Der Kritiker, von dem ich zu Ihnen spreche, scheint auf den ersten Blick hin etwas so ganz Neues, so wenig Exponiertes, etwas mit Allem so Verkettetes, dass es schwer ist, sein Wesen irgendwie positiv zu bestimmen. Er ist der Philosoph ohne System, der Dichter ohne Reim, der einsamste Gesellschaftsmensch, der Aristokrat ohne Wappen, der boheme ohne Abenteuer. Er lebt mit Allen und die Dinge erkennen in ihm kein Gesetz. Sie zeichnen ihn höchstens, seine Eitelkeit bewahrt die Male und sein Leichtsinn wischt sie weg. Er besitzt viel Liebe und wenig Macht, sehr viel Stolz und keine Diener. Er hat das feinste Gehör und vermag keine Saite zu rühren. Er weiss Alles und kann gewöhnlich nichts. Er ist „talentlos“ und bleibt eigentlich immer unerwidert. Er ist ein ganz und gar illegitimes Geschöpf, negatives Geschöpf. Ihn definiert das, was er nicht besitzt und seine Grenzen findet er immer in anderen. Er ist immer übrig und die Anderen empfinden ihn als Eindringling. Man nimmt ihn nie unbedingt, seine „Ansichten“ werden so lange herumgeworfen, bis sie jedermanns Ansichten sind, er ist immer anonym. Aus seinem Glücke wissen die Anderen nichts zu machen, sein Schmerz scheint ihnen nicht praktisch. Er ist ein Hamlet, dem nicht einmal ein Vater ermordet wurde, und wenn das Leben an ihm ein Verbrechen begangen hat, so ist er selbst zu ungeduldig, 2u pietätlos, zu ungläubig, um sich daran zum Helden zu denken. Er wartet immer auf das, was nicht kommt und wenn zufällig etwas in seine Bahnen fällt, so kann er es den Anderen nicht sagen. Er ist ein theoretische* Hamlet, wenn Sie wollen, ein Held ohne Schicksal, höchstens noch ein Fatalist. Fatalisteii sind diejenigen, welche das Fatum mit den Gedanken vorweg genommen haben und so keines erleben. Auch er kennt die Extase des Ideals und die Masken des Tages, nur kann er Beides nicht zu einem Leben binden. Auch er hat seine Riten, nur fehlen ihm die Altäre, Haine und Tempel und für seine Comödianten kann er die Bühne nicht finden. Er findet nie einen Hintergrund in sich. Er liebt das Leben um der Kirnst anderer willen und die Kunst um seines eigenen Lebens willen. Es ist, als trüge er in sich die Möglichkeit aller Schicksale und liebe gerade darum nur die Formen und Oberflächen der Anderen. Ihre Gedanken und Themen sind ihm ganz gleichgiltig, er sieht nur auf ihre Spiele und Bewegungen. Die ganze Welt ist ihm eine grosse Form, für die er in seinen Gedanken den Inhalt bei sich führt. Er, der sehnsüchtigste Mensch, steht immer am Ufer und ihm fehlen die Ruder zu den wartenden Boten. In seinen seligsten Augenblicken ist es ihm, als schaukeln die Lebensformen der Anderen auf seinen Gedanken wie Bote auf den Wellen des Meeres.

So definiere ich Ihnen den Kritiker eigentlich aus seinen Defecten, ich zeichne Ihnen sein Bild mit den Schatten, die die Anderen werfen. Hat er denn keine Vorfahren, besitzt er kein Erbe und keine Tugend?

Aesthetik hat man ja zu allen Zeiten getrieben, gewiss schon vor Aristoteles. Augustinus hat, als er noch unheilig war, ein Buch über das Schöne geschrieben, deutsche Philosophen abstrahierten so lange vom Leben, bis sie eine Wissenschaft vom Schönen zu haben glaubten, in England gab es ein „aesthetic movement“, in Deutschland wird sich die beschauliche Dummheit wohl noch lange hinter den Namen „Schöngeist“ verstecken und die vielen Aestheten, die heute herumlaufen, sehen so abgegriffen aus, sind so alt geworden an ihrer Liebe zur Schönheit und haben in geistigen Dingen schmutzige Hände. Das sind wahrlich nicht die Brüder oder Vettern des Kritikers, wie ich ihn meine. Die Urtheile und Misverständnisse der Menschen sind so alt wie ihre Werke und immer hat es Menschen gegeben, die sich zwischen die Erlesenen und die Masse drängten, Ansichten hatten und in Aussicht stellten auf den Märkten, in den Salons und in den Zeitungen. Sie sind die geistigen Zwischenträger, Vermittler und Mieth-linge und ihr Charakter scheint der zu sein, keinen zu haben. Der Künstler mag sie aus praktischen und der Laie aus ideellen Gründen und so leben sie zwischen den Bedürfnissen zweier Parteien und es geht ihnen gut, wenn die anderen schlecht fahren. Sie sehen es ja jeden Tag, dass die Kritiker geistreich an der Borniertheit der anderen sind. Abfinden muss man sich mit ihm irgendwie, wenn er es selbst nicht mit einer Theorie thut und so gibt man seinem Wesen bald etwas zu, bald nimmt man ihm etwas ab und es scheint manchmal, als müsste er heute von den Schlägen verletzter Lyrikereitelkeit und morgen von den Fratemitäts-anträgen emporwollenden Dramatikerehrgeizes leben. Der Eine schimpft ihn einen entgleisten Dichter, der Andere wundert sich absichtlich, warum man nicht auch ihn einen Künstler nenne. Eine Zeit wie unsere, die Classen, Grade und Thätigkeiten vermengt, weil sie den naiven Muth zur Ausschliesslichkeit noch nicht gefunden hat, die Goethe’s Weltbürgerthum noch immer mit Liberalismus übersetzt, die Prosa und Poesie in einander fiiessen lässt, weil sie keinen Stil besitzt, die im Trüben Tiefes wittert und aus verdächtiger Angst vor den Gemeinplätzen und der Selbstverständlichkeit das Klare meidet, eine solche Zeit musste den Kritiker, wie Sie ihn heute noch zu oft sehen, züchten und sein Wesen, wie Sie es unter anderen Namen in allen Zeiten finden, verbilden.

Unter anderen Namen…….damit ich es gleich sage, der Kritiker von heute ist nichts anderes, als der Platoniker des Alterthums, der Mystiker des Mittelalters, der Skeptiker der ausgehenden Renaissance, der Moralist des XVIII. Jahrh. in Frankreich, der Synphilosoph Friedrich Schlegel’s. Ich will Ihnen nun vom Ideale eines Kritikers sprechen, ohne mich darauf einzulassen, wie dieses in einigen grossen Geistern dieses Jahrhunderts wie Friedrich Schlegel, St. Beuve, Taine, H. Grimm, Ruskin, Pater und anderen sich darstellt.

Der Kritiker ein Platoniker……….Man wird immer Geister finden, die sich nicht leicht hingeben. Etwas in ihrer Seele zieht sie zurück von dem, dem sich andere sofort und leicht erklären. In ihnen ist etwas lebendig, wofür sie nirgends einen Reim finden, ein Schmerz, eine Härte, irgend etwas Undefinierbares, dem sie selbst keinen Namen geben wollen, der Reflex irgend eines grossen Lichtes, das sie verloren haben. Sie sind verschlossen, vorsichtig, misstrauisch und verstehen auszuweichen. Sie sehen sich immer im Gegensätze ,zu etwas, sind sehr relativ, immer relativ, das Absolute negiert sie. Der Ausdruck fällt ihnen schwer und doch trifft sie jeder Eindruck. Sie sind sehr verschämt, immer verliebt, ohne sich erklären zu können, ehrgeizig mit der entschiedensten Abneigung vor grossen Worten — sie fürchten immer zu laut oder zu leise zu sein, sie rechnen mit dem Flüchtigsten und Ideellsten wie mit Münzen, das Grosse und Greifbare ist für sie immer schon gesagt und selbstverständlich. Sie sind bis in’s Schweigen hinein gewissenhaft und wollen nichts übersehen, weil kein Ding für sie einen bestimmten Werth hat. Sie leben nur in Augenblicken. Sie sagen nicht, ich besitze diese oder jene Tugend, weil sie zu sehr fühlen, dass jeder Tugend in ihnen ein Laster entspricht. Platoniker sind ganz und gar unmoralisch.  Alles Freie, Schamlose, Umarmende, Naive, alles Unnahbare und Unsagbare, alle Musik ist ihr Ideal, und ihr Leben ist eine Erziehung zu dieser Zuchtlosigkeit. Sie lieben es nur um ihrer selbst willen. Sie erkennen es aus sich — die grosse Freiheit aus eigener Gebundenheit, die grosse Schamlosigkeit aus den vielen uneingestandenen Schamhaftigkeiten, die vielen Umarmungen, die wie eine Musik das Leben durchtönen, aus den Versagungen eigensüchtiger Augenblicke, den Humor aus eigenen Launen und die Musik aus den Dissonanzen. Ihr Leben ist ein unruhiges Werden, ein Umwerden. Ihr Gegensatz ist immer der grosse Dichter. Ueber ihn müssen sie sich einmal im Leben aussprechen. Für ihn oder gegen ihn haben sie immer entschiedene Worte. Er ist ihr Gegensatz, sagte ich, und den zwei grössten Platonikern der Menschheit, Platonikem, die Gesetze gaben, war der Dichter direct der Gegner. Denken Sie, wie Plato in der Republik von ihm als dem grossen Zauberer und Betrüger spricht, dem die Bürger des idealen Staates das Heimathsrecht in ihren Bezirken verweigern müssen. Denken Sie an Nietzsche’s Stellung zu Wagner. Für den Platoniker ist der Dichter der absolute Mensch, der immer am Ende und fertig ist, der überhaupt ist; der Mensch, der die Masse nicht kennt, weil er selbst das Mass ist; er, der um eine eigene Sprache sich nicht ehrgeizig bemüht, weil er die Worte aller nur reimen braucht und das Unsagbare sagt, der Masslose, Aufdringliche — Platoniker sind Meister im Einhalten der Distanz, die Entfernung von den Anderen bestimmt sie, die Dichter sind überall und die schlechten Lyriker in der Dichtung und im Leben kommen einem immer zu nahe. Der Dichter ist der Unsesshafte, der sich allen überantwortet und nichts verantwortet, der Tyrann, wie ihn Emerson, dieser froheste Schüler Plato’s nennt, er, der das Recht ist. Das Ideal —-der grosse Schein, übersetzen wir das abgebrauchte Wort für diesmal so — das Ideal ist im Dichter immer gegenwärtig als Musik, als Farbe oder Metapher, im Platoniker immer ferne. Im Ausdruck des Dichters scheint es aufgesogen und die Verse des Dichters tanzen und taumeln wie junge Mädchen, die den Ring vom Manne empfangen und von seiner Liebe getrunken haben. Die Worte des Platonikers sind hart und spröde wie edle Jünglinge,, auf deren Stirn der Glanz des Glückes, das sie nicht zu fassen wagen, weil sie auch andere danach greifen sehen, fällt. Die Worte regen und strecken sich wie die Arme des „Adorante“.

Die Sprache des Dichters nennt man die Poesie und die Sprache des Platonikers ist die Prosa. Es ist merkwürdig und hat einen tiefen Grund: die Poesie hat Gesetze, die Prosa hat keine; die Poesie die Sprache des Menschen, der von der Freiheit herkommt, die Prosa die Sprache des Menschen, der sich von den Fesseln löst.

Ich scheine Ihnen wahrscheinlich sehr conservativ mit dieser Unterscheidung. Heute gerade besteht die Neigung, Poesie und Prosa im Wesen nicht zu unterscheiden und Menschen von Phantasie, denen Verse nicht leicht fallen, schreiben Gedichte in Prosa. Ich leugne gar nicht, dass darin thatsächlich von modernen Dichtem Bedeutendes geleistet wurde und geleistet werden kann, ich will ja keine Vorschriften geben, sondern ich strebe, hier und dort ein geheimes Gesetz aufzudecken. Aber vergessen Sie folgende Thatsachen nicht: Alle grossen Gedichte der Menschheit sind in Versen geschrieben. Die Romanschriftsteller, also die Dichter in Prosa haben mit nicht vielen Ausnahmen gar keinen oder einen schlechten Stil. Die Platoniker von Plato über Montaigne bis Nietzsche haben immer eine vollkommene Prosa gehabt. Nehmen Sie die englische Litteratur in diesem Jahrhunderte! Die Kunstkritiker, Ethiker, kurz die Platoniker wie De Quincey, Landor, Ruskin, M. Arnold, Pater und nicht die Romanschriftsteller mit Ausnahme Thackeray’s sind da die grossen Prosastilisten. Und heute in Deutschland! Vier bis fünf einfache Kritiker haben wirklich Stil, die anderen zu mindesten den Ehrgeiz nach Stil. Die Romane, die jetzt — nach dem Tode Fontane’s — erscheinen, kann man meistens ihrer absoluten Stillosigkeit wegen nicht lesen.

Es gibt also Grenzen zwischen der Poesie und der Prosa, nach mystischen Gesetzen sind sie gezogen. Ich will zeigen, wie ich das meine.

Nach zwei Weisen pflegt man die Dinge zu betrachten. Man nimmt sie — also hier den Ausdruck des Dichters und Schriftstellers — als etwas natürlich Gewordenes und natürlichen Gesetzen Unterliegendes. Heute sieht man Alles auf das hin an — mit vielem Recht. Die Verse und Worte sind eben nur Ausdruck, Mittel zu einem Zwecke, Talent eines Genies oder Schwachkopfes. Sie helfen der Emotion, und ob Shelley Epipsychidion oder ein Temperenzler einen Tractat über die Ehescheidung schreibt, ist für den consequenten Psychologen gleichgiltig. Shelley, heisst es dann nur, ist ein Genie und der andere — ein Temperenzler. Der Ausdruck beider ist verschieden, aber was vorliegt, ist doch immer nur Ausdruck.

Die andere Art, die Dinge zu betrachten, ist diese: Man empfindet sie als etwas Absolutes, unabhängig Bestehendes, als eine Macht. Die Verse des Dichters sind als Genie über das Leben hingestreut und nehmen nur unter dem Einflüsse, dem Zauber des Dichters die Form an, an der wir sie erkennen und nach der wir sie benennen. Der Dichter also nur der Diener eines höheren Sinnes, der sich an ihm in einer ungewöhnlichen Combi-nation von Worten, Farben etc. äussert! Deutsche Philosophen des beginnenden 19. Jahrh. haben die Verse so gelesen und ihr Empfinden, gerade weil sie sich dessen nie klar bewusst wurden, wie ein Gesetz ausgesprochen und so jedes aufrichtige Verstehen des Dichters verdorben. Nur deshalb, weil, wie ich sagte, sie für eine ausschliessende Thatsache hielten, was immer nur Sache des Tactes sein kann! Sie waren grosse, aber keine feinen, keine gewitzigten Denker. Denken ist Tact, Tact der grossen Musik, in der Alles zusammen stimmt: Nehmen Sie also meine Unterscheidung zwischen Poesie und Prosa als Sache des Tactes, und wenn ich von Gesetzen spreche, so können das eben nur Gesetze sein, wie die Musik sie hat, Gesetze des Tactes, mystische Gesetze. Es ist die Art der Musik, dass sie die Dinge als Töne, als etwas in sich Abgeschlossenes, Absichtsloses, als etwas, das in seinem Sein das Werden, in der Idee den Willen einschliesst, und das Leben selbst als Accorde und Harmonieen nimmt. Der Mystiker betrachtet die Dinge frei und die Gesetze, die sich ihm enthüllen, sind die tragischen Gesetze, nach denen sich die freien Dinge mit einander verketten und an denen sie sich verschulden und der Mystiker ist wahrhaft frei, wenn er diese tragischen Gesetze wie die Tacte einer Musik wahrnimmt. Mystisches Denken ist intuitives Denken, das heisst den Genius der Dinge ausdenken, Musik denken, den Einfallen nachdenken, genial denken, als Künstler denken. Künstler sind die Dialektiker des mystischen Lebens und Mystiker Künstler des Denkens, die wahren Freidenker. Die Künstler schaffen den Tact des Lebens und die Mystiker denken ihn. Denken wir also den Genius dessen aus, was man Poesie und Prosa nennt, den Genius des Dichters und den des Platonikers!

Auf den ersten Blick hin erscheinen Ihnen die Verse als etwas Gelöstes, Raum um sich Schaffendes. Es kommt von irgendwoher, auf Sie zu, ohne Absichten auf Sie zu haben. Wie die Wellen des Meeres, etwas Leichtsinniges, Verschwendetes, Umarmtes, ein grosses Glück, das nicht schweigen kann und manchmal geschwätzig ist! Wenn Sie Shelley oder Poe oder gewisse Gesänge von Swin-bume lesen, so haben Sie diesen Eindruck. Shelley ist nur Dichter, nur Genie, alles Andere an ihm ist schlechte Form, Misverständniss, populär. Er ist gross, er ist einzig, vielleicht der grösste Lyriker der Menschheit nur dort, wo er niemanden etwas angeht, er beleidigt nur Mitglieder eines Frauencongresses mit seinen Absichten nicht und dort, wo er sich zu anderen in ein Verhältniss setzen will, findet er nur revolutionäre Gemeinplätze. Shelley darf nicht angewandt werden, das hiesse ihn zerstören. Wo er es selbst thut, ist er borniert. Man lese die letzte Hälfte des 3. Actes seines Prometheus, in dem das mächtige mythische Geschehen der ersten zwei Acte zu einem lächerlichen Familienidyll erniedrigt ist. Shelley ist die reine Seele, die zufällig in den Körper — in the noisome body, wie Blake irgendwo sagt — fiel; durch nichts hat er sich nothwendig machen können; seine Verse sind wie ein goldener Regen, der nur in Mythen befruchtet, wie das Lachen von Sternen, das nur in den Märchen die Menschen meint. Shelley ist nur Dichter und am besten wird ihn der Platoniker verstehen. Die Worte des Dichters kommen vom Ideal her, sie fallen uns zu, sie strahlen nieder, die Worte des Plato-nikers nahen sich dem Ideal, sie streben aufwärts und entfernen sich uns langsam. Sie tragen anfangs noch „die Schwere vieler Erden“ an sich und verlieren immer ein wenig davon auf der steigenden Bahn nach dem, das zu nennen sie anfangs so scheu sind. Sie sind wie die Wanderer nach den grossen, scheinenden Städten! Allmählich durch den Staub der Strassen dringen die Strahlen des Zieles und berühren die Lider erst leise.

Der wahre Platoniker wählt die Worte, weil er am besten fühlt, wie viel von ihrem Sinne den Anderen gehört, oder er liebt es, die vielgedeuteten und vieldeutigen Worte, die Worte, die im Staube des täglichen Gebrauches er-ersticken, zu sich emporzuführen. Niemand fühlt mehr das Allgemeine, Gemeine, die ößpiq in sich als der Platoniker und niemand hat so das Bedürfhiss, das Tägliche so ewig zu sagen wie gerade er. Prosa ist Wahl, Veredlung, Bildung, die Poesie schenkt sich, führt zusammen, verwirrt, sie ist demokratisch wie ein Gott, der unter das Volk tritt. Lesen Sie die guten Prosaiker und Sie werden finden, dass diese nie mit grossen Worten beginnen. Sie nehmen die unscheinbaren und ordinären Worte, durchleuchten sie und machen sie ungewöhnlich mit einem Sinne, den die Anderen nicht kennen, bis sie ganz Licht, ganz eigenster Sinn sind. Die letzten Sätze sind da immer wie ein Abklingen von Handschellen bei einem Gefangenen, ein endliches Durchbrechen der Sonne am Nachmittage, die zum Gebete erhobenen Arme des „Adorante.“ wenn er spricht, so ist es, als wären alle bisher stumm gewesen. Der Platoniker weiss zu gut, dass seine Worte jedermann redet und glaubt immer, Alles allein und zum erstenmale zu empfinden. Der Muth der grossen Dichter ist allen verständlich, das Zurückhaltende gerade am Platoniker den allerwenigsten. Der Dichter hat nichts zu verschweigen, er verschweigt auch nichts, der Platoniker sagt oft gerade das nicht, was ihn am längsten beschäftigt hat. Der Dichter thut eigentlich nichts anderes, als dass er für die grosse Seele Aller, die auch seine Seele ist, eigene Formen findet, der Platoniker sucht in den vielfach verschlungenen Körpern des Lebens seine eigene Seele. Der Dichter — schliessen wir mit den Antithesen ab — verkörpert, schafft, kommt entgegen, der Platoniker vergeistigt, erzieht, zieht herauf und entzieht sich. Wie zwei Brüder sind sie. Der Eine kommt den Berg herab, die Sonne im Rücken, in der Hand die Gaben der Höhen wie Flammen, die ihn nicht sengen, der Andere steigt den Berg herauf, seine Hände sind leer und seine Augen vergessen. Sie begegnen einander und tauschen die Zeichen, mit denen sie dem Leben verschworen sind.

Sie werden mir entgegnen, ich hätte Ihnen hier den Genius des Dichters und Platonikers geschildert und es sei die Art der Genien, dass man sie im Leben selten oder nie findet. Sie verwirren mich nicht, Sie haben vollkommen Recht und können mir viele Dichter nennen, ja die Grössten unter diesen, denen ein grosser Theil der Eigenschaften, die ich als dem Genius des Platonikers eigen nannte, zukommt. Vielleicht geht nur der Hymniker Pindar, Shelley, Whitman in diesem Dichtergenius ganz auf, der Lyriker überhaupt. Die Geschichte der Literatur, der Rassen und Zeitalter zeigt ganz deutlich, wie sich der Dichter dem Platoniker nähert und umgekehrt. Aeschylus ist beinahe noch ganz Chor, Genius, Priester, Euripides ist ein Schüler des Sokrates. Die naiven Ritterepen Frankreich kommen nach Deutschland und werden — platonisch. Wolfram von Eschenbach ist einer der grössten Platoniker aller Zeiten.

In Goethe erfahrt die ganze Renaissance eine platonische Umdeutung. Im 19. Jahrh. gibt es zwei oder drei Dichter, die nicht auch Platoniker sind. Und umgekehrt dem Platonismus Plato’s begegnet ein Aehnliches. Er wird allgemein, praktisch, religiös in Christus und Plotin. Religion und Theurgie sind praktischer Platonismus, verdichteter Platonismus. Christus ist die frei gewordene Seele Plato’s, die Metapher Plato’s. Von Plotin sagt sein Freund Porphyrius, er hätte am liebsten gewünscht, keinen Körper zu besitzen. Doch das nebenbei.

Das Leben bringt die Genien durcheinander, vermischt sie. Seine Formen und Wirklichkeiten sind die Verhältnisse der Genien zu einander. Ein jedes Ding ist relativ. Und wenn grosse Worte unser Leben bestimmen, so wissen wir, dass sie uns gerade soviel werth sind als wir unsere Augenblicke ihnen verantworten können. Das Ideal — ein grosses Wort, das ein Jahrhundert dem anderen zuwirft—ist gerade den Ehrgeiz werth, mit dem wir nach ihm streben, die Umstände werth, die wir machen, um zu ihm zu gelangen, die Formen werth, an denen es sich bricht. Das Ideal, das keine Formen gebiert, ist ein unfruchtbares Ideal, überhaupt Nichts, eine fromme Lüge, durch die Sie wie durch Schatten greifen. Und eben diese Formen sind die Zeichen, von denen ich sagte, dass Dichter und Platoniker sie tauschen. Die Lust des Dichters und die Sehnsucht des Platonikers — sie gehen durch diese Formen wie durch Thore hindurch. Die Formen sind das erlebte Leben, eine Unzahl goldener Thore und hölzerner Hinterthüren, durch die Sie — verschwinden, sich verabschieden. Das Ideal ist immer das, wohin Sie verschwinden, entschwinden, wo Sie nicht mehr da sind, der Sitz der Ideen Plato’s, der letzte Himmel Dante’s, irgend ein grosses Glück, das Sie niemandem mehr verräth. Dort ist es ganz gleichgiltig, ob Sie Dichter oder Platoniker waren, ob Sie durch die Formen hernieder- oder heraufstiegen. Sie werden nicht mehr benannt. Sie sind Dichter und Platoniker, also Idealist um den Preis, den Sie mit ihrem Leben zahlen, um den Ausdruck, mit dem Sie sich freisprechen. Den Sinn empfangen Sie um die Worte, die Sie denken, den Schein nehmen Sie wahr an den Farben. Alles Leben ist Ausdruck, Dichter und Platoniker haben sich auszudrücken. Beide sind gross in der Kunst ihres Lebens, sie sind Künstler im allgemeinen und der Künstler im besonderen ist nichts anderes, als die Vereinigung des Dichters und des Plato-nikers. Ob der Dichter den Muth seines Helden durch das Drama hindurch dem Tode zuführt oder ob der mittelalterliche Mönch durch die Gebete — Zeichen seines Cultus’ überhaupt — hindurch seinem Körper, dessen Leben er wie einen fortwährenden Tod empfindet, die verzückte Seele abringt, alles ist nur Form, Cultus, Kunst, Leben. Die Acte des Dramas entsprechen mystisch den vier Gebeten der ihrem Gott zueilenden Seele, l’oraison mentale, ich citiere aus einer französischen Uebersetzung des Lebens der hL Therese, l’oraison de quietitude, l’oraison d’union und l’oraison de ravissement ou d’extase. Im letzten Acte der Tragödie hat der Dichter seinen übermenschlichen Helden durch den Tod dem Leben verlobt, in der oraison d’extase hat sich die vom Leben her pügemde Seele dem Ideale in die Arme gelegt..  C’est l’eau qui tombe de ciel et arrose le jardin. Das geistige Leben der hl. Therese ist eine Tragödie von rückwärts angesehen, sie beginnt mit dem letzten Acte, dem Todesacte und endet mit dem ersten. Wie ich schon sagte, der Platoniker hört dort auf, wo der Dichter beginnt, im Ideale und ihren Werth bestimmt das Leben, an dem sie laut, formell werden, ihre Dialektik, die mystische Dialektik des Lebens. Es ist alles nur ein Unterschied des Glückes, der mystischen virtü, an der wir die Werthe messen, die Werthe des Dichters und des Platonikers, des Tänzers und des Asketen. Die mystische Tugend ist immer die Summe von dem, was ein Ding — der Mensch oder sein Werk — besitzt und dem, was ihm fehlt. Die Summe der Gewinne des Menschen und seiner Verluste, seiner Sehnsucht und Verzweiflung, der Reinheit seines Zieles und der vielen Sünden seiner Wege, seiner Erinnerung und Gerechtigkeit und dessen, was er vergessen und grausam von sich gestossen hat, die Summe der steilen und sonnverbrannten Pfade seines Willens und der Rosenbetten verweilender Wollust, seines Ideals und der Formen, an denen er es für Augenblicke suchte, seines Ausdruckes und seines Eindruckes, die Summe seiner Erlebnisse und seiner Spiegel. Das Leben selbst ist die mystische Tugend, die Summe der Dichterthaten und Gedanken der Platoniker, der Schönheit, die wie eine Ewigkeit oder ein Gedicht uns zufallt und der Gedanken, die an der Schönheit die Liebe zeugen.

Das Ideal, das Plato von der Erde abstrahiert und in’s Ueberirdische versetzt hatte, es ist für uns auf die Erde zurückgefallen und hat wild und sündhaft, wenn Sie wollen, die Formen des Lebens umarmt.

Das Leben der Menschen ist nichts anderes als ein Warten auf die Flammen, die sich aus diesem bleichen Scheine lösen wie feurige Stimmen aus einem grossen Schweigen. Ob der Mensch nun als Dichter in’s Leben tritt und die Flammen wie bunte Blüthen über die Dinge ausschüttet oder ob er als Platoniker sich selbst zur Flammenweihe erzieht, es ist Alles nur Sache des menschlichen Genius. Er ist niemandem verantwortlich, er ist das Glück. Man fragt die Menschen nur, ob sie Künstler sind und wie ihr Genius am Leben sich bricht. Er bricht sich — gleich dem Lichte am Prisma — an ihren Schöpfungen oder an ihren Gedanken. Im letzten Falle sind sie Künstler des Gedankens.

Text aus dem Buch: Die mystik, die künstler und das leben (1900), Author: Kassner, Rudolf

Siehe auch:
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik
Deutsche Mystik und deutsche Kunst
Deutsche Mythologie
Die Mystik der alten Griechen
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter
Idee und Grundlinien einer allgemeinen Geschichte der Mystik
Schopenhauer und die abendländische Mystik

Die Mystik die Künstler und das Leben