Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert

Wer auf einer Reise durch Deutschland im XV. Jahrhundert begriffen die zahllosen Schranken und Zollstätten, die die einzelnen so zersplitterten Territorien schieden, glücklich passiert hatte, an den Grenzsäulen des Landes vorbeigeritten war, bemerkte mit Freuden, sobald er sich einer grösseren Stadt näherte, die Anzeichen, die ihm deren Vorhandensein verkündeten, mochten diese auch noch so grausiger Natur sein; sie gaben ihm wenigstensAlte Gewissheit, dass er unter dem mächtigen Schutze des Gesetzes sich befinde. AVas nämlich dem Reisenden zuerst ins Auge fiel, war der vor der Stadt nahe der Strasse recht sichtbar aufgebaute Rabenstein. Da erhob sich ein kreisförmiges Gemäuer, und auf dem Unterbau standen drei gemauerte Steinpfosten, die durch hölzerne Querbalken verbunden waren; das war der Galgen, das vielberufene Dreibein, an dem gewöhnlich ein paar halbvertrocknete Leichen hingen, dem Gerechten zur Beruhigung, dom Räuber und Dieb zur Warnung. Die aufgepfianzten Häupter der Geköpften grinsten von den Pfählen; auf den an hohen Stangen befestigten Rädern waren die Überbleibsel der Gerichteten zu sehen. Der Anblick und der Geruch, der sich um diese Stätte des Grauens verbreitete, alles das war nach unseren, nicht nach jener Zeit Begriffen im höchsten Grade widerwärtig. Wenn der Besuch hoher Personen bevorstand, dann räumte man wohl auch, um ihnen einen hässlichen Anblick zu ersparen, die Leichen fort, beseitigte die zum abschreckenden Beispiel aufgehängten Gliedmassen der Gevierteilten; aber die Köpfe, die oft auf den Spitzen der Stadtthore aufgesteckt waren, die blieben meist, bis die Schädel vermorschten und von selbst herabfielen.

Die Städte waren wohl ohne Ausnahme befestigt, gegen einen Angriff mehr oder weniger geschützt. Selbst die Dörfer umgab man mit einem festen Zaune, der aus eingerammten Pfählen und dazwischen verflochtenen Zweigen bestand und nur bestimmte Thore zum Lin- und Ausgang hatte. Konnte ein solcher Zaun auch nicht auf die Dauer den Feind abhalten, so gewährte er den Bewohnern doch Zeit sich vorzubereiten, sich zum AViderstand zu rüsten oder zu sammeln, oder ihre beste Habe an eine feste Stelle, etwa in die Kirche zu retten, die bet einer Feuersbrunst ihres steinernen Gemäuer* wegen die sicherste Zuflucht bot. ln Gegenden, die feindlichen Ueberfällen am meisten ausgesetzt waren, wie in Siebenbürgen, wandelte man die Kirchen oft geradezu in Festungen um, versah sie mit Zinnen und Schiessscharten und konnte in ihnen einem vorübergehenden Angriff wohl trotzbieten. Ja selbst die Kirchhöfe wurden hie und da befestigt, mit Gräben und Steinmauern umgeben und mit vorspringenden Thürmen versehen: einen solchen Friedhof habe ich noch in der Nähe Breslaus in dem Dorfe Rothsürben selbst angetroffen. Einer regelrechten Belagerung durch Wurfmaschinen oder später durch Geschütze konnte freilich eine solche Befestigung nicht widerstehen; die war aber auch bei einem unbedeutenden Dorfe kaum zu befürchten.

Auch die Städte waren in der Regel mit einem Zaun als erster Verteidigungslinie umgeben (Fig. 24J; hinter demselben kam dann erst der tiefe Festungsgraben, und jenseits desselben erhoben sich die Mauern, bald in einem Ringe die ganze Stadt umschliessend, bald doppelt, hinter der ersten Mauer noch eine zweite, ebenfalls und wenn möglich noch festere Ringmauer aufweisend.

