Die Ausschließungspolitik der Spanier und Portugiesen gegenüber den Völkern Europas hat Südamerika lange Zeit hindurch zu wirtschaftlichem Stillstand verdammt, sodaß die ganze Betätigung europäischer Kolonisations- und Handelsunternehmungen hauptsächlich Nordamerika zugute kam. Ungeheure Kapitalien wanderten dorthin, da Europa keine Ahnung hatte von den ungeheuer günstigen Aussichten, die Südamerika ihm bot. Nordamerika ist zwar an Ausdehnung etwas größer als der südamerikanische Kontinent, aber es bietet bei weitem nicht die anbaufähigen Strecken, die Südamerika für den Ackerbauer und Pflanzer heute noch bereit hält, denn man darf nicht vergessen, daß der allergrößte Teil von Canada außerhalb der Zone der Landwirtschaft liegt und ein großer Teil der Vereinigten Staaten aus unergiebigem Felsgebiet und öder Wüstenei besteht. Südamerika dagegen bietet den Europäern und ihrem Nachwuchs ein Arbeitsfeld, wie es sonst auf unserem Planeten nicht mehr zu finden ist. Zwar wirft man so gern ein, daß die eigentlichen Tropenstriche für den Europäer zwar ein Paradies, aber ein verbotenes sein werde, aber selbst diesen Fall zugegeben, so bieten doch die weiten subtropischen Brachländer Südamerikas Ackerflächen, die an Raum, Bewässerung und Ergiebigkeit Nordafrika und Westasien, für das zu Zeiten so heftig geworben wird, bei weitem übertreffen. Die Betätigung europäischer Intelligenz und Kapital in der nordamerikanischen Union hat dort einen Wettbewerb gezeitigt, der nicht nur uns, sondern allen Nationen unseres Kontinents eine drohende Gefahr geworden ist, und bei der ausgesprochenen Neigung der Yankees zum Schutzzollsystem kann diese Wetterwolke unserer Industrie schwere Schläge versetzen. Man hat daher kurzsichtigerweise auch die hohen Schutzzölle, welche die südamerikanischen Republiken eingeführt haben, als eine direkt europafeindliche Demonstration aufgefaßt und sich so gescheut, mit Kapital in die südamerikanischen Länder zu gehen. Aber man darf nicht übersehen, daß dieses Zollsystem die einzige Möglichkeit für die Regierungen Südamerikas bildet, bare Einnahmen zu erzielen, da von einer allgemeinen direkten Besteuerung der Bevölkerung bisher aus bekannten Gründen kaum die Rede sein kann. Als industrielle Konkurrenten wie Nordamerika sind aber die Völker von Punta Arenas bis Panama nicht zu betrachten, denn die Industrie Südamerikas zeigt heute noch nur die dürftigsten Ansätze. Auf lange Zeit wird der Handelsverkehr Südamerikas nur einen Austausch von Boden- und Ackerbauprodukten gegen Industrieerzeugnisse bilden, mit anderen Worten: Südamerika wird für Europas Industrie ein sicherer Abnehmer fertiger Erzeugnisse und ein zuverlässiger Lieferant von notwendigen Rohprodukten sein. Ein solches Zusammentreffen erfüllt aber die höchsten Wünsche, welche ein industrielles Exportland an sein Verbrauchsgebiet stellen darf.

Ein solches Ausfuhrland ist aber Deutschland, und daher wäre es geradezu töricht, wenn wir nicht versuchen wollten, uns das südamerikanische Absatzgebiet nach Kräften zu sichern. Bisher ist das durchaus nicht in erwünschtem Maße geschehen: Der deutsche Warenumsatz nach Nordamerika beträgt heute noch das Doppelte im Vergleich zu unserem südamerikanischen Export. Aber das dürfte sich sehr bald ändern. Die Union ist mit Kapital gesättigt und beginnt bereits ihre Schulden abzuzahlen, während Südamerika noch auf lange Zeit hinaus mit der Zufuhr europäischen Kapitals rechnen muß.

Bei diesen Kapitalsanlagen ist Deutschland bisher noch sehr zaghaft gewesen. Man malt in deutschen Kreisen noch immer das Mene tekel des argentinischen Staatsbankerotts an die Wand und spielt so das gebrannte Kind. Es ist ja wahr, daß die Krisis, welche Argentinien 1891 durchzumachen hatte, sehr schwer war; auch das alte Londoner Bankhaus Baring Brothers brach damals zusammen an den Folgen des Staatsbankerotts. Aber diese Tatsache ist von englischen und französischen Börsenjoumalen immer wieder zu einem Schreckgespenst für den deutschen Michel gemacht worden, der nun ängstlich seine Groschen im Sack hielt, während Frankreich und England in aller Stille neue Kapitalien in Südamerika reiche Zinsen tragen ließen. So übertreffen die englischen Kapitalwerte in Brasilien heute alle übrigen, denn mit Beginn der Eisenbahnbauten dort war England der Geldgeber und ist so der Hauptgläubiger Brasiliens geblieben. Auch in Argentinien, Uruguay» Peru, Ecuador und Bolivien überwiegt englisches Kapital. Frankreich steht zumeist an zweiter Stelle. So gibt das „Journal officiel“ vom 25. September 1902 für die Kapitalwerte Frankreichs in Brasilien 696 Millionen Francs an, doch sind darunter mindestens 500 Millionen brasilische Staatsfonds. An der eigentlichen Erschließung des Landes ist Frankreich weit wenigef beteiligt. Alle 287 französischen Handelshäuser (180 in Rio, 35 in Bahia, 72 in S. Paulo) arbeiten mit einem Werte von 86 Millionen Francs, während die deutschen Kaufleute in Brasilien mindestens mit der doppelten Summe zu rechnen gewohnt sind. Dagegen haben uns die Franzosen in dem bei uns so verschrieenen Argentinien den Rang abgelaufen. Sie haben die wohltätigen Folgen des Staatskrachs, die Hebung der Weizen-, Leinsaat- und Wollproduktion Argentiniens und die damit verbundene größere Kaufkraft und Kapitalsicherheit im Lande rechtzeitig ausgenutzt. Der Wert französischen Grundbesitzes in Argentinien beträgt heute 336 Millionen Francs; 100 Millionen stecken zudem in Eisenbahnen, 53 Millionen in Banken und Fabriken. Auch in Uruguay überwiegen die französischen Kapitalinteressen, dagegen stehen sie in Chile bei weitem gegen die deutschen zurück.

Dem deutschen Kapital bleiben also noch bedeutende Ziele zu erreichen, es fragt sich nur, wo seine Anlagen am verheißungsvollsten sein werden. Nicht zu unterschätzen ist Argentinien, und allein in den letzten 8 Jahren hat erfreulicherweise das deutsche Kapital sich mit etwa 25 Millionen Mark in Buenos Aires festgelegt. In der Provinz Cordoba, in Santa Fe, Bahia Bianca, bei Puerto Gailegos sind Ländereien und Viehbestände deutschen Besitzes im Werte von über 13 Millionen vorhanden, und man rechnet in deutschen Kreisen am La Plata bestimmt mit einem weiteren Wachsen deutscher Interessen im Lande. Die Entsendung der argentinischen Vertreter) zum deutschen Kolonialkongreß 1902 war ein bedeutsames Zeichen dafür. Doch hat diese Betätigung deutschen Kapitals lange nicht den sichern Boden, den er z. B. in Brasilien durch die große Zahl der dort ansässigen Kolonisten findet. In Argentinien kann sich die Zahl der deutschen Siedler lange nicht messen mit der der Italiener, von denen allein in den letzten 20 Jahren über eine Million ins Land kam. Aber bei der sicheren Entwicklung Argentiniens zu einem der ersten Getreideländer der Erde wird es nicht aus-bleiben, daß der Anteil Deutschlands an dieser Produktion ein größerer wird als bisher. Uruguay wird auf absehbare Zeit eine französische Dependenz bleiben. Zwar der deutsche Handel in Montevideo mit einem Wert von etwa 40 Millionen Mark übertifft den französischen mit etwa 20 Millionen Francs sehr; aber dafür besitzen die 40000 Franzosen Uruguays etwa 110 Millionen Francs Grundwerte, Frankreich selbst hat 48 Millionen Francs Uruguay scher Staatsrente in Händen, 8 Millionen in Banken, 14 Millionen in Industrieuntemehmungen und 70 Millionen in den Hafenanlagen von Montevideo angelegt. Demgegenüber sind auf deutscher Seite neben dem unbekannten Effektenbesitz in Deutschland, der aber nicht groß sein dürfte, nur 15 Millionen Mark Land, 10 Millionen in industriellen Unternehmungen untergebracht und 20 Millionen Mark ausgeliehen.

Paraguay hat für uns gegenwärtig eine geringe Bedeutung, eine sehr große dagegen Chile. Allein in Santiago repräsentieren die deutschen und chilenisch-deutschen Häuser einen Wert von 120 xMillionen Mark, dazu kommt ein Warenkredit von 100 Millionen. Dazu treten die deutschen Anlagen in Val-divia und Puerto Montt mit 20 Millionen und der Grundbesitz mit etwa 12 Millionen Wert. Gewiß eine stattliche Summe! In den Salpeterwerken ist dagegen das deutsche Kapital zurückgegangen zugunsten Englands, während gerade Deutschland doch der beste Abnehmer chilenischen Salpeters ist. Hier herrscht also ein bedauerliches Mißverhältnis. Dagegen ist die deutsche Kolonisation in Chile derjenigen in Argentinien weit überlegen, kann sich aber nicht messen mit der in Brasilien und wird nie die Ausdehnung der letzteren erreichen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in Chile überhaupt der anbaufähige Boden, besonders der einer deutschen Siedlung zusagende, verschwindend klein ist gegen die weiten Flächen, die das subtropische Brasilien bietet.

Das Hauptgebiet für die Betätigung deutschen Kapitals und deutscher Arbeit wird demnach in Südamerika Brasilien sein und bleiben und nach den Jahrzehnten der Verständnislosigkeit, gegen welche besonders Dr. Jannasch-Berlin so lange und zähe gekämpft hat, beginnt sich diese Wahrheit allmählich, aber nur ganz allmählich Bahn zu brechen.

Den gegenwärtigen Stand unser Handelsbeziehungen veranschaulicht folgende Tafel:

Der beste Gradmesser für die Stärke des Handelsverkehrs ist die Schiffahrt. An der Westküste Südamerikas haben die englischen Linien ja einen geringen Vorsprung vor den deutschen, lassen aber gegen diese an Bequemlichkeit, Verpflegung und Sauberkeit alles zu wünschen übrig. Der soeben aus Ecuador zurückgekehrte Forscher Prof. Dr. Hans Meyer gibt in seiner Schilderung des Dampfers „Quito“ von der englischen Pacific Steam Navigation Cy. eine geradezu abschreckende Schilderung. An der Ostküste Südamerikas aber stehen die deutschen Linien an erster Stelle. Während die Royal Mail Steam Packet Co., die River Plate Dampfer und die Booth Steamship Co. Ltd. zusammen eine 15malige Verbindung nach Ost-Südamerika, die Messageries maritimes, Chargeurs Reunis und Societe des transports maritimes von Bordeaux, Havre und Marseille noch seltener fahren, die italienische La Veloce, Xavigazione Generale und Italia etwa 8- bis 9 mal Schiffe nach Rio. Santos und Buenos Aires im Monat senden, unterhalten die deutschen Linien eine regelmäßige 19malige Verbindung im Monat nach Brasilien und dem La Plata. Allerdings laufen die Royal Mail Steamer, die Franzosen- und Italienerboote schneller als unsere Frachtdampfer, aber bei dem geringen Personen- und starken Frachtv erkehr mit Südamerika genügt das deutsche System völlig allen Ansprüchen. Die neue „Schleswig“ vom Norddeutschen Lloyd und die „Kap-Dampfer“ Kap Verde, Kap Roca, Kap Frio der Hamburg-Amerika-Linie sind zudem vorzügliche Passagierschiffe nach Einrichtung, Verpflegung und Sicherheit der Fahrt.

Neuerdings ist auch Nordbrasilien stärker von deutschem Handel und Schiffahrt in Angriff genommen worden. Der Grund dafür ist die erhöhte Nachfrage nach Kautschuk auf dem Weltmärkte, und da das brasilianische Amazonasgebiet etwa die Hälfte der Welternte in Kautschuk liefert — in den letzten Jahren führte es allein 30 Millionen kg aus — so sucht sich Deutschland seinen Platz hier zu sichern, zumal im Deutschen Reiche allein ein Drittel der brasilianischen Kautschukemte verbraucht wird. In Manaos und Para ist der deutsche Kautschukhandel mit 10 Millionen Mk. und einem gleichen Warenkredit beteiligt. Scharfe Wettbewerber werden die Nordamerikaner sein, die längst ein Auge auf die Kautschukvvälder des Amazonasgebietes geworfen haben. In Bahia sind etwa 12 Millionen im deutschen Handel tätig, im ganzen dürften rein deutsche Handelshäuser in ganz Brasilien mit etwa 450 Millionen Mk. arbeiten. Nach Nordbrasilien unterhält heute die Hamburg-Amerika-Linie regelmäßige Verbindungen, auch nach Para und Manaos.

Weit wichtiger für unsere Seefahrt ist natürlich Zentralbrasilien, das mit seiner reichen Kaffeeernte die wertvollsten Frachten liefert. Allein 100 Millionen kg Kaffee wirft Brasilien auf den deutschen Markt, deutsche Riohäuser mit einem Kapital von 30 Millionen Mk. sind keine Seltenheit, ebenfalls Santos und S. Paulo bergen gewaltige deutsche Werte.

Parana hat zwar im Vergleich zur polnischen und brasilianischen Bevölkerung nur eine geringe deutsche Kopfzahl, doch ist der Einfuhrhandel des Staates zu drei Vierteln — etwa 10 Millionen Mk. stecken in deutschen Geschäften — deutsch. Auch die Industrie lebt zum großen Teil von deutschem Kapital; so stecken allein 9 Millionen Mk. in deutschen Sägemühlen, die sich sehr gut verzinsen.

Sta. Catharina steht vollkommen unter dem Einfluß deutschen Handels, dabei macht die Kopfzahl der deutschredenden Bevölkerung etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus; etwa 70000 Deutsche sitzen auf den Kolonien, deren Gebiet durch die Hanseatische Kolonisationsgesellschaft ständig erweitert wird. Der Grundbesitz dieser Gesellschaft repräsentiert allein heute — gering auf 650 000 ha veranschlagt — einen Wert von wenigstens 20 Millionen Mk. und kann durch die Erschließung weiterer Ländereien, an denen sie das erste Recht hat, leicht erweitert werden. Verkauft waren bis 1. Januar 1903 17 985 ha, hiervon im Jahre 1902 5 834 ha, der Erlös betrug 640 486 Mk. Die Einnahmen aus Landverkauf im Jahre 1902 betrugen 63 999 Mk, die Außenstände für Land betrugen am 1. Januar 1903 480015 Mk.

Die Ausgaben der Kolonie betrugen im Jahre 1902 166 818 Mk., davon für Transport und Verpflegung von Einwanderern 20387 Mk., für Straßenbauten 60 191 Mk., für sonstige Bauten 2 327 Mk., für Vermessungen 20 504 Mk., Ausgaben für besondere Zwecke (Subventionen für Lehrer und Geistliche, Zahlungen für Krankenpflege und Arzt, Steuern usvv.) 3 481 Mk.

Es wurden im Jahre 1902 945 Auswanderer befördert, darunter 187 Landwirte bezw. landwirtschaftliche Arbeiter, 20 Gärtner, 189 Handwerker und 35 sonstigen Berufen Angehörige. Es waren von den Auswanderern 672 Erwachsene und 273 Kinder; 600 Personen männlichen, 345 weiblichen Geschlechts.

Das Standlager des brasilischen Deutschtums ist heute indes unstreitig Rio Grande do Sul. Zwar bin ich weit davon entfernt das Deutschtum in Santa Catharina, wo Blumenau, Joinville und die Hansakolonie die Brennpunkte der Siedlungsarbeit bilden, zu unterschätzen, besonders da es sich im politischen Leben dieses Staates die ihm gebührende Stellung zu sichern gewußt hat, was in Rio Grande do Sul seit dem Tode von Koseritz’ nicht mehr in so ausgeprägter Weise der Fall ist. Aber das Deutschtum in Rio Grande do Sul ist wirtschaftlich und numerisch in einer weit stärkeren Position als in andren brasilischen Staaten, und da diese wirtschaftliche Tüchtigkeit mit Erhaltung deutscher Art, Sitte und Sprache unbedingt steht und fällt, so nehmen die riograndenser Deutschen auch die ethische Führung unter ihren Stammesgenossen auf brasilischer Erde ein. Es ist daher wohl berechtigt, unsere bisherigen Ausführungen über die Stellung des Deutschtums in Brasilien durch einen Ausblick auf die Wege zu ergänzen, die sich der Entwicklung der deutschen Kolonisation im Staate Rio Grande do Sul bieten.

Für die günstige Entwicklung des riograndenser Deutschtums sprechen verschiedene Umstände von vornherein. Einmal fanden die deutschen Erstlingseinwanderer eine sehr lebhafte Unterstützung durch die kaiserliche Regierung, die Zugänge zu den Tälern der Flüsse, in denen sich die Deutschen festsetzten, waren nicht schwer zu erschließen, eine feindliche Urbevölkerung otand den Ansiedlern nicht im Wege, wohl aber fanden sie für die Produkte des Ackerbaues in Brasilien selbst sehr willige und zahlungsfähige Abnehmer. Im engeren Bezirk des Südens waren es die brasilischen Viehzüchter, welche bei ihrer völligen Abneigung gegen jede Art des Ackerbaus gern Mais, Bohnen und Maniokmehl von deutschen Ansiedlern kauften. Im Norden aber, wo von Pernambuco bis S. Paulo alles nur Tabak, Zucker und Kaffee pflanzte, war die Zufuhr von Lebensmitteln, wie sie die deutsche Kolonisation lieferte, bald zu einer ständigen und geschätzten Marktversorgung geworden. Das wirtschaftliche Gedeihen der Kolonien war daher gerade kein Wunder. Aber in den alten Kolonien beginnt der Raum direkt knapp zu werden, und so wird der Nachwuchs der alten Siedler und die neue Einwanderung neue jungfräuliche Bezirke aufsuchen müssen, um mit geringem Anlagekapital den wirtschaftlichen Hochstand der alten Siedlungen auch hier zu erreichen.

Auf diesem Boden begegnen sich verschiedene Bestrebungen. Einmal ist es die riograndenser Staatsregierung, welche die unterbrochene Arbeit der kaiserlichen Regierung zwar wieder aufgenommen hat, allerdings durchaus nicht in der Absicht, den Deutschen auf den Regierungskolonien das Übergewicht zu sichern. Auf sämtlichen Regierungskolonien ist die Bevölkerung nach Nationalitäten gemischt. Italiener, Polen, Deutsche sind gleicherweise verteilt worden. So hat die Regierung Jaguary im Westen, in den letzten Ausläufern des riograndenser Waldgebietes nach dem Uruguay hin angelegt, so auch Jjuhy, Guarany und Commandahy. Als weiteren Siedlungsbezirk hat die Regierung das Gebiet zwischen den Flüssen Carreiro und Guapore im Nordosten und die südwestlich davon gelegenen, an die deutschen Kolonien anstoßenden Waldgebiete in Aussicht genommen. Hierhin will sie in erster Linie den Nachwuchs der italienischen Bevölkerung der Kolonien Alfredo Chaves, Bento Gonijalves, Santa Jzabel und Caxias leiten. Doch besteht für die Besiedlung dieses großen Gebietes noch ein Projekt privater Natur, das wir weiter unten zu erwähnen haben werden.

Die Erfolge der riograndenser Regierung als Kolonisation -unternehmers sind nicht gerade glänzend zu nennen. Der Zuzug der Einwanderer zu den genannten Siedlungsbezirken ist sehr schwach, er erreicht kaum die Höhe von jährlich 1500 Seelen. Weit wichtiger ist die Tätigkeit der privaten Kolonisationsgesellschaften. Neu-Württemberg, die bereits erwähnte Schöpfung Dr. Hermann Meyers bevölkert sich mit Einwanderern aus Deutschland und Siebenbürgen sowie dem Überschuß der alten deutschen Siedlungen im Staate zusehends, so daß Neu-Württemberg bald besetzt sein dürfte. Gleichzeitig wird Xingu in Angriff genommen, das nach den neuesten Berichten einen der Siedlung durchaus günstigen Boden bietet. Weitere im Besitze des Herrn Dr. Meyer befindliche Landkomplexe am Rio Guarita bieten einer vermehrten Einwanderung gleichfalls einen ausreichenden Siedlungsboden.

Aber auch riograndenser Unternehmer haben ihre Ländereien mit Ansiedler zu besetzen angefangen. Südwestlich von Passo fundo siedelt die Landfirma A. Schmidt & Co. in Cruz Alta. Hier sind Kolonisten aus den alten Siedlungen ansässig geworden.

Toropy im Westen des Staates ist eine Gründung des Feldmessers Viggo Thomsen aus Santa Cruz und rechnet ebenfalls in erster Linie auf den Überschuß der alten Kolonien. Diese haben auch die neuen Bauern für S. Pedro und S. Lucas, in der Nähe von Toropy gelegen, geliefert. Neben ihnen sitzen dort vereinzelte eingewanderte Württemberger.

Mit der Eröffnung der Kleinbahn von Hamburgerberg nach Taquara do Mundo Novo ist dieser alte Siedlungsbezirk, soweit er noch brachliegenden Boden bietet, auch wieder mehr von Kolonisten in Angriff genommen. Auch BarradoRibeiro, S. Paulo bei S. Angelo, die Umgebung der alten Kolonie S. Louren<;o im Süden zeigen eine neue, aber schwache Neukolonisation durch Privatunternehmer.

Die letzte Gründung war Neu-München zwischen Carreiro und Guapore im Nordosten des Staates, etwa 6 km von der äußersten italienischen Pikade — 15 de Novembro oder „Picada geral“ genannt — entfernt. Die Kolonisten dieser jüngsten Siedlung stammten aus München, kamen unter völlig ungeeigneter Führung unangemeldet in Porto Alegre an, und da sie sich weigerten, Landlose auf den Regierungskolonien zu nehmen, mußten sie über Hals und Kopf auf Privatland untergebracht werden, das ziemlich weit entfernt von den andern Wohnplätzen Deutscher lag. Das Land in der Nähe der alten deutschen Siedlungen war zu teuer für die völlig mittellosen Münchener, und so mußten diese froh sein, daß eine Portale-grenser Firma ihnen das Land anwies, das heute den Namen „Neu-München“ trägt. Natürlich waren keinerlei Vorbereitungen zur Aufnahme der Einwanderer getroffen. Eine übermäßig lange Reise zu diesem Neuland, die schlechte Witterung und Mangel an Fuhrwerk verursachten, trug nicht dazu bei, den Mut der Leute zu erhöhen, und so verließ die Mehrzahl der Ankömmlinge die junge Kolonie sehr bald wieder. Die ledigen Männer erfuhren zu bald, daß ohne Frau der Anfang im Urwald zu schwer ist, auch eine Familie zog unter Streitigkeiten ab, es blieben nur drei Familien, denen sich bis heute zwei deutsche und zehn italienische Familien aus älteren Kolonien zugesellt haben. Doch sind die letzteren so ansässig gemacht, daß sie eine deutsche Entwicklung Neu-Münchens nicht stören können. Klima, Land oder Wasserverhältnisse wären keine Hindernisse für die Entwicklung Neu-Münchens, aber bei dem völligen Mangel an Vorbereitungen mußte das Experiment der Münchener notwendig ins Wasser fallen. Ich erwähne diesen Fehlschlag mit Absicht in aller Ausführlichkeit. Es hat nicht an Warnungen von Kennern brasilischer Verhältnisse in Deutschland gefehlt, als die Agitation in München einsetzte und mit einem großen Bierfeste schloß, auf das eine sehr häßliche Ernüchterung in Rio Grande do Sul folgen sollte. Trotz aller in der Presse geschehenen Warnungen sahen sich die Münchener Behörden nicht veranlaßt, die Anpreisungen des Hauptagitators auf ihre Glaubwürdigkeit hin näher zu prüfen, man ließ die hoffnungsfrohen Auswanderer ruhig in die Enttäuschung ziehen. Solche Vorkommnisse können aber der berechtigten Werbung gutfundierter und ihrer Verantwortung sich wohl bewußter Kolonisationsgesellschaften nur schaden, und die Gründung „Neu-München“ ist daher ein neuer Beweis für die Pflicht unserer deutschen Behörden, nicht gleichgültig einer Agitation zuzusehen. Alle guten Unternehmungen zur Förderung der Auswanderung nach Brasilien werden jede, auch die schärfste Prüfung seitens deutscher Behörden gern ertragen und nur als Förderung und Beweis ihrer Zuverlässigkeit ansehen.

Unverdienterweise fand das Unternehmen der Riogran-denser Nordwestbahngesellschaft in Deutschland nicht die erwartete Unterstützung des Kapitals. Der von dieser Gesellschaft geplante Bau einer Eisenbahn von Tupaceretan nach S. Luiz und Nonohay mit einer Zweigstrecke nach Caxias und einer anderen nach S. Borja und Itaquy ist daher aufgegeben. Nicht aber ist die Besiedlung der durch die Gesellschaft vom Staate zu Kolonisationszwecken gekauften Ländereien fallen gelassen. Auf diesem Lande in Größe von 83 000 Hektar bestehen schon heute die Neusiedlungen Boa Vista und Serro Azul, in den Munizipien S. Angelo und S. Luiz Gonzaga gelegen. Die Nordwestbahngesellschaft hat unter erheblichen Geldopfern die Kolonisation dort begonnen, bereits 31 Familien riograndenser Ackerbauer angesiedelt, Vermessungen, Abgrenzung des Stadtplatzes und der Kolonielose, Bau eines Einwandererhauses vollendet, dann aber ihre Ländereien und die Besiedlungsarbeit an den „Riograndenser Bauernverein“ abgetreten, der durch die rastlose Tätigkeit deutscher Jesuiten zu hoher Blüte gebracht ist. Der Riograndenser Bauernverein beabsichtigt nun, die Ländereien um Boa Vista und Serro Azul mit dem Überschuß der alten deutschen Kolonien zu bevölkern. Damit würde zugleich ein Lieblingsgedanke einzelner Jesuiten verwirklicht: den Boden der alten Jesuitenreduktionen zu neuer Blüte zu bringen und aus den Ruinen der alten Missionen neues Leben sprießen zu lassen. Diese Kulturarbeit auf altem historischen Boden hat gewiß einen mächtigen Reiz, und für den Orden, der in den Trümmern der Einsamkeit die trauernden und doch erhebenden Zeugen eines großen Werkes der Vorfahren sehen muß, eine besonders starke Anregung zu erneuter Betätigung.

Das Gedeihen der gesamten Siedlungsarbeit wird aber wesentlich von der Anlage neuer Verkehrswege abhängen. Die bisherigen Kolonisationsbezirke sind einzeln zu klein, um Bahnprojekte zu rechtfertigen. Das in Frage kommende Flußnetz bietet der Schiffahrt aber oft unüberwindliche Hindernisse, sodaß besonders die neuen Kolonien im Nordwesten des Staates einstweilen auf den Absatz in der Nachbarschaft angewiesen sind, auf die Kampstädte und deren ackerbaulose Bezirke. Wenn aber die Produktion der wachsenden Kolonien den Bedarf dieser Umgebung übersteigt, so wird die Frage nach neuen Absatzgebieten eine sehr brennende werden. Ob es möglich sein wird, die Produktion der Kolonien nach dem La Plata zu lenken, ist vorläufig eine Streitfrage, in der Für und Wider noch ungeklärt einander entgegenstehen. Man nimmt allerdings in portale-grenser Kreisen an, daß die besiedelten Missionsgebiete einst Anschluß gewinnen werden an die Kolonisation, die vom Campo do Me io her über Nonohay Vordringen wird. Dann wäre der Anschluß an den Osten durch die der Siedlung sicherlich folgenden und rentablen Bahnen für den Nordwesten gesichert. Gegen die Auffassung, die La Plata-Gebiete als Abnehmer der riograndenser Kolonien ins Auge fassen zu dürfen, tritt Porto Alegre natürlich stets scharf auf, da eine Verlegung des kommerziellen Schwerpunktes vom Osten nach dem Westen von den schwersten Schädigungen der Hauptstadt und ihres Handels begleitet sein würde. Doch das sind Dinge, die erst nach Jahrzehnten zur Entscheidung reif sein werden, die heutige Generation, die den Boden des alten Missionsgebietes in Angriff nimmt, leistet nur Pionierdienste der deutschen Kolonisation, deren noch weite Gebiete sehnsüchtig harren. Das sind zunächst die großen Waldgebiete am Uruguay, dann aber bietet das Grenzgebiet der alten deutschen Kolonien noch einen Raum, der mindestens 25000 Siedler aufnehmen kann. Zur Nutzbarmachung dieser Ländereien soll eine Gesellschaft gebildet werden, welche die Einwanderung dahin lenken und eine Bahn durch das Gebiet bauen will. Diese Kolonisation bildete also gewissermaßen eine Brücke zwischen den alten Bezirken der Deutschen und Italiener und den neuen Anlagen im Nordwesten des Staates.

Auch die Bestrebungen, die Campos der deutschen Arbeit nutzbar zu machen, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Es ist bekannt, daß große Strecken der heutigen Grasländer in Rio Grande do Sul einst Weizenfelder trugen. Daher sind Versuche angestellt, große Kampländereien wieder unter den Pflug zu nehmen. Das bekannteste Projekt in dieser Richtung ist das Unternehmen des Riograndensers Rheingantz. Ein Großbetrieb in der Kampwirtschaft hat die Wahrscheinlichkeit des Erfolges für sich, doch steht der nicht kapitalkräftige Einzelsiedler den Ratschlägen der Theoretiker sehr ablehnend gegenüber. Auch die meisten alten deutschen Kolonien werden von Kamp begrenzt, aber die Bauern, welche den alten Boden verließen, haben nie den benachbarten Kamp, sondern stets die entfernteren Waldgebiete aufgesucht.

Aber auch ohne diese Kampwirtschaft kann der riograndenser Boden noch einer großen Menge Einwanderer genügenden Raum gewähren. Birgt doch der Staat, der etwa 236 000 qkm groß ist, nach der offiziellen Zählung von 19C0 nur eine Bevölkerung von etwa 1 300 000 Seelen. Die Zahl der in Rio Grande do Sul ansässigen Deutsch-Riograndenser und Deutschen habe ich auf Grund des mir früher zugänglichen Materials zu niedrig angenommen. Nach den neuesten Mitteilungen, die mir aus Porto Alegre zugehen, sind folgende Zahlen wahrscheinlicher:

Deutsche und Deutschbrasilier in den Kolonien

etwa………………………….. 210000

In den Kolonie-Stadtplätzen………………….. 30000

In den Städten Porto Alegre, Rio Grande, Pelotas und

sonst im Lande zerstreut wohnend…… 20 000

Summa 260 000

Die Zahl der Italiener würde sich nach den gleichen Quellen belaufen auf Italo-Brasilier und Italiener in den


Die Exportsteuer soll allmählich durch die 1903 eingeführte Grundsteuer ersetzt werden. Der hohe Posten für den öffentlichen Unterricht spricht für die Bemühungen auf diesem Gebiete, die ich des öfteren an anderer Stelle geschildert habe.

Rio Grande do Sul ist also heute vielleicht der bestverwaltete Staat in Südamerika, durchaus kein „Operettenstaat“ mit Räuberregierung, sondern ein Land, dessen wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung erst in den Anfängen steht, aber einen ungeahnten Aufschwung nehmen wird, sobald das europäische Kapital dort nicht mehr zaghaft an der Schwelle stehen, sondern zielbewußt seinen Einzug halten wird. Kommen wird dieser Augenblick ganz sicher, und darum sollten wir endlich einsehen, daß wir unsere heutige riograndenser Position nicht nur halten, sondern erweitern müssen. Das können wir nur durch Zufuhr an Kapital und Einwanderern. Ich habe so oft diese Mahnung erhoben — hoffentlich fällt sie endlich auf fruchtbaren Boden, denn es ist für uns die allerhöchste Zeit zu handeln, wenn uns nicht andere zuvor kommen sollen. Versäumen wir aber diesen Augenblick, so müssen wir uns nicht wundern, wenn diese Mitbewerber unseren Platz einnehmen und wir aus eigener Saumseligkeit schmählich hinabrücken müssen.

Rio Grande do Sul muß eine Domäne des deutschen Kapitals, deutscher Einwanderung werden. Dazu haben wir das historische Recht und auch die Macht, und niemand wird uns dabei im Staate drüben hinderlich sein, solange wir uns nicht verlocken lassen, ganz unangebrachte politische Aspirationen zu haben. Das ist der Leitsatz unserer künftigen Beziehungen zu dem schönen Lande zwischen Lagoa Mirim und dem Uruguay.

Text aus dem Buch: Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums (1903), Author: Funke, Alfred.

Siehe auch:
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – Vorwort
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – I. Portugal
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – II. Spanien
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – III. Das Deutschtum Brasiliens

Die Besiedlung des östlichen Südamerika mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums


Die deutsche Einwanderung nach Brasilien ist schon ziemlich alten Datums. So lange Brasilien Kolonie der Portugiesen war, wurden Fremde nach Kräften von der Einwanderung ferngehalten, wie wir oben nachwiesen. Erst seit 1812, zur Zeit des Aufenthaltes Johanns VI., begannen die ersten, schüchternen Versuche, Angehörige fremder Völker als Siedler in Brasilien heimisch zu machen. Diesen Versuchen stand bis 1818 das Gesetz im Wege, welches Landschenkungen an Nichtkatholiken verbot. Als aber nach der Abreise Dom Joäos IV. die erste deutsche Kolonie, Leopoldina in der Provinz Bahia, gegründet wurde, fiel auch dieses Gesetz. Die lange Reihe der Kolonisationsversuche der Kaiserlichen Regierung weist auch manchen Mißerfolg auf. Die Behörden führten in bunter Abwechslung Portugiesen, Leute von den Azoren, Italiener, Spanier, Schweizer, Schweden, Polen, Iren, Nordamerikaner; Franzosen u. a. ein, aber, abgesehen von einzelnen größeren italienischen Kolonieen, sind es immer deutsche Ansiedler gewesen, welche die neugegründeten Kolonieen — stets Ackerbaukolonieen — lebensfähig gestalteten.

Ausser Leopoldina in Bahia entstanden auch in anderen Provinzen des Kaiserreichs deutsche Siedlungen, so in Espirito Santo Santa Izabel und Leopoldina mit dem Hauptorte Cachoeira, in Minas Geraes die’Kolonie am Mucury, heute Theophilo Ottoni genannt, Dom Pedro II. und Juiz da Fora. Im Staate Rio de Janeiro bestehen Petropolis, Theresiopolis, Novo Friburgo und Cantagallo, in’S. Paulo Canahea neben der deutschen Gemeinde in S. Paulo selbst. Am stärksten und wirkungsvollsten gestaltete sich aber die deutsche Einwanderung in Parana, Santa Catharina und Rio Grande do Sul.

Der Staat Parana ist recht eigentlich berufen, die Weizenkultur zu betreiben, da Weizenmehl einen grossen Einfuhrgegenstand in Brasilien bildet. Die deutschen Ackerbauer produzieren denn auch bereits einigen Weizen, doch sind bisher die meisten Großkulturen auf den weiten Campos gescheitert. Man gibt Mangel an Phosphorsäure des Bodens als Ursache des Mißlingens an. Besonders die Campos von Guarapuäva werden als Kulturland gepriesen und neuerdings von Ackerbauern aufgesucht, allerdings weniger Deutschen als Polen. Letztere, in grossen Mengen eingeführt, sind die heftigsten Mitbewerber der deutschen Kolonisten geworden.

Die Provinz Parana litt lange Zeit an dem Mangel guter Wege. Selbst die älteste Kolonie — Assunguy — besitzt noch keine Kunststraße. Große Kosten sind auf den Bau der Graziosastraße verwandt worden, welche die Hauptstadt Curi-tyba mit dem Hafenplätz Paranaguä verbindet. Seit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Paranaguä—Curityba ist diese Kunststraße immer mehr verfallen.- Dagegen ist eine neue Fahrstraße von Curityba nach der Villa Rio Negro am gleichnamigen Flusse, wo viele Deutsche wohnen, seit 1883 eröffnet.

Die Bevölkerung des Staates Parana ist eine ziemlich geringe. Die Indianer, gegenwärtig im Westen in Aldeiamentos angesiedelt, spielen keine Rolle mehr. Von Europäern wanderten Deutsche, Italiener, Polen und Deutsch-Russen ein, letztere sind jedoch nicht geblieben. Die Gesamtbevölkerung mag im günstigsten Falle 250000 Einwohner betragen, sehr wenig auf einem Gebiete fast von der Größe des Königreiches Preußen.

Die Hauptstadt Curityba besitzt ein achtunggebietendes deutsches Element. Eine deutsche Schule wird von einigen Hundert deutschen Kindern besucht. Leider haben sich dort die nordamerikanischen Adventisten eingeschlichen und stiften durch ihre Sendboten — Yankees deutscher Zunge — vielen Unfrieden.

ln allen Geschäftszweigen sind Deutsche tätig. Ihre Zahl beträgt etwa 5000.

Villa Rio Negro, unter 26° 5′ 20″ s. Br. und 6° 42′ westl. L. von Rio de Janeiro, entstand 1828—1829 durch die Soldaten der aufgelösten deutschen Legion, welche gegen Argentinien gefachten hatten. Genaue Angaben über die Zahl der deutschen Siedler am Rio Negro konnte ich leider nicht erlangen. Die Resultate der letzten Volkszählung (31. Dezember 1900) scheinen nach berühmten Mustern irt den Akten der Regierungen Brasi-siliens stecken geblieben zu sein.

Die Staatskolonie Assunguy, im Gebiete des Rio da Ribeira, ist 1859 angelegt, 1860 kamen die ersten Kolonistenfamilien deutscher Nationalität, später auch viele Engländer und Schweizer. Die Engländer waren schlechte Bauern und verließen die Kolonie meistens ärmer, als sie gekommen waren. Auch die Deutschen der gut gelegenen und mit gutem Boden ausgestatteten Siedlung litten sehr unter dem Mangel geeigneter Wege nach Curityba. Durch die teure Maultierfracht von Assunguy nach Curityba. (105 km) wurden die Produkte der Bauern so verteuert, daß sie nicht konkurrenzfähig blieben. Nach Abzug der Fracht blieb dem Produzenten nichts oder sehr wenig. Von einer Entwicklung der deutschen Kolonieen in Parana, wie sic in Rio Grande do Sul stattgefunden hat, konnte also keine Rede sein. Die Ansiedler deutscher Zunge im heutigen Municip Assunguy werden auf 500 geschätzt.

In der Hafenstadt des Staates, Paranaguä, ist das Deutschtum stark im Handel und Handwerk vertreten. Paranaguä ist Sitz eines deutschen Konsulates, ebenso Curityba. An dieser Stelle darf ich wohl die Plätze kurz einschalten, in denen eine Vertretung Deutschlands in Brasilien besteht. Außer der Gesandtschaft in Rio de Janeiro — Sitz in Petropolis — sind folgende Städte mit konsularischer Vertretung bedacht: *Bahia» Blumenau, Itajahy, Cearä, *Curityba, Paranaguä, *Florianopolis (Desterro), Joinville, Maceiö, Manäos, Para (Belem), Pernambuco (Recife), *Porte Alegre, Rio Grande do Sul, *Rio de Janeiro, Juiz de Fora, Ouro Preto, Victoria (Espirito Santo), S. Luiz de Maranhäo, Santos und Säo Paulo. (Die Berufskonsulate habe ich mit * bezeichnet.)

Auch das am westlichsten Teil der vielgliedrigen Bai von Paranaguä gelegene Antonina hat einige Deutsche. Leider ist das malerisch schön gelegene Antonina sehr zurückgegangen, seitdem die Eisenbahn von Paranaguä aus ihren Ausgang genommen hat. Die 40 km westlich von Antonina gelegene Kolonie Morretes, ein kleines Städtchen am linken Ufer des Rio Nhundiaquära, hat unter seinen Einwohnern viele Deutsche. Ein deutscher Verein, sowie eine deutsche Brauerei bewiesen es mir ohnehin. Die Kolonieen, welche im Küstengebiete angelegt wurden, sind zu keiner gedeihlichen Entwicklung gelangt.

Natürlich finden sich auch an anderen Punkten des Staates Parana, als an den angeführten, deutsche Ansiedler vereinzelt oder in grösserer Zahl unter Polen und Brasilianern. Sie alle genau festzustellen, ist zur Zeit unmöglich. Immerhin darf man, ohne dem Streben der Deutschen in Parana die gebührende Anerkennung zu versagen, behaupten, daß die Lebensäußerungen des dortigen Deutschtums lange nicht auf der Höhe stehen, wie in Santa Catharina und Rio Grande do Sul. Der Einfluß der Polen im Staate ist im Wachsen und droht, denjenigen der Deutschen zu überflügeln. Die Lage des Staates Parana ist durchaus mäßig, besonders, was die Staatsfinanzen anbetrifft. Die einseitige Produktion an Erva Mate mit dem furchtbaren Preissturz nach Beendigung der letzten Revolution unter Mello hat eine große Kalamität für den Markt gebracht, an deren Folgen der Staat wohl noch länger zu laborieren haben dürfte.

Weit erfreulichere Resultate liefert ein Überblick über das Deutschtum des Staates Santa Catharina. Schon die wundervoll gelegene Hauptstadt, das alte Desterro, heute zum Andenken an den zweiten Präsidenten der Republik, Floriano Peixoto, „Florianopolis“ genannt, hat eine rührige und einflussreiche deutsche Kolonie. Wenn allerdings darauf hingewiesen wird, daß an der Spitze der Staatsregierung sogar ein Deutschbrasilianer stehe, Dr. Felippe Schmidt, wie vor einigen Jahren der Dr. Lauro Severiano Müller, so will das nichts besagen. Denn die brasilianischen Wähler werden schon dafür sorgen, daß der deutsche Name eines Governadors nichts an dessen echt brasilischer, politischer Erziehung und Gesinnung ändert. Ich kenne Beispiele von solchen Politikern mit deutschen Namen, welche es an direkter, renegatenmäßiger Abneigung gegen die Deutschen jedem Jakobiner gleichtaten. Der Großhandel des Staates ist dagegen in bewährten, echt deutschen Händen. Floria-nopolis wird regelmäßig von deutschen Dampfern angelaufen. Unter den 20000 Einwohnern der Stadt bilden die Deutschen einen erheblichen Bestandteil.

Westlich von Desterro auf dem Festlande liegt das freundliche Säo Jose, der Ausgangspunkt der Straße nach dem Innern des Staates. Auch hier leben Deutsche in guten Verhältnissen. (S. Jose — Desterro ca. 12 km.)

25 km südwestlich von S. Jose an dem Rio Cubatäo liegt Santo Amaro; der kleine Ort ist der Anfang einer deutschen Siedlungszone, die nach Norden geht, darunter S. Pedro de Alcantara am Rio Maruhy, Santa Izabel am Rio dos Bugres, einem Nebenfluß des Rio Cubatäo, 1847 von etwa 150 Deutschen gegründet. Nach dem Berichte des Dr. Galväo von 1867 zählte die Kolonie 1195 Einwohner, aber viele deutsche Kolonisten hatten wegen der ungünstigen Bodenverhältnisse die Kolonie verlassen. Tschudi dagegen sprach sich 1861 ziemlich günstig über die Verhältnisse der Kolonie aus. Theresopolis, am Einfluß des Rio do Cedro in den Rio Cubatäo, ward 1860 von vier deutschen Familien begründet. Auch von hier sind in späteren Jahren zahlreiche Einwohner nach Santa Izabel und Desterro gegangen. S. Sebastiäo de Tijucas Grandes mit vielen gutsituierten Deutschen liegt als kleines Städtchen an der Mündung des Rio Tijucas.

Wenn Desterro als Hauptstadt auch den größten Teil des Handels im Staate absorbiert, so werden doch auch die anderen Häfen des Staates Itajahy und S. Francisco von Dampfern und Seglern angelaufen. Sowohl die Hamburg-Amerika-Linie als der Lloyd Brasileiro senden ihre Fahrzeuge nach Bedarf dorthin. Wenig besucht ist dagegen Laguna, nur kleine Segler laufen einmal dort an.

Itajahy ist als Hafenort für die blühende deutsche Siedlung Blumenau, die 45 km in gerader Linie westlich liegt, von immer wachsender Bedeutung. Die vorgelagerte Barre ist der Schifffahrt etwas hinderlich, doch können die flachgehenden Küstendampfer ungehindert passieren. Den größten Teil der Ausfuhr liefert natürlich Blumenau mit seinem Hinterlande.

S. Francisco, auf der gleichnamigen Insel an der Bai von S. Francisco, ist ein kleiner Ort mit etwa 100 Deutschen, der von keiner Bedeutung war, bis die Hamburger Kolonisationsgesellschaft Dona Francisca anlegte. Um dem steigenden Handelsverkehr gerecht zu werden, erhielt auch S. Francisco ein Zollamt. Nach dem Berichte des Kapt. z. See Valois, von 1882, ist der Hafen von S. Francisco gut.

Westsüdwestlich von Laguna an der Mündung des Rio Tubaräo liegt die meist von Italienern besetzte Kolonie Azambuja. Am Rio da Mäi Lucia sitzen einige Hundert Deutsche auf gutem Lande. Die ganze Kolonie Azambuja zählt etwa 2500 Seelen. Vereinzelte deutsche Familien finden sich auch in Grfio Para und Bra^äo do Norte zwischen dem Rio Capivary und Rio Ora-torio gelegen, auf welchem Komplex sonst Brasilianer, Italiener und Franzosen die Mehrzahl bilden.

Wenn aber Henry Lange auf die Gegend am Ararangua als die beste Gegend mit fruchtbarstem Boden hinweist, so steht meine Erfahrung dem entgegen. Der Boden unmittelbar am Rio Ararangua, der fast die Grenze gegen Rio Grande do Sul bildet, ist zwar humusreich, aber allen Überschwemmungsgefahren ausgesetzt. Zudem ist die Ausfuhr von etwaigen Kolonieprodukten durch die Unzugänglichkeit der Araranguä-mündung fast unmöglich. Am Rio Tubariio befinden sich Kohlenlager. Das eigentliche Deulschtum des Staates Santa Catharina gruppiert sich um die Siedlungen Blumenau und Dona Francisca, dazu trat in neuerer Zeit die Kolonie Hansa.

Blumenau, im September 1850 von Dr. Hermann Blumenau unter 26° 55′ 16,5″ südl. Breite und 49° 9′ 15″ westl. Greenwich angelegt, heute ein selbständiges Munizip des Staates, ist am Rio Itajahy gelegen. Bei den geringen Geldmitteln des Begründers war die Entwicklung der Kolonie in den ersten Jahren nur unbedeutend. Trotzdem setzte der von seltener Treue und Ehrlichkeit erfüllte Mann sein Werk fort und hat ein Gemeinwesen aus eigner Kraft geschaffen, welches seinen Namen unsterblich machen wird. Von dem Orte der ersten Niederlassung verbreitete sich die deutsche Kolonisation über die Ufer der kleinen Flüsse, des Itaopäva, Testo, der Mulde, des Rene-ditto, Cedros, S. Pedro und S. Paulo, des Gaspar, Garcia, Eucano, der Warnow, Ilse, Bode und Neiße. Die Kolonie hat eine Ausdehnung von Ost nach West von ca. 90 km, das bebaute Land beträgt ca. 7000 qkm. Die Bevölkerung beträgt ca. 25000 Seelen, davon 70 % Deutsche.

Oberhalb der Villa Blumenau liegen am Rio Itajahy: Badenfurt, Indayal, Carijos, Warnovv, Ascurra und Aquidaban. Am Rio dos Cedros: Timbö, Encruzilhada, unterhalb der Villa: S. Pedro Apostolo (Gaspar).

Südöstlich von Blumenau, durch eine 47 km lange Fahrstraße mit dem Seehafen Itajahy verbunden, liegen die Siedlungen Brusque und Principe Dom Pedro. Sie bilden heute das Munizip S. Luiz Gonzaga. Zu den ursprünglich eingewanderten Deutschen gesellten sich infolge des Nachlassens der deutschen Einwanderung nach dem Erlaß des Reskripts von der Heydt 1859 viele Italiener.

Dona Francisca, die Schöpfung des „Kolonisationsvereins von 1849 in Hamburg“, zerfallt in einen östlichen Teil, Join-ville, und den westlichen Bezirk Säo Bento. Die Gesamtfläche dieses Koloniegcbietes beträgt 1 444 qkm. Joinville liegt zwischen Cubatäo im Norden und Itapocü im Süden unter 26° 18′ s. Br. und 48° 53′ westl. Greenwich. Die Stadt zählt 500 Wohnhäuser mit 3000 Einwohnern. Besonders gerühmt wird die deutsche Schule daselbst. Mit der Entwicklung von Joinville ist die Erinnerung an den früheren Bürgermeister von Glauchau, Dr. Ottokar Dörflfel, unauflöslich verknüpft. Seiner Tatkraft ist auch die Gründung von Säo Bento zu verdanken.

Im Bezirk Joinville liegen die deutschen Ortschaften Neudorf, Annaburg und Pedreira. Im Bezirk Säo Bento der Ort Bechelbronn.

Die Einwohnerzahl von Dona Francisca beträgt ca. 25000 Seelen. Die beiden Bezirke Joinvillc und Säo Bento sind durch die Dona Francisca – Straße verbunden. Ein Netz von Fahrstraßen überzieht daneben die Kolonie.

Auf dem Hochlande von Santa Catharina befinden sich nur wenige kleine Ortschaften, Lages, Campos Novos und Curity-banos, für uns von keiner Bedeutung.

Hervorgehoben zu werden verdient die rege Beteiligung der Deutschen in Santa Catharina am politischen Leben. Deutsche Deputierte sitzen im Staatsparlament und sorgen für eine angemessene Berücksichtigung der Interessen ihrer Stammesgenossen. Eine solche wichtige Vertretung besitzen die Deutschen in Rio Grande do Sul nicht, obwohl hier die Anfänge deutscher Siedlung weiter zurückliegen als in Santa Charitana.

Der Major Schaffer als Beauftragter der brasilischen Regierung warb um 1820 die ersten Ansiedler in Deutschland für Rio Grande do Sul. Schäffer wurde diesem Aufträge allerdings mit weitestem Gewissen gerecht. Manche schlimmen Elemente brachte er ins Land: Genossen des „Johann durch den Wald“ (Schinderhannes) waren dem gewissenlosen Agenten erwünschte Ansiedler. Manches deutsche Zuchthaus entledigte sich seiner Insassen, um sie nach Brasilien zu senden, und mecklenburgische Kettengefangene, die in größerer Zahl kamen, trugen nicht dazu bei, den Anfängen der Kolonisation eine glänzende Zukunft zu versprechen.

Neben diesen bedenklichen Elementen kamen aber auch, und zwar in der Mehrzahl, ehrliche Leute und tüchtige Familien ins Land, und im Umgänge mit diesen verloren manche Menschen von bedenklicher Vergangenheit ihre schlimmen Seiten und wurden im Urwalde zu fleißigen Bauern. Unverbesserliche Elemente verließen bald die Urwaldsiedlungen, gingen in die Campanha und fanden meistens den Tod unter dem Messer der Gauchos.

S. Leopoldo, 1824 im Tale des Rio dos Sinos auf der ehemaligen Krondomäne Feitoria Vclha angelegt, Tres Forquil-has und Torres, im äußersten Nordosten der Provinz entstanden, sind die Denksteine der ersten Bemühungen der Regierung Dom PedrosI., deutsche Kolonisten im ungclichteten Urwalde seßhaft zu machen.

Die Regierung des Kaiserreichs wurde dabei von verschiedenen Beweggründen geleitet. Einmal war es die Spärlichkeit der Bevölkerung in den weiten Strichen des Landes, von dem nur die Küste spärlich von Weißen bewohnt war, welche eine Zufuhr von Menschen verlangte. Durch die Einfuhr von Negersklaven, ihre rasche Vermehrung auf dem Boden Brasiliens, das in klimatischer Beziehung ihrer afrikanischen Heimat entsprach, ihre Vermischung mit Weißen und Indianern herrschte das farbige Element im Lande numerisch derartig vor, daß es für die Zukunft ohne Frage zu einer Gefahr für das Gedeihen des Landes werden mußte. Der Gegensatz zwischen Europäern oder ihren Nachkommen und den Farbigen wurde zu einem solchen zwischen Besitzern und Proletariern. Dem Lande fehlte der wertvolle Mittelstand, der hauptsächlich auf dem Klein-bauemtum beruht und der die festeste Grundlage einer Monarchie bildet. Zwar die Pflanzeraristokratie war monarchisch gesinnt, aber nur so lange, als die eigenen Interessen nicht von den Maßnahmen der Kaiserlichen Regierung angetastet wurden. Die schwierigste Frage aber war für die Monarchie die Stellungnahme zur Sklavenemanzipation. Wir haben im ersten Teile unserer Ausführungen nachzuweisen versucht, daß es sehr lange und heftige Kämpfe in Brasilien gekostet hat, ehe die Arbeiterfrage nach Ausschaltung der indianischen Kräfte notdürftig durch Einfuhr und Benutzung von Negern und ihren Mischlingen gelöst wurde. Nun war aber seit der Abwerfung der spanischen Hen*schaft in den übrigen Staaten Südamerikas die Sklaverei aufgehoben, und auch die Emanzipation der Sklaven wirklich durchgeführt worden. Nur Brasilien war in diesem Punkte noch rückständig. Dem Kaiser Dom Pedro II. lag diese Frage umsomehr am Herzen, als er — abgesehen von dem humanen Grundzug seines Charakters, der wohl einer der edelsten gewesen ist, die je in Südamerika hervortraten — sich sehr wohl bewußt war, daß eine unkluge Lösung der Sklavenfrage sehr leicht den Sturz der Monarchie nach sich ziehen konnte. Die Pflanzer des Nordens waren in ihren vitalen Interessen durch jede Maßnahme bedroht, welche auf eine Sklavcn-emanzipation hinzielte. Einmal steckte ein bedeutendes Vermögen in dem wertvollen Negermaterial, dann aber wußten die Pflanzer sehr wohl, daß es sehr schwer halten werden würde, bei einer Aufhebung der Sklaverei so schnell einen Ersatz an Arbeitskräften zu beschaffen, daß der Pflanzungsbetrieb keine Unterbrechung erlitte. Eine solche Unterbrechung — zumal in der Erntezeit — ist aber sehr oft mit dem Ruin des Pflanzers verknüpft.

Dom Pedro mußte also die Emanzipationsfragc sehr behutsam anfassen, wollte er es nicht mit der einflußreichen Kaste der Pflanzer verderben. Die lex aurea von 1871 bestimmte daher in vorbereitender Weise, daß kein Kind mehr als Sklave geboren werden könne und die bisher Unfreien in bestimmten Perioden freigegeben werden sollten gegen eine Entschädigung ihrer Besitzer. Fonds für diesen Zweck wurden gegründet. Als aber das Ministerium Cotegipe sich lässig in der Ausführung dieses Gesetzes zeigte, bemächtigte sich die republikanische Propaganda der Emanzipationsfrage als ihres wirksamsten Agitationsmittels. Unter der Flagge der Humanität wurde in Wirklichkeit ein gefährlicher Zug gegen die Monarchie eröffnet, um so gefährlicher, als auch sehr viele Offiziere, die sich nach der Beendigung des Paraguaykrieges und der seit diesem Termin datierenden offenbaren Vernachlässigung von Heer und Flotte zurückgesetzt glaubten, und auch manche in ihrem Besitz bedrohte Pflanzer sich den Republikanern anschlossen, welche bis dahin im wesentlichen nur aus Theoretikern, Studenten, Advokaten und Journalisten, sowie etlichen politischen Klopffechtern bestanden hatten. Der Kaiser, körperlich leidend, sah dem Treiben ruhig zu. Leider zwang ihn sein Zustand, für einige Zeit die Regierung seiner im Volke sehr unbeliebten Tochter Dona Izabel, Gräfin von Eu, zu übergeben. Diese wollte sich mit einem Schlage die Sympathieen des Volkes erwerben, griff die Sklavenfrage energisch an und dekretierte am 13. Mai 1888 die Befreiung aller Sklaven in Brasilien. Dieser 13. Mai aber ist zugleich der eigentliche Todestag der Monarchie in Rio gewesen.

Hatten die mächtigen Sklavenhalter, die Kaffee- und Zuckerbarone, noch leidlich ruhig das langsame Abolitionswerk Dom Pedros II. geduldet, so gingen sie jetzt natürlich mit ihrem Anhänge in hellen Haufen in das republikanische Lager über. Der 15. November 1889, die Erklärung der Republik, war nur die offizielle Quittung für den 13. Mai 1888.

Vom humanen Gesichtspunkte aus wird man freilich diese energische Maßregel der Gräfin Eu anerkennen dürfen. Anders aber liegt die Sache, wenn man die wirtschaftliche Seite derselben betrachtet. Nicht nur die Pflanzer wurden geschädigt, sondern auch das ganze wirtschaftliche Leben Brasiliens. Mit einem Schlage wurde ein ungeheures, farbiges Proletariat geschaffen, da die bisher nur automatisch arbeitenden Sklaven naturgemäß nicht bewußt schaffende, freie Arbeiter werden konnten und teilweise auch nicht wollten. Bei der Leichtigkeit, des nackten Lebens Unterhalt zu finden, lehnen es noch heute viele Farbige ab, regelmäßig zu arbeiten. Dadurch, daß die ehemaligen Sklaven mit Vorliebe die größeren Städte aufsuchten, ist in diesen ein farbiger Janhagel schlimmster Sorte entstanden.

Diese längst vorausgesehene Folge wollte Dom Pedro vermeiden. Sein Streben ging dahin, allmählich aus dem freien Nachwuchs der Sklaven einen innerlich konsolidierten und durch Unterricht vorgebildeten Arbeiter- und Kleinbürgerstand zu erziehen und so den Ausfall an Arbeitskräften zu ersetzen, aber auch den Übergang für die Pflanzer zu einem möglichst schmerzlosen zu gestalten. Die kaiserlichen Sympathieen galten naturgemäß allen Elementen des Reiches, welche nicht in die Lösung der Sklavenfrage verwickelt waren, in erster Linie also auch den deutschen Ansiedlern in Rio Grande do Sul. Die deutschen Ackerbaukolonieen gediehen bei dem offenbaren Wohlwollen der kaiserlichen Regierung geradezu glänzend. Nachdem S. Leopoldo einen mächtigen Aufschwung genommen, breitete sich die deutsche Siedlung über die Täler des Rio dos Sinos, Cahy, Taquary, Jacuhj, Rio Pardo weit nach Westen aus, auch im Süden entstanden blühende Pikaden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß der Zuwachs an deutschen Einwanderern ein noch weit erheblicherer gewesen sein würde, wenn nicht das Reskript von der Heydt in unverständiger Weise die Auswanderung nach Brasilien offiziell verboten hätte. Jeder Kenner brasilianischer Verhältnisse ist nicht darüber im Zweifel, daß die preußische Regierung total falsch informiert gewesen ist, als sie diese unselige Verfügung erließ. Es soll zugegeben werden, daß in S. Paulo vereinzelte Fälle vorgekommen sind, in denen deutsche Immigranten durch das verrufene Halbpachtsystem, die Parceria, zu gründe gegangen sind. Aber solche Fälle sind niemals in den Südstaaten Brasiliens vorgekommen, also hätte man für diese das Reskript nicht verfügen sollen. So wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, Roma locuta causa finita. Die Folge des famosen Reskripts war ein Nachlassen der deutschen Einwanderung in Rio Grande do Sul und ein bedeutender Zufluß fremder Elemente (Italiener, Polen, Russen, Schweden u. a.). Diese Tatsache hat auf die Entwicklung des Deutschtums einen schlimmeren Einfluß geübt als die Revolution von 1835—1845 in der Provinz Rio Grande do Sul.

Die Riograndenser sind stets ein unruhiges Element in der brasilischen Bevölkerung gewesen. Der ganze Charakter und das Temperament derselben stehen in einem schroffen Gegensatz zu demjenigen des Nordbrasilianers. Ist letzterer, besonders in Bahia, Pemambuco und den Amazonasländem phlegmatisch, so ist der Riograndenser temperamentvoll, lebhaft, dabei tapfer und ein geborener Reiter, der Pferd und Lasso zu handhaben weiß. Es ist daher kein Wunder, daß der Gedanke, sich von dem Koloß Brasilien loszureißen und nach dem Muster von Uruguay eine Republik zu bilden, schon früh in Rio Grande do Sul einen fruchtbaren Boden fand. Nachdem 1828 Uruguay selbständig geworden war, brach in Rio Grande 1835 die große Revolution aus, welche zehn Jahre lang währte und als Führer den berühmten Bento Gon^alves hatte. In dieser „Farrapenrevolution“ von 1835—1845 kämpfte auch Garibaldi auf seiten der Republikaner und verdiente hier an der Seite von Netto, Teixeira und Canabarro seine ersten Sporen. Die Erinnerung an diese glorreiche Zeit hat der Alte von Caprera stets bewahrt, im Poncho der Riograndenser hat er sich bestatten lassen.

ln diesen stürmischen Jahren beteiligten sich auch viele Deutsche an den politischen Kämpfen, deutsche Parteigänger traten auf, und die Kolonie S. Leopoldo wurde dadurch auch in Mitleidenschaft gezogen. Doch sind die üblen Folgen nicht sonderlich anhaltend gewesen, das Werk der Kolonisation ist nicht dadurch gehemmt worden.

Drei Perioden der deutschen Siedlung in Rio Grande do Sul kann man unterscheiden. Nachdem die kaiserliche Regierung den Anfang mit S. Leopoldo, Tres Forquilhas und Tones gemacht hatte, faßte 1848 die Provinzialregierung den Beschluß, auf eigene Rechnung Siedlungen anzulegen, und inaugurierte damit die zweite Periode der Kolonisation Rio Grandes. Die erste dieser Neugründungen war Santa Cruz im Gebiete des Rio Pardinho, heute das blühendste Munizip des Staates. Es folgte die Gründung von Santo Angelo nördlich von Caxoeira, Neu-Petropolis, Mont‘ Alverne. Gleichzeitig eröffnete die Privatkolonisation ihre Tätigkeit: Mundo Novo, Teutonia, Conventos, Mariante, Estrella, Maratä, Santa Maria da Soledade, Ferraz, Candelaria entstanden.

Die dritte und letzte Periode bezeichnet die Wiederaufnahme der Kolonisation durch den Staat. In dieser Zeit — nach dem Reskript von der Heydt — entstanden zumeist italienische Ko-lonieen: Caxias, Conde d* Eu, Dona Izabel, Alfredo Chaves, Antonio Prado, Silveira Martins, heute blühende Siedlungen. Gemischte Bevölkerung haben die jüngsten Anlagen: Ijuhy, Commandahy, Guarany und Jaguary. Die neuesten Kolonieanlagen sind Privatuntemehmungen, die Siedlungen im Gebiete der alten Jesuitenreduktionen, Neu-Württemberg, Xingü, Boi-preto und Elsenau, Besitz des Doktor Herrmann Meyer-Leipzig, der bisher nur deutschen Ansiedlern Ländereien überließ. Seit 1898 ist das Reskript von der Heydt wieder aufgehoben und eine merkliche Erhöhung der Auswanderung Deutscher nach Brasilien eingetreten.

Die bestehenden deutschen Siedlungen sind ihrer Lage nach in folgender Weise verteilt:

Im Flußgebiete des Jacuhy: Porto Alegre, die Hauptstadt des Staates Rio Grande do Sul und Mittelpunkt des Verkehrs mit den Ackerbaukolonieen des Landes. Unter den 100000 Einwohnern der Stadt reden etwa 20000 deutsch. In Vereinen, dem Gemeindeleben, Schulwesen ist das Deutschtum sehr lebendig, der Großhandel ist fast ausschließlich in deutschen Händen. Leider fehlt seit dem Tode des verdienstvollen Herrn von Koseritz der berufene Führer des Deutschtums von Porto Alegre und damit derjenige der Deutschen des Staates überhaupt. Musterhaft ist die deutsche Hilfsvereinschule äußerlich und innerlich gestaltet. Drei deutsche Zeitungen vertreten die Interessen unserer Stammesgenossen daselbst. Hervorragend vertreten war die deutsche Industrie und der deutsche Handel auf der letzten Ausstellung zu Porto Alegre 1901. Der Ein-und Ausfuhrverkehr Porto Alegres beziffert sich auf viele Millionen. Die gesamte Produktion der Kolonie — abgesehen von S. Lourenco — nimmt ihren Weg über Porto Alegre.

Von Porto Alegre nach Norden läuft die Eisenbahn, von englischen Unternehmern mit 7 % Gold Garantie seitens des Staates gebaut, über S. Leopoldo nach Neu-Hamburg und damit in das Gebiet der ältesten deutschen Siedlung. Porto Alegre ist Sitz des größten Jcsuitenkollegs des Landes, welches in dem kulturellen Leben der Deutschen bereits eine wichtige Rolle spielt. Von nah und fern werden viele junge Deutsche und Brasilianer den Jesuiten zur Ausbildung anvertraut, weil die Abgangsprüfung am Kolleg zum Besuche der Kriegsschulen, Akademieen, der Erlangung des Patentes zum Eintritt in den höheren Staatsdienst u. s. w. berechtigt, ein Vorrecht, welches keine andere Schule genießt. Das heutige Munizip S. Leopoldo umfaßt eine Menge deutscher Pikaden: Feitoria Velha, Estancia Velha, Schwabenschneiz, Quatro Colonias, Born Jardim, Qua-torze, Hortencio, Dous Irmsios und Erval, Linha Nova, Kaffee-schneiz, Achtundvierzig, Feliz, Carä, Porto de Guimaräes, Veräo, Leonerhof, Born Firn, Escadinha, Mundo Novo und Santa Maria da Soledade. Neu-Hamburg ist im Begriff, eine selbständige Gemeinde (Villa) und vielleicht der Sitz eines neuen Municipiums zu werden, da die kommunale Verwaltung des Mun. S. Leopoldo in seiner heutigen Ausdehnung bei der großen räumlichen Entfernung vieler Pikaden beschwerlich ist.

Die Eisenbahn von Porto Alegre nach Neu – Hamburg wird augenblicklich nach Norden verlängert und soll dann Caxias, das Zentrum der italienischen Siedlungen des Staates, erreichen.

Die Einwohnerzahl des Munic. S. Leopoldo beträgt etwa 30000 Seelen. Die Zahl der Brasilianer kommt dem deutschen Elemente gegenüber nicht in Betracht, abgesehen vom Stadtplatz S. Leopoldo, wo naturgemäß Beamte, Soldaten brasilianischen Blutes neben Farbigen in allen Hantierungen vertreten sind.

Von Neu-Hamburg aus ist eine Vizinalbahn nach Mundo Novo und S. Maria da Soledade im Bau und wird besonders das Hinterland dieser Kolonieen erschließen.

Die alten Kolonieen im Nordosten des Staates, heute als Munizipien Tres Forquilhas, S. Antonio da Patrulha und Torres bestehend, sind die geringwertigsten Siedlungen in Rio Grande do Sul. Verschiedene Umstände, besonders die Einseitigkeit der Produktion (Zuckerrohrbranntwein und Rapadura, Rohzucker) und die weite Entfernung von den bewohnteren Plätzen des Landes, haben diese Siedlungsanlagen zu keiner rechten Entfaltung kommen lassen. Wäre das oft ventilierte Projekt der Hafenanlagen bei Torres, der Durchstich des schmalen Kiistcn-streifens und der Bau einer Wasserstraße unter Benutzung der Lagunen oder die Anlage eines Schienenweges von Torres nach Porto Alegre verwirklicht worden, so würde auch diesen verlorenen Außenstationen des riograndenser Deutschtums neues Leben zugeführt werden. Bei der heutigen Finanzlage des Landes wird das Torresprojekt wohl Projekt bleiben.

In blühendem Zustande aber befinden sich die deutschen Kolonieen im Gebiete des Rio Cahy und des Rio Taquary. Sehr zu statten kommt diesen die bequeme Wasserstraße, welche die Flüsse nach Porto Alegre bieten. Bei der niedrigeren Wasserfracht bleiben die Produkte dieser Pikaden stets konkurrenzfähig auf dem Portalegrenser Markt. Flußdampfer gehen das ganze Jahr hindurch von Porto Alegre den Cahy hinauf bis S. Joäo do Monte Negro, etwa 100 km. Auf dem rechten Ufer des Cahy liegen die Kolonieen Maratä, Parici, S. Benedicto, S. Salvador, Linha Brochier oder dos Francezes, Caxias, Feliz, Forromecco. In Caxias ist die Bevölkerung fast rein italienisch, in Dona Izabel und Conde d’ Eu ebenfalls, stark mit Polen vermischt in Alfredo Chaves und Antonio Prado. Doch finden sich in allen diesen Bezirken auch deutsche Kolonisten, besonders in Alfredo Chaves, das eine deutsche Kirche und Schule besitzt.

Das zweite Zentrum am Cahy ist S. Sebastiäo do Cahy mit starker deutscher Bevölkerung.

Die bedeutendsten Anlagen am Taquary sind Estrella und Teutonia. Die Villa S. Antonio da Estrella ist der Exportplatz für Estrella selbst und das benachbarte rein deutsche Teutonia. Dieser Koloniebezirk ist einer der reichsten des Staates. In Teutonia finden sich besonders viele Westfalen, aus Tecklenburg cingewandert.

Gegenüber der Villa Estrella liegt S. Gabriel. Nordwestlich davon der Koloniebezirk Conventos, dessen Pikaden Neu-Berlin und Emilia die Verbindung mit den deutschen Siedlungen um Venancio Ayres und Mont’ Alverne, Linha Sape u. a. bildet. Die kleinen Städte Taquary und Triumpho am Einflüsse des Taquary in den Jacuhy sind von keiner Bedeutung. Nur an der Margem do Taquary, der eigentlichen Mündungsstelle, pulsiert ein reges Verkehrsleben, weil hier die Eisenbahn Porto Alegre-Uruguayana, die beste und wichtigste des Staates, beginnt. Von Porto Alegre bis zur Margem*) do Taquary vermitteln Raddampfer den Fracht- und Personenverkehr (85 km), von Margem aus beginnt der Eisenbahndienst.

Südlich von Triumpho resp. S. Jeronymo liegt die Regierungskolonie Baräo do Triumpho, mit vielen Deutschen, aber auch anderen Nationalitäten besiedelt. Durch diese absichtliche Vermischung der Kontingente ist das Deuschtum in dieser Kolonie zu keiner erfreulichen Entwicklung gekommen, wie sie in anderen reindeutschen Bezirken erblüht ist.

Die Porto Alegre-Uruguayanabahn, dem Laufe des Jacuhy nach Westen folgend, führt in die westlicheren Kolonieen im Gebiete des Rio Pardo und Rio Pardinho. Hier, nördlich von Rio Pardo gelegen, findet sich das blühendste Munizip des Staates, Santa Cruz, eine rein deutsche Gründung. In zahlreichen Pikaden wohnen hier über 30 000 Deutsche.

6 1/4 km westlich von Santa Cruz liegt Villa Theresa, der Stapelplatz für Dona Josefa, Ferraz, Andreas und Rio Pardensc. Die Nähe von Santa Cruz stellt allerdings Villa Theresa in Schatten.

Über Villa Theresa läuft die Straße westlich nach Villa Germania, auch Candelaria genannt, zwischen Rio Pardo und Butucarahy, der höchsten Erhebung in der Serra do Butucarahy, gelegen. Villa Germania bildet den Mittelpunkt der Verbindung zwischen Santa Cruz und dem großen Koloniebezirk S. Angelo, im Gebiete des Rio Pardo weiter westlich liegend. Der Stapelplatz für diesen großen deutschen Siedlungsbezirk liegt südlich am Jacuhy, die Villa Cachoeira an der Uruguayanabahn.

Dieser Bahn folgend, gelangt man nach S. Maria da Bocca do Monte, das als Stadtplatz und Koloniebezirk viele Deutsche beherbergt. In dem benachbarten Silvcira Martins überwiegt dagegen das italienische Element. Bei S. Maria erfährt der Lauf des Jacuhy eine scharfe Biegung nach Norden, da der Oberlauf dieses Flusses direkt von Norden nach Süden geht, während der Unterlauf genau von Westen nach Osten zieht. An dem Scheitelpunkt des so entstehenden rechten Winkels mündet der Rio Vaccacahy ein in den Jacuhy. Über S. Maria hinaus nach Westen liegen noch einige ganz junge Staatskolonieen, auf denen auch Deutsche angesiedelt sind, doch befinden sich diese erst im ersten Entwicklungsstadium. Die bedeutendste unter ihnen ist Jaguary.

Von S. Maria, dem Oberlaufe des Jacuhy nach Norden folgend, läuft die Itararebahn nach Norden bis Cruz Alta. V’on Cruz Alta nordwestlich gelegen ist die Kolonie Ijuhy im Flußgebiete des Ijuhy grande, welcher zum Uruguay strömt. Von Tupaceretan, einer Station auf der Strecke S. Maria—Cruz Alta, aus ist die Rio Grande-Nordwestbahn vermessen, welche der Erschließung der ehemaligen Jesuitenreduktionen bis zum Uruguay dienen soll. In diesem großen, noch sehr dünn bevölkerten Gebiete sind junge Siedlungen entstanden, Alto Jacuhy am Oberläufe des Jacuhy, Commandahy, Guarany im Gebiete des Commandahy, eines Nebenflusses des Uruguay. An der Fiusa liegt weiter nordwestlich Neu-Württemberg, Elsenau, X ingu und Boi Preto an dem Guarita, einem größeren Zuflusse des Uruguay. Damit ist die Zahl der Kolonieen im Norden des Staates erschöpft. In Ijuhy ist das deutsche Element stark vertreten, die ursprünglich ansässigen Polen sind in großer Zahl nach Guarany gewandert. Commandahy ist Staatskolonie, also mit gemischter Bevölkerung besiedelt.

Im Fiusagebiet und am Guarita sitzen etwa 150 deutsche Familien auf den Ländereien des Dr. Hermann Meyer.

Das Gebiet des Ibicuhy, also der Westen des Staates mit den rein brasilischen Zentren Alegrete, Cacequy, Sant’ Anna do Livramento, Dom Pedrito hat nur ganz vereinzelte deutsche Familien. Dagegen zeigt der Süden der Provinz, das Hinterland von Pelotas, eine kräftig entwickelte deutsche Kolonisation.

Schon in Pelotas selbst finden wir eine kräftige deutsche Kolonie, deutsche Namen nehmen im Handel eine hervorragende Stelle ein, Deutsche sind in allen Zweigen gewerblicher Tätigkeit stark vertreten. Rein deutsch aber ist die mit Rheinländern und Pommern besiedelte Kolonie S. Loureneo, etwa 21 km nördlich von Pelotas gelegen. Die Möglichkeit, die Produkte der deutschen Bauern in Wagen nach Pelotas, in kleinen Seglern nach Rio Grande do Stil zu bringen, hat besondere zum Aufschwung der Kolonie S. Lourenqo beigetragen.

Auch in den Kolonieen S. Clara, S. Silvana, S. Domingos, S. Feliciano, alle zum Gebiet der Scrra dos Tapes gehörig, finden sich deutsche Familien unter den Siedlern.

Rio Grande, die Hafenstadt des Staates, hat etwa 20) deutsche Familien. Der Großhandel ist ausschließlich in deutschen Händen. Die früher blühende Küstenschiffahrt hat eine große Einbuße durch die Verordnung erlitten, welche bestimmt, daß nur Fahrzeuge nationaler Flagge diese betreiben dürfen. Dadurch sind viele deutsche Segelschiffe mit ihrer deutschen Besatzung entfernt worden, welche früher einen nicht unwesentlichen Faktor im Leben der Deutschen der Hafenstadt ausmachten.

Damit ist die Zahl der Deutschen im Staate Rio Grande do Sul, soweit sie in größeren Komplexen ansässig sind, erschöpft.

Es erübrigt zum Schluß noch, die Frage nach der Gesamtzahl und der Stellung dieser Deutschen in Rio Grande do Sul zu erledigen. Ich tue dies unter Benutzung eines Aufsatzes, den ich vor wenigen Wochen in der Zeitschrift „Deutsche Erde“, Heft 1 (Gotha, J. Perthes), veröffentlicht habe.

Die Erhaltung des Deutschtums in Rio Grande do Sul trotz der langjährigen Vernachlässigung der Deutschen Brasiliens ist so auffallend, daß die Frage nach den Gründen für diese Tatsache sehr nahe liegt. Im Hinblick auf das Aufgehen so vieler Tausende in den Anglizismus Nordamerikas, ihr Vergessen oder bewußtes Abwerfen deutscher Sprache und deutschen Wesens ist oft die Frage erörtert worden, welche Gründe für den riograndenser Deutschen maßgebend, ja zwingend sein mußten, ihn in seinem Deutschtum zu stärken und zu erhalten. Meines Erachtens ist der Hauptgrund die oft unbewußte Erkenntnis des nationalen Wertes gegenüber dem Lusobrasilier, das Selbstbewußtsein, welches eine schaffende Tätigkeit und ihre Erfolge dem deutschen Manne verlieh, wenn er auf seine Mitbewohner im Lande blickte.

Es wäre verkehrt, die Anhänglichkeit des Deutschen an seine Muttersprache aus rein ethischen Gründen herleiten zu wollen. Oft habe ich aus dem Munde deutscher Bauern gerade das Gegenteil von Sehnsucht oder übermäßiger Wertschätzung der Heimat vernommen. Der Ansiedler, welcher nach den ersten Jahren gemeinsamer Not zu einem verhältnismäßig großen Wohlstände gekommen ist, denkt nicht daran, Heimweh nach den pommerschen Gutsbezirken oder den Höhen des Hunsrücks und Idars zu empfinden, sondern findet seine neue Lage trotz der ununterbrochenen harten Arbeit in der Pflanzung ungleich erträglicher, da sie ihn niemals zu direkten Nahrungssorgen kommen läßt.

Um so eher sollte daher die Gefahr an ihn herantreten, nicht nur den Boden, auf dem er seine Ernte sammelt, lieb zu gewinnen, sondern auch die Sprache und Sitte derjenigen, welche vor ihm und mit ihm dieses Stück Erde bewohnt haben, der Brasilier. Aber die Vertreter des brasilischen Volkes lernte der deutsche Kolonist nur als das gewöhnliche, arme, unwissende Volk der Serra oder als Beamte der Regierung kennen. Der gewöhnliche Serraner, aller geordneten Arbeit abgeneigt, ohne Einteilung seiner Mittel in ewiger Armut, die teils seiner Bedürfnislosigkeit, aber auch seiner Trägheit entspringt, ohne Treue und Zuverlässigkeit in Handel und Wandel, dabei sehr oft der Spröß-ling aus Neger- und Indianerblut, im Konkubinat allen sinnlichen Ausschweifungen ergeben, konnte unmöglich dem deutschen Bauern nachahmenswert erscheinen. Der brasilische Beamte aber, welcher seine Stellung nur als Gelegenheit zu bequemem Leben auffaßte, sehr oft der Bestechung oder ähnlichen Einflüssen zugänglich war, niemals seinen Pflichten ehrlich und pünktlich nach“ kam, forderte notwendig zu einem Vergleiche mit seinen deutschen Amtsgenossen heraus. Diese Zusammenstellung aber mußte den deutschen Kolonisten geradezu zu einer Verachtung der gebildeten Brasilier führen. Dazu kamen viele persönliche Erfahrungen im Verkehr mit den Behörden und besonders der Rechtspflege, aus denen der Kolonist geschädigt und gewitzigt hervorging. Die Wahrnehmung aber, daß auch die wohlhabenden Brasilier durch ungeordnete Wirtschaft unaufhaltsam zurückgingen, die weitere Tatsache, daß verarmte Verwandte mit größter Unempfindlichkeit andern zur Last fallen und oft deren beschränkte Habe vollends mit verzehren, konnte den stets sparsamen und sehr haushälterischen Bauern erst recht nicht zur Sympathie mit den Eingeborenen verleiten. Einzelne Heiraten zwischen Deutschen und Brasilierinnen waren durch die fehlende häusliche Erziehung und die Arbeitsunlust der Frauen von schnellem Niedergang des Wohlstandes begleitet, sodaß heute noch eine solche Ehe zu den Seltenheiten gehört. Rein praktische Erwägungen lassen den Deutschen immer wieder ein deutsches Mädchen wählen. Dazu kommt noch der sehr gewichtige Umstand, daß der Deutsche sich inmitten vieler Landsleute leichter einlebt und wohlfühlt. Wo dieser Zusammenhang gelockert ist, da verliert auch der Deutsche seine Sprache und Sitte viel leichter. In den Städten, wo das brasilische Element vorherrscht, gibt es viel eher Deutsche, welche, im täglichen Verkehr mit Lusobrasiliern, deren Sprache so oft gebrauchen, daß sie dieselbe gern sprechen und damit unbewußt auch viele brasilische Gewohnheiten und Anschauungen annehmen. Kommt noch hinzu, daß ein solcher Deutscher eine Brasilierin heiratet, so kann man oft das beschämende Schauspiel erleben, daß im deutschen Hause nur portugiesisch gesprochen wird. Besonders in der Stadt Rio Grande ist diese Erscheinung nicht selten zu finden.

Den politischen Einfluß, welchen die Deutschen im Hinblick auf ihre Zahl unbedingt haben müßten, hat die Regierung zwar bis heute durch allerlei Wahlkniffe ihnen vorzuenthalten gewußt. Außerdem aber hat der Durchschnittskolonist wenig Lust, sein Wahlrecht zu betätigen, falls es ihm von der Behörde erteilt ist. Die fortwährende Unsicherheit der politischen Verhältnisse, die Unruhen der Revolutionsjahre mit ihren schweren Folgen für das Eigentum und den Wohlstand sind für den Deutschen nicht verlockend, für eine etwaige Betätigung politischer Gesinnung in unruhigen Zeiten die Kosten des Verfahrens an brasilische Feinde und Freunde in Gestalt seines Eigentums zu zahlen.

Leider hält sich aus diesem Grunde die deutsche Bevölkerung dem politischen Leben nun mit übertriebener Ängstlichkeit fern, sodaß bei den Wahlen auf der Kandidatenliste selten ein deutscher Name zu finden ist. Die Zahl der Deutschen berechtigt sie aber unbedingt dazu, auch ihren Willen und ihre Wünsche im Parlament und Senat durch Stammesgenossen vertreten zu sehen.

Bei der Unsicherheit der Angaben über die Kopfzahl der Deutschen im Staate Rio Grande do Sul ist es gewiß angebracht, ein Material zu verwerten, das ich in einer kleinen Arbeit meines Freundes G. Schlechtendal besitze.

Es ist merkwürdig, wenn auch bei dem Mangel an zuverlässiger Volksstatistik seitens des Staates erklärlich, daß man bei Abschätzung des deutschen Elementes in Rio Grande do Sul noch vollständig auf Mutmaßungen angewiesen ist, und daß diese privaten Abschätzungen ungeheuer auseinandergehen. Wenn so Dr. Königswald die deutsche Bevölkerung in Porto Alcgre auf etwa 12000 Köpfe angibt, so gibt es unter den Portalegresem viele, welche die Zahl als zu hoch oder zu niedrig gegriffen an-sehen. Diese abweichenden Schätzungen schwanken zwischen 8000 und 20000. Demgemäß tindet man in den Werken über Südbrasilien mit großer Ungenauigkeit die Zahl der Deutschen für den Staat Rio Grande do Sul zwischen 80000 und 200000 angegeben. Die statistischen Zusammenstellungen in den kirchlichen Gemeinden bieten bisher den einzigen, einigermaßen zuverlässigen Anhaltspunkt zur Lösung der Frage. Allerdings werden in ihnen nicht die Seelen, sondern die Hausstände der Gemeinden gezählt. Es gilt demnach, aus der Zahl der Familien die Kopfzahl selbst zu ermitteln. Versuche, die sich in einzelnen Gemeinden durchführen ließen, ergaben, daß letztere ungefähr das Sechsfache der ersteren ausmacht. In den Städten und älteren Gemeinden ist zwar der Ansatz der Familie zu sechs Köpfen zu hoch gegriffen, aber gerade hier leben so viele junge Leute als Angestellte außerhalb der Familien, daß sie die geringere Kinderzahl voll ersetzen.

In den jüngeren Kolonieen, in denen man im Durchschnitt zehn Kinder auf die Familie rechnen kann, heiraten aber wieder junge Leute sehr früh, sodaß auch neben kinderreichen Familien viele junge Haushalte treten, die unter der Durchschnittszahl sechs stehen. Die Berechnung der Kopfzahl wird leider dadurch lückenhaft, daß sich nicht alle deutschen Familien den Kirchengemeinden angeschlossen haben. Dies gilt besonders für Porto Alegre. Das Verzeichnis der evangelischen Gemeinde daselbst führt 450 Familien, das der katholischen 200 auf.

Im ganzen kommen also auf beide deutsche Gemeinden nur 650 Familien oder nach unserer Berechnung 4000 Seelen.

Die übliche Schätzung auf 10 000 Seelen beweist, daß die Zahl der Kirchenregister sich lange nicht mit der wirklichen Kopfzahl deckt. Die Zahl der nicht im Anschluß an Kirchengemeinden lebenden Familien ist auf den Kolonieen weit geringer. Die Kopfzahl der Deutschkatholiken wird von kompetenter Seite mit 50000 angegeben. Auf evangelischer Seite hat die Synode in 21 Gemeinden 5103 Familien oder 30 600 Seelen angegeben. Von acht Gemeinden fehlten die Angaben, dem Durchschnitt gemäß angesetzt, würden sie die Zahl auf 43 (Xß erhöhen. Es sind aber die Protestanten, welche sich der Synode noch nicht angeschlossen haben, auf ungefähr ebensovicle zu berechnen. Die Gesamtzahl der Deutschprotestanten dürfte nach meiner Schätzung wenigstens 100 00(3 betragen. Rechnen wir dazu die 50(.00 Deutschkatholiken, so gewinnen wir für die Gesamtheit der Deutschen im Staate Rio Grande do Sul die Zahl von 150 000 Seelen. Die Zahl der in Brasilien überhaupt lebenden Deutschen wird zwischen 350 000 und 400 000 liegen. Einen der Zahl nach so starken Bevölkerungsteil kann die Regierung um so weniger vernachlässigen, als er zugleich der wertvolle Träger der friedlichen Entwicklung auf wirtschaftlichem Gebiete ist. Auch den verstocktesten Jakobiner belehrt der Augenschein auf Schritt und Tritt über die großartigen Erfolge deutscher Kraft und deutschen Fleißes. Eine Regierung, welche so viele Tausende fleißiger und ordnungsliebender Bürger für sich gewinnen würde, müßte bedeutend gestärkt und gefestigt dastehen. Das hat besonders der allmächtige Chef der Regierungspartei in Rio Gr. do Sul eingesehen, und seit dieser Zeit ist ein weit besseres Verhältnis zwischen den maßgebenden Kreisen und den Deutschen eingetreten. Mag dieses auch nicht auf aufrichtigen seelischen Sympathieen beruhen, so wird es jedenfalls durch sehr praktische Gründe gestützt. Bei der Rechtlichkeit und ehrlichen Verwaltung des Dr. Castilhos, der kein Verständnis für finanzielle Unordnung hat, und an dessen Fingern trotz aller in den Kämpfen der Parteien sich bietenden Gelegenheit kein Staatsgut kleben blieb, kann man trotz aller Nachteile, die ein Partei-regiment stets hat, nur im Interesse der Deutschen wünschen, daß die Stetigkeit und Ordnung der Lage, welche Castilhos eingeführt hat, andauern und zu einem harmonischen Ausgleiche der ursprünglich vorhandenen Gegensätze führen. Ob die Deutschen unter einheitlicher Führung ihre stillschweigende Zustimmungspolitik weiter verfolgen, ob Rio Grande einmal selbständig werden wird, das sind Fragen der Zukunft. So viel aber ist gewiß, daß es den Brasiliern nie gelingen wird, die Deutschen sich einzugliedem, ebenso wenig aber wird es gelingen, die Brasilier zu verdeutschen. Die Gegensätze der Charaktere in Überlieferung, Sprache und Weltanschauung sind dazu zu heftig.

Jedenfalls aber nimmt das deutsche Element im östlichen Südamerika überhaupt eine Stellung ein, welche keine andere kolonisatorische Nation daselbst vor ihm und nach ihm behaupten konnte. Das Geheimnis aber, welches dieser erfreulichen Erscheinung zu gründe liegt, ist nicht groß. Deutsche Arbeit und Zähigkeit im Bunde mit deutscher Intelligenz haben den deutschen Namen zu Ehren, wenn auch nicht zum Gegenstände allgemeiner Liebe gebracht.

Das Verhältnis zwischen Brasiliern und Deutschen ist ein gutes, soweit erstere nicht durch positivistische Hetzereien voreingenommen sind. Von brasilischer Seite dürfte dem Deutschtum keine ernstliche Gefahr erwachsen. Viel ernstlicher ist der Mitbewerb, welchen nordamerikanische Sendboten auf allen Gebieten den Deutschen in Brasilien bieten. Sache der deutschen Heimat ist es, durch Nachschub frischen Blutes und Kapitals die schöne Siedlung Deutscher in Brasilien frisch zu erhalten.

Fast überall in der Welt ist die verpflanzte deutsche Eiche ausgeartet oder zu einer exotischen Spielart geworden, der man die Heimat nicht mehr anmerkt, nur auf dem Boden Südbrasiliens ist das Deutschtum rein geblieben und wird ein erfreuliches Zeugnis deutscher Arbeit bleiben in dem Kontinent, in welchen vor Jahrhunderten schon die Welser und Fugger den deutschen Unternehmungsgeist trugen, wenn auch mit keinem dauernden Erfolg.

Text aus dem Buch: Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums (1903), Author: Funke, Alfred.

Die einzelnen Buchkapitel:
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – Vorwort
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – I. Portugal
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – II. Spanien
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – III. Das Deutschtum Brasiliens
Die Zukunft der deutschen Beziehungen zu Brasilien

Die Besiedlung des östlichen Südamerika mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums

Die Kolonisationstätigkeit der Spanier kommt für uns nur insoweit in Betracht, als Teile des östlichen Südamerika von ihr berührt wurden. In erster Linie waren das die alten Missionen, das heutige Paraguay, West-Riogrande, Corrientes und die Banda Oriental (Uruguay).

Nachdem Magalhäes 1519 als erster den La Plata besucht hatte, war es Don Pedro de Mendoza, welcher den ersten Kolonisationsversuch dort machte. Ihm verdankt Buenos Ayres 1534 seine Gründung. Sein Nachfolger Ayolas legte 1537 Asuncion an, um von dort aus über die Anden nach Peru zu kommen. Der Versuch kostete ihm das Leben. Schon 1547 ist Asuncion Bischofssitz, neben ihm entstehen Ciudad Real und Santa Cruz, ebenso Siedlungen am unteren Laufe des Stromes. Nach einigen unruhigen Jahrzehnten, in denen Buenos Ayres wieder verlassen war, traf 1573 Juan de Garay ein, welcher Santa Fe gründete und Buenos Ayres wiederherstellte. Um letzteres zu erreichen, wurden die Indianer aufs heftigste bekämpft und niedergeworfen. Die schlechten Hafen Verhältnisse in Buenos Ayres wurden gebessert, und schon 1583 ging die erste Ladung Zucker und Häute von hier nach Spanien ab. In den nächsten Jahrzehnten wurden die spanischen Siedlungen immer weiter vorgeschoben, Paraguay wurde dabei der Stadt Tucuman unterstellt, 1596.

Wenige Jahre später aber machte die Tätigkeit der Jesuiten das unbedeutende Paraguay zu einer selbständigen Kolonie.

1620 wurden die Gebiete südlich vom Zusammenfluss des Parana und Paraguay unter dem Namen Rio de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Ayres selbständig und genossen im Gegensatz zu anderen spanischen Kolonieen eine größere Handelsfreiheit. So wurde 1602 schon der Stadt Buenos Ayres der direkte Handel mit dem brasilianischen Süden erlaubt. Daneben bestand zu allen Zeiten ein schwungvoller Schleichhandel mit fremden, besonders englischen Schiffen. Nach dem Abfall Portugals von Spanien kam cs zu häufigen Differenzen mit Brasilien, was aber gelegentliche freundschaftliche Beziehungen nicht ausschloß. So gestattete ein argentinischer Gouverneur den Portugiesen für ein gutes Trinkgeld, 70000 Indianer zu fangen!

Um sich die Freundschaft Portugals im spanischen Erbfolgekriege zu sichern, trat Spanien an Portugal seine Kolonie Sacramento gegenüber Buenos Ayres am La Plata ab, also Süd-Uruguay. Der Utrechter Friede bestätigte Portugal in diesem Besitz. Erst 1777 gelangte Spanien wieder in den Besitz von Sacramento, zu dem übrigens Montevideo nicht gehörte. Montevideo war stets in spanischen Händen geblieben.

Von grossem Einflüsse auf die La Plata-Länder, besonders auf Paraguay, war die Vertreibung der Jesuiten. Schon früh, anfangs des 17. Jahrhunderts, forderte auf Vorschlag des spanischen Statthalters Saavedra König Philipp III. den Jesuitenorden auf; die Mission in Paraguay zu übernehmen. 1610 bestand bereits am oberen Parana die erste Niederlassung, Loreto genannt. Die nachfolgenden Väter vermehrten die Zahl der „Reduktionen“ zum Ingrimm der Kolonisten und Franziskaner, welche bis dahin in der Kolonie missioniert hatten. Unbekümmert darum arbeiteten die Jesuiten weiter, die Zahl ihrer eingeborenen Schützlinge wuchs besonders durch die Stämme, welche vor brasilischen Sklavenjägern flohen. Menschenjagden in den Reduktionen unter den Augen des Gouverneurs Luiz de Cespedes 1620 veranlaßten die Jesuiten, weiter ins Innere des Landes zu fliehen. In Asuncion trat ihnen besonders der Bischof Cardenas, ein ehemaliger Franziskaner, entgegen, ließ den Pöbel auf die Väter los, ihre Kollegien niederbrennen und ihre Schulen schliessen. Doch bewaffneten 1648 die Jesuiten ihre Indianer mit Gewehren und nahmen ihre alte Stellung in Asuncion wieder ein.

Die Reduktionen standen schon damals in hoher Blüte. Gegen 100 000 Indianer weilten in Dörfern zu wenigstens 2500 Bewohnern. Jedes Dorf war mit einem Wall umgeben, die Kirche in der Mitte, die Leitung in den Händen eines Paters. Direkt am Walle lag das den einzelnen Familien zugeteilte Land, dahinter das gemeinsam bestellte, dann folgte das Weideland. Privateigentum und Erbrecht waren unbekannt. Drei Tage in der Woche mußten die Indianer das gemeinsame Land bestellen. Mais, Baumwolle, Zuckerrohr, Südfrüchte, Tee waren die Produkte der Reduktionen, welche daneben noch eine ausgedehnte Viehzucht trieben. Besonders Tee, Baumwolle und Cochenille wurden exportiert. Die ganze Bevölkerung des Gebietes war militärisch organisiert, der Schulunterricht geordnet.

Das Unternehmen der Jesuiten laborierte bei aller Verdienstlichkeit der Anlage doch an dem einen großen Fehler, daß in echt jesuitischer Weise den Eingeborenen jede Selbständigkeit , auch in den kleinsten Dingen, genommen wurde. Solche Gründungen konnten daher nur dort bestehen, wo jeder Verkehr der Untertanen mit Europäern verhütet werden konnte. Das sahen auch die Schüler Loyolas ein und lehnten es darum ab, Missionen am unteren La Plata zu errichten. Da die 33 Reduktionen weder Abgaben an die spanische Kolonialverwaltung zahlten, noch dieser anderen Vorteil brachten, so schlug bald das Interesse der spanischen Regierung für die Reduktionen in das Gegenteil um. Anfangs des 18. Jahrhunderts wurden die Patres sogar zeitweise aus Asuncion verbannt. Schlimmer war das Abkommen Spaniens mit Portugal im Jahre 1750 für den Orden Jesu. Portugal erhielt gegen Überlassung der Kolonie Sacramento sieben Jesuitenmissionen, welche binnen Jahresfrist von Patres und den etwa 30000 Indianern zu räumen seien. Kommissionen beider Regierungen sollten die Auslührung des Abkommens überw achen. Die spanische traf allerdings erst nach zwei Jahren ein.

Die Durchführung der Regierungsdekrete stieß aber auf den heftigsten Widerstand in den sieben Reduktionen, wo der offene Aufstand gegen Spanien ausbrach und die Indianer die Jesuiten beschuldigten, sie an Portugal verkauft zu haben. Die spanische Kommission zog es vor, nach Buenos Ayres umzukehren. Expeditionen von Buenos Ayres aus durch spanische, von Rio Grande aus durch portugiesische Truppen mußten nach mancherlei Verlusten umkehren. Die Bemühungen der Jesuiten, inzwischen in Madrid die Aufhebung des Vertrags zu erwirken, scheiterten. 1756 wurden neue Unternehmungen von Portugal und Spanien ausgerüstet, welche S. Luiz und S. Miguel ein-nahmen, im Nordwesten des heutigen Staates Rio Grande do Sul unter gleichem Namen gelegen. Nachdem auch S. Lorenzo gefallen war, unterwarfen sich die übrigen vier Reduktionen freiwillig.

Der Vertrag von 1750 wmrde zwar 1761 wieder aufgehoben, aber der alte Groll gegen die Jesuiten blieb bei den Diplomaten der iberischen Halbinsel bestehen. Ein ehemaliger Schüler der Jesuiten, der berühmte Minister Pombal, setzte die Vertreibung der Jesuiten aus Portugal und seinen Kolonieen durch, 1767 vertrieb Spanien nach dem Beispiele der Portugiesen die Jesuiten aus Paraguay. Die gefangenen Patres wurden nach dem Kirchenstaat gebracht.

Unter der folgenden spanischen und portugiesischen Staatsverwaltung verfielen die Reduktionen sehr schnell.

In der Zeit der argentinischen Wirren, der Kämpfe Englands gegen Spanien am La Plata, schuf sich der berüchtigte Dr. Francia in Paraguay eine Diktatur, während Montevideo d. h. das heutige Uruguay an Brasilien verloren ging. Brasilien hat das Land nicht behalten können, sondern seine Selbständigkeit in Verträgen mit Argentinien zugestehen müssen.

Schwere Erschütterungen hat das einst so blühende Paraguay durchzumachen gehabt durch die verwegenen Kämpfe, welche der Diktator Lopez gegen das vereinigte Brasilien, Uruguay und Argentinien führte. Lopez hielt sich für berufen, der zweite Napoleon in Südamerika zu werden, und begann nach Verweigerung der Hand einer brasilischen Prinzessin den unseligen Paraguaykrieg 1864—1870, in dessen Verlauf das paraguaysche Volk verblutete und das Land verarmte und verödete. Nach dem Untergange des Diktators Lopez herrschte verhältnismäßig lange Ruhe in den mittlerweile selbständig gewordenen, einst spanischen Besitzungen, in welchen nun eine friedliche Kolonisationstätigkeit begann. Der Osten und Süden des südamerikanischen Kontinents trat damit aus dem Stadium kriegerischer Verwicklung in die Periode der wirtschaftlichen Erschliessung seiner weiten und ertragsfähigen Gebiete. Fast alle Nationen Europas nahmen teil an diesem wertvollen Wettkampfe; europäisches Kapital und europäische Ansiedler, früher absichtlich ausgeschlossen, zeigten nun ihre zivilisatorische Kraft und wurden zum wichtigsten Kulturfaktor der südamerikanischen Staaten.

Während im Süden des Kontinents, in Argentinien, die Italiener die an Zahl und Einfluß stärksten Ansiedler wurden und die Mitbewerber anderer Nationalität, Deutsche, Schweizer, Spanier, Engländer und Franzosen, weit hinter sich ließen, ist im Osten Südamerikas das Deutschtum der mächtigste Kulturträger geworden. Uruguay, bis in die neueste Zeit von den Parteikämpfen der Blancos und Colorados erschüttert, war nicht geeignet, eine nennenswerte europäische Siedlung anzuziehen, ebensowenig das völlig verarmte Paraguay. In Uruguay ist es deutscher Handel, welcher in der Hauptstadt eine Rolle spielt, während das Land selbst, in erster Linie die Domäne der großen Estancieiros, wenige Ackerbauer deutscher Zunge besitzt.

Viel wichtiger ist die Stellung des Deutschtums in dem ehemaligen Kaiserreich Brasilien, der heutigen Republica dos Estados Unidos do Brazil, geworden. Besonders die Südstaaten Parana, Santa Catharina und Rio Grande do Sul bergen viele deutsche Ansiedler, aber auch Rio de Janeiro, Minas Geraes, S. Paulo, Espirito Santo sind von deutschen Kolonisten aufgesucht worden.

Text aus dem Buch: Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums (1903), Author: Funke, Alfred.

Die einzelnen Buchkapitel:
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – Vorwort
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – I. Portugal
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – II. Spanien
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – III. Das Deutschtum Brasiliens
Die Zukunft der deutschen Beziehungen zu Brasilien

Die Besiedlung des östlichen Südamerika mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums

Mit vollem Recht hat man die Portugiesen als die Väter aller modernen Kolonialpolitik bezeichnet, denn sie zuerst haben das Geheimnis, welches Jahrtausende lang über fast ganz Afrika und Asien, Amerika und Australien lagerte, enthüllt und den Seemächten Europas den Weg zu neuer politischer, kommerzieller und kultureller Tätigkeit gezeigt, sie nahmen die längstvergessene Erbschaft der Phönizier wieder auf.

Seit den Tagen der Karthager und Tyrier hatte man keine Vorstellung mehr von dem atlantischen Gestade Nordwestafrikas, selbst zu den westeuropäischen Häfen wagten sich die Mittelmeerfahrer lange Zeit hindurch nicht durch die Säulen des Herkules. Erst Genuesen des 14. Jahrhunderts erwiesen die ungeheuerlichen Vorstellungen, welche die europäischen Seefahrer beherrschten, als Ausgeburten der Phantasie. Sie entdeckten die „glücklichen Inseln“, die Kanarengruppe. Bald folgten Portugiesen und Spanier den Genuesen. Die Azoren und Madeira, kaum entdeckt, wurden bald zum Gegenstand von Besitzstreitigkeiten. Anfangs des 15. Jahrhunderts versuchte der Normanne Bethencourt die Kolonisation dieser Insel, welche zwar scheiterte, aber die Ansiedler erhielten dort zum ersten Male Nachrichten von dem Goldlande Senegambien, der Guineaküste und Timbuktu. Sie waren auch die Träger verworrener Gerüchte von der Existenz eines mächtigen afrikanischen Reiches unter dem fabelhaften „Erzpriester Johannes“. Der Glaube an dieses Priesterreich ist nicht die letzte Ursache der späteren Entdeckungsreisen gewesen, deren geistiger Urheber Dom Henrique von Portugal, der 1394 geborene Prinz Heinrich „der Seefahrer“ war. Er gründete eine Marineschule am Strande von Sagres, widmete sich auf seiner Burg am Kap S. Vicente ernsten mathematischen und geographischen Studien, die er in regem Umgänge mit Seefahrern und Männern der Wissenschaft noch vertiefte, wo‘ er konnte, und setzte sein Ansehen als Prinz von Geblüt und als Großmeister des Christusordens, der im Kampfe gegen die Mauren sich mit Ruhm bedeckt hatte, für die Erforschung der westafrikanischen Küste und die Entdeckung des Seeweges nach Indien ein. Noch fehlten Portugal die geeigneten Seeleute, daher berief er Italiener und Deutsche als Lehrmeister. 1419 trugen die Bemühungen Dom Henriques die erste Frucht: Porto Santo in der Madeiragruppe wurde von den Portugiesen besetzt. Baitolomeu Perestrelo, der nachmalige Schwiegervater des Kolumbus, wurde zum Gouverneur der Insel ernannt, und Kolumbus selbst wohnte eine Zeit lang hier. Von Porto Santo aus wurde Madeira besetzt.

Diese Erstlingserfolge trugen dem Infanten indes durchaus keine Anerkennung in der Heimat ein. Weder Kaufleute noch Reeder wollten von den Erwerbungen etwas wissen. Doch der Prinz ließ sich durch solche ablehnende Urteile nicht beirren. 1434 umsegelte endlich einer seiner Kapitäne das gefürchtete Kap Bojador; 1441 wurde die Flagge Portugals schon südlich von der Mündung des Rio do Ouro gezeigt. Mit dem Eintreffen der ersten afrikanischen Ladung schlug natürlich auch die Stimmung der Handelsherren und Seeleute am Tejo zu Gunsten Heinrichs und seiner Pläne um. Bereits 1444 finden wir eine portugiesische Kompanie in Lagos, welche das ihr vom Infanten verliehene Handelsmonopol zur Sklavenausfuhr nach Portugal benutzte.

Selbst der 1400 eintretende Tod des Prinzen Heinrich unterbrach die Reihe der portugiesischen Fahrten und Entdeckungen nicht mehr. Man hatte den Wert derselben erkannt und setzte die Arbeit des Verewigten fort. Fernäo Gomez verpflichtete sich 1469 unter Dom Affonso V. als Pächter des westafrikanischen Handels, jährlich 300 Meilen der Küste südlich von Sierra Leone zu erkunden. Er entdeckte die Goldküste, Ilha do Principe und Säo Thome. Auf der Karte des Fra Murano (ca. 1470) ist auf Grund dieser Forschungen und arabischer Nachrichten schon das Südkap Afrikas, Sofala und Sansibar angegeben.

Unter Dom Joao II. tauchte wieder die Mär von dem Reiche des Erzpriesters Johannes auf, jedenfalls ein übertriebener Bericht von der christlichen Enklave im Hochlande Habesch, und veranlaßte die Entsendung des Bartholomeu Diaz 1486. Dieser fuhr als erster um die Südspitze Afrikas, das Cabo das Tormentas, von Dom Jofio II. aber Cabo da Boa Esperan^a getauft, nachdem schon 1484 die Kongomündung durch Diogo Caos und Martin Behaim entdeckt worden war.

Dom Joao II. suchte durch eine päpstliche Bulle den Besitz aller neuen Entdeckungen für die Krone Portugal zu sichern, geriet aber dabei in ernstliche Differenzen mit Spanien.

Nachdem Papst Alexander VI. durch eine Bulle vom 3. Mai 1493 dem Könige Ferdinand von Spanien den Besitz der von Christobal Kolumbus entdeckten und noch zu entdeckenden transatlantischen Gebiete bestätigt hatte, bestimmte eine zweite Bulle vom 4. Mai 1493 …. de Apostolicae potestatis plenitu-dine omnes insulas et terras firmas inventas et inveniendas, detectas et detegendas versus occidentem et meridiem fabricando et construendo unam lineam a Polo Arctico seil, septentrione ad Polum Antarcticum seil, meridiem, quae linea distet a qua-libet insularum quae vulgariter nuncupantur de los Azores y Cabo Verde centum leucis versus occidentem et meridiem: ita quod omnes insulae et terrae firmae repertae et reperiendae, de-tectac et detegendae a praefata linea versus occidentem et meridiem per alium regem aut principcm Christianum non fuerint actualiter possessae, vobis coneedimus, assignamus, vosque et haeredes ac successores illarum Dominos facimus, constituimus et deputamus. Daß nach dieser päpstlichen Entscheidung Spanien alle Länder westlich einer Linie zufallen sollten, die 100 Leguas von den azorischen und kapverdischen Inseln durch das Weltmeer lief, erregte in Lissabon ungeheure Aufregung, denn Kolumbus hatte nach allgemeiner Meinung Indien entdeckt, welches somit an Spanien fallen sollte. Nun hatte aber bereits.

Papst Martin V. das zu entdeckende Indien der Krone Portugal zugesprochen, die Bulle Alexanders VL stand also anscheinend im schreiendem Widerspruch zu der Entscheidung seines Vorgängers auf dem Stuhle Petri. Schon rüsteten beide Könige zum Kriege, als glücklicherweise der 7. Juni 1494 das Abkommen von Tordesillas brachte, welches die fragliche Grenzlinie aut eine Entfernung von 370 Leguas westlich von den Azoren und Kapverden festsetzte.

Schon 1498, am 20. Mai, unter Dom Manoel II. ankerte das Geschwader Vascos da Gama vor Calicut. Das langersehnte Indien war gefunden und der Krone Portugal gesichert, der Traum Heinrichs des Seefahrers war in Eifüllung gegangen.

Dieser ersten glücklichen Expedition unter Vasco schlossen sich natürlich neue in gedrängter Folge an. Der „Herr der Eroberung, Schiffahrt und des Handels von Äthiopien, Persien und China, wie sich Manoel II. nun stolz nannte, sandte schon am 9. März 1500 ein Geschwader von 13 Schiffen unter Pedro Alvares Cabral aus, um neue Verbindungen mit den westafrikanischen Häuptlingen anzuknüpfen, Faktoreien an der Küste als Stützpunkte der Indienfahrten anzulegen und in Calicut selbst ein freundliches Verhältnis mit dem Zamorin einzugehen. Dort standen den Portugiesen besonders die arabischen Händler, welche die Schiffahrt zwischen Indien, den Küsten des Persischen und Roten Meeres seit langer Zeit betrieben, im Wege. Eine Hauptaufgabe Cabrals war cs, den Zamorin zur Vertreibung der Araber zu bewegen. Die blutigen Verwicklungen, die sich aus dem Vorgehen Cabrals zwischen Portugal und dem von den Arabern aufgestachelten Zamorin von Calicut entspannen, fallen nicht in den Rahmen unserer Betrachtung.

Am Bord eines der Schiffe Cabrals befand sich auch der berühmte Bartholomeu Diaz. Vor Kap Verde verlor ein Schiff den Kurs und kehrte nach Lissabon zurück. Die übrigen steuerten gemäß den Ratschlägen Vascos und der königlichen Instruktion möglichst weit nach Osten, gerieten so in den ihnen unbekannten Brasilstrom und in östliche Winde, sodaß sie am Osterdienstag, 15. April 1500, ein unbekanntes Gestade sichteten. Damit war Brasilien von Cabral entdeckt. Am 2. Mai setzte Cabral seine Indienfahrt fort, nachdem er zwei zu lebenslänglicher Haft verurteilte Verbrecher am Strande unter den Eingeborenen zurückgelassen hatte. Der Zufall hat uns den Namen des einen, Affonso Ribeiro, erhalten. Die Portugiesen hatten diese Zwangsansiedlung von Verbrechern eingeführt in der Absicht, in diesen ausgesetzten Schelmen Dolmetscher bei späteren Landungen zu finden.

Cabral ergriff zwar in feierlicher Form zuerst Besitz von Vera Cruz, später Terra de Santa Cruz, bald allgemein Brasil aus bekanntem Grunde genannt, doch war er nicht der erste Europäer, der den brasilianischen Strand betrat. Schon Ende Juni 1409 erschien Alonso da Hojeda mit Amerigo Vcspucci und Joiio de la Cosa an der Mündung des Rio das Piranhas oder des Apody. Am 25. Januar 1500 entdeckte Vicente Yaney Pinzon das Cabo de Santa Maria de la Consolacion, nach allgemeiner Annahme das Kap S. Apostinho an der Nordostküste Brasiliens, und gelangte bis zur Mündung des Amazonas.

Endlich lief Diogo de Lepc mit zwei Schiffen im Dezember 1499 von Palos aus, kam einen Monat später als Prinzon an die Küste Brasiliens und hatte mit den Eingeborenen des später Maranhfio genannten Landes Kämpfe zu bestehen.

Alle drei Spanier verfolgten ihre Entdeckung nicht weiter, sodaß Portugal keinem Widerspruch bei seiner Besitzet klärung begegnete.

Cabral hatte, ehe er von Porto Seguro nach Indien weitersegelte, auf welcher Fahrt übrigens Bartholomeu Diaz den Tod in den Wellen fand, Caspar de Lemos nach Lissabon zurückgesandt, um Dom Manoel 11. die Kunde von der unet warteten Entdeckung zu bringen.

1501 gingen die ersten portugiesischen Schiffe nach der „Insel Vera Cruz“ ab, wie man anfangs das neue Land be-zeichnete. 1503 folgte ein zweites Geschwader. Die Entdeckungen des Kap S. Agostinho, S. Roque, S. Thome, des Rio de Janeiro, von Angra dos Reis, S. Sebastiäo und S. Vicente ließen indes keinen Zweifel mehr bestehen, daß man es nicht mit einer Insel, sondern mit einem gewaltigen Festlande zu tun hatte.

Affonso de Aibuquerque, Francisco de Almeida, Tristäo da Cunha und andere Indienfahrer liefen in den nächstfolgenden Jahren das neuentdeckte Land entweder in Porto Seguro (Bahia) oder der von Amerigo Vespucci angelegten Station Cruz an. Sonst legte Portugal seinem neuen Besitze wenig Wert bei. Das Handelsmonopol wurde zwar an den Reeder Fernando Noronha, nach welchem die kleine Insel im Südatlantic benannt ist, verpachtet, doch konnte der brasilianische Handel den Vergleich mit den reichen Erzeugnissen Indiens nicht aushalten. Von Ansiedlungsversuchen im 16. Jahrhundert verlautet wenig. Diogo Alvarez, der nach einem Schiffbruche sich 1510 im heutigen Bahia niedergelassen hatte, suchte vergeblich in späteren Jahren Auswanderer von Portugal nach Brasilien zu ziehen. Nur einige Juden folgten ihm, um der Inquisition zu entgehen.

Der Hof zu Lissabon wurde aber durch unangenehme Vorkommnisse aus seiner Gleichgültigkeit aufgcrüttelt. Kauffahrer und Sklavenjäger fremder Flagge suchten bald die Küste Brasiliens auf, besonders französische Schifte. Diplomatische Schritte Portugals in Paris hatten keinen Erfolg, sodaß Dom Joäo III. endlich Schritte zum Schutze Brasiliens tun mußte. 1526 erschien Christoväo Jaquez mit einem Geschwader, legte in Pernambuco ein Fort an, nahm drei französische Segler in Bahia weg, wurde aber bald wieder abberufen. Das Fort wurde von Franzosen zerstört, die Küste gebrandschatzt.

Erst die Nachricht, daß die Spanier am La Plata reiche Minen entdeckt hätten, brachte Leben in die portugiesischen Regicrungskreise. Martim Affonso de Souza wurde 1530 mit einem Geschwader entsandt, um eine Verwaltung in Brasilien zu errichten, Ländereien an Ansiedler zu vergeben und die Gebiete am La Plata womöglich für Portugal zu sichern. Er legte nach Verjagung der Franzosen aus Pernambuco eine Station in der Bucht Rio de Janeiro an, lief S. Paulo an, wo bereits portugiesische Siedler saßen, mußte aber nach einem vergeblichen Versuche, in den La Plata einzudringen, den Stürmen am Kap Maldonado weichen, kehrte um und legte an der Bai S. Vicente (S. Paulo) zwei Kolonieen an, Piratininga auf dem Festlande, S. Vicente auf der Insel, auf welcher heute Santos liegt.

Während dieser Zeit kreuzte Pero Lopez an der nord-brasilianischen Küste und vertrieb die Franzosen, welche wieder in Pernambuco Fuß gefaßt hatten. Nach der Rückkehr Souzas und Lopez’ entschloß sich die Regierung in Lissabon, einem schon von Jaquez gemachten Vorschläge ernstlich näher zu treten, um die Kolonisation Brasiliens in geordnete Bahnen zu leiten. Wie einst Madeira und die Azoren an Unternehmer (donatarios) als erbliche Lehen verliehen wurden, welche von hren Herren auf deren Kosten besiedelt werden mußten, so teilte man nun auch Brasilien in Capitanias, fünfzehn parallel zu einander verlaufende Gebiete, ein. Die zwei südlichsten Lehen hießen S. Amaro, die beiden folgenden S. Vicente, die nächsten S. Thome, Espirito Santo, Porto Seguro, Dos Ilheos, Bahia, Pernambuco, Itamaracä. Daran schlossen sich noch vier Capitanias im Norden, welche keinen besonderen Namen erhielten.

In diesen Lehen behielt sich die Krone das Bestätigungsrecht bei etwaigem Besitzwechsel, die Zölle, das Monopol auf die wichtigsten Kolonialprodukte, ein Fünftel von allen Edelmetallen und -steinen, sowie den Zehnten von allen Erzeugnissen vor. Der Donatario, „Kapitän und Gouverneur“, durfte sein Land frei vererben, bekam den Zehnten vom Kronanteil an Metallen und Edelsteinen, ein Zwanzigstel vom Fischfang und Brasilholz und hatte das Monopol auf Salzwerke, Wassermühlen und Fähren. Die Indianer, falls sie nicht zum Christentum bekehrt waren, durfte er zu Sklaven machen und gebührenfrei in Portugal verkaufen, Landbesitz verteilen, Städte gründen und die Verwaltungsbeamten und Richter ernennen. Martini Affonso de Souza, obwohl nach Indien abberufen, tat am meisten für seine Capitanie. Er sandte Kolonisten, die mit Hilfe westafrikanischer Sklaven Mais, Mandioca, Tabak, Baumwolle und besonders Zuckerrohr pflanzten. An blutigen Zusammenstößen mit Indianern fehlte es nicht. Anderseits lebten die portugiesischen Siedler sehr früh mit den eingeborenen Weibern im Konkubinat, ebenso mit den Negerinnen, sodaß sich schon sehr bald Mischlinge aller drei Rassen im Lande verbreiteten. Ein Beispiel ähnlicher Natur bietet die Geschichte der portugiesischen Siedlung in Ost- und Westafrika. In Espirito Santo entstanden 1535 die Städte Espirito Santo und Viktoria. Hier wurden zum Nachteil der Kolonie besonders viele Verbrecher angesiedelt. Nach Porto Seguro kamen viele spanische Kolonisten. Die Capt. dos Ilheos fing Zuckerrohrbau im großen an. In Pernambuco entstand neben Recife 1535 die Stadt Olinda. Hier blühte bald Zuckerrohr- und Baumwollenkultur. Große Erfolge erzielte indes die Regierung mit dieser Einteilung in 15 Capitanias nicht. Nur drei derselben zeigten einigen Fortschritt. Zudem betrieben nach wie vor die Franzosen ihr Unwesen an der Küste. 1549 wurde daher in Thome de Souza der erste Generalgouverneur des Landes ernannt, der von Bahia, dem neuen Sitz der Zentralregierung aus die Oberaufsicht über die gesamten Capitanias führen sollte. Thome de Souza fand besondere Unterstützung durch eine Anzahl Jesuitenpatres, welche ihn nach Brasilien begleitet hatten; unter ihnen that sich besonders P. Manoel de Nobrega hervor. Ihre Tätigkeit richtete sich besonders auf die Zähmung der Indianer. Sie erlernten schnell die Indianersprachen, gewannen durch Unterricht besonders die junge Generation und bewogen manche Stämme, sich vereint anzusiedeln und Ackerbau zu treiben. Die erste dieser Jesuitenmissionen wurde bei Salvador in S. Paulo angelegt. Mit demselben Eifer gingen die Jesuiten gegen die Zuchtlosigkeit der Weißen vor. Sie duldeten nur rite geschlossene Ehen und veranlaßten Sendungen portugiesischer Mädchen, um dem Konkubinat mit Farbigen zu steuern.

Die Regierung in Lissabon unterstützte den Generalgouverneur nicht, als er in der Bai von Rio de Janeiro, in der noch immer französische Schifte verkehrten, eine befestigte größere Niederlassung gründen wollte. Diese Lässigkeit sollte sich bald rächen. Der Maltcserritter de Villcgaignon gewann im Hinblick auf die vorzügliche Lage der Bai von Rio den Admiral Coligny für den Plan, die Bai zu besetzen und hier in erster Linie für die Hugenotten eine Freistätte in Brasilien zu gründen. Coligny erwirkte vom Könige von Frankreich drei Schifte für Villcgaignon, und die geplante Niederlassung entstand 1555. Leider schlichen sich konfessionelle Zwistigkeiten unter die französischen Siedler ein, sodaß Coligny bald seine Hand zurückzog. Infolgedessen faßten die Portugiesen Mut, und der dritte Generalgouverneur Mein de Sä zerstörte das französische Fort in der Riobai nach blutigem Kampfe, ohne die eigentliche Niederlassung der Franzosen einnehmen zu können, da die kriegerischen Indianerstämme jener Gegend auf seiten der Franzosen standen. Erst 1566, nachdem der Neffe des Generalgouverneurs, Estacio de Sä, in heftigen Kämpfen, bei welchen er selbst fiel, die Eroberung vorbereitet hatte, vermochte Mem de Sä die französische Niederlassung endgültig zu vernichten. An ihrer Stelle gründete er S. Sebastiäo do Rio de Janeiro. Spätere Versuche Frankreichs, in Pernambuco und noch einmal (1568) in Rio de Janeiro sich fcstzusetzen, schlugen fehl. Damit waren die Franzosen definitiv von der Kolonisation des östlichen Südamerika ausgeschlossen. Die blutigen Kämpfe an der Bai von Rio aber hatten bewiesen, daß die portugiesische Regierung der Indianerfrage bedeutend mehr als bisher ihre Aufmerksamkeit widmen müsse, wenn sie in Brasilien dauernd herrschen wollte. In dieser Frage stand die Auffassung der Kolonisten, welche alle Indianer als geborene Sklaven betrachteten, derjenigen der Jesuiten schroff gegenüber, welche die Indianer in geordneten Gemeinden sammeln wollten und dort seßhaft zu machen suchten. Sie erhoben daher gegen die Grausamkeit der Kolonisten Protest und wirkten am Hofe zu Lissabon für ein Verbot der Indianersklaverei, das sie wirklich wiederholt erlangten. Natürlich wuchs dadurch die Erbitterung der Kolonisten, welche nicht das Geld besaßen, um Neger zu kaufen, gegen die Jesuiten, von denen sie behaupteten, daß sie die Indianer in ihren Reduktionen auch nur zur Sklavenarbeit benutzten und so durch die Ordensplantagen den Kolonisten eine heftige Konkurrenz schüfen. Der König, an den sich beide Parteien beschwerdeführend wandten, überwies die Sache der Mesa da Consciencia. Diese suchte sich mit dem sehr dehnbaren Gesetz aus der Verlegenheit zu ziehen, daß nur solche Indianer, welche in einem „gerechten“ Kriege gefangen, von ihren Eltern verkauft würden oder sich selbst verkauft hätten, von den Kolonisten als Sklaven gehalten werden durften. Damit konnte jeder Mißbrauch gerechtfertigt werden, wie die Jesuiten sofort erkannten Nach jahrelangen Arbeiten gegen dieses Gesetz erlangten sie 1570 das Dekret, daß „alle zur Knechtung von Indianern üblichen und erlaubten Mittel und Wege“ verboten sein sollten. Dadurch verloren die Kolonisten ihre indianischen Sklaven, während die Jesuitenredüktionen bedeutend verstärkt wurden. Sklavenregister sorgten zudem dafür, daß die Kolonisten keine heimlichen Sklavenkäufe machen durften. In diese Zeit fällt der Wechsel der Dynastie auf dem Throne Portugals. Der vierzehnjährige Dom Sebastian gelangte 1569 zur Regierung, stürzte sich in ein abenteuerliches Unternehmen gegen die Mauren Nordafrikas und fiel 1578 mit der Blüte des portugiesischen Adels bei Alcacerquivir. Wieweit die Agenten Philipps II. von Spanien bei dem Entschluß des jungen Königs tätig gewesen sind, kann nicht mehr entschieden werden. Jedenfalls zog nach der kurzen Regierung des alten und kränklichen Kardinals Dom Henrique (1578—1580) Herzog Alba mit 25000 Spaniern in das Land ein und schlug die Anhänger der Duqueza da Braganya und des Dom Antonio, Priors vor Crato, zweier Kronprätendenten, nieder. Damit war Philipp If. Herr in Portugal. Auch Brasilien huldigte ihm feierlich im Jahre 1582. Damit trat Brasilien aber auch in die Welthandel Spaniens ein, doch nur, um von den Feinden Spaniens, das sich lediglich um Peru und Mexiko kümmerte, gebrandschatzt zu werden.

Nachdem 1582 zwei englische Kauffahrer von drei spanischen Kriegsschiften vergeblich angegriffen worden waren, übten die Engländer Rache. 1586 verwüstete ein englisches Geschwader Bahia; Thomas Cavendish plünderte 1591 Santos und verbrannte Säo Vincente. 1595 statteten englische Korsaren dem reichen Pernambuco Besuche ab und nahmen die reichen Vorräte der Stadt Recife weg. Wie groß diese Beute war, zeigt der Umstand, daß die Engländer noch drei holländische und fünf fran-züsiche Schiffe chartern mußten, um den Raub zu bergen. Erst der Friede Spaniens mit England 1604 verschaffte Brasiliens Küste Ruhe.

Dafür aber richtete ein neuer Gegner Spaniens seine Blicke auf Brasilien: die Holländer. Nach einem Kaperkriege gegen spanische Brasilfahrer, der in gelegentlichen Aktionen von 1604 bis 1620 währte, eröffnete die 1621 gegründete, von den Generalstaaten genehmigte Niederländisch-westindische Kompanie einen planmäßigen Feldzug gegen die spanische Kolonie Brasilien. Trotz der Erfahrungen im Kaperkriege hatte die spanische Regierung nichts Nennenswertes zum Schutze der wertvollen Kolonie getan, sondern die Weisheit des Hofes in Madrid erging sich in der Ausweisung aller Fremden aus Brasilien und der beliebten Hetze gegen getaufte Juden und Mauren. Diese strälliche Sorglosigkeit ebnete einem holländischen Geschwader den Weg, welches 1624 mit 23 Segeln, 500 Kanonen und 1700 Mann, ohne die 1600 Mann starke Besatzung zu rechnen, unter dem Admiral Jakob Willekens erschien und Bahia de Todos os Santos fast ohne Schwertstreich nahm (10. Mai 1624). Die Holländer vermochten sich allerdings nicht dauernd zu halten, da der Nachschub an Schiffen und Truppen zu spät eintraf, um die spanische Flotte von 67 Segeln und 12000 Mann an der Wiedereinnahme von Bahia zu hindern. Auch spätere Versuche Hollands, in Brasilien dauernd Fuß zu fassen, scheiterten, bis 1628 der Admiral Pieter Heyn die spanische Silberllotte wegnahm. Damit rüsteten die Holländer eine starke Flotte aus, welche 1630 vor Olinda, der Nachbarstadt Pernambucos (Recifes), erschien.

Vergebens suchten Spanier und Portugiesen in Landguerilla und Seeschlachten die Holländer aufzureiben. Eine Zeitlang schienen die Holländer, welche Olinda aufgaben und niederbrannten, dafür aber sich tapfer in Recife hielten, durch Hunger gezwungen, kapitulieren zu müssen, da die berüchtigten Com-panhias de emboscada, darunter die des Indianers Poty, alle Zufuhr vom flachen Lande abschnitten. Aber aus dieser Notlage wurden sie von einem verräterischen portugiesichen Mulatten, Domingos Fernandes Calabar, befreit.

Jedes Weges im Lande kundig, führte Calabar holländische Streifkorps, welche die eingeschlossene Garnison mit Lebensmitteln versorgten und vereinzelte feindliche Abteilungen vernichteten. So eroberten die Holländer 1634 Rio Grande do Norte und Parahyba, nachdem fast ganz Pernambuco in ihren Händen war. Aus diesen Kapitanien und Itamaracä bildeten sie 1635 die Kolonie Neu-Holland.

Die Holländer richteten ihr Augenmerk vor allen Dingen darauf, die Portugiesen in Brasilien mit dem neugeschaffenen Zustande der Dinge zu versöhnen, die Regierung verbürgte daher sofort allen Kolonisten Freiheit der Person, des Eigentums und der Religionsübung. Leider wurde dieses verständige Vorgehen der Behörden durch die Willkür der Ortsbeamten und Soldaten sehr oft gestört, auch konfessionelle Streitigkeiten ließen keinen rechten Frieden aufkommen. Dabei waren sich die Generalstaaten völlig bevvußt, daß Spanien das wertvolle Land, das in holländischem Besitz war, nicht ohne ernste Kämpfe aufgeben würde, und ihre nächste Sorge betraf die Verstärkung der militärischen Position Neu-Hollands. An die Spitze der Militärverwaltung wurde 1636 der Graf Johann Moritz von Nassau-Siegen berufen und traf im Januar 1637 in Recife ein.

Ungesäumt ging er zum Angriffe gegen die spanisch-portugiesischen Streitkräfte vor, vertrieb sic aus Alagöas und drang auch nach Norden bis zum Cearäflusse vor. Zugleich nahm er portugiesische Stationen in Westafrika weg, so S. Paulo de Loanda, S. Jorge de Mina und S. Thome, und führte von dort die von den Kolonisten sehnlichst gewünschten Neger als Arbeitskräfte ein, was bis dahin nicht möglich gewesen war. Holland besaß vorher keine Länder und Faktoreien in Afrika, und der Mangel an Zufuhr von Negern nach Brasilien unter holländischem Regiment war einer der Gründe zur Mißstimmung der Pflanzer gegen die Generalstaaten gewesen.

Ein Vorstoß nach Süden, um Bahia zu nehmen, scheiterte indes trotz der Tapferkeit Nassaus an der Wachsamkeit des Kommandanten von Bahia, Grafen Bagnuolo, und dem Ausbruch von Seuchen im holländischen Lager. Die Generalstaaten waren töricht genug, trotz aller Reklamationen Nassaus nicht rechtzeitig und in genügendem Maße für Ersatz verlorener Streitkräfte zu sorgen. Höchstwahrscheinlich lag diesem Verfahren der Generalstaaten ein geheimes Mißtrauen gegen etwaige Autonomiegelüste des Grafen Moritz zu gründe. Doch vermochte Nassau wiederholte Angriffe portugiesischer Geschwader aut Neu-Holland abzuweisen. Müde der ewigen Guerilla, welche jahrelang die Grenzländer der Gegner in Brasilien verwüstete, kamen der 1640 eingesetzte Vizekönig Jorge Mascarenhas und Moritz von Nassau dahin überein, einen vorläufigen Waffenstillstand zu schließen.

Die Sachlage veränderte sich aber mit einem Schlage, als sich 1640 Portugal von Spanien losriß und unter Joao IV. von Braganca im Haag ein Schutz- und Trutzbündnis gegen den gemeinsamen Feind Spanien anbot. Dabei verlangten die Portugiesen allerdings die Rückgabe aller während der spanisch-portugiesischen Ära von den Holländern genommenen Kolonieen, was Holland natürlich verweigerte. Die Generalstaaten schlossen zwar Frieden und Bündnis mit Joao IV., wiesen aber Nassau an, möglichst große portugiesische Kolonialländereien vor Regelung der Frage der Rückgabe der Kolonieen zu nehmen. Graf Moritz nahm daher ganz Sergipe, S. Luiz de Maranhäo und selbst Angola, das allein an Sklavenhandel den Portugiesen einen jährlichen Reingewinn brachte, der sich nach heutigem Gelde auf wenigstens 4 Millionen Mark belief.

Bei der Ratifikation des Vertrags im Haag, am 12. Juni 1641, setzte es Holland tatsächlich durch, daß es im Besitze seiner Eroberungen blieb, und sich nur zur Stellung eines Hilfsgeschwaders gegen Spanien verpflichtete.

Mit diesem strategischen und diplomatischen Erfolge hielt aber die innere Entwickelung des holländischen Brasilien durchaus nicht gleichen Schritt. Graf Moritz hatte zwar den redlichen Willen, den durch die langen Kriegsjahre, Arbeitermangel, eine Krankheit des Zuckerrohrs und Pocken arg geschädigten Betrieb der pernambucanischen Zuckerpflanzungen wieder zu heben, aber die Eifersucht der Generalstaaten, das Mißtrauen der westindischen Kompanie, konfessionelle Fehlgriffe hemmten und lähmten die Tatkraft Nassaus. Vergebens sandte er seinen Sekretär nach dem Haag, um die Generalstaaten auf die furchtbare Gefahr aufmerksam zu machen, welche in der wachsenden Unzufriedenheit der portugiesischen Kolonisten lag. Wie richtig der Graf Moritz die Lage der Dinge beurteilte, zeigte schon das Jahr 1642, wo das eben erwähnte Maranhäo nebst Cearä von den Holländern vor den aufständischen Portugiesen und Indianern geräumt werden mußte und auch S. Thome revoltierte. Trotzdem setzte die westindische Kompanie die Abberufung Nassaus durch, und damit war das Schicksal seiner Eroberungen besiegelt.

Die engherzige und schwächliche Regierung des Geheimen Rates, eines Ausschusses der westindischen Kompanie, vermochte die Erregung der portugiesischen Ansiedler nicht zu dämpfen, die Hand Nassaus fehlte, als der Aufstand unter Joäo Fernandes Vieira ausbrauch. Schon 1615 hatten die Holländer eine ernstliche Niederlage zu verzeichnen. Die Soldner Hollands, denen die Kompanie den Lohn schuldig geblieben war, traten ohne weiteres in portugiesische Dienste, von Bahia nahte Sukkurs, Olinda fiel, nur in Recife hielten sich die Holländer mit Hilfe ihres Geschwaders. Parahyba fiel zu Portugal ab. Endlich, im April 1646, nahte unter Walter von Schoonenborgh Hilfe für die hartbedrängten Holländer in Recife, vermochte aber nicht die Belagerung aufzuheben, sondern die Neuangekommenen verstärkten nur die Besatzung und führten Streifzüge aus.

Das Sonderbarste in dieser Zeit war das offizielle Verhalten der Regierungen in Lissabon und dem Haag.

Die Unabhängigkeit Portugals war nämlich noch nicht von Spanien anerkannt, und man hatte in Lissabon sehr mit dem guten Willen der Holländer und der Franzosen zu rechnen. Um Holland nicht zu verstimmen, leugnete Portugal jeden Zusammenhang mit den Aufrührern, sandte diesen aber insgeheim Hilfe, nahm es aber auch ruhig hin, als der Holländer van Schkoppe 1647 Bahia plünderte. Die Belagerung Recifes nahm dabei ihren Fortgang. Zwei Schlachten wurden zu gunsten der Aufständischen entschiedan. In dieser Zeit ging den Holländern Loanda und S. Thome verloren, da eine Flotte, von Rio de Janeiro aus ausgerüstet, diese Striche für Portugal wieder erwarb. Offiziell wußte man natürlich in Lissabon nichts davon.

Um diesem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen, bot Dom Joäo IV. der westindischen Kompanie den Kauf ihrer Besitzungen in Brasilien und Westafrika an. Im Vertrauen auf die Hilfe der Generalstaaten schlug die Gesellschaft aber dieses Anerbieten des Königs von Portugal aus. Da aber brach der Krieg zwischen England und Holland aus (1652), sodaß Holland nichts mehr zum Schutze seiner Kolonie in Brasilien tun konnte. Zwar auch Portugal tat nichts Sonderliches dort, nur die Gründung der portugiesisch-brasilianischen Kompanie, welche die Kauffahrer nach Bahia von Kriegsschiffen begleiten ließ und den holländischen Kapern das Handwerk legte, wurde von der Regierung unterstützt (Companhia geral de commercio do Brasil. Durch ein Geschwader dieser Kompanie wurde 1653 Recife auch von der Seeseite eingeschlossen, und Ende Januar 1654 kapitulierten die Holländer gegen freien Abzug. Damit war die Kolonie Brasilien der Krone Portugal wiedergewonnen, ln diesen Kämpfen zeichnete sich durch Tapferkeit und Treue gegen Portugal ein Neger Henrique Dias aus, der zum Chef eines Negerregimentes in Bahia ernannt wurde; Auch andere Negerregimenter nannten sich nach diesem dunkeln Helden, dessen Name noch heute in Brasilien populär ist. Der tapfere Indianer Poty war schon 1648 einem Fieber erlegen, nachdem er als Dom Antonio Philippe Camaräo vom Könige Philipp IV. geadelt, mit dem Christusorden dekoriert und zum Großkapitän der Indianer ernannt worden war. Überhaupt war die Stellung der Portugiesen zu den Eingeborenen Brasiliens weit freundlicher geworden als ehedem. Schon 1650, also noch während des Krieges mit Holland, waren alle Indianer für frei erklärt worden. Die Durchführung dieses Ediktes stieß aber besonders im Norden auf Widerstand, und trotz der Fürsprache der Jesuitenmission unter dem berühmten P. Antonio Vieira lür die Indianer zog die Regierung, eingeschüchtert durch die drohende Haltung der Pflanzer in Maran-häo und Para, ihren Erlaß zurück. Nur soviel erreichte Vieira, daß die Aufsicht über die Staatssklaven den weltlichen Behörden entzogen und der Jesuitenmission übertragen wurde. Einem obersten Gerichtshof wurde die Entscheidung des Loses gefangener und losgekaufter Indianer übertragen. Die Pflanzer, fast immer von den Richterkollegien unterstützt, arbeiteten den Jesuiten entgegen, und nach dem Tode Dom Joäos IV. und anderer Gönner der Jesuiten brach die Unzufriedenheit in helle Wut gegen die Väter vom Orden Jesu aus, welche in S. Luiz de Maranhao nach Erstürmung des Kollegs aus dem Lande gewiesen wurden. Auch Vieira wurde nach Portugal gebracht. Nur im Staate Gurupa behaupteten sich die Jesuiten am Amazonas.

Die Regierung in Lissabon entschied aber nach verschiedenen Schwankungen zu gunsten der Jesuiten, 1680 wurde die Sklaverei der Indianer aufs neue für aufgehoben erklärt, und die Oberaufsicht und die Seelsorge der Eingeborenen den Jesuiten wieder anvertraut, zugleich eine Kompanie in Lissabon errichtet, welcher das Handelsmonopol für Maranhäo verliehen wurde. Diese sollte allerdings jährlich 500 Neger zum Einzelpreise von 100 Milreis zum Ersatz für die ausfallende Indianerarbeit einführen.

Die Folge dieser Maßregel war eine Verschwörung gegen die Regierung unter Manoel Beckmann in S. Luiz. Die Verschworenen nahmen die Stadt und verhafteten die Beamten (1682). Aus Furcht davor, daß sich die Empörer mit den Franzosen in Cayenne in Verbindung setzen möchten, raffte sich die Lissa-boner Regierung wider ihre sonstige Praxis zu einem energischen Einschreiten auf, der Aufruhr wurde gedämpft, Beckmann hingerichtet. Das Handelsmonopol wurde aufgehoben, die Indianergesetzgebung aber aufrecht erhalten. Die Willkür und Grausamkeit der Pflanzer hatte im Inneren weiten Spielraum, offiziell hatte sich der Norden allerdings den Forderungen der Humanität gefügt.

Weit schwieriger gestaltete sich die Lösung der Indianerfrage im Süden. Die Emanzipation der Eingeborenen erregte hier schon 1650 einen solchen Zorn, daß die Provinzen Rio de Janeiro, S. Paulo und Espirito Santo gegen den Generalgouverneur Salvador Correa de Sä aufstanden und eine eigene Regierung einsetzten. Nur dadurch vermochte Salvador Correa die Empörung zu beschwichtigen, daß er sich nicht in die Indianerfrage mischte, die Menschenjagden der Kolonisten duldete, den Jesuiten keinerlei Wirksamkeit gestattete und sie nur in wenigen Dörfern arbeiten ließ. Viele Hunderttausende von Indianern sind durch die Menschenjäger, unter denen besonders die Paulistas berüchtigt geworden sind, umgekommen, und die feindselige Haltung vieler Stämme, welche sie noch heute gegen die Weißen einnehmen, hat sicherlich nicht nur ihre Wurzel in dem ursprünglichen Charakter der Indianer, sondern auch in diesen Unmenschlichkeiten der Europäer.

In Mittelbrasilien spielte die Indianerfrage keine sonderliche Rolle, da die Pflanzer dort mit Negermaterial arbeiteten. Diese schwarze Bevölkerung erregte nur einmal Besorgnis, als der Negerstaat Palmares ca. 1650 aus einer Anzahl Afrikaner entstand, welche, von gekaperten Schiffen befreit, sich westlich von Porto Calvo niederließen und hier durch den Zulauf von Sklaven zu einem gefährlichen Element wurden, das sich durch Mord und Raub übel auszeichnete. Ende des 17. Jahrhunderts rottete aber Mello de Castro diesen Spartacusstaat aus.

Auch im 18. Jahrhundert hat im Norden die Indianerfrage noch eine Rolle gespielt, bis sich auch dort die Kolonisten daran gewöhnten, Neger zu kaufen und mit diesen zu wirtschaften. Daher konnte die Jesuitenmission ungestörter wirken, auch die Kapuziner und andere Orden traten in dieses Arbeitsfeld ein.

Auf diesen brasilianischen Missionen war die Freiheit der Indianer ziemlich groß. Die Leitung der Ansiedlung teilten die Missionare mit den Häuptlingen, jede Familie bekam jährlich ein bestimmtes Stück Land angewiesen und durfte ihre Produkte verkaufen. Ein Kommunismus wie in Paraguay bestand hier also nicht. Kein Weißer durfte in Indianerdörfern wohnen, damit die Unsittlichkeit nicht um sich griffe. Der Portugiese huldigt in dieser Beziehung sehr laxen Begriffen. Doch duldeten die Missionare Niederlassungen Weißer in der Nähe von Indianerdörfern. Trotzdem war die Tätigkeit der Mission den Kolonisten noch ein Dorn im Auge. Ihren geheimen Wünschen und offenen Anklagen entsprach endlich der Minister Marquez de Pombal, der nach verschiedenen Anläufen endlich 1759 die Jesuiten rücksichtslos auch aus Brasilien verbannte, 3. September 1759. Die Sklaverei der Eingeborenen wurde von ihm zwar nominell aufgehoben, aber die Bestimmungen des bez. Gesetzes waren derartige, daß zum Wohle der Indianer nichts Ernstliches geschah. Nur Neger und Mischlinge derselben sollten als Sklaven gehalten werden, dabei sollten aber alle Indianer vom 13. bis 60. Jahre sechs Monate im Jahre den Kolonisten dienen! Ein weißer Direktor, den die Indianer mit einem Sechstel aller Produkte über den eigenen Bedarf hinaus besolden mußten, stand an der Spitze jedes Dorfes. Willkür und Habgier traten nunmehr an die Stelle einer verständigen Anleitung zur Arbeit, wie sie die Jesuiten wirklich geübt hatten. Die blühenden Missionsdörfer verfielen bald, die Indianer lebten in Elend und Schmutz, die Europäer setzten ihre grausamen Jagden fort oder lebten in unwürdigsten fleischlichen Beziehungen mit ihnen, kurz, das Ministerium Pombal ist für Brasilien von keinem Segen gewesen. Im Jahre 1799 wurde zwar wieder die Zwangspflicht zur Arbeit für Indianer aufgehoben, aber heimlich bestanden die alten Zustände weiter, und noch heute krankt das Land an den Folgen dieser grausamen und törichten Eingeborenenpolitik.

Mit der Ära Pombal begann auch die Umgestaltung der Verwaltungsbezirke Brasiliens. Schon Ende des 17. Jahrhunderts trennte sich Para als selbständige Provinz von Maranhäo, im 18. Jahrhundert wurden Piauhy und Ceard selbständig. Verhältnismäßig lange blieb die Capitanie Pernambuco ungeteilt, erst ausgangs des 18. Jahrhunderts wurde Parahyba, anfangs des 19. Jahrhunderts Alagöas und Rio Grande do Norte abgezweigt. Bahia verlor sehr an Bedeutung, als 1658 der gesamte Süden für eine Generalkapitanie mit dem Sitz in Rio de Janeiro erklärt wurde. Der Generalkapitän von Bahia behiel zwar einige Ehrenvorrechte und nahm den Titel Vizekönig an, doch entwickelte sich Rio de Janeiro derartig günstig, daß es schon 1760 zum Sitz des Vizekönigreiches bestimmt wurde. Von der Generalkapitanie wurde 1709 S. Paulo und Minas Geraes abgezweigt, dafür aber Santa Catharina und Riot Grande do Sul Rio de Janeiro zugeteilt. Der rege Handel dieser beiden Südprovinzen mit den La Plata-Ländern wurde 1693 durch Spanien lahmgelegt, sehr zum Schaden von Rio de Janeiro, das allerdings bald durch die Erschließung von Minas Geraes, Goyaz und Mato Grosso Ersatz bekam.

Um den brasilianischen Süden wäre aber Portugal beinahe durch einen alten Feind gekommen, die Franzosen. Portugal stand im spanischen Erbfolgekriege auf seiten der Gegner Frankreichs. Dafür erschienen 1710 französische Kaper vor Rio, vermochten aber nichts auszurichten. Aber am 11. September 1711 erschien der Kapitän du Gay Trouin, besetzte ohne Schwertstreich Rio, und die kopflosen Behörden erkauften die Räumung der Stadt von den Franzosen für 600000 Cruzados. Die Franzosen, welche zu schwach waren, sich dauernd im Lande zu behaupten, zogen mit ungeheurer Beute ab.

Die zur Generalkapitanie Rio de Janeiro gehörigen Südprovinzen Santa Catharina und Rio Grande do Sul fielen nach dem Vertrag von Tordesillas mit Ausnahme eines schmalen Küstenstreifens in Santa Catharina und den Inseln Spanien zu. Doch wurde der in dem erwähnten Vertrage festgesetzte Meridian niemals genau bestimmt, und Spanien legte diesen Provinzen wenig Wert bei. 1726 entstand die Stadt Desterro, welche besonders durch den Walfischfang im Südatlantic schnell aufblühte. 1777 überfiel ein spanisches Geschwader unter dem Vizekönige von Buenos Ayres die Stadt Desterro; der Kommandant wollte die Südprovinzen annektieren, fand aber für seinen Vorschlag in Madrid kein Gehör. Die Provinz Rio Grande do Sul wurde erst sehr spät von den Portugiesen aufgesucht, dagegen finden wir schon früh zwischen Jjuhy und Piratiny die aus den La Plataländem vorgedrungenen Jesuiten in gutgeleiteten Reduktionen, dem Gebiet der Missionen, das Portugal 1750 von Spanien erhielt, aber erst seit 1801 dauernd besaß, 1737 wurde die Hafenstadt Rio Grande gegründet, 1743 Porto dos Casaes, das später den Namen Porto Alegre annahm und Regierungssitz wurde.

Die Provinz Rio Grande do Sul hat besonders unter den Streitigkeiten Portugals mit Spanien zu leiden gehabt.

Eine besondere Bedeutung gewann die Provinz S. Paulo, zu der auch das heutige Parana gehörte, durch Gold- und Edelsteinfunde. Der Prospektor Fernando Diaz Paes Lerne drang tief in Minas Geraes und S. Paulo ein, harrte dort trotz aller Mühe und Entbehrungen aus, und als er selbst starb, veranlaßte seine Zähigkeit doch seinen Schwiegersohn Manoel Borba Gato weiterzuschürfen; so wurden die Goldminen am Rio das Velhas und Rio Doce gefunden. Die habgierige Regierung erhob nicht weniger als ein Fünftel der Ausbeute als Steuer. Die Lisbo-nenser Regierung ging in ihrer Habsucht so weit, daß 1720 in Ouro Preto, der Hauptstadt von Minas, eine Empörung ausbrach, welche aber unterdrückt wurde, Die Minen wurden nun durch Tausende von Negersklaven ausgebeutet, und die Regierung erhob eine Kopfsteuer von den Minensklaven statt des bisherigen. Fünften. Dagegen protestierten die Goldsucher, da die erfolglosen Arbeiten damit geradeso wie die glücklichen getroffen werden würden. 1734 erklärte sich die Regierung mit einer Goldabfindung von 100 Arrobas Gold jährlich zufrieden, doch schon 1735 führte sie die Bestimmung über die Kopfsteuer auf Sklaven wieder ein und erhielt sie bis 1751 aufrecht.

Durch die Goldausbeute, bei der 80000 Menschen beschäftigt waren, stieg der Wohlstand der Provinz ganz bedeutend. Doch hielt dieser reiche Eitrag der Minen nicht dauernd an, die königlichen Schmelzhäuser verödeten, die Steuer sank von 100 Arrobas auf 30 (1808), ja 7 (1819), 1820 stand der Minenbetrieb still. Portugal hat von 1700 bis 1820 aus Brasilien 10531 Arro bas 35 Mark Gold als Steuer bezogen. Setzt man diesen Betrag als den fünften Teil der offiziell verrechneten Produktion an, und rechnet einen entsprechenden Teil, der heimlich ausgeführt wurde, hinzu, so dürfte die Kalkulation richtig sein, welche die gesamte Goldproduktion Brasiliens bis 1820 auf 1950 Millionen Mark nach heutigem Gelde bewertet. Die Einnahmen aus den gleichzeitig bearbeiteten Diamantenminen werden bis 1822 auf 30 Millionen Mark angegeben für den Teil, den die Krone beanspruchte, der Gesamtertrag der Diamantfelder von 1740 bis 1822 wird offiziell auf etwa 120 Millionen Mark berechnet, doch dürfte trotz aller Absperrungsmaßregcln der Regierung derselbe Betrag heimlich über die Grenzen Brasiliens gebracht sein.

Die Signatur der gesamten Minenpolitik Portugals ist als Kurzsichtigkeit und Habsucht zu bezeichnen, die Ausbeute der Mineraischätze fiel ausschließlich Portugiesen anheim, da der Landhandel nach Paraguay verboten, die fremde Schiffahrt gehindert und Fremde mit wenigen Ausnahmen von den Minen ferngehalten wurden.

Nicht anders war die kommerzielle Taktik Portugals auf anderen Gebieten. Auf dem Wege der Monopolwirtschaft wurde der gesamte Aus- und Einfuhrhandel den Portugiesen gesichert, die fremde Einfuhr durch hohe Zollsätze lahmgelegt. Das Salz-und Fischereimonopol, das Verbot des Öl- und Seidenbaues lastete schwer auf dem Lande. Doch wurde eine ungeahnte Höhe der Produktion durch die Einführung des Kaffeebaues erreicht. 1770 führte der Vizekönig Marquez de Lavradio die ersten Kaffeebäume ein, doch kam die Kaffeekultur erst nach dem Sturz der portugiesischen Herrschaft zu voller Blüte.

Dem Bevormundungssystem im Handel entsprach die geistige Höhe der Kolonie. Das Beamtentum war durchweg ungebildet, roh, habgierig, die Richter bestechlich, die Bevölkerung fanatisch, dazu verleugnete sie nicht die Beimischung von Verbrecher-und Deportiertenblut. Außer den Priesterseminarien gab es keine Schulen im Lande, drei Jahrhunderte lang (1500—1800) war der Buchdruck in Brasilien verboten! Nur die größten Städte hatten ganz einfache Schulen, nur wenige Kinder reicher Eltern konnten lesen und schreiben. Die Kirche, an deren Spitze der Erzbischof von Bahia stand, tat nichts zur Hebung des Volkes, der Klerus selbst war unwissend und arm.

Der Fanatismus, welcher besonders unter spanischer Herrschaft zum Ausbruch kam, traf durch Inquisition in erster Linie die getauften Juden, natürlich aus elender Habsucht. Erst Pombal gebot 1768 diesem Treiben Halt.

In ein völlig neues Verhältnis zum Mutterlande trat die Kolonie Brasilien durch die Flucht Dom Joao VI., der sich vor Napoleon und Junot nach Brasilien rettete. Am 7. März 1808 landete er in Rio de Janeiro und erklärte Brasilien für ein selbständiges Reich, das nur durch Personalunion mit Portugal verbunden war. Johann VI. mit seinem gierigen, prassenden Hofstaat, der elendesten Vettern- und Nepotenwirtschaft, saugte Brasilien noch intensiver aus, als es vordem geschehen war. Der Haß der ansässigen Bevölkerung gegen die fremden, obwohl blutsverwandten Schmarotzer wuchs trotz einiger Aufhebungen von drückenden Monopolbestimmungen von Tag zu Tag, und nur so ist die Begeisterung zu erklären, mit welcher das brasilische Volk dem nach Abreise seines Vaters als Statthalter zurückgebliebenen Prinzen Dom Pedro zustimmte, als er am 7. September 1822 am Bache Ypiranga die Unabhängigkeit Brasiliens erklärte und als Kaiser Dom Pedro I. den Thron bestieg. 1825 mußte Portugal diese Tatsache anerkennen, die es seiner reichsten Kolonie beraubte. Mit der Regierung Dom Pedros 1. beginnt die planmäßige Besiedlung größerer Landstriche durch Nichtportugiesen, mit der wir uns eingehend zu beschäftigen haben werden. Vorher werden wir aber einen Blick auf die spanische Kolonisation werfen müssen, soweit sie für uns in Betracht kommt.

Text aus dem Buch: Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums (1903), Author: Funke, Alfred.

Die einzelnen Buchkapitel:
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – Vorwort
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – I. Portugal
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – II. Spanien
Die Besiedlung des östlichen Südamerika, mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums – III. Das Deutschtum Brasiliens
Die Zukunft der deutschen Beziehungen zu Brasilien

Die Besiedlung des östlichen Südamerika mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums