und Lachen wissen wollte, beschloß, seines Weibes Treue zu prüfen. Von seinen beiden treuesten Dienern rief Nicolaus den, der an Jahren der ältere war; und ohne dem Diener ins Auge zu blicken, sagte er ihm alles und mehr, als er wollte, und fuhr dann fort: ,,lch will Parisina allein lassen. Habe ein Auge auf Parisina! Viele Ritter kommen auf meine Burg. Sage ihnen, daß Parisina allein sei! Parisinas Vetter Ugo ist seit drei Tagen da. Ugo ist schön und weiß zu lachen. Sprich zu Ugo von Parisinas Schönheit, und daß Parisina das Lachen liebt, und daß ich dumm sei und störrisch und das Lachen nie verstünde. Fürchte dich nicht! Wenn du alles weißt, dann komme zu mir! Ich bin in Verona. Sei schlau und du sollst frei sein!tC Der Diener schwor, zu tun, wie sein Herr ihn geheißen hatte; und Nicolaus nahm Abschied von Parisina und sagte, er müsse nach Verona, da der Kaiser über die Alpen komme.

Nicolaus wartete in Verona und mischte sich unter die Ritter, da er fühlte, die vielen Menschen würden ihn verbergen. Zuerst verfluchte er seinen Entschluß und schämte sich seines Dieners und dessen, was er ihm gesagt hatte, und schalt sich feige. Jeden Tag ließ er sein Pferd satteln und ritt auf dem Wege nach Ferrara, doch immer kehrte er wieder zurück. Denn plötzlich sah er sich dann verraten und verhöhnt und hörte Parisinas Lachen, und daß dieses wie mit vielen kleinen silbernen Flügeln in der Sonne fliege und überall sei und auf einmal verstumme, und Nicolaus sah, wie ein anderer in seinem Bette mit heißen Lippen das Lachen von Parisinas Augen und Lippen küsse; und als der Diener kam, erschrak Nicolaus wie einer, der bei einer schlechten Tat ertappt würde. ,,Kein Weib ist seinem Manne so treu wie Parisina Nicolaus. Ich habe getan, wie du mich geheißen hast. Doch bald sahen wir Parisina nicht mehr, und die Frauen sagten uns, daß Parisina in ihrem Gemache weile und das Lachen wie vergessen habe, und wenig und nur von dir spreche! Ugo hat die Burg verlassen, und wir wissen nicht, wohin er ritt.“ So redete der Diener und sprach noch mehr, und Nicolaus hörte, ohne ihn anzusehen, und hörte nicht auf alles, was der Diener sagte. Vor seinen Augen flimmerte es, ihm war, als hätte er alles gewußt, und noch wollte der Diener etwas sagen, da zog Nicolaus den Dolch und stach von rückwärts den Diener nieder.

Nicolaus war frei und lachte unsinnig, und in einem Tage ritt er den langen Weg von Verona bis Ferrara, und ohne ein Wort zu sprechen, fiel er vor Parisina auf die Knie und verbarg sein Gesicht in ihrem Schoß und legte ihre Hände auf seine Schläfen und weinte. Da Parisina erschrocken fragte, warum er denn weine, rief Nicolaus: ,,Ich weiß nicht. Du darfst nie fragen! Du sollst lachen!“

Nicht lange währten Nicolaus’ Glück und Ruhe, und alte Gedanken kamen wieder und zogen Kreise um Nicolaus’Seele: „Warum liebt dich Parisina?“ begannen sie wieder und wurden verwegen und fragten weiter: „Wenn Parisina erführe, daß du schlecht seist und ein Verräter, würde Parisina dich dann noch lieben? Warum liebt dich Parisina? Parisinas Liebe ist dein und nicht dein. Würde Parisina dich lieben, wenn du gestorben wärest?“ fuhren sie fort, und immer enger zogen sie die Kreise um Nicolaus’ Seele und lachten unsinnig und hoben die Schleier des Glücks und starrten toll ihr in die erschrockenen Augen.

Und noch einmal beschloß Nicolaus, seines Weibes Treue zu prüfen; und er nahm abermals Abschied von Parisina und sagte, er müsse nach Ravenna und würde nicht lange bleiben. Der andere der beiden Diener begleitete ihn. Gegen Abend hatten sie die Burg verlassen und waren erst eine kurze Strecke Weges geritten, da hielt Nicolaus sein Pferd an und faßte den Diener in seine harten Blicke und sprach langsam: „Nimm Schwert und Helm und Schild vom Boden und bringe alles Parisina und sage: da die Nacht kam, hätten mich Ritter überfallen und getötet und meinen Leichnam mit sich geschleppt und dir meine Waffen zurückgelassen, damit du sie seinem Weibe brächtest, wenn Parisina Nicolaus, der ein schwarzer Verräter war, rächen und seinen Leichnam in seiner Burg bestatten wolle. Sage Parisina alles Schlechte von mir, erzähle, was meine Mörder dir über mich gesagt hätten! Sei schlau und erfinde! Beobachte Parisina! Merke, wie Parisina die Botschaft aufnimmt, und ob sic alles glaube oder ihre Trauer nur zeige. Sei schlau und gehe Parisina nach und sprich zu ihr und sage ihr, daß sie gut und ich schlecht gewesen sei! Als Bauer verkleidet, will ich hier warten, und wenn du alles weißt, dann komme wieder und bringe mir Schild und Schwert und Helm! Vergiß nicht zu sagen, daß es Nacht gewesen sei, als die Mörder mich überfielen, und daß sie dich geknebelt und gebunden hätten und ein Bauer dich erst befreit hätte! Sei schlau und verstelle dich und erfinde! Bei meinem Leben, ich will dich zum Freien schlagen !“

Der Diener schwor, zu tun, wie ihn Nicolaus geheißen hatte, und nahm Schwert und Schild und Helm und ritt gegen Ferrara.

Nicolaus wartete, und obwohl er verkleidet war, verbarg er sich vor den Blicken der Menschen. Wieder verfluchte er zuerst seinen Entschluß und schämte sich dessen, was er seinem Diener gesagt hatte, und schalt sich feige. Oft kam es ihm vor, als sei alles gar nicht wahr, und er lachte über sich und nannte sich einen Narren, und ihm war es, als müßte er gleich, so wie er sei, als Bauer verkleidet, zu Parisina und lachend Parisina alles sagen. Dann schien es ihm wieder, als dürfte er gar nicht denken und aufschauen, sondern als müßte er nur warten, zu Boden blickend auf alles das Mögliche, das vor ihm war. Oder Nicolaus dachte so tief und lange in sich hinein, und alles mögliche wurde so wirklich, als ob er gar nicht mehr lebte, und alles nur mögliche nahm Gestalt an und war da wie über seinem Grabe; und Nicolaus dachte sich leer und seine Seele hohl, und er lag in seiner Seele wie in einem Grabe.

Nur kurze Zeit war vergangen, da kam der Diener und brachte Helm und Schild und Schwert, und rief: ,,Giftige Verleumder hat Parisina die Mörder gescholten und sich und die Burg dem versprochen, der ihr die Mörder ihres Gatten und dessen Leichnam brächte. Wie einst, als sie am Hochzeitstage zu deinen Spielen kamen, haben jetzt die Ritter von den beiden Ufern des Po mit vielem Gefolge ihre Burgen verlassen und suchen die Mörder und wollen nicht eher heimkehren, bis sie nicht die Mörder gefangen und deinen Leichnam Parisina gebracht hätten. Leer ist deine Burg und gleicht einer Gruft, und einsam weint Parisina am Grabe, das sie im grünen Burghofe graben ließ, damit es deinen Leichnam einst berge!“

Wie Flammen war die Freude in Nicolaus’ Augen und spannte seinen Leib; und Nicolaus ließ den Diener nicht zu Ende sprechen und nahm Schwert und Helm und Schild und ritt gegen Ferrara. Nicolaus jagte das Pferd und war wie einer, der alles vergessen hatte, doch sein Pferd wurde müde, und Nicolaus erinnerte sich, und da er nur noch eine Stunde von seiner Burg entfernt war, ritt er, als sollte sein müdes Pferd ihn führen. Die Flammen der Freude in seinen Augen waren verlöscht. In der linken Hand hielt er lose die Zügel, die rechte hatte er auf den Hals des Rappen gelegt und blickte sie starr an und sah, daß die Hand bleich sei wie der Schaum und Schweiß des Rappen. Und vieles wurde ihm wirklich, was früher nicht war, und vieles Fremde kannte er jetzt, und Nicolaus sah das Grab, das Parisina ihm graben ließ, als stünde er vor dem Grabe. Es war Abend geworden. Durch die grünen Weiden sah er die große Burg mit den vier Türmen, und wie geschmolzenes Silber und Gold lag der Po in den dampfenden Wiesen, und wie ein Feuer so rot schien der Löwenturm im Scheine der scheidenden Sonne. Nicolaus sah auf, und sein Herz erschrak, und Nicolaus war es, als hätte er seine Burg noch niemals gesehen. Vieles Ferne war ihm ganz nahe, und vieles wurde ihm wirklich, was früher nur wie ein Spiel war, und Nicolaus sah das Grab, das Parisina ihm graben ließ. Er hielt das Pferd an und lehnte über des Pferdes Hals und sah starr nach der großen Burg. Der Diener ritt jetzt dicht an ihn heran und sprach: ,,Herr, soll ich vorausreiten und Parisina sagen, daß du lebst? Parisina ist allein und wird erschrecken wie eine, die lange allein war.“ Nicolaus blickte den Diener lange an und sah ihn nicht, und fuhr mit der Hand über die Augen, als wollte er etwas wegwischen, und Angst lag auf seinem Gesicht; und Nicolaus riß sein Pferd hin und her und rief wie mit fremder Stimme: „Sage Parisina, ich hatte doch einen Feind, und mein Feind war stärker als ich; sage Parisina, ich hatte einen Traum, und der Traum wurde mir wahr und hat mich verraten; sage Parisina, mein Traum war mein Feind und hat mich an den Tod verraten; sage alles das Parisina und frage Parisina, warum so früh sie das Grab mir grub!“ Nicolaus schrie die Worte und zog wild sein Schwert und hieb den Diener nieder und jagte seinem müden Pferde die Sporen in die Flanken, so daß diese bluteten; und Nicolaus ritt dorthin, woher er gekommen war, und Nicolaus ritt in die Nacht, und Nicolaus kam nicht mehr aus der Nacht.

DIE SÜNDE

Eine Moralität

Dramatis Personae:

Die Maske des Königs Arthur,

Die Maske der Königin Ginevra.

(Das Ganze ist als Epilog einer Tragödie, welche den durch die sündhafte Liebe Ginevras and Lancelots bedingten Verfall von König Arthurs Tafelrunde darstellt, zu denken. Die Szene ist ein Raum im Kloster von Almesbury, wohin Ginevra, nachdem ihre Schuld offenbar geworden war, von Camelot, der Königsburg, geflohen ist.

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, deine Boten fanden mich am Wege, und ich komme zu dir, da diese mir verkündeten, es sei dein Wunsch, mir vieles zu sagen, damit ich deine Sünde dir vergebe.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch sprich, warum kommst du ohne dein Roß und ohne deine Diener?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, meine Diener sind aus Camelot geflohen, seitdem die Mauern von Almesbury dich bergen, und meine Diener haben mein Roß mir gestohlen.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch sprich, warum hast du dein heiliges Schwert nicht

um den Leib gegürtet, und sprich, wo hast du die Krone deiner Siege und den Mantel deiner Opfer gelassen?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mein heiliges Schwert liegt unter nassem Gestein auf dem Grunde des Meeres, und in Camelot sitzt Dagonet, mein Narr, und ich ließ dem Narren die Krone meiner Siege, und der Mantel meiner Opfer wärmt Dagonets frierende Schultern.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, und zwölf Freunde pflegten dir durch die lachenden Tage zu folgen, doch sprich, warum bist du ohne deine zwölf Freunde?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mein Land ist das Land des Feindes, und die zwölf Freunde, die ich um Gottes willen liebte, haben Camelot verlassen und aus Camelot deine Sünde mit sich genommen, und Camelot ist leer, und Dagonet, mein Narr, heult in Camelots langen Sälen, und deine Sünde grünt weit im Lande und lacht nackt und ohne Scham auf meiner Freunde goldenen Stirnen.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch sprich, warum folgt dir nicht auch ein einziger von deinen zwölf Freunden, und warum bist du wie einer, der allein den Weg durch die Nacht sucht? Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, Lancelot ist tot, und der Sturm hat die Erde von Lancelots frischem Grabe ins Land geweht, und die Nacht ist über Lancelots Grab gegangen.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, wer schlug Lancelot, da Lancelot stärker war als alle deine Freunde?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, deine Liebe war Sünde, und die Sünde schlug Lancelot.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, ich hatte Furcht vor dem Tode.

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, die Sünde war deine Furcht.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, meine Sünde war ohne Furcht. Meine Sünde ist nicht in mir. König Arthur, ich bin ohne Sünde. Die Maske des Königs Arthur: Gineyra, was du sprichst, ist Gottes Spott. Wo ist deine Sünde, wenn nicht in dir?

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, da du bei mir bist, weiß ich es. Meine Sünde hat mich verlassen, und ich bin leer wie Camelot, und der Tod heult in meinem Herzen, und wohin du blickst, im Lande deiner Feinde ist meine Sünde und grünt, und von deiner Feinde goldenen Stirnen lacht nackt und ohne Scham meine Sünde. Warum kommst du allein, da ich den Tod fürchte? König Arthur, warum bist du ohne meine Sünde gekommen? Solange als ich lebte, hatte ich Furcht vor dem Tode, und meine Sünde hat wie ein Mantel den Tod mir eingehüllt, und jetzt ist meine Sünde mir fern, und nichts verhüllt mir den nackten Tod, und mein Herz friert wie Dagonet, dein Narr. König Arthur, warum bist du ohne meine Sünde gekommen, da ich den Tod fürchte? König Arthur, warum bist du allein gekommen, da Gott dich doch liebt?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mich hat Gott nicht geliebt. Ginevra, ich habe deine Sünde geliebt.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, wenn Gott dich nicht liebt, wo war da meine Sünde?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, du warst ohne Sünde. In mir war deine Sünde.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, gib mir die Sünde zurück, auf daß sie mein sei, denn ich habe Furcht vor dem Tode.

Die Maske des Königs Arthur (im Wahnsinn): Ginevra, im ganzen Lande grünt deine Sünde, und

von allen goldenen Stirnen lacht und aus allen hellen Augen lebt deine Sünde, und ich gehe alle Wege, deine Sünde zu sammeln, und wenn ich deine Sünde von aller Stirnen und aus aller Augen genommen habe, dann will ich deine Sünde dir bringen und den Tod dir in deine Sünde hüllen wie in einen Mantel, auf daß dein Herz nicht mehr friere, und laut will ich dann und lachend allen sagen, daß Gott mich liebt!

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, meine Sünde war größer, als du weißt, und die Grenzen des Landes sind weiter, als du zu schauen vermagst, und deiner Freunde und Diener waren mehr, als du kennen darfst; wie willst du, bevor Gott dich liebt, wissen, daß von allen du meine Sünde genommen hast?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, wenn die Raben Camelot verlassen und Lancelots Leiche aus der Erde scharren, wenn Dagonet,»mein Narr, aus Camelots leeren Sälen mir, wo immer ich sei, froh wie ein Kind die Krone meiner Siege und den Mantel meiner Opfer bringt, wenn das Meer endlich mein heiliges Schwert mir ans Ufer speit, dann werde ich wissen, daß von allen ich die Sünde genommen habe, dann werde ich wissen, daß Gott mich liebt.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur, du fürchtest den Tod, und du wirst meine Sünde nicht finden. König Arthur, hier sieh meinen Leib zu deinen Füßen. Mein Leib ist nackt bis auf den Tod. König Arthur, tritt auf den Tod!

DIE GELIEBTE DES DICHTERS

UND die Geliebte des Dichters sprach zu sich: „Er nennt mich seine Geliebte, und ich werde alles töten, dessen er sich erinnert und was da war, bevor er mich seine Geliebte nannte, und ich werde prangen und schöner sein, und er wird alles vergessen, dessen er sich erinnerte und was da war, bevor er mich seine Geliebte nannte.“ Und die Geliebte des Dichters ging hin und tötete alles, dessen der Dichter sich erinnerte und was da war, bevor er sie seine Geliebte nannte; und die Geliebte des Dichters kam zum Dichter zurück und war schöner, und ihr Mund war rot wie vom Blute alles dessen, was sie getötet hatte. Doch der Dichter hatte sie vergessen, und ihr war, als sähe der Dichter ihre Schönheit nicht und den Mund nicht, der rot war vom Blute alles, dessen sich der Dichter erinnerte.

Und die Geliebte des Dichters ging hin und tötete sich selbst.

DER MENSCH UND DER SPIEGEL

ER Mensch trat vor den Spiegel und sprach:

„Spiegel, zeige mich so, wie ich bin! Ich will wissen, wie ich bin.“

Wie immer war der Spiegel sehr bereitwillig und höflich und antwortete mit schmeichelnder Stimme: „Sieh nur in mich hinein, so wie du bist!“

Der Mensch versuchte so zu sein, wie er ist, nicht mehr und nicht weniger, dachte er noch schnell bei sich, und blickte in den Spiegel. Doch der Mensch war nicht wenig erstaunt, als er hörte, wie der Spiegel kicherte, und es klang, wie wenn sich der Spiegel hinter dem Menschen versteckt hätte.

„Ja Spiegel, wenn du lachst, kann ich mich nicht so sehen, wie ich bin. Warum lachst du?“ rief der Mensch und sah sich um.

„Du weißt es nicht, aber du hast ein Gesicht geschnitten, und so mußte ich lachen und mich hinter dir verstecken, damit du nicht über mich lachst. Versuch es noch einmal!“ antwortete der Spiegel.

Der Mensch dachte schnell und still bei sich: „Ich werde jetzt versuchen, ein wenig ernster auszusehen, als ich gewöhnlich aussehe, damit er

nicht lacht und ich zwischendurch mich sehen kann, so wie ich wirklich bin!“ und sah in den Spiegel.

Doch wieder lachte der Spiegel, und diesmal recht laut, und wieder klang es, wie wenn er sich hinter dem Menschen versteckt hätte.

,,Du lachst wieder, und ich habe doch absichtlich ernster hineingeblickt, als ich gewöhnlich aussehe!“ rief der Mensch und stampfte mit dem Fuße auf den Boden.

„Ja, ich kann nichts dafür. Du hast diesmal ein gräßliches Gesicht geschnitten. Ich mußte noch mehr lachen und mich hinter dir verstecken, damit du nicht sagst, ich lüge. Versuch‘ es ein drittesmal, vielleicht kann ich dann das Lachen verhalten!“ antwortete der Spiegel.

Der Mensch sah zum dritten Male in den Spiegel, blickte aber gleich weg, tat sehr schlau, spitzte die Ohren, verdrehte die Augen und horchte nach rückwärts, ob denn der Spiegel sich das Lachen nur verhalte oder ob er wirklich nicht lache. Der Mensch hörte nichts. Alles war still. „Nein, jetzt lacht er wirklich nicht!“ dachte der Mensch bei sich und blinzelte mit den Augen und rieb sich die Hände und lachte und rief: „Nun, Spiegel, sprich, schneide ich jetzt wieder ein Gesicht?“ und sah dabei in den Spiegel. Da lachte der Spiegel laut auf, und es klang nicht, wie wenn er sich hinter dem Menschen versteckt hätte, und der Spiegel rief: „Ja, wenn du lachst und dich umblickst, kann ich dich nicht sehen. Du mußt so sein, wie du bist.“

Der Mensch wurde jetzt wütend, nahm den Spiegel von der Wand und warf ihn auf den Boden, so daß dieser in tausend Scherben und Splitter zerflog; und der Mensch rief: „So bin ich, so, damit du es weißt!“

DAS GLÜCK UND DIE VOLLKOMMENHEIT

ZUM Komödianten, der tagsüber im Karren auf der Landstraße lag, trat aus der Stadt der Heilige und sprach: „Ich war einst wie du ein Komödiant. Der König liebte mich und gab mir viele Geschenke, und das Volk jubelte mir zu und nannte keinen Namen so oft wie den meinen. Und da ich alles Glück erschöpft hatte, sagte ich zu mir: ,Du bist jetzt reich und glücklich, warum willst du noch spielen ?£ Und ich spielte nicht mehr und wollte mit meinem Glück allein sein. Doch als der König und das Volk sahen, daß ich nicht mehr spiele, wurden sie zornig und nahmen mir alles und stießen mich vor das Tor der Stadt. Und ich war nackt und leer und ohne Glück und irrte wie ein Blinder, und mein Wunsch war, zu sterben.

„Da begegnete mir einmal, als ich einen Berg herabging, ein Lastträger. Er stieg langsam empor und keuchte und blieb immer wieder stehen und blickte ängstlich nach der Höhe und sah wieder auf den Boden, und ging weiter und sagte kein Wort. Ich sah ihm lange zu und ging ihm nach. Mitleid ergriff mich, und mir war, als trüge ich seine Last auf meinen Schultern und als ginge der Lastträger frei; und ich sah ihn nicht mehr und hatte ihn vergessen, und ich liebte seine Last und wußte nicht, warum dies sei. Ich ging nun weiter, und am Fuße des Berges kam ich vor das Tor einer fremden Stadt und sah, wie eine große Menge Volkes um ein Weib sich geschart hatte und schrie und auf das Weib, das schön war und Blumen im Haar und bunte Tücher um den gesalbten Leib trug, loshieb und das Weib Sünde nannte. Ich wollte zuerst unter die Menge treten und das Weib von der Wut des Volkes befreien, doch der Menschen waren zu viele, und ich sah deren geballte Fäuste und tierische Blicke, und sah die zuckende Schönheit des Weibes und die Blumen im Haar und die bunten Tücher um dessen gesalbten Leib, und mir war, als trüge ich des Weibes Schuld und als deckte des Weibes Sünde meine Scham, und ich wußte, warum das so sei. Und weiter ging ich und zog durch die Städte und Dörfer und nahm die Krankheit der Bettler und die Torheit der Besessenen auf mich, und die Kronen müder Könige setzte ich mir aufs Haupt, und die Schwermut derer, die zu viel lieben, legte ich in meine Seele, und aller Schuld wurde meine Schuld, und das Volk kam zu mir und nannte mich den Heiligen.

Da sprach ich zu mir: ,Du bist wieder glücklich geworden, und jede Last, die du den Menschen abnimmst, macht deine Seele leicht, und deine Seele wird bald so leicht sein, wie dein Leib leicht war, als du vor dem Könige und dem Volke spieltest/ Meine Seele wurde mir auch leichter. Ich war glücklich bis zu dem Tage, da ich dich traf. Denn du gehst wie einer, der keine Last und keine Schuld trägt. Das ärgert meine Seele, und ich beginne zu zweifeln an meiner Vollkommenheit, und ich fühle, wie eine Last nach der anderen von mir fällt und meine Seele schwer wird, während ich zweifle. Deine Schuld noch fehlt mir zur Vollkommenheit. Nenne mir deine Schuld und wirf deine Schuld auf mich und mache meine Seele leicht! Dein Glück wird so groß sein, daß du es mehr lieben wirst als dich selbst. Nenne mir deine Schuld, auf daß ich vollkommen werde!“ Also redete der Heilige, und der Komödiant lächelte und hob sich aus dem Karren und setzte sich auf einen Meilenstein und sprach: „Auch ich war einst wie du ein Heiliger und hatte der Menschen Schuld und Last auf mich geladen. Ich ging wie einer, dessen Seele leicht war und vollkommen, und das Volk schien mir glücklich und nannte mich den Heiligen und betete in meinem Namen zu den Göttern. Doch bald sollte ich mich täuschen. Das Volk wurde seines Glückes müde, und einer aus dem Volke trat hervor und sagte: ,Warum sollen wir glücklich sein, während er vollkommen ist?,: Lasset uns alle Heilige werden wie erk Und alle, die seine Worte gehört hatten, riefen: ,Lasset uns Heilige werden wie er und aller Schuld und Last auf uns nehmen! Warum soll er allein der Heilige heißen und von vollkommner Seele sein? Unser Glück ist ein Affe/ Und sie kamen zu mir und riefen: ,Gib uns unsere Schuld und unsere Last, auf daß wir alle Heilige werden und von vollkommener Seele seien wie du, denn unser Glück ist uns zum Affen geworden!‘ Als ich sie also hörte, mußte ich lachen, es war das erstemal in meinem Leben, daß ich lachte, und ich sprach: ,Ihr seid Kinder!*‘ Noch wollte ich etwas sagen, da murrten sie laut und schrieen: ,Gib uns unsere Schuld und unsere Last! Du hast kein Recht auf unsere Schuld und Last, gib unsere Schuld und Last uns zurück! Wir wollen alle Heilige hejfßen und von vollkommener Seele sein. Es gibt kein anderes Glück für uns, denn alles andere Glück ist ein Affek Da ich nun wieder lachte und sie Kinder hieß, fielen sie über mich her und rissen mir alle Schuld und alle Last aus der Seele und stießen mich nackt vor das Tor der Stadt und riefen mir nach: ,Das noch für dein Lachen. Das magst du behalten. Seitdem bin ich allein, nackt und allein mit meinem Lachen. Um nicht zu verhungern, wurde ich Komödiant. Wie man Masken nimmt, das wußte ich bald, da ich das Lachen kannte. Am Tage nun liege ich hier, und abends nehme ich mir meine Masken und gehe in die Stadt. Ohne Maske würden sie mich nicht einlassen; und da unter ihnen über ihre Schuld und Last ein heftiger Streit tobt, so lieben sie mich, denn wenn sie meine Masken sehen, so sind sie glücklich und still und ohne Streit. Doch du willst meine Schuld ?“ So redete der Komödiant und ging vom Meilenstein zum Karren zurück und kramte lange im Karren und holte endlich einen Sack heraus. Der Sack war groß, aber sehr leicht. Der Komödiant brachte ihn vor den Heiligen und schüttete den ganzen Inhalt vor dessen Füßen aus. Da sah nun der Heilige Kronen, Schwerter, bunte Mäntel, Blumen, Kelche, Bärte, alles aus Goldpapier oder Holz oder schlechtem Stoff, bunt durcheinander.

Der Komödiant sprach: ,,Es ist nicht schwer. Man muß es nur zu ordnen wissen. Wenn du das willst?“

Der Heilige antwortete nichts und ward traurig und verließ den Komödianten. Und lange sah diesem der Komödiant nach und sah, daß der Heilige an dem Tore der Stadt, aus der er gekommen war, vorbeiging.

DAS ÄRGERNIS

Come il demonio in forma di Crocifisso appane piu volte a frate Ruffino, dicendogli che perdea il bene che facea, perocch’egli non era delli eletti di vita eterna. Di che san Francesco per rivelazione di Dio il seppe e fece riconoscere a frate Ruffino il suo errore, ch’egli avea creduto.

DIE Brüder waren schon zu Bett gegangen, und in den kahlen Gängen des Klosters war es stillegeworden. Nur noch Bruder Ruffino wachte und kniete auf den kalten Ziegeln seiner kleinen Zelle und hielt die Hände vor die Augen und betete laut. Doch kaum hatte er die ersten Worte des Gebetes gesprochen, da sah er wieder, wie der Engel von rückwärts vor ihn hintrat und ihn lange und traurig ansah, und Bruder Ruffino hörte, wie der Engel sprach: „Warum betest du, Bruder Ruffino? Du bist doch verurteilt!“ Bruder Ruffino schrie auf wie ein Kind, da er den Engel also vernahm, und schlug mit den Händen Stirn und Augen und raufte sein Haar und konnte nicht mehr beten. Sachte verließ er die Zelle, in der Kirche vor dem großen Altäre wollte er sich auf die Marmorstufen werfen und allein vor Gott im Dunkeln wachen, während die andern schliefen. Schon schlich er im Gange, alles war dunkel, nur vor dem Bilde Fioretti di San Francesco Cap. XXIX. des Gekreuzigten brannte ein Ollicht; Ruffino tastete an der Wand, da griff eine fremde Hand nach seiner Hand und drückte seine Hand, und Bruder Ruffino wußte, daß es Bruder Francesco sei; und BruderFrancesco sprach:,,Bruder Ruffino, wir alle sind Sünder vor ihm! Warum ist deine Seele traurig?“ Bruder Ruffino erschrak und sah weg und machte seine Hand los und eilte davon. Am nächsten Tage sammelte Bruder Ruffino Nägel und Dornen, und nahm, soviel er nur finden konnte, und tat sehr heimlich, damit ihn Bruder Francesco nicht sähe, und versteckte sie in seinem Bette. Nachts nun nahm er die Nägel und Dornen heraus und breitete sie auf den Ziegeln aus und kniete mit nackten Knien auf sie nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden. Blut floß ihm aus der Stirn über die Augen und aus den Knien und färbte den Boden, und Bruder Ruffino betete. Doch kaum hatte er die ersten Worte des Gebetes gesprochen, da sah er wieder, wie der Engel von rückwärts vor ihn hintrat und ihn lange und traurig anblickte, und Bruder Ruffino hörte, wie der Engel sprach: „Bruder Ruffino, warum kniest du auf Dornen und Nägeln? Du bist doch verurteilt!“ Bruder Ruffino zitterte wie ein getroffenes Tier, und seine Augen blickten voll Angst durch das kleine Fenster nach dem dunklen Himmel, und er sah das Dunkel sich teilen und sah die glühenden Tore der Hölle. Bruder Ruffino wollte aus der Zelle und wußte nicht wohin; schon hatte er die Hand an der Tür, da öffnete sich die Tür, und Bruder Francesco stand vor Bruder Ruffino und trug ein Licht und sprach: ,,Bruder Ruffino glaube mir, ich habe mehr Sünden als du! Warum weichst du mir aus? Sage, was liegt dir so schwer auf der Seele?“ Doch Bruder Ruffino hielt die Hände vor die blutende Stirn und die blutenden Augen und schlich durch die Tür an Bruder Francesco vorbei und eilte zum See und nahm das Boot und fuhr hin nach der Insel, die einsam im See lag. Wie der Herr in der Wüste, so wollte auch er vierzig Tage und vierzig Nächte ohne Nahrung bleiben und beten.

Bruder Ruffino wußte nicht, wie lange er schon auf der Insel ohne Nahrung lebte, immer aber, da er betete, sah er den Engel vor sich, und immer hörte er den Engel sagen: „Bruder Ruffino! Dein Gebet dringt nicht bis in den Himmel.“ Und Bruder Ruffino betete nicht mehr, und Bruder Ruffino dachte lange nach und sprach zu sich: .„Ich muß zu ihm, und ich will ihm alles sagen.“ Schon ging Bruder Ruffino auf dem Wege nach dem Kloster, sein Leib glich dem Leib eines Toten, und ein Frieden, der ihm fremd war, kam in seine Seele, als er sah, wie Bruder Francesco eilend auf ihn zukam. Ein überirdischer Glanz lag auf Bruder Francescos Gesicht, von weitem schon hatte er Bruder Ruffino erkannt und ihm Zeichen gemacht; und da er vor Bruder Ruffino stand, umarmte er ihn und küßte ihn, und laut und herrlich wie einer, durch den Gott spricht, rief er: „Bruder Ruffino, preise laut Gott und preise laut Gottes Wunder! Ich weiß jetzt, was dich drückt. Die ganze Zeit, da du fern warst, habe ich gefastet und gebetet, und heute ist von Gott mir großem Sünder eine Gnade widerfahren. Frohlocke, Bruder Ruffino, und singe laut den Ruhm der Himmel! Denn wisse, ein Engel erschien mir, während ich betete, und sprach mir von dir und sagte mir alles! O Bruder Ruffino, der Teufel ist es, der dich versucht, glaube ihm nicht und bete! Wir alle sind Sünder, und mir ist, als sei ich der größte Sünder unter den Menschen!“ Bruder Pvuffino riß sich aus den Armen des Bruder Francesco und stieß ihn von sich, und in seinen Augen flammte die Flamme des Bösen, und Bruder Ruffino eilte davon und wußte nicht wohin, und die Brüder sahen Bruder Ruffino nicht mehr.

Doch Bruder Francesco betete zu Gott und rief: „Gott, ich danke dir, daß durch Engel du mir die Wahrheit verkündest, doch blicke nieder auf meine vielen Sünden und versuche mich nicht eitlem Ruhme!“

DER BAJAZZO

VOR dem Eingänge ins Theater sind zwei

Fackeln an Pfähle gebunden, und das Licht

der Fackeln leckt im Abendwinde wie zwei große blutige Zungen und liegt wie roter Staub auf dem Boden und den Plachten, die den Zuschauerraum decken, und fällt auf die Gesichter der Menschen, die sich stoßen und drücken, um heute das neue Stück zu sehen. Am Vormittage schon hatten die Komödianten dieses den Bürgern der kleinen Stadt angekündigt, indem sie den Esel mit Papierblumen schmückten und mit Musik durch die Straßen zogen. Der Bajazzo schrie an allen wichtigen Plätzen den Titel und Inhalt des neuen Stückes aus, das war immer so. Jetzt will jeder zuerst an den Tisch heran, vor dem sehr ernst ein Mitglied der Truppe sitzt, die hingeworfenen Kupfermünzen in die Lade streichend und abgegriffene Billetts aus dicker Pappe mit großen Nummern darauf verteilend. An der Tür, die in den Zuschauerraum führt, steht ein Frauenzimmer und weist die Sitzreihen an. Draußen gaffen und lachen die Kinder, und die Mütter tragen ihre Säuglinge und halten sie hoch in das Licht und den Lärm. Ein feuchter Herbstwind weht. Am Tage hatte es viel geregnet.

Dort, wohin das Licht der beiden Fackeln nicht mehr fällt, hinter dem Halbkreis, den die Kinder bilden, geht der auf und ab, den alle Bajazzo nennen und der heute denTitel und Inhalt des neuen Stückes ausgerufen hat. Niemand scheint ihn zu bemerken. Er ist schon im Kostüm. Auf dem Kopfe trägt er die weiße Mütze mit der roten Quaste, um die Schultern hat er seinen alten rotbraunen Mantel gehängt, und im Winde blähen sich weit seine weißen Hosen. Er macht große Schritte und sieht dabei auf die Fußspitzen, als ob er die Schritte zählen wollte. Er ist erregt und hat die Hände in den Hosentaschen und spricht und flucht in sich hinein. Plötzlich bleibt er stehn und fährt mit der Hand über sein dickes Gesicht und verwischt den Puder und sieht über die Kinder hinweg nach dem Tisch und dem Schauspieler, der die Billetts verteilt. Er beißt an der Unterlippe. Als sei ihm etwas eingefallen und müßte er zu etwas sich gleich entschließen. Doch er schüttelt den Kopf und geht wieder weiter auf und ab und spricht zu sich: „Ich werde noch spielen … Ich muß noch spielen . . . Nach dem Spiele wird es besser sein … Erst nach dem Spiele . . . Und beide auf einmal . . . Wenn ich sie nur ertappen könnte, so wie ich es wollte . . . Aber Nedda ist schlau . . . Wie soll ich es nur

machen . . . Wenn ich sie im Bette träfe . . . Das wäre etwas … Ja . . . Ich müßte mich rechtzeitig unten verstecken . . . Nedda schließt immer ab . . . Ob sie wieder zuerst beten wird, die verfluchte Heuchlerin . . . Das würde ich noch ab-warten . . . Nedda hat vorige Woche ein großes Küchenmesser gekauft… Wenn es nur scharf genug ist… Werweiß, ob sie es schon bezahlt hat… Gott, Gott, wie dumm ich bin, ich vergesse alles, ich rede ganz irre … Nedda schläft ja mit mir.. . Jetzt stecken sie zusammen und kichern vor Lust, und ich laufe hier herum und schwatze blödes Zeug . . . Jetzt, jetzt. . . Wenn ich sie suchte . . . Doch das Spiel fängt gleich an, und ich muß mitspielen … Ist das dort nicht Filippo? Nein, nein, Filippo ist größer und hat mehr Bart. . . Nedda spielt heute nicht mit. . . Natürlich, jetzt, gerade jetzt, in diesem Augenblick werden sie Zusammensein … Ich weiß alles… Doch ich muß mitspielen… Das neue Stück… Ich kann gar nichts aus meiner Rolle machen … Ich habe es allen gleich gesagt, aber nein, nein, ich bin ja nur der Bajazzo und kann ausschreien und Zusehen! Diese Gauner, alle haben heute gute Rollen … Immer haben sie gute Rollen … Doch mir ist alles gleich .. . Wenn ich sie nur zusammen treffen könnte … Mit Nedda

allein werde ich schnell fertig … Da habe ich keine Angst… Aber Filippo, Filippo ist stark, und ich bin schrecklich ungeschickt.. . Ich zünde sein Haus an und seine Scheune und alles . . . Der Kerl ist reich … Er ist stärker als ich . . . Ich bin fett und alt geworden . . . Fett, Fett, dahier Fett und überall Fett! Ekelhaft! Mein Gesicht . . . Bin ich feige . . . ? Ach ich weiß, was ich bin: ein Narr bin ich, ein dummer, alter, fetter, ekelhafter Narr. . . Doch ich muß sie zusammen treffen … Ich muß und muß und muß ..

So spricht der Bajazzo und geht weiter auf und ab und macht große Schritte und sieht dabei auf die Fußspitzen, als ob er die Schritte zählen wollte. Im Winde blähen sich weit seine weißen Hosen, und Tränen der Wut fließen ihm über die dicken Wangen und verschmieren den Puder.

,,Pst! Pst! Bajazzo! Bajazzo!“ ruft plötzlich eine Stimme hinter ihm, und eine fremde Hand legt sich auf seine Schulter.

Der Bajazzo erschrickt und dreht sich um.

Es ist Antonio, derselbe Antonio, der ihm das Verhältnis Neddas mit Filippo, dem jungen Bauern, •verraten hat. Der Bajazzo haßt ihn darum, er haßt Antonio mehr als alle andern Menschen.

„Bajazzo! Bajazzo! Weißt du es noch nicht? Filippo ist tot!u ruft Antonio leise,

„Was? Wer? Was? Sprich keinen Unsinn! Was sagst du? Wer ist tot?“ schreit der Bajazzo und wird so bleich, daß man es noch durch den verschmierten Puder sieht.

„Er! Filippo! Filippo ist tot! Schrei nicht so!“ spricht wieder leise Antonio.

„Filippo ist tot? Das ist nicht wahr! Du lügst! Wer hat ihn getötet?“ schreit der Bajazzo und sieht sich dabei nach allen Seiten um, und seine kleinen, verklebten Augen zittern.

„Komm beiseite! Du machst zu viel Lärm, die Kinder sehen schon her. Ich will dir alles erzählen!“ spricht Antonio und zieht den Bajazzo mit sich fort, und erzählt dann: „Es ist wahr. Ich habe ihn im eigenen Blute liegen gesehen. Er wollte wieder zu ihr, — er wußte, daß du spielen wirst —, da sieht er, wie jemand aus Neddas Zimmer schleicht, sich zuerst an der Wand fortdrückt und, da er fühlt, daß er gesehen werde, schnell weg will. Filippo springt auf ihn los, sie ringen und ziehen das Messer, doch der andere ist schneller, und Filippo fällt. Der andere — ich weiß nicht, wie er heißt, er ist ein dicker, häßlicher Kerl und älter als Filippo — hat alles gestanden.

Sie haben ihn festgenommen. Willst du ihn sehen? Doch du, was hast du? Du denkst an Nedda. Laß sie! Sie ist seit jeher eine Dirne gewesen. Ich hätte dir das schon längst sagen können. Was hast du?“

,,Sprich nicht! Was weißt du? Was hättest du sagen können? Nichts hättest du sagen können!“ stottert der Bajazzo, und als träumte er, blicken seine Augen in die Ferne. ,,Ist Filippo wirklich tot oder ist er nur verwundet?“ fragt er weiter. ,,Ja, ja, er ist tot! Um ihn ist ein schrecklicher Blutlachen. Alle wissen es. Nedda auch!“ antwortet Antonio.

,,Nedda auch!? Natürlich! Was sagte sie? Wie war sie!“ ruft der Bajazzo und sieht Antonio starr und voll Angst ins Gesicht!

,,Gräßlich und vor allen Leuten hat sie geschrien: ,Filippo! Filippo! Mein einziger Filippo!4 O, sie ist eine Dirne! Doch was hast du? Wohin blickst du? Ich würde alles jetzt so schnell wie möglich vergessen. Auf jeden Finger bekommst du zehn solche wie Nedda und bessere. Jage sie auf die Straße und wirf ihr den Binkel mit ihren paar Fetzen nach! Ihr hat überhaupt nie etwas gehört. Alles hast du ihr gekauft, unlängst noch das rote Kleid mit den weißen Blumen. Heute trug sie es.

Es wird jetzt voll Blut sein. Sie soll auf die Straße gehen, dorthin gehört sie . . . Doch was hast du? Komm, komm, es fängt gleich an! Sie wissen es noch nicht, wir dürfen das Spiel nicht stören. Du bist schon im ersten Akt. Pudere dich noch ein wenig! Das Kostüm hast du ja schon an. Komm, komm!“ So spricht Antonio und will den Bajazzo mit sich ziehen.

,,Ja, ja, ich komme gleich,“ ruft der Bajazzo schnell und erregt, ,,ich komme gleich. Laß mich los, laß mich los! Ich werde schon noch spielen. Laß mich, sage ich dir! Kümmere dich überhaupt nicht um mich! Das Ganze geht dich gar nichts an, damit du es weißt. Laß mich los, sonst. . .!“ Antonio will ihn halten, doch der Bajazzo reißt sich los, und schon ist er im Dunkel verschwunden.

Der Bajazzo läuft und läuft und weiß nicht wohin. Über den Marktplatz, bei der Post und beim großen Brunnen vorbei in die Vorstadt durch viele enge und schmutzige Gassen. In den Geschäften und Cafes und Schnapsläden ist Licht. Die Leute bleiben stehen und sehen ihm nach; alle kennen ihn ja an den weiten weißen Hosen, die sich im Winde blähen, und an der weißen Mütze mit der roten Quaste. Doch der Bajazzo läuft und weiß nicht wohin und hält krampfhaft den alten rotbraunen

Mantel, den er um die Schulter gehängt hat. Er läuft durch viele enge und schmutzige Gassen, an den beleuchteten Geschäften und Schnapsläden und Laternen vorbei. Sein Schatten fällt riesengroß auf die Straße und das Trottoir und steigt die Mauern der kleinen Häuser empor und verschwindet und ist wieder da, bald vor ihm, bald hinter ihm, bald rechts, bald links. Jetzt hat er zwei Schatten, und dann drei, und nun wieder einen. Das dicke, breite, aschgraue Gesicht erscheint, wenn das Licht einer Laterne darauf fällt, wie eine große, abgegriffene Gipsmaske, durch die zwei kleine, dunkle Augen starren. Jetzt ist er am Stadttor und bleibt stehn. Er sieht sich um und hört einen Steuerbeamten mit einem Kutscher sprechen. Er läuft durchs Stadttor und ist im Freien. Alles ist dunkel und der Bajazzo ohne Schatten. Traumhaft zittert im Winde das Laub der Bäume. Die Luft ist wundersam klar, und die Sterne scheinen hoch, und der Himmel gleicht einem dunklen See. Die Wiesen duften, ln der Ferne schimmern die vielen Lichter des Bahnhofs, und es ist, als bewegten sie sich. Ein Zug pfeift, und Waggons werden hin und her geschoben. Aus dem Stadttor fährt schnell ein .Omnibus und biegt nach rechts auf den Bahnhof zu ab. Aus den Pfützen spritzt das Wasser um

die Räder und Laternen. Der Bajazzo sieht ihm nach und sieht, wie der Kot um die Räder und Laternen spritzt. Ihn friert, und er zieht den Mantel fest an die Schultern. Er denkt noch einmal an alles. Er kann es nicht zusammenbringen. Als ob alles gar nicht wahr wäre. Wo ist er, und wo sind die andern?! Filippo und Nedda und der andere und … Es ist aber doch wahr! Tränen kommen ihm in die Augen. Seine Beine zittern, er findet eine Bank und setzt sich nieder. Es ist doch wahr! Er hält die weiße Mütze mit der roten Quaste vor sein Gesicht und schluchzt auf und beißt in die Mütze und ruft in sich hinein: „Gott, Gott, ein Narr, ein Narr bin ich, ein Narr!u Er schluchzt, das Schluchzen stößt gleichsam seinen fetten Leib, er wirft die Mütze weg und schreit auf, und wirft seinen fetten Leib ins nasse Gras des Grabens und weint lange, und weint wie ein Kind . . .

DER GAUKLER

UND wenn ich das schönste Weib gewänne, fürwahr, ich würde dem Tode mein Leben lassen! Ich schwör’s!“ rief Fortunatus und machte viele Gebärden.

Fortunatus gewann das schönste Weib, und Fortunatus wunderte sich und ward ganz still und wartete auf den Tod.

Doch der Tod kam nicht, und Fortunatus wurde wieder laut und machte viele Gebärden und rief: „Und wenn ich so viel Geld gewänne, daß die Menschen zu meinen Dienern würden und sich verbeugten, so ich vorbeiginge, fürwahr, ich würde dem Tod mein Leben lassen. Ich schwöre wieder.“ Fortunatus gewann so viel Geld, daß die Menschen seine Diener wurden und sich verbeugten, so er vorbeiging, und Fortunatus wunderte sich und wurde ganz still und wartete auf den Tod.

Doch der Tod kam nicht, und Fortunatus wurde zum drittenmal laut und machte viele Gebärden und rief: „Und wenn ich solchen Ruhm gewänne, daß die Menschen zu mir kämen und sagten, sie wollten ewig sich meiner erinnern, fürwahr, ich würde dem Tod mein Leben lassen. Ich schwöre zum drittenmal.“

Fortunatus gewann solchen Ruhm, daß alle Menschen zu ihm kamen und sagten, sie wollten ewig sich seiner erinnern, und Fortunatus wunderte sich und ward ganz still und wartete auf den Tod.

Doch derTod kam, und Fortunatus erkannte gleich den Tod und warf sich vor dem Tode nieder in den Staub und krallte seine Finger an die ehernen Füße des Todes und blickte erschrocken in des Todes lichtlose Augen und wollte lachen und zuckte mit dem Leibe und lachte und sprach leise und mit schlauem zitterndem Munde zum Tode: „Es war nur ein Spiel. Nimm es mir wieder!“

Da trat der Tod Fortunatus’ krallende Finger von seinen ehernen Füßen ab und trat auf Fortunatus’ Nacken und scharrte Fortunatus’ toten Leib weg vom Wege der Menschen, gleich wie man einen häßlichen Wurm mit dem Fuße aus dem Wege scharrt.

MARIA UND MARTHA

Eine Allegorie

Es geschah aber, als sie dahinzogen, daß er in einen Flecken kam. Da nahm ihn ein Weib mit Namen Martha auf— und sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Lucas X, 38, 39.

ES sind viele Jahre dahingangen, seitdem die beiden Prinzessinnen, von denen ich erzählen

will, im alten Schloß lebten und starben. Das alte Schloß liegt heute noch am See, und wenn der Sturm in die Wellen des Sees fährt, dann heult dieser auf und ruft laut Worte aus, die niemand versteht, und immer dieselben, und schließt die Augen wie ein Mensch, der ins Wasser taucht; und erst wenn der Sturm fortgeflogen und weit weg in einem anderen Lande ist, dann lacht der See und öffnet die Augen und sieht den ganzen Himmel oben und die Weiden am Ufer und die Schwalben und Adler, die über ihm kreisen.

Die beiden Prinzessinnen waren Zwillinge, und da ihre Mutter sie gebar, an diesem Tage hatten Boten ihr die Kunde gebracht, daß der Herzog, ihr Gemahl und der Vater der neugebornen Zwillinge, im Kampfe gegen Klingsor, den bösen Zauberer, gefallen sei. Denn damals gab es noch Zauberer, die das Glück der Menschen und den Wunsch Gottes zu stören suchten, und von Klingsor erzählten die Leute, er verstünde Wasser in das Feuer zu gießen, ohne dieses zu löschen, und von Klingsor hatte auch der Herzog gehört, er wüßte die Wahrheit und den Irrtum so zu mischen, daß nur, wer ihn tötet, den Irrtum wieder von der Wahrheit trenne. Und darum war der Herzog ausgezogen, den Zauberer zu töten. Er hatte es Gott versprochen, denn sonst würde ewig die Wahrheit im Irrtum und der Irrtum in der Wahrheit sein, und kein Sterblicher vermöchte fürderhin beide voneinander zu lösen.

Das große Leid hatte die Seele der Herzogin verwirrt und ihr alles Licht genommen. Die Herzogin sprach von jetzt an Worte, deren Sinn ihre Diener nicht verstanden, und sie irrte im alten Schloß von Zimmer zu Zimmer, und öffnete und schloß wieder die vielen Fenster, und niemand konnte begreifen warum. Oder sie lief um den See, wenn der Sturm in den Wellen lag und der See aufstöhnte. Sooft die Ammen auf die Herzogin zukamen und ihr die beiden kleinen Prinzessinnen zeigten, erschrak sie und erkannte ihre eigenen Kinder nicht und eilte davon. Nur ganz selten hielt sie still und griff nach den Kindern und fragte nach deren Namen, doch dann verwechselte sie diese und nannte die eine Prinzessin mit dem Namen der anderen und lachte laut auf.

So hatten denn die beiden Prinzessinnen ihren Vater nie gesehen und wurden von ihrer Mutter nicht erkannt. Und darum waren sie auch immer allein und spielten im Park und jagten die Rehe aus den Gebüschen auf oder schreckten die kleinen Eichhörnchen auf den Bäumen. Die Diener und Mägde ließen sie ohne Aufsicht und hatten ihnen nur strenge verboten, hinunter an den See zu gehen. Sie sagten, im See lebe eine böse Frau und sie komme aus dem See heraus und hole sich die Kinder, wenn diese an das Ufer treten. Aber trotzdem führte die Neugier die beiden Prinzessinnen oft, wenn die Diener es nicht sahen, ganz heimlich hinunter, und dann lachte der See und hatte die Augen offen und sah den ganzen Himmel oben und die Weiden am Ufer und die Schwalben und die Adler über sich und auch die beiden Prinzessinnen, wenn sie ganz nahe herantraten und über sein Ufer die kleinen Köpfe neigten.

Die Namen der beiden Prinzessinnen waren Maria und Martha. Obwohl die Mutter sie zur selben Stunde geboren hatte, so war dennoch Maria schön und Martha garstig. Und beide wußten es ganz gut: Maria wußte, daß sie schön, und Martha, daß sie garstig sei; denn sie hatten beide an hellen Tagen oft ihr Bild im See gesehen. Aber Maria und Martha sprachen nie davon, was sie im See gesehen hatten, und liebten einander. Ja, Maria und Martha liebten einander nicht nur deshalb, weil sie Schwestern und immer allein waren und ihren Vater nie gesehen hatten und von der eigenen Mutter nicht erkannt wurden, sondern Maria liebte Martha, weil Martha garstig, und Martha liebte Maria, weil Maria schön war. Und niemals haben die Diener im Schlosse oder die Gärtner im Park oder die Fischer am See Maria ohne Martha und Martha ohne Maria gesehen. Und wer Gott hätte verstehen können, der würde gewußt haben, wie gerade Gott es so wollte, daß Maria in Martha und Martha in Maria sei, und wie Gottes Wunsch Maria und Martha nie trennen würde. Nur der Zauberer Klingsor wollte beide trennen, denn er haßte Gott, und wartete nur auf den Augenblick, und der Augenblick sollte für seine Bosheit bald kommen, denn ohne den Augenblick konnte auch Klingsor nichts machen.

Jahre sind dahingegangen, die Herzogin war, ohne ihre beiden Kinder erkannt zu haben, gestorben, und Maria und Martha waren groß geworden; da

kamen eines Tages aus der Stadt des Königs Boten und verkündeten: der Augenblick sei da, daß der Königssohn um eine Prinzessin werbe. Alle Prinzessinnen aus dem ganzen Lande des Königs sollten sich mit Rosen wie Bräute schmücken und zu dem Feste kommen, auf dem der König die Hochzeit seines Sohnes feiere. Und der Prinzessin, die er unter vielen wähle, werde der Königssohn den Schleier seiner Mutter reichen, und sie werde fortan die Gemahlin des Königssohnes und nach dem Tode des Königs dem ganzen Lande Königin sein. Auch Maria und Martha sollten sich wie Bräute mit Rosen schmücken und am Tage der Hochzeit vor den Königssohn treten.

Dieselbe Botschaft ward in allen Schlössern und Burgen der Herzoge und Prinzen des ganzen Reiches verkündet, und sie kam auch zu Klingsor, der alles hört. Da lachte der Zauberer laut auf, jetzt war der Augenblick da, auf den seine Bosheit seit dem Tode des Herzogs gewartet hatte. Ich habe euch schon gesagt, daß die Leute von Klingsor erzählten, er verstünde Wasser in das Feuer zu gießen, ohne dieses zu löschen, und er wüßte die Wahrheit und den Irrtum so zu mischen, daß nur, wer Klingsor tötet, den Irrtum wieder von der Wahrheit trenne. Und so mischte er auch diesmal

die Wahrheit und den Irrtum und nahm Feuer und Wasser und machte aus beiden zwei Spiegel der Wahrheit und des Irrtums, und beide Spiegel hatten die Tugend, jedem, der in sie blicke, das zu zeigen, was er nicht ist, und also den Guten böse und den Bösen gut zu machen. Und an dem Tage, bevor Maria und Martha, wie Bräute mit Rosen geschmückt, zur Hochzeit des Königssohnes ziehen sollten, ließ durch zwei seiner vielen unsichtbaren Diener, welche durch die Fenster, ohne sie zu öffnen, wie Licht und Finsternis dringen und scheiden, Klingsor die zwei Spiegel der Wahrheit und des Irrtums, den einen in die Schlafkammer Marias und den anderen in die Schlafkammer Marthas tragen. Als nun Maria am Morgen des Festes, als Braut geschmückt, vor den Spiegel der Wahrheit und des Irrtums trat, da sah sie, die schön war, daß sie garstig sei; und als im selben Augenblicke Martha, als Braut geschmückt, vor den Spiegel der Wahrheit und des Irrtums trat, da sah sie, die garstig war, daß sie schön sei. Und Maria und Martha erschraken und wollten den Spiegeln nicht glauben und die Spiegel zerschlagen, und Maria wollte es Martha und Martha wollte es Maria sagen, daß sie dem Spiegel nicht glauben und den Spiegel zerschlagen werde. Doch da Maria zu Martha redete: „Was hast du Heimliches vor mir, Martha?“ da antwortete Martha ganz schnell: „Ich habe nichts Heimliches vor dir, Maria!“ und sah zu Boden. Und da Martha zu Maria redete: „Was verbirgst du vor mir, Maria?“ da sah Maria zu Boden und antwortete: „Ich verberge nichts vor dir, Martha!“ Denn ohne daß Maria sie sah, war die Scham zu ihr gekommen und blieb bei ihr Tag und Nacht; und ohne daß Martha ihn sah, war der Neid zu ihr gekommen und blieb bei ihr Tag und Nacht. Und während viele Prinzessinnen des ganzen Königreiches, wie Bräute mit Rosen geschmückt, vor den Königssohn traten und der Königssohn der Braut, die er unter vielen gewählt hatte, vor allem Volk den Schleier seiner Mutter reichte, saßen Maria und Martha vergessen in ihren Schlaf kammern vor den Spiegeln der Wahrheit und des Irrtums; und neben Maria stand unsichtbar die Scham, und Maria sah im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums, daß sie garstig war; und neben Martha stand unsichtbar der Neid, und Martha sah im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums, daß sie schön war. Und Maria und Martha sprachen nie zueinander davon, was sie im Spiegel sahen, und Maria und Martha versteckten voreinander die Spiegel, und ihre Blicke mieden einander. Es kamen wohl noch Tage, da beide sich ihrer jungen Jahre erinnerten und einander dann die Hand gaben, weil sie es als Kinder getan hatten. Doch immer mischten sich auch dann die Scham Marias und der Neid Marthas, und wenn beide Schwestern zusammen im Park gingen, so schritt jetzt ganz leise zwischen Maria und Martha die Lüge, und die Lüge hielt die Hand Marias in der Hand Marthas und sprach kein Wort. Denn wie der Spiegel der Wahrheit und des Irrtums aus Feuer und Wasser, so war auch die Lüge aus der Scham Marias und dem Neid Marthas gemischt. Und so Maria und Martha sich wieder trennten, da teilte sich auch lautlos die Lüge; und die Scham führte Maria heimlich herunter zum See und sprach in sie viele Worte hinein, wie der Sturm in den See spricht, und Maria sah im See nicht, daß sie schön sei; und der Neid führte heimlich Martha herunter zum See und sprach in Martha viele Worte hinein, wie der Sturm in den See spricht, und Martha sah im See nicht, daß sie garstig sei. Und so ließ die Scham nicht mehr von Maria und schlief mit Maria, und der Neid ließ nicht mehr von Martha und wachte mit Martha; und Maria und Martha lebten noch lange, bevor sie einander sagen konnten, was jede im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums gesehen hatte; denn die Lüge lebte ja mit ihnen und wachte, und wenn Maria und Martha die Wahrheit sagen sollten, so nahm die Lüge ihnen die Worte weg und warf diese in den Wind.

Erst als viele Jahre, eines nach dem andern, und viele Stunden, eine nach der andern, weg waren, wie große und kleine Vögel über den See und die großen Wälder weggeflogen waren dorthin, wohin Maria und Martha nicht mehr blickten, und Maria und Martha beiden nur mehr noch die letzte kleine Stunde zurückblieb und auch diese letzte kleine Stunde weg wollte, da trat vor Maria und Martha ein Jüngling, der schön und stark war und einen Mantel von Gold und Purpur hatte, wie ein Königssohn, und Maria und Martha erkannten gleich den Tod. Und Maria und Martha errieten auch, daß Gott den Tod wie ein König seinen Sohn zu ihnen gesandt hätte. Und der Tod sagte leise zu Maria, was Martha im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums gesehen hatte; und der Tod sagte leise zu Martha, was Maria im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums gesehen hatte; und Maria und Martha verstanden den Tod und vergaßen die Scham und den Neid, und umarmten stumm einander und waren wie zwei Kinder und wußten alles. Und der Tod hob Maria und Martha in seine Arme und küßte sie, die Flügel des Todes flammten durch die blaue Nacht wie ein großes Feuer, und der Tod trug Maria und Martha durch die blaue Nacht hinauf, an den großen und kleinen Sternen vorbei, zu Gott; denn Gott wollte Maria und Martha nicht trennen, denn Gott hatte Maria und Martha nie getrennt. Jetzt blieben die Scham Marias und der Neid Marthas allein im Schloß zurück, und die Scham und der Neid mischten sich zur Lüge, und die Lüge ging aus dem Schlosse heraus durch den Park hinunter zum See und warf sich in den See. Obwohl die ganze Nacht still war und kein Sturm wehte — denn im Sturm kann ja die Lüge nicht gehen —, so fuhren doch alle Wellen, eine nach der andern, erschrocken auf, da die Lüge sich in den See warf; und eine Welle stritt mit der anderen um den Leib der Lüge, und eine Welle wollte der anderen den Leib der Lüge rauben, und die Wellen rissen den Leib der Lüge in Stücke, und jede Welle schluckte und fraß ein Stück vom Leib der Lüge. Die Fischer in ihren Hütten wunderten sich, da sie den See so toben hörten; denn es blies kein Sturm, und die Nacht war still, und alle großen und kleinen Sterne waren am Himmel. Erst als am Morgen die Sonne über den See kam, da war die Lüge ganz von den Wellen zerrissen, und der See war satt und still und lachte und sah den ganzen Himmel oben und die Weiden und die Schwalben und die Adler, die über ihm kreisten.

Text aus dem Buch: Der Tod und die Maske (1913), Author: Kassner, Rudolf.

Der Tod und die Maske