Die meisten deutschen Städte waren noch am Ende des XV. Jahrhunderts nach alter Art befestigt, d. h. man hatte der neuen Taktik der Feuerwaffen in den seltensten Fällen Rechnung getragen. Dies geschieht erst mehr im XVI. Jahrhundert, nachdem die Feldzüge Kaiser Maximilians die zerstörende Wirkung des Belagerungsgeschützes auch an grösseren Städten erwiesen hatten. So sehen wir also einen Mauerring, der in Bogenschussweite von bald runden, bald viereckigen Thiirmen verstärkt wurde (Fig. 2 5 und 26). Diese Mauerthürme wurden in Friedenszeiten vermiethet oder an arme Bürger als Wohnungen abgegeben. Auf Schönheit hatten die Festungsbaumeister auch hier selten Rücksicht genommen, nur die Thorbauten waren zuweilen mit grösserer Zierlichkeit durchgeführt, seltener in den Ländern, in denen die Schnittsteinarchitektur vorherrscht (Fig. 27 und 28), häufiger in den Gegenden, die auf den Backsteinbau angewiesen waren. Es ist aber nicht so leicht, diese Frage bestimmt zu entscheiden, da im Süden und Westen Deutschlands die Thorbauten oft den neuen Fortificationsbedürfnissen entsprechend umgebaut, später wieder, als die Städte aufhörten, feste Plätze zu sein, abgebrochen wurden, im Osten und Norden dagegen die wenigen Reste mittelalterlicher Baukunst durchschnittlich besser conserviert wurden. Interessant erscheint das Spaldenthor zu Basel, das von zwei Thürmen flankiert wird; malerisch nicht uninteressant ist auch das Rheinthor zu Andernach. Geschmackvoll sind die Backsteinthorbauten Norddeutschlands, zum grossen Theil aus Formziegeln aufgebaut, welche durch Glasur eine verschiedene Farbe, grün, schwarz, weiss, erhalten haben. Die bekanntesten Denkmäler dieser Art sind die Thorthürme von Stendal, das Tangermünder, wie das Uenglinger Thor (Fig. 29h das Stargar der Thor in Neubrandenburg, das Pyritzer Thor in Stargard, der Thorthurm von Pasewalk. Weniger fein gegliedert, aber durch seine gewaltige Backsteinmasse imposant ist das Holstenthor in Lübeck, nach Detmar 1376, nach Hermann Corner 1377 erbaut. Das Thor selbst war nur vermittelst der Zugbrücke zugänglich; wurde dieselbe aufgezogen, so konnte niemand zum Eingang der Stadt gelangen. War nach einem Ausfall aus der belagerten Stadt die Mannschaft zurückgeschlagen und drohte der Feind zugleich mit der fliehenden Besatzung in die Stadt zu dringen, so machte man von dem Fallgatter Gebrauch, das schon von der Römer Zeiten her seine Nützlichkeit erprobt hatte. Dieses eiserne oder aus starken Holzpfosten gezimmerte Gitter hieng in einem Falz hinter dem ersten Thorbogen, konnte mit Winden emporgehoben werden und fiel, sobald man die Riegel zurückschob, mit grosser Gewalt herab, wodurch der Eingang geschlossen wurde. Selten ist es. dass das Thor noch durch ein besonderes Aussenwerk gedeckt wird.

Ein interessantes Beispiel einer solchen Thorbefestigung ist noch in Krakau in dem Florianithor (1498) erhalten (Fig. 3o); es ist das alte System der Barbacana, das schon im XII. Jahrhundert bei der Erbauung des Schlosses zu Carcassonne zur Anwendung gebracht worden war.

Wenn Gefahr drohte, rüstete man die Ringmauer noch mit hölzernen Schutzbauten aus, den Vertheidigern zum Schirm, wie zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit.

Die Mehrzahl der deutschen Städte hat längst diesen unbequemen, bedrückenden Panzer abgelegt, und nur Bruchstücke der alten Fortifi-cationen sind uns erhalten, die uns einen Begriff davon geben, wie stattlich sich eine solche feste Stadt ehedem präsentierte (Fig. 3i). Wir müssen hier zu Zeiler’s Topographie unsere Zuflucht nehmen; da hat uns der alte Matthäus Merian in seinen Prospecten noch manch köstliches Architekturbild alter Zeit erhalten (Fig. 32, 33).

Nach unseren modernen Begriffen würde nun das Innere der Stadt wenig den Erwartungen entsprochen haben, die der herrliche Anblick in jedem erweckte, der sich der Stadt näherte. Die Reisenden damaliger Zeit waren aber weniger anspruchsvoll, und zufrieden Ruhe und Sicherheit für Leben und Habe in der Stadt zu finden. Die Strassen waren nämlich zum geringsten Theile gepflastert. Diesen Luxus, den die besseren italienischen Städte schon im XII und XIII. Jahrhundert sich erlaubt hatten, fand man in Deutschland noch im XIV. sehr selten.

In Prag fing man schon 1331 an zu pflastern. 1379 pflasterte man den Marktplatz in Windberg- (bei Strassburg). 1399 begann man mit der Pflasterung in Bern, in Kegensburg um 1400, aber in der grossen Reichsstadt Augsburg machte man erst 1416 damit einen Anfang und liess sich noch dazu vom Kaiser Sigismund 1413, October 9, einen Pflasterzoll, für einen Wagen 2 Den., für einen Karren 1 Den. bewilligen. Wie uns Burkhard Zink erzählt, sah es in Augsburg vor der Pflasterung schlimm genug aus: wenn man auch hölzerne Uebergänge an einigen Stellen der Strassen angelegt und durch einen Damm längs den Häusern (die Fürschlächt) einen etwas trockneren Weg sich geschafft hatte, so floss doch alles Wasser mitten auf der Strasse zusammen und macht diese nur um so grundloser.

In Nürnberg hatte man schon 1368 die Strassen zu pflastern begonnen, aber früher muss es auch da übel bestellt gewesen sein, wie ein Brief zeigt, den der Bischof von Leitomischl, Johann von Neumarkt, Kanzler Karls IV., an seinen Metropoliten, den Erzbischof von Prag, schreibt: es heisst in diesem Briefe: „Die Stadt Nürnberg wird durch häufigen Rcgenfall ermüdet, denn durch tägliche überschwemmende Güsse wird sie begossen und mit einer solchen Nässe der himmlischen Wasser durchtränkt, dass man hier an eine ewige Sintfluth glaubt und von dem nassen Boden eine solche Schmutzmasse anwächst, dass auf den Strassen die Reiter nicht mehr sicher fortkommen können, da der Reiter immer befürchten muss, dass entweder sein Pferd, aus Unvorsichtigkeit oder über einen Stein stolpernd, in die Schmutztiefe so unbedacht stürzt, dass es seinen Reiter, wer er auch sei und wie hochgestellt, wie ein Schwein mit dem Gestank des schmierigen Strassenkothes beschmutzt, oder wenn er durch die Gunst des Schicksals diesem Unfall entgeht, doch vorn und hinten und an den Seiten hie und da die Menge der ankommenden Pferde die Kleider, zumal eines reisenden Priesters, da sie der Ehrbarkeit wegen lang sind, so sehr durch die Berührung des widrigen Schmutzes befleckt werden, dass man von den entfernten Herbergen der Stadt zum kaiserlichen Schlosse nicht ohne merklichen Schaden gelangen kann, wie meines Herrn Bischofs Gnade selbst erproben wird, wenn diese Gefahren vor seinen leiblichen Augen stehen werden etc.“ 1406 wurde schon die Sandinsel in Breslau gepflastert. AAfiens Pflaster rühmt Aeneas Sylvius. Im XV. Jahrhundert waren wohl die Hauptstrassen Nürnbergs gepflastert, aber es machte doch noch 1495 Aufsehen und wurde in eine Chronik eingetragen, dass man den ganzen Marktplatz neu pflasterte, nicht bloss die schadhaften Stellen reparierte.

Aber in kleineren Städten wie in Landshut, da fieng man erst 1494 an, bei den Predigern ein Pflaster anzulegen. Die Tuttlinger warnten den Kaiser Friedrich III., in ihre Stadt zu kommen, und als er es doch that, versank sein Pferd bis an die Schenkel im Schmutze. Derselbe wäre noch 1485 am 28. August beinahe in der freien Reichsstadt Reutlingen sammt seinem Pferde in dem grundlosen Schmutze der Strassen versunken. Nach Joan. Boemus waren Anfang des XVI. Jahrhunderts die Strassen der deutschen Städte meist mit Kieselsteinen gepflastert. Wer sich nicht in den Schmutz hinein wagen wollte, musste sich, da in der Stadt Wagen nicht verkehrten, in der Sänfte tragen lassen (Fig. 24). — Telomonius schildert das Strassenpflaster von Braunschweig: „Die Strassen sind mit harten Kieseln gepflastert, widerstandsfähig gegen die Räder der Fuhrwerke, aber für die Fussgänger hart und lästig.“ „ln stetten“, so lesen wir in J. Agricola’s Sprüchwörtern, „seind gemeyniglich alle gassen mit steynen gepflastert, auff daz man dester sauberer gassen hab …. Also ist der st ein weg heiss, da thewr zerung ist und geht vil auff: man verzert vil. Xürmberg ist ein lieisser steinweg. zu Braunschwig ist er nit also heiß, daz ist: zu Braunschweig ist leichter zeren denn zu Nürmberg.“

Aus dem Buch:Deutsches Leben im XIV und XV Jahrhundert (1892), Author: Schultz, Alwin.

Siehe auch:
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Vorrede
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Einleitung
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert –   Stichelreden gegen die verschiedenen Stämme, Landstriche und Städte Deutschlands
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Die Burgen

Im Text gezeigte Abbildungen:
Mauertum in Quedlinburg
Mauerturm in Andernach
Pulverturm in Prag
Schloss zu Meissen
Ünglinger Tor in Stendal
Sänfte

Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert