Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert

Wer auf einer Reise durch Deutschland im XV. Jahrhundert begriffen die zahllosen Schranken und Zollstätten, die die einzelnen so zersplitterten Territorien schieden, glücklich passiert hatte, an den Grenzsäulen des Landes vorbeigeritten war, bemerkte mit Freuden, sobald er sich einer grösseren Stadt näherte, die Anzeichen, die ihm deren Vorhandensein verkündeten, mochten diese auch noch so grausiger Natur sein; sie gaben ihm wenigstensAlte Gewissheit, dass er unter dem mächtigen Schutze des Gesetzes sich befinde. AVas nämlich dem Reisenden zuerst ins Auge fiel, war der vor der Stadt nahe der Strasse recht sichtbar aufgebaute Rabenstein. Da erhob sich ein kreisförmiges Gemäuer, und auf dem Unterbau standen drei gemauerte Steinpfosten, die durch hölzerne Querbalken verbunden waren; das war der Galgen, das vielberufene Dreibein, an dem gewöhnlich ein paar halbvertrocknete Leichen hingen, dem Gerechten zur Beruhigung, dom Räuber und Dieb zur Warnung. Die aufgepfianzten Häupter der Geköpften grinsten von den Pfählen; auf den an hohen Stangen befestigten Rädern waren die Überbleibsel der Gerichteten zu sehen. Der Anblick und der Geruch, der sich um diese Stätte des Grauens verbreitete, alles das war nach unseren, nicht nach jener Zeit Begriffen im höchsten Grade widerwärtig. Wenn der Besuch hoher Personen bevorstand, dann räumte man wohl auch, um ihnen einen hässlichen Anblick zu ersparen, die Leichen fort, beseitigte die zum abschreckenden Beispiel aufgehängten Gliedmassen der Gevierteilten; aber die Köpfe, die oft auf den Spitzen der Stadtthore aufgesteckt waren, die blieben meist, bis die Schädel vermorschten und von selbst herabfielen.

Die Städte waren wohl ohne Ausnahme befestigt, gegen einen Angriff mehr oder weniger geschützt. Selbst die Dörfer umgab man mit einem festen Zaune, der aus eingerammten Pfählen und dazwischen verflochtenen Zweigen bestand und nur bestimmte Thore zum Lin- und Ausgang hatte. Konnte ein solcher Zaun auch nicht auf die Dauer den Feind abhalten, so gewährte er den Bewohnern doch Zeit sich vorzubereiten, sich zum AViderstand zu rüsten oder zu sammeln, oder ihre beste Habe an eine feste Stelle, etwa in die Kirche zu retten, die bet einer Feuersbrunst ihres steinernen Gemäuer* wegen die sicherste Zuflucht bot. ln Gegenden, die feindlichen Ueberfällen am meisten ausgesetzt waren, wie in Siebenbürgen, wandelte man die Kirchen oft geradezu in Festungen um, versah sie mit Zinnen und Schiessscharten und konnte in ihnen einem vorübergehenden Angriff wohl trotzbieten. Ja selbst die Kirchhöfe wurden hie und da befestigt, mit Gräben und Steinmauern umgeben und mit vorspringenden Thürmen versehen: einen solchen Friedhof habe ich noch in der Nähe Breslaus in dem Dorfe Rothsürben selbst angetroffen. Einer regelrechten Belagerung durch Wurfmaschinen oder später durch Geschütze konnte freilich eine solche Befestigung nicht widerstehen; die war aber auch bei einem unbedeutenden Dorfe kaum zu befürchten.

Auch die Städte waren in der Regel mit einem Zaun als erster Verteidigungslinie umgeben (Fig. 24J; hinter demselben kam dann erst der tiefe Festungsgraben, und jenseits desselben erhoben sich die Mauern, bald in einem Ringe die ganze Stadt umschliessend, bald doppelt, hinter der ersten Mauer noch eine zweite, ebenfalls und wenn möglich noch festere Ringmauer aufweisend.

Die meisten deutschen Städte waren noch am Ende des XV. Jahrhunderts nach alter Art befestigt, d. h. man hatte der neuen Taktik der Feuerwaffen in den seltensten Fällen Rechnung getragen. Dies geschieht erst mehr im XVI. Jahrhundert, nachdem die Feldzüge Kaiser Maximilians die zerstörende Wirkung des Belagerungsgeschützes auch an grösseren Städten erwiesen hatten. So sehen wir also einen Mauerring, der in Bogenschussweite von bald runden, bald viereckigen Thiirmen verstärkt wurde (Fig. 2 5 und 26). Diese Mauerthürme wurden in Friedenszeiten vermiethet oder an arme Bürger als Wohnungen abgegeben. Auf Schönheit hatten die Festungsbaumeister auch hier selten Rücksicht genommen, nur die Thorbauten waren zuweilen mit grösserer Zierlichkeit durchgeführt, seltener in den Ländern, in denen die Schnittsteinarchitektur vorherrscht (Fig. 27 und 28), häufiger in den Gegenden, die auf den Backsteinbau angewiesen waren. Es ist aber nicht so leicht, diese Frage bestimmt zu entscheiden, da im Süden und Westen Deutschlands die Thorbauten oft den neuen Fortificationsbedürfnissen entsprechend umgebaut, später wieder, als die Städte aufhörten, feste Plätze zu sein, abgebrochen wurden, im Osten und Norden dagegen die wenigen Reste mittelalterlicher Baukunst durchschnittlich besser conserviert wurden. Interessant erscheint das Spaldenthor zu Basel, das von zwei Thürmen flankiert wird; malerisch nicht uninteressant ist auch das Rheinthor zu Andernach. Geschmackvoll sind die Backsteinthorbauten Norddeutschlands, zum grossen Theil aus Formziegeln aufgebaut, welche durch Glasur eine verschiedene Farbe, grün, schwarz, weiss, erhalten haben. Die bekanntesten Denkmäler dieser Art sind die Thorthürme von Stendal, das Tangermünder, wie das Uenglinger Thor (Fig. 29h das Stargar der Thor in Neubrandenburg, das Pyritzer Thor in Stargard, der Thorthurm von Pasewalk. Weniger fein gegliedert, aber durch seine gewaltige Backsteinmasse imposant ist das Holstenthor in Lübeck, nach Detmar 1376, nach Hermann Corner 1377 erbaut. Das Thor selbst war nur vermittelst der Zugbrücke zugänglich; wurde dieselbe aufgezogen, so konnte niemand zum Eingang der Stadt gelangen. War nach einem Ausfall aus der belagerten Stadt die Mannschaft zurückgeschlagen und drohte der Feind zugleich mit der fliehenden Besatzung in die Stadt zu dringen, so machte man von dem Fallgatter Gebrauch, das schon von der Römer Zeiten her seine Nützlichkeit erprobt hatte. Dieses eiserne oder aus starken Holzpfosten gezimmerte Gitter hieng in einem Falz hinter dem ersten Thorbogen, konnte mit Winden emporgehoben werden und fiel, sobald man die Riegel zurückschob, mit grosser Gewalt herab, wodurch der Eingang geschlossen wurde. Selten ist es. dass das Thor noch durch ein besonderes Aussenwerk gedeckt wird.

Ein interessantes Beispiel einer solchen Thorbefestigung ist noch in Krakau in dem Florianithor (1498) erhalten (Fig. 3o); es ist das alte System der Barbacana, das schon im XII. Jahrhundert bei der Erbauung des Schlosses zu Carcassonne zur Anwendung gebracht worden war.

Wenn Gefahr drohte, rüstete man die Ringmauer noch mit hölzernen Schutzbauten aus, den Vertheidigern zum Schirm, wie zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit.

Die Mehrzahl der deutschen Städte hat längst diesen unbequemen, bedrückenden Panzer abgelegt, und nur Bruchstücke der alten Fortifi-cationen sind uns erhalten, die uns einen Begriff davon geben, wie stattlich sich eine solche feste Stadt ehedem präsentierte (Fig. 3i). Wir müssen hier zu Zeiler’s Topographie unsere Zuflucht nehmen; da hat uns der alte Matthäus Merian in seinen Prospecten noch manch köstliches Architekturbild alter Zeit erhalten (Fig. 32, 33).

Nach unseren modernen Begriffen würde nun das Innere der Stadt wenig den Erwartungen entsprochen haben, die der herrliche Anblick in jedem erweckte, der sich der Stadt näherte. Die Reisenden damaliger Zeit waren aber weniger anspruchsvoll, und zufrieden Ruhe und Sicherheit für Leben und Habe in der Stadt zu finden. Die Strassen waren nämlich zum geringsten Theile gepflastert. Diesen Luxus, den die besseren italienischen Städte schon im XII und XIII. Jahrhundert sich erlaubt hatten, fand man in Deutschland noch im XIV. sehr selten.

In Prag fing man schon 1331 an zu pflastern. 1379 pflasterte man den Marktplatz in Windberg- (bei Strassburg). 1399 begann man mit der Pflasterung in Bern, in Kegensburg um 1400, aber in der grossen Reichsstadt Augsburg machte man erst 1416 damit einen Anfang und liess sich noch dazu vom Kaiser Sigismund 1413, October 9, einen Pflasterzoll, für einen Wagen 2 Den., für einen Karren 1 Den. bewilligen. Wie uns Burkhard Zink erzählt, sah es in Augsburg vor der Pflasterung schlimm genug aus: wenn man auch hölzerne Uebergänge an einigen Stellen der Strassen angelegt und durch einen Damm längs den Häusern (die Fürschlächt) einen etwas trockneren Weg sich geschafft hatte, so floss doch alles Wasser mitten auf der Strasse zusammen und macht diese nur um so grundloser.

In Nürnberg hatte man schon 1368 die Strassen zu pflastern begonnen, aber früher muss es auch da übel bestellt gewesen sein, wie ein Brief zeigt, den der Bischof von Leitomischl, Johann von Neumarkt, Kanzler Karls IV., an seinen Metropoliten, den Erzbischof von Prag, schreibt: es heisst in diesem Briefe: „Die Stadt Nürnberg wird durch häufigen Rcgenfall ermüdet, denn durch tägliche überschwemmende Güsse wird sie begossen und mit einer solchen Nässe der himmlischen Wasser durchtränkt, dass man hier an eine ewige Sintfluth glaubt und von dem nassen Boden eine solche Schmutzmasse anwächst, dass auf den Strassen die Reiter nicht mehr sicher fortkommen können, da der Reiter immer befürchten muss, dass entweder sein Pferd, aus Unvorsichtigkeit oder über einen Stein stolpernd, in die Schmutztiefe so unbedacht stürzt, dass es seinen Reiter, wer er auch sei und wie hochgestellt, wie ein Schwein mit dem Gestank des schmierigen Strassenkothes beschmutzt, oder wenn er durch die Gunst des Schicksals diesem Unfall entgeht, doch vorn und hinten und an den Seiten hie und da die Menge der ankommenden Pferde die Kleider, zumal eines reisenden Priesters, da sie der Ehrbarkeit wegen lang sind, so sehr durch die Berührung des widrigen Schmutzes befleckt werden, dass man von den entfernten Herbergen der Stadt zum kaiserlichen Schlosse nicht ohne merklichen Schaden gelangen kann, wie meines Herrn Bischofs Gnade selbst erproben wird, wenn diese Gefahren vor seinen leiblichen Augen stehen werden etc.“ 1406 wurde schon die Sandinsel in Breslau gepflastert. AAfiens Pflaster rühmt Aeneas Sylvius. Im XV. Jahrhundert waren wohl die Hauptstrassen Nürnbergs gepflastert, aber es machte doch noch 1495 Aufsehen und wurde in eine Chronik eingetragen, dass man den ganzen Marktplatz neu pflasterte, nicht bloss die schadhaften Stellen reparierte.

Aber in kleineren Städten wie in Landshut, da fieng man erst 1494 an, bei den Predigern ein Pflaster anzulegen. Die Tuttlinger warnten den Kaiser Friedrich III., in ihre Stadt zu kommen, und als er es doch that, versank sein Pferd bis an die Schenkel im Schmutze. Derselbe wäre noch 1485 am 28. August beinahe in der freien Reichsstadt Reutlingen sammt seinem Pferde in dem grundlosen Schmutze der Strassen versunken. Nach Joan. Boemus waren Anfang des XVI. Jahrhunderts die Strassen der deutschen Städte meist mit Kieselsteinen gepflastert. Wer sich nicht in den Schmutz hinein wagen wollte, musste sich, da in der Stadt Wagen nicht verkehrten, in der Sänfte tragen lassen (Fig. 24). — Telomonius schildert das Strassenpflaster von Braunschweig: „Die Strassen sind mit harten Kieseln gepflastert, widerstandsfähig gegen die Räder der Fuhrwerke, aber für die Fussgänger hart und lästig.“ „ln stetten“, so lesen wir in J. Agricola’s Sprüchwörtern, „seind gemeyniglich alle gassen mit steynen gepflastert, auff daz man dester sauberer gassen hab …. Also ist der st ein weg heiss, da thewr zerung ist und geht vil auff: man verzert vil. Xürmberg ist ein lieisser steinweg. zu Braunschwig ist er nit also heiß, daz ist: zu Braunschweig ist leichter zeren denn zu Nürmberg.“

Aus dem Buch:Deutsches Leben im XIV und XV Jahrhundert (1892), Author: Schultz, Alwin.

Siehe auch:
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Vorrede
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Einleitung
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert –   Stichelreden gegen die verschiedenen Stämme, Landstriche und Städte Deutschlands
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Die Burgen

Im Text gezeigte Abbildungen:
Mauertum in Quedlinburg
Mauerturm in Andernach
Pulverturm in Prag
Schloss zu Meissen
Ünglinger Tor in Stendal
Sänfte

Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert

Wenn uns die kaiserlichen und fürstlichen Schlösser, die im XII. und XIII. Jahrhundert in Deutschland erbaut wurden, die Paläste von Eger, Gelnhausen, Wimpfen a. B., Münzenberg in der Wetterau, vor allem die Wartburg bei Eisenach, den Beweis liefern, dass der hohe Aufschwung, den die Architektur gerade in jenen Zeiten genommen, auch den Profanbauten zugute kam, so dürfen wir doch nicht ausseracht lassen, immer uns zu erinnern, dass die Mehrzahl der Burgen, in denen der deutsche Adel jener Zeit hauste, keineswegs sehr prächtig eingerichtet und ausgeschmückt war, dass vielmehr dieselben meist dürftig und schlicht, mehr für die Sicherheit als für die Behaglichkeit der Bewohner bestimmt, nur aus fest aufgethürmten Mauermassen bestanden.

Feldsteine, die unbehauen zu mächtigen starken Mauern gefügt waren, lieferten das Material für die meisten dieser Burgen, und selten hat der Steinmetz seine Kunst zur Verschönerung dieser trotzigen, aber keineswegs schönen Bauten verwendet. Und diesen Charakter tragen die meisten der noch im XIV. und XV. Jahrhundert erbauten Burgen an sich. Bei dem Mangel alles ornamentalen Schmuckes ist es deshalb überaus schwer genau die Zeit zu ermitteln, in welcher sie errichtet wurden. Diese cyklopischen Mauerreste, die uns in den meisten Burgruinen entgegentreten, können ebenso gut dem frühesten wie dem spätesten Mittelalter angeboren. Dürftigkeit ist der gemeinsame Charakter, der allen diesen Burgbauten, gar wenige abgerechnet, aufgeprägt ist. Der deutsche Adel ist durchschnittlich nicht reich begütert; die Anforderungen an standesgemässen Luxus waren seit der Staufenzeit bedeutend gewachsen ; die Einkünfte, welche die Landwirthschaft gewährte, erschienen gering gegen die Summen, welche der Kaufmann für schöne Kleider, Waffen, Rüstungen etc. verlangte; man musste sich aufs äussorste einschränken, wollte man stand es-gemäss leben, oder seine Einkünfte zu vermehren trachten, und auf Verschönern ihrer Wohnsitze scheinen die Herren am allerwenigsten ihre Einkünfte verwendet zu haben, lieber auf prächtige Kleider, auf wüste Schmausereien und Trinkgelage.

Viele Ritter halfen ihrer bedrängten Lage, wie das schon früher geschehen war, durch Wegelagerei auf. Dass indessen dem gefangenen Raubritter und Heckenreiter der Tod gewiss war, wenn er in die Hände der Städter fiel, schreckte die‘ Mehrzahl dieser vornehmen Strauchdielfee nicht ab; es kam eben nur darauf an. dass er sich nicht fangen liess, und um dies zu erreichen, musste er sich in seiner Burg möglichst sicher verstecken können. Trotzte diese Burg dem Ansturm der erbitterten Städter, so war für einige Zeit die Befahr abgewendet. Aber zahllose Raubnester wurden schon seit der Regierung Rudolfs von llabsburg gestürmt und gebrochen, selten von den Kaisern oder den Landesfürsten, am häufigsten von den schwer geschädigten Städten; alle Städtechroniken berichten von solchen Zügen; aber damit wurde das Hebel nicht ausgerottet, es wurde höchstens der zu grossen Concurrenz .gesteuert. Noch bis tief ins X VI. Jahrhundert hinein bleibt die alte Landplage der Raubritter bestehen. Dass diese rohen, ungeschlachten Gesellen, die mit den Rittern der höfischen Gesellschaft des XII.—XIII. Jahrhunderts gar nicht verglichen werden können, auf die Ausschmückung ihrer Raubnester kein Gewicht legten, ist ja natürlich; hätten sie wirklich einigen Schönheitssinn gehabt, dann würden ihnen die Mittel gefohlt haben, denselben zu bethätigen. So ist nur das Nothwendige geboten; dass man auf schöne Formen sieliL das ist eine sehr seltene Ausnahme.

Wie für die alten Burgen der früheren Zeit suchte man einen steilen Bergkegel, eine isolierte Bergklippe, einen von Wasser oder Morast umgebenen Platz, der, schon von Natur schwer zugänglich, sich leicht verteidigen liess. Ein Graben erschwert die Annäherung an die eigentliche Burg; erst wenn die Zugbrücke niedergelassen ist, kann man durch das noch mit Eallgattern bewehrte Thor in den Burghof eintreten. Wenn es der Raum erlaubte, war das eigentliche Kernwerk der Burg von der Vorburg- durch weitere Befestigungen geschieden. In der Vorburg sind nun innerhalb der Ringmauern die Pferde- und Viehstalluugen untergebracht ; es sieht da sehr ländlich aus: grosse Hühnermengen beleben den Raum: ein reicherer, vornehmerer Herr hält sich wühl auch Pfauen, nicht bloss des schönen Anblicks wegen, sondern weil dieselben einen als 1.eckerbissen hochgeschätzten Braten lieferten. Die Gebäude sind meist aus Holz oder aus Bindwerk errichtet, mit Stroh- oder Schindeldächern gedeckt, und das erklärt, warum wir in den Burgruinen keine Spuren mehr von ihnen vorfinden. Die aus Feldsteinen cyklopisch gefügten Mauermassen haben der Zeit mehr Widerstand geleistet. Im innern der Burg, wo der Herr selbst seine Behausung hatte, sah es wohl ein wenig behaglicher aus; die Mauern waren dann wenigstens mit Mörtel abgeputzt und geweisst, aber beschränkt waren die Räume jedenfalls und die Einrichtung derselben mehr als dürftig. Ja selbst die Schlösser, auf denen von Zeit zu Zeit Kaiser ihren Aufenthalt nahmen, hatten eine ärmliche Ausstattung und mussten immer erst erforderlichen Falles in Stand gesetzt werden. Die Nürnberger Chroniken berichten uns häufig, wie man die Burg für den bevorstehenden kaiserlichen Besuch vorübergehend einigermassen wohnlich machte. Einzelne Schlossherren hatten nun allerdings für die künstlerische Ausstattung ihrer Schlösser mehr Sinn und Verständnis; sie Hessen z. B. ihre Säle mit Wandgemälden schmücken. So finden sich in dem böhmischen Schlosse Neuhaus bedeutende Überreste von Wandmalereien aus dem Anfänge des XIV. Jahrhunderts, Scenen aus der Legende des h. Georg darstellend, im Schlosse Lichtenberg in Tirol solche aus dem Anfänge des XV. Jahrhunderts. (Fig. 2.) Andere Malereien sind in dem Schlosse Klingenberg in Böhmen erhalten. Sie stammen etwa aus dem Ende des XV. Jahrhunderts; ein Hochzeitszug ist noch ziemlich gut zu erkennen, während die Bilder der deutschen Kurfürsten schon mehr zerstört sind. Ein Schlachtbild und die Darstellung eines Turniers nebst Bildnissen von Fürsten etc., aus dem Jahre 1476 herrührend, finden sich im Saale der königlichen Burg zu Pisek in Böhmen. Das bekannteste Beispiel einer so reich gezierten Burg ist Runkelstein, bei Bozen im Talferthale gelegen. Da sind um 1400 die Säle mit Malereien aus den Epen von Tristan und Isolde und Garei vom blühenden Thal geziert, ja selbst die eine äussere Wand ist bemalt, und das Badezimmer hat einen reichen Schmuck von Wandgemälden erhalten. Aber der damalige Besitzer des Schlosses, Nicolaus von Vintler, war auch ein kunstgebildeter Mann, selbst Dichter und Freund der Dichtkunst; zudem möchte die Nähe Italiens auch diese Erscheinung mehr erklären. In der Regel aber begnügte man sich, wenn überhaupt die Kunst zur Ausschmückung der Burg in Anspruch genommen wurde, die Kapelle ausmalen zu lassen, und von diesen Malereien sind auch heute noch ziemlich viele, bald gut im Stande, bald mehr oder weniger zerstört, übrig geblieben.

Die Mehrzahl der Burgen ist nur noch in mehr oder weniger bedeutenden Ruinen erhalten; theils sind sie im Kriege zerstört worden, theils giengen sie, von ihren Bewohnern verlassen und infolge dessen vernachlässigt, zugrunde. Wurden in der Nähe neue Gebäude aufgeführt, und war der Transport nicht gar zu beschwerlich, dann benützte man die Ruine geradezu als Steinbruch, schleppte alle gut behauenen (Quadersteine fort und Hess nur die rohen Eeldsteingemäuer unberührt. Daher sind überaus wenige gut conservierte Burgen des Mittelalters auf unsere Zeit gekommen. Unter diesen ist besonders hervorzuheben das malerische Schloss Eltz, in der Nähe der Mosel bei Münstormaifeld gelegen, von dem hier einige Abbildungen gegeben werden. (Fig. 3 — 8.) Von einem kleinen befestigten Landhause, das nicht weit von Breslau liegt und 1313 erbaut wurde, habe ich eine flüchtige Skizze hier mit-getheilt. (Fig. 9.) Auch die festen Häuser von Marburg und Dielz können als Beispiele dienen (Fig. 10 und 11). dann die schöne Federzeichnung im mittelalterlichen 1 lausbuche, das der Fürst Waldburg-Wolfegg besitzt. (Fig. 12.) Die Ansichten von Burgen in Zeiller’s Topographien, von Matthäus Merian gezeichnet und gestochen, geben uns allein eine Vorstellung von dem Aussehen gut erhaltener fester Schlösser und Häuser. (Fig. 13.) Aber auch bei diesen so interessanten Abbildungen bemerken wir schon, dass die meisten Burgen nicht mehr in ihrer rein mittelalterlichen Gestalt erscheinen, dass im Laufe des XVI. Jahrhunderts mannigfache Anbauten und Umbauten ihre Form verändert haben. Die Stiche und Zeichnungen von Dürer geben uns daher oft ein besseres, unverfälschteres Bild. Besonders wichtig aber erscheinen die Miniaturen, die 1405 für das Werk des Eichstätter Kriegsbaumeisters Konrad Kieser, das Buch „Bellifortis, gemalt wurden. Aus diesem interessanten Werke, dessen schönstes Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Göttingen bewahrt wird, theile ich die Abbildungen Fig. 14 und 15 mit.


Eine andere Abbildung einer wohlerhaltenen Burg bietet die Miniatur der Breslauer Froissarthandschrift vom Jahre 1408 und 1469. (Fig. 16.) Eine mehr dorfmässige Befestigung zeigt der Holzschnitt aus Hartmann Schedel’s Weltchronik. (Fig. 17.)

Als gegen das Jahr 15oo der Ritter Wilwolt von Schaumburg sein Stammschloss wiedersah, fand er alles verfallen. rAber es was vast wiest, nit 111er dan mit zweien ahn kematen, sonder mauer und graben, der bergbesetzt. Den understunt sich her Wilwolt von stunt zu bevestigen, mit gueten mauern, türnen, gefiertn graben, sehietten (Palissaden) und basteien zu umbiegen, die behausung mit neuen kematen und gueten herlichn gemachen und einer schönen löblichen capeilen zu pauen.“

Über die innere Einrichtung einer Burg- geben uns Inventare der Burg Badenweiler von 1422 und 1424 eine Vorstellung. Es werden ausser dem Keller und dem Kornhause „sechzehn Räumlichkeiten aufgezählt: die Herrenkammer mit einem Stüblein daneben, die Kapelle, Ritterkammer, Ritterstube, Küche und Pfisterei (Backhaus). Kerner Kammern für den Schreiber, Schaffner, Keller und Kellerin“. In jeder Stube ausser in der Ritterstube und in der Speisekammer stehen Betten. Dieselben sind mit Strohsäeken. Federkissen und Deeken ausgestattet. Weisszeug wird in Kisten und Laden bewahrt. Bedeutend ist die Menge des Küchen-geräthes und der vorhandenen Waffen. Aus dem Jahre 1523 rührt das Inventar des Schlusses Pocksberg her. Als Probe theile ich mit, was über die Einrichtung der Wohnzimmer des Burgherrn vermerkt wird.

Was die Wohnlichkeit einer Burg anbelangt, so haben wir hier das Zeugnis des Ulrich von Hutten, der sich in einem Briefe vom 23 October 1518 gegen Pirkhaimer folgendermassisß. über das Leben auf dem Steckelberg bei Fulda, seiner Stammburg, äussert: „Man lebt auf dem Felde, in Wäldern und in jenen Bergwarten. Die Leute, die uns erhalten, sind äusserst ddürftige Bauern, denen wir unsere Aecker, Weingärten, Wiesen und Wälder verpachten. Der Ertrag daraus ist im Verhältnis zur aufgewendeten Mühe gering, aber man gibt sich viel Mühe, dass er gross und reichlich werde, denn wir müssen sehr fleissige Haushälter sein. Dann stehen wir nothwendigerweise in einem Dienstverhältnis zu einem Fürsten von dem wir Schutz hoffen dürfen; wäre ich dies nicht, so würden sich alle alles gegen mich erlauben; und wenn ich es auch wäre, so ist doch diese Hoffnung- mit Befahr und täglicher Besorgnis verbunden, denn wenn ich aus dem Hause hinausgehe, ist zu befürchten, dass ich denen in die Hände falle, mit denen der Fürst in Händel und Fehde ist: an seiner Stelle fallen sie mich an und schleppen mich fort. Wenn das Unglück es will, kann ich mein halbes Vermögen auf das Lösegeld verwenden ; so treffe ich, wo ich auf Schutz gehofft, vielmehr auf Angriff. Doch dazu halten wir Pferde und schaffen Waffen an. sind von zahlreichem Gefolge umgeben mit grossen und in allem schweren Kosten, dass wir nicht fünfhundert Schritt weit ohne Waffen und Rüstung spazieren gehen dürfen.


Kein Dorf kann man unbewaffnet besuchen, nicht auf die Jagd, zum Fischen anders als gerüstet gehen. Dann gibt es häufig Streit zwischen unsern und fremden Bauern; es vergeht nicht ein Tag, wo uns nicht von irgend einem Hader berichtet wird, den wir sehr vorsichtig schlichten. Denn wenn ich zu keck mich der Meinigen annehme und ihnen angethanes Unrecht verfolge, so entsteht ein Krieg; wenn ich zu geduldig nachgebe und von meinem Rechte nachlasse, stelle ich mich den Unbilden von allen Seiten bloss; denn was einem zugestanden worden ist, das würden die andern auch für sich bewilligt sehen wollen, eine Belohnung für ihr eigenes Unrecht. Doch zwischen welchen Leuten kommt so etwas vor? Nicht unter Fremden, mein Freund, sondern zwischen Verwandten, Angehörigen, Verschwägerten, ja auch unter Brüdern ereignet sich das. Das sind die Annehmlichkeiten unseres Landlebens, das die Ruhe und Ungestörtheit. Ob die Burg auf einem Berge oder in einer Ebene liegt, immer ist sie nicht zur Behaglichkeit, sondern zur Befestigung erbaut, von Gräben und Wall umgeben, innen eng, mit Vieh-und Pferdeställen zusammengedrängt, da sind nahebei dunkle Kammern mit Kanonen, mit Pech und Schwefel, und was sonst zur Kriegsrüstung gehört, vollgefüllt. Ueberall riecht man den Gestank des Schiesspulvers, dann die Hunde und ihren Unrath — auch ein schöner Duft, wie ich meine. Es kommen und gehen Reiter, unter ihnen Räuber, Diebe und Wegelagerer, denn gewöhnlich stehen unsere Häuser offen, und wir wissen nicht, wer ein jeder ist oder kümmern uns nicht zu sehr darum. Man hör! das Blöken der Schafe, das Brüllen der Ochsen, das Bellen der Hunde, das Geschrei der Leute, die auf dem Felde arbeiten, der Karren und Wagen Knarren und Gerassel, ja in unserer Heimat auch der Wölfe Geheul, da die Wälder nahe sind. Alle Tage sorgt man und kümmert man sich um den morgigen Tag, es gibt beständige Bewegung, beständige Stürme: dieFAlder müssen geackert und umgegraben werden, in den Weinbergen ist Arbeit, es sind Bäume zu pfianzen, Wiesen zu bewässern; da ist zu behacken, zu säen, zu düngen, zu ernten, zu dreschen; es kommt die Ernte, es kommt die Weinlese. Wenn dann in einem Jahre schlechtes Ergebnis, wie dies bei jener Unfruchtbarkeit meist geschieht, eintritt, dann entsteht eine wunderbare Noth, eine wunderbare Armut, etc.“

Etwas reicher und schöner waren die Schlösser der Fürsten ausgestattet. Zu den vorzüglichsten Bauten dieser Art gehört das von eine Reihe von Zimmern vorhanden, die 1487 1504 erbaut, eingerichtet und ausgeschmückt worden sind. Eine der interessantesten Schlossbauten des ausgehenden Mittelalters ist die Albrechtsburg zu Meissen (Fig. 20), errichtet seit 1471. Ueber dieses schöne wohlerhaltene Monument spät-gothischer Architektur besitzen wir eine vortreffliche Monographie von Cornelius Gurlitt (Dresden 1881), der die hier mitgetheilten Abbildungen (Fig. 21—23) entlehnt sind. Auch von dem böhmischen Königsschlosse auf dem Ilradschin zu Prag sind einige geringe Ueberreste, unter ihnen der von König- Wladislaw erbaute Festsaal (1493) übrig geblieben.

Selbst bei diesen fürstlichen Schlössern ist Bequemlichkeit der Bewohner nur in zweiter Linie inbetracht gekommen; die Rücksichten auf die Sicherheit gegen alle Angriffe waren vor allem massgebend. Allein es finden sich hier doch grössere Festsäle vor, die in den kleineren Burgen meist fehlen, und die Kunst des Steinmetzen, des Males» ist in den meisten Fällen inanspruch genommen worden, so dass auch diese Monumente ähnlich wie die in den Städten errichteten Baudenkmäler einen wirklich künstlerischen Charakter an sich tragen.

Den vervollkommneten Feuerwaffen konnten die Burgen und die Schlösser nicht widerstehen. „Was vor hundert jaren fest gewesen ist“, heisst es in Joh. Agricola’s Sprüchwörtern (Nr. 711), „das ist jetzt unfest, wie mann weyß von den alten Stetten und schlossern.“ Und wieder an einer andern Stelle (Nr. 186) sagt derselbe Autor: „Die gröste feste war vor aller gewalt: die bergschloß, mauren und steinern thürne. Da warden büchsen und grew lieh geschoß erdacht, damit man die grossen festen ernieder würfft und zerbricht, und das geschöß thut grossem schaden, weil es mauern und stein sein, dann so es ein blosse were. Bey unsern Zeiten trachtet man wider das geschoß und bereitet zur gegenwehr bolwerck, grüben, welle, darin die büchsen bestecken, und können nicht schaden thun. Es wirt bald auch ein kunst kommen, damit man auch die welle und bolwerck umbreisset, das das sprüchwort war sey: Was luetischen hende machen, das können menschen hencle auch widerumb zubrechen.“

Haben die Burgenbauten dadurch zu leiden gehabt, dass man sie zerstörte, oder auch nur verliess und dem Verfalle preisgab, so wurde den Schlössern verhängnisvoll, dass auch in Deutschland seit dem Beginne des XVI. Jahrhunderts die italienischen Bauformen der Renaissance Eingang fanden. Bei der grossartigen Bauthätigkeit des XVI. Jahrhunderts entstanden zahllose Neubauten von Schlössern, und dem neuen Geschmack zuliebe mussten die alten gothischen Gemäuer abgetragen werden. Diesem Schicksal sind, wie gesagt, nur sehr wenige Monumente entgangen.

Aus dem Buch:Deutsches Leben im XIV und XV Jahrhundert (1892), Author: Schultz, Alwin.

Siehe auch:
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Vorrede
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Einleitung
Stichelreden gegen die verschiedenen Stämme, Landstriche und Städte Deutschlands

Im Text gezeigte Abbildungen:
Wandmalerei im Schlosse Lichtenberg (Tirol)
Burg Eltz
Hof von Burg Eltz
Ausschnitt Marburg
Dietz im Lahuthal
Festes Haus – Aus dem Mittelalterlichen Hausbuch
Burg aus dem Jahr 1405
Burg aus dem Jahr 1405 – nach der Miniatur in der Göttinger Handschrift
Befestigung Burg aus dem Jahr 1493 – nach H.Schedels Chronik
Belagerung einer Burg um 1469
Nürnberg (Stadtansicht)
Marienburg

Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert

Das Reich des deutschen Kaisers umfasste noch im XIV. und XV. Jahrhundert ein grosses, mächtiges Ländergebiet. Die Freigrafschaft Burgund, Savoyen, Lothringen und die Niederlande gehörten ihm zu; auch die Schweiz trat erst 1648 völlig aus dem Reichsverbande aus. Die Karte, die 1493 Hartmann Schedelin seiner Weltchronik veröffentlichte, und die in verkleinerte» Mässstahe hier (Fig. 1) mitgetheilt wird, gibt einen Ueber-blick über das ganze weite Gebiet, das damals der deutsche Kaiser mit «nitaer mehr geminderter Macht Vollkommenheit beherrschte. Die politische Bedeutung- der Reichsfürsten, der reichsunmittelbaren Grafen und Freiherren, der Reichsstädte war seit dem XIII. Jahrhundert stetig- gewachsen, und mit ihrem Wachsthum war die Macht des Kaisers verringert worden. Die einzelnen deutschen Landstriche fühlten sich kaum noch zusammengehörig-, und frühzeitig schon finden wir Scherzgedichte, in denen die deutschen Volksstämme charakterisiert und verspottet werden. Hin solches lateinisches Gedicht ist uns erhalten. Es wird da Oesterreich als freigebig, aber Geschrei liebend und beweglich geschildert, sein guter Tisch gelobt, aber tlie leichtfertige Redeweise getadelt, Mähren Sei fromm, aber leicht zu täuschen. Den Schwaben wird vorgeworfen, dass sie um eines Geschenkes willen ihre Versprechungen brechen; dagegen vermeiden sie unschicklich zu reden, sind edel und stolz. Witzlos, schwarz, furchtsam und trunksüchtig sei der Böhme, der Baier freigebig, heiter, betrügerisch, nicht von zu feinem Verstände, beständig, gesellig.

Dann wird Frankens guter Wein gelobt, der Weinreichthum am Rhein um Speier gepriesen; bemerkt, dass INIaestricht nur allein an Fischen reich sei, dass der Brabanter massig“ bei Fische, geschmeidig und beharrlich sei, der Flanderer geschwätzig, aberreich; Holland gilt für arm, nur reich an Milch, kühn, thöricht, keusch; aufsetzigseien die Friesen, stark, Löwen im Kriege, bessere Trinker gebe es nicht unter dem Himmel; der „Elsässer“ ist treu im (Lauben, keines Menschen Freund; wenn er dir Willkommen zuruft, nimm; du dich wie vor einem Feind® inacht; dumm sind die Sachse«* nicht aber züchtig, nicht zur Freigebigkeit geneigt, weil sie arm sind; Diebe sind dit: Thüringer. weniggastfrei gegen fahrende Leute, dagegen tanzen sie hübsch; bei ihnen ist der gebratene Häring beliebt; aus dem Kopfe machen sie fünf Gerichte; in Westphalen ist man verschwiegen, ruhig, beharrlich; da herrscht die schöne Frau, die gastliche Aufnahme ist gering, grobes Brod, dünnes Bier, lange Meilen gibt es da u. s. w. Trier ist dem Alter nach, Köln des Reichthums halber, Mainz seines Ansehens wegen die erste Stadt.

Nach den von Mone veröffentlichten lateinischen Distichen wird der Kölner im Alter immer zaghafter, der aus Cleve geiziger, der aus Geldern stolzer, der Lütticher gröber, der Brabanter dümmer, der aus dem Hennegau klüger, der Flanderer schamloser, der Seeländer nichtsnutziger, der Holländer auf gutes Essen erpichter, der Maestrichter verschlagener. Ein anderes Gedicht, das er an gleicher Stelle anführt, sagt; Brüssel erfreut sich der Edlen, Antwerpen des Geldes, Gent seiner Taue, Brügge der hübschen Mädchen, Löwen der Gelehrten und Mecheln der Dummköpfe.

Wattenbach theilt dann aus einer Münchener Handschrift des XV. Jahrhunderts ein paar lateinische Verse mit. Frömmigkeit in Italien, Wahrhaftigkeit in Ungarn, Demut in Oesterreich, Keuschheit in Bayern, Armut in Venedig, schöne Weiber im Mohrenlande, Religiosität in Böhmen, Glückseligkeit in Bologna, Brot in Köln, Trunkenheit in Sachsen, Treue in Thüringen, Meilen in Westphalen, Einfalt in Schwaben, Auslegungen der Juden, Erfurter Bier taugen alle summt und sonders nichts.“ Interessant ist ferner eine Art Sequenz, welche R. Peiper veröffentlicht hat. In derselben wird die Kunstfertigkeit und die Verfassung von Nürnberg gerühmt; die Elsässer, Pfälzer, Württemberger werden wegen ihrer Liebe zum Wein geneckt. Dann preist der Dichter das schöne Belgien, die feinen Brabanter und ihre anmuthigen Mädchen. F’ischer und Flirten, Schiffer und Kaufleute sind die Holländer und Seeländer. Die Dänen stechen mit Dolchen; die Holsteiner sind wild und grausam. Die benachbarten Lübecker, Bremer. Hamburger werden ihres Handels wegen gerühmt, die Sachsen wegen ihres Muthes; aber sie sind Trunkenbolde, doch stark von Körperbau. Die Thüringer sind ungastlich, die Meissner nicht ganz so schlimm, aber grosse Heuchler. Die Lausitzer und Slaven sind diebisch und feig, und schmutzig die Märker. Schlesier sind verliebt, haben schöne Frauen, sprechen aber bäuerisch … Die Mährer und Böhmen sind gotteslästerliche Ketzer; trunksüchtig (madidi) sind die Oesterreicher.“

Eine deutsche Priamel, die Eschenburg- in seinen Denkmälern (Bremen 1790), 417 mittheilt, lautet: „In Baiern zeucht man viel der sehwein.Der treib man viel hinab an Rein. In Pohland. in Winden bös gebäu, Die Ungarn lausig und ungetreu. In Mähren auch desselben gleichen, Die Swarzfelder tückisch schleichen. Vogtländer kiihdieb und auch rauben. Der Rockenzan mit dem ketzers glauben, Den thät der Huss in Daheim pflanzen. Die Schweizer gern fechten und tanzen. In Oestreich viel käsbrüh und langes haar, Tn Ivärnthen mancher trunkner thor. Prcussen und Sachsen trinken zu, An der see mit fischen wenig ruh. Und in Westphal göttlich gericht, Am Rhein schön frauen, als man spricht. In Meissen teutsche sprach gar gut, In Franken manches edle blut, We hüt, we hodels,1 frommes volk. In Flandern mancher grosse schalle. Kl-sasser schelten, fluchen und schwören, Die Schwaben überflüssig zehren; Vor allen landen sie doch geben Buben, henker, gemeiner weiber leben. Es ist ein gut land, aber selten komm ich heym. Die Fleminger ich desgleichen mevn. In den landen findt man reich und arm: Schwaben hüpft auf mit leerem darin.“

Aus dem Buch:Deutsches Leben im XIV und XV Jahrhundert (1892), Author: Schultz, Alwin.

Siehe auch:
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Vorrede
Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert – Einleitung

Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert