I. Abschnitt, II. Abschnitt, III. Abschnitt, IV. Abschnitt, V. Abschnitt, VI. Abschnitt, VII. Abschnitt, VIII. Abschnitt, IX. Abschnitt, X. Abschnitt.

Seit der Begründung des neuen Deutschen Reiches hat kein politisches Ereignis innerhalb und ausserhalb der Grenzen unseres Vaterlandes solches Aufsehen erregt als die Erwerbung deutscher Kolonien. Was die einen lange wünschten und erstrebten, die andern zaudernd und vorsichtig erwogen und die dritten entschieden bekämpften, das war durch die Besitznahme Angra Pequenas endlich zur Thatsache geworden, und rasch folgten dem eisten kühnen Schritte die Flaggenhissungen in Togo und Kamerun, in Deutsch-Ostafrika und in der Südsee. Es war auch höchste Zeit, dass Deutschland Zugriff. Denn allerwärts waren die Kolonialmächte thätig, die Welt unter sich zu verteilen; und es gab nicht mehr viele Gebiete, die sogenanntes No Man’s Land oder herrenloses Land zur Besitzergreifung darboten.

Schon oft ist die Frage aufgeworfen worden, warum gerade die Deutschen, die seit alters als tüchtige Kolonisten bekannt sind, erst so spät dem Beispiel ihrer europäischen Nachbarn folgten und in die Reihe der Kolonialstaatcn eintraten. Die Antwort auf diese Frage giebt die politische Vergangenheit unseres zersplitterten und ohnmächtigen Vaterlandes, die eine selbständige überseeische Politik unmöglich machte und uns in auswärtigen Angelegenheiten zu einem willenlosen Spielball der europäischen Seemächte herabwürdigte. Ein 1848 erschienenes Spottgedicht, das in nicht misszuverstehender Weise das Ansehen geisselt, das Deutschland damals genoss, lautet folgendermassen:

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Förderung des Handels und Hebung des Volkswohlstandes, Stärkung und Verbreitung der eigenen Nationalität sind die mächtigen Triebfedern überseeischer Politik, und nicht Abenteuerlust oder Ländergier, sondern wirtschaftliche Ursachen sind es gewesen, die zur Entstehung der deutschen Kolonialbewegung und der kolonialen Unternehmungen aller Völker überhaupt Anlass gegeben haben. Die heimische Bevölkerung ist so gewaltig gewachsen, dass unsere Landwirtschaft nur noch Dreiviertel dieser Volksmenge zu ernähren vermag. Daher gewinnt die Auswanderungsfrage immer mehr an Bedeutung, weil den Auswanderern neue Ziele eröffnet und sie zugleich den Interessen des Vaterlandes erhalten werden sollen. Dann erheischte die wirtschaftliche Notlage dringend Abhilfe. Der Absatz der massenhaft hergestellten Fabrikate wurde immer schwieriger, und es galt nicht bloss, den deutschen Kaufmann vor fremden Übergriffen zu schützen, sondern man musste im Wettbewerb mit den ebenfalls unter wirtschaftlicher Übererzeugung leidenden Nachbarstaaten der heimischen Industrie zugleich die alten Märkte sichern und ihr neue Absatzgebiete aufschliessen. Endlich war es ein naheliegender Gedanke, die vielen Millionen, die wir alljährlich für Kaffee, Tabak, Baumwolle und andere Kolonialwaren ausgeben, uns selbst zu erhalten und uns dadurch vom Ausland unabhängig zu machen.

Read More Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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Als der Friede von Schimonoseki 1895 den Krieg zwischen China und Japan beendet hatte, zögerten die am ostasiatischen Handel beteiligten Mächte nicht, ihre Interessen nachdrücklichst zu wahren und sich wichtige Vorteile für die Unterstützung zu sichern, die sie dem geschlagenen Riesenreiche bei den Friedensverhandlungen hatten angedeihen lassen. Es ward immer deutlicher, dass sich der wirtschaftliche und industrielle Fortschritt Chinas nicht mehr aufhalten liess. Das ungeheure Land war für die Erschliessung durch europäisches Kapital reif geworden und versprach, einer der zukunftsreichsten Weltmärkte zu werden, nachdem sich seine riesige, arbeitsame Bevölkerung solange gegen das Ausland ablehnend verhalten hatte. Sehr fraglich ist es, ob Chinas Teilnahme am Welthandel dereinst zum Heile Europas sein wird und ob wir uns späterhin der chinesischen Nebenbuhlerschaft werden erwehren können. Nachdem aber der mehr oder minder gewaltsame Eröflfnungsprozess einmal eingeleitet ist, gilt es, möglichst viel von dem zunächst zu erwartenden Gewinn einzuheimsen. Zu diesem Zwecke und um gleichzeitig die politische Entwickelung im fernen Osten besser zu überschauen, beeilten sich Russland, England und Frankreich, den massgebenden Einfluss, den sie bereits auf jenem verheissungsvollen Schauplatze des wirtschaftlichen Wettbewerbs ausübten, noch mehr zu festigen. Nur Deutschland unterliess es, sich eine starke Stellung zu schaffen, obgleich sie eine unabweisbare Notwendigkeit war. Das zeigte nicht bloss der eben zu Ende gegangene Krieg, sondern nicht minder drängte darauf hin der deutsch-chinesische Handel, der in den letzten Jahrzehnten sich verdreifacht hatte und heute unmittelbar, wenn auch in weitem Abstande, hinter dem englischen folgt. Musste doch die erst 1886 eingerichtete Reichspostdampferlinie sehr bald die Zahl ihrer Schiffe verdoppeln und statt des vierwöchigen den 14-tägigen Betrieb einfuhren!

Allerdings erhielten wir beim Friedensschluss zwei sogenannte Kronkonzessionen d. h. zwei Gebiete, die, obwohl chinesisches Eigentum, uns zu alleiniger Benutzung überlassen wurden. Das eine Konzessionsgebiet befindet sich in Tientsin, dem Vorhafen der Reichshauptstadt Peking, das andere liegt in Hankou am Jangtsestrom. Letzteres ist von besonderer Bedeutung, weil die wichtige Zweimillionenstadt, die trotz ihrer weiten Entfernung von der Küste (600 km) von den grössten Dampfern erreicht werden kann, den Hauptstapelplatz für den Theehandel und die Einfuhr in die chinesischen Mittelprovinzen darstellt. Einmal besassen jedoch die andern Staaten längst diese Vergünstigung, und dann bot ein solcher Besitz weder einen geeigneten Stützpunkt, noch einen zweckentsprechenden Beobachtungsposten dar, so dass Deutschland nach wie vor eine nur durch Verträge in China zugelassene Macht blieb. Ein Volk aber, das in dem Masse auf den Weltmarkt hingewiesen ist wie das deutsche und das in Ostasien schwerwiegende Interessen zu verteidigen hat, musste schliesslich daran denken, ebenfalls ein wenn auch noch so kleines Küstengebiet als unbeschränktes, unter seinem Hoheitsrecht stehendes Eigentum zu erwerben. Wollten wir in China und Japan wirtschaftlich und politisch nicht an zweiter Stelle stehen, so mussten wir eine Heimstätte besitzen, damit die deutsche Arbeit und Intelligenz dem eigenen Vaterlande Nutzen bringen und nicht mehr wie früher Fremden zu gute kommen sollte. Ferner machte die zunehmende Ausdehnung unseres Handels seit Jahren die dauernde Anwesenheit eines schützenden Kriegsgeschwaders in den ostasiatischen Gewässern notwendig. Die Kriegsschiffe brauchen aber ebenso wie die Handelsschiffe einen Zufluchtsort, in dem sie ausgerüstet und ausgebessert werden, Kohlen und Lebensmittel einnehmen oder Unterschlupf und Ersatz finden und dadurch ihre Schlagfertigkeit verdoppeln können, ohne von dem guten und manchmal auch weniger guten Willen neidischer Nachbarn abhängig zu sein.

Read More Die Kiautschou-Bucht

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Die unter der Gesamtbezeichnung Mikronesien zusammengefassten Karolinen-, Marshall- und Gilbertinseln bilden ihrer Naturbeschaffenheit und ihren Bewohnern nach ein Ganzes. Die erstgenannte Gruppe ist Eigentum der Spanier, die letzte gehört den Engländern, und die mittlere, die 1788 von dem britischen Kapitän Marshall entdeckt wurde und in unserm Dichter Adalbert v. Chamisso einen begeisterten Schilderer fand, ist deutscher Besitz. Wohl nimmt der Meeresraum, der den Archipel zwischen 4 und 15° N, 161 und 174° O begrenzt, 350000 qkm Fläche ein, aber in der das Königreich Preussen an Grösse übertreffenden Wasserwüste ist ein verschwindend kleines Inselgebiet zerstreut, das mit 410 qkm oder, einschliesslich der Brown- und Providenceinseln, mit 450 qkm Flächeninhalt kaum dem Umfange des Freistaates Hamburg gleichkommt. Aus allen diesen Gründen sind die Marshall-Inseln unser kleinstes und wirtschaftlich unser unbedeutendstes Schutzgebiet, das von jeher das Stiefkind unseres Interesses war, weil es, weit abgelegen vom Strome des Weltverkehrs, wegen seiner Entfernung1), seiner beschränkten räumlichen Ausdehnung und seiner geringen Bevölkerungszahl im Welthandel keine Rolle spielt.

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