Fünftes Kapitel

Bevor der erwählte deutsche Kaiser sein Amt antrat, hatte er noch symbolische Zeremonien durchzumachen, die wie Goethe so hübsch sagt, „das durch Pergamente, Papiere und Bücher beinahe verschüttete deutsche Reich wieder für einen Augenblick lebendig darstellten,“ d. h. mit andern Worten, er mußte gekrönt werden. Das ist im 18. Jahrh. jedesmal in Frankfurt a. M. geschehen, in diesem Zeitabschnitt insgesamt sechsmal. Das ganze Zeremoniell der Weihe, Salbung und Krönung entstammte dem Mittelalter und muß unter so veränderten äußeren Umständen mit all seinen Begleiterscheinungen ein merkwürdiges Bild abgegeben haben. Selbst Goethe, dem, als er sich ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen seines Anteils an der Wahl und Krönung Josefs II. mit Rührung erinnerte, doch alles in einem gewissen rosig verklärten Licht erschien, muß zugeben: „einiges gab wohl ein echt altertümliches Ansehen, manches dagegen war wieder so halb neu oder ganz modern, daß überall nur ein buntes, unbefriedigendes, öfter sogar geschmackloses Wesen hervortrat“. Dieser klaffende Widerspruch zwischen Zeremonien, die den Anspruch erhoben, tiefe Symbole darzustellen, und dem ungläubigen Geschlecht einer so ganz anders gearteten Zeit nur noch komisch erschienen, trat natürlich mit jedem Jahr, welches das Jahrhundert vorschritt, deutlicher hervor, so daß der Ritter von Lang, der 1790 der Wahl und Krönung Kaiser Leopolds II. beiwohnte, fand: „Nichts konnte ein treueres Bild der eiskalt erstarrten und kindisch gewordenen alten deutschen Reichs Verfassung geben als das Fastnachtsspiel einer solchen in ihren zerrissenen Fetzen prangenden Kaiserkrönung.“ „Der Kaiserornat,“ fährt er fort, „sah aus, als wäre er auf dem Trödelmarkt zusammengekauft, die Kaiserkrone, als hätte sie der allerungeschickteste Kupferschmied zusammengeschmiedet und mit Kieselsteinen und Glasscherben besetzt. Die Zeremonien, nach welchen der Kaiser alle Augenblicke vom Stuhl herab und hinauf, hinauf und herab, sich ankleiden und auskleiden, einschmieren und wieder abwischen lassen mußte, sich vor den Bischofsmützen mit Händen und Füßen ausgestreckt auf die Erde werfen und liegen bleiben mußte, waren dieselben, womit der geringste Bettelmönch eingekleidet wird.“

Den früheren Geschlechtern erschien es nicht ganz so arg, wie diesen skeptischen Kinde der Aufklärung, selbst einem Spötter wie Pöllnitz war eine Kaiserkrönung ein ernsthafter Gegenstand, und er macht nur seine Glossen darüber, daß Karl VI., als er 1711 in Frankfurt a. M. einzog, Trauer trug, wegen seines Bruders, Josef l., und daß, wenn man schon diesen Umstand als ein übles Vorzeichen betrachtete, man vollends bestürzt wurde, als dem Kaiser beim Austritt aus der Kirche der Degen Karls des Großen unversehens der Scheide entfiel. Karl VI. war der letzte Habsburger, der in Frank-Kaiser Karl VII. furt die Krone Karls des Großen empfing sejn unmittelbarer Nachfolger war Karl VII., in dessen Person nach Jahrhunderten wieder ein Wittelsbacher die deutsche Kaiserwürde erhielt. Die Krönung Karls VII. galt für die prunkvollste von allen, die in diesem Jahrhundert stattfanden. ,,Die Pracht dieses Wahl- und Krönungskonventes,“ schreibt J. J. Moser in seiner Lebensgeschichte, „war ohnegleichen. Zuerst zog der spanische Ambassadeur, Graf von Montijo mit einer solchen Pracht, wie dergleichen niemand gesehen hatte; der französische Gesandte suchte ihn zu übertreffen; der Kurmainzische Einzug war auch magnifik, aber des Kurfürsten zu Köln Einzug (eines Bruders des Kaisers) waren noch um vieles splendider, so daß Belleisle sagte: c’est trop pour un 61ecteur.

Er brauchte alle Wochen nur für 1100 fl. Holz; ein kiirtrierischer Lakai hatte 300 Ellen silberne Borten auf seinem Kleid. Nur die Kurbrandenburgische Gesandtschaft machte keine Figur.“ Bei der eigentlichen Krömmgsprozession selbst soll nach der Aussage des gleichen Gewährsmannes allerdings „jedermann ganz still und traurig“ gewesen sein. Das hätte allerdings nur der Gemütsverfassung der Hauptperson dieses Schauspiels entsprochen. Fluchtartig hatte der bayrische Kurfürst seine Residenz München verlassen müssen, und während er nach Frankfurt zur Krönung reiste, nahm der österreichische Gegner ganz Bayern ein. Mit 76 Wagen und einem Gefolge von 464 Herren und Dienern zu Pferde und 800 Fußgängern hielt er seinen Einzug in die Krönungsstadt, aber ganz abgesehen davon, daß er buchstäblich nicht wußte, wo er bleiben und wovon er leben sollte, wurde Karl VII. von Gicht und Steinschmerzen so gequält, daß er kaum imstande war, sich zu bewegen und häufig die Besinnung verlor. Er hat die Gefühle, die auf ihn eindrangen, seinem Tagebuch an vertraut. Am 12. Februar, dem Krönungstage, schreibt er: „Der anbrechende Morgen sah mich auf meinem Lager. Leiden des Körpers und des Geistes stürmten grausam auf mich ein. Dennoch beschworen mich meine Freunde, die Zeremonie nicht länger aufzuschieben, da sonst meine Feinde daraus Kapital schlagen möchten. So mußte ich denn die Schwäche des Körpers zu überwinden und die seelische Aufregung zu bemeistern suchen.“ „Alles ist darüber einig,“ fährt er fort, „daß keine Krönung jemals herrlicher und glänzender war als die meine; der Luxus und die Verschwendung, die sich in allem und jedem kundgaben, übersteigen alle Vorstellung. So konnte ich wähnen, den höchsten Gipfel menschlicher Größe erklommen zu haben, mußte aber unwillkürlich der allmächtigen Hand Gottes gedenken, der zur selben Zeit, als er uns so hoch steigen ließ, gar dringlich daran erinnert, daß wir nur seine Geschöpfe sind.“ Die Lage des Kaisers war in der Tat geradezu zum Erbarmen, er war selbst bis auf die tägliche Nahrung und Notdurft von der Güte seiner Bundesgenossen abhängig; der französische Marschall Belleisle hat den deutschen Kaiser lange Zeit völlig aus seiner Tasche erhalten müssen, denn schließlich weigerten sich in Frankfurt Bäcker und Metzger, dem Kaiser noch länger zu borgen. Der Herzog von Noailles prahlt in seinen Memoiren damit, daß er es allein gewesen sei, der Karl mit Geld unterstützt habe, sonst hätte der deutsche Kaiser Hungers sterben müssen.

Den Gegnern ist das natürlich nicht entgangen, und der bedauernswerte Monarch hatte zu allem Schaden auch noch den Spott. Eines Tages legte ihm eine unbekannte Hand ein recht boshaftes Pasquill in seinen Hut, und als er, aufgebracht darüber, eine Belohnung von Tausend Dukaten für die Entdeckung des Verfassers aussetzte, fand er am nächsten Tage an derselben Stelle die höfliche Aufforderung, der Kaiser möge angeben, wo man die 1000 Dukaten erheben könne, dann wolle der Verfasser sich selbst anzeigen. Er scheint in dieser für ihn so kritischen Zeit nicht einmal innerhalb seiner vier Wände das Glück gefunden zu haben, das ihn auch in der Öffentlichkeit im Stiche ließ, zeigte die Kaiserin doch der Gräfin Solms-Rödelheim eine ganze Schachtel voller Haare, die der Kaiser ihr mit eigner Hand ausgerauft hatte, und ließ sie doch den Senior des Evangelischen Konsistoriums in Frankfurt bitten, sic unter dem Namen einer bedrängten Frau in die besondere Fürbitte seiner Gemeinde mit einzuschließen. Karl VII. hat die Krone nicht lange getragen. „Das Unglück wird mich nicht eher verlassen,“ soll er einmal gesagt haben, „bis ich es nicht verlasse,“ und so war es auch.

Wahl und Krönung seines Nachfolgers, Franz I., des ersten Lothringers, waren vielleicht nicht so glanzvoll, aber sie gingen unter glücklicheren Auspizien vor sich. Seine junge und schöne Frau hatte es sich nicht nehmen lassen, den Thronkandidaten nach Frankfurt zu begleiten, zur Bestreitung der Reisekosten dienten die englischen Subsidien und ihre Gegenwart brachte durch die jugendschöne Erscheinung und die heitere Frische ihres ungezwungenen natürlichen Wesens einen starken Reiz in den Zeremonienkram. „Nach der Ausrufung,“ schreibt J. J. Moser, „entstand eine unsinnige und rasende Freude. Die Männer schmissen die Hüte und Perrücken, die Frauenzimmer die Kopfzeuge und Schnupftücher in die Höhe, davon viele sie nicht wieder bekamen.“ Die Wahl und Krönung Josefs II. zum römischen König, die 1764 stattfand, erfolgte gewissermaßen unter den Auspizien seines Vaters, des Kaisers, was der Feierlichkeit ein ganz besonderes Gepräge gab.

„Es war in der Tat recht touchant,“ schreibt Fürst Khevenhüller in sein Tagebuch, „einen Kaiser in diesen Jahren nicht allein bei vollen Kräften, sondern von einer in Wahrheit noch sehr angenehmen und dabei doch sehr majestätischen Gestalt, und einen römischen König, welcher auch ungemein wohl aussiehet, mithin Vater und Sohn daher reuten zu sehen, wie denn auch der allgemeine Jubel des Volkes nicht genugsam zu beschreiben.“ Auch bei dieser Krönung wurde eine solche Pracht entfaltet, daß man, wie Goethe sagt, „zuletzt nur die ganz goldenen Anzüge bemerkenswert fand,“ weil jedermann in Galakleidern fuhr und ging. Und dabei war es grade der Einfachste von allen der die Hauptaufmerksamkeit auf sich lenkte, wieder wie bei der Krönung Karls VII., der brandenburgische Wahl-Botschafter Baron von Plo-tho. „Dieser Mann,“ schreibt Goethe, „der durch eine gewisse Spärlichkeit sowohl in eigener Kleidung als in Livreen und Equipagen sich auszeichnete, war vom siebenjährigen Kriege her als diplomatischer Held berühmt. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und wenig fehlte, daß man ihm applaudiert, Vivat oder Bravo gerufen hätte. So hoch stand sein König in der Gunst der Menge.“ So warmherzige Schilderungen wie Goethe sie der Krönung Josefs II. zuteil werden ließ, haben die Kaiser Leopold II. und Franz II. nicht mehr gefunden. Ob die Roheit des Pöbels zugenommen hatte oder nur mehr hervortrat, weil das gesittete Publikum sich zurückhielt, wer will das entscheiden; sicher ist es, daß sie die Besucher abstieß. Der Ritter von Lang fand, die Leute hätten den Kaiser beinahe umgeworfen, indem sie das rote Tuch wegrissen, über das er hinwegschritt, und auf Ottokar Reichard machten die Zeremonien auf dem Römerplatz einen „widrigen Eindruck“, so stark machten sich Habgier, Mißgunst und Schadenfreude geltend.

Wenn die Erzherzoge schon vor ihrer Thronbesteigung mit der übrigen Menschheit kaum je in Berührung kamen, so waren sie nach Annahme der Krone vollends von ihr geschieden; eine Weihrauchwolke der Verhimmelung lag zwischen ihnen und den andern Sterblichen. Als Josef I. die Huldigung der Stände Niederösterreichs empfing, begrüßten sie ihn mit folgenden Worten: „Des Himmelsfürsten Licht erstarrt ob dem allerhöchsten, niemals gesehenen Glanze. Der Erdkreis wird zu klein zum Schauplatz solcher Werke, wobei die treuesten, gehorsamsten Stände meinen, den Gipfel des Glückes erstiegen zu haben, daß sie sich zu Eurer Majestät Füßen legen dürfen. Die vorigen goldenen Zeiten sind gegen diese: eiserne, da uns die Sonne einer lebenden Glückseligkeit vor Augen schwebt.“ Die traditionelle politische Feindschaft der Häuser Habsburg und Bourbon beeinflußte den Stil des kaiserlichen Hofes so weit, daß die französische Art und Weise an ihm lange keinen Eingang fand und sich erst unter dem Lothringer Franz 1. Bahn brach. Die letzten beiden Habsburger, Josef 1. und Karl VI., haßten die Franzosen geradezu und hielten an der spanischen Etikette eifersüchtig fest. Sie erhob den Kaiser zwar zum Halbgott, aber sie umgab ihn auch mit einer Mauer, hinter der der Vergötterte wie ein Gefangener lebte. „Der Wiener Hof,“ schreibt Baron Pöllnitz, „ist zwar der vornehmste, aber die Zeremonien und die Etikette teilen ihm einen Zwang mit, wie man ihn nirgend anderswo verspürt; sie langweilen den Kaiser, aber trotzdem hält man an ihnen fest.“ Der Kaiser wurde kniend bedient; das Kompliment, mit dem er und die Angehörigen seiner Familie begrüßt wurden, war die „spanische Reverenz“, d. h. der Kniefall; ließ er sich herbei, die Begrüßung zu erwiedem, so begnügte er sich mit der „französischen Reverenz“, d. h. er nickte mit dem Kopfe. Dieser Etikette unterlagen selbst die Kurfürsten; als August der Starke in Wien war, hatte er an der kaiserlichen Tafel Leopold I. kniend das Waschwasser und das Handtuch zu überreichen. Bei der ersten Begegnung hatte der sächsische Kurfürst dem Kaiser 30 Schritte entgegenzugehen, während der Kaiser ihm nur 10 Schritte entgegenkam.

Niemand konnte an der Tafel des Kaisers Platz nehmen; sollte fürstlichen Gästen diese Ehre erwiesen werden, so mußte das auf der Kaiserin Seite geschehen, d. h. der.Kaiser begab sich in die Gemächer seiner Gemahlin, wo er gewissermaßen bei ihr zu Gaste war. Bei offiziellen Ausfahrten saß der Kaiser im Fond des Wagens, die Kaiserin auf dem Rücksitz.‘ Bei ihren Empfängen standen Kaiser und Kaiserin unter einem Thronhimmel, man näherte sich ihnen, indem man sich dreimal nacheinander auf ein Knie niederließ; vor dem Thron kniete man nieder und küßte den Majestäten die Hand, dann zog man sich unter abermaligen Kniebeugungen rückwärts schreitend zurück.

Zutritt bei Hof zu erlangen, war nicht leicht; unter Josef I. durften selbst die Gesandten, sofern sie nicht Grafen waren, nicht einmal das Vorzimmer betreten, die Gesandten der Reichsstädte kamen nicht bis in das äußerste Vorgemach. Viermal im Jahr speiste der Kaiser öffentlich, an den drei höchsten Kirchenfesten und am Andreastag, dann wurden 48 Schüsseln aufgetragen und der ganze höfische Apparat in Szene gesetzt; jeder Teller wanderte, ehe er vor dem Kaiser niedergesetzt wurde, durch 24 Hände. Dagegen spielte das Lever, das in Versailles im Mittelpunkt des höfischen Lebens stand, in Wien keine Rolle; hier hatten nur diejenigen Personen Zutritt, die wirklich mit der Aufwartung zu tun hatten.

Die Forderung der spanischen Reverenz war eine Zumutung, die starken Widerspruch erregte und das Zusammenkommen des Kaisers mit andern fürstlichen Personen dauernd hinderte; 1764 verweigerte sogar der kurbrandenburgische Wahl-Gesandte, in Frankfurt Kaiser Franz mit dem verlangten Kniefall zu begrüßen. Die Verbeugungen, das Entgegenkommen, das Zurückbegleiten nach einem Besuche und ähnliche Fragen der Etikette waren Gegenstände, die von der größten Wichtigkeit erschienen und den dabei Beteiligten viel Kopfzerbrechen verursachten, sie bilden den Hauptinhalt des Tagebuchs des Fürsten Khevenhüller, der Obristhofmeister der Kaiserin Maria Theresia war.

Der Wiener Hof hielt auch an einem besonderen Kostüm fest; noch unter Karl VI. hätte niemand wagen dürfen, in Kleidern von französischem Schnitt und mit weißseidenen Strümpfen die Hofburg zu betreten; Vorschrift war das sogenannte spanische Mantelkleid von schwarzer Seide oder schwarzer Wolle. Nur während des Aufenthaltes auf den Lustschlössern Laxenburg oder Favorite wurden in diesem Punkte Konzessionen gemacht, hier durfte man sich nach der Mode tragen, und sogar Perrücken mit Haarbeuteln aufsetzen, was in der Hofburg ebenfalls untersagt war. Leopold L hatte zwar die große Allongen-Perrücke angenommen, aber nur für seine Person, den Hofleuten war sie nicht gestattet. Die spanische Hoftrauer muß einen sehr sonderbaren Anblick gewährt haben. J. J. Moser, der Karl VI. darin sah, schreibt: „Der Kaiser trug eine lange, braune fliegende Perrücke ohne Puder, von dem Hut einen Flor bis auf die Waden herabhangend und um den Leib einen Schurz oder Weiberrock, der bis an die Schuhe ging, welches alles zusammen eine eigene Figur ausmachte.“

Der Hofstaat des Kaisers umfaßte über 2000 Personen, die sich in sechs oberste Hofämter gliederten: Oberhofmeisterstab, Oberkämmererstab, Oberhofmarschallstab, Oberstallmeisterstab, Oberhof- und Landjägermeister-Amt, Oberhoffalkenmeister-Amt. Da es außerdem noch Hofstaaten der Kaiserin, der Erzherzoge und Erzherzoginnen und der kaiserlichen Witwen gab, so belief sich die Gesamtzahl der zur kaiserlichen Hofkammer gehörenden Personen auf gegen 25000. Diel 5 Edelknaben, die den Kaiser bedienten, hatten ja für sich wieder fünf Professoren, zwei Tanzlehrer, einen Fechtmeister, acht Diener, vier Köche, einen Hofmeister und einen Präzeptor nötig; das Stallpersonal umfaßte 400 Menschen, hielt doch Maria Theresia in ihrem Marstall gegen 2200 Pferde.

1732 gab es am Wiener Hofe 226 Kammerherren, als Maria Theresia starb, dagegen 1500. Die Hofchargen waren durchaus nicht sehr hoch bezahlt, sie mußten im Gegenteil ihre Ämter für ziemlich beträchtliche Summen kaufen. So zahlte Fürst Schwarzenberg 1711 die Stelle des Oberstallmeisters, die nur 4000 fl. im Jahr und eine Wohnung in der Hofburg eintrug, mit 100000fl.; jeder Kammerherr hatte für seinen Titel 200 Dukaten zu erlegen, aber die Sporteln machten alles wett. Als Josef I. mündig erklärt wurde, erhielt sein Ayo Fürst Salm, ein Geschenk von lOOOOOfl. (etwa 34 Million nach dem Geldwert von 1914), nach dem Tode eines Kaisers wurde sein Nachlaß unter die Hofchargen geteilt. „Man pfleget dem Obristhofmeister,“ schreibt Fürst Khevenhüller, „vor das Silber und vor das übrige, so er aus Kay. Verlassenschaft zu prätendieren hat, 100000fl. zu geben; der Obristkammerer bekäme alle Kleyder des Kaysers und das in der Cammer sich befindende Silber, und dem Obriststallmeister gehören alle Hofwägen und Pferde im Stalle.“

Ein Hof nach diesem Zuschnitt verbrauchte gewaltige Summen, Maria Theresia soll mit sechs Millionen fl. im Jahr kaum haben Auskommen können. Die Hof-küche schrieb nur für Petersilie 4000 fl. an; für den Schlaftrunk der Kaiserin-Witwe Amalie wurden täglich 12 Kannen Ungarwein in Ansatz gebracht, für jede Hofdame sechs Kannen; als Kaiser und Kaiserin 1748 mit kleinem Gefolge nach Mähren reisen, kostet diese Lustpartie, die nicht länger dauert als zehn Tage, 200000 fl.

Der große Aufwand von Menschen und Geld diente aber keineswegs dazu, den Aufenthalt am Wiener Hofe unterhaltend zu machen. ,,Der Hof ist sehr ordentlich eingerichtet,“ schreibt Küchelbecker, der sich 1730 in Wien aufhielt, „man kann ein ganzes Jahr Vorhersagen, was diesen oder jenen Tag bei Hofe vor eine Solennität, Lustbarkeit oder Andacht passieren werde.“ Damit der Leser sich aber ja nicht eine zu ausschweifende Vorstellung von den „Lustbarkeiten“ machen möge, so setzt er alsbald hinzu: „der Hof ist sehr serieux, von Lustbarkeiten hört man wenig.“ Diese Solennitäten bestanden aus drei Klassen: ordentliche Galatage, Toisonfeste und schließlich Andachten und Prozessionen. Die erstereu fielen auf die Gcburts- oder Namenstage der K. Familie, „wobei jedermann in prächtiger und niagnifiker Kleidung und Equipage erscheint.“ „Man sieht dann nur Gold und Edelsteine,“ bemerkt Pöllnitz, „am Karlstage ist die Kaiserin so mit Edelsteinen geschmückt, daß sie sie kaum tragen kann.“

Die Toisonfeste wurden nur von den Rittern des Vließordens begangen, entweder in der Hofkapelle oder bei den Barfüßern; die Andachten beanspruchten den Löwenanteil der höfischen Zerstreuungen. Die Bigotterie der Habsburger war sprichwörtlich. Es ist bekannt, daß Leopold II. täglich zwei Messen hörte und selbst die Feldzugspläne seiner Generale erst gut hieß, nachdem er sie seinen Beichtvätern vorgelegt und ihre Approbation eingeholt hatte. Diese Frömmigkeit vererbte er Söhnen und Enkelinnen. Wütend schrieb der Herzog von Richelieu 1726 an den Kardinal Polignac aus Wien, wo er als französischer Gesandter weilte, er habe im Gefolge des Hofes während der Ostertage hundert Stunden in der Kirche zubringen müssen, „das hält nur ein Kapuziner aus“. Mit Erstaunen, dem ein gut Teil Geringschätzung beigemischt war, sah Joh. Chr. Edelmann um dieselbe Zeit die Feier des Fronleichnamsfestes in Wien. „Der Kayser,“ schreibt er, „wohnet demselben zu Fuße mit bey, und kniet bey den gewöhnlichen Stationen, wo Altäre gebauet sind und ein hölzernes Pult, mit einem Kniebrete versehen, gesetzet ist, nicht auf das Ihm vorgelegte Polster, sondern schiebet es aus großer Andacht auf die Seite, und kaubelt, unter einer herrlichen AUisik, seiner Ihn begleitenden Hofkapelle etliche Corallen von seinem Rosenkrantze ab, der Ihm biß auf die Füße hanget, und Corallen oder Kugeln hat, die zum wenigsten, ohne zu lügen, so groß als ein kleiner Kindes-Kopf sind, und denen, die einen so großen Atonarchen von der leichtfertigen Clerisey so herum schleppen sehen, und bessere Einsichten haben, keine kleine Verwunderung veruhrsachen.“

Die Tochter Karls VI. aber war nicht weniger andächtig als ihr Vater; liest man aufmerksam die Tagebücher des Fürsten Kheveuhüller, so empfängt man den Eindruck, daß der Hof Maria Theresias beständig unterwegs war, um Klöster. Kirchen, Gnadenbilder, Heilige Gräber, Krippen zu besuchen, A\esse und Vesper zu hören, an geistlichen Exerzitien, dem Rosenkranz, dem lostündigen Gebet u. dgl. teilzunehmen. Begegnet ihr bei einer Ausfahrt das Hochwürdige Gut, so steigt sic sofort aus, folgt dem Geistlichen bis zur Kirche und kehrt erst nach erhaltenem Segen zu ihrem Wagen zurück. Erst Josef II. hat in diesen Gebräuchen einen Wandel geschaffen; schon 1765 hat er, sofort nach seiner Thronbesteigung, die Hofandachten und Kirchgänge um die Hälfte verringert.

Unter den beiden letzten Habsburgern, die im 18. Jahrh. die lange Reihe der deutschen Kaiser aus diesem Hause beschließen, überragte Josef I. seinen Bruder Karl VI. geistig und körperlich. Als er 1705 seinem Vater auf dem Throne folgte, war er 27 Jahr alt und schon seit 15 Jahren römischer König. Er war ein schöner Mann und geistig von einer Beweglichkeit, die man an den Prinzen seines Hauses nicht gewöhnt war. Der venetianische Gesandte Ruzzini schildert ihn 1699 als von mittlerer Größe, gut proportionierten kräftigen Körperbaues, rotblonden Haares mit lebhaften leuchtenden Augen, starker Nase, weißer Hautfarbe mit hochgeröteten Wangen. Er rühmt, daß ihm die berüchtigte habsburgische Unterlippe, die noch seinen Vater so stark entstellt hatte, fehle, und er weiß auch von seinen geistigen Eigenschaften nur das Beste zu sagen. Josef I. war sieben lebender Sprachen mächtig und besaß einen Verstand von durchdringender Schärfe; Franzosen und Jesuiten empfanden seine Abneigung. Er war 1699 mit der Prinzessin Amalie von Braunschweig vermählt worden, die zwar seine Neigung besaß, aber sie mit andren, z. B. einer Gräfin Palffi teilen mußte. ,,Daß der jetzige Kaiser galant ä outrance ist,“ schrieb Lieselotte 1705, „ist nichts Heimliches, die ganze Welt redet davon.“ Er hatte am spanischen Erbfolgekriege teilgenommen, denn er war 1702 vor Landau erschienen, um der Belagerung beizuwohnen. Da er mit einem persönlichen Gefolge von 400 Mann kam, so wird er die Arbeiten der Belagerer eher gehindert als gefördert haben; jedenfalls war der französische General Melac, der die Festung verteidigte, Kavalier genug, um den römischen König bei seiner Ankunft beglückwünschen zu lassen. Der Franzose bat außerdem, ihm anzuzeigen, wo sich das Quartier des hohen Zuschauers befände, damit er es mit seinen Geschützen — verschonen könne!? Ja, das war 1702! Josef I. starb zu früh für all die Hoffnungen, die man auf ihn gesetzt hatte. Er erkrankte im Frühling 1711 an den Blattern, und besaß noch die Größe, den Besuch des Prinzen Eugen abzuweisen, da er Österreich zu notwendig sei, um ihn der Gefahr einer Ansteckung aussetzen zu dürfen. Er starb am 17. April in Wien.

Seine Witwe, die Kaiserin Wilhelmine Amalie, hat ihren Mann lange überlebt. Die Existenz einer verwitweten Kaiserin war nach der spanischen Etikette äußerst unerfreulich, sie legte nie die Trauer ab und konnte weder in das Theater gehen, noch einem Ball oder Konzert beiwohnen. Das einzige weltliche Vergnügen, an dem sie teilnehmen konnte, war das Scheibenschießen. Lady Mary Wortley Mon-tague war zu einem solchen eingeladen und fand die Kaiserin auf einem Thron, der am Ende einer Allee des Gartens, in dem die Festlichkeit stattfand, aufgeschlagen war. „Neben ihr bildeten junge Damen, an ihrerSpitze die Erzherzoginnen, Spalier.

Die Frisuren von allen waren mit -Juwelen geschmückt. In genügender Entfernung standen drei ovale Bilder als Scheiben aufgestellt, nach denen sie mit leichten Gewehren schossen. Den ersten Preis gab die Kaiserin selbst; er war ein mit Diamanten besetzter Rubinring in einer goldenen Tabaksdose. Der zweite Preis, ein kleiner Kupido in Brillanten. Dann ein Aufsatz aus feinem Porzellan für den Teetisch. Vielleicht überließ sich die Kaiserin aus Mangel an jeder anderen Beschäftigung oder Zerstreuung ausschließlich der Frömmigkeit, für deren Äußerlichkeiten sie als Konvertitin wohl auch besondere Neigung verspürte. Da es innerhalb der Ringmauern Wiens nur 18 Klöster gab, so erbaute sie mit einem Aufwand von 700000 fl. auf dem Rennweg, neben dem unteren Ausgang des Belvedere, ein Kloster der Salesianerinnen, in das sie selbst im Jahre 1722 übersiedelte. Auch im Kloster blieb ihr Leben von dem Zeremoniell des Hofes umgeben; als sie 17)9 nach Kloster Melk reiste, wo sie sich mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersöhne ein Rendezvous gab, erschien sie für die wenigen Tage mit einem Gefolge von 199 Wagen und 214 Personen. 1742 starb sie in ihrem Kloster, in dem sie auch beigesetzt wurde. Von ihren beiden Töchtern heiratete Josefine 1719 den damaligen Kurprinzen von Sachsen, späteren – König August III. von Polen, Amalie 1722 den Kurprinzen Karl Albert von Bayern, als Kaiser: Karl VII. genannt.

Der Familienpakt von 1703 hatte ihnen zwar als Erbinnen Josefs I. einen Vorrang gesichert, die pragmatische Sanktion Karls VI. vom Jahre 1713 beraubte sie aber dieser Vergünstigung und nahm ihnen jeden Anspruch auf habsburgische Länder.

Karl VI., der seinem Bruder auf dem Thron folgte, war ein schmaler Mann von mittlerer Größe, in dessen Zügen die lange Nase und große braune Augen von starrendem Blick auffielen. Da er von Jugend auf in dem Gedanken erzogen worden war, einmal in Spanien die habsburgische Erbschaft anzutreten, so hatte er etwas ungemein Ernsthaftes und Gra vi tätisches in seinem Aussehen angenommen, so daß er Fremden melancholisch erschien. Bei näherem Umgang verschwand das Zurückhaltende seines Wesens, er gab sich dann liebenswürdig und natürlich. Sein Wohlwollen ging so weit, wie J. J. Moser erzählt, daß er, weil manche beiden Audienzen, die er erteilte, durch sein ernsthaftes Ansehen außer Fassung kamen, das Gesicht wegdrehte, bis sie angefangen hatten, zu sprechen. Auf Veranlassung seiner Minister sprach der Kaiser bei Audienzen absichtlich undeutlich, und nur J. J. Moser rühmte sich, ihn einmal durch eine lateinische Anrede zu einer langen und deutlichen Antwort bewogen zu haben. Er war gebildet genug, um wissenschaftliche Interessen zu pflegen; er hat die Hcfbibliothek ansehnlich bereichert und ihr das prächtige neue Gebäude errichten lassen, in dem sie noch jetzt untergebracht ist. Karl VI. liebte besonders die Musik; für seine Hofkapelle gab er im Jahr 20000 fl. aus. Sie unterstand dem berühmten Fux als Dirigenten und setzte sich aus 36 Vokal- und 74 Instrumental-Musikern zusammen. Als der Kaiser sich 1723 in Prag zum König von Böhmen krönen ließ, wurden die berühmtesten Virtuosen aus ganz Europa verschrieben, um dies Ereignis feiern zu helfen. Die Oper „Costanza e Fortezza“ von Fux wurde unter freiem Himmel aufgeführt, wobei das Orchester 200 Mann zählte und 100 Personen sangen; keiner der Sänger war auch nur mittelmäßig. „Die Geschichte hat keine glänzendere Begebenheit für die Musik aufzuweisen.“ meint Charles Bur-ney. Da Fux schwer an Podagra erkrankt war, ließ ihn der Kaiser von Wien nach Prag in einer Sänfte tragen. Der Kaiser war selbst musikalisch begabt, er spielte fertig vom Blatt und hat z. B. den Gesang des berühmten Farinelli am Flügel begleitet. Er komponierte auch und ließ eine Oper von seiner Erfindung aufführen, bei der er selbst im Orchester mitwirkte, während seine beiden Töchter tanzten. Alle Sänger, Tänzer und Musiker gehörten den ersten Kreisen an, Zuschauer aber gab es nur sechs, die Kaiserin und die Kaiserin-Witwe, von denen jede zwei Gäste mitbringen durfte.

1703 war Karl noch als Erzherzog mit einem Gefolge von 164 Personen, 47 Wagen und 210 Pferden von Wien nach Spanien aufgebrocheiv das er damals nur mit großen Umwegen über England erreichen konnte. 1 lA Jahr verweilte er in Lissabon und hielt sich dann 5 Jahre in Barcelona auf, das die Engländer ihm erobert hatten. Vorübergehend betrat er auch Madrid. Wäre nicht der vorzeitige Tod seines Bruders eingetreten, der es den Alliierten angezeigt erscheinen ließ, die-Ansprüche Habsburgs aut den spanischen Thron nicht länger zu unterstützen, so w-äre es ihm wohl gelungen, sich zu behaupten. Im September 1711 kehrte er über Italien in die Heimat zurück.

Die hispanisierende Erziehung Karls und sein langer Aufenthalt in Spanien wirkten insofern auf das Leben des Wiener Hofes zurück, als es während der langen Regierungszeit des Kaisers zu keiner Lockerung der strengen Etikette gekommen ist. So regelmäßig wie am Hofe in Madrid zur Zeit der letzten Habsburger wickelte sich auch am Kaiserhofe die Existenz ab. Von Oktober bis April residierte der Kaiser in der Wiener Burg, von April bis Juni ging er nach Laxenburg, von Juli bis Oktober nach der Favorite in der Vorstadt Wieden; War schon die Hofburg damals „von schlechtem Ansehen“, die Zimmer niedrig und eng, die Treppen finster, die Einrichtung von einer Be scheidenheit, über die sich alle, die Versailles kannten, nicht genug wundern konnten, so blieben die Lustschlösser vollends hinter allen Ansprüchen eines verwöhnten Geschmackes zurück. „Die Favorite ähnelt einem Kapuzinerkloster,“ schreibt Pöllnitz, „Laxenburg ist aber noch darunter.“ Die Tageseinteilung der Stunden war nicht weniger gewissenhaft geregelt als die Jahreseinteilung der Monate. Pöllnitz, der 1719 in Wien war, schildert, wie Karl seinen Tag zubrachte. Er schreibt:

„Sobald er aufgestanden ist, läßt er sich ankleiden. Er liest dann einige Depeschen, gibt einem der Minister Audienz oder wohnt dem Conseil bei. Dann geht er in die Messe, entweder in der Kapelle oder bei Festtagen in einer Kirche. Nach der Messe kehrt er in sein Appartement zurück und hält sich in dem sog. Retiro bis zum Diner auf. Sobald angerichtet ist, meldet es der Oberkammerherr dem Kaiser, der mit der Kaiserin, die von allen Damen begleitet ist, sich zur Tafel begibt. Ein Kammerherr oder der Obersilberkämmerer präsentiert den kaiserlichen Majestäten das Waschwasser, darauf setzen sie sich in ihre Fauteuils. Es hat mir geschienen, als wenn der kaiserliche Tisch nicht sehr geschmackvoll serviert sei: die Vaisselle ist alt und alle Schüsseln werden ohne Symmetrie aufgestellt. Jede der Majestäten hatte ihre besonderen Schüsseln, daher werden sehr kleine Schüsseln aufgetragen, ich habe übrigens selbst auf der ‚Fafel nur fünf bis sechs Suppenlöffel gesehen. Sobald der Kaiser sich gesetzt hat, bedeckt er sich. Ein Kammerherr präsentiert den Trunk, beide Majestäten trinken gegenseitig auf ihre Gesundheit. Dann nähern sich der Obersthofmeister, der Oberkammerherr, der Oberststallmeister und der Capitain der Garde, um die Befehle des Kaisers wegen des Nachmittags zu empfangen; dasselbe tun die Ehrendamen und die Offiziere der Kaiserin. Darauf zieht sich alles zurück. Das Mittagsmahl währt selten länger als eine Stunde. Die Majestäten bleiben an der Tafel, bis alles, selbst das Tischtuch, abgeräumt ist, es wird dann ein anderes aufgelegt, darauf stellt der Obersilberkämmerer eine Schüssel und eine Gießkanne von Vermeil zum Waschen. Der Oberkammerherr präsentiert dem Kaiser die Serviette, die Ehrendame der Kaiserin. Hierauf ziehen sich die kaiserlichen Majestäten in ihre Retiraden zurück.“

„Des Nachmittags fahren Kaiser und Kaiserin öfters auf die Jagd oder zum Scheibenschießen. Sobald der Kaiser von da zurück ist, gibt er denen Audienz, die durch den Oberkammerherrn darum haben bitten lassen. Diese Audienzen sind ohne Zeremonien, der Kammerherr vom Dienst führt ein. Der Kaiser steht bedeckten Hauptes an einen Tisch gelehnt, über ihm ist ein Baldachin und ein Fauteuil steht ihm zur Seite. Beim Kommen und Gehen werden die üblichen drei Kniebeugungen gemacht. Ebenso finden die Audienzen bei der Kaiserin statt: eine der Hurendamen wohnt in gehöriger Entfernung, daß sie nicht hören kann, was gesprochen wird, bei und der Oberhofmeister bleibt in der Antichambre an der Türe.“

,,Bei diesen Audienzen hat sich am Wiener Hofe ein auffallender Mißbrauch eingeschlichen. Den Tag darauf finden sich die Bedienten des Oberkammerherrn und Obersthofmeisters ein und verlangen eine Belohnung, ja man bestimmt sogai die Höhe derselben. Auch die Trabanten und Schweizer finden sich ein, um zu einem glücklichen Erfolg zu gratulieren und ein Trinkgeld zu lucrieren.“

„Nach Beendigung der Audienzen begibt sich die Kaiserin in ihr sog. Spiegelzimmer. Hier findet sie die Damen, die ihr eine nach der andern die Hand küssen, und die Kaiserin setzt sich mit ihnen zum Spiel: sie sitzen ohne allen Rangunter-schied um den Tisch. Hierbei findet niemand Zutritt als der Kaiser, die Prinzen der kaiserlichen Familie, der Oberkammerherr und der Obersthofmeister.“

„Noch besteht in Wien ein Gebrauch, der von dem aller andern europäischen Höfe abweicht. Es gibt keine bestimmten Tage für die Appartements und Zirkel, sondern die Damen schicken zur Ehrendame der Kaiserin, um anzufragen, ob sie auf«arten dürfen und kommen dann zu der ihnen angesagten Stunde.“

„Um die Zeit des Soupers kommt der Kaiser zur Kaiserin, dann hört das Spiel auf. Die Kaiserin steht auf, und die Damen, die nicht zum Souper bleiben dürfen, küssen ihr die Hand. Das Souper ist ganz so wie das Diner, nur findet es jederzeit in den Appartements der Kaiserin statt. Die Tafel wird nur durch zwei Kerzen erleuchtet,-die man drei- oder viermal wegnimmt; eine der Ehrenfräulein verrichtet diese Funktion. Wenn sie das Licht wegnimmt, macht sie vorher eine tiefe Verbeugung und gibt es dann dem SiIberkämmerer, um es zu putzen; mit einer zweiten Verbeugung stellt sie es wieder auf den Tisch. Nach Beendigung des Soupers wird den Majestäten das Waschwasser präsentiert, die Oberhofmeisterin oder eine Ehrendame reicht dem Kaiser die Serviette und ein Ehrenfräulein mit dem goldnen Schlüssel der Kaiserin. Wenn die Erzherzoginnen mit den Majestäten speisten, wurde ihnen Waschwasser in derselben Schüssel, in der der Kaiser sich gewaschen hatte, präsentiert, ein Ehrenfräulein überreichte ihnen die Serviette. Sobald der Kaiser sich von der Tafel erhob, präsentierten ihm die beiden ältesten Erzherzoginnen den Hut und der Kaiserin Fächer und Handschuhe; in ihrer Abwesenheit hatten eine Ehrendame und ein Ehrenfräulein mit dem goldnen Schlüssel diese Funktion. Darauf küssen die Damen, die stehend dem Souper beigewohnt haben, der Kaiserin die Hand, während der Kaiser sich vom Speisesaal in das Spiegelzimmer begibt. Sobald beide Majestäten hier angelangt sind, zieht sich alles zurück.“

Wie alles seine Zeit und Stunde, so hatte auch jedes Vergnügen seine Form. „Alles geht mit einem gravitätischen Ernst und strengster Förmlichkeit zu,“ bemerkt Lady Montague, „in dem Zimmer, in dem die Kaiserin sich zum Spiel setzt, befindet sich außer dem Obersthofmeister und dem Kaiser kein Herr. Der Kaiser spricht nur mit der Kaiserin und keiner andern Dame.“ Bei Maskeraden tanzte die Kaiserin nur mit dem Kaiser. Das Spiel bei Hofe war nicht sehr aufregend, da Hazard verboten war; Karl VI. spielte nur L’hombre, den Point zu 1 fl., dagegen liebte er Billard. Im Karneval waren das Haupt vergnügen die Wirtschaften und Schlittenfahrten. Eine „Wirtschaft“ war eine Art Kostümfest, die im 17. Jahrh. aufgekommen war und den in die Etikette ängstlich eingeschnürten Herrschaften einmal einige Stunden etwas größere Freiheit verstatten sollte. Kaiser und Kaiserin spielten dabei Wirt und Wirtin, Herren und Damen erschienen paarweise in Kostümen. die jedem Paar vorgeschrieben wurden. Der Kavalier mußte seiner Dame, die ihm durch das Los bestimmt wurde, die Kleider auf seine Kosten machen lassen, was oft 3000 fl. Unkosten verursachte. Daher war nach Keyßlers Erfahrungen der Zudrang zu den „Wirtschaften“ recht gering, und der Kaiser mußte Befehle erlassen, sich zu beteiligen. „Bei dieser Gelegenheit,“ schreibt Küchelbecker, „nun geht es insgemein recht lustig zu und gehen Kay. Maj. als Wirt denen Gästen mit einer guten Exenipel voran, indem sie sich von Anfang bis zu Ende mit Tanzen lustig und vergnügt bezeigen.“ Bei den Schlittenfahrten pflegte der Kaiser nur zuzusehen; meist mußte der Schnee dazu erst in die Stadt gebracht werden. Eine Schlittenausstattung konnte dem Herrn, der den Schlitten führte, auf einige tausend Gulden zu stehen kommen, war also auch ein recht kostspieliges Vergnügen. Am Jakobitag begann das Scheibenschießen in der Favorite, zu dem der Kaiser Gewinne aus Silber machen ließ, die Träger der zwei Hauptgewinne mußten das folgende Schießen geben, dessen Kosten sich gewöhnlich auf 2000 fl. beliefen.

Ein Haupt vergnügen Karls VI. war die Jagd. Er hatte 1732 dabei das Unglück, in Böhmen den Fürsten Schwarzenberg zu erschießen, was man ihm aber verheimlicht haben soll. Ging der Kaiser auf die Jagd und blieb über Mittag aus, so kostete das 3000 fl. am Tag; nahm er dazu bei größeren Entfernungen Postpferde, so erhöhten sich die Unkosten um weitere  1000 Tlr.

Die Kaiserin Elisabeth war eine Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, eine berühmte Schönheit, mit der Karl seit 1708 vermählt war. Sie wurde dem damals in Barcelona weilenden Erzherzog zugeführt und hatte das Unglück, kurz vor der ersten Zusammenkunft mit ihrem Gatten so von Moskitos gestochen zu werden, daß sie wenigstens für den Augenblick völlig unkenntlich wurde. Man griff zu dem Hilfsmittel, die Geschwulst durch die Anwendung scharfer Säuren zu vertreiben, was zwar schnell half, die Prinzessin aber nie wieder zu der ganzen Schönheit ihres Teints kommen ließ. Lady Montague allerdings, die 1717 in Wien war, äußert sich ganz bezaubert von der Kaiserin. „Ihr Teint ist der schönste den ich je sah,“ schreibt sie, „Nase und Stirn sind wohlgebaut, ihr Mund von hinreißendem Liebreiz. Wenn sie lächelt, zwingt ihre Schönheit und Sanftmut zur Anbetung. Sie hat überreiches, schönes aschblondes Haar.‘ Und nun erst ihre Gestalt! Man muß poetisch werden, wenn man ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Vollendet ist die Schönheit ihrer Büste und ihrer Hände.“ Die alltägliche Wahrheit, daß die Zeit auch an den größten Schönheiten nicht spurlos vorüberzugehen pflegt, mußte auch die Kaiserin an sich erleben. Als Pöllnitz sie kennen lernte, nicht lange nachdem Lady Montague ihren Panegyrikus geschrieben hatte, fand er sie recht stark und den so berühmt schönen Teint schon etwas kupfrig. Das Verhältnis zwischen den Gatten soll sehr freundschaftlich gewesen sein, das Vorhandensein einer gleichsam offiziellen Mätresse tat dem keinen Eintrag. Diese Dame war die Prinzessin Marianne Pignatelli, eine Spanierin, die 1709 den Oberstallmeister Grafen Althann heiratete und dem Monarchen nach Wien folgte. Er blieb der „spanischen Althann“ sein lebenlang gewogen; ihre Beziehungen wurden der offiziellen Etikette gleichsam eingegliedert, der Kaiser und die Dame seines Herzens sahen sich täglich zu ganz bestimmter Stunde. Karl VI. starb an den Folgen einer Indigestion, erst 55 Jahr alt, im Oktober 1740 und hinterließ keinen männlichen Erben. Er hatte zwar einen Sohn, aber die Dummheit oder Bosheit der Höflinge brachte ihn um, indem sie darauf drangen, daß er zu früh entwöhnt werde. „Erzherzog Leopold muß sterben, woran kein Müllerskind sterben würde“, schrieb damals Lieselotte in ihrer gerechten Empörung; so hinterließ er seine Länder der ältesten Tochter, der Erzherzogin Maria Theresia. Am 13. Mai 1717 geboren, war sie seit 1736 mit dem Herzog Franz von Lothringen vermählt, den die Großmächte gezwungen hatten, sein väterliches Stammland aufzugeben und dafür Toskana mit dem großherzoglichen Titel einzutauschen. Von ihrer Mutter hatte die junge Erzherzogin die Schönheit geerbt. Sie war groß, schlank, von vollendeter Anmut, Büste, Arme und Hände von einer Vollkommenheit, die Graf Podewils in seinen Gesandtschaftsberichten an Friedrich II. besonders hervorhebt. Das Haar war blond, die Augen hellgrau, der Teint so zart und frisch, wie einst der ihrer Mutter, das entstellende Erbteil ihrer Rasse, die habsburgische Unterlippe, fehlte ihr. Was ihr aber alle Herzen gewann, das war ihr Temperament, das liebenswürdig und lebenswarm sich in einer feurigen Sprache und rascher, entschiedener Ausdrucksweise Luft machte und aller Etikette zum Trotz die angeborene frohe Natürlichkeit des ursprünglichen Wesens nie verleugnete. So konnte es Maria Theresia passieren, daß sie 1741 nach der Krönung in Preßburg bei dem Festmahl die schwere Stephanskrone, die sie drückte, einfach abnahm und vor sich auf den Tisch stellte. Dazu hatte die Natur ihr einen Charakter gegeben, den die Zeitgenossen als männlich bewunderten. Von sicherer Festigkeit und zäher Ausdauer, nie entmutigt, wußte sie, was sie wollte, und war nie darüber im Zweifel, wie sie es wollte. Die weiblich kluge Art, mit den Menschen umzugehen, die ihr eigen war, riß fort und fesselte, denn sie besaß in hervorragendem Maße die Gabe, an sich glauben zu machen. „Der Erfolg ihres Wirkens, das Glück, das sie einflößte,“ schreibt Adam Wolf, „ruhte großenteils aut der sittlichen und geistigen Größe ihres. Willens, in der Festigkeit ihres Charakters, in dem Wohlwollen, das von ihr ausging, sowie darin, daß sie Gnade und Recht am rechten Ort und zu rechter Zeit übte.“ Wenn die K. K. Erblande nach dem Tode Karls VI. nicht auseinanderfielen und nicht die Beute all der gierigen Hände wurden, die sich nach ihnen ausstreckten, so liegt das Verdienst einzig bei der jungen Fürstin, die den Mut nicht verlor, und auch den Kleinmut und die Gleichgültigkeit ihrer engeren und weiteren Umgebung zu besiegen wußte. Die Wiener fanden sich willig mit dem Gedanken ab, nun an Bayern zu fallen; in Linz huldigte Vorderösterreich dem bayerischen Kurfürsten, den die Böhmen sogleich zum König krönten; Maria Theresia aber verlor den Glauben an ihre Sache nicht und wußte ihn andern einzuflößen. Österreich stand und fiel mit ihr und sie hat es gehalten. Sie war zum Herrschen geboren und brachte für ihren Beruf eine Pflichttreue mit, die nur wenige ihrer gekrönten Kollegen in-der damaligen Zeit besaßen. Sie las alle Staatsakten und das mit einer Geduld, die bei dem schleppenden Stil dieser Schriften und ihrem barbarischen Sprachgemisch zu bewundern ist. [Die Noten, die sie zu den Texten machte, zeigen die praktische Umsicht der Frau und treffen immer den springenden Punkt.

Das Leben des Wiener Hofes empfing von einer solchen Frau neue und frische Impulse, wie denn Fürst Khevenhüller schon 1743 schreibt: (MariaTheresia) „pflegt Excursiones wegen Wind und Wetters nicht leichtlich zu ändern, sonderlich da der liebe Gott sie mit einer für eine Frauensperson recht verwunderlichen Leichtigkeit, denen Fatiguen zu widerstehen, begabt hat, worin sie es vielen Männern weit bevortut.“ In der Tat bestimmte sie den Ton und erst in zweiter Reihe ihr Mann. Allerdings war daran auch die eigentümliche staatsrechtliche Stellung des Ehepaares Schuld. Fünf Jahre lang, bis 1745. war Maria Theresia Königin von Ungarn und Königin von Böhmen und ihr Gatte nur Großherzog von Toskana; auch als er zum Römischen Kaiser gewählt worden war, blieb er in Wien nichts als der Mann seiner Frau. Wenn diese Umstände schon die Bedeutung von Mann und Frau in der Ehe und bei Hofe seltsam verschoben, so kam das Naturell des Ehemannes hinzu, um das Übergewicht der Frau vollends zu sichern. Franz I. war,trotzdem ersieh schlecht hielt, ein schöner Mann und die Ehe wenigstens von seiten MariaTheresiaseineganz ausgesprochene Neigungsheirat. Er war sanft und gutmütig und verglichen mit seiner Frau beinahe temperamentlos. Fürst Khevenhüller, der ein Menschenalter in seiner intimen Umgebung gelebt hat, ihn also wohl kennen konnte, entwirft nach dem Tode des Kaisers in seinem Tagebuch ein Charakterbild des Monarchen, das ihm anscheinend gerecht wird. Er schreibt: „Jedermann hatte den verstorbenen Herrn wegen seiner Ehrlichkeit, leutseligen Umgangs und als einen guten Haushalter ge-ehret und geliebet. .Man war mit der Idee und für ihn sehr schmeichelhaften Meinung fast familiär geworden, daß ohne seiner die Verwirrung in uni verso viel größer geworden wäre… wie es auch in der Tat zumalen die ersteren Regierungsjahre lediglich von ihm dependieret hat, das Steuerruder vollkommen in Händen zu haben. Allein nebst deine, daß er von Natur nicht sehr arbeitsam, dann langsam und unentschlossen war, fehlete es ihm auch an der nötigen Fcrmetö, um denen immer zu hitzig ausbrechenden Vivacit^s seiner Gemahlin den gehörigen Widerstand zu leisten.“ Der Kaiser besaß Welt- und Menschenkenntnis, aber er war zu bequem, um sie im Dienst der Regierung seiner Frau anzuwenden; er begnügte sich, sein Großherzogtum aus der Ferne zu verwalten und sein Interesse für die Geschäfte durch Handelsspekulationen zu betätigen. Es heißt, er habe an Privatbesitz 159 Millionen fl. hinterlassen, die sein Sohn Josef zur Tilgung der Staatsschulden verwandte. Im Umgang war Franz I. höflich, aber zurückhaltend, Fremden gegenüber beinahe verlegen, während er sich in der Intimität so gehen ließ, daß der Respekt darunter litt. Seine Erziehung, die in Wien stattgefunden hatte, war so vernachlässigt, daß er weder die französische noch die deutsche Sprache fehlerfrei beherrschte, aber er verdeckte die Mängel seiner Bildung durch ein heiteres und natürliches Wesen, das trefflich mit dem seiner Gattin harmonierte. Er liebte Vergnügen und Zerstreuung, und durch seinen Einfluß kam ein etwas freieres Element in das Leben des Hofes.

Seiner Neigung für das schöne Geschlecht stand freilich die Eifersucht der Kaiserin hindernd im Wege, sie ließ ihn überwachen und ausspionieren, und es hat in ihrer Ehe nicht an häuslichen Stürmen gefehlt. Das hat nicht gehindert, daß der Kaiser nicht doch seine parties fines mit Damen gehabt hätte; sein Bruder, Prinz Karl von Lothringen, als Feldherr gegen Friedrich den Großen nicht grade rühmlich bekannt, wußte sie ihm zu verschaffen. Die Gräfinnen Colloredo, Palffy und andere Damen gehörten zu diesem intimen Kreise, in den letzten Jahren die Fürstin Maria Wilhelmine Auersperg, geb. Gräfin Neipperg, die schön, sanft und heiter, von dem Kaiser stark ausgezeichnet wurde. Maria Theresia verfolgte sie deswegen mit Eifersucht; als sie aber das erstemal nach des Kaisers Tode die Hofgesellschaft empfing und bemerkte, wie alle die Fürstin sichtlich mieden, so daß diese ganz allein stand, siegte doch ihr gutes Herz, sie schritt auf sie zu, reichte ihr die Hand und sagte: „Fürstin, wir haben viel verloren.“

Hatte Karl VI. die Favorite bevorzugt, so erwählte Maria Theresia sich dagegen Schönbrunn zu ihrem Lieblingsaufenthalt. Sie ließ das Schloß, das schon Kaiser Josef I. begonnen hatte, ausbauen und richtete sich stets ein, so lang als möglich draußen zu bleiben; aber während sie ihren Aufenthalt dort gern hinausschob, war ihr Gefolge sehr wenig zufrieden damit und seufzte, wie Khevenhüller schreibt, nach der Rückkehr in die Stadt. Man fand das Schloß kalt und ungesund, aber diese Eigenschaften machten es der Kaiserin grade sympathisch. Maria Theresia war so vollblütig, daß sie es in geschlossenen Räumen nur dann aushielt, wenn alle Fenster weit geöffnet waren. Das war eine Angewöhnung, die für ihre Umgebung nicht grade sehr angenehm sein konnte, von der aber nur zugunsten des Fürsten Kaunitz, der offene Fenster haßte, abgewichen wurde. Laxenburg gehörte nach wie vor zu den Lustschlössern, die der Hof in regelmäßiger Wiederkehr alle Jahre zu besuchen pflegte, denn Franz L, der ein großer. Liebhaber der Jagd war, übte auch die Reiherbeize weiter. Die Gesellschaft, die das Kaiserpaar dorthin begleiten durfte, wurde jedes Jahr bestimmt; die Trautson, Khevenhiller, Kinsky, Clary, Liechtenstein, Trauttmannsdorff gehörten regelmäßig dazu, während die Kaiserin die Damen, die den Kaiser besonders zu fesseln verständen, ausschloß. Von Laxenburg aus pflegte der Hof den benachbarten Adel zu besuchen, Graf Quinquin Esterhazy in Inzersdorf, Graf Rudolf Colloredo in Fehsendorf, Fürst Liechtenstein in Feldsperg, Graf Königsegg in Maria-Lanzersdorf, Fürstin Trautson in Goldegg, Fürst Batthiany in Trauttmannsdorf, und da fehlte es nie an allerhand Scherz. Einmal will der Kaiser den Grafen St. Julien überraschen, und damit dieser glaubt, die Kaiserin sei mit von der Partie, so wird der Probst von Nicolspurg als Dame angezogen, wozu die Kaiserin ihre Kleider leiht und die Überraschunggelingt denn auch ganz nach Wunsch. Ein andermal begibt sich der Hof von Laxenburg nach Alannersdorf, um das Bad zu besehen, „mußten (sich alle mitgekommenen Da-mes und Cavaliers in dem dortigen Bad zugleich baden, pour voir leur Contenance,“ die Kaiserin aber schautenurzu. 1747gingen beide Majestäten mit kleinem Gefolge nach Baden, das die Kaiserin bis dahin noch nie besucht hatte.

Auch in Schönbrunn wurde von der bisherigen Etikette manches fallen gelassen; „um Dispute zu vermeiden,“ schreibt Khe-venhiller, „setzte sich alles pele-mele.“ Man begann auch in Schönbrunn „an der neu verfertigten Machine Taffl oder table de conspiration zu speisen, wegen des üblen Klanges wurde sie aber table d’union jgeheißen,“ wobei niemand aufwartet, damit die Gäste desto freier unter sich sprechen können. Da der Kaiser zur Melancholie inclinieret, hat er -beständigen Umgang von Leuten nötig, die ihn unterhalten und aufmuntern. So zieht er von Schönbrunn mit kleiner Gesellschaft zu Fuß nach Hetzendorf- und begegnet unterwegs dem „Aufzug des Grafen St. Julien, der den Prinzen de Ligne^als Dame verkleidet bei sich hat und seine Kuchelleute in weißen Camisölen mit Kochlöffeln bewaffnet, zu seinem Schutz dabei.“ Einmal hat Franz I. sich „eine artige Sur-prise für die Kaiserin“ ausgedacht. Es werden ihr 12 Paar Herren und Damen aus Brünn gemeldet, die ihre Aufwartung machen wollen. Sie treten ein und sind alle sehr wohl und nach der neuesten Mode gekleidet, trotzdem haftet ihnen .etwas Seltsames und Groteskes in Gestalt und Gebärden an, das sich keiner erklären kann, bis sich herausstellt, daß es hannakische Bauern und Bäuerinnen sind. „Nichts lächerlicher als selbe hannakisch herum danzen zu sehen.“

Während des Winters blieb die Hofburg die Residenz des Kaiserpaares, trotzdem sie weder bequem noch glanzvoll war.- Maria Theresia pflegte dann Sonntags vor der Kirche öffentliche Audienz zu erteilen, Dienstag und Freitag war Appartement, d. h. Empfang bei Hofe, extraordinarie aber war die Kaiserin alle Sonntag, Mittwoch und Samstag bei der Obristhofmeisterin sichtbar, es durften aber nur diejenigen Personen sie dort sehen, die den obersten Hofzutritt hatten. Die Kaiserin ritt und tanzte leidenschaftlich gern. „Seitdem Maria Theresia eine solche Passion für das Reiten gezeigt,“ schreibt Khevenhiller, „hatten unsere Weiber die Rage, ihr nachzuahmen. Anfänglich, wann ein Weib daher geritten gekommen, ihr fast alle Kinder auf der Gassen als seltsamem nachgeloffen, zuletzt daran gewöhnen, da man fast mehr Weiber als Männer herumreiten sieht.“ Da gab es dann in der großen Reitbahn Frauen-Karussels, bei denen sich, wie unser Gewährsmann behauptet, „jedermann verwundert, daß alles ordentlich und ohne widrigen Zustoß abgeloffen.“ Solange die Kaiserin jung war, tanzte sie, sobald sich nur irgend die Gelegenheit dazu bot, nicht nur in der Burg, sondern auch in den öffentlichen Lokalen, die es damals in Wien gab, dem Ballhaus und der Mehlgrube. Diese letztere war eine Domäne des höchsten Adels, wo für den Zutritt eine gewisse Anzahl von Ahnen nachzuweisen war, man nannte daher die Bälle spöttisch die „Ahnenbälle“. Bei den Maskenbällen des Hofes durfte nur der hohe Adel mit Maske tanzen, der sogenannte Halbadel mußte sich demaskieren. Die Kaiserin tanzte auf diesen Bällen im weißen Domino; einmal, im Jahr 1742, erschien sie in einer Quadrille „aus besonderer Finesse für die böhmische Nation“ mit einer Gesellschaft von Herren und Damen in böhmischer Bauernkleidung. 1753 besuchte sie, um nicht erkannt zu werden, die Redoute in schwarzem Domino und nimmt, um die Gäste irre zu führen, als Begleiter einen taubstummen Knaben von der Größe des Erzherzogs Josef mit. 1744 wird eine Maskerade bei Hofe veranstaltet, bei der 33 Paar Harlekins und Harlekinetten erscheinen. Die Harlekinetten sitzen in einem fast ganz dunkeln Zimmer umher, die Harlekins gehen nach dem Los hinein und müssen auf gut Glück, ohne zu wählen, die erste nehmen, die sie erwischen. Graf Schlick hatte das Glück, Maria Theresia als Partnerin zu erhalten. Die ganze Gesellschaft zieht dann miteinander ins Ballhaus und fahren von da aus noch in die Mehlgrube. Dabei hätte die Kaiserin, wie Podewils 1747 nach Berlin meldete, am liebsten alle Galanterie an ihrem Hofe verbannt. „Sie war so rigoros, daß man der geringsten Ungebühr wegen die Mascheren nicht allein sogleich weggeschafft, sondern sogar in Arrest legen lassen,“ bemerkt Khevenhiller 1748. Wunderlich erscheint heute, daß die kaiserlichen Kinder schon in zartem Alter.. Erzherzog Joseph z. B. schon mit sieben Jahren, auf allen Hofbällen unter den Erwachsenen mit tanzen. Daneben haben sie noch besondere Kinderbälle gehabt, einmal erschienen s{e dabei alle als Schachfiguren, ein andermal als Musen und die Herren als dazu passende Genien, ein drittesmal als Blumen, Erzherzogin Maria Anna als Tulpe, Erzherzogin Maria als Sonnenblume; Graf Saint Julien veranstaltete ein Kinderfest, zu dem alle als Pierrots und Pierretten kommen, das älteste Kind nicht über vier Jahr alt.

Einen breiten Raum Kaiserin Maria Theresia als Witwe nimmt das Spiel ein, das immer und überall der eigentliche Mittelpunkt aller Zerstreuungen bleibt. Man macht z. B. eine Schlittenfahrt nach Schönbrunn, steigt aus, spielt und fährt zurück; man fährt im Sommer auf das Land, dorf sind Lauben und Zelte aufgeschlagen; man setzt sich, spielt und fährt wieder dahin, woher man gekommen; kurz, ohne die Karten wäre man verkauft und verraten gewesen. Man spielt L’hombre, Landsknecht, Quindici, Komet und selbstverständlich hoch; Khevcnhiller beschwert sich, an den Prinzen Karl von Lothringen im Pharao 6000 Dukaten verloren zu haben. Dieser Verlust war nicht einmal sehr hoch; die schon genannte Fürstin Auersperg verlor ihre ganze Mitgift im Betrage von 12000 Pfd. Sterling im ersten Winter nach ihrer Hochzeit, und der Kaiser selbst verlor 1756 im Pharao 30000 Dukaten. Maria Theresia spielte

selbst gern und hoch; 1764 kam es zu Mißhelligkeiten und diplomatischen Verwickelungen ihrer Spielpartie wegen. Die Gattinnen des französischen und des englischen Botschafters stritten miteinander um den Vorrang und wollten nicht leiden, daß die Kaiserin beim Geben der Karten eine von ihnen dadurch bevorzuge, daß sie ihr eher die Karten gäbe als der andern. Die Kaiserin mußte sich zum Pharao entschließen, bei dem sie die Karten nicht zu geben hatte, um dieser Quälereien überhoben zu sein.

Nach wie vor beging man bei Hof die Eheschließungen der Hofdamen, indem die Kaiserin ihnen die Hochzeit ausrichtete. Dazu wurden sie überreich mit Juwelen geputzt, die sie aber nach der Festlichkeit zurückgeben mußten. Dem Bräutigam kam eine solche Hochzeit teuer zu stehen; man veranschlagte die Unkosten, die ihm entstanden, auf 20000 fl. Das Kaiserpaar war so leutselig, daß es auch die goldene Hochzeit des Kammerheizers Artner, bei der das Jubelpaar mit 30 Nachkommen aufzog, mit seinem Erscheinen beehrte. Für Kaiser Franz war es ein ganz besonderes Vergnügen, Hochzeiten zu besuchen und Braut und Bräutigam durch kräftige Späße in Verlegenheit zu bringen.‘ „Sonst,“ bemerkt Khevenhiller, „tut der Kaiser sich nicht gern genieren und ist kein Liebhaber von großen Zusammenkünften, wie er denn ah Appartementstägen zur Sommerszeit auf die Jagd zu gehen und Winters Billard zu spielen pfleget.“ Er liebte substantiellere Genüsse als große Empfänge sind, und huldigte diesen am liebsten in kleinem Kreise. „Die Stund an derTaffel ist dem Kaiser die liebste, er auch die Souper-Zeit nach Möglichkeit zu verlängern sucht und meistenteils noch nach aufgehobener Taffel eine Stund und mehr, stehender, im Diskurs zuzubringen und hierbei vornehmlich selber die Sprach zu führen und verschiedene alte Historien zu wiederholen pfleget.“

Die Freude an der Musik blieb ein Erbteil der Lothringer von ihrer habsburgischen Mutter und anscheinend auch die Begabung im Ausüben. 1759 produzierten sich die sämtlichen jungen Herrschaften in einem Konzert. Erzherzog Ferdinand schlug die Pauke, Erzherzogin Antonia sang ein französisches Lied, die übrigen italienische Arien, Erzherzog Karl trug ein Konzert auf der Violine vor, Erzherzog Joseph spielte Violoncell, und die Erzherzoginnen Maria Anna’und Maria „schlugen auf dem Clavier Concerti“. 1765 wurde bei Hofe eine Operette aufgeführt: „ll Parnasso confuso“ von Metastasio, Musik von Gluck, in der nur die kaiserlichen Kinder mitwirkten. Erzherzog Leopold schlug das Klavier und dirigierte das Orchester, vier Erzherzoginnen spielten und zwei Erzherzoge und zwei Erzherzoginnen tanzten das eingelegte kleine Ballett.

Das große Projekt des Graten Sylva Tarouca, an Stelle der alten winkeligen Hofburg ein neues kaiserliches Schloß zu bauen, das unter Einbeziehung des Belvedere und des Fürstlich Schwarzenbergschen Sommerpalastes einen Prachtbau abgegeben haben würde, hat Maria Theresia nicht verwirklicht, sie brachte ihre baulichen Intentionen in Schönbrunn zur Geltung, aber sie hat sonst nichts gespart, um den Glanz ihres Hofes zu erhöhen. Das massiv goldene Tafelservice, das sie herstellen ließ, ist ein Beweis dafür. Es wog 41/2 Zentner und kostete 1% Millionen Gulden. Das große Mittelstück war % Elle hoch und mit 68 Blumen aüs Porzellan verziert. Sie wandte 300000 fl. an die Neueinrichtung des Schlosses in Preßburg, weil sie sich schmeichelte, „hierdurch die Nation zu’leichterer und geschwinderer Verwilligung der neuen Postulate zu vermögen“. Diese Erwartung, der Khevenhiller Worte verleiht, schlug allerdings fehl, das Beispiel aber, das die Kaiserin durch ihre Prachtliebe gab, wirkte auf ihre Umgebung zurück. Als der Hof den Grafen Rudolf Chotek besucht, um bei ihm zu speisen, läßt dieser Austern, Krebse und Fische mit Staffetten aus Triest kommen, wozu eisgefüllte Kästen eigens erfunden werden. Berühmt waren die Feste, die Prinz Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen in Schloßhof im Jahre 1754 veranstaltete. Da gab es Oper, Jagd, Scheibenschießen, Ball, Feuerwerk und dazu Veranstaltungen ganz besonderer Art, die Dittersdorf in seiner Lebensbeschreibung ausführlich geschildert hat. Die Majestäten ließen 600 Stück von dem ein-gefangenen Wild frei und ergötzten sich an einem Wasserkarussell. Man hatte in einem Weiher Postamente errichtet, auf denen verschiedene Tiere angekettet waren. Zwei Bären als Pan-talons angezogen, zwei wilde Sauen als Kolombinen, zwei große Ziegenböcke als Harlekins, schließlich zwei große Bullenbeißer. Diese Tiere wurden geneckt, mit Wasser bespritzt und erschreckt. Dann öffneten sich die Postamente, die voller Enten, Gänse und Schwäne waren und indem sie schnatternd und kreischend herausfuhren, brummten, grunzten, meckerten, bellten und heulten die übrigen Tiere, was nach Dittersdorf den Höhepunkt des Vergnügens bildete. Außerdem gab es noch ein Schlaraffenland, das von Bauernburschen und Mädchen dargestellt wurde. Der Aufenthalt fand in so hohem Grade den Beifall des Kaiserpaares, daß Maria Theresia im nächsten Jahre die Besitzung kaufte und dem Kaiser zum Geschenk machte.

Wenn die hohen Stellungen des Hofes und der Regierung dem alten Adel Vorbehalten blieben, so wurde von diesem dafür auch ein Aufwand verlangt, der schon mehr als standesgemäß war, denn viele haben sich dadurch ruiniert. Fürst Kheven-hiller muß 1745 als Wahlbotschafter nach Frankfurt gehen und setzt dabei sein gesamtes väterliches Vermögen zu; dessenungeachtet muß er im Jahre darauf der Kaiserin 20000fl. bar vorstrecken, damit die Armee in Italien bezahlt werden kann. Fanden sich die Majestäten bei ihren Besuchen nichtgenuggefeiert, so setzte es lange Gesichter; als der Hof z. B. 1755 den Fürsten Kaunitz auf seinem Schlosse Austerlitz besuchte, fühlten sich alle geniert und gelangweilt, um so mehr weil der Fürst sich gar keinen Zwang antat, sondern sich in all seinen Wunderlichkeiten vollkommen gehen ließ.

Niemand durfte die Schüsseln anrühren, die vorseinem Platze standen; war er mit Essen fertig, so putzte er sich bei Tisch umständlich die Zähne; in seinen Ausdrücken legte er es gradezu darauf ab, durch Grobheit zu verblüffen usw. „Es ist zu bedauern,“ schreibt Khevenhiller, „daß er bei seiner so schärften Einsicht sich deren kleinen ridicules nicht entschlagen kann, welche doch mit einem so vasten und reiften Verstand wie der seinige fast incompatible erscheinen.“

Der Hofstaat der Kaiserin umfaßte 2400 Personen und kostete im Jahr 4% Millionen Gulden. Am nächsten stand ihr von allen Mitgliedern desselben die Gräfin Fuchs, geb. Gräfin Mollart, die die Kaiserin erzogen hatte und deren Verlust sie nicht leicht verschmerzte. Man schrieb den Kammerfrauen und Vorleserinnen Maria Theresias aber auch einen großen Einfluß zu, z. B. Caroline von Hieronymus, die sich mit dem Rat Greiner verehelichte und die Mutter von Caroline Pichler wurde, die in ihren Erinnerungen mancherlei aus dem Hofleben ihrer Mutter erzählt; dann Josefa von Guttenberg u. a., von denen behauptet wird, daß sie den bigotten Zug, den die Kaiserin besaß, geschickt zu ihrem Vorteil auszunutzen verstanden hätten.

Von 1737 bis 1756 schenkte Maria Theresia ihrem Gatten 16 Kinder, von denen mehrere, wenn auch nicht zu ihrem Glück, die ersten Throne Europas bestiegen.

1755 erhielten die Erzherzoge und Erzherzoginnen den Titel „Königliche Hoheit“, während sie bis dahin nur „Durchlaucht“ tituliert worden waren. Die Biographen der Kaiserin rühmen die Sorgfalt, die sie der Erziehung dieser zahlreichen Nachkommenschaft widmete, man muß aber doch gestehen, daß diejenigen ihrer Kinder, die im Vordergründe des öffentlichen Interesses standen, wir denken z. B. an Marie Antoinette und Königin Caroline von Neapel, dieser Erziehung jedenfalls nur geringe Ehre gemacht haben. Allen eigenhändigen Instruktionen u. dgl. zum Trotz verstand Marie Antoinette, alssiemitt 5 Jahren Dauphine von Frankreich wurde, nicht einmal ordentlich französisch. Die Lieblingstochter der Kaiserin war die Erzherzogin Christine, die sie 1 766 mit dem Prinzen Albert von Sachsen vermählte. Sie schenkte dem jungen Paar das Herzogtum Teschen und stattete es fürstlich aus, um es als Statthalter nach Brüssel zu schicken. Der Herzog, der seine Gattin lange überlebte, ist der Stifter der berühmten Albertina in Wien.

Das Leben des Hofes erlitt eine starke Erschütterung durch den Tod des Kaisers Franz, der unvermutet am 18. August 1765 in Innsbruck, wo man die Vermählung des Erzherzog Leopold feierte, vom Schlage getroffen wurde. Im Übermaß ihres Schmerzes wollte die Kaiserin anfangs alles hinwerfen und sich vom-Hofe und von der Regierung völlig zurückziehen; es gelang indessen ihren Vertrauten, die dem neuen Herrn mit Furcht und Mißtrauen gegenüberstanden, ihr diesen Gedanken auszureden, und als der erste heftige Kummer vorüber war, siegten bei der Monarchin Lebenslust und Herrschbegierde. Sie regierte ihre Erblande weiter, und wenn sie auch ihren ältesten Sohn, den Kaiser Joseph II. zum Mitregenten ernannte, so blieb sie es doch, die das Zepter in der Hand behielt. Bei Hofe freilich wurde es stiller, die Kaiserin legte die Witwentrauer nicht wieder ab, und in ihrem Falle sprach da das Bedürfnis des Herzens sicher ebenso mit, wie die Vorschrift der Etikette. Sie ließ Wände und Möbel ihrer Zimmer aschgrau beziehen und spielte von nun an bei allen Festen des Hofes nur mehr die Zuschauerin, die sich an dem Glück der andern erfreut. So sah sie z. B. der Engländer Moore, der in den siebziger Jahren eine Maskerade‘ in Schönbrunn mitmachte. 4000 Billets waren ausgegeben worden und alle Hauptzimmer geöffnet. In drei Sälen im Erdgeschoß waren Tafeln mit kalter Küche aufgestellt, wo es Geflügel, Schinken,

Konfekt, Ananas und alle Sorten Früchte gab. Dazu wurden alter Hochheimer und Champagner ausgeschenkt. „Am Ende des großen Speisesaales,“ schreibt er, „befand sich ein erhöhter Sitz für die Kaiserin und einige Damen. Tänzer und Tänzerinnen trugen weißseidene Masken, die mit nelkenfarbigen Bändern besetzt waren und von einer erstaunlichen Menge von Diamanten strahlten. Die von ihren Kindern umringte Kaiserin war heiter und höchst vergnügt. Sie schien sich an der Munterkeit der Gesellschaft zu ergötzen und an ihrer Freude Anteil zu nehmen.“ In’ den Jahren, die dem Tode des Kaisers folgten, wurde die Familie Maria Theresias von Krankheit stark heimgesucht und eine Folge von Sterbefällen lichtete die Reihen der Erzherzoge und Erzherzoginnen. Die Blattern hielten noch ihre schreckliche Ernte und befielen 1767 die Kaiserin selbst. Als sie von ihrem Krankenlager wieder erstand, siegte auch sogleich die alte kräftige Lebenslust; es war ihr ein Haupt vergnügen, die Dankpfennige, die auf ihre Genesung geschlagen worden waren, mit eigner Hand aus den Fenstern ihrer Wohnung auszuwerfen und lachend zuzuschauen, wie sich das Volk darum balgte. Als sie die Nachricht erhielt, daß ihrem Sohn Leopold, dem Großherzog von Toskana, ein Sohn geboren worden sei, stürzte sie in ihrer freudigen Überraschung durch die Gänge der Burg in das Theater und rief aus der Hofloge in das gefüllte Haus: „Der Poldl hat an Buabn und grad zum Bindband (Angebinde) auf meinen Hochzeitstag, der ist galant!“

ln diesen Jahren der Witwenschaft verstärkte sich auch der Zug der Frömmigkeit bei ihr; der Engländer Wraxall behauptete, sie widme täglich mindestens fünf Stunden der Andacht, und wenn man den Stundenplan liest, den Maria Theresia sich selbst aufgezeichnet hat, so scheint diese Behauptung eher zu niedrig gegriffen, als zu hoch. Diese Niederschrift lautet: „Die Ordinaritäg halb sechs Uhr aufstehen, ankleideu, meßhören, geistliche Lesung, zwei Stund,.bis halb acht Uhr. Von Y>8 Uhr mit den Kabinettssekretären expedieren bis neun Uhr, von 9 bis 12 uhr minister audienzen. 12 uhr kinderfrauen, andre Sachen. 1 uhr tafel. Bis 3 uhr Unterhaltung oder ruhe. 3 uhr lesung todtenoffizium. 4 bis 6 uhr expedieren, schreiben oder audienzen. 6 uhr rosenkranz, von da bis 9 uhr schreiben, conversieren, spazieren, stille ainüsemcns, lesung, Sonntag audienz. Abendsi Damen.“ Eine so sichtbar zur Schau getragene Frömmigkeit der mächtigsten Person im Staat konnte nicht anders als die Nachahmung wecken. „Zu den Zeiten Maria Theresias,“ schreibt Friedrich Nicolai, „war es eine höchst nötige Vorsicht, daß angesehene Leute nicht nur zu einer gewissen Stunde, in einer gewissen Kirche, an einem gewissen Platze, an Sonn- und Feiertagen die Messe hörten, sondern auch, daß sie zu gewissen Zeiten einem gewissen Beichtvater beichteten, in Gegenwart gewisser Leute das Abendmahl nahmen, daß sie an Fasttagen in einem gewissen Gasthause, an einem gewissen Tische, in Gesellschaft gewisser Leute Fastenspeisen genossen, damit sie, im Falle sie wegen Unterlassungssünden angeklagt würden, mit Zeugen gerichtlich beweisen konnten, daß sie alles als gute echte Katholiken betrieben. Konnten sie es nicht, so fielen sie in Ungnade und verloren ihre Stelle.“ In dieser Zeit der zunehmenden Frömmigkeit wurde es bei Hofe immer weniger unterhaltend und besonders scheinen sich die jungen Erzherzoginnen über die Maßen gelangweilt zu haben, wenigstens gestand’die eine dem englischen Gesandten, der sie bedauerte, daß sie einer Geschwulst an der Backe wegen eine kleine Operation durchmachen müsse, sie betrachte dies Geschwür als eine willkommene Zerstreuung, eine andre habe sie ja nicht. Maria Theresia wurde im Alter ziemlich stark und litt zuletzt an der Wassersucht. Sie starb am 29. November 1780 im Alter von 64 Jahren, umgeben von ihrer Familie und fand ihre letzte Ruhestätte bei den Kapuzinern neben ihrem Gemahl. Der Wiener Pöbel begleitete ihre Leiche mit Jubel zu der Gruft; eine von der Regierung aufgelegte Tranksteuer hatte der Kaiserin die Popularität gekostet. Sie hat 40 Jahre regiert und überließ ihre Länder bei ihrem Tode einem Sohn und Erben, der schon seit Jahren den Augenblick herbeisehnte, der ihm endlich freie Hand lassen würde.

Josef 11. hatte mit Ungeduld die Machtlosigkeit ertragen, in die sein Vater sich mit so großer Fassung gefunden hatte; sein Tatendurst war ungemessen, sein Tätigkeitsfeld eng beschränkt. Seine Mutter hatte ihn zwar zum Mitregenten ernannt, aber sie überließ ihm wenig und ihre Neigung, ihm einen größeren Spielraum zu gewähren, schwand vor der Erkenntnis, daß er auch vor den kühnsten Neuerungen nicht zurückschrecken würde. Diese Überzeugung gewann sie schon durch sein Verhalten dem Hofe gegenüber. Als erstes strich er alle Galatage, die Klosterfahrten, Kirchgänge und die zeremoniösen Audienzen; dann schränkte er die Ausgaben des Hofhaltes bedeutend ein; den Hofdamen, die gewöhnt gewesen waren, mit sechs Pferden auszufahren, wurden nur noch zwei gestattet, der Hofstaat auf die Hälfte verringert und die Hofstäbe von sechs auf vier reduziert. Wenn die Reisen der Monarchen sonst Unsummen gekostet hatten, so reiste Josef II. inkognito unter dem Namen eines Grafen von Falkenstein mit einem Aufwand, der den eines Privatmannes nicht übertraf. Seine persönlichen Ausgaben beschränkten sich auf 1/2 Million im Jahr, rührte er doch, ungleich seiner Mutter, nie eine Karte an, weil ein Fürst, wie er zu sagen pflegte, nur seiner Untertanen Geld verliere. „Eine sparsamere Hofhaltung gab es nicht als die des Kaisers,“ schreibt Graf Hans von Schlitz, „sie beschränkte sich auf einige Vormittags-Couren.“ Seine Audienzen erteilte er wahllos; im Controlor-Gang der Hofburg konnte ihn jeder sprechen, der wollte; er speiste zu unregelmäßigen Stunden, allein, sehr wenig und sehr einfach und pflegte seinen Tag in der Früh um fünf Uhr zu beginnen. Am auffallendsten und betrübendsten war den alten Höflingen die Abschaffung des spanischen Mantelkleides. „Da nun dieser junge Herr alles, so eine g§ne nach sich ziehet, ungemein hasset,“ bemerkt Khevenhiller, „und der Anlegung des Mantelkleides entgegen ist, weil er zu dieser Tracht sein Haar nicht im Beutel oder Zopf tragen kann,“ so wurde dieses Kostüm im Oktober 1766 offiziell abgeschafft. Der kaiserliche Hof erhielt dadurch in der Tat ein ganz verändertes Aussehen, denn da der Kaiser wie sein Vorbild Friedrich 11., fortan ständig Uniform trug, so erschienen auf einmal die Uniformen bei Hofe, an dem sie früher nicht gestattet gewesen waren. Es wurde den Beamten selbst nachgesehen, wenn sie in Stiefeln ihre Aufwartung machten, statt daß sie bis dahin in Escarpins und Schuhen hatten kommen müssen. Eine weitere Neuerung war, daß Josef 11. alle Leute mit „Sie“ anredete, während seine Mutter auch die Hochgestellten nur mit „Er“ angesprochen hatte.

Persönlich galt der Kaiser für einen schönen Mann. Er war über Mittelgröße, proportioniert gewachsen, mit schönen blauen Augen, lichtbraunen Haaren und freien männlichen Zügen von offenem Ausdruck. „Er hat viel Ähnlichkeit mit der Königin von Frankreich,“ schreibt Moore; „sein Betragen ist leutselig, gesprächig, verbindlich und ganz frei von jenem zurückhaltenden und hochmütigen Wesen, das manche ihres hohen Standes wegen an-nehnien.“ Er war witzig und schlagfertig, aber vielleicht nicht immer ganz natürlich, wenigstens fand die Baronin Oberkirch, die ihn allerdings in Paris sah, er posiere stets, „so, als habe er einen Schriftsteller bei sich, der mit dem Gemälde seiner Vorzüge beschäftigt ist.“

Dem Hofe Josefs fehlte das weibliche Element. Er war Witwer von zwei Frauen und in keiner seiner beiden Ehen glücklich gewesen. Seine erste Frau, die Infantin Isabella von Parma, starb, nachdem sie kaum drei Jahre verheiratet gewesen war, am 27. November 1763 an den Pocken. Josef soll sie gradezu schwärmerisch geliebt haben, war aber nicht imstande gewesen, die tiefe Melancholie, die über das Wesen seiner Frau gebreitet war, zu zerstreuen. Er konnte ihren Tod nicht verwinden und das Heilmittel, das seine Schwester Christine anwandte, um ihn seinem Schmerze zu entreißen, war mehr heroisch als zartfühlend. Sie war die intime Vertraute der verstorbenen Erzherzogin gewesen und teilte ihm, als sie ihren Bruder so untröstlich sah, die Briefe der Verstorbenen mit, aus denen hervorging, daß sie ihren Mann nie geliebt hatte. Von da an hat Josef die Frauen mit Kälte behandelt, „er betrachtet sie, wie man Statuen ansieht,“ schrieb Gräfin Kaunitz der Fürstin Lori Liechtenstein. Er war einer zweiten Ehe durchaus abgeneigt, aber die dringenden Wünsche seiner Mutter vermochten ihn, sich mit der Kurprinzessin Josepha von Bayern zu vermählen. „Sie ist klein und dick, hat eine Menge Bläschen und Flecken im Gesicht und häßliche Zähne im Munde,“ so beschrieb Josef nach der Verlobung dem Herzog von Parma die Braut. Für die arme junge Frau wurde diese Ehe ein Martyrium. Maria Theresia konnte schon bei dem Empfange ihre unangenehme Überraschung so wenig verbergen, daß sie dem ganzen Hofe auffiel, „denn in der Tat ist leider nur gar zu wahr, daß Gestalt und Maintien sehr unangenehm,“ trägt Khevenhiller in sein Tagebuch ein. Damit war die Prinzessin bei Hofe gerichtet. „Die arme junge Kaiserin ist das unglücklichste Wesen, das existiert,“ schrieb Fürstin Liechtenstein am 2. Dezember 1765 ihrer Schwester Leopoldine Kaunitz. „Niemand be« Hofe und in der Stadt kann sie leiden, sie ist häßlich, aber gut und anmutig.“ Wenn sic nur häßlich gewesen wäre, aber sie hatte das Unglück, an einem skorbutischeu Ausschlag über den ganzen Körper zu leiden, der ihrem Manne jede Annäherung verleidete. Sie vermochte die Vernachlässigung und kaltherzige Geringschätzung, mit der Josel sie behandelte, auch nicht durch eine bis zur Unterwürfigkeit gehende Demut zu besiegen. Josef war unzart genug, seinen Widerwillen gegen sie ganz offen zur Schau zu tragen, er ließ sogar, wie Karoline Pichler erzählt, den Balkon, der vor seinen und seiner Frau Zimmern entlang lief, durch ein Schutzgitter teilen, so, als müsse er sich ihrer erwehren. „Ich glaube, wenn ich Josefs Frau wäre,“ schrieb Erzherzogin Marie Christine, „und so behandelt würde, ich wäre längst entflohen und hätte mich an einen Baum in Schönbrunn aufgehängt.“ Maria Theresia begegnete ihr mit Kälte, und mit Kaiser Franz verlor sie den einzigen von der Familie, der wenigstens freundlich zu ihr war. Sie erkrankte an den Pocken, die eine besonders bösartige Form bei ihr annahmen, und endete ihr freudloses Leben am 28. Mai 1767. Josef hat nicht wieder geheiratet und fortan seine Beziehungen zu den Frauen nach zwei Richtungen hin aufgenommen, die miteinander keine Beziehungen hatten. Er huldigte, wie Graf Schlitz schreibt, maßlos der faunischen Liebe, und eine durch Exzesse in Venere herbeigeführte böse Erkrankung soll seinen Tod beschleunigt haben. Die Gegenstände dieser Neigung blieben verborgen, die Öffentlichkeit erfuhr nichts von ihnen; geselligen Anschluß an geistig hochstehende Damen suchte er dagegen in dem Kreise der fünf Fürstinnen, deren Stellung eine Liebesverbindung ausschloß. Es waren dies die Schwestern: Fürstin Maria Josepha Clary und Maria Sidonie Kinsky, geborene Gräfinnen Hohenzollern-Hechingen, die Schwestern: Gräfin Leopoldine Kaunitz und Fürstin Eleonore Liechtenstein, geborene Prinzessinnen Oettingen-Spielberg und die Fürstin Leopoldine Liechtenstein, geb. Gräfin Sternberg, zum Unterschiede von der Fürstin Lori, die allgemein nur die „Karlin“ hieß, die „Franzin“ genannt. Dieser Kreis nahe miteinander verwandter Damen, die sämtlich in den gleichen Verhältnissen lebten, zum höchsten Adel gehörten und sogar dicht beieinander wohnten, hatte sich seit etwa 1768 gebildet. Sie kamen anfänglich einmal in der Woche zusammen, dehnten später die Zusammenkünfte aber auf drei bis vier Abende der Woche aus, an denen sie die Stunden von acht bis zehn Uhr gemeinsam verbrachten. Es war ein kleiner Klub, den Zufall und Neigung zusammengeführt hatte, andere Damen waren ausgeschlossen, Herren wenigstens nicht erwünscht. Außer Kaiser Josef, dem Feldmarschall Grafen Lascy und Oberstkämmerer Grafen Rosenberg, haben auch niemals welche Zutritt gefunden. Hier fand Josef II. weibliche Anmut, Liebenswürdigkeit und Freimut und war sicher, daß Vertrauen mit Vertrauen erwidert wurde. Wie glücklich er sich in diesem ausgewählten Kreise fühlte, beweist der Abschiedsbrief, den er von seinem Sterbebette aus an die „Franzin“ richtete. Er trug die Adresse „Aux cinq dames reunies de la sociStS qui m’a tol6r£“ und lautet: „Mein Ende naht heran, es ist Zeit, Ihnen noch durch diese Zeilen meine ganze Erkenntlichkeit für jene Güte, Politesse, Freundschaft und angenehme Freiheit zu bezeugen, die Sie mir während so vieler Jahre, welche wir in Gesellschaft miteinander zugebracht haben, zu erweisen und angedeihen zu lassen die Gewogenheit hatten. Ich bereue keinen Tag, keiner war mir zu viel, und dieses Vergnügen, mit Ihnen umzugehn, ist das einzige verdienstliche Opfer, das ich darbringe, indem ich die Welt verlasse. Haben Sie die Güte, sich meiner in Ihrem Gebete zu erinnern. Ich kann die Gnade und unendliche Barmherzigkeit der Vorsehung in Ansehung meiner nicht genug mit Dank anerkennen, dieses alles ist in derselben vereinigt, .so daß ich mit ganzer Resignation meine letzte Stunde erwarte. Leben Sie wohl. Sie werden meine unleserliche Handschrift nicht mehr lesen können. Sie beweist meinen Zustand. Josef.“

Vielleicht sind Leben und Tätigkeit eines Mannes, der seine besten Kräfte an das Wohl des Staates gesetzt hatte, der nur an den Fortschritt dachte und nur das Gute wollte, selten so jammervoll zu Ende gegangen wie die Josefs II. Er sah mit eignen Augen den Zusammenbruch seines Systems und den Staat‘ am Rande des Unterganges, ln Wien hieß es: „Gott sei Dank, der Kaiser ist krank; wird er nicht sterben, müssen wir verderben,“ und diese Stimmung war es, die das Sterbelager des noch nicht fünfzig Jahr alten Monarchen umdüsterte. Mit Maria Theresia war eine Epoche zu Grabe gegangen; mit ihm endete wie ein tragikomisches Zwischenspiel die Episode der verfrühten Aufklärung in Österreich.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung
Deutschland im 18. Jahrhundert – Ackerbau und Industrie
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Militär

Deutschland im 18. Jahrhundert

Viertes Kapitel

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die Zeit, in der die stehenden Heere aufkommen, das 18. Jahrundert die, in der sie sich entwickeln.

Sie kamen mit dem Absolutismus als politischer Doktrin, denn sie waren das Element der Macht, auf das er sich stützen mußte, wollte er sich durchsetzen, aber sie haben sein Absterben überlebt. Da das Deutsche Reich nicht absolut regiert wurde, so besaß es auch nur die Bruchstücke einer Armee. Im Jahre 1681 hatte der Reichstagbeschlossen, eine Armee von 40000 Mann dauernd unter den Fahnen zu halten, und zwar 28000 Mann Infanterie und 12000 Mann Kavallerie. Diese Anzahl hieß das Simplum, 1702 wollte man es verdoppeln und später sprach man sogar davon, es zu verdreifachen; die Abneigung des Kaisers, der fürchtete, diese Truppen möchten bei Gelegenheit gegen ihn verwendet werden, hat das aber stets verhindert. Jeder Reichsstand hatte, der Kopfzahl seines Territoriums entsprechend, sein Kontingent zu stellen, die kreisweise zu Regimentern zusammengezogen wurden. Wie bei allen Angelegenheiten, die von Reichswegen gemeinsam unternommen werden sollten, ging es auch hier, das Beste blieb auf dem Papier. Die größeren Länder wollten ihre Leute nicht hergeben, die kleineren das Geld sparen, und da in allen Fällen, in denen das Auftreten einer Reichsarmee notwendig gewesen wäre, die Stände von dem Mißtrauen erfüllt waren, der Kaiser werde sich der Reichsarmee doch nur zur Erreichung seiner Privatzwecke bedienen, so hielt jeder mit seiner Leistung zurück, selbst das Simplum wurde nicht erreicht, und die Reichsarmee hat in Wirklichkeit wohl niemals mehr als 20000 Mann gezählt. Die Beschaffenheit der Truppen kennzeichnet am besten die Tatsache, daß die Regimenter aus den verschiedensten Kontingenten bestanden, so stellte Biberach z. B. mit Nördlingen zusammen eine Kompagnie von 175 Mann zum Regiment Wolfegg; Nördlingen durfte den Hauptmann ernennen, während Biberach das Recht hatte, den Oberleutnant und den Feldwebel zu nominieren. Entsprechend der  gegenseitigen Eifersucht, die die kleinen Reichsstände beseelte, befanden sich gewöhnlich so viel feindliche Parteien bei einem Regiment als verschiedene Kontingente dazu gehörten, so daß von Gemeingeist der Truppe gar keine Rede war. Nimmt man dazu die Verschiedenheit der Uniformierung und Bewaftnung, die Unterschiede m Sold und Verpflegung, so erhält man ein Bild von der Reichsarmee, das den Spott nur allzusehr rechtfertigt, den die Zeitgenossen auf sie gehäuft haben. Buntscheckig in ihrer äußeren Erscheinung, schlecht bewaffnet, … bei Roßbacli sollen von 100 Flinten keine 20 losgegangen sein ..mangelhaft aus-gebildet —, die Formierung des Reichsheeres begann erst, wenn ein Krieg schon beschlossen war —, besaß diese Truppe wirklich alle jene Eigenschaften, die J. J. Moser zu seinem berühmten Ausspruch veranlaßte: „Die bei einem Reichskrieg und bei einer Reichsarmee sich äußernden Gebrechen sind so groß, auch viel und mancherlei, daß man, solange das deutsche Reich in seiner jetztigen Verfassung bleibt, demselben auf ewig verbieten sollte, einen Reichskrieg zu führen.“ An eine Reform war unter den obwaltenden Umständen nicht zu denken, und die Ideen des Prinzen Eugen, der den Deutschen als Soldaten hochschätzte, eine andere Reichskriegsverfassung einzuführen, die mit einem Landsturm von 200000 Mann gerechnet hätte, zu jener Zeit unausführbar. Wenn das Volk nach der Schlacht bei Roßbach sang:

„Und kommt der Große Friederich

Und klopft nur auf die Hosen,

So läuft die ganze Reichsarmee,

Panduren und Franzosen“,

so fiel dieser Hohn auf alle Angehörigen dieses Heeres zurück und wurde von ihnen auch mit Bitterkeit durchaus so empfunden. „Man ist anderswo doch nur ein halber Soldat und hat keine Ehre davon,“ beklagte sich einmal ein ehemaliger preußischer Soldat, der desertiert war und den Riesbeck in Diensten eines geistlichen Fürsten sprach. Das blieb so bis zum Untergang des Reiches, und noch Lauckhardt, der am Rhein nach dem unglücklichen Feldzug gegen Frankreich auf Reichstruppen stieß, erzählt ähnliche Beobachtungen.

Mit Sicherheit konnte der Kaiser nur auf die Armee zählen, die er in seinen Erblanden hielt. 1718 kostete die österreichische Armee im Frieden bereits 23 Millionen fl.; sie sollte 100000 Mann und 30000 Pferde zählen, aber sie teilte mit der Reichsarmee das Schicksal, daß der Effektiyjbestand weit geringer war und 6S0C0 Mann kaum überstieg. Sie besaß noch eine andere Ähnlichkeit mit dem Reichsheer, daß nämlich die Soldaten je nach dem Lande, dem sie angehörten, verschieden ausgebildet waren. An ihrer Spitze stand nicht der Kaiser persönlich, sondern der Hofkriegsrat, der gewöhnlich nicht gegen den Feind, sondern gegen die eigene Generalität kämpfte. Prinz Eugen von Savoyen hatten seinen erbittertsten Feind in dem Hofkriegsrats-Präsidenten Fürsten Mannsfeld, und nachdem dieser 1715 gestorben war, in dem Nachfolger, Grafen Starhemberg. Dieser Hofkriegsrat, der in Wien seinen Amtssitz hatte, besaß die erstaunlichsten Vollmachten. So wurde in der Instruktion, die er dem Generalteldmarschall von Seckendorff ins Feld mitgab, „ihm ausdrücklich eingebunden, daß wenn er eine Belagerung oder einen Hauptmarsch tun wolle, er vorher das Parere des gehaltenen Kriegsrats nach Wien einschicken und dessen Approbation gewärtigen solle; wenn er aber Glück zu haben hoffe, so dürfe er ohne Rückfrage vorgehen.“ Daß Prinz Eugen mit dieser Armee und dem alles hindernden Hofkriegsrat doch die Taten ausführen konnte, die seinen Ruhm ausmachen, läßt sie in der Tat noch größer erscheinen als sie ohnehin sind, aber es erklärt auch, daß seine Nachfolger in dem unglücklichen Türkenkrieg von 1736—39 alle Errungenschaften des Friedens von Passarowitz wieder einbüßten! Die Generale von Seckendorff, Wallis, Neipperg, Schinettau waren unter Beihilfe des Hofkriegsrats immer damit beschäftigt, gegeneinander zu intrigieren, weil keiner dem andern einen Erfolg gegen den Feind gönnte, sie hielten sich gegenseitig die Depeschen vor und vernachlässigten die Armee, bei der die Soldaten schlecht genährt und noch schlechter gekleidet wurden. J. J. Moser erzählt, daß die Ausrüstung der k. k. Truppen so mangelhaft war, daß die Mannschaften, wenn sie in den Garnisonen Mantua und Ostende auf Wache zogen, die Schuhe voneinander entlehnen mußten, weil nicht für alle solche vorhanden waren. Uniform war eben erst eingeführt worden, 1729 für die Kavallerie, 1735 für die Grenadiere, 1737 für die ganze Infanterie. Die Löhnung eines gemeinen Soldaten betrug unter Karl VI. monatlich 4 fl.; davon wurden ihm abgezogen: 1 fl. für die Montur, 1/2 fl. für Brot und 9 Kr. Unkosten; für die Verpflegung erhielt er täglich 3 bis 5 Kr. Ein Leutnant stand sich auf 300 fl., ein Oberst auf 3000 fl. Sold, aber da jedes Regiment dem Obersten gradezu gehörte, er hatte auch im Frieden das Recht über Leben und Tod der Soldaten, so hatte er durch die Besetzung der Otfizierstellen, die bis 1809 käuflich waren, durch Nebenverdienste bei Beschaffung der Uniform u. dgl. die Möglichkeit, seine Einnahme auf lOCOOfl. und mehr im Jahr zu steigern. Diese Möglichkeit, sich persönlich bereichern zu können, diente sehr zum Schaden der Armee, denn manche sparten sogar an der Beschaffung von Pulver und Blei und ließen es an Waffen fehlen. Herzog Franz Stephan von Lothringen, der Gemahl Maria Theresias, deckte die riesigen Unterschleife auf, die im Türkenkrieg von 1737 bis 1739 begangen wurden und den unglücklichen Ausgang dieses Feldzuges mit verschulden halfen, aber er erreichte keine Änderung, er selbst kam nur in den Ruf eines Geizhalses, der andern nichts gönne.

Um die Armee im Kriegsfälle schnell zu vermehren, wurden Freikorps aufgestellt, wie die der Obersten Franz von derTrenck und Johann Daniel von Menzel, die durch Anwerbung von Haiducken, Kroaten und anderm Gesindel rasch eine Truppe auf die Beine brachten. Sie genossen einen schlechten Ruf bei Feind und Freund. „Die Freikorps Trencks und Menzels“, schreibt Fürst Khevenhiller, „üben Mordbrennerei aus bloßer Lust. Sie haben Unschuldige nach Belieben an die Stadttore oder die nächsten Bäume gehangen, Kirchen beraubt, die bayerischen Bauern mit abgeschnittenen Nasen und Ohren nach Hause geschickt, Frauen und Töchtern auf dem Rücken der gebundenen Hausväter Gewalt angetan und alsdann in die Flammen der angezündeten Häuser geschleudert, Säuglinge aufgespießt und den Hunden vorgeworfen.“ Trenck, ein richtiger Vetter des preußischen Trenck, soll sich ein Vermögen von 2 Millionei fl. zusammengeraubt haben; Maria Theresia ließ ihn wegen der Missetaten seiner Horden, nachdem man ihn nicht mehr brauchte, in den Gefängnissen des Spielberg sterben; Menzel hat es gar auf 3 Millionen fl. gebracht.

Kein Habsburger hat je Uniform angelegt, diese Mode kam erst, wie Kheven-hiller schreibt, mit dem Haus Lothringen auf. 1748 zeigte sich zum erstenmal ein Erzherzog bei einer Revue in Wien in Uniform an der Spitze eines Regiments, „ein noch nie gesehenes Spektakel“. Kaiser Josef II. hat dann aus der Mode eine Gewohnheit gemacht, er legte seit seinem Regierungsantritt nur mehr Uniform an. Schon im Jahre 1766 übertrug er die Reorganisation der Armee, die der Siebenjährige Krieg als nötig erwiesen hatte, dem Grafen Lascy, der als wichtigste Neuerung 1769 eine einheitliche Bewaffnung und ein gemeinsames Exerzierreglement einführte. 1763 wurde die „Seelenkonskription“ eingeführt, die ein Enrollierungssystem und für jedes Regiment feste Werbebezirke mit Zwangsaushebung der Inländer nach preußischem Muster bedeutete. 1772 wurde den k. k. Erblanden die Dienstpflicht auferlegt, von der nur Tirol, Ungarn und die Niederlande ausgenommen waren; Reiche und Gebildete unterlagen ihr nicht. Lascy erntete wenig Dank. „Aller seiner Verdienste ungeachtet“, schreibt Riesbeck, „ist er bei dem großen Haufen und bei der Armee, deren Vater er ist, fast allgemein gehaßt. Er verlor die Liebe der Offiziere,, weil er ihnen die Gewalt nahm, ihren Souverän zu betrügen. Ehemals lieferten die Kapitäne die Bedürfnisse für ihre Kompagnien, und sie waren gewohnt, sich bei Tuch, Hüten und Schuhen noch zweimal soviel zu machen als ihr Sold betrug.“ Josef hat die österreichische Armee auch bedeutend vermehrt, er brachte sie auf 200000 bis 25000Ö Mann und brauchte etwa 28 Millionen fl. für ihren Unterhalt, was damals soviel bedeutete wie ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen.

Vorbild und Muster aller Länder, nicht nur der deutschen, war in Bezug auf seine Heereseinrichtungen Preußen. Unter den größeren Staaten kam es 1740 in Hinsicht auf seinen Flächenraum erst an zehnter, in Hinsicht auf die Bevölkerungszahl erst an dreizehnter, in Hinsicht auf seine Militärmacht aber bereits an dritter Stelle. Seine Armee betrug damals 80000 Mann und verbrauchte von den 7 Millionen, die der Staat einnahm, 5 Millionen für sich allein. Sie geschaffen zu haben, war das Verdienst Friedrich Wilhelms L, der sein ganzes Leben an diese Schöpfung gesetzt hat. Als er zur Regierung kam, zählte das preußische Heer 40000 Mann und kostete gegen 2 Millionen Taler. In bezug auf seine Uniformierung, Bewaffnung und Ausbildung war dieses Heer auch größeren überlegen, der König hatte nicht umsonst so tüchtige Exerziermeister angestellt, wie Fürst Leopold von Anhalt-Dessau einer war. „Es ist sicher,“ schrieb 1729 der weitgereiste Baron Pöllnitz, „daß es in der ganzen Welt keine Truppen gibt, wo der Bauer sich schneller abschleift und leichter das soldatische Wesen an* nimmt. Die Soldaten in Berlin sind gut gekleidet und halten sich so sauber, daß man immer versucht ist, sie für Offiziere zu halten.“ Wiebekannt, hat die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für das Militär ihn veranlaßt, sich in Potsdam eine Riesentruppe zusammenzustellen, für die der sonst bis zum Geiz sparsame König unbedenklich die größten Summen ausgab. „Als wir auf einem Spaziergange am Potsdamer Militärkirchhof vorüberkamen/‘ schreibt Baron Bielfeld 1739, „sagte mein Begleiter: Kein Ort im ganzen Lande hat dem König soviel Geld gekostet als dieser. Wirklich ist dieser Friedhof ein Abgrund, welcher einen großen Teil der unsäglichen Summen verschlingt, die der König für die großen Leute seines Regiments bezahlt.“ „Das große Regiment kostet soviel wie sechs andere,“ bemerkt Pöllnitz, und dabei würden die „langen Kerls“ im Ernstfälle nicht halb soviel geleistet haben. Da Friedrich II. diese Elätetruppe unmittelbar nach seines Vaters Tode auflöste, ist sie nie dazu gekommen, ihre militärische Brauchbarkeit auf die Probe stellen zu müssen. Sie war ein Spielzeug des Monarchen, der einzelnen der Grenadiere bis zu 2 fl. Tageslohn, anderen, recht großen, 1500 Tlr. Gehalt im Jahr zahlte, ganz abgesehen von den Summen, die ihm der Ankauf derselben gekostet hatte. Man spricht von 9000 Talern, die er für einzelne von ihnen ausgegeben haben soll. Einer der längsten war der Ostpreuße Hohmann. der 2,65 Meter maß, aber erst als zweiter im Gliede stand, der erste war ein Norweger. Friedrich Wilhelm I. war ein praktischer, verständiger, kühl überlegender Haushalter, der es immer verstand, in ökonomischen Fragen auf seinen, resp. des Landes Vorteil zu achten, die Marotte der großen Leute aber war sein Tollpunkt, durch den sich das Schicksal gewissermaßen an ihm rächte, für all den nüchternen und schwunglosen Verstand, mit dem es ihn sonst begabt hatte.

Die Summen, die er an seine Riesengarde verschwendete, waren unnütz angewandt und sozusagen weggeworfen; aber sie schrumpfen in nichts zusammen, wenn man ihnen die Ausgaben gegenüberstellt, die zu gleicher Zeit etwa ein August der Starke, ein Max Emanuel von Bayern an ihre Mätressen vergeudet haben.  Die langen Kerls waren auch die einzigen lebenden Wesen, für die Friedrich Wilhelm I. ein Herz besaß. Er konnte ihnen keine Bitte abschlagen und war sich seiner Schwäche.in.diesem, Punkte auch sowohl bewußt, daß eine Verordnung den Grenadieren verbot, Seiner Majestät Bittschriften zu überreichen.

Die preußische Armee war aus Inländern und Ausländern ziemlich bunt zusammengewürfelt, das Band, das sie zusammenhielt, war das Offizierkorps. Während die Heere der-übrigen deutschen Staaten vielfach Fremde als Offiziere anstellten; wünschte Friedrich Wilhelm I. seine Offiziere nur aus dem einheimischen Adel zu nehmen, in richtiger Erkenntnis, daß er seiner Armee damit, all den angeworbenen Mannschaften zum Trotz, den Charakter einer großen Homogenität verleihe. Bereits der Große Kurfürst hatte dem Adel seines Landes verboten, fremde Dienste zu nehmen, wodurch er billig zu Offizieren, kam, denn noch 1713 mußten Oesterreicher, Schweden, Dänen ihre Offiziere besser besolden. Friedrich Wilhelm I. selbst trug stets Uniform und fühlte sich immer als Deutscher und als preußischer Offizier, aber da das Beispiel, das er persönlich gab, nicht schnell genug die Früchte trug, die er erwartete, so griff er als richtiger Despot zur Gewalt. Er hatte das Ka-dettenhaus gegründet und es zur Erziehungsanstalt für die Söhne adliger Familien bestimmt, die hier zu Offizieren ausgebildet werden sollten. Da der Adel zögerte, seinen Nachwuchs diesem Institut anzuvertrauen, so zwang ihn der König dazu. In Ostpreußen ist auf die adligen Knaben förmlich Jagd gemacht worden; sie wurden durch Unteroffiziere eingefangen und truppweise gewaltsam in die Kadettenhäuser abgeliefert. Er hat den Adel in den Offizierstand förmlich hineingeprügelt, aber er hat ihm dann diesen Stand durch die Vorrechte, die er ihm zuteil werden ließ, annehmbar zu machen gewußt. Die gemeinsame Herkunft und die gemeinsame Erziehung brachten ein korporatives Ehrgefühl und jenen Geist der Kameradschaft hervor, die allen andern Ständen jener Zeit fremd waren, den preußischen Offizier aber im Laufe zweier Menschenalter zum ersten und kräftigsten Repräsentanten preußischen Staatsbewußtseins gemacht haben. Überall hatte der Offizier im Staat den Vorrang, und genoß Ehren und Vorteile, die z. B. Albrecht von Haller und seine Reisegesellschaft veranlassen, sich für reisende Offiziere auszugeben, als sie sich dem preußischen Territorium nähern. Als Kronprinz Friedrich seine Schwester * in Bayreuth besucht, will er gegen die Etiquette einen Leutnant aus seinem Gefolge zur Tafel ziehen, und als man ilim bedeutet, nur die Minister hätten dieses Recht, ruft er aus: „Ach was, ein preußischer Leutnant ist soviel wie ein markgräflicher Alinister!“ Daß Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn den Zwang „dienen zu müssen“, in das Vorrecht, „dienen zu dürfen“, änderten, war ein Zug weitausschauender Klugheit, durch den diese Herrscher ihrer Armee für zwei Jahrhunderte ein Ferment sicherten, welches kein anderer Staat besaß oder sich beschaffen konnte. Um es zu beseitigen, mußte man sie in Stücke schlagen.

Neben großen Vorzügen standen große Fehler. Sie hingen mit dem engherzigen Junkersinn zusammen, bei dem sich Bildungsmangel so leicht in Bildungshaß umsetzt. „Der junge Adel, der sich dem Dienst widmet“, schreibt Friedrich der -Große einmal, „glaubte sich etwas zu vergeben, wenn er studierte; sie betrachteten die Unwissenheit wie ein Verdienst und Wissen wie eine unleidliche Pedanterie“. Berenhorst hörte einmal, wie Oberst von Manstein bei der Parole sagte: „die Herrn Offiziere sind so dumm wie die Ochsen,“ und noch zu Zeiten, als der einst beliebte Romanschriftsteller Lafontaine in Halle lebte, am Ende des Jahrhunderts, gab es Offiziere, die Geschriebenes nicht lesen konnten. Es gab höhere Offiziere, die der Feindseligkeit, mit welcher der jüngere Nachwuchs dem Wissen und der Bildung gegenüberstand, entgegen zu treten suchten. So gründete Oberst von •Schölten um 1780 in Treuenbrietzen eine gelehrte Gesellschaft für die Offiziere seines Regiments, und General von Schlieffen stiftete als Kommandant von Wesel die Patriotische Gesellschaft der Kriegskunstverehrer, die den Offizier mit den Beweg* gründen der Liebe für das Vaterland und den Kriegerstand bekannt machen und ihn dazu veranlassen sollte, sie den Soldaten mitzuteilen und einzuflößen. Solche Erscheinungen gleichen in ihrer Zeit ein wenig den weißen Raben; die Offiziere suchten, zumal nach den glorreichen Feldzügen des großen Königs, ihren Ruhm aüf ganz andern Gebieten als denen der feinen Sitte und schöngeistigen Bildung.

Sie hatten wenig zu tun, viel freie Zeit, in ihrer Mehrzahl aber waren sie nur knapp mit Geld versehen und wußten ihre Mußestunden nicht recht auszufüllen. Es ist kein Wunder, daß ein Zusammenkommen solcher Umstände junge Leute, die alle Veranlassung haben, sich für etwas Besonderes zu halten, übermütig macht und zu Unfug reizt. Schon 4763 mußte Friedrich II. den Offizieren verbieten, die Bürger zu prügeln; in den langen Friedensjahren, die folgten, nahm der Dünkel der Herren aber nur zu und machte sich in einem so herausfordernden Benehmen gegen das Zivil geltend, daß gebildete Leute Offizieren aus dem Wege gingen und den Umgang mit ihnen flohen. Nicht nur in Preußen übrigens. In Stralsund, erzählt E. M. Arndt, hatte die Unart der Offiziere sie von der besseren Gesellschaft ausgeschlossen; mit den Stuttgarter Offizieren machte Casanova recht unangenehme Erfahrungen; jeder Bürgerliche, der in Berührung mit dem Militär kam,schlug ein Kreuz. Dabei griff ein Geist des Räsonnierens und Frondierens unter dem Offizierkorps um sich, der Fernerstehende ebenso erstaunte wie bedenklich machte. Landgraf Karl von Hessen, der den Bayerischen Erbfolgekrieg im Hauptquartier Friedrichs II. mitmachte, schreibt in seinen Erinnerungen, daß von einer freudigen, hingebenden Tätigkeit-der einzelnen Befehlshaber nicht mehr die Rede war. Als ein Transport aufgefangen wurde, herrschte im Hauptquartier eine unbeschreibliche Freude darüber, daß der König einen Unfall gehabt hatte, den man ihm Schuld geben konnte. „Niemand machte dem König das Vergnügen, ihm etwas Angenehmes zu sagen, selbst wenn-es die Wahrheit war, dagegen machte man sich gewissermaßen ein Fest daraus, ihm die unangenehmsten Nachrichten zu bringen.“ Dieser Geist der Überhebung und des Dünkels gewann vollends Macht, als nach dem Tode des Großen Königs die Autorität fehlte, die ihn bis dahin noch im Zaum gehalten hatte; von 1786 bis 1806 gefiel sich das preußische Offizierkorps in einem Ton der Roheit und Anmaßung, der es im ganzen Volk verhaßt machte. Wie weit es damit gekommen war, zeigt die Kabinettsorder, die den Regierungsanfang Friedrich Wilhelms HI. beginnt. „Ich habe sehr mißfällig vernehmen müssen,“ heißt es in derselben, „wie besonders junge Offiziers Vorrang vor dem Zivilstand behaupten wollen. Ich werde dem Militär sein Ansehen geltend zu machen wissen, wo es ihm wesentlichen Vorteil bringt, auf dem Schauplatze des Krieges, wo sie ihre Mitbürger mit Leib und Seele verteidigen sollen. Allein im übrigen darf sich kein Soldat unterstehen, wes Standes er auch sei, einen der geringsten Meiner Bürger zu brüskieren; sie sind es, nicht Ich, die die Armee unterhalten, in ihrem Brote steht das Heer der iMeinen Befehlen anvertrauten Truppen, und Arrest, Kassation und Todesstrafe werden die Folgen sein, die jeder Kontravenient von Meiner unbeweglichen Strenge zu erwarten hat.“ Unter Friedrich II. wurde die preußische Armee auf 200000, unter Friedrich Wilhelm II. auf 2)5000 Mann vermehrt, während die Kosten erst auf 13, dann auf 17 Millionen Tlr. im Jahr stiegen.

ln Kursachsen hatte die Armee schon 1703 aus )4 Regimentern mit 98 Generalen und Obersten bestanden und dem Lande zwei Millionen Tlr. jährlich gekostet. Markgraf Ludwig von Baden, dem in den Reichskriegen das sächsische Kontingent unterstand, schrieb am 22. November 1703 an Kaiser Leopold: „Die sächsischen Truppen sind arm, nackend und bloß“ und nicht viel schmeichelhafter ist das Bild, welches Wolfframsdorf 1705 in seinem „Portrait de la cour de Pologne“ von der Armee entwirft. Er schreibt:

„Bei der Armee sind die Offiziere von ihren Regimentern ganze Jahre lang abwesend; während des Winters belagern sie die Vorzimmer, und während des Sommers sind sie nicht im Feldlager zu betreffen. Sie bleiben zu Hause, um von dem Gelde, welches sie aus den Winterquartieren mitgebracht haben, zu leben und in den Armen ihrer Frauen auszuruhen, denen sie Wunderdinge von den bestandenen Gefahren erzählen. Sie respektieren weder Ordnung noch Befehl, leben ohne Mannszucht und berauben ihre Soldaten aller Subsistenzmittel. — Die Beschaffenheit der neu-geworbenen Regimenter ist eine andere Manier, den König gröblich zu betrügen, indem die Offiziere nicht allein das Geld, das sie dazu erhalten, in ihren Beutel stecken, und die Regimenter, zu deren Errichtung sie sich verbindlich gemacht haben, nie vollzählig machen, sondern auch die alten Regimenter verhindern, Rekruten zu werben. Die tägliche Veränderung bei den Regimentern ist ebenfalls ein Mittel, die Armee zu ruinieren, bei der nur das Kommissariat und einige Offiziere gewinnen. Endlich glauben wir der Armee des Königs nicht unrecht zu tun, wenn wir sagen, daß sie lediglich aus Raufern, Spielern, Wucherern, Betrügern und Freunden der Schikane, schlimmer als die geriebensten Advokaten, besteht. Die Prozesse sind hier zu Hause, wie im Palais. Die Generale bereichern sich auf Kosten der Soldaten, und diese, zur Verzweiflung gebracht, dem Beispiele ihrer Offiziere folgend, in denen das wahre Ehrgefühl erloschen ist und die nur auf das Geld erpicht sind, tun nichts weniger, als ihre Schuldigkeit.“

Man hört in der Tat, daß die sächsischen Generale es verstanden hätten, im Dienst reich zu werden. Graf Schulenburg, der 1702 bei seinem Eintritt in die sächsische Armee nicht mehr als 24000 Tlr. besaß, verließ sie 1711 mit einem Vermögen von 94000 Tlr. August der Starke, der gar zu gern große Politik gemacht hätte, begann auch, sich um das Heer zu kümmern, und entzog, um es fester in der Hand zu haben, den Regimentsinhabern die Besetzung der Offizierstellen, die er sich selbst vorbehielt. Er brachte das Heer auf 27000 Mann und wäre vielleicht die Persönlichkeit gewesen, es in dieser Beziehung mit dem Preußenkönig aufzunehmen, hätte ihm nicht seine Lebenslust und Vergnügungssucht fortwährend Querstriche durch alle seine großen Pläne gemacht. Man erzählt, er habe einmal zwei Dragonerregimenter an Friedrich Wilhelm 1. gegen 48 große Vasen von japanischem Porzellan vertauscht, eine Anekdote, die um so bekannter ist, weil ihr die historischen Unterlagen fehlen. Dann aber diente ihm sein Heer in erster Linie als Instrument, um in die Zerstreuungen des Hofes einige Abwechslung zu bringen. Bei der Hochzeit einer seiner illegitimen Töchter, die er 1725 in Pillnitz festlich beging, mußten seine Soldaten, in zwei Trupps geteilt, eine Festung drei Wochen lang nach allen Regeln der Kunst belagern und schließlich stürmen, und das berühmte Atanö-ver bei Mühlberg 1730 war ein Lustlager, in dem Revuen und Scheingefechte mit Jagden, Bällen, Komödien, Feuerwerken und Konzerten wechselten. Unter seinem Nachfolger zählte das sächsische Heer zwar aut dein Papier 30000 Mann mit 168 Generalen und Obersten, unterhalten aber wurden nur 17000 und diese wurden, solange Brühl am Ruder war, schlecht oder gar nicht bezahlt; böse Zungen wollten wissen, unter dieser Überzahl der Generalität hätten sich auch einige Kastraten befunden.

Kurbayern besaß unter Max III. Josef eine Armee, die auf dem Papier 15000 Mann zählte, in Wirklichkeit 6000 Köpfe aber niemals überstieg. Graf Lehrbach berichtete 1778 nach Wien, cs seien sogar nur 3000 unter den Fahnen und von diesen ungefähr der vierte Teil Offiziere mit 39 Generalen. Bei den Chevauxlegers habe man für 160 Pferde nicht mehr als 40 Sättel. Sieben Kavallerieregimenter zählten zusammen nur 613 Pferde, die ganze Artillerie besaß nur 16 Pferde zur Bespannung der Geschütze. Die Zahl der Stabsoffiziere in der kurbayerischen Armee war so groß, daß der boshafte Wekhrlin behauptet, käme der Feind ins Land, so werde man ihn bloß mit Generals aus dem Felde schlagen. Die Offizierstellen wurden mitunter auf merkwürdige Art besetzt. War die Frau eines Offiziers in andern Umständen, so erhielt sie für das zu erwartende Kind ein Leutnantspatent, welches ihr auch in dem Falle blieb, daß sie ein Mädchen zur Welt brachte. Kurmainz hatte eine Armee von 8000 Mann zu eigen… auf dem Papier, in Wirklichkeit waren es zwischen 2000 und 3000 Infanteristen, 50 Husaren und 120 Artilleristen, aber sie hatten einen Feldmarschall, 12 Generäle, einen Hofkriegsratspräsidenten und 6 Hofkriegsräte. Es war ein patriarchalisches Regiment, die Schlüssel zu den Festungswerken in Mainz bewahrte der Hofgärtner; hatten die Ingenieure dort etwas zu tun, mußten sie ihn erst um Erlaubnis bitten, sie betreten zu dürfen. Als man 1792 gegen Frankreich rüstete, wurde den Offizieren, „die die Kräfte nicht fühlen oder deren häusliche Verhältnisse es nicht gestatteten“ erlaubt, „ihrer Ehre unbeschadet, nicht mit ins Feld zu ziehen“. Kurtrier hielt eine Leibwache für den Kurfürsten von 60 Mann, ein Regiment von 1200 Mann, und ein Jägerkorps von 260 Mann, die dem Staate gegen 70000 bis 75000 Tlr. im Jahr kosteten. Kurpfalz wollte 18000 Mann unter den Fahnen haben, von denen .der vierte Teil aus Offizieren bestand, es hatte überdies noch für die 2 oder 3 Wachtschiffe, die es auf dem Rhein hielt, einen „Großadmiral“.

So ging es unter den Reichsständen nach ihrer Größe herab, bis zum Grafen Philipp Ferdinand von Limburg-Styrum, der sich ein Husarenkorps hielt, das aus einem Oberst, sechs Offizieren und zwei Mann bestand. Lord Chesterfield traf mit seinem Spott wirklich ins Schwarze, wenn er einen deutschen Potentaten sagen läßt: „Es gibt keinen Fürsten in Meiner Nachbarschaft, der seine Armee nicht vermehrt hätte, der -eine um vier, manche um acht und einige sogar um zwölf Mann, so daß Sie ein-sehen werden, daß Ich es Meiner Ehre und Sicherheit -schuldig war, die Meine ebenfalls zu verstärken. Ich habe Mein Heer deswegen von 28 auf 40 Mann gebracht, aber um.Meine Untertanen nicht mit Steuern zu überbürden oder sie durch die Einquartierung der Leute und ihre Frechheit zu belästigen, außerdem um jeden Verdacht unredlicher Absichten von vornherein zu beseitigen, so habe Ich’ sie, um Ihnen die Wahrheit nicht vorzuenthalten, aus Wachs machen lassen und exerziere sie mittelst eines Uhrwerks.“

Manche Reichsstände, auch unter den kleineren, hielten sich größere Truppenmengen, als das Kontigent, welches sie zur Reichsarmee zu stellen hatten, eigentlich bedingt hätte, sie taten es teils aus Lust an der Soldatenspielerei, teils um sich Einnahmen zu verschaffen. Zu den ersteren gehörte u. a. Graf Wilhelm von Lippe-Bückeburg, der lange in portugiesischen Diensten gestanden hatte und sich, heimgekehrt, 1765 die Festung Wilhelmsburg im Steinhuder Meer erbaute. Er hielt sich 1000 Infanteristen und ein Artilleriekorps von 300 Mann. Die Militärschule, die er in Wilhelmsburg gründete, hat den Ruhm, Scharnhorst ausgebildet zu haben. Ein Seitenstück zu ihm in etwas größerem Stil ist der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt, dessen Neigung zu dem militärischen Beruf ihn als Prinz nacheinander in französische, preußische und österreichische Dienste trieb. Seine eigenen Soldaten wurden von den Reisenden sehr bewundert. „Schönere und geübtere Truppen als die drei Darmstädter Infanterieregimenter sieht man in Deutschland nicht, die preußischen nicht ausgenommen,“ schreibt Riesbeck, und Moore fiel besonders auf, daß sie „ungemein gut gepudert“ seien. So recht seiner Passion frönte der Fürst aber erst, seit er sich nach Pirmasens zurückgezogen hatte und hier einzig und allein für die Soldaten lebte.

Ein Wanderer, der im Jahre 1789, als der Ort in seiner höchsten Blüte stand, nach Pirmasens geriet, hat in dem „Journal von und für Deutschland“ seine Erlebnisse in folgenden Worten erzählt: „Hier in Pirmasens bin ich wie in eine ganz neue Welt versetzt, unter eine zahlreiche Kolonie von Bürgern und Soldaten, die kein Reisender auf einem so öden und undankbaren Boden suchen würde; alles um mich her wimmelt von Uniformen, blinkt von Gewehren und tönt von kriegerischer Musik.

Der Landgraf wohnt in einem wohlgebauten Hause, das man weder ein Schloß, noch ein Palais nennen kann und genau genommen nur aus einem Geschoß besteht. Nahe bei demselben, nur etwas höher, liegt das Exerzierhaus. Hierin nun exerziert der Fürst täglich sein ansehnliches Grenadierregiment, das aus 2400 Mann bestehen soll. Schönere und wohlgeübtere Leute wird man schwerlich beisammen sehen. Allerlei Volk von mancherlei Zungen und Nationen trifft man unter ihnen an, die nun freilich auf die Länge nicht so zusammenbleiben würden, wenn sie nicht immer in die Stadt eingesperrt wären, Tag und Nacht von umherreitenden Husaren beobachtet werden müßten. Soeben komme ich aus dem Exerzierhaus von der eigentlichen Wachtparade, ganz parfümiert von Fett- und öldünsten der Schuhe, des Lederwerks, der eingeschmierten Haare und von dem allgemeinen Tabakrauchen der Soldaten vor dem Anfang der Parade; wie ich eintrat, kam mir ein Qualm und Dampf entgegen, der so lange meine Sinne betäubte und mich kaum die Gegenstände unterscheiden ließ, bis meine Augen und Nase sich endlich an die mancherlei Dämpfe und widrigen Ausflüsse einigermaßen gewöhnt hatten. Wer Liebhaber von wohlgeübten, aufgeputzten und schön gewachsenen Soldaten ist, wird für alle die widrigen Ausflüsse hinlänglich entschädigt. So wie das Regiment aufmarschiert, und seine Front durch das ganze Haus ausdehnt, erblickt man von einem Flügel zum anderen eine sehr grade Linie, in welcher man sogar von der Spitze des Fußes bis an die Spitze des aufgesetzten Bajonetts kaum eine vorwärts oder rückwärts gehende Krümmung wahrnimmt; durch alle Glieder erscheint diese pünktliche Richtung, und sie wird weder durch die häufigen Handgriffe, noch durch die vielfältigen Körperbewegungen verschoben. Die Schwenkungen und Manöver geschehen mit einer außerordentlichen Schnelligkeit und Pünktlichkeit; man glaubt eine Maschine zu sehen, die durch Räder- und Triebwerk bewegt und regiert wird. Man soll sogar öfters das ganze Regiment im Finstern exerziert und in den verschiedenen Tempos keinen einzigen Fehler bemerkt haben. Auf den 25. August, als dem Namensfest des Landgrafen, ist jährlich Hauptrevue, und dann wimmelt es in Pirmasens von auswärtigen Offizieren und andern Fremden, die teils aus Frankreich, Zweibrücken, der Unterpfalz, Hessen und andern Ländern hierher reisen. Den Landgrafen habe ich auch in aller Tätigkeit dabei gesehen; mit spähendem Blicke befand er sich bald auf dem rechten, bald auf dem linken Flügel, bald vor dem Zentrum bald in den hintern Gliedern; alles war geschäftig an ihm, und er scheint mit Leib und Seele Soldat zu sein. Doch läßt er hierbei keinen fremden Zuschauer aus den Augen; es wurde sogleich bei Anfang der Parade ein Offizier an mich geschickt, der sich nach meinem Namen erkundigen sollte, und nach einiger Zeit hatte ich die Ehre, den Herrn Landgrafen selbst zu sprechen, wobei er sich in den höflichsten und gefälligsten Ausdrücken mit mir unterhielt, ln seinem Hause und in seinen Appartements erblickt man wenig Pracht; man glaubt bei einem kampierenden General im Felde zu sein, überall leuchtet die Lieblingsneigung des Fürsten hervor.“

Pirmasens, das nicht mehr als 34 Häuser umfaßte, als der Erbprinz es zu seiner Residenz erwählte, besaß 1789 schon 750 mit 6800 Einwohnern. Die Mauer, die es einschloß, hatte nur zwei Tore, deren Schildwachen stündlich visitiert wurden, um das Desertieren der. Soldaten zu verhindern. Der Landgraf, , der außerdem der größte Trommel virtuose im Deutschen Reich war, ließ jede Mitternacht die Scharwache durch die ganze Stadt trommeln, das ganze Leben des Ortes war auf das Militär eingestellt.

Herzog Karl Eugen‘ von Württemberg wußte Soldatenspielerei und Geschäftsrücksichten miteinander zu’verbinden. Als er zur Regierung kam, zählte das würt-tembergische Militär 2400 Mann und kostete dem Lande 460000 fl. im Jahre, eine Summe, die indessen nie gebraucht :wurde. Von dem Verlangen geplagt, den Monarchen großen Stils vorstellen.zu wollen, dachte er auch daran, den Feldherrn zu spielen, zu welchem Zweck er natürlich eine größere Armee benötigte. Er schloß deshalb 1752 einen SubsidienVertrag mit Frankreich, in dem er sich verpflichtete, 6000 Mann Infanterie unter den Waffen zu halten, für die er, für je 1000 Mann von Frankreich im Frieden 64473 fl., imKriege 78507 fl. jährlich erhielt. Zuerst wurde das preußische System eingeführt,»das’der Herzog, während er in Berlin weilte, kennen gelernt hatte und mit ihm die preußische Uniformierung. „In diesem von Schild-, wachen starrenden Ort“, schrieb Berenhorst 1768 aus Ludwigsburg, „sieht man nur Uniformen über Uniformen, die insgesamt den preußischen sklavisch nachgeahmt sind.“ Da der Mannschaft die Schnurrbärte nicht so rasch wuchsen, wie es für das martialische Aussehen wünschenswert gewesen wäre, so begnügte man sich damit, die Soldaten künstliche schwarze Schnurrbärte tragen zu lassen. Da der Herzog die französischen Subsidien für den Unterhalt seines Theaters verbrauchte, so stand es um die Armee recht übel, als Frankreich bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges die Mobilisierung forderte; die Regimenter, die gestellt werden sollten, waren einfach nicht vorhanden. Als das Heer dann schlecht und recht zusammengebracht war, und Karl Eugen sich an seine Spitze setzte, um die Preußen zu schlagen, da zog er sich eine Schlappe nach der andern zu und fand es, als er bei Fulda nur mit knapper Not der preußischen Gefangenschaft entgangen war, doch geratener, sich wieder in sein Stamm* -land zurückzuziehen. Nun ging erst die eigentliche Militärspielerei los; die Armee, die mittlerweile aut 17368 Mann mit 18 Generalen und 22 Obersten gebracht worden war, und 1600000 fl. im Jahr kostete, war nur noch gut für Paraden und Feste im sächsischen Stil. Wie August der Starke bezog auch,Karl Eugen Lustlager inmitten seiner Truppen, die zur Folie und Unterstützung seiner Vergnügungen dienen mußten. 1762 und’ 1763 schlug er solche bei Osweil und Pflugfelden auf, wo die Wohn-, Schlaf-, Ankleide-, Garderobe-, Audienz-, Ball-, Kaffee-Zelte des Herzogs eine Stadt für sich bildeten.

Der Weg, auf dem diese Heere gebildet wurden, war ein doppelter; sie kamen einmal durch die Konskription zusammen, was wir heute mit Dienstpflicht bezeichnen würden und dann durch Werbung; einige Staaten, wie Sachsen, verzichteten ganz auf Werbung und stellten nur Landeskinder ein; andere, und dies war weitaus die Mehrzahl, bediente sich beider Wege. August der Starke ließ seine Truppen seit 1713 durch Auslosung zusammenbringen, die unter den Männern der arbeitenden Klasse, die zwischen 20 und 54 Jahr alt waren, veranstaltet wurden; jedes sechste Los trug den Aufdruck „Für das Vaterland“ und machte den, der es gezogen hatte, zum Soldaten, ln Preußen war es das Kantonsreglement von 1733» in dem zum erstenmal der Grundsatz ausgesprochen wurde daß alle erwachsenen Männer des Landes dienstpflichtig seien. Die Monarchie wurde in Kantons eingeleilt, daher der Ausdruck „kantonspflichtig“,. die etwa 5000 Feuerstellen für ein Regiment Infanterie und 1800 Feuerstellen für ein Regiment-Kavallerie umfaßten. Alle, in dem Kanton wohnhaften jungen Leute wurden „enrolliert“, d. h. in die Stamm: rollen verzeichnet und von Fall zu Fall einberufen. Diese Einrichtung entstammte der alten organisierten Landmiliz, die es auch in Hannover gab, in Preußen hatte sie nie recht zustande kommen wollen, weil die Stände Bedenken trugen, den Bauern und Knechten Waffen in die Hand zu geben. Sie bedeutete in der Tat schon die allgemeine Dienstpflicht, in der Theorie wohlverstanden, denn in der Praxis sah sie durch die zahlreichen Ausnahmen anders aus. 1750 wurden vom Enrollement ausgenommen: 1. Gebrechliche, 2. Bürgersöhne, deren Eltern ein Vermögen von 10000 Tlr. und darüber besaßen, 3. alle angesehenen Bürger, Bauern und Kossäten; 4. alle Einwanderer, die sich angesiedelt hatten, 5( die einzigen Söhne von Bürgern und Bauern, 6. der Adel. Später wurden auch noch alle angestellten Gelehrten und ihre Söhne, mit Ausnahme der Schulmeister, alle Beamte, Kaufleute und Fabrikanten samt ihrer Nachkommenschaft befreit. Die Residenzen Berlin, Potsdam und Breslau waren ebenfalls mit der Gesamtzahl ihrer Einwohner frei, kurz, die Ausnahmen, die das neue Kantonsreglement von 1792 bestätigte, waren so zahlreich und so vielfältig, daß die Dienstpflicht im Grunde nur eine Last für die bäuerliche und kleinbürgerliche Bevölkerung war. Diese Ausnahmen sah das Gesetz vor, aber wozu wären die Gesetze, als um sie zu umgehen ? Joh. Christian Brandes erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß so arm seine Mutter auch war, sie doch immer so viel erübrigte, um den Feldwebel, der ihn als Kantonisten zu sehen verlangte, mit einer Flasche Wein und einem Taler abzufinden. Andererseits bot das Enrolle-ment auch manche Handhabe der Schikane. Der spätere Oberkonsistorialrat Silberschlag, dessen Vater in Aschersleben Arzt und Apotheker war, schreibt in seinem Leben, daß ein Offizier, um sich wegen irgendeiner Angelegenheit an seinem Vater zu rächen, dafür gesorgt habe, daß sein Name widerrechtlich in die Rolle des Kavallerieregiments eingeschrieben wurde.

Durch die Konskription kam immerhin nur ein gewisser Prozentsatz der Mannschaft zusammen, die man aufzustellen wünschte, und da mußte dann die Werbung nachhelfen. Da die „kantonspflichtigen Einländer“ von den 20 Jahren Dienstzeit, zu der sie verpflichtet waren, nur eines bei der Fahne zubrachten, um später nur alle zwei Jahre zu einer Exerzierzeit von einigen Wochen einberufen zu werden, so bildeten die angeworbenen Ausländer den eigentlichen Stamm der Armee. In Preußen erhielten die Werbeoffiziere jedes Regiments bestimmte Bezirke angewiesen, in denen sie Werbungen vornehmen durften, mit Überredung, mit List, häufig mit Gewalt, denn wenn Friedrich Wilhelm I. die Zwangsaushebung auch ausdrücklich verboten hatte, so hat dieser Befehl wohl zu jenen gehört, die stillschweigend ignoriert werden durften. Das lebende Material, das beschafft werden sollte, war die Hauptsache; wie es beschafft wurde, darüber drückte der Monarch gern die Augen zu. Die Werber hielten die Post an und nahmen die Reisenden weg, die ihnen gefielen, sie brachen bei Nacht in die Häuser ein und nahmen den Familien selbst die Söhne weg, die nach dem Gesetz befreit sein sollten; auf der Straße und auf dem Felde war kein gutgewachsener junger Mann vor ihren räuberischen Händen sicher. War vollends einer von ungewöhnlicher Größe wie Gottsched, so mußte er ebenso listig und geschickt sein wie die Werber, um sich bei Zeiten in das Ausland zu flüchten. Trat im Kriege Menschenmangel ein, so hörte jede Rücksicht auf, kein menschliches oder göttliches Gesetz schützte vor der rohen Gewalt, die Männer brauchte um jeden Preis. Im Siebenjährigen Kriege sperrte man Sonntags die Kirchen ab und nahm die waffenfähigen Männer weg, gleichviel ob sie verheiratet waren oder nicht; so geriet der Großvater von Berghaus unter die Soldaten; in Schlesien fahndeten die Preußen, wie Gustav Freytag aus Familienerinnerungen wußte, .sogar auf die Zöglinge der oberen Schulklassen. In Halle kam es, als Bogatzky 1717 dort studierte, zu einem großen Tumult unter den Studenten, weil die Werber einen Kandidaten weggenommen hatten, der schon ein geistliches Amt versah; in Königsberg wird Scheffner gewahr, daß die Soldaten auf ihn spekulieren, „weil es ihm mit dem Studieren nicht Ernst zu sein scheint;“ aus Dresden schreibt Prinz August Wilhelm am 16. März 1757, der König habe 150 Mann für die Armee einfach von der Straße wegnehmen lassen, ohne jede Rücksicht, für wen es auch sei; einer Dame, die sich in einer Portechaise tragen ließ, fing man die Träger weg, so daß sie hilflos in ihrem Kasten auf dem Pflaster saß.

Alle diese Werbungen genügten nicht für den Bedarf, und so war jeder Fürst, der eine größere Armee unterhalten wollte, darauf angewiesen, auch im Auslande werben zu lassen. Nur der Kaiser hatte für seine Armee herkömmlicherweise feste Werbebezirke im Reich, die übrigen Reichsfürsten schlugen ihre Bureaus auf, wo immer man es ihnen erlaubte oder nicht erlaubte. Das letztere war für den Werbeoffizier eine kitzliche Angelegenheit, denn wenn rqan ihn erwischte, konnte es Kopf und Kragen, mindestens aber die Freiheit kosten. Die Generalstaaten hängten 1733 in Maestricht einen preußischen Werbeoffizier, der ertappt worden war, wie er versuchte, holländische Soldaten zum Übertritt in preußische Dienste zu bewegen, und wenn Friedrich Wilhelm I. auch zur Revanche einen holländischen Sergeanten über die Grenze locken und in Wesel aufhängen ließ, so machte der Tod des Unschuldigen den Offizier nicht wieder lebendig. Herzog Karl Eugen ließ einen preußischen Werber von Knobelsdorf aufheben und hielt ihn jahrzehntelang auf dem Hohentwiel gefangen, und ähnlich war das Schicksal manches anderen Werbers. Der Kurfürst von Hannover, ein persönlicher Feind seines Schwagers in Preußen, verordnete 1731, preußische Werber sollten als Straßenräuber behandelt werden, „wer einen preußischen -Werber tot oder lebendig einliefert erhält 50 Thaler“. Wo sie geduldet wurden, hatten sie meist mit starker Konkurrenz zu kämpfen, denn in den kleineren Reichsstädten wie z. B. Biberach waren ständig 2 bis 3 Werbebureaus aufgeschlagen. 25 bis 30 fl. war das gewöhnliche Handgeld; „die Preußen“, erzählt Joh. Bapt. Pflug in seinen Erinnerungen eines Schwaben, „zahlten mehr und erhöhten die Wirkung ihrer Überredungskünste durch eine reiche Uniform“.

„Die Werber“, fährt er fort, „waren Unteroffiziere von bester Haltung; eine solch gewichtige Person spazierte stets mit dem Meerrohr einher. Die Wirkung seiner Ansprache an ein taugliches Individuum: ,Hat Er nicht Lust, dem Großen König zu dienen?* Da seid Ihr von allen Sorgen frei, bekommt noch ein gutes Handgeld und‘könnt den Herrn spielen!‘ erhöhte eine mit beispielloser Nettigkeit gehaltene reiche Uniform. An Markttagen entwickelte die Lockung ihren höchsten Reiz. Da wurde ein Werbtisch aufgeschlagen, um den sich die Werber setzten. In großer zinnerner Schüssel lag das Geld aufgehäuft; diese stand mitten auf dem Tisch, von stets gefüllten Weinflaschen umgeben. Soldatenhüte mit stattlichen Federbüschen waren in Bereitschaft, um den Angeworbenen sogleich mit einem solchen versehen zu können. Von Zeit zu Zeit wurde die mit Geld angefüllte Schüssel vom Tisch genommen und in Begleitung der Werber und einiger neu Angeworbenen, welche sich noch in bürgerlicher oder bäuerlicher Kleidnung befanden, aber den Hut mit dem winkenden Busch bereits aufgesetzt hatten, ein Umzug auf dem Markt gehalten; voran eine lärmende Musik.“

Der Tücke und Niedertracht der Werber ist manches Lebensglück zum Opfer gefallen. In Welschtirol raubten sie einen katholischen Geistlichen von ungewöhnlicher Körpergröße direkt vom Altar seiner Pfarrkirche weg; den Großonkel von Karl Julius Weber, der als Kandidat einen Spaziergang vor die Tore Nürnbergs riskierte, fingen die Werber; der Hauslehrer Ernst Moritz Arndts, ein Chemnitzer, war als Student erst von preußischen Werbern gepreßt worden und fiel dann den Schweden in die Hände, die ihn in ihre Dienste nötigten. General von Krockow nahm 1773 den Schulmeister in Neukirch mitten aus dem Unterricht fort, weil er 5 Fuß, 9 Zoll, 3 Strich messe und zu Lehrern kleine Leute genügten. Als der Mann sich nicht beruhigen will und mit einem Gesuch bis an den König geht, erhält er außerdem noch 40 Stockprügel extra. Ebenso verfuhr Major von Lengefeld mit zu großen Lehrern. Kandidat Neugebauer, ein Gesinnungsgenosse des frommen Bo-gatzky, will von Glaucha als Missionar nach Malabar gehen, unterwegs aber fangen ihn preußische Werber und zwingen ihn, Soldat zu werden. Ein vollkommener Menschenhandel wird in Deutschland eingeführt, mit Preisen, die sich wie auch sonst nach Angebot und Nachfrage regeln. Friedrich Wilhelm I. bot seinen Schwiegersöhnen von Ansbach und Bayreuth 30 Tlr. ,,für jeden nackten Kerl“, ebensoviel pro Kopf wollte Friedrich der Große dem Herzog von Württemberg für etwa 3000 bis 4000 Mann zahlen. Im Siebenjährigen Kriege galt ein Infanterist 96 fl., ein Kavallerist 288 fl. und im Jahre 1772 war der Preußenkönig genötigt, seine Offerte zu erhöhen; er schrieb der Großen Landgräfin, daß er ihrem Mann jeden seiner Hessen mit 60 Tlr. bezahlen wolle, ln Augsburg, erzählte Schlözer, ließen die bischöflichen Vögte alle Fußreisenden verhaften und verkauften sie an die preußischen Werber.

Auch darin diente Preußen den anderen als Beispiel; wohin der „reisende Weißgerbergeselle“ auf seiner Wanderung durch Deutschland auch kommt, überall soll er mit Gewalt zum Soldaten gemacht werden, und er kann sich dieser Gefahr jedesmal nur durch schleunige Flucht entziehen. Die Österreicher galten für die menschlichsten Werber, und bei den Preußen würde Lauckhardt, der im Roten Ochsen zu Frankfurt a. M. ihnen in die Hände fiel, wohl nicht das Glück gehabt haben, wieder losgelassen zu werden. Sonst machten sie auch wenig fangen die Werber alle Handwerksburschen weg, die sich auf dem Schiff befinden, und Pflug erzählt, daß „wenn die Ammänner der vorderösterreichischen Gemeinden einen oder zwei Rekruten zu stellen hatten, so pflegten sie in der Nacht einen ausgewachsenen Hintersassen heimlich zu überfallen, auf einen Leiterwagen zu binden und an das k. k. Oberamt abzuliefern. War keiner da, so faßte man einen fremden Knecht oder man reiste nach Oberdischingen zum Malefiz-Schenk und kaufte sich von ihm zwei Spitzbuben um 100 fl.“

Die Kleinen unter den Großen trieben auch hier die Sache auf die Spitze. Landgräfin Karoline von Hessen will sich bei ihrem Manne einschmeicheln und glaubt das nicht besser tun zu können als durch das Geschenk eines Mannes, den sie 1762 in Bergzabern kauft und ihm nach Pirmasens schickt; zwar ist er nicht mehr jung, und ein Finger der linken Hand ist auch schon beschädigt, aber sie hofft auf Nachsicht, sie hat keine bessere Qualität bekommen. Auch liier treffen wir Herzog Karl Eugen unter denen, die am rücksichtslosesten vorgingen. Als er die 6000 Mann, auf die Frankreich ein Anrecht hatte, stellen sollte, betraute er den berüchtigten Oberst Riegger mit der Aufgabe, sie so schnell wie möglich zusammen zu bringen. Der ließ Bauern, Tagelöhner, Handwerksburschen mit Gewalt einfangen, holte sie ausdem Bett, vom Pfluge, aus Werkstatt und Kirche.

1758 erging ein Befehl, „alle, die ein liederliches Leben führen, Trunkenbolde, Rä-sonneure, Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile Aufwiegler und andere dem Publikum zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und 5 Fuß 8 Zoll hoch sind, zum Militär zu liefern, denn hier würden sie gehorchen und ruhig und vernünftig werden“. Wer sich loskaufen wollte, mußte 50 bis 100 fl. zahlen; diejenigen aber, die ausgedient hatten, wurden durch Gefängnis, Hunger und Prügel gezwungen, weiter zu dienen. Ein Landesvater ähnlichen Schlages war der Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel, der 1762 das preußische Kantonsystem in seinem Territorium eingeführt hatte und eine Armee auf dem Friedensfuß von 16000 Mann erhielt. „Jeder robuste Bauernsohn,“ schreibt Strombeck, „wurde unter die Regimenter gesteckt, und die Felder wurden von Krüppeln, Kindern, Greisen und Weibern bestellt, welches sogar Einfluß auf die Menschenrasse zeigte: nirgends waren die gemeinen Weiber häßlicher als in Hessen“. Beklagten sich Eltern über die Wegnahme ihrer Söhne, so wandert en sie ins Zuchthaus. Lauckhardt erzählte, daß ihm 1776 bei Gelegenheit einer Wanderung durch Hessen die halbnackten Kinder nachliefen und sich beklagten, daß ihre Väter nach Amerika geschickt würden und ihre armen, verlassenen iMütter und alten, abgelebten Großväter das Land bauen müßten. In Vach fiel Seume den Werbern des Landgrafen in die Hände. „Niemand/“ schreibt er in seinem „Leben“, „war damals vor den Handlangern dieses Seelenverkäufers sicher; Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt“. Man zerriß seine Ausweispapiere, und mit Studenten, Kaufleuten, Handwerkern, Beamten, Mönchen und Deserteuren anderer Armeen teilte er das Schicksal, unter den Hessen-Kasselschen Truppen dienen zu müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Stimmung unter den Soldaten herrschen mußte, die auf diese Weise zusammengebracht waren, und daß die Versuchung übergroß war, sich seinem Schicksal durch die Flucht zu entziehen. In der Tat spielte die Desertion eine große Rolle, und auch die drakonischsten Strafen haben nicht von ihr abzuschrecken vermocht. Man schnitt Deserteuren Nasen und Ohren ab, schmiedete sie in Ketten und schickte sie lebenslänglich auf Festung zu schwerster Arbeit, die gewöhnlichste Strafe aber war das Spießrutenlaufen, bei dem ein Deserteur achtmal.eine.Gasse von 200 Mann durchmessen mußte, beim drittenmal traf ihn der Tod. Man suchte sich wohl durch allerlei Vorsichtsmaßregeln zu sichern. So versprach ein preußischer Werbeoffizier 1743 durch Anzeige im Frankfurter Intelligenzblatt jedem, der kapitulieren würde, 100 Rtlr., verlangte aber für jedes Jahr. 100 fl. Kaution, und Lauckhardt, der von Halle aus seinen Vater in der Pfalz besuchen will, muß 150 Rtlr. Kaution hinterlegen, ehe er Urlaub erhält. Vor allem versicherte man sich der angeworbenen Mannschaften durch die strengste und genaueste Überwachung. Sie durften ihre Garnisonsorte nicht verlassen und hatten jedermann, der ihnen außerhalb begegnete. Rede und Antwort über ihr Vorhaben zu stehen. Ertönte die Lärmkanone, so hieß das soviel als „ein Soldat ist entflohen!“ und dann mußte die ganze Umgegend auf die Jagd nach dem Deserteurgehen. Württemberg hat sein „Deserteurattrapierungsreskript“ vom Jahre 1757 dem preußischen nachgeschrieben, mit der Übertreibung, die sich für die kleineren Verhältnisse schickte. Die Gemeinden Württembergs mußten in solchen Fällen Posten ausstellen, die alle Wege und.Stege bewachten; wegen eines Deserteurs mußte Tübingen 106, Herrenberg 94, Röblingen 101, Besigheim 48 Mann als Wachen ausstellen. Wer einem der Unglücklichen geholfen hätte, wäre ins Zuchthaus gekommen. Und trotzdem war die Desertion nicht auszurotten, glaubte doch jeder, seine Lage durch einen Wechsel-zu verbessern, und die Zerrissenheit des Reiches in so unendlich viele kleine Territorien erleichterte die Flucht jenseits der Grenzen. Man vergegenwärtige sich, daß im 18. Jahrhundert Kursachsen bis dicht an die Tore Berlins reichte! Der Rat von Frankfurt a. M. beklagte sich bitter, daß „viele angeworbene Mousquetiers mit völliger Montur auch mit Ober- und Untergewehr desertieren“ und ersucht alle Nachbarn, sie festzuhalten. Aber selbst der Generalpardon, den er 1734 allen Deserteuren verspricht, die sich wieder einfinden werden, scheint nichts gefruchtet zu haben; die Nachbarn machten sich eben kein Gewissen daraus, fremde Deserteure zu engagieren. Das Militär in Münster bestand nach Justus Grüner zum großen Teil aus ausländischen Deserteuren, „die ebenso schnell wieder desertieren“. Bei den Truppen, mit denen Seume zusammen befördert wurde, befand sich eine ganze Abteilung, die nur aus preußischen Deserteuren gebildet war, „sie sprachen beständig vom Alten Fritz und Seydlitz und Schwerin und dünkten sich nichts Kleines“. Da man sich gar keine Gedanken darüber machte, Ausländer in die Armee aufzunehmen — Friedrich II. glaubte, ohne weiteres die gefangene sächsische Armee unter die preußischen Truppen stecken zu können—»andrerseits auch die mit Zwang unter das Militär geratenen Männer nicht grade mit Leib und Seele bei der Verteidigung einer Sache waren, die sie im Grunde nichts anging, so war der Prozentsatz, den die Heere durch Desertion als Verlust erlitten, recht beträchtlich. Als Herzog Karl Eugen sich mit seinen Regimentern in Marsch setzt, desertieren Hunderte; in der ersten Schlacht, die die Württemberger mitmachen, es war Leuthen, wo sie gegen die Preußen fochten, betrug ihre Einbuße 134 Tote, 160 Verwundete und 1832 Deserteure! Als der Feldmarschall Lascy 1767 dem Kaiser sein Regiment vorstellen will, desertieren am Abend zuvor 400 Mann, und die Besichtigung fällt ins Wasser. Fürst Josef Wenzel von Liechtenstein bildete aus lauter preußischen Deserteurs ein Regiment, das er am 4. Dezember 1744 der Kaiserin Maria Theresia vorführt.

Diese Sorte Truppen ‚war gefährlich. Friedrich Wilhelm I. wollte das Herz brechen, als 1730 in Potsdam eine Verschwörung der „langen Kerls“ entdeckt wurde, welche die Residenz hatten.in Brand stecken und dann gemeinsam desertieren wollen; in Berlin hatten 159 300 russische, schwedische, österreichische und französische Deserteure, die dem Regiment Lüderitz angehörten, ein Komplott angezettelt, um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, und ähnliche Pläne konnten in Magdeburg vereitelt werden, ehe die Festung dem Feinde überliefert war. Die trostlose Erscheinung, daß Härte und Grausamkeit zu Desertionen und Aufständen führten, und Desertionen und Aufstände eine Verschärfung der Behandlung nach sich zogen, war der traurige und eintönige Kreislauf, aus dem der Absolutismus des 18. Jahrhunderts keinen Ausweg fand.

Das ganze Militärwesen war ein Staat im Staate, nicht nur mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Kirchen und Schulen, sondern auch mit eigenen Sitten. Allerdings entfernten ihn die hier herrschenden Anschauungen und der im Verkehr von Vorgesetzten zu Untergebenen üDliche Ton von dem übrigen bürgerlichen Leben so weit, als hätten Abgründe dazwischen gelegen. „Kanton-Aushebung“, so läßt sich Nettelbeck in seiner Lebensgeschichte vernehmen, „war eine Schreckenszeitung für alle Eltern jener Zeit. Diese entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte aber auch ihre genügsame Rechtfertigung in der heillosen und unmenschlichen Art, womit die jungen Leute beim Exerzieren, zumal von den dazu angestell-ten Unteroffizieren, behandelt wurden. Unter den Fenstern ihrer Eltern selbst, auf öffentlichem Markt, wurden sie von diesen rohen Menschen bei solchen Einübungen mit Schieben, Stoßen und Prügeln aufs grausamste mißhandelt, oft nur, um sie die Autorität

fühlen zu lassen, oft aber auch wohl in der eigennützigen Absicht, von den Angehörigen Geschenke zu erpressen. Es war ein kläglicher Anblick, wenn die Mütter hei solchen Auftritten in Haufen daneben standen, weinten, schrieen, baten und von den Barbaren rauh abgeführt wurden. Wer es irgend vermochte, entzog sich dieser Sklaverei lieber durch die Flucht ins Ausland.“ Als die Familie Trosiener eines Tages wieder ihr Landhaus vor den Toren Danzigs besucht, entdecken Mutter und Töchter zu ihrem Entsetzen, daß die Preußen vor ihren Fenstern den Übungsplatz eingerichtet haben, „wo unter Schimpfen, Fluchen und Prügeln vom Morgen bis zum Abend Rekruten exerzierten, und die Fuchtel blutjunger Offiziere auf den Rücken alter Soldaten niederfiel“. Als sie dann noch den Spießrutenmarsch anhören müssen, fliehen sie und verlangen nie wieder hinaus.

1789 erzählte der damals 54 Jahre alte Herder dem Ober-konsistorialrat Böttiger, daß er aus seinen Jugendtagen noch immer die empörenden militärischen Exekutionen und Korporalsmißhandlungen in der Erinnerung habe, dadurch sei ihm der preußische Adler auf immer verleidet worden. Um so mehr, weil er selbst .als Sohn eines Dorfschullehrers in seinem Kantonsbezirk beim Militär eingeschrieben war und täglich die peinigende Aussicht hatte, ausgehoben werden zu können. Jahrelang lebte er deswegen in beständiger Unruhe. Man versteht dann, daß der schon genannte Silberschlag erzählt, wie sein Vater täglich mit ihm auf den Knien betete, Gott möge ihn weder so groß noch so stark werden lassen, als daß er imstande sei, die Waffen zu führen. Daher beim Bürgerstand jene unüberwindliche Abneigung gegen das Militär, die sich durch Haß und Furcht kompliziert. Als’ein .Vetter von Karl Friedrich Bahrdt zu den Husaren geht, entsteht in Leipzig das Gerücht, es handle sich um ihn. Sofort steht in der Zeitung: „Eben verbreitet sich die traurige Nachricht, daß unser guter Doktor Bahrdt das Herzeleid erlebt hat, seinen ältesten, hoffnungsvollen Sohn zu verlieren. Er ist ihm entlaufen und unter die Husaren gegangen.“ Als Lauckhardt sich 1783 in Halle anwerben ließ, schrieb ihm Professor Semler, „er hätte dergleichen nicht unternehmen können, wenn er nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte“. Die am meisten charakteristische Geschichte aber erzählt doch Büsching. Ein Berliner Predigersohn geht mit 14 Jahren freiwillig zum Militär, gegen den Wunsch der Eltern, besonders der Mutter, die offen ausspricht, sie wolle ihn lieber tot sehen wie als Offizier. Als er eben ins Feld ziehen ¦ soll, besucht er die Eltern und spaltet ihnen auf Wunsch eine Partie Holz. Dabei hat er das Unglück, sich schwer am Bein zu verletzen. Die Mutter kommt dazu, und als sie den Verwundeten ohnmächtig in seinem Blute liegen sieht und ihn für tot hält, kniet sie nieder und dankt Gott mit Freudentränen, daß er ihren Wunsch erfüllt habe. Der Ritter von Lang sollte als Knabe eine Freistelle auf der Hohen Karlsschule in Stuttgart bekommen, seine Angehörigen aber konnten sich nicht dazu entschließen, diesen Vorteil wahrzunehmen, „weil die Zöglinge exerzieren und Uniform tragen müssen“.

ln bezug auf die Mißhandlungen der Soldaten wurden zwar höheren Orts Parolebefehle erlassen, wie die des Feldmarschall von Möllendorf, der sich 1785 sehr lebhaft gegen die „Idee einiger Offiziers, den gemeinen Mann durch Barbarei tyrannisches Prügeln, Stoßen und Schimpfen zu seiner Schuldigkeit anzuhalten“, wandte, aber da er ihn schon drei Jahre darauf wiederholen mußte, beweist das, wie gering der Erfolg war. Im Ernstfall ist es wohl manchem Soldatenschinder schwer aufs Herz gefallen, daß er sich zu weit hatte fortreißen lassen, wie denn der Oberst von Stranz, der bei dem Sturm auf den Ziska-Berg fiel, zu seinen Soldaten sagte: „Kinder, ich habe euch oft mißhandelt, vergebt mir!“ aber nachher glitschte ihnen eben doch wieder die Hand aus. Es war ein Grundsatz des Generals von Saldern: „Derbe Hiebe sind gute Exerziermeister,“ und der Ritter von Lang sah noch 1798—99 in Rastatt zu, „wie die badischen Hauptleute unter seinem Fenster die Sklaven ihrer Wachplantage alle Tage mit dünnen Röhrchen durchpeitschen ließen“, ln dem stillen kleinen Weimar war die Volkswut kaum zu bändigen, wie Schiller 1788 an Körner schrieb, als der Rittmeister Freiherr von Lichtenberg einen Husaren seiner Schwadron durch 75 Stockprügel hatte zu schänden richten lassen, und der Herzog brauchte seine ganze Autorität, um den Offizier zu schützen, ln Bruchsal, der Residenz eines geistlichen Fürsten, war vor dem Tore für die Soldaten ein hölzerner Esel mit messerscharfem Rücken aufgestellt, auf dem sie zur Strafe ein bis zwei Stunden mit einer Kanonenkugel an jedem Bein sitzen mußten. Wie militärische Gerichtshöfe mit ihren Untersuchungsgefangenen verfuhren, das erzählt Johann Dietz, der als Regimentsfeldscher mit brandenburgischen und anderen Truppen um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert umherzog. Er schreibt: „Ich habe mein Tage dergleichen Tortur, damit die Delinquenten zum Bekenntnis gebracht wurden, nicht gesehen. Indem Solchen die Hände und Beine gebunden, über die Kniee oder Beine gespannet und ein Stock durchgesteckt, item ein Strick mit 3 oder 4 Knoten um den Kopf mit einem Prügel zugerädelt und immer besser angezogen. Auf die Weis sie alles herausbrachten. Und dies hießen sie den polnischen Bock. Und gewiß, sie lagen da wie ein Klotz und wurden mit den Beinen umgestoßen wie ein Klump, sie verkehrten die Augen im Kopf, wurden ganz dumm und bekennten alles, sie brummten wie ein Ochse/‘ Die einzige Erklärung für die unmenschliche Behandlung liegt eben darin, daß man glaubte, eine bunt zusammengewürfelte Menge von Männern aus aller Herren Länder, aus allen Berufen und Altersklassen, nur durch eine eiserne Strenge regieren zu können. Wenn das Reglement, das der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach 1722 für seine Mannschaft erließ, ihnen ausdrücklich Stehlen, Rauben, Plündern, Vollsaufen, Straßenraub, Mordbrennen, Notzucht, Blutschande, Sodomiterei verbieten zu müssen glaubte, so fällt damit ein merkwürdiges Licht auf den moralischen Zustand dieser Truppe. Unter den Soldaten waren viele, erzählt Karl Friedrich von Klöden, der zwischen ihnen aufwuchs, die sich nur hatten anwerben lassen, um dem Zuchthause zu entgehen. „Alle Disziplinareinfichtungen waren so getroffen, als ob das ganze Heer nur aus Menschen bestünde, die allein durch barbarische härteste Strafmittel notdürftig in Ordnung zu halten seien, und diese Strafen wurden mit Unbarmherzigkeit angewendet/‘ „Bei aller Gewöhnung an die unwürdigste Mißhandlung“, fährt er fort, „mußte die unmenschliche Behandlung den Soldaten das Leben entleiden.“ Viele schnitten sich in ihrer Verzweiflung den Hals ab; verbluteten sie nicht, wurde die Wunde genäht, und sie mußten, wenn sie geheilt waren, 12mal Spießruten laufen. Andere ergriffen den Ausweg und töteten ein Kind, um als Mörder hingerichtet zu werden, das war nach der allgemeinen Anschauung eine geringere Sünde als der Selbstmord, indem ein unschuldiges Kind sogleich in den Himmel gelange.

Den deutlichsten Begriff von dem inneren Zustande der preußischen Armee und dem Leben und Treiben ihrer Angehörigen unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges geben die Aufzeichnungen Ulrich Bräkers aus dem Toggenburg-schen, den ein Landsmann einem preußischen Werbeoffizier in die Hände spielte. „Seine Exzellenz, Leutnant Markoni“ schickt ihn dann als seinen Diener nach Berlin, wo dem Betrogenen zu spät die Augen aufgehen. Wir geben ihm das Wort.

„Es war den 8. April als wir 1756, zu Berlin einmarschierten, und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns angelangt war. Labrot, denn die andern verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte, wo sie hinkamen, transportierte mich in die Krausenstraße, in Friedrichsstadt, wies mir ein Quartier an und verließ mich kurz mit den Worten: ,Da, Mousier, bleib Er, bis auf fernere Order!‘ Der Henker! dacht ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus! Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwei andere Martissöhne befanden. Nun ging’s an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch könnt ich ihre Sprache nicht recht verstehn. Ich antwortete kurz, ich komme aus der Schweiz, und sei Sr. Exzellenz des Herrn Leutnant Markoni Lakai, die Sergeanten haben mich hieher gewiesen, ich möge aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, daß ich hätte weinen mögen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldwebel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausbreitete, legte ein Sechsgroschenstück dazu und sagte: ,Das ist für dich, mein Sohn! Gleich werd ich dir noch ein Kommißbrot bringen/ ,Wa$? für mich?‘ versetzt ich, ,von wem? wozu?‘ ,Ei! Deine Montierung und Traktement, Bursche! Was gilt’s da Fragens? Bist ja ein Rekrute.‘ ,Wie, was? Rekrute?‘ erwidert ich. ,Behüte Gott! da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein, in meinem Leben nicht. Mar-konis Bedienter bin ich. So hab ich gedungen, und anders nicht. Das wird mir kein Mensch anders sagen können.‘ ,Und ich sag dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh dir dafür. Da hilft jetzt alles nichts.‘ Ich. Ach, wenn nur mein Herr Markoni da wäre. Er. Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein als seines Leutnants? Damit ging er weg. ,Um Gottes willen, Herr Zittemann!‘ fuhr ich fort, ,was soll das werden?‘ »Nichts, Herr!‘ antwortete dieser, ,als daß Er, wie ich und- die andern Herrn da, Soldat und wir folglich alle Brüder sind, und Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt und Ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis er content ist.‘ Ich. Das war, beim Sacker! unverschämt, gottlos. Er. Glaub Er mir’s auf mein Wort, anders ist’s nicht und geht’s nicht. Ich. So will ich’s dem Herrn König klagen. Hier lachten alle hoch auf. Er. Da kömmt Er sein Tage nicht hin. Ich. Oder wo muß ich mich sonst melden? Er. Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst. Ich. Nun so will ich’s probieren, ob’s so gelte? Die Bursche lachten wieder, ich aber entschloß mich wirklich, morgens zum Major zu gehn und meinem treulosen Herrn nachzufragen.

Sobald also der Tag am Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das dünkte mich ein königlicher Palast und der Major der König selbst zu sein, so majestätisch kam er mir vor, ein gewaltig großer Mann, mit einem Heldengesicht und ein paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: ,Herr Major! Ich bin Herrn Leutnant Markonis Bedienter. Für das bin ich angeworben, und sonst weiters für nichts. Sie können ihn selbst fragen. Ich weiß nicht, wo er ist. Jetzt sagen’s da, ich müsse Soldat sein» ich wolle oder nicht.‘ ,So!‘ unterbrach er mich, ,so ist Er das ’saubere ‚Bürschchen! Sein feiner Herr hat uns gewirtschaftet, daß es eine Lust ist, und Er wird wohl auch seinen Teil gezogen haben. Und kurz, jetzt soll Er dem König dienen, da ist’s aus und vorbei.‘ Ich Aber, Herr Major! Er. Kein Wort, Kerl! Oder die Schwerenot! Ich. Aber ich hab ja weder Kapitulation noch Handgeld! Ach! Könnt ich doch mit meinem Herrn reden! Er. Den wird Er so bald nicht zu sehn kriegen, und Handgeld hat Er mehr gekost’t als zehn andre. Sein Leutnant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin oben an. Eine Kapitulation soll Er haben. Ich. Aber — Er. Fort! Er ist ja ein Zwerg, daß— Ich. Ich bitte. Er. Kanaille! scheer Er sich zum Teufel. Damit zog er die Fuchtel. Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier, das ich vor Angst und Not kaum finden konnte. Da klagt’ ich Zittemann mein Elend in den allerhöchsten Tönen. Der gute Mann sprach mir Mut ein. .Geduld, mein Sohn! Es wird schon alles besser gehen. Jetzt mußt dich leiden, viel hundert brave Bursche aus guten Häusern müssen das gleiche tun. Denn gesetzt auch, Markoni könnte und wollte dich behalten, so müßt er dich doch unter sein Regiment abgeben, so bald es hieß: ins Feld, marsch! Aber, wirklich, einstweilen würd er kaum einen zu nähren imstande sein, da er auf der Werbung ungeheure Summen verzehrt und dafür so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich unsern Oberst und Major schon oft lamentieren gehört, man wird ihn gewiß nicht mehr so geschwind zu derlei Geschäften brauchen. So tröstete mich Zittemann, und ich mußt’s wohl annehmen, da mir kein besserer Trost übrig blieb. Nur dacht ich dabei, die Großem richten solche Suppen an, und die Kleinen müssen sie aufessen.

Des Nachmittags brachte mir der Feldwebel mein Kommißbrot nebst Unter-und Übergewehr und fragte, ob ich mich nun eines Bessern bedacht. ,Warum nicht?‘ antwortete Zittemann für mich, ,er ist der beste Bursch von der Welt.‘ Jetzt führte man mich in die Montierungskammer, paßte mir Hosen, Schuh und Stiefeletten an und gab mir einen Hut, Halsbinde und Strümpfe. Dann mußt ich mit noch zwanzig andern Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Alan führte uns in ein Gemach so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. • Fin Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten, ich regte mein Maul nicht, dachte dafür was ich gern wollte, ich glaubte an Ännchen; er schwang dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Atittagsessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt ich zwei Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch vier übrig; mit diesen sollt ich vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zwei hin. Bei dieser Überrechnung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: ,Es wird dich schon lehren. Jetzt tut es nichts, hast ja noch allerlei zu verkaufen!

Per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar doppelt armiert, das läßt sich alles versilbern. Auch kriegen solche junge Burschen oft noch eine Traktements-Zulage, und kannst dich deswegen beim Obrist melden. ,Oh oh! Da geh ich mein Tage nicht mehr hin,“ sagt ich. „Potz Velten!‘ antwortete Cran, ,du mußt mal des Donners gewohnt werden, sei’s ein wenig früher oder später. Und dann der Menage wegen nur fein aufmerksam zugesehn, wie’s die andern machen. Da heben’s drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirnen und kochen selbst. Des Morgens für einen Dreier Fusel und ein Stück Kommißbrod. Mittags holen sie in der Garküche für ein andern Dreier Suppe, und nehmen wieder ein Kommiß. Des Abends für zwei Pfennige Kovent oder Dünnbier und abermals Kommiß.“ Aber das ist, beim Strehl, ein verdammtes Leben/ versetzt ich, und Er: Ja! So kommt man aus und anders nicht. Ein Soldat muß das lernen, denn es braucht noch viel andre Ware: Kreide, Puder, Schuhwachs, Öl, Schmiergel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind. Ich: Und das muß einer alles von den sechs Groschen bezahlen? Er: Ja! und noch viel mehr, wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehr putzen und so fort, wenn er solche Dinge nicht selber kann. Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche hatt ich noch Vakanz. Ich ging in der Stadt herum, auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum Voraus der Angstschweiß von der Stirne tropfte. Ich bat daher Zittemann, mir zu Hause die Handgriffe zu zeigen. „Die wirst du wohl lernen/ sagte er, ,aber auf die Geschwindigkeit kömmt’s an. Da geht’s dir wie ein Blitz!‘ Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las i mH alleschen Gesangbuch oder betete. Dann spaziert5 ich etwa an die Spree und sah hundert Soldatenhände sich mit Aus-und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen, oder auf die Zimmerplätze, da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner. Ein andermal in die Kasernen, da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gabs deren, die spielten, soffen und haselierten; andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten; etwa auch einer, der in einem erbaulichen Buch las und’s den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging’s eben so her. Kurz, in Berlin hat’s unter dem Militär, wie, denk ich freilich, in großen Staaten überall, Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Regionen, von allen Charakteren, und von jedem Berufe, womit einer noch ebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann.

Die zweite Woche mußt ich midi schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regimente Itzenblitz, die beiden erstem vollends unter der nämlichen Kompagnie Lüderitz befanden. Da sollt ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase, Mengke mit Namen, marschieren lernen. Den Kerl mocht ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mir gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manövrierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton. Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert’ ich in einer Stunde mehr als sonst in zehn Tagen.

Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von ein-gebrachten Deserteurs, die, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fässer versteckt, dennoch ertappt wurden. Da mußten wir Zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken, — wie sie des folgenden Tages wieder dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergerissen, und wie wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich uns zitternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: ,Die verdammten BarbarenV Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch hier war des Fluchens und Karbatschens von prügelsüchtigen Jünkerleins und hinwieder des La.-mentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber Jahr ein Jahr aus so koujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie geschraubt stehn, in die Kreuz und Quer pfahlgrad marschieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit furiosem Gesicht und aufgehobnem Stock vor uns stand, und alle Augenblick wie unter Kabisköpfe dreinzuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der geduldigste rasend werden. Kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging’s schon wieder über Hals und Kopf, unsre Wäsche zurecht zu machen und jedes Fleckchen auszumustern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel.“

War es ein Wunder, daß der brave, betrogene Schweizer bei solchen Erfahrungen die erste Gelegenheit wahrnahm, um in Gesellschaft vieler Leidensgefährten davonzulaufen und es dem Großen König überließ, seine Schlachten zu schlagen, mit wem er wolle?

Wie schlecht war auch im Felde für die Soldaten gesorgt. Während des Feldzugs in der Champagne ließ der Herzog von Braunschweig den Soldaten aus den eroberten französischen Magazinen in Longwy Tabak, Branntwein und Speck reichen. Das meiste wurde aber, wie Lauckhardt schreibt, von den Herren, die es verteilen sollten, an die Marketender verkauft, -auch alle Strümpfe, die den Soldaten zugedacht waren, von den Offizieren an Kaufleute verschoben. Zur Entschädigung ließ man dann in der Champagne Kreide brechen und verteilen, und ein Parolebefehl verkündete: Seine Majestät schenke diese Kreide den Soldaten. Sie mußten sie sonst zum Weißen des Lederzeuges von ihrem Gelde kaufen. Wer das Unglück hatte, an die Engländer verkauft zu werden, hatte vollends auf menschliche Behandlung keinen Anspruch mehr. Bis zur Küste wie Zuchthäusler, unter Bedeckung und ohne Waffen transportiert, erzählt Seume, „wurden wir in den englischen Transportschiffen gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe. Im Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gradestehen und im Bettverschlage nicht grade sitzen. Wenn vier in dem Bettkasten lagen, waren sie voll, Nummer 5 und 6 mußten hineingezwängt werden. Es war für den einzelnen unmöglich, sich umzuwenden und ebenso unmöglich, auf dem Rücken zu liegen.“ Die Kost war knapp und schlecht und stets die gleiche, Erbsen und Speck. Das Schiffsbrot, das die Engländer den Franzosen im siebenjährigen Kriege (15 Jahr zuvor!) abgenommen hatten, war voller Würmer, die sie mit essen mußten, das Wasser die reine Jauche, man mußte sich beim Trinken die Nase zuhalten. So waren sie 22 Wochen unterweges.

Verwundete waren so gut wie verloren. Prinz August Wilhelm schreibt aus Prag am 13. Mai 1757 voll Schauder über den entsetzlichen Zustand der Feldlazarette, in dem die Blessierten fünf Tage lang liegen müssen und immer noch nicht verbunden waren, aber ein Menschenalter später macht Lauckhardt dieselben Erfahrungen in dem Feldzug in der Champagne, wo er von den preußischen Feld–lazaretten, ihrer Unordnung, ihrem Mangel an allem Notwendigen, der Unmenschlichkeit der Chirurgen ein grauenvolles Bild entwirft.

Es ist lange Zeit alles beim Alten geblieben, und das Alte war weder für den Soldaten gut noch für das Zivil. Die Kavallerie lag auf dem flachen Lände bei den Bauern im Quartier, der der Willkür des Soldaten schutzlos überlassen war. Der Quartiergeber empfing zwar eine Vergütung von 2 Tlr. monatlich, die Ausgaben aber, zu denen er sich gezwungen sah, beliefen sich im Durchschnitt auf 4 bis 5 Tlr.

Die Infanterie lag in den Städten. Da Kasernen noch Ausnahmen waren, so wohnten die Soldaten durch die ganze Stadt zerstreut. Das gab mitunter sonderbare Bilder, z. B. in Potsdam, das Friedrich der Große doch ganz voller Palastfassaden gestellt hatte. Atoore wundert sich, daß selbst aus den Fenstern der ansehnlichsten Häuser Hosen, Westen und andre Wäschestücke der Soldaten zum Trocknen herausgehängt sind, und die gleiche Erscheinung bot Berlin dar. In Halle lagen zu Lauckhardts Zeit immer zwei unverheiratete Soldaten bei einem Verheirateten, der ihnen Holz, Licht und Bett geben muß, dafür aber den königlichen Service zieht; in Magdeburg und andern Orten wohnte der Soldat bei den Bürgersleuten. Nicht zu deren Freude. Hören wir den Barbier Johann Dietz über diesen Punkt.

Er schreibt in seinen Erinnerungen:

„Wir sind leider nun vierundzwanzig Jahr mit harter Einquartierung beleget worden. Und da habe ich auch viel Drangsal von Soldaten, Unteroffizieren und deren Weibern ausgestanden. Insonderheit, weil mich meine Frau und ihr Schwiegersohn bei den Predigern und in der ganzen Stadt, vor einen sehr reichen Mann von vielen tausend Talern ausgeschrieen. Daher die Soldaten bei mir alles vollauf haben wollten! Wann das nun nicht erfolgete, taten sie mir allen Tort und Herzeleid. Und ist nicht zu beschreiben, wie sie mich gequälet haben und noch quälen. Alter Schelm! alter Spitzbube! alter Racker! alter, verfluchter Geizteufel! sind meine besten Titul; meine Kinder werden von ihren Kindern gestoßen und geschlagen; alles unter der Hand weg; die Stuben vom starken Einheitzen in Brand gesteckt; den Garten verwüst und die Bäume mit Urin, ja damit den Boden und Stube überschwembt; salvo’honore vor meine Stuben hofieret, vor und in die Küche, vor den Ofen, da ich ihnen habe einheitzen und darein knieen müssen; Spiegel und Ofen zersprengt; Schüssel und Töpf entzweigeschlagen, zum Fenster naus-geworfen; aus meiner Küche mit Gewalt andere genommen, und was ihnen angestanden von kupfernen und irdenen Tiegeln und Töpfen und Feuerzeug; die Betten des Morgens lassen aus dem Hause tragen, Federn ausrappen usw. Trotz, daß ich ein Wort sagen dürfen, gleich mit dem Pallasch überloffen!

Sechsundzwanzig Hühner und Truthühner sind mir in einer Nacht gestohlen, die Köpfe in’n Garten geschmissen; wie ich hernach erfahren: Kindtauf dabei gemacht!

Einen Monat habe ich ihnen Holz, Öl, Salz, Essig, Pfeffer, Schwefel usw. in großer Menge geben müssen. Davon haben sie so viel Vorrat gesammlet, daß sie den andern Monat gnug gehabt. Da haben sie Geld vor Servis zwanzig Groschen und mehr des Monats erpreßt, wann ich Friede und Ruhe haben wollen.

Sind nicht zufrieden gewesen mit guten Bette und Kammer, sondern habe sie in meine Wohnstube einlegen müssen. Da haben sie ihre gewaschene Hosen und Stipulet usw. zum Fenster ausgehangen und, salvo honore, zur Dankbarkeit, wann ich ihnen bei Gelegenheit der Meisterstück der Barbier Wein, Bier und Braten gab, mitten in die Stube hofieret und die Fenster eingeschlagen; wie der Unteroffizier Wangenheini mir getan. Aber auch nun sein’n Lohn bekommen! Wie es insgemein von Gott gestraft wird. Sonst ist und hilft kein Klagen und will niemand helfen.“

Waren Kasernen vorhanden, so erhielt jeder verheiratete Unteroffizier eine Stube und eine Kammer, in die man zwei der schlimmsten Ausländer legte, für die er verantwortlich war. Um die angeworbenen Soldaten an die Garnison zu fesseln, erlaubte man ihnen zu heiraten, was die Regimenter dann um einen großen Troß von Weibern und Kindern vermehrte. Die sächsiche Armee, die 1790 30000 Mann stark war, zählte damals 20000 Kinder, und es war in Preußen kaum anders. Friedrich Wilhelm I. hatte in Potsdam das Militärwaisenhaus gegründet, in dem die Waisen und Kinder von Soldaten erzogen wurden; die 2000 bis 3000 Zöglinge, die es fassen konnte, wurden aber als billige Arbeitskräfte den Fabriken in der Stadt und Umgebung überwiesen; „jüdische Blutsauger beuteten sie in einer Weise aus, daß eine ungeheure Sterblichkeit die notwendige Folge war,“ ein Prediger nannte die Anstalt einst eine Alürdergrube. Diese Schar von Weibern und Kindern vermehrte das städtische Proletariat, denn abgesehen davon, daß ein verheirateter Soldat von seiner Löhnung überhaupt nicht existieren konnte, so stand es einem Kompagniechef noch außerdem frei, den dritten Teil seiner Kompagnie zwangsweise auf vier Monate zu beurlauben. In dieser Zeit floß der Sold der Beurlaubten in seine Tasche, und die Leute konnten sehen, wo sie blieben. Klöden entwirft ein schreckliches Bild von der Not, in die die Seinen dadurch ganz unverschuldet gerieten. Lauckhardt macht sich bei seinem Kapitän sehr beliebt, als er Stadturlaub nimmt; er erwirbt seinen Lebensunterhalt durch Sprachstunden und läßt jenem das Traktament. Die Hauptleute aber waren oft genug selbst nicht auskömmlich gestellt und auf derartige Manipulationen zur Erhöhung ihrer Einkünfte angewiesen, denn da in der preußischen Armee alle höheren Offiziere bis zum Generalleutnant hinauf ihre Kompagnien behielten und deren Einkünfte mit 4000 Tlr. jährlich zogen, so übernahm an ihrer Stelle ein Hauptmann zweiter Klasse die Führung, der nur 500 Tlr. bekam. Da ein Hauptmann alles für seine Mannschaft Nötige zu beschaffen hatte, so trachtete er natürlich darnach, alles so wohlfeil einzukaufen wie möglich, und er bevorzugte daher diejenigen Soldaten und Unteroffiziere, die imstande waren, sich eigene Monturen zu halten; einmal sah die Truppe hübscher aus, und dann kostete sie ihn weniger. Not und Knauserei an allen Ecken und Enden des Systems, so daß Friedrich von der Trenck sich zu der Behauptung versteigt: „Alle Soldaten der preußischen Armee, Offiziere und Unteroffiziere, sind bestechlich.“ Als man während seiner Gefangenschaft in Magdeburg seine Wachen änderte, verlor er seine besten Freunde. ,,Es währte aber nicht lange,“ schreibt er, „so hatte ich schon wieder zwei andere durch Geld gewonnen, welches mir leicht fiel, weil ich den Nationalcharakter kenne und zur Landmiliz nur arme oder unzufriedene Offiziere gewählt werden konnten.“

Eine Armee, von der ein überwiegend großer Teil, auch während er unter den Fahnen stand, bürgerlichem Erwerb nachging, war nicht grade von sehr kriegerischem Geist erfüllt, sie zog das Daheimbleiben entschieden dem Ausrücken vor. „Der Krieg ist den Soldaten noch etwas Neues,“ schreibt Baron Bielfeld am 15. Dezember 1740 aus Berlin. „Als der Befehl zum Aufbruch der Armee kam, kratzte sich ein alter Hauptmann, der seit dem nordischen Kriege nicht aus seiner Garnison gekommen war, hinter den Ohren und rief: Schon wieder marschieren!“ Grade 50 Jahre später macht Lauckhardt die gleiche Beobachtung, als die Mobilmachung von 1790 erfolgt. Er schiebt den Umstand, daß der „preußische Soldat weit un-gerner ins Feld geht als irgendein anderer“ auf das Verehelichtsein der Mehrzahl und ihr Betreiben bürgerlicher Berufe in Ackerbau und Gewerbe. Woher hätte diesen Leuten Stimmung und Sinn für ihren Beruf kommen sollen? Sie sangen nach Lauckhardts Zeugnis:

Fürs Vaterland zu sterben

Wünscht mancher sich;

Zehntausend Taler erben,

Das wünsch’ ich mich.

Das Vaterland ist undankbar,

Und dafür sterben?

0, du Narr!

Der größte Übelstand blieb immer die Zusammensetzung der Armee aus Inländern und Ausländern, zweier Elemente, die sich nicht vereinen ließen, weil Gefühle, Interessen und Behandlung nicht die gleichen waren. Während aber bei allen, die nicht dazu gehörten, das Gefühl des Mitleids mit denen überwog, die ihr unglücklicher Stern unter das Militär geführt hatte, Edelmann sah in Potsdam „sehr viele unter den Grenadieren, die wohl ein besser Schicksal als die Muskete verdient zu haben schienen“, so werden doch schon manche Stimmen laut, welche die erziehliche Wirkung der Militärzeit auf den Mann durchaus zu schätzen wissen. „Die eingeborenen Soldaten sind nicht so gefühllos und steif, als man die preußischen Soldaten zu schildern pflegt,“ schreibt Riesbeck, „im Gegenteil, es herrscht viel guter .Wille, viel Liebe zum König und zum Vaterland unter ihnen. Da sie während der Zeit ihres Urlaubs andere Beschäftigungen als mit dem Gewehr, und mit andern Leuten als mit ihren Korporalen und Kameraden Umgang haben, so sind sie auch runder, belebter und freier in ihrem Betragen als die geworbenen Fremden.“ Justus Grüner fiel bei seiner Reise durch Westfalen der Unterschied auf, der zwischen den Landleuten des preußischen Teils und denen der katholischen Stifte bestand. Diese fand er am ungebildetsten, während jene zivilisiert, reinlich, pünktlich und gebildet erschienen. Das Verdienst davon schreibt er lediglich der militärischen Organisation zu, weil in Friedenszeiten drei Vierteile der eingeborenen Soldaten sehn Monate lang auf Urlaub in der Heimat weilten. Die Beurlaubten wie die Entlassenen brächten Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Ordnungsliebe und Bildung mit zurück. Das war auch ein Grund, der den Minister von Hertzberg unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. veranlaßte, auf Säuberung der Armee von allen Ausländern zu dringen. Durchgesetzt hat sie erst der Zusammenbruch von 1806.

Wenn man sich Überlegt, daß während des ganzen 18. Jahrhunderts doch nur der Kaiser und einige der größeren Reichsstände imstande waren, selbständige Politik zu treiben, so taucht ganz unwillkürlich die Frage auf: Zu welchem Zweck hielten sich die Fürsten doch Heere, die zu Kräften, Mitteln und Zwecken ihrer Territorien in so auffallendem Mißverhältnis standen?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Um sie ans Ausland zu verkaufen. Unter den schönen Ausdrücken „Allianz“ oder „Subsidien-Verträgen“ verbarg sich der Menschenhandel en gros, denn die Herren haben die Männer, die sie einzeln mit so großer Mühe aufbrachten, wenn sie als Regiment zusammengestellt waren, mit großem Vorteil an den Meistbietenden verkauft oder vermietet. Dieses Geschäft begann schon im 17. Jahrhundert. Die Grafen Waldeck überließen ihre Leute an Venedig für die Türkenkriege, Herzog Friedrich I. von Gotha gab“den Generalstaaten von Holland 1689 ein Kavallerieregiment für 20000 Tlr. und versorgte den Kaiser und Kursachsen mit Mannschaft, aber das 18. Jahrhundert ist so recht eigentlich erst die Zeit eines schwunghaften Soldatenhandels deutscher Fürsten mit dem Ausland geworden. Sie waren alle daran beteiligt, denn wenn das größere Odium auch auf Hessen-Kassel, Braunschweig, Waldeck, Anhalt u. a. fällt, so fehlt doch auch Preußen nicht in dieser Reihe. Es hat während des spanischen Erbfolgekrieges eine Reihe seiner Regimenter, darunter von Schölten, von Budberg, von Romberg den Holländern überlassen und den deutschen Kleinfürsten damit das übelste Beispiel gegeben. Auf 14 Millionen Taler veranschlagt man die Summen, die König Friedrich I. durch das Verleihen seiner Truppen einnahm. Seit Friedrich Wilhelm J. Regierungsantritt ist das nicht mehr vorgekommen, aber die Grafen, Markgrafen, Landgrafen, Fürsten und Herzoge unter den deutschen Reichsständen haben England, Holland, Frankreich und den Kaiser mit Männern versorgt; sie lieferten ihre Ware so gewissenhaft, daß sie oft genug beide im Streit liegenden Parteien bedienten, wie denn unter dem Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel während des österreichischen Erbfolgekrieges hüben und drüben Hessen fochten, und es nur einem Zufall zu verdanken war, wenn sie nicht direkt gegeneinander im Feuer standen. Das Haus Hessen-Kassel steht unter den Menschenhändlern unbestritten an der ersten Stelle, weit länger wie ein Jahrhundert haben die Regenten aus dieser Familie ihre Untertanen wie das Vieh verkauft, und wenn die Hessen des ehemaligen Kurfürstentums heute die Wilhelmshöhe und ihre großartigen Bauten betrachten, so haben sie wirklich ein Recht, sich als Besitzer zu fühlen, an jedem Stein kleben Blut und Tränen ihrer Voreltern, die in fremde Sklaverei verkauft wurden, um ihren Landesherren ein prunkvolles Heim zu schaffen. Karl I. beginnt den Reigen. Er verkaufte 1687 tausend Mann an Venedig, 1702 neuntausend an die Seemächte, 1715 zwölftausend an England und schloß 1726 einen sogenannten Subsidicn-Vertrag mit England, den sein Nachfolger, Landgraf Friedrich I., der gleichzeitig König von Schweden war, erneuerte. Er empfing von Großbritannien von 17)0 bis 1750 ein und eine Viertel Million Pfund Sterling für die Soldaten, die er für die englischen Kriege zur Verfügung stellte. Der größte Geschäftsmann war Landgraf Friedrich II., dem England für 12000 Mann jährlich 772600 Tlr. zahlte. Der Reinverdienst des Landgrafen soll nach Friedrich Kapp in zehn Jahren vier Millionen Tlr. betragen haben, und vielleicht belief er sich noch höher, da der Fürst einen kleinen Schwindel nicht scheute und sich mehr Mann bezahlen ließ als er lieferte. Jeder Tote wurde ihm außerdem mit 51 Tlr. 15 Groschen bezahlt. Er ist es, der Hessen entvölkerte, umseinen Betrieb in Gang zu halten. Und dabei schrieb dieser selbe Seelenverkäufer einen „Katechismus für Fürsten“ und schickte ihn zur Begutachtung an Voltaire. Der greise Patriarch von Ferney überhäufte ihn nach seiner Art mit Lob, als er ihn aber schmeichlerisch einen Zögling des großen Preußenkönigs nannte, antwortete ihm dieser voll Empörung: „Wäre der Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Untertanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.“ Der Sohn dieses Menschenhändlers, Landgraf Wilhelm IX., von dem man wohl gesagt hat, er habe alle üblen Eigenschaften deutscher Fürsten in sich vereinigt, trat ganz in die Spuren seines Vaters. Er war in Hessen-Kassel noch gar nicht zur Regierung gekommen, sondern residierte noch als Graf in Hanau, da verkaufte er seine Landeskinder schon an England. Die auf diese Weise erhaltenen Gelder wanderten in die Kassen von Meyer Amschel Rothschild, der für den Fürsten gewinnbringend zu spekulieren wußte.

Bot sich die Gelegenheit, so gingen auch die übrigen deutschen Groß- und Kleinfürsten Subsidien-Verträge mit ausländischen Mächten ein. Der Markgraf von Bayreuth, Schwager Friedrichs des Großen, erhielt von Frankreich von 1751 bis 1759 jährlich 45000 Tlr., der Kurfürst von Bayern bis 1768 über acht Millionen, der Kurfürst von Köln von 1751 bis 1761 mehr als sieben Millionen, der Kurfürst von Sachsen von 1750 bis 1763 fast neun Millionen Francs. Württemberg zog vor dem Siebenjährigen Kriege 1% Millionen von Frankreich und während desselben 714 Million; die Kurpfalz vor 1757 5/4 Million und nach diesem Zeitpunkt noch mehr als 11 Millionen Francs. Dafür hatten ihre Truppen Frankreich zu Gebot zu stehen und mußten auf deutschem Boden gegen deutsche Brüder für die französischen Interessen fechten.

Die Hochkonjunktur für den Handel mit deutschem Männerfleisch trat aber erst ein, als der Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Staaten gegen England ausbrach. Großbritannien wäre in diesem Kampfe ohne Truppen gewesen, wären ihm nicht die deutschen Fürsten beigesprungen. Es begann ein Wettlaufen unter ihnen, und der englische Unterhändler, Oberst William Fawcitt, der 1775 auf dem Kontinent weilte, konnte sich der dringenden Angebote garnicht erwehren. Die Herren arbeiteten mit allen Tricks geriebener Schacherjuden und suchten einander übers Ohr zu hauen, wo sie irgend konnten. Als der Landgraf von Hessen-Kassel hört, England werde von Kurpfalz 4000 Mann kaufen, macht er darauf aufmerksam, daß diese 4000 Pfälzer ja katholisch seien und England doch nicht ein solches Risiko laufen könne, so viele Katholiken in seine Dienste zu nehmen. Zwar waren die armen Pfälzer alle reformiert, während der edle Landgraf selbst eben katholisch geworden war; bei der gänzlichen Ahnungslosigkeit der Engländer aber erreichte er seinen Zweck, sie verzichteten auf die Pfälzer und kauften lieber Hessen. In demütigen Briefen bettelte der Markgraf Karl Alexander von Ansbach darum, sich doch auch an den Lieferungen für die englische Armee beteiligen zu dürfen, und als er es endlich erreicht hat und seine Ansbacher im Augenblick der Einschiffung in Ochsenfurt meutern und sein Geschäft in Frage kommt, da übernimmt der hohe Herr in eigener Person die Führung des Transports und stellt sich mit geladener Flinte an Bord auf, solange bis er seine Ware lebend und frisch und vollzählig abgeliefert hat. Sie zeigten sich nicht einmal sehr reell; Herzog Karl I. von Braunschweig, der drei Bataillone verkaufte, eins von Landeskindern, die beiden andern aus aller Herren Länder zusammengestohlen, kleidete seine Truppen so schlecht, daß sie schon bei der Ankunft in Portsmouth völlig abgerissen waren, Mäntel besaßen sie überhaupt nicht. Es war dieser selbe Landesvater, der die englische Regierung bat, seine in Gefangenschaft geratenen Leute doch ja nicht in die Heimat zurückkehren zu lassen, dadurch werde ihm das Geschäft verdorben. Übrigens hatten die Lieferanten noch Schwierigkeiten genug, ihre Waren in den nächsten Hafen zu bringen; auf dem Rhein ließen die Kurfürsten von Mainz und Trier die Schiffe mit Rekruten schließ- lich nicht mehr durch, und auch der Preußenkönig hat ihnen die Ausreise nicht erleichtert; daß Friedrich der Große aber von den verkauften Hessen den Viehzoll erhoben habe, bei dem Durchmarsch durch Preußen, ist nur eine gut erfundene Anekdote. Insgesamt haben Braunschweig, Hessen-Kassel, Hanau, Ansbach, Waldeck und Anhalt-Zerbst etwa 30000 Mann an England verkauft, von denen 12500 die Heimat nicht wiedergesehen haben. England zahlte bar £5 73 5 908 für diese Männer und hatte alle Unkosten für ihren Unterhalt und ihre Bewaffnung zu tragen. Was dieses Treiben doppelt schmählich und schmerzlich empfinden läßt, ist die Erwägung, daß die Sache, gegen die alle diese armen verkauften Deutschen zu kämpfen hatten, die war, welche in ganz Deutschland mit der größten und allgemeinsten Sympathie begrüßt wurde. In den Staaten der Union wurde dadurch in jener Zeit und noch lange nachher, der Name „Hesse“ der Inbegriff niedriger und knechtischer Gesinnung. Erstaunlich genug ist, daß diese Truppen sich in Amerika tapfer geschlagen haben, und Desertionen unter ihnen zu den Seltenheiten gehörten.

Zu Ende war der Menschenhandel damit noch keineswegs, Herzog Karl Eugen von Württemberg ging noch 1786 einen Subsidien-Vertrag mit Holland ein. Er erhielt für ein Regiment von 1982 Mann pro Kopf 160 fl. und jedes Jahr noch 65000 fl. Die Offizierstellen ließ er sich mit 700 bis 1000 fl. bezahlen. Als sich das Korps, das 1787 nach dem Kap der Guten Hoffnung abging, in Marsch setzte, dichtete Schubart sein berühmtes Kaplied, das damals in aller Munde war:

„Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark,

Der Abschiedstag ist da!“

Als der Prinz Cond 1792 seine berüchtigte Emigranten-Armee aufstellte, überließ ihm Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel alle Zuchthäusler seines Landes zum festen Preise von 100 Tlr. pro Kopf.

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung
Deutschland im 18. Jahrhundert – Ackerbau und Industrie

Deutschland im 18. Jahrhundert

Drittes Kapitel

Im Deutschland des 18. Jahrhunderts war noch das Gleichgewicht zwischen Ackerbau und Gewerbe erhalten, beschäftigen sich doch etwa zwei Dritteile der Bevölkerung mit dem Landbau, und selbst ein großer Teil der Städter betrieb neben seiner gewerblichen Tätigkeit Feldwirtschaft und Viehzucht, wenn auch in bescheidenem Umfang. Die Mehrzahl der deutschen Städte, wenige große Handels- und Residenzstädte ausgenommen, waren von Ackerbürgern bewohnt. Die Landwirtschaft überwog, aber es ist ihr die längste Zeit doch nur sehr geringe Aufmerksamkeit zugewendet worden, Gutsbesitzer und Bauern blieben alten Gewohnheiten treu und wurden in ihrer instinktiven Abneigung gegen Neuerungen vielfach auch durch die Regierungen unterstützt. In Österreich untersagte das Gesetz dem Besitzer von Grund und Boden sogar ausdrücklich jegliche Neuerung; Ackerfelder und Weinberge mußten in ihrem Zustand verbleiben und durften nicht einmal verbessert werden. Dieser Flurzwang herrschte auch in Württemberg, wo die Landwirte genötigt waren, einen im wesentlichen gleichen Fruchtbau mit gleicher Bestellung, Aussaat und Erntefristen inne zu halten. In Bayern lagen 5000 Bauernhöfe öde und blieb ein Drittel des Landes unbebaut. Zu dieser Vernachlässigung tat die Regierung durch die Finanzwirtschaft das Ihre, so mußte nach Westenrieder ein Bauer, der ein Gut von etwa 1500 fl. an Wert übernahm, 456 fl. Sporteln zahlen, die Inventur- und Kommissionskosten ungerechnet. In Sachsen gab es 1792 noch 535 Wüstungen aus den letzten großen Kriegen; der Schaden, den der 30 jähr. Krieg angerichtet, war auch nach 100 Jahren noch lange nicht wieder gut gemacht. Überall herrschten noch die alten Methoden und die hergebrachte Form der Beackerung, meist die sogenannte Dreifelderwirtschaft, die nach zweijährigem Anbau mit Winter-und Sommerfrucht dem Acker ein Jahr Ruhe gönnte, um sich zu erholen. „Die besten Felder“, schreibt Riesbeck bei seinem Besuche Kurbayerns, „bleiben oft 4 bis 6 Jahre brach liegen, aus Gewohnheit, keine Ahnung von Wiesenbau und Stallfütterung. In Brandenburg-Preußen hat erst Friedrich der Große mit seinem tatkräftigen Interesse für. die Landwirtschaft Wandel zu schaffen gesucht. Wenn er den landwirtschaftlichen Betrieb auch bis ins Kleinste zu überwachen suchte, um ihn leiten zu können, so wußte er die Sache doch am rechten Ende anzupacken, indem er den Landwirten billiges Geld verschaffte. Hatten sie sonst die geliehenen Summen mit 12% verzinsen müssen, so erlangten sie jetzt durch das Eingreifen des Königs Darlehen zu 5%. Friedrich II. hat allein 800 Dörfer neu gegründet und sich eingehend mit allen Angelegenheiten der landwirtschaftlichen Verwaltung befaßt. Als aufgeklärter Despot.zwang er, wo es nötig war, die Leute zu ihrem Glück, und er erlebte es sogar noch, daß die mit Gewalt Beglückten einsahen, daß der Alonarch im Recht gewesen war und sie im Unrecht. So ging es beispielsweise mit der Kartoffel, die in der Oberpfalz seit 1716 angebaut wurde. In den K. K. Erblanden hatte die Kartoffel schon ihren Einzug gehalten, seit 1734 in Böhmen und Schlesien, seit 1740 in Mähren, seit 1741 in Krain; in Brandenburg-Preußen war sie noch eine ziemlich unbekannte Frucht, wenn sie in Berlin auch schon seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in den Gärten kultiviert wurde. Nettelbeck erzählt in seiner Lebensgeschichte, daß Friedrich II. 1745 die ersten Kartoffeln als Geschenk nach Kolberg schickte und sie gratis unter die Bevölkerung verteilen ließ. Sie waren völlig unbekannt, und der Magistrat, der die Verteilung vorzunehmen hatte, stellte sich bei diesem Geschäft so ungeschickt an, daß sie fast alle verdarben. Im nächsten Sommer wurde eine „Kartoffelschau“ gehalten, bei der die Bauern bestraft wurden, die sich beim Anbau widerspenstig gezeigt hatten. Dadurch wurde das neue Gewächs natürlich nicht beliebter. Indessen war der König klug geworden, und als ei ein Jahr darauf abermals eine Sendung Kartoffeln schickte, ließ er sie von einem schwäbischen Landwirt, namens Eilert, begleiten, der den Leuten Anweisung erteilen mußte, wie sie bei der Aussaat und Ernte zu verfahren hätten. Die Pfarrer mußten von den Kanzeln Predigten zugunsten der Kartoffeln halten und doch ist es in Pommern zu richtigen „Kartoffelkriegen’* gekommen und in dieser Provinz soll Friedrich erst 1785 in der Nähe von Stargard die ersten Kartoffeln im freien Felde gesehen haben. In Schlesien zwang Graf Schlabrendorf in den ersten Jahren des siebenjährigen Krieges die Domänenbauern durch Exekution zum Anbau der neuen Frucht und seit 1763 mußten die Kammern auf königlichen Befehl durch Landdragoner vigi-lieren lassen ob die Bauern auch Kartoffeln pflanzten. Im übrigen Deutschland hatten die Jahre 1771 bis 1772 mit ihrem Mißwachs und der großen Teuerung, die sie im Gefolge hatten, gelehrt, welch dankbare Frucht die zuerst so verkannte Kartoffel sei, sie hatte ihre Unentbehrlichkeit als Volksnahrungsmittel glänzend bewiesen.

Der Getreidebau gewisser deutscher Gegenden zog großen Nutzen aus der Tatsache, daß Ergland mit jedem Jahr, welches das Jahrhundert fortschritt, mehr Weizen einführen mußte. Zu diesen Ländern gehörte vor allem Mecklenburg, das so günstige Exportmöglichkieten zur See besaß. 1730 versicherte der Oberlanddrost von der Lühe, daß Mecklenburgische Güter, die zu Anfang des Jahrhunderts 12 bis 20000 Tlr. gekostet hätten, jetzt für 60 bis 80000 Tlr. verkauft würden.

Diese Steigerung der Güterpreise nahm so zu, daß die Hufe Landes, die früher mit 5 bis 6000 Tlr. bewertet wurde, 1804 20 bis 30000 Tlr. galt  so daß die Güter im letzten  Jahrzehnt des 18. Jahrh. ihre Besitzer oft 4 bis 5 mal gewechselt haben. Dem Futterbau ist große Aufmerksamkeit gewidmet worden, besonders machte sich Joh. Christian Schubart, der unter dem Namen „von Kleefeld“ geadelt wurde, um den Anbau des Klees verdient. Das von ihm bewirtschaftete Mustergut Murchwitz in Sachsen wurde das Versuchsfeld, auf dem die Erweiterung des Futterbaus, die Sommerstallfütterung und die Veredlung des Viehs mit großem Erfolge ausgeprobt wurden. Neben Schubart tritt Albrecht Thaer als Reformator der Landwirtschaft hervor. Er lehrte den Betrieb mit dem Auge des wissenschaftlich geschulten Beobachters ansehen und begründete seit 1784 ein naturgemäßes System der Landwirtschaft auf Grund einer zweckmäßigen Kultur des Bodens. Durch Einführung des Fruchtwechsels im Feldbau beseitigte er die Dreifelderwirtschaft, hob die Erträgnisse, führte eine vermehrte Futterproduktion herbei und bewirkte durch die Stallfütterung die Steigerung der Nutzung des Viehs. Schlechten Fruchtboden machte er der Schaf zucht nutzbar und erzielte durch Lehre und Beispiel, daß der kleine landwirtschaftliche Musterbetrieb, der er bei Celle anlegte, weithin belebend wirkte und dazu beitrug, die deutsche Landwirtschaft von uralten Mängeln zu befreien. Die Wichtigkeit, welche die französische Aufklärung, namentlich die Physiokraten, dem Landbau zuerkannten, weckte überall das Interesse für ihn. Die physikalisch-ökonomische Gesellschaft, die 1770 in Mannheim entstand, entfaltete eine Tätigkeit, die alle Ergebnisse der Forschung sofort in die Praxis übertrug. Sie legte in Siegelsbach eine Musterwirtschaft an und konnte sich schon 1774 in eine landwirtschaftliche Lehranstalt großen Stils umwandeln. Selbst in den K.K. Erblanden entstanden seit 1764 in allen Provinzen Vereine, die aufklärend wirkten, den Anbau von Klee und Flachs begünstigten und dem Fortschritt zugute kamen. In Sachsen hob man die Schafzucht durch Einführung spanischer Merinos, in Holstein entwickelte sich eine blühende Viehzucht, in der Kurpfalz wurde der Anbau von Krapp und Hopfen gefördert und die Kultur der südlichen Früchte: Mandeln, Nüsse, Edelkastanien, denen das milde Klima so günstig ist, nach Kräften unterstützt, in Württemberg ließ Herzog Karl Eugen die ersten Baumschulen anlegen, um den Obstbau zu fördern, und zumal in Baden hat Markgraf Karl Friedrich sein ganzes Leben an die Verbesserung der Landwirtschaft gesetzt. Um bei der Einführung der Futterkräuter, der Stallfütterung, einer rationellen Wiesenkultur, dem Anbau neuer Handelsgewächse, der Verbesserung der Rebsorten, der Veredlung der Viehrassen und anderen ähnlichen Maßregeln die Untertanen nicht kopfscheu zu machen, sondern zu gewinnen, zog man Vögte und Schultheiße in das Interesse, denn als echter Schüler der Physiokraten wollte der Markgraf am liebsten überzeugen und nicht zwingen. Die Förderung der Obstkultur machte das ganze Land zu einem blühenden Garten und die sorgfältige Pflege, die den badischen Forsten zugewendet wurde, während der würt-tembergische Nachbar in seinen Wäldern den übelsten Raubbau trieb, entzückte die Reisenden. Riesbeck, der aus dem speyerischen Bruchsal nach Baden gelangte, schreibt: „die Waldung ist ein-auffallender Beweis von der Vorzüglichkeit einer Erbregierung gegen die Verwaltung eines Wahlfürsten/‘ ln Hans Carl von Carlo-witz begrüßte Deutschland seinen ersten wissenschaftlichen Forstwirt, und noch im Laufe des Jahrhunderts entstanden auch die ersten forstwissenschaftlichen Lehranstalten auf deutschem Boden; 1770 die Berliner, 1772 jene in Wernigerode, 1785 die in Kiel.

Mochte immerhin ein gewisser Fiskalismus bei der Förderung der Landwirtschaft mit sprechen, so waren die Herrscher in dieser Tätigkeit wenigstens soweit unbeschränkt, als sie mir mit Eigensinn und Halsstarrigkeit der Individuen zu tun hatten, wendeten sie dagegen ihre Aufmerksamkeit der Industrie zu, und fast alle Regenten des Jahrhunderts sahen grade in ihr die wahre Quelle ihrer Stärke und suchten mit aller Macht das Volk zur Industrie zu erziehen, so stießen sie auf den gesammelten Widerstand einer mächtigen Fraktion, der Zünfte. Das Beispiel Englands, dessen Größe und dessen Reichtum sich auf Handel und Industrie gründete, wirkte außerordentlich verführerisch und legte den kontinentalen Herrschern den Wunsch nahe, es dem Inselvolke nachzutun. Ihrem Streben nach Manufakturen und dem heißen Bemühen um die Errichtung von Fabriken standen aber die Zünfte im Wege, die jedes Gewerbe am Aufschwünge zu hindern wußten. Im frühen Mittel-alter entstanden, hielten sie noch das ganze 18. Jahrh. hindurch die Gewerbe mit ihrem engherzigen Monopolgeist im Bann. Bis in die absurdesten Kleinigkeiten hinein regelte die Zunftverfassung den Betrieb eines Handwerkes und ordnete den Entwicklungsgang eines Handwerkers von dem Beginn seiner Lehrzeit bis zur Bahre. Die Aufnahme eines Knaben als Lehrling war nicht nur abhängig von seiner ehelichen Geburt, in vielen Orten, zumal den Reichsstädten wie z. B. Nürnberg, waren die Handwerker sogenannte „gesperrte“, d. h. es durften nur Söhne von Bürgern in einem Handwerk ausgebildet werden und sie mußten bei ihrer Aufnahme eidlich geloben, daß sie sich nur in ihrer Vaterstadt niederlassen würden und ihre Kunst auch nur wieder Kindern ihrer Heimat lehren wollten. Die Söhne niederer städtischer Beamten waren unfähig, als Lehrlinge in ein besseres Handwerk aufgenommen zu werden; Leineweber, Müller, Bader, Barbiere galten z. B. für Gewerbe einer niederen Qualifikation. Die Dauer der Lehrzeit war lang und schwankte zwischen 2 bis 6 Jahren. Die Lossprechung war mit allerlei Zeremonien verknüpft, die zum Teil unwürdig und zum Teil lächerlich waren und Geld kosteten. Der Losgesprochene, der nun auf Wanderschaft gehen mußte, war gezwungen, sich an die Gesellenbrüderschaft seines Gewerbes zu wenden und um Aufnahme zu bitten, die ihm nur nach harten Prozeduren gewährt zu werden pflegte. Die Wanderzeit der Gesellen dauerte zwangsmäßig 3 bis 5 Jahre, und nur den Söhnen von Meistern wurde nachgesehen, wenn sie bloß 1 Jahr auf Wanderschaft gingen. Ehe der Geselle nach Absolvierung seiner Wanderjahre Meister werden konnte, mußte er wieder pflichtgemäß eine zeitlang bei einem ortsansässigen Meister arbeiten, was man mit „muten“ bezeichnete. Um die Meisterschaft zu erwerben, mußte der Geselle ein „Meisterstück“ anfertigen und hohe Gebühren erlegen. Es wurde alles daran gesetzt, die Vorbereitungszeit auf die Meisterschaft so lang wie möglich hinauszuziehen und den Eintritt in das Gewerbe tunlichst zu erschweren. Dabei waren die Lehrlinge zu bloßen Handlangern geworden, die ihre eigentliche Arbeit oft gar nicht lernten, weil sie durch den häuslichen Dienst bei Meister und Gesellen voll in Anspruch genommen waren. Es kam auch gar nicht darauf an daß der einzelne sein Handwerk gründlich lernte und verstand, man wollte nur, daß er es nach den Vorschriften der Zunft erlernt hatte. Die Absicht der Zünfte war aller Orten, die Ausübung des Gewerbes nur einer ganz kleinen Zahl von Personen vorzubehalten. Deswegen wuchsen die Schwierigkeiten der Aufnahme, man erklärte immer mehr Gewerbe für minder oder für „unehrlich“, erhöhte die Kosten des Eintritts und machte es immer weniger möglich, ein Meisterstück abzulegen, das allen Ansprüchen genügte. Hatte ein Handwerker glücklich alle Klippen umschifft und war in den Hafen der Meisterschaft eingelaufen, so erwartete ihn ein ganzes Netzwerk von Bestimmungen, die die Ausübung seines Gewerbes erschwerten. Er durfte nur eine Werkstatt haben, nur einen Lehrling halten und nur Selbstgefertigtes verkaufen. In Aachen z. B. durfte kein Schneidermeister mit mehr als 4 Gesellen arbeiten, kein Werkmeister auf mehr als 4 Webestühlen weben lassen. Als in den achtziger Jahren ein Metzgermeister in Gotha so gute Zervelatwurst anfertigte, daß er selbst aus Berlin Aufträge erhielt, wurden die anderen Metzger unruhig und beschuldigten ihn, die Schweine durch den guten Gang seines Geschäftes zu verteuern. Der Magistrat in Gotha verbot dem tüchtigen Meister, mehr als eine gewisse Anzahl Schweine im Jahr zu schlachten, und es bedurfte eines Machtspruchs des Herzogs, um dem Mann die Freiheit seines Betriebes zu erhalten. Dieses System von raffiniert ausgeklügelten Hindernissen, das die Freiheit aller Handwerker auf das engste beschränkte und nur eine ganz geringe Anzahl zur Meisterschaft zuließ, hat selbstverständlich nicht verfehlt, die weitesten Kreise unzufrieden mit ihrem Schicksal zu machen. An vielen Orten war die Ausübung eines gewissen Gewerbes oder Handelszweigs an den Besitz bestimmter Grundstücke gebunden, auf dem sie als „Realgerechtigkeit“ hafteten, oder die Befugnis, ein Gewerbe auszuüben, mußte hoch bezahlt werden. In Bayern wurde die Ausübung der Gewerbe und Handwerke dadurch schließlich das Erbteil gewisser Familien, ein Bann, der erst 1799 gebrochen wurde. Dieser Modus, der das Betreiben derselben natürlich noch mehr erschwerte, weil er es mit hohen Kosten belastete, war in ganz Österreich eingeführt. In Wien kostete eine Perrückenmacher-Gerechtigkeit 3000 fl., eine Apotheke 3OOOO fl., eine Kaffeehausgerechtigkeit 12000 bis 16000 fl., eine Branntweinergerechtigkeit 800 bis 1200 fl. In Wien hatten sich die Musiker, welche die Tanzmusiken machten, zu einer Zunft, dem Spielgrafenamt, zusammengeschlossen; wer ihm nicht angehörte, hatte nicht das Recht, andern Leuten zum Tanz aufzuspielen. Die Zünfte griffen aber nicht nur in die individuelle Freiheit von Männern ein, die ihrer Vereinigung gar nicht angehörten, sie beschränkten selbst die ihrer Mitglieder auf das alleräußerste. Ein Handwerker, der sich irgend etwas hatte zu schulden kommen lassen, was gegen die Gesetze und Vorschriften der Innung war, wurde „gescholten“, bis er sich mit der Zunft abgefunden hatte. Dazu genügten oft die geringfügigsten Ursachen. Um 1725 haben die Schuhmacher in Krossen einen Meister ausgeschlossen, weil er einen Ritt auf dem Pferde gemacht hatte, welches dem Scharfrichter gehörte; die Schuster in Sommerfeld schlossen einen der Ihrigen aus, weil er mit dem Scharfrichter getrunken hatte. In Bruchsal hatte sich eine Hebamme aus Mitleid mit armen Leuten dazu bewegen lassen, eine Kuh, die ihr Kalb nicht gebären konnte, zu retten, fortan nahm keine Frau mehr ihre Hilfe in Anspruch. Wer einen Erhängten abschnitt, wessen Frau das erste Mal zu früh in die Wochen kam, der mußte darauf gefaßt sein, von seiner Innung gescholten oder aufgetricben zu werden. Und das war durchaus keine Kleinigkeit, denn da eine Liste der Gescholtenen geführt und andern Orten mitgeteilt wurde, so war der Betreffende im ganzen Reich gebrandmarkt. Versuchte ein Meister, sich an diese Verrufserklärung nicht zu kehren, nahm er etwa einen „gescholtenen“ Gesellen an, oder verdingte sich ein Geselle zu einem gescholtenen Meister, so wurde er aufgefordert, das zu lassen, und kam er dem nicht nach, so wurde er nach Ablauf von 2 Wochen ebenfalls „gescholten“.

So kleinlich wie sie ihre Angehörigen überwachten, so ängstlich schlossen sich die Zünfte gegen einander ab, und zogen zwischen ähnlichen oder gleichen Gewerben Grenzlinien, die oft haarscharf verliefen, damit es keinem möglich sein sollte, in das Gebiet des andern hinüberzugreifen. Wehe dem Flickschuster, der es sich hätte einfallen lassen wollen, neue Stiefel zu machen, dem Tuchmacher, der daran gedacht hätte, seine Tuche selbst zu färben. Sattler und Riemer, Grob- und Feinschmiede, Schwarz- und Buntfärber, Tischler und Zimmerleute, deren Arbeiten sich oft so nahe berühren, hatten ihre Gerechtsame und Befugnisse durch oft schon uralte Verträge Zunftbriefe und dergl. festgestellt und gesichert. Selbstverständlich führte das aber zu unhaltbaren Zuständen und zu einem Versinken in die jämmerlichste Kleinigkeitskrämerei. Da die Erlangung der Meisterschaft mit so vielen Kautelen umgeben war, daß nur die wenigsten durch den Stacheldraht der Paragraphen dazu gelangten, sahen sich viele gezwungen, ihrem Gewerbe außerhalb der Zunft als Freimeister nachzugehen, als sogenanr.te „Bönhasen“. An manchen Orten bildeten diese eigentlich „Unzünftigen“ für sich wieder Nebenzünfte, wie die Flickschneider und Flickschuster. Sie mußten widerwillig geduldet werden, durften aber weder Lehrlinge noch Gesellen halten. Wer auch dazu nicht gelangen konnte, war dazu verurteilt, sein Leben lang unselbständig zu bleiben, kein Wunder, daß die Gesellen, die sich in jedem Fortkommen gehindert sahen, immer unbotmäßiger wurden und immer schwerer zu behandeln waren. 1724 erfolgte eine fast gleichzeitige Revolte der Schustergesellen in Wien, Mainz, Stuttgart, Würzburg, Augsburg, die von Arbeitseinstellungen begleitet war. Die Regierungen standen dieser Erscheinung ziemlich hilflos gegenüber und versuchten durch Koalitions-Verbote die Gesellen im Zaum zu halten. 1722 ging Österreich mit einem solchen voran, Hannover folgte 1723, Kursachsen 1724, schließlich, als die Gesellenunruhen immer aufs neue aufflackerten, als die Gesellen, die den „Verruf“ von den Meistern gelernt hatten, ihn nun ihrerseits gegen diese ausübten, setzte sich das Reich „wegen der bey denen Handwerkern entstehenden Insolentien und Widerspenstigkeiten“ in Bewegung und versuchte eine neue Ordnung des ganzen Zunftwesens. Eine Reform der Zünfte erschien schon längst so notwendig, daß sie bei dem Reichstag bereits 1666 angebahnt worden war, aber so wenig, wie die bis zum Jahr 1672 dauernden Verhandlungen damals etwas Brauchbares zustande gebracht hatten, so wenig Nutzbringendes kam dies Mal heraus. Das Reichsgesetz von 1731 war die erste Gewerbeordnung, die alle Zünfte im Reich betraf, aber es beweist, daß man „die Klinke der Gesetzgebung“ nur aus Unbehagen in die Hand genommen hatte. Es war in erster Linie ein Gesetz gegen die Gesellen, die Reformen waren gering, von Gewerbefreiheit natürlich noch gar keine Rede. Der Zutritt zu den Handwerken sollte erleichtert, die unehelich Geborenen nicht länger ausgeschlossen werden; die Lehrlinge sollten nicht mehr so hohe Ein-schreibegebühren zu zahlen haben, die überflüssigen Meisterstücke wären abzuschaffen, Gesellen könnten auch gegen den Widerspruch der Zunft Meister werden. Die Korporationen der Gesellen wurden aufgehoben, jede Koalition als Komplott betrachtet. Alle Zusammenkünfte ohne Vorwissen der Obrigkeit wurden verboten, alle von den Handwerkern eigenmächtig getroffenen Anordnungen für unwirksam erklärt. Gesellen, die sich rottieren würden, drohte das Zuchthaus und die Galeeren, Teilnehmer an einem Gesellenaufstand sollten vogelfrei sein. Wie es in Reichsangelegenheiten stets der Fall war, blieb auch dies.Gesetz ohne Erfolg, es ist nicht.einmal in allen Teilen Deutschlands publiziert worden, so daß es denen, die von ihm betroffen werden sollten, gar nicht zur Kenntnis kam. Die angestrebte Umgestaltung der Zünfte, die sie zu Staatsanstalten machte und der obrigkeitlichen Bevormundung unterwarf, ist von verschiedenen Ständen des Reichs, Brandenburg, Sachsen, Baden, Braun-schweig wenigstens insoweit aufgenommen worden, als sie in ihren Territorien mittelst der Landesgesetzgebung in diese Verhältnisse eingriffen und sie zu regeln suchten. In Preußen wurden zwischen 1734 und 1736 zusammen 61 Generalzunftprivilegien neu ausgefertigt; in Württemberg wurde seit 1758, in Baden seit 1760 eine neue Zunftgesetzgebung durchgeführt,‘ die mit vielem Veralteten aufräumte. Vor allem wurden die Hindernisse sozialen Charakters, die dem Meisterwerden im Wege gestanden hatten, beseitigt, die Länge der Lehr- und Wanderzeit wurde eingeschränkt, das Meisterstück minder kostspielig gemacht, die Begrenzung der Zahl der Meister aufgehoben. Den Zünften wurde die Gerichtsbarkeit, die sie sich angemaßt hatten, genommen, es blieb ihnen nur die Waren- und Werkstattschau, so daß sie auf den Charakter einer gewerblichen Korporation zurückgeführt wurden.

Der Zeitgeist hatte die Grundlagen des Handwerks, soweit sie in den Zünften lagen, noch nicht zu erschüttern vermocht, und Justus Möser, der das als einen Vorzug feststellte, wollte unbedingt am Zunftzwange festgehalten wissen, während der Hamburger Rcimarus 1770, sowie der Bayer Westenrieder für Gewerbefreiheit eintraten. AlsTurgot in Frankreich die Zünfte aufgehoben hatte, erregte dies Vorgehen auch in Deutschland solches Aufsehen, daß die Frage über Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit des Zunftwesens wenigstens in die Diskussion geworfen wurde. Praktisch ist sie im 18. Jahrh. auf deutschem Boden nicht gelöst worden; Gewerbefreiheit wurde zuerst 1808 in Westfalen während der französischen Herrschaft eingeführt.

Der Zustand völliger Unfreiheit, in dem das Zunftwesen alle Produktionszweige erhielt, wies die Industrie, soweit sich eine solche bilden konnte, mit Notwendigkeit darauf hin, sich außerhalb der Zünfte zu entwickeln, das Gewerbeprivileg, das der Entfaltung von Handel und Manufakturen dauernd im Wege stand, führte ganz von selbst zu der neuen Auffassung, die dem Monopolium, das die Zünfte für sich beanspruchten, das Polypolium entgegensetzte, das da lehrte, jeder Mensch müsse frei sein, jede Hantierung treiben zu dürfen. Wo die Zunft Verfassung herrschte, war dem einzelnen nicht einmal erlaubt, so viel Ware herzustellen, wie er wollte oder konnte, der Markt wurde vor dem Angebot gradezu geschützt, denn Konkurrenz fernzuhalten, betrachteten die Zünfte als ihre Hauptaufgabe. Solange das mittelalterliche Wirtschaftsprinzip fortlebte, das der Erzeugung Zügel anlegte, und den freien Wettbewerb ausschloß, war an eine Industrie im modernen Sinne nicht zu denken. Aus dem Handwerk konnte sie sich nicht entwickeln, da die Zünfte ihr die Lebensbedingungen abschnürten und die fehlende Gewerbefreiheit gar keinen Spielraum’der Betätigung frei ließ, sie mußte, da der Zug der Zeit auf die Industrie hindrängte, nicht im städtischen Handwerk Wurzel schlagen, sondern in der Nebenbeschäftigung des Landarbeiters. Stadt und Land waren scharf getrennt, was dort die Menschen ernährte, Handel und Gewerbe, war auf dem Lande zu treiben untersagt, aber da dem Landmann nicht verboten werden konnte, sich in den langen Monaten, in denen die Feldarbeit ruht, zu beschäftigen, so begann er Flachs- und Wollspinnerei, Korbflechten, Stricken, Sticken, u. A. zu treiben. Die deutsche Industrie war ursprünglich eine Hausindustrie, sowohl auf dem Gebiet der Textilien wie auf dem der Spielwaren, der Nadelerzeugung, der Strumpfstrickerei und sonstiger Betätigungen. Anfänglich hatte der Produzent den Überschuß der von ihm erzeugten Waren durch eigenen Hausierhandel vertrieben, erst im Laufe der Zeit schiebt sich der Händler zwischen den Erzeuger und den Abnehmer, und erst damit wächst aus der Zufallsmanufaktur kleiner Leute eine wirkliche Industrie. Die Hergabe des Kapitals sichert dem Händler einen entsprechenden Einfluß auf die Produktion, die er anspornen oder zurückhalten kann. Auf diesem Wege hatte sich das Leinengewerbe Schlesiens entwickelt, das schon seit dem Ende des 16. Jahrh. auf Export arbeitete. Jauer war der Mittelpunkt für den Handel mit einfachen Linnen, Hirschberg das Zentrum für die Schleierstoffe. An diesen Orten wohnten die Händler, während die Weber zerstreut in den Gebirgstälern hausten, ohne zu einem Verband zusammengeschlossen zu sein und ohne einer Zunft oder Innung anzugehören. 172? wurde insgesamt in 287 Orten Schlesiens die Weberei ausgeübt, 1783—86 wurde für etwa 4 1/2 bis 6 Millionen Taler Leinen aus Schlesien ausgeführt, England, Holland, Spanien gehörten zu den regelmäßigen Abnehmern. Insgesamt führte Deutschland an Leinenwaaren für 20 bis 30 Millionen Taler aus, Bielefeld allein für 100000 Tlr., Zittau für eine Million. Auf dem gleichen Prinzip hausindustrieller Tätigkeit beruhte die berühmte Färber- und Zeughandlungskompanie zu Calw in Württemberg. Sie bestand seit 1626 und beschäftigte gegen 1000 Zeugmacher, die ihrerseits wieder 3000 bis 4000 Spinnern und Wollkämmern Arbeit gaben. Sie war eine Aktiengesellschaft und führte ungefähr für eine halbe Million fl. jährlich aus; die Anzahl der Teilhaber wechselte zwischen 23 und 43; nach dem siebenjährigen Kriege zog jeder von ihnen etwa 2000 bis 2500 fl. Reingewinn. Die leichten Wollstoffe, die sie vertrieb, unterlagen im Laufe der Zeit der Baumwolle, die Nachfrage ging so zurück, daß die Gesellschaft 1797 aufgehoben wurde. Die Baumwollenindustrie hatte ihren Hauptsitz in Deutschland im sächsischen Vogtland aufgeschlagen. Es gab in Plauen zwischen 1704 und 1780 bis zu 90 Mitgliedern, die etwa 1000 Webstühle gehen ließen; 1794 beschäftigten etwa 180 Mitglieder zusammen 24000 Köpfe. Der Umsatz auf den Leipziger Messen betrug im Jahr 6000 Stücke, die jeweils 36—40000 Jlr. einbrachten. In Chemnitz beschäftigte eine Kattunfabrik allein 1200 Menschen. 1754 wurde die Zitzfabrikation in Sulz in Württemberg eingeführt, 1764 gab sie 1751 Personen Arbeit. Hausindustrie war auch die Nadelindustrie in Schwabach, die 1787 200 Millionen Nadeln fertigstellte und die Strumpfstrickerei in Erlangen, die 169897 Wirkstühle, 1775 aber 580 im Gang hatte. Die sächsische Strumpfmanufaktur erzeugte 70000 Dutzend im Jahr und außerdem noch Handschuhe.

Zu dem Aufschwung der Industrie hatte die Einwanderung der französischen Hugenotten wesentlich beigetiagen, denn sie führten neue Gewerbe ein, die wie die Bandweberei, die Anfertigung von Passementerien, Hüten, Stickereien, Uhren u. dgl. in Deutschland bis dahin nicht ausgeübt worden waren.

Anfänglich war das Dazwischentreten des Kaufmanns, der den Verkehr zwischen dem Erzeuger und dem Verbraucher vermittelte, für den Produzenten eine Hilfe gewesen, allmählich aber verschob sich die gegenseitige Stellung, und wenn sie auch noch weit entfernt von jener scharfen Scheidung war, die Unternehmer und Arbeiter in der Folgezeit voneinander trennte, so rückte doch der Kaufmann, d. h. das Kapitel an den entscheidenden Platz. Der Hausarbeiter fand es je länger je bequemer, für den Kaufmann allein zu arbeiten und nicht für einen größeren Kreis von Abnehmern; er wurde, ohne es zu wissen, oder zu wollen, Lohnarbeiter. Je stärker sich das Kapital an der Produktion beteiligte, umso schneller ging dieser Prozeß vor sich, der den Regierungen keineswegs entgangen ist. Sie haben, da die fiskalische Politik sich von dem Aufschwung des Fabrikwesens den größten Vorteil versprach, auf ihre Weise in denselben einzugreifen versucht und mit dem Glauben der Zeit an das Allheilmittel der Vorschrift die Industrie von oben her bis ins Kleinste regeln wollen. Man dachte nicht nur die Produktion der Nachfrage anpassen zu können, man wollte auch den Wettbewerb ordnen. Ganz in der Weise der Zünfte wurde mit Verboten und Beschränkungen gearbeitet, die Zahl der Arbeiter sollte nicht beliebig vermehrt werden dürfen, Schwankungen der Löhne suchte man vorzubeugen, bis in die geringfügigsten Einzelheiten gehende Vorschriften regelten Qualität und Quantität des erzeugten Artikels. Im Sinne eines auf die Spitze getriebenen Fiskalismus war es dabei durchaus, wenn einzelne Unternehmer, die besonders kapitalkräftig waren, das ausschließliche Recht erhielten, gewisse Manufakturen allein betreiben zu dürfen, der Gewerbefreiheit also wieder sorgfältig ausgewichen wurde. So befaßten sich die Ordnungen für den schlesischen Leinenhandel, die 1724 und 1742 erschienen, mit den genauesten technischen Bestimmungen hinsichtlich der Länge und Breite der Leinewand, wodurch den mancherlei Unredlichkeiten entgegengearbeitet werden sollte. Das Bestreben, Manufakturen einzubürgern, machte die Regenten oft genug blind gegen ihr eigenes Interesse, man begünstigte sie, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob ihre Entwicklung nicht vielleicht schon vorhandene beeinträchtigen könne wie man denn in Kurbayern die Baumwollerzeugung mit allen Mitteln förderte und dadurch das Tuchmachergewerbe zum Eingehen brachte. 1716 zählte man in Bayern noch 171 Tuchmacher mit 125 Gesellen, 1782 nur noch 99 mit 85 Gesellen. Außerdem schreckte man wie immer in dieser Zeit keineswegs vor Zwang zurück. In Preußen wurde der Bauer genötigt, sein Garn für einen bestimmten Preis an das staatliche Lagerhaus abzugeben, eine Maßregel, die das Produkt gelegentlich unverhältnismäßig verteuerte. Die vielen Beschränkungen bewirkten dann, daß blühende Gewerbe sich von ihrer Heimat wegzogen und nach Orten übersiedelten, wo sie weniger belästigt wurden. So verlor Aachen die Tuchfabrikation an Jülich, Augsburg die Barchentweberei an Kaufbeuern. Die Maschine ist in der deutschen Industrie im 18. Jahrh. noch nicht zur Geltung gekommen, in der sächsischen Baumwollmanufak-tur kommt sie erst seit 1790 zur Anwendung, natürlich englisches Fabrikat, seit 1800 benutzte man die Wasserkraft als Motor.

Vollkommen abgewirtschaftet hatten die alten Reichsstädte, einst die Zentren deutschen Gewerbefleißes. Die Weber Augsburgs, die im 16. Jahrh. noch 6000 gezählt hatten, beliefen sich im 18. Jahrh. nur noch auf 500, die Stadt lebte nur mehr von dem Kleinkram der Heiligenbildchen und Amulette, die zu Hunderttausenden von hier aus in die Welt gingen, protestantische Reisende haben das mit ebensoviel Spott wie Geringschätzung und Erstaunen festgestellt. Nürnberg befand sich allerdings durchaus in der gleichen Lage, es ging ebenfalls immer mehr zurück. Im 16. Jahrh. besaß es 60000 Einwohner, 1740 nur doch 40000, die bis 1780 auf 30000 zurückgegangen waren. Seine Industrie beschränkte sich auf Spielzeug und Kurzwaren, mit denen es die ganze Welt versorgte. Im Gegensatz zu diesen Bezirken, deren Glanzzeit abgelaufen war, entwickelten sich die monarchisch regierten Staaten des nördlichen Deutschland zu blühenden Verhältnissen, Preußen an erster Stelle. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. haben auch das Wirtschaftssystem ihres Landes dem Prinzip .des Absolutismus eingeordnet, das ihnen als das allein richtige erschien; von einer freiheitlichen Entwicklung des Handwerks konnte unter ihrem Szepter nicht die Rede sein. Bei mannigfachen Mißgriffen im einzelnen, denen die Fehlschläge auf dem Fuße folgten, haben sie doch den Gewerbebetrieb ihres Reiches auf eine achtunggebietende Höhe gefördert. Die heimische Eisenerzeugung hatte z. B. eine solche Ausdehnung erfahren, daß 1779 die Einfuhr schwedischen Roheisens verboten werden konnte.

Den Gesamtwert der in Preußen erzeugten Fabrikate schlug man gegen das Ende der Regierung Friedrichs II.auf 30 Millionen Tlr.an. Preußen besaß durch die Gewissensfreiheit, die es den Untertanen gewährte und durch die Garantie der Rechtssicherheit, die es beinahe allein im damaligen Deutschland verbürgte, eine Anziehungskraft, die keiner der andern Staaten sein eigen nannte. Trotz seiner wenig günstigen Lage wurde Berlin ein Brennpunkt industriellen Lebens und begann erfolgreich mit Leipzig, das bis dahin eine ganz außergewöhnlich günstige Stellung eingenommen hatte, zu konkurrieren. Dabei besaß die Monarchie im Jahr 1800 nur vier Städte über 50000 Einwohner und nur 14, die mehr als 10000 Einwohner zählten. Der wachsende industrielle Charakter gewisser Gegenden findet seinen deutlichsten Ausdruck in der Zahl der Einwohner. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. wohnten z. B. im Wuppertal 5000 Seelen auf der Quadratmeile, während man ihrer in Sachsen und Württemberg 3000, in Preußen 1000 und in Pommern nur 800 zählte. Am blühendsten war die Industrie Sachsens, welches ja auch das Glück hatte, durch die Leipziger Messen im Zusammenhang mit dem Welthandel zu stehen. Mirabeau, der Deutschland im Todesjahr des großen Königs bereiste, fand die sächsische Industrie zwar weniger schwunghaft als die preußische, aber dafür auf soliderem Fuße eingerichtet.

Das Beispiel Englands, das durch seine Fabriken und seinen Handel von Jahr zu Jahr blühender und reicher wurde, stach den deutschen Kleinfürsten in die Augen, und sie glaubten, es bedürfe nichts weiter als guten Willen, um in ihren Ländern ebenfalls Industrie und Handel einzubürgern. So wollte Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz Mannheim mit Gewalt zu einer Fabrik- und Handelsstadt machen. Er erklärte den Ort 1736 zu einer freien Handelsstadt und ließ mit höfischer Unterstützung eine Reihe von Luxus-Manufakturen beginnen. Der Erfolg blieb, wie zu erwarten war aus, was den Nachfolger Karl Theodor nicht abhielt, seine Versuche, die Industrie in der Pfalz einzubürgern, fortzusetzen. Dieses Mal war Franken-thal der erkorene Ort. Fhr. Stephan von Stengel, der Kabinettssekretär desKurfürsten schreibt in seinen Erinnerungen über diese Tätigkeit:

,,Der Kurfürst, der alle Zweige belebt wissen wollte, hatte die Manufakturen nicht vergessen. Zu Heidelberg war seit einigen Jahren eine Savonerie-Manufaktur im Gange, die wegen der Kostbarkeit ihrer Arbeiten für den Hof allein arbeitete. Ebendaselbst eine Zizmanufaktur, und seit ungefähr 15 Jahren hatte ein Genfer, namens Regal, die Seidenmanufaktur unter dem Schutze des Kurfürsten, und mit großen Privilegien errichtet. Jetzt war es dem geheimen Sekretär Fontanesi eingefallen, aus Frankenthal eine Fabrik-.und Handelsstadt zu errichten. Die Idee wurde von dem Kurfürsten aufgefaßt und unterstützt. Fontanesi/ der schon mit der Sprache nicht fort konnte, war der Ausführung seiner eigenen Pläne nicht gewachsen, er gesellte sich daher den damaligen Hofkamnierrat von Monbuisson bei. Dieser schlaue und helle, zugleich äußerst tätige Kopf gab der Sache einen Schwung, welchen keine Kraft des Ministeriums mehr auszuschalten imstande war. Alles was nur aus Menschenhänden kommen konnte, selbst Oblaten, sollte ausschließlich in Frankenthal fabriziert, und von keinem Pfälzer anders woher beigeschafft werden, wir hatten daher dort auch Oblaten- und Nudelfabriken. Die Fabriken entstanden und verschwanden wie Pilze. Die meisten erhielten von dem Kurfürsten Häuser, Werkstühle, Werkzeuge oder Vorschüsse in Geld, oder alles zugleich. Man faßte den chimärischen Gedanken, von Frankenthal aus einen Kanal bis in den Rhein zu graben, um die Fabrikprodukte vor den Häusern der Fabrikanten gleich in die großen Rheinschiffe laden und so in alle Welt versenden zu können.“

1773 besaß Frankenthal 30 Fabriken und von den 3300 Einwohnern, die die Stadt zählte, gehörten 1200 der Industrie an.

Auf das engste hing das staatlich geförderte Manufakturwesen mit der Zollpolitik zusammen, die man in den einzelnen Ländern befolgte. Die Regierungen, die sich Monopole anmaßten, suchten sich durch die Gesetze eine Handhabe zu schaffen, die den Verbraucher nötigte, seinen Bedarf zu ihrem Vorteil zu decken. Die  Nachfrage im Inland sollte absolut auf das inländische Angebot beschränkt bleiben und jeder Konsument gezwungen werden, nur die Erzeugnisse zu kaufen, die die heimische Industrie fertigte. Zu diesem Zweck wurde jede einzelne Haushaltung dem rigorosesten Zwang unterworfen. Man versuchte durch Ausfuhrverbote die inländischen Rohstoffe im Lande zu halten und gleichzeitig durch Einfuhrverbote die ausländischen Gewerbserzeugnisse vom Markte zu entfernen. Da nun jeder Reichsteil einen in sich abgeschlossenen Volkswirtschaftskörper bildete, so suchte jeder derselben auf eigene Faust die Zollverhältnisse seines Territoriums zu ordnen und natürlich möglichst zu seinem Vorteil. Dem Nachbarn wurde Zugeständnis gegen Zugeständnis abgehandelt, und ängstlich und kleinlich um jeden Paragraphen gefeilscht; wie vielen erschien nicht schon der Schaden des andern wie ein persönlicher Nutzen. Der Fürst von Öttingen-Wallerstein dachte der Reichsstadt Nörd-lingen allen Getreidehandel im Ries zu sperren und dafür eine eigne Umschlagstelle in Wallerstein einzurichten.

Die Durchführung eines solchen, auf dem krassesten Duodez-Absolutismus beruhenden Systems, war für das Reich als solches eine Unmöglichkeit, weil keine Oberhoheit da war, dies mit Aussicht auf Wirkung hätte handhaben können. Beweis dafür ist der Versuch des Kaisers, den wirtschaftlichen Ausschluß Frankreichs zu erreichen, dessen Luxusartikel den deutschen Markt beherrschten. Dazu sollte ein allgemeines Verbot dienen, das für ganz Deutschland verbindlich gewesen wäre, aber es konnte nicht durchgeführt werden. Nach wie vor blieb die deutsche Handelsbilanz passiv; Deutschland bezog von England und Frankreich jahrein, jahraus mehr als es absetzte, der jährliche Verlust an Frankreich belief sich vom Jahre 1700 bis zur Mitte der achtziger Jahre auf 6 Atillionen Tlr., stieg aber von 1785 bis 1789 auf ungefähr 11 Millionen Taler.

Das Übel, an dem der deutsche Handel krankte, waren die Hunderte von Binnenzöllen, die nicht nur jeden Reichsstand vom andern trennten, sondern selbst die einzelnen Provinzen der größeren Territorien in ebensoviele feindliche Wirtschaftsgebiete zerrissen. So zahlten z. B. die Klagenfurter Tuche, die nach Wien gingen, erstmals in Kärnten Ausgangszoll, dann in Steiermark Durchgangszoll und schließlich in Österreich Konsumtionszoll, ln den K.K. Erblanden wurden die Zwischenzölle 1775 aufgehoben, wodurch der Tiroler Transithandel, der 1765 noch 10 Millionen fl. abgeworfen hatte, auf 3 Millionen fiel, in Preußen sind sie zwischen den Provinzen nicht vor 1805 beseitigt worden. 1764 hatte Maria Theresia ein Einfuhrverbot für alle ausländischen Gewerbsartikel erlassen, 1774 wurde es umgeändert und an Stelle des absoluten Verbots hohe Zölle gesetzt. Josef II. änderte wieder an diesen Bestimmungen indem Privaten gestattet wurde, sich gegen Erlegung einer Zollgebühr von 60% des Preises alles aus dem Ausland kommen zu lassen, was Händlern aber nicht erlaubt war. Die österreichische Industrie wurde durch diese Prohibitivzölle wesentlich gefördert, 1784 gab es in Wien 117 Fabriken mit 57000 Arbeitern. Die Kaiser hatten den Handel unterstützt, mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, Karl VI. sogar mit Hintansetzung seiner katholischen Vorurteile protestantische Kaufleute aus dem Reich nach Wien zu ziehen gesucht und ihnen große Privilegien erteilt. Kaiser Franz I. spekulierte selbst mit großem Glück und Josef II. hob die soziale Stellung der Großhändler, indem er eine Anzahl von ihnen in den erblichen Adelstand erhob. Die Bankiers Fries und Fuchs machte er zu Grafen, was den damit Beglückten allerdings pro Person 20000 fl. kostete; 1776 befand sich der Frankfurter Bethmann unter den Geadelten, 1783 begann Josef die Nobilitierung jüdischer Familien mit dem Bankier Arnstein. Karl VI., der gar zu gern nach Übersee gehandelt hätte, erklärte 1725 den Seehafen Triest zu einem Freihafen. 1790 verkehrten dort mehr als 7000 Schiffe. Mit dieser Zahl übertraf es sogar die größte Seestadt des Reiches, Hamburg, in dessen Hafen in der zweiten Hälfte des 18. Jalirh. im Jahr durchschnittlich 2000 Schiffe ein- und ausliefen, davon etwa 150 bis 160 eigene; in Lübeck zählte man gegen 800 bis 900 jährlich, und in Bremen ungefähr 500.

Hamburg stand in innigster Verbindung mit England, für dessen Rechnung es in Deutschland alle Zahlungen einzog und dadurch gewissermaßen eine Art Alleinherrschaft über den Handel des Festlandes ausübte. Große Reichtümer strömten hier zusammen, wodurch ein leichtsinniges Spekulantentum großgezogen wurde. Die Krisen fehlten nicht; 1763 war eins der schrecklichsten Jahre für den Hamburger Großhandel, in dem 60 Handlungshäuser ihre Zahlungen einstellten. Es wurde aber von der großen Katastrophe des Jahres 1799 weit übertroffen. Die hergebrachte Gewalttätigkeit Englands, das erklärte, die Flagge decke nicht die Ware, fügte dem Hamburger Handel während der Kriege Großbritanniens mit Frankreich solche Verluste zu, daß 1799 136 große Häuser mit zusammen 36 Millionen Mark ßanko fallierten; manche dieser Firmen zahlten nur 3, 5 oder 7%.

Die kommerziellen Mittelpunkte Binnendeutschlands waren Frankfurt a. M. und Leipzig, die durch ihre Messen eine ungewöhnliche Bedeutung empfingen. Vor allem Leipzig, das am Kreuzungspunkt der großen Straßen vom Westen nach dem Osten eine der glücklichsten Lagen als Handelsstadt besaß. Den Jahresumsatz der Leipziger Messen schlug man damals auf 18 Millionen Tlr. an, die russischen Kauf-leute kamen oft in Karawanen von 200 Wagen und kauften für Hunderttausende Seidenstoffe und andere Luxusartikel. Die glänzende Situation, in der sich seine unmittelbaren Nachbarn, Hamburg und Leipzig, befanden, gab der Handelspolitik Friedrichs II. ihre Richtung: Er suchte Stettin und Berlin als Konkurrentinnen auszuspielen und den blühenden Rivalinnen soviel wie möglich zu entziehen. Die Seehandlung wurde 1772 errichtet, um die Ausfuhr der inländischen Produkte tunlichst zu steigern; ausländische Erzeugnisse, wie Tabak, Kaffee, wurden Monopole des Staats, die Seidenindustrie, die lange Jahrzehnte hindurch den Markt beherrschte, weil die Mode beider Geschlechter beinahe ausschließlich Seidenstoffe verarbeitete, wurde angeregt und in der Tat vielleicht nichts versäumt, um dem Handel Vorschub zu leisten als die Förderung des Verkehrs.

Für den Verkehr war schlecht, fast ist man versucht zu sagen, gar nicht gesorgt, denn der Grundsatz: „schlechte Wege hindern die Leute zu reisen und halten das Geld im Lande“ galt selbst bei einem so aufgeklärten Despoten, wie Friedrich der Große es war. Im ganzen Reich waren die Wege schlecht, aber schlechter als irgendwo doch in Preußen. Baron Pöllnitz im ersten Drittel des Jahrhunderts, Bielfeld und Casanova in der Mitte desselben, sind voll der Klagen, aber es hat sich in den hundert Jahren nichts geändert, denn als der Ritter von Lang 1801 von Ansbach nach Berlin reisen muß, da sind die Straßen hinter Hof so abscheulich, daß der Wagen regelmäßig alle Tage umgeworfen wird, und oft 2 bis 3 Mal täglich, so daß die Reisenden schließlich ein Gesellschaftsspiel daraus machen, zu raten, auf welche Seite sie das nächste Mal fallen werden, ln vielen Gegenden fehlten gebahnte Straßen so gut wie ganz. Als Pütter 1769 nach Westfalen reist, stellt er fest, daß seine Landsleute fast alle ihre Reisen zu Pferd machen müssen. Er und sein Bruder begeben sich zu Pferde von Iserlohn nach Altena, ihre Damen müssen die Strecke in einem zweirädrigen Karren zurücklegen. 20 Jahre später reiste Johanna Schopenhauer in derselben Gegend, außer sich „über die mit rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, neben denen Sommerwege laufen, auf denen man über die Achsen im Kot versinkt.“ Es war in andern deutschen Ländern aber keineswegs besser. „Wir konnten nicht einmal in einem Tage Minden erreichen“, schreibt Baron Bielfeld 1741 von seiner Gesandtschaftsreise, „obgleich es nur 5 Meilen von Hannover ist und blieben mitten in der Nacht im Kot stecken.“ Dabei hatte er 12 Postpferde vor jedem Wagen und wenigstens 12 Bauern als Hilfe daneben.

In den kleineren Staaten besserte sich der Straßenbau mit der Zeit. Als Friedrich Nikolai seine große Reise im Sommer 1781 durch Deutschland unternahm, fand er jenseit von Banz vortreffliche Chausseen und bemerkt zusammenfassend, daß die Straßen im fränkischen, österreichischen, bayerischen, schwäbischen Kreis, in Hessen, Hannover, Fulda und Gotha recht gut seien. Gelegentlich macht er allerdings auch ganz andere Erfahrungen. So will er, als er sich in Württemberg befindet, einen Ausflug nach St. Blasien im Schwarzwald machen, aber weder in Stuttgart noch in Tübingen kann ihm irgend jemand Bescheid sagen, wie man dahin kommt, noch findet er den Weg auf irgend einer Karte. Schließlich gelangt er zwar unter tausend Gefahren hin, aber es stellt sich heraus, daß der Weg aus keinem andern Grunde so unerhört schlecht ist, als weil die Unterhaltung desselben zwischen Fürstenberg und der Abtei St. Blasien strittig ist, und daher von keiner der beiden Parteien etwas für ihn geschieht. Die österreichischen Chausseen und die österreichischen Posteinrichtungen erklärte dieser Berliner für die besten in Deutschland und stimmt in diesem Urteil mit der Mehrzahl der andern Reisenden überein. Der Straßenbau war eine Koketterie der österreichischen Verwaltung, wenn sie sich auch nicht damit übereilte, und z. B. an der großen Chaussee von Wien nach Breslau in 22 Jahren nur 28 Meilen gebaut wurden. Erst 1787, im Jahr nach dem Tode des großen Königs, begann man in Preußen die ersten Chausseen zu bauen, zu einer Zeit, als man in Württemberg schon 286 Kilometer chaussierter Straßen besaß. Die erste war die für den Gebrauch des Hofes bestimmte gewesen, die Ludwigsburg mit Stuttgart verband und dann beiderseitig, einmal bis Frankfurt und auf der andern Seite bis Augsburg verlängert wurde. In Württemberg hatte man vorher für den Hof die sogenannten Herrschaftswege gehabt, die zu Albrecht von Hallers Erstaunen „mitten durch Wiesen und Äcker gehen, und wann der Hof seinen Weg dadurch nimmt, denen armen Leuten einen großen Teil ihrer Ausbeute wegnehmen“. In Kurpfalz waren unter der Regierung Karl Theodors gute Chausseen gebaut und auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt worden. Alle solche Verbesserungen blieben zufällig, von der Laune des Regenten abhängig, der sich dafür interessierte oder nicht. So geschah im Reich auch durchaus nichts Einheitliches für den Straßenbau. Noch als Justus Grüner in den letzten Jahren des Jahrhunderts Westfalen bereiste, hörte „mit dem Eintritt des Herbstes in Ostfriesland alle Postordnung auf, der unfahrbaren Wege halber“.

Wer Glück hatte, und wie Jung-Stilling auf dem „schrecklichen Wege von Kassel nach Marburg“ beispielsweise nur zweimal umgeworfen wurde, der konnte sich freuen. Andern ging es nicht so gut, wie denn der Professor Brunn quell, der einen Ruf von Jena an die neu errichtete Universität Göttingen erhalten hatte, ihn nur zu seinem Unheil annahm, denn er starb an den Folgen der Strapazen, die er auf der Reise von Jena nach Göttingen zu erleiden’hatte. Der Zustand der Wege machte das Reisen nicht nur unbequem und gefährlich, er verlangsamte es auch außerordentlich. Im Juli 1729 sind die Wege zwischen Magdeburg und Leipzig in einer derartigen Verfassung, daß Pöllnitz, um von einer Stadt zur andern zu gelangen, drei volle Tage unterwegs sein muß; Albrecht.von Haller, der 1726 in der Gegend von Halle reist, braucht einmal zu 5 Meilen 13 Stunden. -Die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth rechnet in den dreißiger Jahren für die 42 Meilen, die sie von ihrer Residenz bis nach Berlin zurückzulegen hat, zehn volle Tage. Fünfzig Jahre später reist JohannaSchopen-hauer von Danzig nach Berlin. „Legten wir in 1% Stunden eine Meile zurück“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, „so war der Postillon sehr zu loben; brachte er zwei Stunden damit zu, so hatten wir kein Recht, uns über ihn zu beklagen.“ Bei Schlawe braucht sie, um 5 Meilen vorwärts zu kommen, einen ganzen Tag.

Die Post war ein Regal, das im Reich von der Familie Thurn und Taxis ausgeübt wurde, die es ja bis zum Jahre 1866 besaß. In den K. K. Erblanden gehörte die Post den Grafen Paar, bis sie von Karl VI. abgelöst wurde und zwar auf eine für einen Kaiser beinahe zu pfiffige Art und Weise. Er soll eines Tages den damaligen Oberlandpostmeister wie zufällig gefragt haben, wie viel ihm sein Postprivilegium ab werfe, und da dieser aus Vorsicht eine sehr geringe Summe nannte, dahinter gehackt und auf Grund dieses Zugeständnisses die Abfindungssumme sehr mäßig festgesetzt haben. Jedenfalls trug die Post unter Maria Theresia dem Staat schon 200000 fl. ein. Sachsen hatte ursprünglich seine Post für 20000 Tlr. jährlich verpachtet; 1713 erneuerte es die Pacht nicht wieder, sondern betrieb wie Preußen seine Post in eigener Regie. Die Stationen waren im Durchschnitt 2 bis 3 Meilen voneinander entfernt, manchmal auch 5 Meilen, man rechnete auf die Meile 1 1/2 bis 2 Stunden und zahlte sie mit 6 Groschen, für welchen Preis der Passagier das Recht hatte, 50 Pfund Gepäck umsonst mitnehmen zu dürfen. Mehr als 5 Meilen am Tage zurücklegen zu können, durfte man mit der Post in Norddeutschland nicht hoffen, wenigstens nicht in der ersten Hälfte des Jahrhunderts; es war schon ein gewisser Fortschritt, als Garlieb Merkel 1796 in 24 Stunden 9 Meilen vorwärts kam. In Süddeutschland rechnete man auf den Tag dagegen 15 bis 18 Meilen. Von Berlin nach Cleve war man beispielsweise elf volle Tage und Nächte unterwegs. Die Gelegenheit war nicht häufig; um die Mitte des Jahrhunderts verkehrte die Post von Dresden nach Berlin nur alle 14 Tage, und nur einmal in der Woche nach den Städten Sachsens. In Süddeutschland gab es Schnellposten, die Stuttgart und Nürnberg miteinander verbanden und in Nürnberg Anschluß nach Sachsen, Preußen und Österreich fanden. Wer es im Norden eiliger hatte oder zu exklusiv war, um mit der Ordinaripost zu reisen, konnte Extrapost nehmen, welche pro Pferd und Meile 6 bis 8 Groschen, später 10 bis 15 Groschen kostete. Die Benutzung der Extrapost war insofern erschwert, als im Preußischer, die mit dieser ankommenden Reisenden in großen Städten erst nach einem Aufenthalt von 2 bis 3 Tagen, in kleineren Orten nach einem 24 stündigen Aufenthalt Weiterreisen durften. Die Postwagen waren unbequem und entbehrten auch den gewöhnlichsten Komfort; 1766 machten die Zeitungen es als einen ganz besonderen Fortschritt bekannt, daß die Postwagen von Berlin nach Hamburg künftig ein Verdeck haben würden.

Die Post beförderte selbstverständlich auch Briefe, die für unsere Begriffe lange unterwegs waren, von Frankfurt nach Berlin 9 Tage, von München nach Augsburg 2 Tage und eine Portogebühr zu zahlen hatten, die ziemlich willkürlich bemessen wurde. Briefe von Hamburg nach Frankfurt a. M. kosteten 3 gute Groschen, von Hamburg nach Leipzig 2 gute Groschen, von Berlin nach Memel 8 gute Groschen, von Ulm nach Cannstatt 4, von Cannstatt nach Berlin oder Wien 12 Kreuzer usw. Als Friedrich der Große in Berlin die Akademie neu begründete, wurde, um die Mittel für diese Stiftung zu beschaffen, das Porto für jeden Brief um 6 Pfennige erhöht.

ln Berlin entstand 1800 eine Stadtpost, die aber aus Mangel an Beteiligung 1806 bereits wieder einschlief.

Den stärksten Verkehr im Reich hatte die Poststation in Hattersheim zwischen Mainz und Frankfurt a. M., man zählte im Jahr 7200 Pferde. „Was mit der Post reiset, muß eines Lastträgers Rücken und eines Fürsten Beutel haben“, pflegte man im 18. Jahrh. zu sagen, und der Klagen über die schlechten Wege, die elenden Wagen, die nicht endenden Trinkgelder für den Wagenmeister, die Kofferträger, die Stallknechte, Postillone usw. ist kein Ende. „Die Unersättlichkeit, Unfreundlichkeit und Grobheit der Postbedienten sind für einen Reisenden unerträgliche Plackereien“, schreibt der Engländer Charles Burney 1772, der sich zwischen Frankfurt und Darmstadt über „das schlechte Betragen der Postmeister und Postillons ärgert, die ihm mehr Pferde aufnötigen als er braucht und ihm dadurch große und unnütze Kosten verursachen.“ Schlözer, der in seinen Zeitschriften so mutig für die Freiheit focht, nahm auch den Kampf gegen die Unverschämtheiten und die Prellereien der Postmeister auf und hatte besonders den Postmeister Dietzel in Nordheim aufs Korn genommen. In diesem Falle drang er nicht durch, denn die Regierung deckte den eigenmächtigen und groben Beamten mit ihrer Autorität.

Unter diesen Umständen war das Reisen natürlich kein Vergnügen und wer nicht absolut dazu gezwungen war, blieb zu Hause. Als Jung-Stilling einmal ein benachbartes Dorf besuchte, schreibt er: „Dies Dorf liegt neun ganzer Stunden von Tiefenbach ab. Vielleicht war seit hundert Jahren niemand aus der Stillingschen Familie so weit fort gewandert und so lang abwesend gewesen.“ In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts machten junge Leute aus guten Familien noch die große Tour, d. h. sie besuchten das Reich, Wien,

Italien und Frankreich, um sich den Schliff der großen Welt anzueignen; wer das tat, wie z. B. der Dichter Brockes, reiste dann zu Pferde, trotzdem es auch dabei, wie er in seiner Selbstbiographie erzählt, nicht ohne Abenteuer und Fährlichkeiten abging. Er war 1704 wieder zu Haus in Hamburg.

Einfachere Leute wie etwa der Handlungsdiener Münch, der sich in eine neue Stellung begibt, mietet 1691 sich mit andern zusammen einen großen „Ordinari Bauers Leiterwagen“, mit dem sie, die Person für 3 Reichstaler von Bremen nach Minden befördert werden, unterwegs aber die größte Drangsal von Wölfen auszustehen haben und von Glück sagen können, daß die hungrigen Bestien sie nicht mit Haut und Haar verzehren. Reisende, die aus dem flachen Lande kamen, erlebten oft die stärksten Überraschungen, wenn sie beim Verlassen der norddeutschen Tiefebene das Mittelgebirge kennen lernten, das dem mit Eindrücken verwöhnten Geschlecht unserer Tage noch gar nicht recht als Berge erscheinen will. So erschrickt die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth über „die fürchterlichen Abgründe zwischen Gera und Zeitz“, und die Familie von Christian Felix Weiße, mit der er in den siebziger Jahren von Leipzig nach Karlsbad reist, kann sich vor Verwunderung „über die Gebirgsgegenden, worein noch keins gekommen war“, gar nicht fassen. Als Friedrich Nikolai seine Reise antritt, hat er sich in Berlin einen Wagen bauen lassen, ohne Hemmschuh. Unterwegs tritt die Notwendigkeit ein, dieses unentbehrliche Instrument anzuschaffen, und der kluge Mann findet es nötig, seinen Lesern eine genaue und eingehende Beschreibung dieses Gerätes zu geben und seine Anwendung zu erklären!

Über die Reisekosten lassen sich allgemein gültige Feststellungen natürlich nicht machen, es kam dabei zu viel auf Ansprüche und Bedürfnisse an. Für den, der mit eigenem Wagen, reiste, verteuerte es sich natürlich, so kaufte sich Anton Friedrich Büsching, der in den sechziger Jahren von Göttingen nach Lübeck fuhr, in Hannover einen Reisewagen für 300 Tlr. Johann Stephan Pütter machte 1746 eine Reise von Göttingen über Wetzlar und Wien nach Göttingen zurück; sie dauerte mehrere Monate und kostete alles in allem 1103 Tlr. 16 Groschen. Schlözer veranschlagte die Kosten einer größeren Reise pro Meile und Person im Durchschnitt auf 1 Dukaten.

Ließ es sich irgend tun, so zogen die Reisenden den Wasserweg der Beförderung zu Lande weit. vor. Die Rheinschiffe, die. zwischen Mainz und Köln verkehrten, wurden schon damals als sehr komfortabel beschrieben; sie hatten ein ebenes Verdeck eine gemächliche Kajüte mit. Fenstern und Möbeln, und waren nach Riesbeck ausgestattet wie ein holländisches Jagdschiff. Die Fahrt von Frankfurt bis Köln dauerte 7 Tage, wer weiter und nach Holland wollte, mußte in Cleve das Schiff verlassen und zu Lande weiter reisen, damit die preußische Post auch etwas verdiente. Man rechnete, daß der Rhein im Jahr von etwa 1300 bis 1400 Schiffen befahren wurde, davon beförderten 200 nur Reisende und keine.-Waren. Auf dem Main braucht die Markgräfin.Wilhelmine einmal von Werthheim nach Ems 6 Tage, ebensoviel wie auf die Donaufahrt Regensburg-Wien daraufgingen. Die Donau scheint im 18. Jahrh. als Verkehrsstraße ganz anders ausgenutzt worden zu sein als in unsern Tagen, die wir freilich schnellere Fortbewegungsmittel kennen. Wer aus dem Reiche nach Wien wollte, benutzte eigentlich stets die Donau. Es gab auch da zwei Arten der Beförderung. Wer ein öffentliches Schiff benutzte, der zahlte, war er eine „gemeine Person“, 1 Tlr., gehörte er dagegen zu den „Gepuderten“, so mußte er mit den Schiffern ak-kordieren und kam selten unter einem Dukaten weg. Am hübschesten war es natürlich, mit eigenem Schiff zu reisen, das man zwar zu dem Zwecke kaufen mußte, in Wien aber jederzeit wieder verkaufen konnte. Friedrich Nikolai zahlte für die Reise von Regensburg nach Wien 55 fl„ das Schiff kostete 30 fl. und sollte in Wien für die Hälfte des Preises veräußert werden. Das Schiffsmaterial diente dann meist als Brennholz, weil es die Bergfahrt kaum ausgehalten haben würde. Außerdem waren die Stapelrechte so eingerichtet, daß es die Rückfahrt meist nicht gelohnt hätte. Die Regensburger konnten nämlich alles nach Wien bringen, zurück durften sie nur österreichische Weine als Fracht nehmen, kein Wiener Schiffer durfte weiter als bis Regensburg, kein Regensburger weiter als bis Ulm fahren. Ein eigenes Schiff, das für 12bis 16 Personen Raum bot, machte die Reise von Ulm nach Wien in 6 Tagen, während das Ordinarischiff dazu 14 bis 18 Tage brauchte. Eigentlich sind alle Reisenden, die irri Laufe des 18. Jahrh. diese Fahrt gemacht haben, einig über ihre großen Reize. Lady Mary Wortley Montague spricht in ihren Reisebriefen mit Vergnügen von der überaus anmutigen Reise, die sie im September 1716 zu Wasser von Regensburg nach Wien zurücklegte.

„Die kleinen Schiffchen“, schreibt sie, „bieten alle Bequemlichkeiten eines Palastes, wie Wohnzimmer, Kammern und Küchen.“

Ganz ebenso gefiel 1725 Job. Christ. Edelmann die „äußerst angenehme Fahrt auf der Donau von Ulm bis Wien“, wo er „bei schönem Wetter und lustiger Gesellschaft recht vergnügt“ war.

Edelmann gehört auch zu den weniger zahlreichen Reisenden, die auf dem gleichen Wege zurückkehrten; er fuhr, als seine Herrschaft ihren Wohnsitz in Österreich der Religion wegen aüfgab, mit ihr zu Berg, und gesteht, „nie eine anmutigere und vergnügtere Wasserreise gehabt“ zu haben als diese, wo ihr Schiff von vielen Pferden langsam am Ufer stromaufwärts gezogen wurde. Gewiß kam es auch vor, daß die Schiffer unerfahren oder leichtsinnig oder betrunken oder alles zusammen waren, wie sich denn Joh. Philipp Münch darüber beklagt, auf der Donau durch liederliche Schiffer in große Gefahr geraten zu sein, aber selbst solche Vorkommnisse sind manchmal zum Heil der Betroffenen ausgeschlagen. Götter begab sich als junger Mann nach Wien, um dort sein Glück zu machen und der Zufall lächelte ihm schon unterwegs. Auf dem Schiff, mit dem er fuhr, befanden sich zwei vornehme Damen der Wiener Hofgesellschaft, denen der lustige und schöne Junge nicht wenig in die Augen stach. Wie gefiel er ihnen aber erst, als seine Geistesgegenwart das Schiff davor rettete, an einem Brückenpfeiler zu scheitern. Im letzten Augenblick, als es schon verloren schien, ergriff er das Steuer, riß es mit Riesenkraft herum und sie glitten unter der Brücke durch, die ihnen eben noch den Untergang gedroht hatte. Die Damen zeigten sich dankbar, sie führten den armen Bürgerlichen in die ersten Kreise Wiens ein, in denen er sich so wohlgelitten machte, daß er die Kaiserstadt als reicher Graf erst nach Jahren wieder verließ. Die Reisegelegenheit blieb das ganze Jahrhundert über beliebt; 1772 ist Charles Burney sogar von München aus zu Wasser nach Wien gefahren. Auf dem Isarfloß, das er dazu benutzte, wurde zum Preise von 4 fl. eine Hütte für ihn allein gezimmert und er hätte sich viel wohler gefühlt, wenn er nicht versäumt hätte, sich genügend mit Proviant zu versehen. Das gehörte aber damals unbedingt zu solchen Reisen; als Büsching sich mit den Seinigen von Lübeck nach Petersburg begibt,kauft er für 78 fl. Wein, Schokolade, Kaffee, Zucker, Butter, Eier, Sago, Makronen, Mehl, Nudeln, Heringe, Lachs, Zuckerwerk, Zitronen, Gemüse, Schinken, Wurst, Hühner und vergißt selbst nicht die Ziege, die seine kleinen Kinder mit Milch versorgen soll. Wenn es schon nicht zu den Vergnügen gehörte, innerhalb Deutschlands zu reisen, so war ein Verlassen der deutschen Grenzen noch weniger anzuraten; die Gefahren, die schlechte Wege, Unsicherheit, erbärmliche Gasthäuser mit sich brachten, wuchsen damit in unverhältnismäßiger Progression. Am schlimmsten war man zur See daran, die zu allen Zeiten von Seeräubern wimmelte. Graf Balthasar Friedrich Promnitz hatte auf seiner Kavalierstour den Einfall gehabt, von Italien aus zu Schiff nach Spanien überzusetzen, was er wohl bereut haben wird, denn der Kahn wurde von tunesischen Seeräubern aufgebracht, und der junge Graf mußte sich mit 3000 Dukaten freikaufen. Münch, der sich von Amsterdam zu Schiff nach Hamburg begab, lebte die ganze Zeit der Überfahrt in zitternder Angst vor den französischen Kapern, die auch glücklich 4 Schiffe des Geschwaders wegfingen.

Nichts ist für die innere Verfassung eines Reiches so charakteristisch wie der Zustand, in dem sich die Verwaltung der Justiz befindet. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, bietet das Deutschland des 18. Jahrh. einen erschreckenden Anblick. Das machtlose Reich übte eine machtlose Justiz. Neben dem Reichshofrat in Wien besaß es ein Reichskammergericht, das seit 1693 in Wetzlar tätig war, und daneben kaiserliche Landgerichte, die für Ober- und Niederschwaben in Ravensburg, Wangen, lsny und Altdorf, für Franken in Nürnberg und Ansbach gehalten wurden, und schließlich noch ein kaiserliches Hofgericht in Rottweil, aber ihre Autorität war gering. Das Reichskammergericht in Wetzlar bestand aus einem Kammerrichter, zwei R.K.G. Präsidenten, einer katholisch, einer evangelisch, zuletzt 17 R.K.G. Assessoren, neun katholisch, acht evangelisch, 30 Prokuratoren und vielen Rechtsanwälten. Von Rechts wegen sollte es mindestens 50 Beisitzer haben, mehr als 18 aber hat es nie gezählt, manchmal nur 12,1719 gar nur acht und selbst diese wenigen’ wurden nicht bezahlt, weil die Reächsstände, die zur Unterhaltung des Gerichts verpflichtet waren, ihren Kostenanteil nicht entrichteten; 1769 waren mehr als y2 Million Tlr. rückständig. Der Gerichtshof befand sich außerdem in schwieriger Lage, einmal weil die Kaiser in ihm eine mit dem Reichshofrat konkurrierende Instanz erblickten, ihm also abgeneigt waren, zweitens weil alle größeren Stände wie die Kurfürsten das Privilegium de non appellando besaßen, d. h. ihren Untertanen war verboten, das Kammergericht anzurufen. Zweifelhafte Autorität, ungenügende oder fehlende Besoldung und Mangel an Arbeitskräften, es hätte mit einem Wunder zugehen müssen, wenn die Konsequenzen ausgeblieben wären und sie taten es denn auch nicht: das Reichskammergericht galt für einen Sitz der Parteilichkeit, der Schikane und endlosen Vorenthaltung des Rechts. Ein Prozeß der Stadt Gelnhausen schleppte sich von 1549 bis 1734 hin, ein anderer zwischen Kurbrandenburg und der Stadt Nürnberg schwebte unerledigt schon seit 1526, ein Prozeß um eine reichsgräfliche Besitzung dauerte bereits 128 Jahre; im Jahre 1600 hatten die Grafen von Bentheim-Tecklenburg ihren Anspruch auf die Herrschaft Bedbur geltend gemacht und waren am Ende des 18. Jahrh. noch immer nicht endgültig beschieden; Generationen konnten ins Grab sinken, ehe an dieser Stelle ein Rechts verfahren spruchreif wurde. 1772 zählte man 62233 unerledigte Prozesse. Josef 11., der bei seiner Thronbesteigung so viel weniger zu regieren fand, als sein Tatendrang wünschte, beschloß, Abhilfe zu schaffen und mit eiserner Hand dreinzufahren. Er ordnete eine Visitation an, die allen Mißbräuchen ein Ende bereiten sollte. Goethe, der grade damals nach Wetzlar kam, schreibt darüber: „Kaiser Josef faßte das Kammergericht ins Auge, herkömmliche Ungerechtigkeiten, eingeführte Mißbräuche, waren ihm nicht unbekannt geblieben. Auch hier solle aufgeregt, gerüttelt und getan sein. Ohne zu fragen, ob es sein kaiserlicher Vorteil sei, ohne die Möglichkeit eines glücklichen Erfolges vorauszusehen, brachte er die Visitation in Vorschlag und übereilte ihre Ei Öffnung. Seit 166 Jahren hatte man keine ordentliche Visitation zustande gebracht. Ein ungeheurer Wust von Akten lag aufgeschwollen, und wuchs jährlich, da die 4 7 Assessoren nicht einmal imstande waren, das Laufende wegzuarbeiten. 20000 Prozesse hatten sich aufgehäuft, jährlich konnten 60 abgetan werden, und das Doppelte kam hinzu. Auch auf die Visitatoren wartete keine geringe Anzahl von Revisionen, man wollte ihrer 50000 zählen. Überdies hinderte so mancher Mißbrauch den Gerichtsgang, als das Bedenklichste aber vor allem erschienen im Hintergründe die persönlichen Verbrechen einiger Assessoren“. Die Visitation, wie alles was Josef II. tat, mit Ungeduld und Hast in Gang gebracht, deckte zwar schändliche Justizverkäufe auf, aber sie war eine Reichsangelegenheit, also von vornherein zum Scheitern verurteilt; nach 10 Jahren wurde die kaiserliche Kommission aufgelöst und es blieb hübsch alles beim alten; als das Reich zusammenbrach und mit ihm das Reichskammergericht in Trümmer sank, da waren noch 80000 Prozesse in der Schwebe.

Den größeren Territorien fiel in der Justizverwaltung eine vollkommen selbständige Rolle zu und die größten von ihnen, Österreich, Preußen und Bayern haben es auch unternommen, ihre Rechtsprechung mit den Ideen der Zeit in Übereinstimmung zu bringen.- Das Naturrecht, das sich eben durch das Mittel der Wolffschen Philosophie Eingang in alle denkenden Köpfe verschaffte, sah in der bestehenden Feudalverfassung, welche die Ausübung von Verwaltung und Justiz verquickte, ein Überbleibsel des Mittelalters, das in die neue Zeit nicht mehr passe, und in seiner auf das Nützliche gerichteten Denkart, in dem Wust einer unverständlichen Rechtsprechung eines der größten Hindernisse des Fortschritts. Monarchen wie Friedrich 11. und Maria Theresia konnten sich dem Einfluß dieser Ideen nicht entziehen. In dem Bestreben, für ihre Staaten ein einheitliches Recht zu schaffen, gingen sie daran, volkstümliche, gemeinverständliche und kurzgefaßte Gesetze formulieren zu lassen, die der natürlichen Billigkeit mehr entsprächen-als den Floskeln eines volksfremden Juristenjargons. 1753 gab Maria Theresia den Auftrag, ein neues Zivil- und Strafrecht auszuarbeiten, 1768 wurde das Strafrecht, die berühmte „Constitutio criminalis Theresiana“ veröffentlicht, die bis 1788 in Kraftblieb. Josef II., ein Sohn der Aufklärung, wenn es je einen gab, wollte die Quelle des Rechts in den Forderungen der Vernunft erkennen und setzte eine Kommission ein, um die Codification eines bürgerlichen Gesetzbuchs in Angriff zu nehmen. 1786 wurde der erste Teil des bürgerlichen Gesetzbuchs für die gesamten deutschen Erblande veröffentlicht, 1787 das neue Strafgesetzbuch. Sie räumten mit allen bestehenden Gewohnheiten auf, erklärte das bürgerliche Gesetzbuch doch in dem streng katholischen Lande die Ehe als einen rein bürgerlichen Vertrag und ging über die kirchlichen Ehehindernisse einfach hinweg, sogar Ehen zwischen Katholiken und Protestanten wurden gestattet.

In Preußen lag im Beginn des Jahrhunderts die Justiz im Argen. Das Zivilrecht war so unsicher, daß man im Reich zu sagen pflegte: Marchia utitur jure incerto. Das Prozeßverfahren bewegte sich in den Formen des römisch-kanonischen Rechts, und da es am Grundsatz schriftlicher Verhandlung festhielt, so waren Prozesse ebenso langwierig als kostspielig. Eine Überzahl von Richtern, Advokaten und Prokuratoren hinderte die Ausübung der Gesetze durch Schikanen und Unwissenheit, fehlte den Advokaten doch häufig genug jede gelehrte Bildung und stammten die Prokuratoren oft aus den niedersten Ständen, so daß sie den Charakter von Winkelschreibern an-nahmen. 1707 hatte man bereits die übergroße Zahl der juristischen Beamten einschränken wollen, bei dem Entrüstungssturm, der sich in den interessierten Kreisen dagegen erhob, mit diesem Vorhaben aber nicht durchdringen können. Friedrich Wilhelm I. richtete zwar sein Augenmerk auf die Verkürzung der Prozesse unter Beschneidung der Sporteln. Da der Grundsatz aber in Geltung blieb: der König ist die Quelle des Rechtes, so wurde der rechtliche und ordnungsgemäße Gang der Justiz manches Mal durch die königliche Willkür gehemmt, und es sollte erst Friedrich 11. Vorbehalten sein, die verdorbene Rechtspflege auf ein neues Fundament zu stellen. „Jedermann soll ohne Ansehen der Person eine kurze und solide Justiz sonder großes Sportulieren und Kosten finden“ schrieb er 1746 seinem berühmten Großkanzler von Cocceji und beauftragte ihn, „ein deutsches allgemeines Landrecht zu entwerfen, welches sich bloß auf die Vernunft und die Landesverfassung gründet’*. Cocceji ließ sich vor allem angelegen sein, den Personenbestand in der Justizverwaltung von den ungeeigneten Elementen zu säubern, ein Unternehmen, das er in den Jahren 1745 bis 1748 glücklich durchführte. Dadurch dämmte er die Sportel-und Intrigensucht der Advokaten ein und beseitigte die Weitläufigkeiten des Verfahrens durch eine neue Prozeßordnung. Binnen 8 Monaten wurden 2400 alte, lang schwebende Prozesse erledigt. Der Entwurf eines neuen Rechtsbuches für die preußischen Staaten wurde im Aufträge Cocceji’s von den Justizbehörden in der Absicht, ein einheitliches, klares und allen zugängliches Recht damit zu schaffen, durchgearbeitet. Der Minister von Carmer und der Kammergerichtsrat Suarez haben das Verdienst, diesen Entwurf revidiert und ihm seine endgültige Gestalt verliehen zu haben. Er trat 1781 als Corpus juris Friedericianum ans Licht, vorläufig nur mit dem Zweck, die Öffentlichkeit damit bekannt zu machen und die Kritik anzuregen. A\an bat Schlözer in Göttingen um seine Mitarbeit und setzte Prämien aus für fachmännische Beurteilung. Es war ein Riesenwerk, das Carmer und Suarez damit leisteten und ein ganzer und großer Erfolg. „Auf keinem Gebiet der inneren Entwicklung“, sagt Lamprecht so hübsch, „hat sich der deutsche Staat der Aufklärung schöner und reicher ausgelebt und auf keinem länger nachgewirkt.“ Das Preußische Landrecht atmet den Geist der Aufklärung schon in seiner Sprache; nie ist von Untertanen darin die Rede, sondern immer nur von Bürgern. Während tonangebende Juristen der Zeit Land und Leute noch als den Privatbesitz des Fürsten ansahen, führt es den Gedanken der Staatssouveränität bis zu seinem logischen Ende: die Einschränkung der natürlichen Freiheit und Rechte wird nur insoweit für erlaubt erklärt, als es der gemeinschaftliche Endzweck zuläßt, und dieser Endzweck ist das gemeine Wohl. Der Staat ist nicht für den König, sondern der König für den Staat da, aus dieser Stellung allein erwachsen seine Rechte und Pflichten. Diese Gedankenreihen sind mit solcher Konsequenz entwickelt, die Verfasser zeigen sich so stark von dem Geist der Enzyklopädisten durchdrungen, daß viele Sätze gradezu die Ideen der französischen Revolution vorwegnehmen. Rudolf Zacharias Becker konnte in Paralleldruck die Stellen des Preußischen Landrechts und die Erklärung der Menschenrechte veröffentlichen und damit beweisen, wie sehr es dem Zeitgeist entsprach. Dabei trug es auf der andern Seite den bestehenden sozialen Verhältnissen Rechnung, denn es fügte das gesamte Rechtssystem der ständischen Gliederung ein, wie sie Friedrich II. sorgsam aufrechterhalten hatte, ja, es ließ dem Adel in einem eigenen Erbrecht seine besonderen ständischen Vorrechte. Der große König hat das Werk, das ihm die Entstehung verdankt, nicht mehr in die Praxis der Gerichte einführen können; es sollte nach reiflicher Überlegung 1792 in Wirksamkeit treten, als eben die Übereinstimmung mit dem Zeitgeist es war, die sein Inkrafttreten verzögerte. Der Minister von Dankeimann machte auf die antimonarchische Gesinnung aufmerksam, die das Preußische Landrecht zu einer Gefahr für den Thron werden lasse und erwirkte eine Kabinettsorder vom 18. April 1792, welche die Rechtsgiltigkeit desselben hinausschob. Nach mancher Änderung des Wortlautes trat es endlich am 1. Juni 1794 in Geltung, „das letzte Wort des Absolutismus“, wie Treitschke es nennt.

Die segensreiche Tätigkeit, die Friedrich II. auf dem Gebiet der Justizverwaltung entwickelte, hat sich in der Schaffung des Landrechts nicht erschöpft, es war nur der letzte und sichtbarste Ausfluß seines Bemühens, die Herrschaft des Gesetzes als die lebendigste Macht im Staatsleben zu fundieren. „Ich habe mich entschlossen, den Lauf der Prozesse nicht zu stören,“ schrieb er 1752, und damit bekannte er sich zu ganz andern Grundsätzen als die Mehrzahl der zeitgenössischen deutschen Fürsten. Es gelang ihm auch in der Tat, seine Untertanen mit dem Bewußtsein zu erfüllen, daß in Preußen letzten Endes nicht die Willkür königlicher Launen, sondern der unverrückbare Buchstabe des Gesetzes bestimme* die berühmte, schon zu seiner Zeit im Umlauf befindliche Anekdote von dem Windmüller in Sanssouci, der auf seine Drohung: „Ich werde ihm die Mühle wegnehmen“, geantwortet habe: „Das wollen wir abwarten, es gibt noch Richter in Berlin“, ist ein Beweis dafür. Ja, sie beweist um so mehr, als sie zwar hübsch erfunden, aber nicht wahr ist. Merkwürdig ist in dem Verhältnis Friedrichs II. zur Justiz, daß er den Ruf, Gerechtigkeit zu üben ohne Ansehen der Person, grade einer Affäre verdankt, in der er sich die größte Ungerechtigkeit zu Schulden kommen ließ und seinem Versprechen untreu werdend, störend in den Gang eines Prozesses eingriff. Es ist der so berühmt gewordene Fall des Wassermüllers Arnold in Pommerzig, der 1779 zur Entscheidung kam, wie der König glaubte, parteiisch zu Gunsten des adligen Grundherrn, während er in der Tat durch den Müller hinters Licht geführt wurde. Die Tatsache aber, daß der Großkanzler von Fürst entlassen und fünf Kammergerichtsräte nach Spandau geschickt wurden, um einem armen Mann zu seinem Recht zu helfen, schien so unerhört und so unglaublich, daß sie in kürzester Zeit die Runde um den Erdball machte und den „Alten Fritz“ zur populärsten Erscheinung seiner Zeit stempelte.

Mit dem, was Preußen durch sein Allgemeines Landrecht geleistet hat, kann sich kein anderer deutscher Staat messen, ln Bayern hat der Frhr. von Kreittmayer der 1758 als Kanzler an die Spitze der Justizverwaltung trat, den Rechtszustand gebessert, was man schon lange geplant und doch nie durchgeführt hatte. Es handelte sich keineswegs darum, ein neues Recht zu formulieren, wie es damals in den K.K. Erblanden und in Preußen angestrebt wurde, sondern nur um die Revision des überlieferten Rechts im Sinne einer Vereinfachung des gerichtlichen Verfahrens, der Abkürzung der Prozesse und einer Vereinheitlichung der Gesetze für das kurbayrische Territorium. Vcn 1750 bis 1756 hat er einen neuen Kriminalkodex, eine verbesserte Gerichtsordnung und ein bürgerliches Gesetzbuch ausgearbeitet, womit er den übrigen deutschen Staaten auf dem Gebiet der Justizkodifikation voranging. Dieses Vorangehen hat juristisch allerdings keinen Fortschritt bedeutet, wenn die Kreitt-mayersche Formulierung der Gesetze auch eine tüchtige Arbeit darstellt. Die kleineren Reichsstände haben nicht einmal den Versuch unternommen, ihr Justizwesen zu reformieren, Versuche, die vielfach wohl schon daran hätten scheitern müssen, daß es im Reich Ortschaften gab, die unter ein Dutzend verschiedener Gerichtsherrschaften gehörten, und damit nicht genug, im fränkischen Kreise gab es einige Hundert, über welche die Gerichtsbarkeit strittig war. Da war das Recht teuer und selten und das Unrecht triumphierte. „Als Konsistorialrat in Bückeburg“, schreibt Karoline Herder von ihrem Mann, „lernte er den gerichtlichen Gang der Geschäfte hauptsächlich von der Seite kennen, daß er in jeder Session der sich hinter juristische Formen verbergenden Ungerechtigkeit entgegenstreben mußte.“ In Stadthagen sollte 1738 einer Witwe der Kopf abgeschlagen werden, weil sie beschuldigt worden war, ihr uneheliches Kind ermordet zu haben. Die Angelegenheit wurde zur Parteisache im Ort, und da der Bürgermeister eine Wette eingegangen war, man werde die Frau köpfen, so schmuggelte er falsche Berichte in die Akten und machte dem Advokaten Büsching die Verteidigung der Unglücklichen fast unmöglich. Wie es in den kleinen Territorien zuging, erzählt Justus Grüner an mehr als einer Stelle seines Reiseberichts. „Wir dulden hier keine Prozesse“, erklärt ihm der Regierungsrat der Grafschaft Rietberg, die dem in Wien lebenden Fürsten Kaunitz gehört, „wir verfahren summarisch.“ Sobald zwei Parteien vor der Kanzlei klagend auftreten, entscheidet das Wort des Rates, der in Sachen der Bauern gegen den Fürsten Partei und Richter zugleich ist. „Nur der bekommt Recht, der die vollste Tasche mitbringt; wer das nicht kann, läßt lieber sein Recht fahren.“ In Essen hört der Reisende, daß man arme Atissetäter laufen läßt, weil ihr Prozeß und Unterhalt zu viel kostet, reiche straft man mit Geld oder läßt sich bestechen und sie entwischen; unbequemen Landstreichern erteilt man gute Pässe, damit sie ihren Stab weitersetzen. In der Reichsstadt Dortmund ist die Justiz „langsam, schlecht und parteiisch. Jeder Prozeß kostet ungeheures Geld; streitet man mit einem Ratsherrn, so erlebt man niemals das Ende“. Im Herzogtum Westfalen, das damals zum Kurfürstentum Köln gehörte, „war die Justiz“, nach Gruners Worten, „wie in allen geistlichen Territorien statt die Basis des öffentlichen Glückes zu sein, der nächste und stärkste Grund des Elendes durch schnöde Verkäuflichkeit oder parteiische Aussprüche. Die Gerichtsverfassung ist ein absichtlich verwirrtes Chaos, von dem der Eingeborene sich keinen deutlichen Begriff machen kann, besonders da widerrechtliche Prozeduren herkömmlich sind.“ Die unendliche Dauer, zu der geschickte Advokaten einen Prozeß hinausziehen konnten, machte es Minderbemittelten unmöglich und Wolhabenden zur Pein, ihr Recht zu suchen. Ein Pächter Volland im Erfurtischen führte mit dem Grafen Werthern einen Prozeß, der 1764 begonnen hatte und 1790 noch nicht zu Ende war; in Lippstadt erklärte ein Justizrat, nachdem er einen Prozeß bereits 25 Jahre hingezogen hatte, bisher habe er den Prozeß nur „exercitii gratia“ geführt, nun solle derselbe erst förmlich angehen. Oft genug hing die lange Dauer auch mit der Lässigkeit zusammen, in Augsburg z. B. hatte das Stadtgericht 430 Tage Ferien im Jahr. Der Länge entsprachen natürlich die Kosten; in Osnabrück rechnete man, daß ein Prozeß, dessen Streitobjekt 100TI1. wert war, etwa 300 bis 500 Tlr. kosten könne, und da waren die Summen, die zur Bestechung der Richter aufgewandt werden mußten, nicht inbegriffen. Die Bestechlichkeit der Justiz Verwalter war etwas so allgemein Bekanntes, daß Ertel 1721 in seiner Praxis aurea die öffentlich abgegebenen Meinungsäußerungen berühmter Juristen über die Frage zusammenstellte, ob ein Richter von einer Partei Geschenke nehmen dürfe oder nicht. Am schlimmsten stand es dort, wo man das meiste Geld brauchte und die größte Korruption herrschte, z. B. unter August dem Starken in Sachsen. ,,Wenn man sieht, wie die Rechtspflege verhandelt wird,“ schrieb Herr von Wolframsdorff 1705, ,,wird man ebenfalls seufzen und die Achseln zucken. Ein Fremder hat durchaus kein Recht und ein Inländer kann es nur durch Intrigen und Geschenke erhalten. Die Minister treiben Handel damit. Frau von Gersdorf machte ehedem und Frau von Bose macht noch gegenwärtig gute Geschäfte damit. Man läßt davon an den König keine Kenntnis gelangen und derjenige, der sich an ihn und seine Protektion wendet, ist sicher, seinen Prozeß zu verlieren.“

Wo es sich im Deutschland des 18. Jahrh. um despotische Willkür handelt, steht immer Herzog Karl Eugen von Württemberg voran. Johann Jakob Moser, der die Rechte der Landschaft gegen den tyrannischen Fürsten unerschrok-ken verteidigte, wurde am 12. Juli 1759 unvermutet verhaftet und nach dem Hohentwiel gebracht. Auf der Reise durfte der damals 58 Jahr alte Mann den Wagen 38 Stunden keinen Augenblick verlassen. „Als ich nach Hohentwiel kam,“ schreibt er in seiner Selbstbiographie, „wurde ich in ein Zimmer eingesperrt, daraus ich in vier Jahren nicht kommen, noch mit jemand sprechen, noch in eine Kirche, oder ein Prediger mich besuchen, noch bei dem mich befallenen Gliederwehe und da ich an Krücken gehen mußte, jemand meiner warten oder pflegen, noch ich Bücher kommen lassen durfte, bis ich 1763 Freiheit erhielt, zuweilen mit einem Offizier auf der oberen Festung herumgehen zu dürfen.“ A\an erlaubte ihm weder Papier noch Tinte, Feder oder Bleistift, und außer Bibel und Gesangbuch auch keine Bücher, er schrieb seine geistlichen Lieder mit der Lichlputzscheere auf die Wand, den Nachtstuhl mußte er im Zimmer haben und auch im heißesten Sommer wurde derselbe nur alle 8 bis 10 Tage geleert. Während .Moser gefangen gehalten wurde, starb seine Frau, und es wurde ihm nicht gestattet, sie noch einmal zu sehen. Und das alles völlig unschuldig, ohne Urteil und Recht, nie fand ein Verhör des Gefangenen statt, und so formlos wie er arretiert worden war, wurde er nach Jahren auch wieder entlassen. „Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, sich stets lassen schauen.“ Mit diesen Worten hatte er sein Gefängnis betreten, und ungebrochenen Geistes verließ es der aufrechte Mann nach vieljähriger Qual.

Wie dieser selbe Herzog mit dem Dichter Schubart verfuhr, ist schon erwähnt worden. Er hatte ihn durch den Oberamtmann Schall in Blaubeuren im Januar 1777 betrügerischer Weise von Ulm weglocken und auf den Hohenasperg bringen lassen. Als Schubart dort ankam, war der Herzog anwesend und bezeichnete persönlich den Kerker, in dem er verwahrt werden sollte. Man ging ebenso mit ihm um wie mit Moser, und noch heute hat niemand herausgebracht, welche Gründe den württembergischen Despoten eigentlich zu seiner Handlungsweise bestimmten. Zehn Jahre hielt er den Dichter gefangen und schämte sich nicht, während dieser Zeit eine Ausgabe von Schubarts Gedichten herauszugeben und den Erlös von 2000 fl. für sich zu behalten. Schubarts Kerkermeister, der Oberst Rieger, kannte das Gefängnis, das er bewachen mußte, nur zu gut. Als des Herzogs intimer Günstling war er selbst eines Tages unversehens bei der Parade verhaftet und nach dem Hohenasperg gebracht worden. „Riegger sah vier Jahre lang kein Menschenantlitz“, schreibt Schubart in seiner Selbstbiographie,, ,denn man haspelte ihm seine sparsame Kost von oben herunter, gab ihm weder Stuhl noch Tisch, kehrte seinen Kerker nie aus, ließ ihm Bart und Nägel wachsen und erlaubte ihm nicht einmal einen Nachtstuhl, sodaß er in Staub und Gestank hätte zugrunde gehen sollen. Außerdem mußte er die langen Winternächte in schrecklicher Finsternis verseufzen und blieb ohne jede Nachricht von seiner Familie.“ Diese drei sind aber nur die bekanntesten Opfer der Willkürherrschaft Karl Eugens, ihre Zahl ist weit größer. So hatte er schon den Musiker Pirkner und seine Frau, die berühmte Sängerin Marianne Pirkner auf dem Hohen Asperg eingekerkert, die unglückliche Künstlerin verlor darüber den Verstand. Den Oberamtmann Johann Ludwig Huber in Tübingen, der sich den Gewaltmaßregeln des Herzogs widersetzte, ließ er ebenfalls greifen und auf den Hohen Asperg verbringen, wo er zu der Zeit, die Schubart dort zubringen mußte, auch einen Herrn von Scheitlin aus Augsburg schon seit 19 Jahren, seinen Brüdern zu Liebe, hinter Schloß und Riegel hielt.

Hilflos war der Deutsche jener Zeit den Launen der Mächtigen überlassen; besaß der Herrscher kein Gefühl für Gerechtigkeit, so war kein Richter da, der das Opfer der Ungerechtigkeit hätte schützen können, der Prozeß Karl Friedrichs von Moser, von dem schon die Rede war, bezeugt es. Hat sich ja doch selbst ein Friedrich der Große durch persönliche Motive, die übrigens auch noch nicht aufgeklärt sind, dazu hinreißen lassen, Friedrich von der Trenck zehn Jahre lang ohne Prozeß, Verhör oder Urteil in schwerer Haft zu halten, die letzten Jahre mit Ketten von 68 Pfund Gewicht belastet, in einem unterirdischen Loch des Donjons der Magdeburger Zitadelle. Viele Jahre, erzählt der Ritter von Lang, saß ein armer Teufel im Kerker zu Harburg, weil die Regierung nicht wußte, was sie mit ihm machen sollte. Sie konnte ihn als Dieb hängen oder auspeitschen lassen, zu Zuchthaus verurteilen, des Landes verweisen oder unter Anrechnung einer jahrelangen Haft entlassen! Während die Behörde zwischen diesen Möglichkeiten unentschlossen hin und her schwankte, lief der Arrestant davon und ersparte ihr weiteres Nachdenken.

Mit dem Strafprozeß hing der Übelstand zusammen, daß der Untersuchungsrichter das Endurteil nicht zu fällen hatte, er sandte die Akten entweder an einen Schöffenstuhl oder an die juristische Fakultät irgend einer Hochschule, die die Spruchkollegien darstellten. Dadurch wurde der Willkür Tür und Tor geöffnet. Der Strafvollzug war von barbarischer Härte. In Sachsen wurden Kindsmörderinnen in einen Sack genäht und ins Wasser geworfen, Mordbrenner lebendig verbrannt. Eine Scharfrichtertaxe aus dem mittleren Deutschland vom Jahre 1729 nennt als Strafen: Pranger stehen, mit Ruten hauen, Abschneiden von Ohren und Zunge, Ausstechen der Augen, Brandmarken, Abhauen einzelner Finger und der ganzen Hand, lebendig verorennen oder lebendig begraben, vierteilen, spießen, rädern und ersäufen. Die verschiedenen Exekutionen trugen dem amtierenden Scharfrichter Summen ein, die zwischen 45 Kreuzern und 6 fl. schwankten. In Österreich wurden 1732 Mördern Riemen aus dem Rücken geschnitten, dann wurden sie mit glühenden Zangen gezwickt und endlich durch das Rad von unten herauf zum Tode gebracht. Die Constitutio criminalis Theresiana vom Jahre 1768, die das Strafrecht reformiert hatte, schaffte nur das Schinden, das lebendig Begraben werden und das Pfählen ab, an dem Feuertod der Verurteilten hielt sie noch ebenso fest wie am Vierteilen, Rädern, Reißen mit glühenden Zangen, Handabhauen und Zungenausreißen; auch beim Prangerstehen, öffentlichen Auspeitschen und Brandmarken hatte es noch sein Bewenden. Erst das Strafrecht Josefs 11., das 1787 eingeführt wurde, ging von dem Grundsatz aus, auch der Verbrecher bleibt Mensch, und brach mit der furchtbaren Roheit jener Strafen, auf welche die Justiz durch ihr Prinzip von der Vergeltung verfallen war. Es blieben noch Prangerstehen, Brandmarkung, Schläge mit dem Stock oder der Peitsche, Zusammenschmieden mit andern Sträflingen, Schiffziehen. Die Kreitt-mayersche Gesetzgebung entfernte sich inbezug auf das Strafrecht nicht von den Blutgesetzen der Carolina; sie setzte für 33 verschiedene Verbrechen die Todesstrafe fest, die mit Schwert, Strang, Rad, Vierteilen und lebendig Verbrennen ausgeführt wurde. Meist gingen ihr Verstümmelungen, Zwicken mit glühenden Zangen und Schleifen zur Richtstätte voran. Auf Gotteslästerung, wozu schon die Verunehrung eines Kruzifixes oder eines Heiligenbildes gehörte, stand der Feuertod; den Abfall vom katholischen Glauben strafte das Schwert, Majestätsbeleidigung wurde durch Vierteilung geahndet. Daß im Strafrecht Josefs II. Zauberei, Apostasie, Ehen zwischen Christen und Nichtchristen nicht mehr als schwere Verbrechen angesehen wurden, war ein unleugbarer Fortschritt, Kreittmayers Kodex erkannte bei Zauberei noch auf Feuertod. Verbrechen und Strafe standen in gar keinem Verhältnis. In Berlin hatte ein gewisser Joh. Gottfr. Höpner, der Bediente des Kriegsrat Fasch, seinem Herrn 1300 Tlr. gestohlen und um die Spur des Diebstahls zu verwischen, an den Schrank, aus dem er das Geld genommen, Feuer gelegt. Der Brand wurde sogleich bemerkt und gelöscht, das Geld am nächsten Morgen wieder bei-gebracht.fürsein Vergehen aber wurde der 27 Jahre alte junge Mann am 15. August 1786 — lebendig verbrannt!? Iin Bistum Speier erging 1746 eine Verordnung, daß jedem, der junge Bäume und Weinstöcke beschädigte, die rechte Hand abgehauen werden sollte; dei Fürstbischof Graf Limburg-Styrum änderte alle Geldstrafen in Prügel um, denn von Geldstrafen würden nur die Familien des Schuldigen getroffen. Unzucht wurde am Pranger gebüßt. ,,Da stand das Mannsbild“, schreibt Johann Baptist Pflug, der solche Exekution in Biberach mit ansah, ‚„mit einem Strohkranz um den Kopf und einem aus Stroh geflochtenen Degen an der Seite; das Mädchen neben ihm mit dem gleichen Kranz, langen aus Stroh gewickelten Zöpfen und einem Stroh-giirtel um die Hüften. So war das Paar eine Stunde lang dem öffentlichen Geschrei und Gelächter preisgegeben…“ „Pasquillanten wurde das Pasquill durch den Scharfrichterin der Hand verbrannt, Felddiebe wurden an einem Seil in einem eigenshierzu angefertigten Korb am Rathaus zur allgemeinen Schau aufgezogen und blieben hoch oben geraume Zeit hängen. In Waldsee wurde der Dieb in einen Käfig gesteckt, der wie ein Faßgestaltet und mit Latten vergittert war; in solchem rollte der Büttel ihn hin und her, bis der Übertäter halbtot wieder herausgezogen wurde.“.Der Strafvollzug geschah öffentlich und wurde zum Volksfest. Schubart bedankt sich 1775 bei seinem Bruder, der ihn zu einer Hinrichtung nach Aalen eingeladen hatte, lehnt die Einladung aber ab.

Der Strafprozeß, der auf Todesstrafe nur erkennen konnte, wenn der Verbrecher gestanden hatte, bediente sich als Beweismittel der Tortur. Sie wurde meist durch Daumschrauben, spanische Stiefel, Versengen u. a. ausgeübt; die Constitutio crimi-nalis Theresiana gebraucht die Vorsicht, die „erlaubten“ Arten der Tortur genau abzubilden, denn bei derartigen Manipulationen war der Phantasie des Untersuchungsrichters und des Henkers ein zu weiter Spielraum gelassen. Justus Grüner wurde in Lemgo das Torturinstrument gezeigt, das man 1777 eigens erfunden hatte, um einen verstockten Mörder, namens Kropp, zum Geständnis zu bringen. Der Kampf gegen die Tortur begann schon im Anfang des Jahrhunderts. Thomasius nannte sie 1707 die „traurige Erfindung, durch welche der noch nicht für schuldig erkannte Angeklagte einer härteren und grausameren Strafe ausgesetzt wird, als ihn treffen könnte, wenn er verurteilt wäre, welche eine unnütze Grausamkeit ist, wenn der Verbrecher ohne sie überführt werden kann, und ein ganz unsicheres Mittel, die Wahrheit an den Tag zu bringen.“ Allmählich errang die fortschreitende Aufklärung in dieser Frage einen Sieg, die Tortur verschwand aus dem Strafprozeß, zuerst in Preußen 1754, dann folgte Baden 1767, Mecklenburg 1769, Kursachsen 1770, Österreich 1776, und zuletzt entschloß sich sogar Pfalzbayern am 17. Dezember 1779 zu einer Verordnung, die den Richtern empfahl: In Anwendung der Tortur zur Erforschung der Wahrheit jedesmal Bedacht mehr ad torturam animi als corporis zu nehmen, sie jedenfalls nur im äußersten Fall der enormitatis delicti zu verhängen.

Das Strafrecht fußte auf dem System der Abschreckung und ahndete jedes Vergehen, groß oder klein, in der grausamsten Weise; ja, es tat sich in einseitiger Verfolgung dieses Grundsatzes niemals genug, denn obgleich die Kreittmayerschen Gesetze schon von der blutigsten Härte zeugten, wurden sie 1781 noch verschärft und Diebe und Räuber mit Handabhacken, Zwicken mit glühenden Zangen, Rädern usw. aufs neue fürchterlich bedroht. Ohne Erfolg. Im Rentamt Burghausen waren von 1748 bis 1776gegen 1100 Personen hingerichtet worden, in München wurden zu Nikolai’s Zeiten wöchentlich zwei bis dreigehängt oder geköpft, sodaß sich deutlich zeigt, daß dieStrenge der Gesetze die Zunahme der Verbrechen nicht hinderte. „Wenn man von Nürnberg herkommend in Bamberg anlangt“, schreibt Baron Pöllnitz 1729, „so wird man von Entsetzen erfaßt, denn man passiert eine Avenue von 72 Meile Länge, die nur von Galgen und Rädern gebildet wird.“ Deutschland und zumal die Territorien, die man vorzugsweise zum „Reich“ zählte, also die kleinen Besitzungen der zentral und westlich gelegenen Kreise, waren das ganze 18. Jahrh. hindurch ein Räuberparadies. Die Annalen der deutschen Verbrechergeschichte sind voll berüchtigter Namen und Taten. Da ist Lips Tullian, der 1714 mit vier Genossen in Dresden enthauptet wurde, der Krummfinger-Balthasar, dessen Bande, 150 Mann stark, Schwaben, Bayern, Sachsen und Hessen unsicher machte, der schwarze Friedrich, der mit 84 Genossen ein Jahrzehnt von 1758 bis 68 in Thüringen hauste und andere ihres Kalibers. Einen gewissen Ruhm erwarb sich um 1770 Matthias Klostermeicr, den man den bayerischen Hiescl nannte. Er hatte sich an den Kurfürsten von Bayern gewandt und ihm geschrieben, er sei nur aus Mangel Wilddieb geworden; wenn man ihm jährlich 70 fl. geben wollte, so verpflichte er sich, wieder ein ehrlicher Mensch zu werden. Soviel Geld war den Bayern ein ehrlicher Mann nicht wert, und sie versuchten, sich mit List und Gewalt seiner Person zu bemächtigen. Kurbayerisches, Ulmer, Augsburger, Kemptener, ßiberacher und anderes Militär wurde auf seine Spur gehetzt, lange Zeit ohne Erfolg. Das Landvolk gewährte ihm bereitwilligst Zuflucht und Schutz gegen alle Verfolgungen, und noch lange nachher erzählte man sich von seinen Taten. Einmal tanzte er grade, als die Soldaten schon in Sicht waren, er ließ sich aber nicht stören, sondern vollendete seinen Part in aller Ruhe, verbeugte sich vor seiner Tänzerin, nahm seine Flinte und war in Sicherheit, ehe man seiner habhaft wurde. 1771 haben ihn die Augsburger im Wirtshaus zu Osterzell doch überrumpelt und den frischen, feschen Kerl 1771 in Dillingen rädern lassen. In den K.K. Erblanden galt Hohenleiten unweit Wien für das eigentliche Räubernest der Monarchie, von hier aus wurde die Straße nach der Hauptstadt unsicher gemacht. Gegen des Ende des Jahrhunderts war Hannickel mit seiner Bande der Schrecken Schwabens, bis er 1787 in Sulz a. Neckar die Strafe seiner Missetaten empfing. Die Rheingegenden wurden von einer Gaunerbande unsicher gemacht, die sich meist aus Juden zusammensetzte. Der Mittelpunkt ihres Treibens war das Grenzdorf Mersen an der Maas, wo aller Raub hingebracht und verhandelt wurde. Beraubte und Bestohlene, denen an der Wiedererlangung ihres Eigentums gelegen war, pflegten der Einfachheit wegen sich stets gleich nach Mersen zu verfügen, um den Rückkaufzu betreiben. Die unglaublicheGeschicklichkeit und Schnelligkeit, mit der die Spitzbuben arbeiteten, verschaffte ihnen, im Zusammenhang mit der Tatsache, daß sie sich nie erwischen ließen, den Ruf, mit dem Teufel im Bunde zu stehen; man glaubte, sie ritten auf schwarzen Ziegenböcken an den Schauplatz ihrer Untaten, daher stammt ihr Name „Mersener Bockreiter.“ Um die Jahrhundertwende lebte der Name’ „Schinderhannes“ in Aller Munde. Dieser Räuberhauptmann machte den Odenwald und das ganze Gebiet des Spessart und des Vogelsbergs verrufen und gefürchtet. Er hieß eigentlich Johann Bückler und soll zu seinem Handwerk gegriffen haben, weil 25 Stockschläge, die er öffentlich wegen eines Diebstahls empfing, ihn in der Heimat zum Ehrlosen gemacht hatten. Seinen Spitznamen verdiente er sich durch die Grausamkeit, mit der er seine Opfer behandelte. Wenn er die Besitzer, die er überfiel, auch durch Martern mit Feuer und Schwefel nicht zur Anzeige ihrer versteckten Schätze bringen konnte, so nahm er ihre Kinder vor und schnitt ihnen die Ohren ab, um die Eltern durch das Wimmern zum Geständnis zu bringen, alte Leute hängte er auf, junge Weiber ließ er nackt ausziehen, mit glühend gemachten Zangen zwicken und halbtot peitschen. Endlich, nachdem er jahrelang allen Nachstellungen entgangen war, fiel er in Gesellschaft von 20 seiner Bande im Wirtshaus zum Roten Ochsen in Frankfurt der Justiz in die Hände und wurde 1803 in Mainz geköpft. Das Lied, das er im Gefängnis auf Julchen Blasius, seine Geliebte, verfaßt hatte, war noch jahrelang im Munde des Volkes.

Die Ausbreitung des Räuberwesens war Schuld der politischen Zerrissenheit der Gegenden, in denen die Banden ihr Unwesen trieben. Man konnte ihrer nie habhabt werden, da sie sich, wenn ein Verbrechen entdeckt wurde, schon längst auf fremdem Grund und Boden in Sicherheit gebracht hatten, und ehe ein Gesuch um Auslieferung ergehen konnte, bereits wieder an einen dritten Ort begaben. Die einzelnen Reichsstände waren den Missetätern gegenüber völlig machtlos und mußten es in der Tat dem Zufall überlassen, ob es ihnen gelingen würde, einmal einen Verbrecher zu fangen oder nicht. Viele gaben sich nicht einmal Mühe deswegen und zogen es vor, sie der Bequemlichkeit zu Liebe wieder entwischen zu lassen, wenn sie ja einmal einen hatten. Nur diese Zustände erklären es, daß, wenn man in den meisten Orten in der Sicherheitsfürsorge zu nachlässig war, man andrerseits die Verfolgung der Gauner rein sportsmäßig betrieb. So ließ es sich der Oberamtmann Schaffer in Sulz angelegen sein, die Verbrecher aufzuspüren und zu prozessieren, und vor allem errang sich Reichsgraf Ludwig Schenk von Castell, der sogenannte „Malefizschenk“, in diesem Sport einen ruhmbedeckten Namen. 1764 trat der damals 26 alte Graf die Regierung seiner Herrschaft Dischingen bei Ulm an und machte es sich fortan, bis zum Übergang seines Territoriums an Württemberg, zur Lebensaufgabe, dem Gaunerwesen durch unermüdliche Verfolgung, Aburteilung und Bestrafung der Missetäter entgegenzuwirken. Sein eigenes Gebiet wäre für dieses Streben natürlich zu klein gewesen und so trat er zuerst mit dem Ritterkanton Donau, dann mit all den beinah nicht zu zählenden Fürsten, Grafen, Abteien, Reichsstädten der Gegend in Verbindung. Ein glückliches Ungefähr hatte Johann Baptist Herrenberger, den als,,Konstanzer Hans“gefürchteten Räuberhauptmann 1784 zum Gefangenen des Oberamtrnann Schäffer gemacht, der ihn begnadigte, weil er sich bereitfinden ließ, alle Mitschuldigen anzugeben. Dadurch wurde dem „Henkersgrafen“ die Sache wesentlich erleichtert, in Oberdischingen wurden im Zeitraum von etwa 20 Jahren, bis 1805, gegen 40 Hinrichtungen vollzogen. Graf Schenk, der nach den neuesten Forschungen Ernst Arnolds seinen grausigen Spitznamen durchaus nicht verdient, ging in allen Prozessen, die er anstrengte, nach dem Buchstaben des Gesetzes und durchaus gerecht vor, nur die allerdings merkwürdige Liebhaberei, die ihn veranlaßte, sich ein Zuchthaus zum Vergnügen zu errichten, so wie andere sich wohl Lustschlösser bauten, hat die Phantasie des Volkes mächtig erregt. Zuchthäuser waren an und für sich etwas nicht Gewöhnliches, man hatte sich bis dahin begnügt, Verbrecher durch Verstümmeln oder Brandmarken zu kennzeichnen, sic aber dann wieder ungeschält unter ihre Mitbürger zu entlassen; die erste Anstalt dieser Art hatte Kursachsen 1715 in Waldheim errichtet. Wo sie bestanden, waren die Gefängnisse Häuser des Schreckens, in denen Verbrecher und Geisteskranke miteinander interniert wurden. Schubart war im Gefängnis zu Ludwigsburg unter Rasenden, die an Ketten auf faulendem Stroh lägen und von Ungeziefer geh essen wurden. Im Gegensatz dazu fiel den Besuchern des gräflichen Zuchthauses „die gute Ordnung, die menschliche Behandlung der Gefangenen, die Reinlichkeit urd die pünktliche Aufsicht“, die hier geübt wurde, angenehm auf. Allerdings wurde auch hier jeder neue Ankömmling mit einem „Willkomm“‚ von einigen Dutzend Stock* Schlägen begrüßt und mit einem ebensolchen „Abschied“ entlassen, aber das war bis tief in das 19. Jahrh. hinein allüberall der Brauch. Jedenfalls gelang es Graf Schenk, die Gegenden, die er betreute, von dem Gesindel ziemlich zu befreien und es war ein Streich bloßer Niedertracht, daß der französische General Collaud, der 1800 mit seinen Truppen nach Oberdischingen kam, alle Zuchthäusler in Freiheit setzte. Zwei der Freigelassenen zeigten, wie würdig sie der Freiheit waren, sie steckten das Schloß des Grafen in Brand. Einen Gesinnungsgenossen fand Graf Schenk in dem Grafen Bentheim in Rheda, der sich ein Vergnügen daraus machte, mit den Landhusaren auf die Jagd nach Vagabunden zu gehen; die Gefangenen verkaufte er an die englischen Werber! Statt der Zuchthäuser schickte man die Verbrecher in die Festungen, wo sie mit schweren Ketten belastet, an öffentlichen Orten allerhand Arbeiten verrichten mußten, Karrenschieben, Straßenkehren, Schanzen u. dgl., sie waren die „Baugefangenen“, von denen im 18. Jahrh. so oft die Rede ist. Wessen Land zu klein war, um solche Leute unterzubringen, der schickte sie zu fremden Herren. So war in Werl in Westfalen eine mehrköpfige Familie als Ruhestörer und Diebe verurteilt worden, und die Gemeinde erkaufte um schweres Geld die Erlaubnis, die Leute in die hessische Festung Ziegenhain verbringen zu dürfen, um sie dort zu beschäftigen. Dort angelangt, fand es der Landgraf angezeigt, die Männer unter seine Soldaten zu stecken, und da ihr Regiment in Wesel garnisonierte, so hatten die Werler die Überraschung, sie eines Tages auf Urlaub wieder begrüßen zu können und ihrer Rache ausgesetzt zu sein. Buchloe war zu jener Zeit der allgemeine Sammelplatz der Übeltäter im schwäbischen Kreise. Jeder Kreisstand trug zur Unterhaltung des hier befindlichen Zuchthauses bei und hatte dann das Recht, alle seine Galgenvögel dahin zu liefern, wo man ihnen entweder unentgeltlich den Hals brach oder sie im Zuchthaus behielt. „Noch ehe man in das Dorf kommt“, bemerkt P. Nepomuk Hauntinger 1784, „ist es ein in der Tat trauriger Anblick, so viele unglückliche Schlachtopfer der Gerechtigkeit auf verschiedene Weise entleibt vor sich zu sehen.“ Hier gab es auch noch Schreckenszellen und Folterkammern, „die man heute an verschiedenen Orten für entbehrlich ansieht,“ wie der brave Benediktiner hinzusetzt.

Dem bandenmäßigen Zusammenschluß von Räubern, Dieben und arderm Gesindel leistete das Vagantentum jeden denkbaren Vorschub, es stellte jederzeit frische

Rekruten. Es muß in Deutschland eine große Höhe erreicht haben, denn die Klage über das herumziehende Volk, das als Kesselflicker, Mausefallenhändler, Tabulaturkrämer, Bänkelsänger, ‚Schacherjuden u. dgl. das flache Land unsicher machte, nehmen kein Ende. Ihnen schlossen sich die Abgefeimteren an, die als bettelnde Edelleute, Offiziere, Pfarrer, Bekehrte, Sieche, Waldbrüder, Prinzen vom Berg Libanon usw. auf das Mitleid derer spekulierten, die nicht alle werden. In Württemberg gab es eine besondere Klasse von,Menschen, die sogenannten „Freileute“, die kein Grundeigentum besaßen, sondern als Abkömmlinge ehemaliger Mietsoldaten mit ihren Familien nomadisierend umhei zogen und sehr nachdrücklich und ungestüm zu betteln verstanden. Sie machten Schwaben und Franken in weitem Umkreise unsicher: der Ritter von Lang erzählt, daß Kinder nicht wagen durften, über die Dorfflur hinauszugehen,.weil sie sonst gestohlen wurden, einer seiner kleinen Brüder ging der Familie auf diese Weise verloren. 1733 veröffentlichte die Prälatur Roth eine Liste von Dieben, Einbrechern und ähnlichen Gaunein, die die Steckbriefe einiger 50 Männer und ihrer Zuhälterinnen enthielt. Die zum Druck geförderten Listen enthalten Tausende von Namen und Steckbriefen von den Gerichten gesuchter Gauner. In Schwaben glaubte man 1793 die Zahl der professionellen Taschendiebe, Beutelschneider u. a. mit 2726 nicht zu hoch anzunehmen; die.„General-Jaunerliste“, die der badische Oberamtmann Friedrich Roth in Emmendingen herausgab, nannte und beschrieb sogar 3147 Gauner, Straßenräuber, Mörder, Kirchen- und Marktdiebe, Falschmünzer, Falschspieler, Kollektensammler und ähnliche Herrschaften. Sehr empfindlich war man gegen die Zigeuner, die man nicht als Menschen betrachtete, sondern als Wild. Sie wurden 1722 für vogelfrei erklärt, eine preußische Verordnung von 1725 bestimmte kurzerhand, alle über 18 Jahr alten Zigeuner aufzuhängen, eine Maßregel, die 1748 von neuem empfehlend in Erinnerung gebracht wurde, ln Gießen wurden 1726 an zwei auf einander folgenden Tagen 25 Zigeuner gerädert, gehängt oder auf ähnliche Weise ins Jenseits befördert.

Für katholische Gegenden war die mißverstandene Tugend des Almosengebens eine Quelle großer Übelstände, denn sie erhielt ein Lumpenpioletariat, das sich auf den Bettel als Erwerbsquelle verließ. „Wie wir vor Bamberg kamen“, schreibt Edelmann 1725, „wären wir sowohl beim Hinein- als beim Herausfahlen von Bettelleuten bald umgebracht worden. Sie umgaben unsern Wagen, groß und klein, zu fünfzigen, dergestalt, daß der Kutscher kaum fahren konnte.“ Den schlechtesten Ruf genoß in dieser Beziehung Köln a. Rh., „die abscheulichste Stadt in Deutschland“, wie Ricsbeck sie nennt. „Ein Drittel der Einwohner“, schreibt er, „sind privilegierte Bettler. Vor den Kirchen sitzen sie reihenweise auf Stühlen und folgen einander nach der Anciemütiit. Stirbt der Vorderste, so rückt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern geben ihren Söhnen und Töchtern wenn sie heiraten, einen bestimmten Platz vor einer Kirchtür als Aussteuer mit.“ Georg Förster veranschlagte die Zahl der Bettler in Köln sogar auf 20000, was genau der Hälfte der Einwohner entsprochen hätte. Es war anscheinend in protestantischen Gegenden nicht grade viel besser. Eberhard von Rochow schätzte die Summe, die ein Landpfarrer in der Mark jährlich an Almosen ausgab, auf durchschnittlich 40 Tlr., die Stadt Leipzig hatte von Magistratswegen 1803 zusammen 8438 Almosen verteilt. Eine geregelte Armenpflege macht sich erst gegen Ende des Jahrhunderts geltend; neben Herrn von Rochow auf Rekahn waren Justus Alöser in Osnabrück, Garve in Breslau und besonders der Amerikaner Rumford in München in dieser Hinsicht tätig.. Letzterer verstand es, die Sache von der praktischen Seite anzugreifen, indem er sich bestrebte, den Armen kein Almosen sondern Arbeit zu geben. Die großen Arbeitshäuser, die er in Mannheim und München gründete und die vor dem 1774 in .Berlin erbauten den Vorzug haben sollten, daß die Insassen ohne Schläge behandelt wurden, waren bestimmt, sich selbst zu erhalten.

Nichts dürfte im 18. Jahrh. so zur Entvölkerung des platten Landes und zur Bildung, von Landstreichern beigetragen haben, als die Jagd, die in einer Art und Weise betrieben wurde, die den Landleuten ihren Beruf gründlichst verleiden konnte. Die Jagd war eine Landplage, denn da sie eine der Hauptunterhaltungen der Fürsten bildete, so war die Erhaltung eines großen Wildstandes ihr Hauptaugenmerk, der Schaden, den das Wild den Feldfrüchten tat, kam dem gegenüber gar nicht in Betracht. Vom Kaiser angefangen bis herunter zum Herrn einiger Quadratmeilen waren sich in der Jagdpassion alle gleichundallehegten auch den Wunsch, soviel Wild wie möglich zum Schuß zu bekommen. Kaiser Karl VI. war die Jagd das liebste, er wie sein Schwiegersohn und Nachfolger schätzten besonders die Reiherbeize, für deren Betrieb sie ein Personal von 50 Köpfen unterhielten. Küchelbecker sah einer Hirschjagd zu, bei der der Kaiser, die Kaiserin und die Erzherzoginnen von 490 Hirschen und 150 Tieren, die .zusammengetrieben worden waren, 50 Stück erlegten. Die Pfalz war durch die Raubkriege Ludwig XIV. in Asche gelegt worden, als es an den Wiederaufbau ging, war die erste Maßregel des Kurfürsten Johann Wilhelm, die Hofjagd wieder in die Höhe zu bringen, das bedeutendste Gesetzgebungswerk seiner Regierung war die Forstordnung vom Jahre 1711. Durch ihre leidenschaftliche Jagdliebe zeichneten sich die beiden August von Sachsen-Polen aus; zu ihrer Zeit gab es in Sachsen 300 Jagdämter mit 4000 Angestellten, die nichts zu tun hatten als das Wild zu überwachen. Seit am Ende des 17. Jahrh. die Parforcejagd in Deutschland eingeführt worden war, verfolgte man den Hirsch solange, bis er nicht weiter konnte, querfeldein, ohne Rücksicht aut die Felder und den Stand der Saat. Berühmt waren die Parforcejagden der Höfe in Dresden, Köln, Bernburg, Berlin, Hannover, Darmstadt, Dessau, Waldeck. Je kleiner der Hof, je größer seine Jagden; die Einrichtungen, die Fürst Viktor Friedrich von Anhalt-Bernburg dafür getroffen hatte, erregten allgemeine Bewunderung. „Bemerkenswertere Anstalten sind in ganz Deutschland nicht zu finden,“ schrieb Bernhard von Rohr 1736; die geplagten Untertanen fanden weniger Gefallen daran und erregten 1752 einen Aufstand. Sein Nachbar, der Fürst von Anhalt-Dessau, der mit einer Meute von 150 Hunden zu hetzen pflegte, erlegte am 18. November 1724 auf einer Jagd in Wörlitz 600 Stück Wild. Döbel erzählte 1754, daß, als man den Tiergarten bei Dessau auf ließ, die Hirsche sich binnen 24 Jahren so vermehrten, daß man in einem Distrikt vor 2 Quadratmeilen, 800 bis 900 Hirsche zählte, die Tiere nicht mitgerechnet! In Altenburg gab es in einem Forst von 4 bis 5 Stunden Umfang gegen 1000 Stück Rotwild. Herzog Karl von Zweibrücken hielt sich für seine Jagden einen Marstall von 1000 Pferden und ganze Regimenter von Jagdhunden, „das ganze Land ist ein Tiergarten zum Verderben der Untertanen“, schrieb Gagern. „Zu Herzog Christians Zeiten“, erzählte ein alter Bauer in Birkenfeld, Hannibal Fischer, „da hatten wir dreimal soviel Hirchkühe in unserm Walde als Stallkühe in unserrn Dorf; jetzt werden wir wohl 50 mal mehr Kühe im Stall als Hirsche im Walde haben.“ Markgraf Ludwig Georg von Baden-Baden erlegte 1738 auf einer großen Jagd 180 Wildschweine, 8 Wölfe, 66 Dachse und 200 Hasen; die hessischen Landgrafen hegten das Wild in solcher Fülle, daß es bis nach Darmstadt hineinkam. Landgraf Ludwig VI11. erlegte 1767 bei Kranichstein mit eigener Hand 73 Stück Schwarzwild. Kardinal Schönborn, Fürstbischof von Speyer, hielt Jagden ab, bei denen nach Pöllnitzs Bericht Hirsche und Wildschweine zu Hunderten getötet wurden. Daß die französischen Heere 1735 sein Land aussaugten und- die Einwohner plünderten, schmerzte den Kurfürsten Karl Philipp von der Pfalz sehr wenig, daß aber österreichische Offiziere sein Wildbret schossen, empörte ihn und er besaß, wie Häusser so hübsch sagt, den „seltenen und nicht beneidenswerten Gleichmut“, sich bei Prinz Eugen darüber zu beschweren. Das Personal der bayerischen Parforcejagd umfaßte 30 berittene Jäger und 160 Hunde, konnte aber bei Bedarf sehr vermehrt werdei ; so wurden zu einer Jagd im Geisenfelder Forst 1729, bei der 508 Sauen erlegt wurden, 1270 Mann und 282 Pferde aufgeboten. Es versteht sich fast von selbst, daß die Herzoge von Württemberg auch hier wieder an der Spitze marschieren; da sie im 18. Jahrh. alle leidenschaftliche Jäger waren, stiftete Herzog Eberhard Ludwig doch schon 1702 den St. Hubertus-Jagdorden. „Wilde Schweine, Dam- und gemeine Hirsche“, bemerkt Albrecht von Haller 1723 in seinem Tagebuch, „sind hier so gemein als zahme Tiere, irren ungekränkt herum und fürchten niemand als das Hubertusfest, an welchem etliche Hundert gefallet werden.“ 1717 wurden auf dem kleinen Gebiet des damaligen Württemberg 6500 Hirsche und 5000 Wildschweine geschossen, und trotzdem schätzte man ein Jahr darauf den Wildschaden doch noch auf 600000 fl. Berühmt waren die Jagdfeste, die Karl Eugen veranstaltete. 1748 gab es bei seiner Hochzeit eine Hetzjagd, zu der in der Wasserhalde bei Leenberg 800 Stück Rot- und Schwarzwild zusammengetrieben worden waren, die 14 Schuh hoch in das Wasser herabspringen mußten, in dem sie erlegt wurden. 1763 wurdedasachtTagedauernde GeburtstagsfestdesHerzogsmiteiner Jagd an dem künstlichen See bei Degerloch beschlossen, 5218 Stück Wild waren dazu gefangen worden. 1782 veranstaltete der Herzog zu Ehren des Großfürsten Paul von Rußland eine Jagd, zu der er 6000 Stück Edel- und Rehwild und 2600 Sauen hatte einfangen lassen; sie wurden am Bärensee zusammengetrieben und zur Hälfte durch den See forziert, wobei 200 Stück durch Ertrinken umkamen. Am Ende des Jahrhunderts sah Pahl im Leibgehäge um Ludwigsburg „Hasen, Rehe und Füchse zu Tausenden, der Pflüger konnte sie mit der Peitsche, der Spaziergänger mit dem Stock erreichen. Was der Landmann gepflanzt hatte, war ihre Speise, ohne daß es jemand wagen durfte, sie zu hindern; niemand durfte Unruhe oder Störung in ihr freies Leben bringen oder sie durch einen Hund erschrecken. Wer eincnStein nach einem Rebhuhn geworfen hätte, wäre empfindlicher Strafe verfallen gewesen; noch größerer, wer Hand an den Hasen gelegt hätte, der ihm den jungen Kohl im Garten abfraß.“

Wie sehr die Jagd das Sinnen und Trachten ausfülltc, beweist Graf Christian Ernst zu Pappenheim, der ein leidenschaftlicher Jäger blieb, auch nachdem er das Unglück gehabt hatte, zu erblinden. Als es sich gelegentlich der großen Fürstenzusammenkunft in Mainz 1791 für den Kurfürsten darum handelte, seine hohen Gäste zu unterhalten, wußte er ihnen nichts Besseres zu bieten als auf dem Schloßplatz in Mainz eine Treibjagd anstellen zu lassen, bei der die Jäger aus den Fenstern schossen. An den Höfen kam diese Leidenschaft auch in den Zahlen der Gehälter zum Ausdruck; in Kurköln z. B. erhielt der Oberhofmeister des Kurfürsten 2660 Tlr., während ein Reihermeister 3333 Tlr. empfing.

Diese Massen von Wild verursachten natürlich gewaltigen Schaden, in Sachsen schätzte ihn der englische Gesandte in der Mitte des Jahrhunderts auf 350000 Tlr. im Jahr, ln Ansbach glaubte man ihn mit 150000 fl. nicht zu gering zu schätzen, diese Summe entsprach der Hälfte des gesamten Ertrages an Feldfrüchten. „Das Bistum Speier“, schreibt Pöllnitz 1730, „ist eine der fruchtbarsten Provinzen Deutschlands, aber die Einwohner sind außerordentlich arm, sie haben kaum so viel, daß sie die hohen Steuern aufbringen können, die sie ihrem Landesherren geben müssen. Das Land wimmelt derartig von allen Sorten Wild, daß die Felder durch die Tiere verwüstet werden. Die Landleute haben die größte Mühe, ihre Ernte zu schützen und sind gezwungen, sie Tag und Nacht zu bewachen.“ Das war die ärgste Tyrannei, die mit der Jagdliebe der Herrscher verbunden war, daß den Landleutenverboten war, sich gegen das Wild zur Wehr zu setzen, ln Sachsen war dem Bauern „verstattet, das Wild durch Rufen, Klopfen oder sonst unschädliche Schreckzeichen zu verscheuchen, er muß sich aber dabei keines Schießgewehrs bedienen“. Da jede, auch eine unabsichtliche Beeinträchtigung des Wildstandes vermieden werden mußte, so durften die Bauern keine Hunde halten oder mußten ihnen einen Knüttel um den Hals hängen, in Kurmainz ein hölzernes Kreuz, das % Ellen lang und breit war. Den Katzen der Bauern mußten die Ohren abgeschnitten werden, und dem Jäger, der einen Hund oder eine Katze erlegte, mußte der Eigentümer Schußgeld zahlen. Bei Durlach brachen die Wildschweine am lichten Tag in Rudeln in die Rebgärten, Schutzzäune aber durften nur bis zu Gürtelhöhe errichtet werden und die Pfähle derselben mußten oben abgestumpft sein, weil sonst „dem Wild im Hinüberspringen möchte Schaden begegnen“. Das Einzäunen aber war nicht einmal überall gestattet bis 1791 durften die Bauern in Ansbach und Bayreuth das Wild nur mit Schreien verscheuchen; ein Gewehr, einen Knüttel oder einen Hund bei sich zu haben, war ihnen bei Zuchthausstrafe verboten. Übrigens auch an andern Orten. „Ich habe nie ohn schmerzhafte Rührung“, schreibt Johann Peter Frank 1783 in seiner medizinischen Polizei, „in der Pfalz, im Zweibrückischer, Saarbi ückischen, im Darmstädtischen, Speyerschen und Baden-Badenschen Landen die ganze Nacht hindurch die ermüdeten Untertanen in den Herbstzeiten auf ihren Äckern wachen und sich einander zuschreien gehört, wodurch solche die schädlichen Tiere in ihren Waldungen zurückzuhalten suchen.“

Wehe, wer sich gegen diese Gesetze verging, dreimal wehe dem Wilddieb, der sich ertappen ließ. Wer ein Wild erlegte, ohne dazu berechtigt zu sein, auch wenn er es unabsichtlich getan hatte, zahlte Strafgelder, die in Preußen für einen Hirsch oder für einen Keiler 500, für ein Reh 100, für einen Hasen 50, für ein Rebhuhn 30, für eine Wildgans 40 Tlr. betrugen. Wer nicht zahlen konnte, kam für je 50 Th. drei Monate auf Festung, d. h. nach heutigen Begriffen ins Zuchthaus. Die Strafen für Wilddiebe waren gradezu ungeheuerlich. 1666 war in Friedberg i. Wetterau ein Hirsch durchgekommcn, auf dessen Rücken ein mit Ketten angeschmiedeter Mann gelegen und laut um Hilfe gerufen hatte. Ehe man aber zu seiner Befreiung Anstalten machen konnte, war das Tier verschwunden und man fand beide später tot in einem Walde bei Solms. Das ist, wenn es wahr ist, im 18. Jahrh. wohl nicht mehr vorgekommen, aber die Strafen, die man ihnen zudiktierte, waren noch barbarisch genug. Man schnitt Wilddieben die Ohren ab, haute ihnen eine Hand ab, stach ihnen die Augen aus, nagelte ihnen ein Hirschgeweih an den Kopf und hängte sie damit an den Galgen; von einem Erzbischof in Salzburg wird berichtet, daß er ertappte Wilddiebe in Felle nähen und von seinen Jagdhunden zu Tode hetzen ließ. Der Herzog von Sachsen-Weimar, Karl Augusts Großvater, bestimmte, daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und bei Betreten sofort aufgehängt werden sollten, ihre Weiber wurden gebrandmarkt und ins Zuchthaus gesperrt. Wenn ein Förster oder Jäger einen Wilddieb erschoß, erhielt er 50 Tlr. Belohnung. Dieses Schußgeld ermäßigte die Zweibrückensche Forstordnung von 1785 auf 15 Tlr.; wer dagegen einen Wilddieb lebendig einbringe, solle 20 Tlr. empfangen, ln Bayern kam ein Wilddieb das erste Mal ins Zuchthaus, das zweite Mal wurde ihm eine Hand abgehauen, und war er dann immer noch nicht geheilt, und ließ sich zum dritten Mal erwischen, wurde er gehängt. 1771 wurde diese Stufenleiter etwas gemildert: das erste Mal gab es „leibeskonstitutionsmäßige Karbatschenhiebe“, das zweite Mal die doppelte Anzahl, beim dritten Mal wurde er unter das Militär gesteckt. Die Not der Landleute war so groß, daß bei einem Wilddiebstahl, den Bürger von Neckargemünd verübt hatten, das Regierungskollegium sich gedrungen fühlte, dem Kurfürsten Karl Theodor vorzustellen „gewissenshalber“ vorzustellen, daß man nicht mit der ganzen Strenge der Gesetze vorgehen könne, „so lange die Untertanen wegen ihrer Früchte nicht gehörig gesichert und die zugefügte Beschädigung nicht ersetzt werde“. Der Kurfürst aber befahl das „Pönalgesetz stracks zu erfüllen“.

Zu den Pflichten der Untertanen gehörte auch die Pflege der Hunde, die bei großen Parforcejagdequipagen gewöhnlich weit über hundert zählten. Auch darüber wachte das Auge des Gesetzes mit Strenge. Markgraf Karl Alexander von Ansbach wurde eines Tages hinterbracht, der Fallmeister in Gunzenhausen vernachlässige die ihm anvertrauten Hunde; auf der Stelle ritt er hin, ließ den Mann rufen und erschoß ihn auf der Schwelle seines Hauses!

Besser wurde das erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, vielleicht auch nur, weil zwei der markantesten Persönlichkeiten Deutschlands der Jagdpassion gar nicht frönten. Friedrich II. ging gar nicht auf die Jagd und hat sich imAnti-Macchiavel in nicht mißzuverstehender Weise darüber ausgesprochen, und Josef II. entsagte ihr, weil er das Unglück gehabt hatte, in den Donauauen einen jungen Menschen aus Versehen zu erschießen. Als ein ähnlicher Unfall dem Grafen von Schaumburg-Lippe zugestoßen war und er sich darüber Gewissensbisse machte, hatte ihn sein Hofprediger getröstet, er sei ja Herr über Leben und Tod seiner Untertanen, es habe das gar nichts zu sagen. Bei Kaiser Josef verfingen derartige Trostgründe nicht. Er war kaum zur Regierung gelangt, da wußte die Frankfurter Reichs-Oberpostamts-Zeitung vom 6. Januar 1766 schon zu melden: Kaiser Josef habe in St. Veit die Beschwerden der Einwohner über die Jagd entgegengenommen und den Bauern das Einzäunen der Weingärten und Felder gestattet. Es war schon ein gewaltiger Fortschritt, daß der Landesherr Klagen über die Jagd überhaupt entgegennahm, und die neue Jagdordnung des Kaisers, die 1786 erlassen wurde, räumte denn auch die Ursache vieler Kümmernisse der Landleute hinweg. In einigen kleindeutschen Gebieten folgten die Herren dem kaiserlichen Beispiel, so erlaubte Graf Wilhelm zur Lippe seinen Bauern, das lästige Wild abzuschießen.

Wenn cs eine offene Frage bleibt, ob man die Parforcejagd zu den Tierquälereien rechnen darf oder nicht, so kann es dagegen keinem Zweifel unterliegen, daß die Tierhetzen, wie sie im 18. Jahrh. beliebt waren, ohne jede Beschönigung als widerwärtige Tierquälerei bezeichnet werden müssen. Wie die Zeit darüber dachte, lehrt Göbel in seinem Jagdrecht, wo er, von ihnen berichtend, sagt: „Unter allen macht keiner solche Vergnügung als der Bär, wenn er von den kleinen Barenbeißern hin und her gezwackt wird, so daß er sich in ein Faß mit Wasser retirieren muß. So sitzt er darinnen und teilt aus demselben mit vieler angenehmen Lust Ohrfeigen unter die Hunde aus, wehret sich dermaßen, daß er mit den Hunden überall naß wird, oftmals nach denselben heraus und wiederum hineinfährt, dabei es viele Lustbarkeiten gibt. Es pfleget die Herrschaft auch den Bären mit Schwärmern und Stern-‚ pölzen zu vexieren und mit einem rot-ausgestopften Männchen zornig zu machen.“ Der kaiserliche Hof gab das Beispiel. „In der Mitte der Fasten“, so schreibt ein Reisender 1719 aus Wien, „pflegt der K. Hof sich mit einem Fuchsprellen und der Dachshetze im Prater zu divertieren, und weilen die eingesperrten Füchse auf die Bäume hinauf laufen, so macht die Herrschaft sich ein Plaisier daraus, dieselben herunterzuschießen. Von Kavalieren ist niemand erlaubt, hieran teil zu nehmen. Die Botschafter pflegen auch die Füchse, wenn sie ihnen nahe kommen, mit Prügeln totschlagen zu helfen, der Kaiser aber prellt selbst eine Zeitlang mit.“ In Berlin hatte Friedrich 1.1693 ein Amphitheater für Tierhetzen gebaut, in dem Auerochsen, Löwen, Bären unter sich oder mit Hunden kämpften; an dem Platz, wo es gestanden hatte, errichtete Friedrich Wilhelm I. 1720 das Gebäude des Kadettenkorps, ln Dresden fanden 1719, 1721, 1739, 1740 große Kampfspiele statt, bei denen Löwen, Tiger, Bären, Eber, Auerochsen, Büffel auftraten und sich zerfleischten. Das Intelligenzblatt in Frankfurt a. M. kündigt öfters derartige Schauspiele an, z. B. im Jahr 1723 eine Hatz von Bären und Eseln. Das gelobte Land der Tierhetzen aber blieb doch Wien. Als Charles Burney 1772 Wien besuchte, versprach das Programm des Hetztheaters: ein hungriger wütender Bär werde einen jungen Ochsen lebendig fressen, und würde er mit dieser Aufgabe nicht fertig werden, so stünde ein Wolf bereit, ihm zu Hilfe zu kommen. Als Friedrich Nikolai sich im nächsten Jahrzehnt in der Kaiserstadt aufhielt, wurden Hunde auf Stiere, Bären, Schweine, Hirsche und Wolle losgelassen. Nachdem den armen Tieren Ohren, Lippen oder Hoden abgebissen waren,wurden sie für ein weiteres Auftreten geschont. Die Hauptnummer des Programms aber hieß: „Die Raubwölfe werden auf eine lächerliche Art ihren Raub nehmen,“ das hieß so viel als, daß man zwei hungrigen Wölfen ein lebendiges zahmes Schwein vorwarf. „Dieses wehrlose Tier“, schreibt Nikolai, „wurde unter kreischendem Geschrei von einem Wolfe bedächtig und ohne Mühe am Halse befressen, während der andere ebenso ruhig den Bauch aufgebissen hatte, mit der Schnauze im Leibe wühlte und die Eingeweide verschluckte.“

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Deutschland im 18. Jahrhundert – Die Verwaltung

Deutschland im 18. Jahrhundert

Zweites Kapitel

War Deutschland politisch betrachtet kein einheitlicher Körper zu nennen, so war es das, wirtschaftlich und verwaltungstechnisch genommen, noch viel weniger; jeder, auch der kleinste Teil des Reiches stellt ein in sich abgeschlossenes Ganze vor. Mit derselben Eifersucht, mit der jeder Reichsstand über seine Unabhängigkeit wachte und politisch den Herrenstandpunkt des Absolutismus betonte, versuchte er auch ökonomisch auf eigenen Füßen zu stehen. So viele Grenzen den deutschen Boden durchzogen, so viele einander feindliche Wirtschaftskörper zeichneten sie ab; denn jedes Land war bestrebt, sich auf Kosten des Nachbarn zu bereichern, gingen doch alle wirtschaftlichen Erwägungen von dem Gedanken aus: gewinnen könne man nur, was ein anderer verliere. Der unfreundlichen Gesinnung, die sie gegeneinander beseelte, zum Trotz lebten doch alle unter den gleichen Bedingungen und gehorchten dem gleichen Zwange, denn Landwirtschaft, Gewerbe und Handel waren in keinem Lande frei, sondern überall den gleichen drückenden Beschränkungen unterworfen. Je kleiner das Gebiet eines Reichsstandes war, um so weniger möglich mußte es für ihn sein, ein selbständiges wirtschaftliches System auf seinem Territorium durchzuführen, eine Erkenntnis, die sich zwar bei der Durchführung jeder Maßregel stets von neuem aufdrängen mußte, die aber nicht gehindert hat, daß der Absolutismus es trotzdem versuchte, die Grundsätze seiner Allgewalt auch in der Verwaltung zum Ausdruck zu bringen. Diese Tendenz hat im Laufe des 18. Jahrhunderts den Beamtenstaat begründet, der erst Seite an Seite mit der alten ständischen Verwaltung besteht, sein Übergewicht aber so schnell geltend macht, daß er schon, ehe das Jahrhundert auch nur zur Hälfte abgelaufen ist, die alten Formen völlig beseitigt hat. Er wird das Instrument, mit dem schließlich jeder Duodezfürst sein Herrscherbedürfnis befriedigen kann. Das ist nicht ohne Kampf abgegangen, wofür Württemberg ein typisches Beispiel ist. Hier bestanden drei öffentliche Haushaltungen nebeneinander: die herzogliche Rentenkammer, die Landschaft und das Kirchengut; der Wille des Herzogs setzte sich aber mit Hilfe der von ihm gewählten Subjekte so nachhaltig durch, daß Herzog Friedrich, der spätere erste König, noch ehe das Jahrhundert vorüber ist, sein absolutistisches Schreckensregiment völlig durchführen kann.

Die Fürsten, welche ständische und städtische Beamte durch fürstliche ersetzten und den Einfluß wie die Zahl städtischer Magistrate begrenzten, haben damit in Privilegien eingegriffen, die schon längst ein Krebsschaden der Verwaltung geworden waren. Die Selbstverwaltung war zum Monopol der Ratsherren geworden, die so selbstherrlich zu handeln gewöhnt waren, daß sie die Gelder, die durch ihre Hände gingen, ganz selbstverständlich zu ihrem Vorteil verwendeten; manche Magistrate, z. B. die von Zittau und Leipzig, hatten sich sogar das Privilegium erkauft, niemand Rechnung über ihre Einnahmen und Ausgaben ablegen zu müssen, ln den Reichsstädten war dieser Modus überhaupt Regel geworden. Freilich die Änderung war durchaus nicht überall mit einer Besserung identisch. Das verhinderte schon die Überzahl der fürstlichen Beamten. In Brandenburg-Preußen war die Zahl der Beamten so angeschwollen, daß bereits 1710 Projekte ausgearbeitet wurden, wie man bei richtiger Kontrolle nicht nur mit der Hälfte, sondern mit dem zehnten Teil derselben sehr gut auskommen könne. In Kursachsen zählte man auf 2 Millionen Einwohner 6500 Zivilbeamte und in Kurmainz rechnete man auf 250 Einwohner einen Beamten.

Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz regierte mit Hilfe von sieben Geheimen Konferenzministern, neben denen eine Geheime Kanzlei mit zwei Dutzend Beamten stand. Die Verwaltung der pfälzischen Lande leiteten zu seiner Zeit zwei Präsidenten, vierzig Räte und einige Dutzend Sekretäre und Kanzlisten. Unter dem Kurfürsten *Karl Theodor gab es in München ein Ministerium aus einem Kanzler, vier Ministern, achtzig Wirklichen Geheimen Räten mit dem Prädikat „Exzellenz“, 29 Wirklichen Geheimen Räten ohne dieses Prädikat und 49 Titular-Geheimräten. Die Geheime Kanzlei umfaßt 42 Räte, 31 Geheimsekretäre, Registratoren und Kanzlisten. Das Regierungskollegium der Kurpfalz in Mannheim zählte 90 Personen, das für Bayern in München 65 Personen; 622 Beamte befaßten sich mit der Rechtspflege und so ging es fort. Das 1 leer der Unterbeamten als Landrichter, Amtmänner, Amtsverwcser, Landschreiber, Kästner, Pfleger, Mauthner, Schaffner, Gegenschreiber, Kommissare, Aufschläger usw. hat niemals jemand zu zählen unternommen.

,,Es wimmelt von Räten, Schreibern, Prokuratoren und Advokaten,“ schreibt Riesbeck 1780 aus Stuttgart, „wovon die Hälfte überflüssig ist.“

Die Kleinen unter den Großen wandelten getreu in den Fußstapfen ihrer Vorbilder, im Fürstentum Leiningen begann die Organisation für ein Gebiet von 70000 Einwohnern mit der Aufstellung einer Zentraldienerschaft von 50 Räten, 18 Sekretären und 54 Subalternen. Friedrich Karl von Moser hat diese Sucht mit Recht verspottet. „Ein Senat von 1 Kammerpräsidenten/‘ schreibt er 1760, „1 Kammerdirektor, 2 Geheimen Kammerräten, 10—12 Hofkammerräten, 2 Kammer-Vorsitzern, 2 Obereinnehmern, 4 Kassierern, 6 Kammersekretären, 4 Registratoren, 4 Kanzlisten, Kammerboten, Aufwärtern und Husaren rechnen über 1/2 Million Einkünfte und fänden, der Herr müsse noch 20000 Thlr. Schulden machen, um auszukommen.“ „Es ist ergötzlich,“ schreibt er in demselben Zusammenhang an einer anderen Stelle, „in den Adreßkalendern die vielerlei Collegia eines Herrn anzutreffen, welche in der Person eines Rats, Amtmanns oder Rentmeisters sich füglich vereinigen ließen. Zum Glück aber sind die Regierungs-Hof-Konsistorial-und Kammerräte meist nur einerlei Person. Ein kleines aus einem Städtchen und 4 oder 5 Dörfern bestehendes Ländchen hat eine Regierungskanzlei, Konsistorium, Kammer, Hofmarschallamt, Forstamt, Bauamt und Polizeideputation, und es ist mir ein wahrer Fall bekannt, daß über einige im Schloßdach zerbrochene Schiefersteine von der Kammer 5 Dekrete erlassen wurden, welche mit dem ersten mündlichen Befehl an den Bauschreiber ebenso sicher geflickt worden sein würden.“ So war es z. B. in Anhalt. Das Geheimrats-Kollegäum in Zerbst bestand nur aus dem Geh. Hofrat Haase, der aber die verschiedensten Titel führte, so daß Sintenis, um eine Zahlung zu empfangen, gezwungen war, von dem Geh. Hofrat Haase durch den Geh. Hofrat Haase an den Geh. Hofrat Haase zu appellieren.

Die Vielheit dieser Ämter hing auch damit zusammen, daß man die Stellen kaufen konnte, eine Einrichtung, die in ganz Deutschland gang und gäbe war. ln Brandenburg-Preußen war vom Großen Kurfürsten eingeführt worden, daß ein neu angestellter Beamter die Hälfte seines ersten Jahresgehaltes in die Marine-Kasse zahlen mußte. Friedrich Wilhelm I. änderte diese Bestimmung dahin um, daß dieser Betrag in die Rekrutenkasse zu fließen habe, die ihm so am Herzen lag, daß den Beamten anheimgestellt wurde, mehr zu zahlen als die vorschriftsmäßige Summe. Schließlich dekretierte der König, „die Stelle erhält, wer das meiste gibt.“ In Kurbayern stand der Ämterhandel in seiner Blüte. Eine Landrichterstelle konnte bis zu 25 000 fl. kosten, wurde auch oft, um die Sache einträglicher zu machen, schon zu Lebzeiten des Beamten an andere als „Anwartschaft“ verhandelt. Um außerdem die Pensionen für Witwen und Waisen zu sparen, genehmigte die Regierung, daß beim Tode eines Beamten seine Bedienstung auf den Sohn, und wenn ein solcher nicht vorhanden war, auf Witwe oder Töchter forterben durfte. So wurden viele Beamtenposten im Namen unmündiger Kinder versehen, andere gehörten Frauen, so war z. B. in Burglengfeld ein Fräulein Oberforstmeister. Als der Kurfürst Karl Theodor starb, hatte beinahe jeder Diener schon einen Nachfolger, der nur auf seinen Tod wartete, um in die Stelle einzurücken. In Oldenburg wurden die Staatsämter wie Pfründen angesehen, auf die „Survivancen“ erteilt wurden, so daß jeder bessere Beamte seinen „eventualiter succedierenden Nachfolger“ kennen konnte. Johann Philipp Graf von Walderdorff, Kurfürst von Trier, schätzte nach den Erinnerungen des Grafen Boos-Waldeck „die Noblesse ausnehmend. Starb der Vater, so erteilte er gleich dessen Sohn das erledigte Amt, die niederen Stellen aber verkaufte er.“ So kostete das Stadtschultheißenamt von Koblenz 6000 Tlr. und die Stelle eines kurfürstl. Leibarztes 1000 Tlr. In der Kurpfalz hatte der Stellenhandel schon in den Zeiten des Kurfürsten Johann Wilhelm um sich gegriffen. Eine Verfügung vom 10. Mai 1710 hatte jedes Amt genau taxiert und angeordnet, daß der Betrag in zwei jährlichen Terminen entrichtet werden müsse. Geschah das, so erhielt der Inhaber die Versicherung, sein Amt „bis auf die zweite Generation und da er keine Nachkommen hätte, auf einen andren zu übertragen, den er zu solchem Ende, statt eines männlichen Deszendenten ernennen wird.“ Diese Erlaubnis wurde in solchem Umfange ausgenützt, und die Zahl der Unmündigen, ja der Säuglinge, die Ämter inne hatten, nahm so zu, daß Kurfürst Karl Philipp verordnete, ein Rat müsse mindestens 24 Jahr alt sein. Als Kurfürst Karl Theodor achtzehnjährig den Thron bestieg, wollte er diesem Unfug ein Ende machen und befahl 1743, es sollten in Zukunft keine Anwartschaften mehr erteilt werden; aber er selbst kümmerte sich um seine eigene Vorschrift nicht, so daß die Beamtenschaft mancher pfälzischen Behörde einen wahren Rattenkönig von Verwandtschaft bildete. Stephan Frhr. von Stengel schildert in seinen Erinnerungen, wie der Ämterschacher später in ein geordnetes System gebracht wurde, so daß schließlich die Beamtenposten in den Vorzimmern der Mätressen des Kurfürsten öffentlich meistbietend versteigert wurden. „Rat Monbuisson,“ so schreibt er, „machte den Vorschlag, alle Bedienungen in allen kurfürstlichen Staaten so hoch als möglich zu verkaufen. Er zog das Beispiel von Frankreich und von dem Marquisat Bergen op Zoom an. Er stellte vor, daß die Leute, um eine Versorgung zu erhalten, das Geld mit Freuden gäben, und daß es eigentlich auf eins hinauslaufe, indem doch immer der eine oder andere Minister oder Geheimer Referendar sich dergleichen Anstellungen im stillen habe bezahlen lassen, es also doch besser wäre, wenn der Kurfürst es selbst nähme und zum Besten des Landes verwendete. Er setzte noch bei, alles, was nicht zur Unterstützung der Frankenthaler Fabriken erfordert würde, könnte dann am Ende des Jahres der gräflichen Heydekischen (jetzt fürstlich Bretzenheimischen Familie) zugewendet werden. Von Castell, damaliger Geheimer Referendar in Kameralsachen, hätte wohl hierbei am meisten verloren; er vereinigte sich also noch in Zeiten mit Fon-tanesi und Monbuisson, welche zugleich den ersten Kammerdiener des Kurfürsten, Dusch, an sich gebracht hatten. So war also der Kurfürst in der Falle und in den Händen einer Bande, welche so mächtig war, daß kein Minister es mehr wagte, sie anzugreifen, und daß es dem Kurfürsten selbst, da er einmal mit seinem persönlichen heimlichen Interesse so tief darin stak, nicht mehr möglich war, von ihnen los zu kommen. Jetzt fingen diese Leute an, mit allen Staatsbedingungen in der Pfalz und in den Herzogtümern Jülich und Berg und Neuburg und Sulzbach öffentlichen Handel zu treiben, vom Präsidenten an bis zum Dorfbüttel, geistlich und weltlich, alles mußte bei ihnen gekauft werden, und wenn keine Dienste erledigt waren, so verkauften sie Anwartschaften und Adjunktionen, und Adjunktionen auf Adjunktionen: selbst die Strafen von Verbrechen konnten abgekauft werden. Und dieses war die unselige Quelle von vielem Unglück, welches späterhin über die Pfalz gekommen ist.“

Dieses Verfabren hat dazu geführt, daß die pfälzischen Beamten das ganze Jahrhundert hindurch geradezu berüchtigt waren und mit Recht in dem Rufe standen, „bestechliche Richter, unredliche Finanzverwalter und willkürliche Bauerntyrannen“ zu sein. Am schamlosesten hat wohl in Deutschland Herzog Karl Eugen von Württemberg den Ämterhandel getrieben. Er verkaufte ein Amt, fand sich aber später jemand, der mehr bot, so mußte der Käufer die Differenz nachzahlen oder abgehen. Der Herzog bediente sich zu diesen Niederträchtigkeiten eines gewissen Lorenz Wittleder, der sich dabei selbst beträchtlich zu bereichern wußte. Schließlich entließ ihn Karl Eugen zwar, aber nicht ohne ihm zuvor noch 36OOO fl. von seinem überflüssigen Gewinn abzunehmen. Das ist die ganze Regierungszeit so fort gegangen, denn als der Nachfolger beschloß, alle Beamten zu entlassen, die ihr Amt gekauft hatten, mußte er von dieser Maßnahme abstehen, er hätte sonst alle wegschicken müssen.

Waren keine Ämter mehr zu verkaufen, so verhandelte man die bloßen Titel, in Oldenburg konnte man für 300 Tlr. Wirklicher Kanzlei-Assessor werden. Ausländem schien die unsinnige Begierde nach Titeln besonders merkwürdig und der Engländer D. Moore, der in den siebziger Jahren Deutschland besuchte, schreibt aus Berlin: „Ungeachtet Se. Maj. sehr selten jemand zu Rate zieht, hat er doch mehr Geheime Räte als irgend ein König der Christenheit,“ und Fr. K. von Moser bemerkt spottend: „Der Titelhandel hat das ratsbedürftige Deutschland mit Geheimen Räten so überschwemmt, daß, wenn alle diese Leute wirklich zu raten hätten, die Verwirrung unübersehlich wäre. Die allermeisten, so diesen Namen führen, seind in der That geheime, das ist solche Räte, vor welchen alles, was jeder wissen darf, geheim gehalten wird.“ In Österreich haben oft genug Beförderungen nur stattgefunden, um die Taxen, die für die höheren Stellen und Titel gezahlt werden mußten,-der Staatskasse zuzuführen. 1754 hatten zu zahlen 14 Geheimräte für das Prädikat „Exzellenz“ jeder 4000 fl., 17 Feldmai schalle jeder 2000 fl., 47 Generäle jeder 1000 fl., 77 Kammerherrer jeder 200 Dukaten.

Nun ist es eine alte Erfahrung, daß je zahlreicher die Dienerschaft eines Herrn ist, je schlechter die Bedienung ausfällt, auf die er rechnen kann, und von dieser hat die Bürokratie des 18. Jahrh. durchaus keine Ausnahme gemacht. Dünkel, Anmaßung, Selbstherrlichkeit und Bestechlichkeit reichen sich die Hand, um den Verwaltungsapparat jener Zeit in einem wenig vorteilhaften Lichte erscheinen zu lassen. Die Klagen über die Willkür der Beamten haben unter Friedrich I. und Friedrich Wilhelm I. von Preußen nie aufgehört, und noch am Ende des Jahrhunderts hat Iffland, wenn er sultanische Launen schildern will, mit Vorliebe Unterbeamte zu Trägern dieser Rollen gemacht, wir erinnern nur an den Amtmann in den .Jägern“. Allerdings war die Stellung eines Beamten in der Mehrzahl der deutschen Staaten auch prekär genug; wie sie meist der Willkür dienten, so fielen sie ihr auch oft genug zum Opfer. Wie August der Starke mit seinen Ministern und Großwürdenträgern umzugehen pflegte, das haben die Grafen Beichlingen, Hoym u. a. erfahren müssen, der Königstein hat immer einige von ihnen beherbergt. Nach demselben Muster schickte Herzog Karl Eugen von Württemberg 1755 den Minister von Hardenberg plötzlich weg und regierte allein oder vielmehr mit Hilfe seiner Günstlinge, des Grafen Atontmartin und des Oberst Ricger, denen er übrigens so wenig traute, daß ihnen verboten war, miteinander zu sprechen. Im Moment, in dem Ricger glauben durfte, am festesten in der Gunst des Herzogs zu stehen, ließ ihn dieser verhaften und in einen unterirdischen Kerker auf dem Hohen Asperg bringen, in dem er vier Jahre über die Wandelbarkeit des Glücks nach-denken konnte; dann schien ihm wieder die Gnadensonne der fürstlichen Huld, er endete 1782 als Kommandant des Festungsgefängnisses, mit dessen finstersten Löchern er so genau Bekanntschaft gemacht hatte. Auch K. Fr. von Moser, der sich der undankbaren Aufgabe unterzogen hatte, die Finanzverwaltung eines der kleinen deutschen Tyrannen reformieren zu wollen, ist bei diesem Beginnen gescheitert. 1772 hatte ihn Landgraf Ludwig IX. von Hessen als Kanzler und Geh. Rats-Präsident nach Darmstadt berufen, ihn 1780 aber Knall und Fall entlassen, weil er die Maßnahmen seines hohen Herrn nicht billigte. Er mußte sich nachsagen lassen, „daß er während der Zeit seiner durch den eisernen Tritt der Bosheit und Ungerechtigkeit bezeichneten Ministerschaft einesteils durch Willkür, Despotismus und durch Mißhandlung der fürstlichen Dienerschaft und Untertanen, andernteils durch die seinem Fürsten in der Sprache eines Heuchlers vorgebrachten Unwahrheiten und Verleumdungen das Land in ratlose Verwirrung gesetzt habe.“ Als Moser sich gegen diese Beschuldigungen wehrte, wurde er des Landes verwiesen und sein Vermögen mit Beschlag belegt. Trotzdem er zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern gehörte, im ganzen Reich hoch angesehen war und selbst der Wiener Hof für seine Sache eintrat, konnte er nicht erreichen, daß das parteiische Verfahren gegen ihn ausgesetzt wurde. Er büßte Hab und Gut ein und hat Jahre lang von den Wohltaten seiner Freunde leben müssen. Erst der Tod des Landgrafen 1790 gab dem Nachfolger Gelegenheit, dem schwergekränkten Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem er ihm wenigstens sein Vermögen zurückgeben ließ und ihm eine Pension auswarf. Ein Schicksal wie dieses gehörte aber keineswegs zu den seltenen. Kaiser Joseph II. hat binnen zwei Jahren 2000 Beamte einfach fortgeschickt, ohne für sie zu sorgen; nur in Preußen war ein Angestellter des Staates gegen willkürliche Entlassung geschützt, hier konnte sie nur bei nachgewiesener Pflichtverletzung stattfinden. Diese Unsicherheit, in der sich ein Beamter lebenslänglich befand, entschuldigt vieles, zumal wenn man hört, daß die Besoldungen nicht ‚einmal regelmäßig bezahlt wurden. Der Vater von Joh. Chr. Edelmann war Pagenhofmeister am Hofe in Sachsen-Weißenfels, und da er während 8 Jahren sein Gehalt nicht empfing, setzte er sein Vermögen zu. Als Moser in Hessen einem Beamten wegen Bestechlichkeit den Prozeß machen lassen wollte, entschuldigte sich dieser, er habe seit 7 Jahren sein Gehalt nicht bekommen und sich daher abschmieren lassen müssen. Die Bestechlichkeit war in der Tat allgemein und reichte so hoch hinauf, daß sie in Deutschland allerdings nicht höher gehen konnte, behauptete man doch, der Oberhofkanzler Graf Sinzendorf lasse sich mit Vorwissen des Kaisers bestechen und teile sich mit Karl VI. in die Summen, die er erhalte.

Ganz ebenso verfuhr August der Starke, der, wenn er hörte, daß sein Günstling der Generalfeldmarsdiall Graf Plcmming eine große Summe empfangen habe, sie ihm zum größten Teil wieder abnahm. „Das ist zu’viel für dich,“ pflegte er zu sagen. Von den kaiserlichen Ministern erhielten ‚manche von den deutschen Höfen Jahrgelder von 10—12000.fl., um ihre Interessen zu begünstigen, und wie.es beim Reichshofrat zuging, ist schon erzählt worden. „Ich weiß recht gut; daß viele meiner Leute von Frankreich bestochen sind,“ äußerte Friedrich Wilhelm I. zu dem General von Seckendorff, „ich kenne sie aber alle, und wenn die Franzosen dumm genug sind, ihnen Geschenke zu machen, sollen .sie sie nur nehmen, so kommt doch Geld ins Land.“ Des Königs Günstling, General ‘von Grumbkow, empfing ein Jahresgehalt vom kaiserlichen Hofe und selbst die Minister wie Ilgen u. a. hatten in diesem Punkt durchaus nicht reine Hände. In Sachsen ließen !die Herrscher zu, daß die hohen Beamten nahmen, was siekriegen konnten; schien ihnen dann der Schwamm voll, so drückten sie ihn aus. Als der Feldmarschall Graf Flemming mit Hinterlassung von 16 Millionen Talern starb, nahm August der Starke der Witwe einfach die Hälfte weg, dem Grafen Karl Heinrich von Hoym nahm er 100000 Tlr. und so fort. Kaum war in München der Präsident Frlir. Max von Berchem 1777 mit Tode abgegangen, er hatte 3 Millionen zusammengebracht, da las man an seinem Haus: „Hier kann man nun gratis eingehen“;’Graf Montmartin, der das Württem-berger Land bettelarm betreten hatte, sammelte große Reichtümer in dem Jahrzehnt, das er am Ruder war.

Da die Beamten vielfach, wie z. B. im Speyerischen, gewohnt waren, ihre Verwaltung zu führen, ohne Rechenschaft legen zu müssen, so war die Versuchung zu Unterschleifen groß genug. Die Feuersozietät der Kurmark zeigte bei dem ersten bedeutenden Brande, für dessen Schaden sie aufzukommen hatte, es war 1708 als die Stadt Krossen durch Feuer vernichtet worden war, daß das gesamte Verr mögen der Kasse verschwunden war, der Minister Graf Wittgenstein hatte es sich angeeignet. In Werden unterschlug der Landrichter Bernardi als Richter 3000 Tlr. Depositengelder. Nach Entdeckung dieses Vergehens machte man ihn.zum Land-Einnehmer (?) und als 1780 an den Tag kam, daß er in diesem Amte das Land durch falsche Buchführung um 2000 Tlr. geschädigt hatte, bestrafte man ihn nicht anders, als daß man ihm einen Rezeptor.zur Kontiolle an die Seite setzte. Der unvergessene Typus des hohen Beamten der Rokokozeit ist und bleibt aber doch Graf Heinrich von Brühl, das Faktotum König August III. von ‚Polen-Sachsen. Er bekleidete 10 hohe Zivil- und Militärämter und konnte sich in seinem Testament insgesamt 30 Titel hoher Würden beilegen. Er hatte die Staatsverwaltung Sachsens in ein System gebracht, dessen Trumpf die schamloseste Betrügerei war; für ihn persönlich fiel dabei ein Monatsgehalt von 65000 Tlr. ab. .Aber damit war es nicht genug, nach seinem Tode stellte eine Kommission fest, daß er aus öffentlichen Kassen 4731436 Tlr. veruntreut und an Zinsen 579697Tlr. unterschlagen hatte. Nach Abzug der Schulden fanden sich in seiner Hinterlassenschaft nur 1 1/2 Mtillionen Tlr. und für 400000Tlr. Pretiosen. Der Volksimind wollte wissen, daü er 9} Atillionen in ausländische Banken in Sicherheit gebracht habe, eine Ziffer, die auf alle Fälle stark übertrieben ist. Das Genre des Grafen Brühl war durchaus nicht auf Sachsen beschränkt, in der Rheinpfalz ging es unter Kurfürst Karl Theodor nicht anders zu. Die dortigen Landschreiber und Landvögte vergleicht Riesbeck mit türkischen Paschas. Fr stellt fest, nachdem er einer Gesellschaft in einem dieser Häuser beigewohnt hat: ,,l£r und seine zahlreiche Familie schimmerten von kostbaren Ringen, Uhren, Borten und allem Zubehör des ausschweifendsten Luxus.

Wir hatten 24 Gerichte auf der Tafel, worunter junge Pfauen. Alles war im größten Ton, Stall, Equipage, Jäger, und sein Gehalt nicht über 2000 fl.“ Es war-so arg, daß einer von Schlözers Korrespondenten im „Briefwechsel“ meint, ein uneigennütziger Beamter in der Pfalz sei „ein räudiges’Schaf“.

Mit dieser weitherzigen Auffassung der finanziellen Seite der Verwaltungstätigkeit stimmte der ganze Betrieb überein. „Die Kanzlei zu Homburg,“ schreibt Karl Friedr. von Moser, „war in der äußersten Unordnung; die Räte kamen-wann sie wollten, Kanzlist, Kanzleidiener und dessen naseweises Weib waren mit in der Ratsstube und gaben ihr Gutachten. Es wurden keine ordentlichen Beratschlagungen gehalten, sondern jeder Rat käme, wann es ihm beliebte, nähme von den einlaufenden Sachen, was er wollte, referierte wann oder soviel er wollte, und alles wurde als ein Diskurs behandelt, übrigens las man Zeitungen, unterhielt sich mit Gesprächen, jeder blieb so lange er wollte und ging, wann er wollte.“ Es scheint anderswo nicht viel besser gewesen zu sein, denn’Damian Hugo Fürstbischof von Speyer „hielt es für nötig zu befehlen, daß die Räte von 8 bis 11 Uhr regelmäßig Sitzungen-abhalten sollten,1 „es muß aber,“ fügt die Ordre hinzu, „das Zeitunglesen,- das unnötige Zanken, das Diskurieren, Briefeschreiben, das unnötige Projektemachen und dergleichen in ein Dikasterium nicht gehörige Dinge völlig abgeschafft werden.“ Den‘-Kammer-räten, die am-Ende des Jahres ihre Akten nicht abgeschlossen haben-werden, droht er eine Strafe von 25 Tlr. an. Köstliche Bilder rollt-der Ritter von‘ Lang auf, wenn er den Geschäftsbetrieb der fürstl. Öttingenschen Kanzlei-in Wallerstein schildert, wo die Herren Räte in schönster Eintracht beraten und gar nicht bemerken, daß jeder von ihnen-von einer anderen Angelegenheit spricht. Das Limburgische Gebiet schildert Christian Daniel Schubart „wie eine polnische Provinz unter dem Nachtschatten der Anarchie begraben, jeder Beamte ein Woiwode, der ferne vom Regenten in seinem Amt und Forst hauste, wie es ihm behagt.“ Wenn die bayeri-sehen Minister auf ihre Güter reisten, kamen die Amtsgeschäfte derweil zum Stillstand, was für Verwaltung und Land nicht notwendig einen Nachteil bedeutet zu haben braucht. Beamte von diesem Kaliber waren z. B. Goethes bekannter Freund Johann Heinr. Merck, der als Kriegszahlmeister in Darmstadt angestellt war, seine Amtsführung aber außerordentlich liederlich betrieb, Zahlungen doppelt und dreifach machte, die Buchführung vernachlässigte und die Genialität auch auf das Amt übertrug, und Matthias Claudius, der berühmte Wandsbecker Bote. Er war 1776 nach Hessen berufen worden, um sich „mit Aufsuchung der Mittel zu beschäftigen, durch welche die materielle, sittliche und geistige Lage der Bevölkerung gebessert werden könne.“ Aber es wurde nichts daraus, denn wie Karl Friedr. von Moser klagt, war der gute Claudius „zu faul, mochte nichts tun als Vögel singen hören, Klavier spielen und spazieren gehen. “ Vielfach ist es die Unfähigkeit der Eingeborenen gewesen, welche die Regenten veranlaßte, Ausländer in ihren Dienst zu ziehen. So nahm August der Starke mit Vorliebe Nicht-Sachsen auf, weil er sich von der Habsucht des einheimischen Adels emanzipieren wollte; an den kleinen deutschen Höfen Bayreuth,. Württemberg, Braunschweig u. a. wimmelte es von Franzosen; die. im Punkt der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit es den Eingeborenen aber keineswegs zuvor taten. „In keinem deutschen Lande,“ schreibt Riesbeck, „können die Avanturiers von jeder Art so leicht ihr Glück machen als in der Pfalz, und solange sie ihre Beute treulich mit der kurfürstlichen’Kasse teilen, sind sie gegen alle Angriffe sicher.“ Als Friedrich der Große nach dem Vorschläge des französischen Generalsteuerpächters Helvetius die Regie in seinem Lande einführte, und um das französische Muster auch gewiß richtig nachzumachen, gleich einige Hundert Beamte aus Frankreich kommen ließ, da hat ihn das Gesindel tüchtig betrogen, denn die guten Elemente blieben daheim und was ihm zulief, waren Glücksritter der übelsten Art. 1786 waren nach zwanzig Jahren nur noch 157 von ihnen im Amt.

Als Erster in Deutschland die Reform des Beamtentums unternommen und durchgeführt zu haben, ist das unbezweifelte Verdienst Friedrich Wilhelms I. von Preußen. Er hat sie mit Gewissenhaftigkeit und von Grund aus begonnen. Erst nahm er Ständen und Städten das Ei nennungsrecht aus der Hand und behielt es sich allein vor, dann wandte er sich gegen das Koteriewesen, das in den Kleinstaaten in üppigster Blüte stand. Schiller wurde z. B. 1788 eine Ratsherrnstelle in Schweinfurt angetragen, wenn er sich entschließen wolle, ein dortiges Mädchen zu heiraten, und in Gotha, klagte Ottokar Reichard, scheiterten alle Anstellungsversuche an dem „Gewirr der Vetternschaften“. Um diesen Zusammenhängen vorzubeugen, bestimmte der König, daß in Magdeburg keine Magdeburger, in Pommern keine Pommern, in Cleve keine Clever angestellt werden dürften, sondern die verschiedenen Landesteile ihre Eingeborenen als Beamte auszutauschen hätten. Nur auf diese Weise schien es ihm möglich, den Einfluß der Familienverbindungen auszuschalten. Dann.wandte er seine Aufmerksamkeit der Frage nach der Qualifikation der Beamten zu, über die gar keine festen Regeln bestanden. Unter der •Regierung seines Vaters war angestellt worden, wer dem allmächtigen Minister Grafen Kolbe von Wartenberg genehm war, jetzt wurde ein Nachweis persönlicher Befähigung erwartet und verlangt. Wenn die Behörden einen Anwärter in Vorschlag brachten und er wurde angestellt, so mußten sie für ihn haften, vielfach aber begann man schon, z. B. für Richter und Advokaten, die Ablegung eines Examens einzuführen. Bei mehreren Bewerbern erhielt der den Vorzug, der das beste Examen abgelegt hatte. Für die Verwaltung legte der König den größten Wert auf die praktische Vorbildung, die der Kandidat genossen, er maß ihr mehr Bedeutung zu als den’ gelehrten Studien und wollte Beamte, „die einen gesunden natürlichen Verstand haben“. Aus diesem Grunde eirichtete Friedrich Wilhelm auf den Landesünivefsitäten Halle und Frankfurt a. 0. Professuren der Kameral-wissenschäft, damit die Juristen, die bis dahin „nur unnütz Zeug und Advokatenstreiche“ gelernt hätten, gezwungen würden, sich auf das Studium der Ökonomie zu legen. Von den Subalternbeamten wurde verlangt, daß sie lesen, schreiben und rechnen verstünden; der Disziplin zuliebe nahm er sie gern aus dem Militär, „denn er muß vigilant, exakt und unermüdet sein“. War auf diese Weise [dem Nepotismus so viel als möglich vorgebeugt, so wurde auch auf strengste Erfüllung dei Pflichten gehalten. Die höheren Behörden wurden unter Beobachtung der Kollegialverfassung mit kollegialer Verantwortlichkeit eingerichtet, die höheren Beamten, die gewohnt gewesen waren, auf ihren Gütern zu leben, wurden gezwungen, in ihren Amtssitzen zu wohnen und unnütze Dienstreisen tunlichst zu vermeiden. Die Zahl der Amtsstunden und der Sitzungstage war genau vorgeschrieben. Die Sitzungen begannen im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr, und 50 Tlr. Strafe erwarteten den zu spät Kommenden; aber damit nicht genug, es wurde den Re ferenten auch eingeschärft, sich in ihrer Berichterstattung nicht von der Wahrheit zu entfernen. „Wir wollen die Flatterien durchaus nicht haben,“ schrieb Friedrich Wilhelm 1.,’„sondern man soll Uns allemal die reine Wahrheit sagen und mit nichts hinter dem Berge halten, noch Uns mit Unwahrheiten unter die Augen gehen.“ Am strengsten hielt der König auf die sittliche Integrität seiner Beamten; der Generalfiskal hatte den Auftrag, ohne Ansehen der Person vorzugehen, sobald das Verhalten eines Angestellten Anlaß zur Klage bot. Um alle Möglichkeiten selbstsüchtiger Beeinflussung so weit als möglich auszuschalten, war den Beamten untersagt, Handelsgeschäfte auf eigene Faust zu treiben; wer vollends Bestechungen zugänglich war, wurde davongejagt, aber Friedrich Wilhelm I., vor dem die Minister ebenso zitterten wie die Torschreiber, pflegte gegen Unredlichkeit unerbittlich zu sein und wandelte die Strafe aus eigener Machtvollkommenheit in die härteste um. Hin Kriegs- und Domünenrat Hesse war wegen übler Verwaltung zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren verurteilt worden, der König zog vor, ihn aufhängen zu lassen. Hin anderes Mitglied dieser Beamtenklasse, ein Herr von Schlu-butli in Königsberg, war überführt, große Summen unterschlagen zu haben, und der König sagte ihm, er habe den Galgen verdient. Der Missetätei antwortete trotzig, er sei ein Edelmann und die hänge inan nicht, worauf ihn der König in Gegenwart aller Beamten der Kammer aufknüpfen ließ. Zur Kontrolle der ganzen Verwaltung wurde die Oberrechenkammer gegründet, zur Kontrolle des einzelnen die Konduitenliste der Beamten; jedem Angestellten, der ein Vergehen zur Anzeige brachte, wurde der vierte Teil der Strafgelder zugesprochen, die dem Verurteilten abgenommen wurden.

Nach diesen Grundsätzen, die eine passende Auswahl, eine richtige Vorbildung, die Feststellung der Amtspflichten und die Kontrolle der Leistungen garantierten, gelang es Friedrich Wilhelm 1. im Zeitraum eines Menschenalters ein Beamtentum von vorbildlicher Gesinnung heranzubilden. Es suchte in Deutschland seinesgleichen, haben doch die preußischen Beamten von 1757 bis 1763 ihren Dienst versehen, ohne einen Groschen ihrer Besoldung zu erhalten. Sie zeigten sich im Aushalten von Entbehrungen im Gefühl ihrer Pflicht ebenso groß wie ihr König. Friedrich der Große, der dieses vorzügliche Instrument von seinem Vater erbte, war darauf bedacht, die Einrichtung zu konsolidieren und neben dem Offizierstand auch den neuen Stand der Staatsbeamten auf die feste Grundlage der Tradition zu stellen. Eine Kabinettsorder, die er 1746 erließ, suchte die Ergänzung der Beamtenschaft aus den eigenen Reihen zu sichern; bei der Auswahl höherer Stellen sollte möglichst auf die Söhne von Kriegs-, Domänen- und Regierungsräten zurückgegriffen werden, bei der von Subalternen den Söhnen von Kanzlisten und Registratoren der Vorzug gebühren. Die Bürokratie, die eine Art Aristokratie des Geistes neben der des Besitzes darstellte, besaß außer den Offizieren als erster Klasse, als zweite Rangordnung der Untertanen den Vorzug des Besitzes einer staatsbürgerlichen Gesinnung, die den weitesten Kreisen der Bevölkerung das ganze Jahrhundert über fremd geblieben ist. Als starke Schattenseite entwickelte sich bei ihr der Dünkel, den die Arbeit am grünen Tisch mit ihrer Exklusivität nun einmal mit sich zu bringen scheint; das Aktenschreiben wird Selbstzweck, bis es, wie Treitschke so hübsch sagt, zu jener „formenseligen Papiertätigkeit“ entartet, die sich die ganze Welt und den Ausblick auf Leben und Wirklichkeit mit Papier verrammelt. Allerdings hat sich Friedrich II. seiner Beamten in anderer Weise bedient als sein Vater. Während Friedrich Wilhelm I. die Regierung durch seine Minister ausübte und kollegialisch mit dem Ministerrat arbeitete, war der Sohn sein eigener Minister, der nur schriftlich mit den Behörden verkehrte und über den Kopf der Minister hinweg direkt mit den nachgeordneten Stellen in Berührung trat. Friedrich Wilhelm I. hatte die Zentralisation der Verwaltung im Ministerium .vorgenommen, Friedrich II. vollzog sie in seiner Person. Dadurch stellte er den ganzen Verwaltungsapparat auf zwei Augen ein und verschuldete den Zusammenbruch der Monarchie, als nach seinem Tode Männer zur Regierung kamen, die ihn weder an Geist noch an Tatkraft und an Leistungsfähigkeit erreichten.

Alle Beobachter, die Preußens Werden und Wachsen mit ansahen, überzeugten sich, zumal seit der siebenjährige Krieg die Festigkeit und die Widerstandsfähigkeit des Gebäudes erwiesen hatte, daß neben der Armee das Beamtentum die feste Säule war, der seine Monarchen vertrauen durften. Diese Erkenntnis, die vielfach von der Eifersucht, der Mißgunst und der Furcht vermittelt wurde, führte in anderen Staaten zur Nachahmung, denn wie man den Preußenkönigen die Soldatenspielerei absah, suchte man sich auch der anderen Arcana zu bemächtigen, von denen man annahm, daß sie dazu geführt hatten, den „Marquis de Brandebourg“ zum großen Herrn zu machen. Vor allem in Österreich. Die K. K. Erblande bildeten einen föderativen Patrimonialstaat auf feudaler Grundlage, dessen Gesamtheit eine einheitliche Verfassung ebenso entbehrte wie eine gemeinsame Verwaltung. Deutsch-Österreich, Böhmen, Mähren, Schlesien, Ungarn waren durch eigene Rechtspflege und Polizei ebenso voneinander getrennt wie durch die Zollinien, die zwischen ihnen lagen. Ihnen allen gemeinsam war als oberste Behörde nur die sogenannte Geheime Konferenz, die direkt unter dem Kaiser stand. Unter Kaiser Leopold hatte sie nur aus vier Mitgliedern bestanden, sie war im Lauf derZeit aber so zahlreich geworden, daß sie 1709 in einen Engeren und Weiteren Geheimen Konferenzrat geteilt wurde. Gewann sie Bedeutung und Einfluß, so lag das nicht an ihrer Organisation, sondern an den Persönlichkeiten, die sich durchzusetzen wußten, alles hing vom Zufall ab.

Die Geheime Konferenz war die einzige Zentralstelle der Monarchie, aber da die Befehle, die sie ergehen ließ, sich häufig genug widersprachen und sich gegenseitig aufhoben, so galt sie als die Ursache der Verwirrung, die in den Angelegenheiten der Verwaltung herrschte. Die Kaiser waren an dieser Unordnung nicht ganz unschuldig, sie haben oft genug die Eifersucht der Minister genährt, um sich keine Kamarilla über den Kopf wachsen zu lassen; KarlVI. hat durch Bartenstein einen geheimen Briefwechsel mit seinen Gesandten hinter dem Rücken des Kanzlers geführt, ganz wie später Ludwig XV. sich neben dem offiziellen Ministerium des Auswärtigen noch ein privates hielt, durch das er den Maßnahmen seiner eigenen Regierung entgegenwirkte. Justiz und Verwaltung waren noch nicht getrennt, der Tätigkeitsbereich der Behörden nicht fest gegeneinander abgegrenzt, sondern nach Herkommen und Gewohnheit schwankend. Die wechselseitigen Beziehungen der Behörden waren rein zufälliger Natur, abhängig von der Gunst oder Ungunst der Umstände. Die Verwaltung war Sache der Stände und lag somit in den Händen des Adels, denn nur dieser besaß den Grundbesitz, der zur Landstandschaft berechtigte. Nur in Tirol war auf den Landtagen auch die Bauernschaft vertreten, in allen übrigen Landtagen dominierte der Herrenstand. Die Aristokratie besetzte die höheren Ämter aus ihrer Mitte und behielt dadurch den ausschlaggebenden Einfluß auf die Gesetzgebung und Verwaltung, die sie ganz einseitig ihren Interessen dienstbar zu machen wußte. Jede Provinz hatte ihren eigenen Landtag, dem das Recht der Steuern und der Rekruten-Bewilligung zustand, wodurch eine weitgehende Beteiligung der Stände an der Landesverwaltung gegeben war: noch 172S hat Karl VI. die Verfassung von Steiermark apart beschworen. Überall in den deutschen Erblanden des Kaisers war der Grundherr zugleich Grundobrigkeit, er war Richter in Zivil- und Kriminalsachen, handhabte die Polizei und erhob die Abgaben. Die Verwaltung der Erblande wurde dadurch kompliziert, daß es neben jener der Stände noch eine des Landesherrn gab, was z. B. im Finanzwesen zu jenem Dualismus führte, den wir schon in Württemberg beobachteten. Die Stände befaßten sich mit Erhebung der direkten Steuern, während die landesherrliche Verwaltung sich mit den Domänen, den Regalien und der Akzise beschäftigte. Die Organisation der Verwaltung wurde dadurch unendlich schwierig und schließlich geradezu unübersehbar.

Die Tendenzen des Absolutismus mußten sich notwendigerweise in einer starken Hinneigung zur Zentralisation der Verwaltung Geltung verschaffen und die pragmatische Sanktion Karl VI. war denn auch nur ein erster Schritt dazu. Sie verfolgte den Zweck, die nur äußerlich verbundenen Länder der Monarchie in einen dauernden staatsrechtlichen Zusammenhangzu bringen und damit die bloße Personalunion durch eine Realunion zu ersetzen. Unter Karl VI. begann auch schon die Bildung regulärer Zentralbehörden, die aber zu nichts anderem führte als die Zersplitterung der Erblande gewissermaßen zu sanktionieren; denn sie förderte schließlich das Nebeneinanderbestehen von sechs gesonderten Hofkanzleien, der österreichischen, böhmischen, ungarischen, siebenbürgischen, italienischen und niederländischen, neben denen eine Hofkammer für die Finanz und der Hofkriegsrat für das Militär bestand. Das schien eine Verewigung alter Fehlerquellen, und Maria Theresia hatte nicht sobald nach den Kriegen, die den Anfang ihrer Regierung beunruhigten, Luft geschöpft, als sie auch schon daranging, die Reform der österreichischen Verwaltung von Grund aus vorzunehmen. Der Einfluß der Stände wurde zurückgedrängt, indem bei den Landtagsverhandlungen nicht mehr über das „Ob“, sondern mir noch über das „Wie“ beraten werden durfte. Dadurch verlor der ständische Einfluß bedeutend an seinem Gewicht, denn das Steuer-bcwilligungsrccht wurde zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. Zugunsten einer zentralisierten Regierung wurde der ständische Einfluß immer mehr zurückgedrängt, 1749 auch die Trennung von Justiz und Verwaltung in den oberen Instanzen durchgeführt; die niedere Gerichtsbarkeit, Polizei und Schulwesen blieb in der Hand der Grundherren. Die gesamte innere Verwaltung lag seit 1750 in den Händen des Grafen Friedr. Wilh. Haugwitz. Ein weiterer Schritt zur Anbahnung des Einheitsstaates war die Verschmelzung der stets miteinander rivalisierenden österreichischen und böhmischen Hofkanzlei und die Begründung der Staatskanzlei, die 1742 erfolgte, 1753 aber mit der Berufung von Kaunitz als Leiter eigentlich erst ihre „raison d’etre“ empfing. 40 Jahre stand der Fürst an ihrer Spitze und verschaffte Österreich durch seine kluge und weitsichtige Diplomatie den ausschlaggebenden Einfluß, zu dem die Machtmittel der Monarchie sie berechtigten. Um das Übergewicht der landesherrlichen Verwaltung zu sichern, wurden Kreis-ämter eingerichtet und wie ein Netz über die Erblande geworfen, indessen hatten sie zu wenig Macht, um bei dem befehlsfrohen Sinn der K. K. Hofräte etwas aus-richten zu können. Es wurde viel angeordnet und wenig ausgeführt, so daß einmal ein Hofherr, dem die Kaiserin erzürnt einen groben Ungehorsam gegen ihren ausdrücklichen Befehl zum Vorwurf machte, kaltblütig erwiderte: „Wir sind doch hier nicht in Berlin, in Österreich muß einem alles dreimal gesagt werden.

Hier wäre denn auch wohl der berühmten Keuschheitskommission zu gedenken, von der die Zeitgenossen so viel zu erzählen wissen. Fürst Khevenhüller, von dem man annehmen darf, daß er als Obersthofmeister der Kaiserin sicher mit allem Bescheid wußte, was die hohe Frau anordnete, bemerkte schon 1748 in seinem Tagebuch, daß sie „in puncto sexti sehr geschärfte Ordres ausgehen lassen und eine besondere Kommission niedergesetzt, welche lediglich darauf sehen müssen, damit alle heimlichen Zusammenkünfte verhindert und gestört würden, die man nur »Commission de chastetd‘ genannt.“ Die Forschungen, die Arneth, der Biograph Maria Theresias, nach dieser vielberufenen Keuschheitskommission in den Archiven anstellte, haben angeblich keinen Erfolg gezeitigt, die Besucher Wiens in jenen Jahrzehnten stimmen in ihren Aussagen aber so überein, daß sie unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Aussagen Khevenhüllers doch Glauben verdienen. Casanova, der selbst sehr üble Erfahrungen mit dieser Kommission machte, erzählt, daß die Keuschheitskommissare jedes alleingehende Frauenzimmer anhielten und einen Ausweis von ihr verlangten; nur wenn sie einen Rosenkranz trugen, blieben sie unbehelligt. „Die Spione der Kommission,“ berichtet Riesbeck, „gingen den jungen Leuten bis in die Häuser auf dem Fuß nach, und man mußte sich’s gefallen lassen, daß sie mitten in der Nacht in die Schlafzimmer brachen und die Betten visitierten. Einige von den Keuschheitsspionen standen mit Huren im Vertrag, die junge Leute in die Häuser lockten und dann nach Verabredung in flagranti überfallen wurden. Der junge Mensch mußte sich, um nicht vor die Kommission geführt zu werden, rein ausplündern lassen, und Spion und Hure teilten die Beute.” Vielfach sollen die Opfer der Kommission auch zu Heiraten mit den Mädchen, in deren intimer Gesellschaft sie sich ertappen ließen, gezwungen worden sein, wovon die Reisenden Beispiele genug aufführen.

Wenn Maria Theresia die straffere Zentralisation der Verwaltung anbahnte, indem sie Schritt vor Schritt vorging, und hergebrachten Anschauungen soweit Rechnung trug, als sie zwar die soziale Macht der Aristokratie an der Wurzel traf, ihre sozialen Vorrechte aber klugerweise gar nicht an-tastete, so wollte ihr Sohn alles mit einmal erreichen. Josef 11. war der Revolutionär auf dem Thron, der alle Postulate der Aufklärung in die Wirklichkeit überzuführen suchte. Alle Privilegien sollten beseitigt, alle Schranken zwischen den Ständen niedergerissen werden, in dem Einheitsstaat sollte ein allgemein gültiges gleiches Recht alle Staatsbürger gleich machen. Wohl war er energisch und konsequent, aber die Aufgabe, an die er herantrat, wäre auch für Männer von größerem Kaliber, als er war, nicht mit einmal zu lösen gewesen. Die Grenzen, über die auch der Wille des absolutesten Herrschers nicht hinausreicht, sind ziemlich eng gesteckt, und wie hoch auch ein einzelner seine Umgebung überragen mag, unternimmt er es, auf seine Atitmenschen zu wirken, so wird er ihre Atitarbeit und ihr Verständnis nicht entbehren können, will er seine Bemühungen nicht zu völliger Fruchtlosigkeit verurteilt sehen. Josef II. überzeugte sich schnell, daß er für die Realisierung seiner Bestrebungen auf die Mitwirkung eines intelligenten Beamtentums angewiesen war. Der ,»Hirtenbrief‘, den er 1783 an seine Behörden richtete, stellte das Ideal des Beamten auf, wie ihn der Kaiser gern zur Verfügung gehabt hätte. Er wünschte, daß im Gegensatz zu der Auffassung, die die älteren Generationen erfüllt hatte, nach welcher der Beamte sich als fürstlicher Diener betrachtete, er sich jetzt als Staatsdiener fühlen und sein ganzes Können und seine volle Kraft in den Dienst der neuen Idee stellen solle. Für die Idee von der Staatsallmacht, die Josef sich gebildet hatte, war eine willfährige Beamtenschaft als Instrument der Durchführung allerdings auch unerläßlich, aber der Kaiser hat sie nicht gefunden. Die, die er vorfand, war schon viel zu zahlreich, um eine verläßliche Arbeit zu gewährleisten, behauptete man doch, daß jede Rechnung oder Eingabe an die Wiener Hofkammer durch mindestens 85 bis 100 Hände zu gehen habe, ehe sie als erledigt betrachtet werden könne. Die Klagen Josefs über die Beamten, die ihn im Stiche ließen, beginnen mit seinem Regierungsantritt; das, was man heute so schön als „passive Resistenz“ bezeichnet, war schon damals, wenn auch nicht dem Namen, so doch dem Wesen nach, gut bekannt. Um eine disziplinarische Kontrolle der einzelnen möglich zu machen, führte er nach preußischem Muster die Konduitenlisten ein, die eine Waffe zur Bekämpfung der Unfähigkeit an die Hand geben sollten. Sie bekümmerten sich um Gaben, Neigungen, Eigenschaften des Beamten, spürten allen Falten seines. Wesens nach; aber wie unpopulär sie den Kaiser auch gemacht haben, ihren Zweck erreichten sie nicht, der hergebrachte Schlendrian der Ämter war nicht auszurotten. Je mehr Josef II. es sich angelegen sein ließ, in alle Kreise des bürgerlichen Lebens einzugreifen und alles Tun und Lassen seiner Untertanen durch Vorschriften und Verordnungen zu regeln, um so mehr war er auf seine Beamtenschaft angewiesen, aber die Vielgeschäftigkeit des Monarchen selbst störte und hinderte die Durchführung seiner Pläne. Die Verordnungen jagten sich, widersprachen sich, wurden zurückgenommen, widerrufen, bestätigt in einer Hast und Schnelligkeit, die alle, auch die Willigsten, kopfscheu machte. „Das Projektieren und Schreiben geht ins Unendliche,“ bemerkt Riesbeck, „es folgen Befehle anf Befehle, Mustertabellen auf Mustertabellen, Reskripte auf Reskripte, wovon das folgende das vorhergehende aufhebt oder einschränkt. Manche Beamte auf dem Lande warten 4 bis 6 Wochen mit der Vollziehung.“

Diese ängstliche und kleinliche Vielregiererei war charakteristisch für die Epoche, sie war nicht nur der Verwaltung Josefs II. zu eigen, denn sie entsprang aus dem Grundsatz des herrschenden Naturrechts, daß der Zweck des Staates die Glückseligkeit der Untertanen sei. Sobald der Absolutismus sich diesen Gedanken zu eigen gemacht hatte, zögerte er nicht,-ihn auch durchzuführen, ohne Rücksicht darauf, ob die Untertanen von dieser Art des Glückes etwas wissen wollten oder nicht. Das hat zu jener Einmischung in alle Einrichtungen des täglichen Lebens geführt, die in ihrer Kleinlichkeit unerträglich gewesen sein muß. Je besser und wohlmeinender ein Fürst war, um so größer erschien ihm seine Verantwortlichkeit in puncto Glückseligkeit der Untertanen, und so erklärte denn auch eine Badische Kammerverordnung von 1766 rund heraus: „Unsere Fürstliche Hofkammer ist die natürliche Vormünderin unserer Untertanen. Ihr liegt es ob, dieselbigen von Irr-tümern ab und auf die rechte Bahn zu führen, auch gegen ihren Willen sie zu belehren, wie sie ihre eigene Haushaltung’einrichten, ihrem Feldbau vorstehen und durch mehr wirtschaftlich treibende Haushaltung zu Entrichtung der schuldigen Landesabgaben die Mittel sich erleichtern möchten.“ Die Schulmeisterei der Behörden erreichte einen unwahrscheinlich hohen Grad, worin sich besonders Kurbayern auszeichnete. 1747-und wieder 1762 bestimmte die Regierung z. B. die Höhe des Tagelohnes, schrieb den Bauern 1762 genau vor, zu welchen Stunden sie ihr Vieh im Stalle halten sollten und wie lange es auf der Weide bleiben dürfe, 1769 regelte sie Größe und Form der. Baumaterialien usw. Im Kurfürstentum Trier wurde befohlen, alle Ziegen zu erschlagen, und da man den Bettel ausrotten wollte, so drohte jedem Prügelstrafe, der ein Almosen geben würde; in Wetzlar wurde das Kaffeetrinken untersagt und die Polizei in den Haushaltungen herumgeschickt, um das Kaffeegeschirr zu konfiszieren; in der Grafschaft Wittgenstein mußte jeder Untertan jährlich 20 Sperlingsköpfe abliefern oder Strafe zahlen. Wenn Bürger in Bruchsal ein Fest gaben, so schickte ihnen der Fürstbischof einen Boten ins Haus und ließ fragen, ob sie vielleicht Geld hätten, um es zum Fenster hinauszuwerfen. Dieser selbe Fürstbischof von Speyer, es war Graf August von Limburg-Styrum, führte einmal den Grafen Hans von Schlitz in sein Arbeitskabinett, das mit unzähligen Schubfächern ausgestattet war, und zeigte ihm als Beweis seines Regierungssystems, daß er sofort angeben könne, wie die Schildwache heiße, welche an irgend einem Tore der Städte seines Ländchens um diese Zeit Posten stehe, welcher Nachtwächter in irgend einer Ortschaft an der Reihe sei usw.

Um ihrer Sache auch ganz sicher zu sein, wurde in einigen Ländern eine offizielle Spionage eingeführt, die an das berüchtigte System der Signorie Venedigs und ihre „Löwenmäuler“ erinnert. Im Herzogtum Braunschweig waren diese Briefkästen durch landesherrliche Verordnung vom ). Januar 1765 als „Denunziationsstöcke“ eingeführt worden und wurden nie abgeschafft; sie existierten noch in Strombecks Jugend, kamen aber nicht mehr in Anwendung. In Württemberg wurde bei der Übernahme der Regierung durch Herzog Karl Eugen 1744 der sogenannte Frageplan eingeführt, d. h. Visitationsberichte, welche die Pfarrer alljährlich in Form der Antwort auf einen Fragebogen zu erstatten gezwungen waren. Es gab nichts oder wenig, womit sich diese Fragen nicht befaßt hätten, sie machten jeden Geistlichen zu einem staatlich angestellten Spion, denn er hatte u. a. zu berichten, ob seine benachbarten Pfarrer auch das Gute befördern, ob von ihnen kein böses Geschrei in Lehre und Leben sei und dgl. mehr. „Alles in Württemberg gibt und bekommt Testimonia/‘ schreibt Friedrich Nicolai in seiner Reise.

Das war jene unleidliche Vielregiererei, die, wie Georg Förster 1791 schrieb, „jedem Untertan in den Topf gucken wollte und alle Hände voll zu tun hatte, um mit Geboten und Verboten, Staatsmonopolen und Privilegien, Vorschriften der allerpeinlichsten Art die Untertanen zu beglücken.“ Dies System einer Bevormundung ohne Grenzen raubte den Bürgern jeden Gedanken der Selbständigkeit und Selbsttätigkeit und machte sie Ereignissen gegenüber, die unvorbereitet eintraten, völlig hilflos. Geradezu köstliche Überraschungen erlebten die Franzosen, als sie nach der Einnahme von Mainz im Bunde mit deutschen Klubisten die Bevölkerung bestimmen wollten, sich für die Republik zu erklären. Custine wünschte am Tage nach seinem Einzuge zu den Mainzern zu sprechen, aber es erschienen keine hundert Mann, die Zünfte und Innungen zeigten sich widerspenstig, und als man sie nach ihren Wünschen fragte, baten einige um die Rückkehr des Kurfürsten.

Die Perückenmacher erklärten: „Wir wollen aussterben bis auf 35» und Meister Krebs soll unser Ratsherr sein.“ Die Lohnkutscher äußerten: „Kein* Brückengeld wollen wir mehr zahlen, dann mag unsertwegen Kurfürst sein, wer da will.“ „Die Leute kommen mit Vorschlägen, wie bald sich alle für die Freiheit erklären würden.“ schreibt Georg Förster, „wenn man ihnen die Abgaben erließe;“ den Vogel schossen aber doch die Bauern in Sarnsheim ab, die zum Entsetzen der Republikaner die Freiheit auf ihre ganz eigene Weise auffaßten. „Sieben Jahre haben wir die Messe deutsch singen müssen,“ sagten sie, „nun wir frei sind, wollen wir sie wieder lateinisch singen.“ So dachten und empfanden weite Kreise. Nicht nur das Wetterleuchten der Revolution, das den kommenden Gewittersturm schon seit länger als 20 Jahren ankündigte, war von ihnen gar nicht bemerkt worden, auch die Schläge, in denen das Gewitter sich seit dem Sommer 1789 Luft machte, waren spurlos an ihnen vorübergegangen. Nur eine kleine Anzahl Gebildeter war auf das, was kommen mußte, vorbereitet. Landgraf Ludwig IX. von Hessen fürchtete eine Mediatisierung seines Landes und wünschte, als seine Tochter den Großfürsten Paul heiratete, das Versprechen der Kaiserin Katharina, ihn in den Ostseeprovinzen zu entschädigen; Fürst Oettingen legte alle seine Kapitalien in Gold, Pretiosen und Waren an, um sich mit ihrer Hilfe in Maryland einen neuen Besitz zu gründen, und auch der Herzog von Gotha dachte sich nach Amerika oder der Schweiz als Privatmann zurückzuziehen.

Das wichtigste Objekt der Verwaltung waren die Finanzen, die ja nicht erst seit heut und gestern den Regierenden Sorgen verursachen. Die Summen, um die es sich im 18. Jahrh. handelte, scheinen uns heute gering, aber einmal muß man berücksichtigen, daß man, um einen Vergleich mit dem jetzigen Geldwert zu ermöglichen (und mit „jetzig“ meinen wir die Verhältnisse von 1914), alle Zahlen multipliziert werden müssen, im Durchschnitt etwa mit drei, und daß ferner in jener Zeit die uns geläufigen Probleme des Staatshaushalts erst auftauchen. Auf der einen Seite galten Hof und Staat für identisch, so daß von selbst alle Einnahmen in die Kasse des Hofes flössen, auf der andern aber ergaben sich aus den neuen Positionen der stehenden Heere, die sich eben bildeten, und der Bürokratie, die entstand, so starke Anforderungen an neue Einnahmequellen, daß alles Dichten und Trachten von Herren und Dienern darauf hinauslief, Geld zu machen. Das lange entsetzliche Elend des 30jähr. Krieges hatte Deutschland bis aufs Mark ausgesogen, und immer neue Kriege, — zu Anfang des Jahrhunderts war das Reich mit seinen Gliedern zugleich in den nordischen und den spanischen Erbfolgekrieg verwickelt, — sorgten dafür, daß es sich nicht erholen konnte.

Am schlimmsten war wie immer das Reich daran, dessen Finanzverfassung in völligen Verfall geraten war. Die Summen, die jeder Reichsstand zu den allgemeinen Unkosten beizutragen hatte, waren wohl in der Reichsmatrikel festgelegt, aber jeder behauptete, er sei zu hoch veranschlagt und da niemand zum Zahlen gezwungen werden konnte, so zahlte eben auch keiner. Verhandlungen über Geldbewilligungen mußten auf dem Reichstag in Regensburg geführt werden.

Sie pflegten sich endlos hin-zuziehen, da der Reichstag gar kein Freund vom Geldausgeben war. Hatte er aber ja einmal einer Ausgabe zugestimmt, so erklärten die bei den Verhandlungen Überstimmten, norität gebliebenen nicht zwingen; wer bewilligt habe, möge eben zahlen, wer nicht bewilligt habe, brauche auch nicht zu zahlen. Bei den Reichsfinanzen handelte es sich stets um die sogenannten Römer-Monate, in denen man rechnete; ein Name, der daher stammte, daß er den gesetzlich festgelegten Monatssold der Reichstruppen vorstellte. Die Summe hatte ursprünglich 128000 fl. betragen, war in der Mitte des 18. Jahrh. aber auf 58000 fl. gesunken. Da die Verwendung von Reichsgeldern dem Kaiser zustand, so war kein Reichsstand jemals aufgelegt, etwas dazu beizutragen, ja selbst in den Fällen, in denen der Reichstag über die Notwendigkeit der Ausgabe einig geworden war, pflegte das Geld deswegen noch lange nicht verfügbar zu sein, weil die kleineren Stände erklärten, sie würden erst nach den größeren zahlen, und da die größeren sich durchaus nicht damit beeilten, so verliefen derartige Unternehmen gewöhnlich im Sande. 1 731 z. B. war ein Römer-Monat bewilligt worden, der dazu dienen sollte, in Wetzlar ein neues Gebäude für das Reichskammergericht aufzuführen; 34 Jahre darauf hatten nur Braunschweig und Kurtrier ihren Anteil an den Kosten bezahlt, sonst keiner. Die ordentlichen Steuern, die zur Unterhaltung des-iReichshofrats in Wien und des Reichskämmergerichts in Wetzlar erfordert wurden, waren 1720 auf .103 000 Tlr. festgesetzt worden davon gingen aber nur 39396 Tlr. ein, so daß sich die Reste schon 1753 auf 654000 Tlr. summiert hatten.

Um die Finanzen des Kaisers war es keineswegs besser bestellt, schon aus dem Grunde, weil die herrschende Aristokratie den Grundsatz zur Geltung gebracht hatte, es sei unter der Würde eines Kaisers, sich um seine Finanzen überhaupt nur zu bekümmern, „die Leitung derselben müsse denen, die darüber bestellt seien, absolute überlassen bleiben.“ So konnte der Kammerpräsident Graf Sinzendorf 20 Tonnen Goldes unterschlagen, ein Vergehen, das er mit Verbannung auf seine Güter nicht grade allzu schwer büßte. Wie schwach die Begriffe waren, welche die Habsburger vom Wert des Geldes hatten, und daß sie den Grundsatz, sich nicht um ihre Finanzen zu bekümmern, wirklich ganz zu dem ihren gemacht hatten, dafür gibt der Biograph der Kaiser Leopold I. und Josef L, Rink, ein überzeugendes Beispiel. Er schreibt:

„Gegen die Armut zeigte der Kaiser Leopold so viel Liebe und in derselben Beständigkeit und Geduld, daß es kaum die Nachwelt glauben wird, wenn man ihr die davon gehabten Ergebnisse vorlegen sollte. Es teilen sich die Bettler in Wien absonderlich in zwei Klassen ein, in die sogenannten Audienzbrüder und in die gemeinen Bettler. Die Audienzbrüder sind Leute von guter Herkunft oder doch, die sich davor ausgeben; solche nehmen bei dem Kaiser Audienz, tragen ihm ihren elenden Zustand vor und empfangen aus seiner freigebigen Hand eine Beihilfe, so nach Beschaffenheit in hundert, fünfzig, fünfundzwanzig und auch ein Dutzend Dukaten beruhet. Der Kaiser, so bei allen Audienzen an dem Tisch stehet, hat diese Verehrungen, wenn er dergleichen Leuten Audienz erteilet, so gemeiniglich zweimal die Woche geschieht, in Papier gewickelt vor sich liegen und teilt sodann nach Befinden aus. Man zählt manchmal in einem Tage etliche zwanzig, so Audienz nehmen, worunter sich so viele Unbescheidene befinden, daß man sich über ihre Verwegenheit so sehr, als über des Kaisers Geduld verwundern müsse. Als einer für dem Kaiser kniete und einen Scharmüzel (so werden die Papiere, worin man die Dukaten wickelt, genannt) empfangen hatte, meinte er, dieses wäre seiner Bedürfnis nicht hinlänglich genug, griff also selbst auf den ‚risch und holte sich noch einen und entschuldigte sich, daß man bei Gott und dem Kaiser ohne Scheubitten dürfte. Wenn solche Leute das Empfangene vertan, kamen sie wieder, und der Kaiser war so wenig müde, seine Hand zum Almosen als zum’Gebet auszustrecken. Es wurde ihm einmal eine Liste derjenigen, so das kaiserliche Almosen übel angewendet, übergeben, worüber er aber nur diesen Bescheid erteilte:

„Diejenigen, so diese Liste gemacht, haben ihre eigenen Fehler hineinzusetzen vergessen. Ich weiß schon, was ich tun soll.“

„Die andere Art von Bettlern sind dieöffentlichen Gassenbettlerin Wien. Diese hatten ebensoviel teil an der Liebe bei dem Kaiser als die ersten. Niemals fuhr er aus,daß er nicht einen großen Sack mit Siebzehnern (Viertelgulden) in die Kutsche setzen ließ und einem jedweden mit eigner Hand davon austeilte. Hierbei war er manchmal so in die Enge getrieben, daß die Pferde nicht fortfahren konnten, und weder Kammerherren noch Trabanten durften sich unterstehen, das Volk wegzutreiben. Sie waren einmal dergestalt importun, daß sie auch die Kristallscheiben an der kaiserlichen Kutsche, entzwei stießen. Als der dabei stehende Kammerherr sie wegtreiben wollte, sagte Leopold: ,Er sollte die Leute in ihrem Almosen nicht hindern, er wolle die Kutsche schon wieder machen lassen.“

„Es war mit unter denjenigen Sachen, welche der sterbende Kaiser Leopold dem König Joseph anbefahl, daß er die Armut mit östreichischem Mitleiden stetig ansehen sollte. Er hat diesen Befehl in solcher Vollkommenheit ausgeführt, daß die Bettler von allen Sorten sagen konnten, Leopoldus sei nicht gestorben. Die anti-camera zu Josephs Zeiten war fast noch voller von dergleichen Leute als zu Leopolds Zeiten. Der Krieg machte keinen Einwurf der Erfahrung, denn das öst-reichische Mitleiden gegen die Armen läßt sich auch in den schwersten Zeiten nicht Einhalt tun; solchergestalt pflegte der Kaiser öfters in einer Audienz viele Pakete mit 50, 100, 200 Dukaten auszuteilen. Wobei seine Gnade so groß, der auch keinen Unterschied zwischen den Nationen machte, und gar so vielen Franzosen, die sonst alle Verachtung gegen Deutschland, ohne gegen dessen Geld, haben, den Unterhalt erteilte. Die mehrsten von diesen Leuten waren Neapolitaner und Spanier, welche aber der kaiserlichen Gnade desto würdiger, je mehr sie in den feindlichen Ländern an Gütern und Glück, des Kaisers Partei wegen, verlassen müssen, und mußte diese ehrliche Leute nicht als Bettlern, sondern um das Haus Ostreich verdiente Männer, welche mit Recht ihren Unterhalt fordern konnten, angesehen werden. Unter diesen befanden sich viel hergelaufene und unnütze Pfaffen.“

Die Summen, welche der Privathaushalt der kaiserlichen Familie auf diese Weise verschlang, wären allein genügend gewesen, um ein dauerndes Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen unmöglich zu machen, der Kaiser mußte borgen und Pfänder geben. Der Kredit, den er genoß, war so gering, daß er bei Anleihen 8% % zahlen mußte und bald nichts mehr besaß, was nicht verpfändet gewesen wäre. Christoph Ludwig von Seckendorff beklagt in seinem geheimen Journal die Misere der kaiserlichen Erblande, die mit Hypotheken überlastet seien, auf Schlesien seien allein 10 Millionen eingetragen. Der Geldlieferant von Hof und Staat war unter Leopold und Josef der Hofjude Samuel Oppenheimer, der aber 1703 fallierte und den an und für sich schwachen Kredit des Kaisers dadurch vollends erschütterte. Die Finanznot, die natürlich durch planloses Borgen, sinnlose Verschwendung des Hofes und dauernde Unterschleife der Beamten nicht gebessert werden konnte, nahm zu und wuchs durch die Anforderungen des spanischen Erbfolgekrieges, in dem es die Thronfolge des Hauses Habsburg in Spanien galt, zu unerträglicher Höhe. Da Österreich nicht darauf verzichten konnte, den Staatskredit in Anspruch zu nehmen, so erfolgte 1715 die Stiftung der Universal-Bankalität, die die Funktionen einer Generalkas.se, Staatsschulden-Vervvaltung und Depositenkasse in sich vereinigte. Man griff bald zu diesem Mittel, bald zu jenem, um den Finanzen aufzuhelfcn, aber ohne durchzugreifen. Man scheute in der Not auch nicht vor den zweifelhaftesten Mitteln zurück. 1721 war eine Privil. Lotterie der Kaiserl. Orientalischen Gmipagnie gegründet worden, die aus 100 Klassen zu je 1000 Losen bestand. Sie wurde jährlich viermal gezogen und spielte jeweils 120 Millionen fl. aus. 1730 entnahm der Kaiser dem Fonds 272 Millionen fl. als seinen angeblichen Gewinn und machte das Unternehmen dadurch bankerott. 1712 wurde z. B. eine allgemeine Vermögenssteuer ausgeschrieben, die 1% von allem beweglichen und unbeweglichen Besitz und 10% von der Jahreseinnahme abwerfen sollte, aber man ließ den Gedanken wieder fallen und begnügte sich mit einem freiwilligen Geschenk der Stände. Da im Staatshaushalt der K. K. Erblande keine Rechnungslegung stattfand, so blieben die Verhältnisse unklar und sie haben auch unter Karl VI. keine Besserung erfahren. Man schlägt die Einkünfte auf 14 Millionen an, schrieb der Venetianische Botschafter damals, aber man erhält nicht vier davon, die Bedrängnisse des Hofes sind unbeschreiblich. Unter Maria Theresia nahm man an, daß die Einkünfte der Kaiserin sich jährlich auf 30 bis 40 Millionen fl. beliefen, die vermehrten Rüstungen und die langen Kriege, in die sich die Monarchin verwickelt sah, veranlaßten freilich ein Defizit, das man im Jahr auf etwa 8 bis 10 Millionen fl. veranschlagte. Für ihre persönlichen Bedürfnisse verbrauchte Maria Theresia jährlich gegen 6 Millionen fl.; ihr Hofstaat kostete 3% Millionen, 1 Million gab sie für Pensionen aus, etwa 700000 fl. für Almosen. Unter ihrer Regierung wurde die Vermögenssteuer endlich eingeführt, sie betrug den zehnten Teil des Einkommens und stieg von 20 Millionen im Jahre 1745 auf 54 Millionen im Jahre 1773. Kraf Chotek führte das Mautsystem ein, bei den wachsenden Ansprüchen und den hinter diesen weit zurückbleibenden Einnahmen aber wurde der Staat schließlich auf die schiefe Ebene des Papiergeldes gedrängt. 1762 wurde das erste unverzinsliche Papiergeld ausgegeben, die sogenannten Bancozettel, die sich von 12 Millionen im ersten Jahr binnen 25 Jahren auf 30 Millionen vermehrten. Die baren Schulden beliefen sich 1781 auf 20 Millionen fl., die Gesamtschuld 1785 auf 200 Millionen. Dabei zog Österreich noch bedeutende Subsidien von Frankreich, man nimmt an, daß es zwischen 1757 und 1769 gegen 82 Millionen Franks erhielt. Josef 11. hat auch den’Finanzfragen seine Aufmerksamkeit zugewendet, er plante eine Reform im Sinne des impöt unique der Physiokraten, deren Ansichten er zuneigte. Er hat seine Absichten in einem eigenhändig niedergeschriebenen Aufsatz angedeutet.

„Ein klarer und aufrichtiger Steuerfuß,“ schreibt er, „ist gewiß das größte Glück eines Landes. Durch diesen allein erhält man das eigentliche Mittel, den wahren Bedarf des Staates auf die billigste und wohlfeilste Art zu sammeln und alles Gute im Lande zu stiften. — Der Grund und Boden, den die Natur zu des Menschen Unterhalt angewiesen hat, ist die einzige Quelle, aus welcher alles kommt und wohin alles zurückfließt, und dessen Existenz trotz allen Zeitläuften beständig verbleibet. Aus dieser Ursache ergibt sich die untrügliche Wahrheit, daß der Grund allein die Bedürfnisse des Staats ertragen und nach der natürlichen Billigkeit kein Unterschied gemacht werden könne.— Dieses vorausgesetzt folgt nun von selbst, daß zwischen Dominicalund Rustical-, dann Came-ral- und geistlichen Gründen eine vollkommene Gleichheit sein und jeder nur nach der Oberfläche, Fruchtbarkeit und Lage in die proportionierte Klassifikation gesetzt werden müsse. Wenn Gesetze und Verfassungen diesem entgegenstehen, so können sie doch die Wahrheit und Überzeugung nicht schwächen, daß das Heil des Staates diesen Grundsatz unentbehrlich macht. Ist es nicht Unsinn zu glauben, daß die Obrigkeiten das Land besessen, bevor noch Untertanen waren; und daß sie das Ihrige unter gewissen Bedingungen an die letzteren abgetreten haben? Müßten sie nicht auf der Stelle vor Hunger davonlaufen, wenn niemand den Grund bearbeitete? Ebenso absurd wäre es, wenn sich ein Landesfürst einbiidete, das Land gehöre ihm und nicht dem Lande zu; Millionen Menschen seien für ihn und nicht er für siegemacht, um ihnen zu dienen. Gleichwie aber die Bedürfnisse des Staates gedeckt sein müssen, so können solche nicht übertreten werden; sondern der Landesfürst in einem monarchischen Reiche hat über deren Verwendung nach seiner Ehre, Gewissen und Pflichten dem Allgemeinen Rede und Antwort zu geben.“

Er macht sich hier ganz die Anschauung Friedrichs des Großen zu eigen, der erklärte: „Die Staatseinkünfte müssen heilig sein und in Friedenszeiten einzig und allein für den Vorteil der Bürger bestimmt betrachtet werden.“ Mit diesem Grundsatz standen die beiden Monarchen ziemlich vereinzelt in ihrer Zeit da. denn bis dahin hatte die Anschauung, die P. Seedorf dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz gegenüber vertrat, „daß der Landesherr verwenden und depensieren dürfe, was er wolle, wenn das Geld nur im Lande bleibe“, allgemeine Geltung gehabt. Sie war Ursache der allgemeinen Verschuldung fast aller deutschen Staaten, die davon herrührte, daß die Landeseinkünfte fast überall zum alleinigen Vorteil der Höfe verwendet wurden. Sachsen, Württemberg, Bayern sind typische. Beispiele dafür. Das Einkommen der Kurfürsten von Sachsen aus ihren Kurlanden wurde auf 7 Millionen Tlr. im Jahr geschätzt, aber es reichte bei der Großmannssucht August des Starken und seines Sohnes bei weitem nicht aus, nicht für das Land i und nicht für den Hof der Könige von Polen. Der Hof verschlang Unsummen. Die Feste des Jahres 1709 kosteten 4 Millionen, das Lustlager bei Mühlberg. 1730 eine. Million, die Doppelhochzeit im Jahre 1747, deren Festlichkeiten sich durch 3 Mo*, nate hinzogen, kamen auf 1% Millionen zu stehen, ein einziges Feuerwerk auf 15 000 Tlr. An die Gräfin Kosel soll August der Starke allein 20 Millionen gewandt haben, der Ankauf der Estenseschen Galerie in Modena kostete seinem Sohne 700000 Tlr. usf. Dabei herrschte in der Verwaltung die größte Unordnung und Willkür, die Kassen zahlten nach Wolfframsdorfs Angabe ganz nach Laune und Belieben, so daß die Landesschulden sich 1737 auf 20 Millionen, 1763 aber auf 100 Millionen Tlr. beliefen. Das unglückliche Sachsen hatte ja nicht nur für die Prachtliebe und die Vergnügungssucht seiner Herrscher aufzukommen, es mußte überdies die verkehrte Politik derselben büßen. Die Erwerbung der polnischen Krone kostete August dem Starken 11 Millionen Tlr.; um diesen Thron, der nur eine Sache des Prestiges war und seinem Inhaber gar keine wirkliche Macht eintrug, aber zu behaupten, gab er, wie das Theatrum Europaeum damals nachgerechnet hat, 28 Millionen Tlr. aus. Die Kriege, in die ihn Polen verwickelte, verliefen sämtlich unglücklich, denn wenn der Kurfürst-König auch von größter persönlicher Bravour war, ein Feldherr war er nicht. Karl XII., der im Laufe dieser Feldzüge die Kurlande zwei Jahre besetzt hielt, zog im Monat aus ihnen 625 000 Tlr., man rechnet, daß der Aufenthalt des Schwedenkönigs in Sachsen, der von 1706 bis 1707 währte, dem Lande 23 Millionen Tlr. bar gekostet hat, außer den vielen tausend Mann, die der König mit Gewalt unter seine Truppen steckte. Im siebenjährigen Kriege hat Friedrich II. 50 Millionen Tlr. aus dem Kurstaat erpreßt. Um diese Summen aufzubringen, haben die beiden polnisch-sächsischen Herrscher nicht nur verkauft und verpfändet, was in Besitzungen, Titeln, Ansprüchen und Rechten an Brandenburg, Hannover und den kleineren thüringischen Nachbarn nur irgend einen Käufer fand, sie haben auch mit neuen Steuern nicht gespart. In Sachsen wurde 1705 die Kopfsteuer eingeführt, die besonders arme Leute drückte, und die Akzise auf fast alle Gegenstände des Verbrauchs ausgedehnt. Die Landstände verwahrten sich eifrig gegen diese sogenannte „General-Consumtions-Accise“, die 1703 eingeführt worden war und sofort alle Lebensmittel um ein Drittel ihres bisherigen Preises verteuerte, aber ihr Widerspruch nutzte nur insofern etwas, als wenigstens das flache Land von ihr verschont blieb, den Städtern dagegen blieb sie nicht erspart. Am Ende des Jahrhunderts zahlte der Kursachse pro Kopf etwa 2 1/2 Tlr. an direkten Steuern.

Bayern war nicht besser daran. Im spanischen Erbfolgekriege war es in die Hände des Kaisers geraten, der mit Patent vom 26. Dezember 1705 erklärte: „Alle Bayern sind der beleidigten Majestät schuldig und ohne weiteres mit dem Strange zu richten. Nur aus Allerhöchster Müdigkeit werden allezeit 15 zu 15 ums Leben spielen und der fünfzehnte gehenkt werden, außerdem wird noch aus jedem Gerichtsbezirk einer ohne zu losen gehenkt und der Rest unter die Soldaten gesteckt, während die Untauglichen wie Verbrecher zu öffentlichen Arbeiten anzuhalten sind. Von den Bürgern ist jeder fünfte bis zehnte Mann zu hängen, die anderen werden unter das Militär gesteckt, der Rest des Landes verwiesen.“ Da diese Maßregeln einfach nicht durchzuführen waren, so sog.man das Land wenigstens so viel wie möglich aus und erhob Kontribution über Kontribution. Als der vertriebene Kurfürst nach dem Friedensschlüsse zurückkehrte, mußte das Land 8 Millionen fl. bezahlen, um die Schulden zu tilgen, die Max Emanuel während seines Exils aufgenommen hatte. Die jährlichen Einkünfte des Kurfürsten wurden mit 5 bis 6 Millionen in Anschlag gebracht, er kam aber so wenig mit dieser Summe aus, daß beim Regierungsantritt des Kurfürsten Karl Albert, der sich als Kaiser Karl VII. nannte, die Schulden bereits wieder auf 30 Millionen angewachsen waren, um sich bis zu seinem Tode auf 42 Millionen zu erhöhen. Unter Karl Theodor wußte niemand zu sagen, wie hoch sich eigentlich die Staatsschuld belaufe, die einen sprachen von 70, die andern von 138 Millionen fl., sicher war nur, daß die Zinsen ganz unregelmäßig gezahlt wurden. Die Schulden des Hofes beliefen sich auf 1 1/2Millionen fl. Auch hier spielte in den Ausgaben der Prunk des Hofes die größte Rolle, hat doch das Prachtbett in der Münchener Residenz, das 1723 bis 1729 ausgeführt wurde, allein 1/2 Million gekostet. 1734 versuchte man eine Sanierung der Finanzen vermittelst einer Zwangsanleihe, zu der die Rittergüter 100000 fl., die geistlichen Güter Yi Million und die Städte 300000 fl. beitragen mußten. Die Steuerschraube wurde immer kräftiger angezogen; als Nikolai Bayern besuchte, rechnete man, daß die Abgaben 40% der Einnahme ausmachten, aber trotzdem sie um diese Zeit etwa 7*4 Millionen betrugen, war der Staat wenig gebessert, weil die Erhebung und Beitreibung derselben 2 Millionen kostete. Kurbayern kannte 40 verschiedene Steuern, deren Hauptlast den unteren Ständen aufgepackt war. So betrug die Ständesteuer 66000 fl., von denen die Prälaten 33 OOO, der Adel 9000 und der Bürgerstand 240C0fl. entrichten mußten. Als diese Steuer 1784 vermehrt wurde, mußten Prälaten und Adel jeder das Doppelte, der Bürgerstand aber das Vierfache zahlen. An direkten Abgaben hatte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Bauer etwa 17 fl., ein Bürger 4 fl. jährlich zu zahlen.

Die skandalöseste Finanzwirtschaft herrschte in Württemberg, wo der Leibjude des Herzogs Karl Alexander, Jud Süß, binnen 9 Monaten für 11 Millionen schlechtes Geld geprägt hatte. Man hängte ihn zwar am 4. Februar 1738 in Stuttgart auf, aber die minderwertigen Münzen war man nicht ebenso schnell wieder los. Für die Bedürfnisse des Herzogs Karl Eugen, mit seinem Ehrgeiz, den prächtigsten Hof Europas zu besitzen, langten die Einnahmen, die ihm rechtmäßig zustanden, natürlich bei weitem nicht aus. Er ließ die Kassen der Landschaft erbrechen, entnahm dem Kirchengut über % Million, ließ nach dem Beispiel seines Vaters geringhaltige Münzen prägen, verwüstete die Wälder, legte Privaten und Ämtern Zwangsanleihen auf, mit einem Wort, kein Recht galt vor ihm. Um das jährliche Defizit von 56000 fl. decken zu können, wurden dem Lande Steuern über Steuern auferlegt, man kannte in Württemberg schließlich 412 verschiedene Arten von Abgaben, aber da das alles nicht genügte, so wurden dem Lande von 1756 bis 1763 mehr als 5 Millionen fl. mit Gewalt und wider alles Recht abgepreßt. 1764 wollte man eine neue Besitzsteuer einführen, die eine Deklaration des Vermögens, nötig gemacht hätte; bei Zahlung von 100 fl. sollte man von diesem Zwange befreit sein. Trotz all dieser Maßregeln überstiegen die Schulden des Herzogs 1756 die Summe von 13 Millionen fl. Zu welchen Manövern der Herzog griff, um seine Kasse zu füllen, zeigt auch die Tatsache, daß er drohte, seine Residenz von Stuttgart weg zu verlegen, und sich das Versprechen, dort zu bleiben, von der Landschaft mit 30000 fl. und einem-Beitrag von 150000 fl. zum Schloßbau bezahlen ließ. Die kaiserliche Kommission, die endlich auf unermüdliches Betreiben der Landstände eintraf, um nach dem Rechten zu sehen, stellte fest, daß die Schulden sich auf 16 Millionen, die Einnahmen, die ihnen gegenüberstanden, auf 3 Millionen fl. beliefen.

Schulden machen ist sehr verführerisch, solange man geborgt bekommt; die deutschen Kleinfürsten des 18. Jahrh. haben es ausgeprobt. Es ging immer auf und ab. Ein Markgraf von Bayreuth, es war der Schwiegervater der Markgräfin Wilhclmine, der Schwester Friedrichs des Großen, fand bei seinem Regierungsantritt das Land so mit Schulden überlastet, daß er vorzog, sich einige Jahre in das Privatleben zurückzuziehen, und sein Reich derweil administrieren zu lassen, bis es wieder auf einem grünen Zweig sein würde; sein Sohn aber kontrahierte bei einem Einkommen von 550000 fl. doch eine Schuld von 2y2 Million Tlr.; und der Markgraf von Ansbach, der 1 Million fl. jährlich einnahm, machte ebenfalls für mehr als 2 Millionen Taler Schulden. Da beide Länder in eine Hand fielen, hatte der glückliche Erbe Mühe, die Schuldenlast wieder abzutragen. 1780 hatte er die fast 5 Millionen betragende Summe bis auf 2 Millionen getilgt. Das kleine Herzogtum Sachsen-Koburg-Saalfeld, dessen Erträgnisse 70000 fl. nicht überstiegen, hatte mehr als eine Million Tlr. Schulden. Herzog Ernst Friedrich Karl von Sachsen-Hildburghausen regierte sein Ländchen mit so völliger Nichtachtung des Geldpunktes, daß die Zinsen, die für die Schulden jährlich gezahlt werden mußten, schließlich etwa dreimal so viel betrugen wie die gesamten Einnahmen, nämlich 210000 fl., während das Land alles in allem nur 72000 fl. aufbrachte. Da erschien denn auch eine kaiserliche Kommission, um die Rechte der Untertanen zu wahren. Dem Herzog wurden 12000 fl. ausgeworfen, von denen er die Kosten für sich und seinen Hof bestreiten mußte, die Erziehung der fürstlichen Kinder mußten die Stände übernehmen.

Mit am schlimmsten aber waren manche Reichsstädte daran. Die Finanzwirtschaft der Magistrate, die immer nur in Rücksicht auf die Interessen des Patriziats hin geführt worden war, hatte die städtischen Verhältnisse schließlich in einen derartigen Zustand versetzt, daß Riesbeck, der 1780 eine Reihe von ihnen besucht hatte, schreib: „Es ist so weit gekommen, daß viele Reichsstädte noch ihr kleines Gebiet werden verkaufen müssen, um ihre Schulden bezahlen zu können, z. B. Ulm/‘ Nürnberg hatte etwa 6 Millionen fl. Einnahme und gegen 12 bis 13 A\il-lionen fl. Schulden, so daß eine kaiserliche Kommission eintraf, um die Verhältnisse der Stadt zu ordnen. Die kaiserlichen Debitkommissäonen waren keineswegs gern gesehen, denn sie versuchten nicht nur, in Verhältnisse hinein zu leuchten, die man nur allzuviel Grund hatte, im Dunkeln zu lassen, sondern sie kosteten auch ihrerseits viel Geld, da die Herren Kommissare hohe Sporteln bezogen und hübsch lange Zeit zur Abwicklung ihrer Geschäfiebrauchten. Augsburg befand sich in besserer Lage wie Nürnberg, da seine Schulden nur gering waren. Allerdings waren auch seine Verhältnisse bedeutend zurückgegangeu, seit ein Fugger einst die Schuldscheine Kaiser Karls V. in seinem Kamin hatte verbrennen können; Riesbeck meinte 1780, es seien in Augsburg nicht über 6 Häuser zu finden, die mehr als 200000 fl. und keine fünfzehn, die 100000 fl. im Vermögen besäßen; die meisten verfügten nur über Kapitälchen von 30000 bis 40000 fl. Am glänzendsten stand Frankfurt a. M. da. Es dachte sogar schon daran, seinen Bürgern die Steuern zu erlassen, als die Okkupation durch den französischen General Custine diesen Plänen für immer ein Ende machte. Manche der kleinen Gebiete fanden es am bequemsten, ihre Einkünfte von Pächtern eintreiben zu lassen, um so wenig Mühe als möglich da mitzu haben; so hatte z. B. der Fürst von Hohenzolern-Hechingen die Steuern seines Ländchens an einen Italiener Baratti für 24000 fl. verpachtet, ein Modus, der für den Fürsten sehr angenehm, für die Untertanen aber sehr wenig erfreulich war, denn jeder Pächter trachtete natürlich danach, mit hohem Gewinn abzuschließen und plackte die Steuerzahler daher weidlich. In der Grafschaft Castell existierten z. B. 34 verschiedene Abgaben und Gefälle, die sich unter den schönen Namen „Heerd-schilling, Rauchgeld, Rauchhühner, Fastnachteier, Walpurgiszins, Michaeliszins usw. usw.“ verbargen, ln der Kurpfalz war nach Riesbecks Angabe nur die Luft nicht mit Steuern belastet. „Nichts“, schreibt er, „hat mir einen so hohen Begriff von der Ergiebigkeit des Landes gegeben, als die Liste eines kurfürstlichen Einnehmers von den Abgaben der Untertanen.“

Eine im 18. Jahrh. in Deutschland gang und gäbe Steuer war die Kopfsteuer; im Kurfürstentum Trier zahlte ein Ehepaar jährlich 1 fl., ein Witwer y2 fl., im Hildesheimschen zahlte der Untertan 1 Tlr. pro Kopf, in Mecklenburg der Tagelöhner 3 Tlr. In Preußen, wo der Bauer nur 8 bis 12 Groschen Kopfsteuer zu entrichten hatte, mußte sie von jedermann, sogar von der königlichen Familie gezahlt werden. Der König war mit 4000, die Königin mit 2000, der Kronprinz mit 1000 und die jungen Prinzen mit 300 bis 600 Tlr. veranlagt, ein Graf zahlte 60, ein Freiherr 30, ein Edelmann 10, ein Kaufmann 2 bis 12, ein Handwerker 1 bis 4 Tlr. Diese Steuer wurde aber nicht regelmäßig erhoben, unter Friedrich I. mußte sie im ganzen achtmal gezahlt werden. Mit den indirekten Steuern, der Akzise, haben die Staaten keine günstigen Erfahrungen gemacht. Einmal hinderte sie Handel und Verkehr, dann aber brachte sie wenig ein, weil die Bestechung der Beamten eine zu große Rolle spielte. Man rechnete, daß der Staat von 300 Tlr., die ihm aus der Akzise hätten zufließen müssen, höchstens 100 Tlr. erhielt, der Rest ging durch Unterschleife verloren, weil die Beamten, die mit der Erhebungbetrautwaren, so schlecht bezahlt wurden, daß sie eben nicht ehrlich bleiben konnten. Außerdem war die Akzise eine Steuer, von der es die meisten Ausnahmen gab, in Kurpfalz z. B. war sie so gut wie allein auf Bürger und Hardwerker abgewälzt. Der Adel war ohnehin von ihr befreit, und seit 1703 Kurfürst Johann Wilhelm den Gliedern der Universität Heidelberg das gleiche Privilegium gewährt hatte, gelangte es nach und nach an die Beamten aller Kategorien, unter Karl Theodor erstreckte es sich auch auf alle Unterbeamten bis zu. der. niedrigsten im Range. Die Uferstaaten der großen Flüsse suchten sich durch die Zölle schadlos zu halten, die sie auf diesen Wasserstraßen erhoben; der Weserzoll in Elsfleth warf Oldenburg 30000 Tlr. ab, der Rheinzoll in Mainz jährlich 60000 fl.. Das hatte im Gefolge, daß die großen deutschen Ströme mit Zollstätten dicht besetzt waren, selbst auf der Donau, deren längsten Teil doch die Reisenden auf österreichischem Grund und Boden zurücklegten, hören die Klagen über die fortwährende Zollerhebung nicht auf. Auf der Elbe zählte man-35 Zollstätten, davon zwischen Dresden und Magdeburg allein 16, auf der Weser 19, auf dem Main zwischen Bamberg und Frankfurt 33, d. h. drei mehr als auf dem Rhein zwischen Straßburg und der holländischen Grenze gezählt wurden. Alan schlug den Ertrag jeder dieser Zollstätten des Rheins auf 18 bis 20000 fl. im Durchschnitt an. Da alle diese Einnahmen nur selten hinreichend waren, um die Ausgaben zu bestreiten, so suchte man nach außergewöhnlichen Mitteln, um sich die Taschen zu füllen. Da war einmal die Münzverschlechterung außerordentlich willkommen, die manchem der kleineren süddeutschen Staaten erlaubte, aus einer Mark Silber 75 fl. auzuprägen, oder den Herzog von Sachsen-Koburg, den Fürsten von Leiningen u. a. instand setzte, ganz Deutschland mit ihren berüchtigten, geringhaltigen Drei- und Sechskreuzerstücken zu überschwemmen. Auch Friedrich der Große hat die 4 Millionen Subsidien, die ihm England zahlte, durch schlechte Aus-münzung verdoppelt und auf 8 Millionen vervielfältigt, sein Hofjude Ephraim mußte in der Dresdener Münze Achtgroschenstücke zu 33 Talern, Viergroschenstücke zu 45 Talern auf die Mark prägen lassen, sie waren noch lange nach dem Kriege als „Uphraimiten“ berüchtigt. Weitere Quellen ungewöhnlicher Einnahmen erschlossen sich einmal in den Subsidien, die Frankreich mit verschwenderischer Hand zahlte, zwischen 1750 und 1772 z. B. an Sachsen 9 Millionen Franks, an Württemberg 7 Millionen, an Kurpfalz 11 Millionen, an Bayern 9 Millionen, und in der Lotterie. Die gebräuchlichste Form, in der diese gespielt wurde, war das sogenannte Lotto di Genova. Es bestand aus Losen der Zahlen 1 bis 90, von denen bei jeder Ziehung nur 5 aus dem Glücksrad gezogen wurden.

Man konnte setzen so viel oder so wenig man wollte. Hatte man eine der 5 Zahlen richtiggetroffen, erhielt man seinen Einsatz 75 mal ausbezahlt; traf man zwei Zahlen (einen Ambo), so bekam man ihn 250mal, traf man drei (eine Terne), 5300, und traf man schließlich vier (eine Quaterne), so vervielfältigte sich der Einsatz 60000 mal.

Das war eine sehr verführerische Art, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, die Behörden der Kurpfalz versicherten sogar amtlich: „Das Lottospiel ist der kürzeste, sicherste und verständigste Weg für jedermann, sein Glück zu machen/‘ Österreich hat den Ruhm, dieses Glücksspiel zuerst eingeführt zu haben. Es wurde alle drei Wochen gezogen, von jeder Ziehung erhielt die Kaiserin 11000 fl. Schlözer hat in seinem berühmten Briefwechsel eine Berechnung über dieGewinne aufgestellt, die dabei abfielen. In dem Jahrzehnt von 1750bis 1760 schätzte er die Gesamteinlagen auf 21 Millionen. Davon entfielen auf Gewinne 7 Millionen, auf die Kaiserin 3 y2 Million, auf Unkosten 2Millionen, so daß dem Pächter, einem Italiener, namensCataldi,rund8 Millionen verblieben. Man wollte aber wissen, daß dieser Cataldi nur eine vorgeschobene Person sei, hinter der sich Kaiser Franz in allerhöchsteigener Person verberge. Seine Majestät hatte mit den Geschäften der Regierung des Reiches wenig, mit denen der Erblande nichts zu tun; da sie aber eine ungewöhnlich große kaufmännische Begabung ihr eigen nannte, so befaßte sie sich sehr gern mit recht vorteilhaften Spekulationen und Unternehmungen. Das österreichische Beispiel fand Nachahmung, in Bayern gab es gleich drei verschiedene Lotterien. In Braunschweig fand es der leitende Staatsminister Feronce passend, die Lotterie persönlich in Pacht zu nehmen, hatte also ein starkes Interesse daran, daß nur wenig Gewinne zur Auszahlung ‘kamen. Als nun zwei Braunschweiger Kaufleute, Oeltz und Nothnagel, eine Quaterne machten und er ihnen hätte l8000Tlr. auszahlen müssen, fand er es angezeigt, den Gewinn für sich zu behalten, und als die Herren unbescheiden genug waren, auf ihrem Recht zu bestehen, schickte er sie ins Gefängnis. Dieser Meisterstreich eines kleinstaatlichen Ministers imponierte selbst Mirabeau. In Preußen wurde die Staatslotterie, aber nicht das Lotto di Genova 1749 eingeführt; in Württemberg richtete Herzog Karl Eugen 1762 eine Lotterie ein, die 75000 Lose enthielt, von denen jedes 25 fl. kostete; 8500 Treffer waren vorgesehen und Bürger und Behörden wurden gezwungen, ihr Glück darin zu versuchen. 1772 wurde in Württemberg auch das Lotto nach österreichischem Muster eingeführt, auf dringende Vorstellungen der Stände aber bereits 1779 wieder abgeschafft; für den Herzog war dieser Akt fürstlicher Einsicht ein Vorwand, um sich von den Ständen 5500 fl. als Dank schenken zu lassen.

Der verständigsten Finanzwirtschaft erfreute sich von den größeren Staaten Deutschlands ohne Zweifel Brandenburg-Preußen. Unter Friedrich I., dem ersten preußischen Könige, herrschte auch in Brandenburg-Preußen die Ansicht vor, daß das Land für den Hof da sei, ganz wie in Sachsen und Bayern. Man schlug damals die gesamten Einkünfte aus der Kurmark auf 2% Millionen Tlr. an, von denen der Hof allein 820000 Tlr. beanspruchte. Die Minister und Hofchargen bezogen entsprechende Gehälter, der Günstling des Königs, Graf Kolbe von Wartenberg, 123006 Tlr., Graf Wittgenstein 30000 Tlr., der Oberhofmarschall, Freiherr von Printzen öOOOTlr. usw. Das Leichenbegängnis der Königin Sophie Charlotte kostete 200000 Tlr., Bauten, Feste und Reisen verschlangen enorme Summen. Nun hatte Eberhard von Danckelmann durch seine Verwaltung zwar die Einnahmen aus den Domänen um 150000 Tlr. gesteigert, für die in gleicher Proportion steigenden Bedürfnisse aber reichte das nicht hin. Die Akzise wurde ungemein ausgedehnt, sie erstreckte sich auf Perrücken, Fontangen, Gold- und Silberstickerei, Karossen, Schuhe, Hüte, Stiefel, Kaffee, Tee, Schokolade, und vergaß fast keinen Gegenstand des täglichen Gebrauchs; sie stieg von 1690 bis 1705 von 60000 auf 170000 Tlr., so daß die Staatseinkünfte beim Tode des Königs auf etwa 4 Millionen geschätzt wurden, und doch hinterließ Friedrich I. eine bedeutende Schuldenlast. Sein sparsamer Sohn war gerade der Mann, den das der Überschuldung zusteuernde Land gebrauchte. Er verzichtete, ungleich dem Verfahren, das man in den K. K. Erblanden einschlug, auf die Inanspruchnahme des Staatskredits, war vielmehr darauf aus, systematisch alle von seinem Vater hinterlassenen Schulden zu tilgen und sogar noch einen beträchtlichen Schatz an barem Gelde anzusammeln. Ihm lag besonders die Bewirtschaftung der Domänen am Herzen, deren Erträge er bedeutend gesteigert hat; 1713 brachten sie 1800000 Tlr., 1740, seinem Todesjahr, 3300000llr. Die gesamten Einkünfte des Staates stiegen von 4 Millionen auf 71/% Millionen, von welcher Summe der haushälterische Monarch nur 52000 Tlr. für den Hof verwandte, der Rest aber dem Lande zugute kam. Außerdem hinterließ er an barem Gelde in den Kellergewölben des Berliner Schlosses einen Schatz, dessen Höhe Friedrich II. selbst mit 8700000 Tlr. angab, eine anscheinende Offenheit, die auf eine höhere Summe schließen läßt.

Unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. hatten die Domänen die Hälfte aller Staatseinnahmen erbracht, die Kontribution und die Akzise steuerten die andere Hälfte bei. Die Kontribution war die ein für allemal festgelegte direkte Staatssteuer, eine Art Vermögenssteuer, die die Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen nach allen Richtungen hin fassen wollte, sie lastete hauptsächlich auf den Bewohnern des platten Landes. Die Akzise war die indirekte Steuer der Städte. Sie schloß eine Besteuerung der städtischen Äcker und Gärten, des Viehbestandes, der Gewerbe nach der Gehilfenzahl in sich und war zugleich eine Konsumtionssteuer auf Lebensmittel und Kaufmannswaren. Die Akzise hatte vor der Kontribution den Vorzug voraus, nach übereinstimmenden Gesichtspunkten angelegt zu sein und nach gleichmäßigen Grundsätzen verwaltet zu werden. Sie ist von Jahr zu Jahr gestiegen und diente hauptsächlich dem Unterhalt der Armee. Friedrich Wilhelm 1. versuchte auch die Grundsteuer nach einem neuen Kataster zu veranlagen. Er stieß dabei auf den hartnäckigen Widerstand des grundbesitzenden Adels, der die Steuerobjekte zu verheimlichen wußte. Der König konnte nicht erreichen, daß bei der 1717 bis 1719 erfolgenden Katastrierung Hinterpommerns außer den Bauerngütern auch die Rittergüter aufgenommen wurden. Die Herren wußten wohl, warum sie das hintertrieben, in Preußen, wo die Reform erfolgte, hatte Graf Dohna-Schlodien nach 1715 an Hufenschoß 110% mehr zu zahlen als zuvor.

Im Punkt der Gewissenhaftigkeit in der Finanzwirtschaft und in der Sparsamkeit war Friedrich der Große ganz der Sohn seines Vaters. Trotz der Kriege, die er führte, trotz der 40 Millionen Tlr., die er von 1763 bis 1784 an den Wiederaufbau seiner so arg geschädigten Länder wandte, hinterließ er bei seinem Tode einen Schatz von 40 Millionen Tlr. in bar. Für sich selbst hat er niemals mehr verbraucht als 220000 Tlr. jährlich, eine Summe, die in Wien und Dresden oft ein einziges Fest des Hofes, eine Oper oder ein Feuerwerk kostete, ln der Steuerverwaltung arbeitete Friedrich II. mit Monopolen, für deren Bewirtschaftung er die berüchtigte Regie einführte. Die Einfuhrverbote, die er unmittelbar nach dem siebenjährigen Kriege erließ, trafen 490 Artikel; der Handel mit Tabak, Kaffee und Heringen blieb dem Staate Vorbehalten. Keine Maßregel der Verwaltung hat so viel Empörung wachgerufen als die Regie, deren Plackerei üble Subjekte dazu benutzten, die schlimmsten Instinkte kleinlicher Tyrannei an den Untertanen auszulassen. Johanna Schopenhauer schildert in ihren Erinnerungen die empörende Behandlung, welche sich die Danziger, fuhren sie einmal vors Tor, durch die preußischen Akzisebeamten gefallen lassen mußten. -„Damen und Kinder“ schreibt sie,

„mußten zuweilen im heftigsten Regen aus ihrem Wagen steigen und unter dem Hohngelächter ihrer Peiniger geduldig unter freiem Himmel abwarten, bis es jenen gefiel, die Visitation langsam zu vollenden. Sogar in ihren Landhäusern blieben die Danziger den Mißhandlungen der fremden Zöllner ausgesetzt. Haussuchungen nach Kontrebande, denen niemand bei schwerer Strafe sich widersetzen durfte, fielen täglich vor, und Kaffeeriecher spürten frischgebranntem Kaffee nach, der innerhalb der preußischen Grenze nicht anders als schon gebrannt verkauft werden durfte.“

Da das Pfund Kaffee, das in Hamburg 4 bis 5 Groschen kostete, in Berlin nicht unter einem Taler zu haben war, so entwickelte sich ein eifriger Schmuggel, der das Behagen der Zustände nicht gerade mehrte und es begreiflich macht, daß der Tod Friedrichs die Bevölkerung wie von einem Banne erlöste und Friedrich Wilhelm II., der die Regie sogleich aufhob, den Namen des „Vielgeliebten“ eintrug. Friedrich II. hatte die Einkünfte seines Landes von 7% auf 24 Millionen erhöht. Die Verteilung der Steuern war recht ungleich und durchaus zum Vorteil der Großgrundbesitzer angelegt. 1806 zahlten in der Kurmark die Städte 2% Millionen Tlr., die Bauern 644000 Tlr., sämtliche Rittergutsbesitzer aber zusammen nur 21000 Tlr. Staatssteuer. Man nahm an, daß die Untertanen des großen Königs im Durchschnitt pro Kopf etwa 4 Tlr. im Jahr an direkten Steuern zu zahlen hatten.

Friedrich Wilhelm II. legte in das System seiner beiden Vorfahren Bresche. Die Integrität der Beamten wurde durch die Günstlingswirtschaft angetastet. „Die Gunst Wöllners und der Gräfin Lichtenau verzweigte sich weit,“ berichtet Graf Hans von Schlitz, „besonders bei der letzteren, wo nicht allein ihre entfernten Vettern und Muhmen, sondern auch die Kammerjungfern in ihrem Dienste und die Vettern und Muhmen dieser sämtlich Gönnerrollen übernahmen.“ Ebenso wurde mit der lästigen Sparsamkeit gebrochen, die Hofstaatskasse beanspruchte im Jahr .580000 Tlr., die außerordentliche Gutmütigkeit des Königs wurde von Günstlingen und Mätressen arg genug gemißbraucht, so daß nicht nur der von Friedrich d. Gr. angesammelte Schatz vergeudet, sondern noch Schulden dazu gemacht wurden, die sich beim Tode des Monarchen luf 49 Millionen beliefen.

Um sich ein Bild von der allgemeinen Lage zu machen und von den Verhältnissen, unter denen der einzelne lebte, tut man vielleicht gut, sich vor Augen zu führen, wie groß die Summen waren, die zur Lebenshaltung zur Verfügung standen.

Wir geben nachstehend als Stichprobe einige Zahlen, wie sie sich in den zeitgenössischen Berichten finden. Am glänzendsten stand der hohe Adel da, und unter diesem befand sich die österreichische Aristokratie an der Spitze. Die Reihe führte der Fürst Liechtenstein, der im Jahre gegen 900000fl. zu verzehren hatte; vom Fürsten Hans Adam von Liechtenstein glaubte das Volk, er müsse Gold machen können, von so fürstlichem Zuschnitt war der Lebenswandel, den er führte. Dann folgten die Esterhazy mit 600000 fl., die Schwarzenberg mit 400000 fl. jährlich und in weitem Abstand von diesen feudalen Grandseigneurs erst die hohen Staatsund Hofbeamten. Prinz Eugen bezog durch seine Ämter ein Jahreseinkommen von 300000 fl., der Obersthofmeister des Kaisers hatte 68000fl., der Minister Graf Chotek 42000 fl. Gehalt. Da blieben selbst die reichsten Herren im Reich weit zurück, schätzte man doch die am besten Situierten, welche im Kurfürstentum Mainz die fettesten Sinekuren inne hatten, die Grafen Bassehheim, Schönborn, Stadion, Ingelheim, Elz, Walderdorff u. a. auf Einnahmen, die sich im Jahre zwischen 30000 und 100000 fl. bewegten. Die erste Regierungshandlung Friedrich Wilhelms I. war gewesen, die großen Gehälter, die sein Vater gezahlt hatte, ganz gewaltig zu beschneiden. Der General Herzog von Holstein mußte sich gefallen lassen, daß sein Gehalt von 8400 auf 3600 Tlr. herabgesetzt wurde. Herr von Printzen bekam statt 1700 Tlr. nur noch 400, Hofräte mußten sich mit 300Tlr. begnügen, wenn sie bis dahin 480 empfangen hatten usw. Seinen Ministern gab Friedrich Wilhelm I. ein Gehalt, das zwischen 2000 und 8000 Tlr. schwankte; sein Sohn hat es nicht erhöht, denn Riesbeck, der 1780 einen preußischen Minister auf 15 000 fl. im Jahre schätzt, fügt hinzu: „ein Wiener Hofrat hat mehr.“ Das Gehalt preußischer Räte, die im Generaldirektorium angestellt waren, belief sich auf 600 bis 1700 Tlr., Kammergerichtsräte erhielten 200 bis 980 Tlr. In Württemberg bezogen die Geheimräte unter Karl Eugen, wenn sie adlig waren, 3500 fl. im Jahr, hatten sie das Unglück, bürgerlich geboren zu sein, 1000 fl. weniger; adlige Räte bekamen 1000 fl., bürgerliche nur 750 fl. Als Herder aus Bückeburg nach Weimar berufen wurde, haben ihn seine Amtsbrüder beneidet, denn man schätzte sein Einkommen auf 2000 Tlr., während es in Wirklichkeit nur 1200 Tlr. betrug. Es war immer noch höher als das anderer Länder; die Prediger in Berlin hatten Gehälter von 300 bis 800 Tlr., die in kleineren preußischen Städten solche von 120 bis 300Tlr. Am schlechtesten waren damals die lutherischen Pfarrer in der Kurpfalz daran, ihre Besoldung betrug höchstens 40, 80 bis 100 fl. „Sie müssen von dem leben“, schreibt Lauckhardt, selbst ein pfälzischer Pfarrerssohn, „was ihnen die Pfarr-kinder aus Gnade und Barmherzigkeit geben wollen.“ Daher zogen sie, wie Bahrdt behauptete, im Sommer in der Schweiz und Holland herum und suchten ihren beschränkten Mitteln durch Kollekten aufzuhelfen. In Württemberg erhielt ein Pfarrer 260 fl. Gehalt, in Stuttgart 390 fl., ebensoviel wie die Lehrer. Der berühmte Christian Wolff wurde 1706 in Halle als Professor angestellt mit einem jährlichen Gehalt von 200 Tlr., als er 1715 um 100 Tlr. aufgebessert wurde, fanden die Zeitgenossen das sehr ansehnlich. Als er von Halle nach Marburg ging, empfing er dort 500 Tlr. bar und außerdem noch Naturalien, deren Wert er ebenso hoch anschlug. Eine Professur in Wittenberg trug um diese Zeit 500 Tlr. Karl Friedr. Bahrdt wurde 1768 in Erfurt Professor mit einem Gehalt von 300 Tlr., er fand den Ort aber sehr wohlfeil und konnte sich und seine Familie mit 400 Tlr. anständig erhalten. Bedeutend billiger fand er das Leben in Gießen, wo er 300 fl. bar und eine bcträchtliche Naturalbesoldung erhielt. Dies Gehalt bedeutete für Gießen mehr als 1000 Tlr. in Halle, denn von 900 fl. lebte er mit Frau, 3 Kindern, Köchin, Kindermädchen, Kutscher und 2 Pferden und behielt noch 50 fl. übrig. Die Versorgung mit Naturalien spielte überhaupt eine große Rolle; Semler, der in Altdorf Professor war, fand, es sei nicht möglich, die häufigen Geschenke an Viktualien, Fleisch, Gemüse, Butter, Eiern und Bier selbst zu verzehren, die meisten Professorenfrauen trieben mit ihrem Überfluß Handel. Bei manchen Stellen kam das Geld überhaupt kaum in Betracht. Schlözers Großvater, der emeritierte Pfarrer Haigold, bezog bar 5 fl. im Jahr, den Rest in Naturalien. Anton Friedrich Büsching war in den fünfziger Jahren mit einem Gehalt von 200 Tlrn. als Professor nach Göttingen berufen worden, er stand sich mit allen Nebeneinnahmen auf 300Tlr. Pütter kam 1746 als Extraordinarius nach Göttingen mit 250 Tlrn., 1757 stand er sich auf 800 Tlr., 1774 hatte er tOOOTlr. erreicht und es 1787 auf 1200 Tlr. gebracht. Die Professur von Joh. Peter Frank in Göttingen trug in den achtziger Jahren 800 Tlr., zu gleicher Zeit, als Jung-Stilling in Marburg 1200 Tlr. gezahlt wurden. Joh. Jakob Moser bezog als Landschaftskonsulent in Stuttgart 1500 fl. im Jahr. Die Bemerkung Friedrichs 11., als es sich darum handelte, Winckelmann nach Berlin zu berufen: „für einen Deutschen sind 1000 Taler genug,“ verliert angesichts dieser Zahlen durchaus den Charakter des Wegwerfenden, den der berühmte Schriftsteller darin finden wollte. Steigen wir auf der sozialen Leiter noch weiter abwärts, so finden wir in den freien Berufen, z. B. in der Literatur, Einnahmen von SOOTlrn. jährlich, wie sie Schlözer sich 1786 in Göttingen erschrieb. Seume, der als Leipziger Student mit 5 Tlrn. im A\onat hatte auskommen müssen, war am Ausgang des Jahrhunderts als Korrektor des Verlagsbuchhändlers Göschen in Grimma mit 300 bis 400 Tlr. angestellt. Ein bayrischer Gymnasialprofessor stand sich zu Karl Theodors Zeit auf 200 fl. im Jahr und freie Kost. Lessing schrieb 1768 aus Hamburg an Friedrich Nikolai: „hier kann ich des Jahres nicht für 800 Tlr. leben/‘ und immer tiefer herab stellt es sich heraus, daß es Leute genug gab, die mit weniger auskommen mußten. Joh. Phil. Münch bekam als Kommis in Regensburg auf der Wende vom 17. zum 18. Jahrh. 150 Tlr. im Jahr und freie Station, was er sehr hoch fand. Der Tagelohn des Handarbeiters im nördlichen Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. schwankte zwischen 234 und 534 Groschen, er betrug 1763 in Leipzig 5 Neugroschen. Maurer- und Zimmergesellen erhielten in Meißen 7)4 Neugroschen, in Kurhessen 11 Neugroschen, in Leipzig 1766 10 Neugroschen. Ein Fabrikarbeiter in Berlin konnte in den achtziger Jahren 5 bis 5 Vs Tlr. in der Woche verdienen, ein Leineweber in einer Mittelstadt in guten Zeiten etwa 1 bis 134 Tlr. wöchentlich, während sich Kattunweber 1756 wöchentlich auf etwa 234 Tlr. standen. 1785 verdiente ein Wollspinner in Breslau, wenn er noch rüstig war, 2 bis 3 Neugroschen am Tage, ältere brachten es nicht über 34 Groschen täglich, ganz alte nur auf 2 Groschen in der Woche. In Bayern erhielten im letzten Drittel des Jahrhunderts bäuerliche Dienstboten, außer freier Station, ein Oberknecht 38 bis 43 fl. jährlich, ein Unterknecht 25 bis 33 fl., ein Stalljunge 25 bis 29 fl., eine Oberdirne 21 bis 36 fl., eine Stalldirne 14 bis 16 fl., ein Tagelöhner 38 bis 40fl. ln Württemberg betrug der Tagelohn 1784 für einen Mann 10, für ein Weib 6 Kreuzer, ln der Industrie verdiente der Arbeiter etwa 20 bis 24 Kreuzer, ein Werkmeister einen Gulden täglich. In Nord- und Mitteldeutschland zahlte man Dienstboten: einer Köchin 10Tlr., einem Kutscher ebensoviel, einer Jungfer 8 Tlr., einer Hausmagd 6 Tlr., in Württemberg gab man einem Knecht 18 bis 20 fl., einer Magd 8 bis 10 fl., versteht sich immer jährlich, bei freier Station. 1776 schrieb Lessing an Eva König aus Wolfen-büttel: „Eine Köchin verlangt 30Tlr. Einem Mädchen pflegt man hier 10 bis 12 Tlr. und 4 bis 5 Tlr. Biergekl, auch wenn sie sich gut aufführt, einen Heiligen Christ zu geben.“

Alle diese Summen gewinnen ihre volle Bedeutung erst im Vergleich z. B. zu den Preisen der Mieten. In Halle konnte man 1729 ein mittleres Haus für 150 bis 800 Tlr. erwerben, in der besten Lage der Stadt kostete ein großes Haus nicht über 800 Tlr. 1722 wurde im Intelligenzblatt der Stadt Frankfurt a. M. ein Haus am Römer gelegen, mit 9 Stuben, 5 Kammern, Keller, Stallung und 2 Höfen für 12000 fl. ausgeschrieben; das große Wittledersche Haus in Stuttgart mit Garten in guter Lage war 1770 um 7500 fl. zu haben und fand lange keinen Käufer. In Erfurt konnte Bahrdt 1768 ein Haus von 7 Stuben mit Garten für 50Tlr. im Jahr mieten; Edelmann, der in Hachenburg für ein ganzes Haus 22 Tlr. Miete im Jahr gegeben hatte, mußte in Neuwied 10 Tlr. jährlich für Stube und Kammer geben und für die Aufwartung noch 6 Tlr. zulegen.

Frankfurt a. M. und Hamburg scheinen es im 18. Jahrh. sogar den Residenzen vorausgetan zu haben. In Dresden fand Riesbeck wenig Reichtum, „die vornehmsten Häuser haben nur zwischen 10 und 15 000 fl.“, in Berlin kennt er nicht mehr als 3 Häuser, die 20000 fl. jährliche Einnahme zu verzehren haben, in Hamburg dagegen gehören Häuser, die 20 bis 30000 Franks ausgeben, zu den mittelmäßigen, während viele sind, die 40 bis 60000 vertun. „Es gibt viele Leute,“ schreibt dieser Reisende, „die 2, 3, 4mal bankerott waren und immer wieder in die Höhe kamen; mit der nämlichen Leichtigkeit, mit der der Hamburger fällt, arbeitet er sich auch wieder empor.“ Am meisten imponierte ihm Frankfurt a. M. mit seinen 30 Millionären. Riesbeck rechnet, daß es in Goethes Vaterstadt 200 Häuser gab, die lOOOOOfl. und mehr im Jahr ausgaben. Um einen solideren Weg zum Wohlstand zu bahnen, als es die Lotterie mit ihren zweifelhaften Chancen tun konnte, wurden schon hie und da Sparkassen gegründet, die erste 1787 in Oldenburg. Sie verzinste die gemachten Einlagen mit.334%, der einzelne konnte nicht unter 13 Groschen und nicht über 25 Tlr. im Jahre einlegen. Den gesamten Geldvorrat Deutschlands schlug Randei Bruun 1805 auf 500 Millionen Tlr. an, eine Schätzung, die bei dem Mangel positiver statistischer Unterlagen ziemlich in der Luft schwebt. Es befand sich nicht nur die Statistik erst noch in ihren Anfängen, man entzog ihr außerdem geflissentlich das Material, das sie zu ihren Aufstellungen und Berechnungen gebraucht hätte, denn da die Fürsten so gut wie ausnahmslos weit mehr verbrauchten als sie ein-nahmen, fanden sie es im Interesse ihres Kredits durchaus nicht wünschenswert, Fremden oder gar der Allgemeinheit einen Einblick in die Verhältnisse ihrer Kasse zu gewähren.

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Siehe auch:
Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation

Deutschland im 18. Jahrhundert