Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Von

Premierleutnant Godfred Hansen, Zweitkommandierendem der Expedition

Während der Fahrt durch die Untiefen und die schmalen Wasserstraßen der Nordwest-Passage war an Bord jeder von uns vollständig von der Führung des Schiffes in Anspruch genommen, und zwar in des Wortes buchstäblicher Bedeutung. Was deshalb an kartographischen Arbeiten auf der Gjöa-expedition vorgenommen wurde, ist wesentlich auf Schlitten-und Bootausflügen ausgeführt worden; und deshalb sind mehrere von diesen Reisen mir zugefallen.

Die wichtigsten davon waren:

1. Eine Schlittenreise nach Point Richardson auf dem amerikanischen Festland im März 1904, auf der zwei Inseln in der Simpsonstraße entdeckt wurden, die nach dem Kommandeur A. P. Hovgaard genannt wurden. Die Reise dauerte zehn Tage, und wir beiden, mein Begleiter Ristvedt und ich, mußten unsre Schlitten selbst ziehen, da die von der Hundekrankheit verschont gebliebnen Tiere schon mit Kapitän Amundsen auf einer Schlittenreise unterwegs waren.

2. Eine Bootfahrt westwärts nach Kap Crozier. Der Zweck dieser Reise war: erstens, die Verhältnisse an der Enge der Simpsonstraße zu untersuchen in Beziehung auf die Durchfahrt der Gjöa im nächsten Sommer, und zweitens, einen Vorrat Pemmikan und Hundefutter von zweihundertdreißig Kilogramm auf Kap Crozier niederzulegen. Die Reise dauerte vom sechsten August bis Mitte September 1904 Hansen begleitete mich und war der Führer des Bootes.

Auf dem Wege fanden wir die Schädel und eine Anzahl Knochen von zwei weißen Männern. Sie lagen auf einem niedrigen Strande bei Point C. F. Hall zerstreut umher, und es waren dieselben Knochen, die der Polarforscher Hall selber seinerzeit in einem Steinhaufen geborgen hatte. Nicht weit davon fanden wir auch den Stein, in den die Worte eingeritzt standen: „Eternal honour to the discoverers of the North-West-Passage“. Wir sammelten die Knochen wieder zusammen und errichteten einen Steinhaufen darüber. Oben darauf legten wir Halls Stein.

3. Eine Schlittenreise im Frühjahr 1905 nach Viktorialand und der Ostküste dieses unbekannten Landes entlang. In den folgenden Blättern will ich diese Reise näher beschreiben. Ristvedt begleitete mich. Seiner Gemütsruhe, seiner guten Laune, seinem sichern Gewehr und seinem unerschütterlichen Mut habe ich sehr viel zu verdanken.

Ehe wir auszogen, übergab ich Kapitän Amundsen den folgenden Bericht:

An den Chef der norwegischen Gjöaexpedition.

Hiermit habe ich die Ehre, Sie von den Veranstaltungen in Kenntnis zu setzen, die für die von Ihnen angeordnete Schlittenreise zur kartographischen Aufnahme der unbekannten Küstenstrecke an der Westküste des Mc. Clintock-Kanals getroffen worden sind.

Die Expedition wird von zwei Mann mit zwei Schlitten und zwölf Hunden unternommen.

Der Proviant für die Menschen ist hauptsächlich nach Ihrer Normalliste bemessen worden und stellt sich folgendermaßen dar:

Normalliste über den täglichen Verbrauch pro Mann:


Das im Sommer bei Kap Crozier niedergelegte Depot enthält:

Fisch und Talg zusammengeschmolzen: 100 Kilogramm.

Pemmikan (zu Hundefutter): 130 Kilogramm.

Angenommen, der Weg von Ogchioktu (Gjöahavn) nach Kap Crozier betrage sieben Tage, und es werde auf dem Depotplatz bei Kap Crozier auf sieben Tage Proviant für die Heimreise niedergelegt, dann kann die Expedition von dem Depot auf fünfundzwanzig Tage ausgerüstet werden. Wenn das Depot bei Kap Crozier vernichtet sein sollte, könnte die Reise von da aus nur noch vierunddreißig Tage lang fortgesetzt werden, und überdies müßten vier Hunde geschlachtet werden.

Der Reiseplan ist folgender:

Am ersten April ist die Expedition zum Abgang bereit. Sie folgt der Simpsonstraße bis Kap Crozier, wo ein Bericht niedergelegt werden soll. Dann wird der Kurs rechtsweisend nach Osten auf die höchste Insel der Gruppe „Land seen by Rae“ gerichtet. Diese Inselgruppe wird untersucht und dann der Kurs rechtsweisend nach Norden über Driftwood Point, Kap Alfred und Pelly Point nach Collinson farthest und von da in das Unbekannte nach Glenley Bay gerichtet. Die Entfernung in der Luftlinie beträgt achthundertfünfzig Seemeilen; die Expedition wird also voraussichtlich im Juni wieder im Gjöahavn eintreffen. Sollte die Viktoriastraße sich bei der Rückkehr als unpassierbarerweisen, oder sollte sonst etwas eintreffen, was die Expedition verhinderte, am fünfzehnten Juni wieder in Ogchioktu zu sein, dann wird sie sich nach Kap Colborn (Dease Strait) begeben, das nach Collinsons Angabe niedrig und sandig sein soll. An einer weithin sichtbaren Stelle wird dann dort eine Warte errichtet werden. Hierauf folgte eine Liste darüber, was bisher vermessen worden war. Es war ja nicht so ganz sicher, daß man wieder zurückkehrte. Am ersten April waren unsre Schlitten gepackt. Ristvedts Ladung betrug zweihundertdreißig Kilogramm, die meine zweihundertsechs. Ich sollte vorausfahren, und wir meinten, es sei am leichtesten die hintersten Hunde anzutreiben. An die Schlittenkufen hatten wir auf Eskimoweise eine Eisrinde anfrieren lassen. Aber es stürmte und schneite; das Wetter war wirklich zu schlecht, um die Reise anzutreten. Wir wollten daher bis zum nächsten Tag warten.

2. April. Der nächste Tag brachte Reisewetter. Es wehte eine frische südliche Brise, und es war ziemlich nebelig; aber die Temperatur zeigte minus vier Grad Celsius. Das bißchen Wind betrachteten wir wie einen Hauch aus jenem fernen Sommer des Südens, der nur lind und weich auf uns abgehärtete Polarfahrer wirken konnte. In unsern Breitegraden — wie übrigens in allen Breitegraden, wo ich gewesen bin -ist der schlimmste Moment immer das Aufstehen. Als das überstanden war, ging ich hinaus, das Wetter zu prüfen, und fand es zur Abreise geeignet. Als dann Ristvedt herauskam, sagte ich: „Nun ja, dann ziehen wir also aus?“ Gut, von seiner Seite stehe dem nichts im Wege, lautete die Antwort. Wir wußten sehr wohl: jetzt ging es weg von den Fleischtöpfen und den warmen Kojen, dem Ofenplatz und der heimeligen Lampe; aber uns war nach dem langen Winter Luft nötig; Luft in die Lungen, aber auch Luft unter die Flügel. Wir liebten alle beide leidenschaftlich die Natur und wollten sehen, was wir ausrichten könnten, wenn wir sie in ihrem eignen Reiche aufsuchten. Denn da draußen ist sie nicht nur hinreißend schön, — sie ist auch scharf und rauh. Wir waren sehr gespannt, zu erfahren, ob die Kälte unser Gehirn umnebeln, die Entbehrungen unsre Kraft brechen und die Einsamkeit unser Gemüt niederdrücken würden, oder ob wir wirklich, wie wir glaubten, die Herren wären; ob hinter dem Glauben an uns selbst auch wirklich der Mann stünde. Und wir waren ja reisefertig. Die Schlitten waren so gut ausgerüstet, wie sie es unsern Erfahrungen gemäß und unter Benützung aller der vielen Hilfsmittel, die die Hauptausrüstung der Expedition uns gewährte, überhaupt sein konnten. Wenn man so zur Abfahrt bereit ist, aber wegen Aufschubs der Reise absolut nichts andres zu tun hat, als die Hände in den Schoß zu legen, dann wird man ungeduldig und hat keine rechte Ruhe mehr. Jeden Augenblick muß man hinaus und nach dem Wetter sehen. Ist der Wind etwas abgeflaut, fragt man sich gleich, ob man nun nicht aufbrechen sollte. Der sehr menschliche Hang, vor andern nicht zurückstehen zu wollen, macht einen gleich unruhig, sie könnten vielleicht denken, es sei sonderbar, daß man sich noch nicht auf den Weg gemacht habe. Ein solcher Gemütszustand ist nicht sehr angenehm. Als darum die Abreise wirklich endgültig beschlossen war, fiel uns gleichsam ein Stein vom Herzen.

Lindströms ausgezeichneter Kaffee und seine herrlichen Renntierschnitzel schmeckten zum Abschied ganz besonders gut. Kuchen hatten wir ja schon gestern bekommen, und Lindström war zu vernünftig, uns heute noch einmal Kuchen zu geben. „Denn,“ sagte er, „jetzt haben sie einmal Abschiedskuchen bekommen, und damit ist es fertig. Sonst könnte jeden Tag einer kommen und sagen, er wolle ab-reisen.“ Als nun das Frühstück vorüber war, gingen wir an Land, die Schlitten anzuschirren. Hansen und Wiik holten die Hunde und spannten sie vor die Schlitten. Wir beiden Reisenden sollten bis zuletzt aller Mühe enthoben sein. So ein Abreisetag ist ja, wenn es sich um eine größre Reise handelt, eigentlich immer eine Art Festtag. Die Kameraden wollen durch diese Dienstleistungen zeigen, daß sie einem die besten Wünsche für einen guten Erfolg und eine glückliche Rückkehr mit auf den Weg geben. Sie wissen, was einem bevorsteht, denn sie sind ja selbst schon draußen gewesen und haben Erfahrungen gemacht; und sie zeigen ihr Wohlwollen bis zum letzten Augenblick dadurch, daß sie einem alle Arbeit abnehmen. Nicht einmal die Schlitten durften wir selbst in Gang setzen. Leider fiel in demselben Augenblick, wo die Schlitten herausgezogen wurden, alles Eis von den Kufen ab. Das milde Wetter hatte den Eisüberzug erweicht, deshalb glitt er herunter, als die Schlitten gedreht wurden. Dieses Drehen nennt man „den Schlitten freimachen“. Wenn der Schlitten lange unbenützt dasteht, frieren die Kufen am Schnee fest. Dann muß der Schlittenführer das hintre Ende des Schlittens nach der einen oder der andern Seite drehen. Nur sehr selten kann man die Hunde zu dieser Arbeit verwenden, die meistens zu anstrengend für sie wäre. Die Hunde ziehen auch erst an, wenn sie merken, daß der Schlitten los ist.

Nun war also alles zur Abfahrt bereit. Das Zeichen wurde gegeben, das heißt, ich steckte eine norwegische Flagge hinten an meinen Schlitten über das Distanzrad. Dann stellte ich den photographischen Apparat ein, damit die Zurückbleibenden ein gutes Andenken von uns hätten. Noch ein Händedruck rings im Kreise, ein letzter Abschiedsgruß vom Kapitän mit auf den Weg, — und dann ging es in langsamem Schaukeltrab vor den Hunden her nach Framnäs, der äußersten Landspitze. Der erste Halt wurde gemacht, als wir Framnäs passiert und den Hügel erreicht hatten, wo wir vom Schiff aus nicht mehr gesehen werden konnten. Während wir nun bei Framnäs ausruhten, sahen wir Talurnakto daherstürmen, so schnell ihn seine kurzen Beine zu tragen vermochten. Er brachte Ristvedt ein Iglumesser als einen letzten Abschiedsgruß vom Kapitän. Diese Iglumesser waren von Hansen aus den Klingen von einigen großen Tranchiermessern gemacht und an einem langen flachen hölzernen Griff befestigt worden. Wir hatten nur wenige solche Messer, und sie standen sehr hoch im Kurs bei den Eskimos; deshalb war es sehr gut, wenn wir einige davon im Vorrat hatten, falls uns etwas angeboten würde, was wir für die ethnographischen Sammlungen der Expedition als sehr wert- voll erachteten. Jedem von unswareines übergeben worden, aber Ristvedt hatte unglücklicherweise das seinige schon nach kurzer Zeit verloren. Jetzt wurde es ihm also für die Reise erstattet. Ta-lurnakto wurde der schönste Dank aufgetragen und viele Grüße an die Zurückgebliebenen. Jetzt mußte den Schlitten ein ordentlicher Stoß gegeben werden. Ein Zuruf an die Hunde, — und dann ging es über die Petersen – Bucht hinüber nach dem Seehundhügel.

Als wir diesen erreichten, waren Rist-vedts Hunde schon sehr ermattet. Aber ich meinte, es sei doch noch zu früh, den Tag jetzt schon zu beschließen. Wir hatten die Absicht gehabt, bei Svarteklid in der Iglu zu übernachten, die wir im Februar auf der Observationsreise gebaut hatten. Wir fuhren auf dem Eise der Küste entlang, bis wir bei der nördlichen Kaorka-Landenge wieder an Land abbogen. Auf dem Hügel dort wendeten wir uns um und sahen da den Mast der Gjöa als eine deutliche schwarze Linie zwischen all dem Grau. Die grauen Wolken, die graue nebelige Luft dämpften das Licht bedeutend, und dadurch sah auch der Schnee grau aus. Durch das Fernrohr sahen wir die Flagge auf dem Maste wehen. Dann ging es weiter, den Hügel hinab nach dem Kaorkabecken, und von da in südlicher Richtung an dem Svarteheia-Abhang hin. Es dauerte nicht lange, bis meine Hunde die Iglu witterten. Sie liefen rascher vorwärts, und das war höchst angenehm, denn wir waren des ewigen Peitschenknallens und Anfeuerns den ganzen Tag hindurch recht müde geworden. Aber diese Eile hatte eine traurige Folge. Mein Schlitten wurde zweimal umgeworfen; ich mußte ihn dann hübsch wieder aufrichten, und zweihundertdreißig Kilogramm sind ein Gewicht, das einem schon etwas Rückenschmerzen verursachen kann. Beim ersten Umwerfen fiel der Schlitten sehr günstig, und ich konnte ihn allein wieder aufrichten. Aber beim zweiten Mal mußte mir Ristvedt helfen. Dann war aber auch die Mühe des Tages zu Ende. Fünf Minuten später waren wir vor unserer Iglu, und der erste Tagesmarsch von neun und einer halben Meile war vollendet. Meine Hunde waren frisch und wohl und hätten noch weitermachen können; Ristvedts Gespann dagegen war so gut wie am Ende seiner Kräfte angekommen. Aber mit einiger Übung würde es schon besser gehen, das hofften wir bestimmt.

Als wir Rast gemacht hatten, hielt ich eine hübsche kleine Rede. Wir hatten allerdings nur ein Gläschen Rum, und mit diesem einen mußte auf alles, was hochleben sollte, angestoßen werden. Wir tranken auf den Mann, der uns auf diese Reise geschickt hatte, wir tranken auf gute Kameradschaft in den kommenden Zeiten, wirtranken auf den.Erfolg unsrer Reise: daß wir unser Ziel droben bei „Wynniats Farthest“ erreichen möchten, sowie auf eine glückliche Rückkehr zur Ehre für die Flagge, unter der wir ausgezogen waren! Damit glitt der Rum hinunter. Wenn man mich jetzt fragen würde, ob er geschmeckt habe, dann würde ich getrost mit ja antworten. Solche Schlittenreisen wie die unsrigen sind nicht so, wie man sie sich nach den Bildern von Grönland denkt, wo die Leute, in dicke Pelze gehüllt, warm und hehaglich im Schlitten sitzen und mit der Peitsche knallen, worauf dann die Hunde über Stock und Stein lustig davonrennen. Mit so schwerbeladnen Schlitten, wie man sie auf unsren Reisen hatte, wo man für längere Zeit ausgerüstet sein muß, handelt es sich nicht um ein flottes Dahinjagen. Nur auf ausnahmsweis gutem Eise kann man sich überhaupt auf den Schlitten setzen, und im Anfang muß man sich mehr als einmal selbst als Zugtier Vorspannen, wenn es über Strecken von weichem Schnee oder über holperigunebnes Eis hinführt. Selbst hier, wo wir nur neun und eine halbe Meile zurückgelegt hatten — eine an und für sich unbedeutende Entfernung—, waren wir doch tüchtig müde und auch tüchtig hungrig. Der Kaffee am Morgen und Ristvedts Renntierschnitzel, das war alles, was wir an diesem Tage genossen hatten, und unser Hunger war daher sehr erklärlich. Dann tranken wir das Gläschen Rum! Goldbraun blinkte er uns aus den silberschimmernden Aluminiumbechern entgegen. Die Hand führt den Becher an den Mund, und bei dem würzigen Duft, der einem in die Nase steigt, ist es, wie wenn ein Hauch von sonnendurchglühten Plantagen weit drunten vom Süden über die öden Eisflächen herwehte. Der Becher wird sicher zum Munde geführt, die Hand eines Polarfahrers zittert nie. Und dann gleitet der Trunk hinunter, eiskalt, erquickend, wärmend, belebend . . .

Rümpft nur die Nase, ihr Abstinenzler! Ich weiß, von welchem Nutzen der Alkohol in einem solchen Moment sein kann! Denn ich will euch etwas erzählen! Ich weiß, was es heißt, gesund und frisch am Morgen aufstehen und mit seinem Schlitten hinausfahren; ich habe tief aufgeatmet, habe gefühlt, wie sich meine Lungen mit der frischen Luft füllten, wie das Blut schneller kreiste, und es war mir, als hätte ich Kräfte genug, bis ans Ende der Welt zu fahren. Die Schönheit des Himmels und des Schnees, die ganze gewaltige Natur hatte in meiner Seele erhabne Gedanken geweckt. Und dann bin ich noch vor Abend ein ge-brochner Mann gewesen. Der Glaube an mein Glück war zerschellt; todmüde, mit schweren Gliedern, das Gehirn umnebelt, und mir nichts mehr wünschend, als immer so weiter zu wandern, bis ich zu Boden stürzte, und doch bei dem Gedanken schaudernd, mich von der einförmigen Anstrengung des Ziehens losreißen zu müssen, um das Lager aufzuschlagen; obgleich ich doch wissen mußte, ja aus Erfahrung wußte, daß der Schlafsack die Hilfe für alle meine Not wäre. In einer solchen Lage, da ist der Alkohol an seinem rechten Platz, das habe ich erfahren, und da habe ich auch gelernt, ihn anzuwenden, selbst wenn die Müdigkeit und Erschöpfung noch nicht ganz so groß waren, wie ich eben beschrieben habe. Die belebende Wirkung auf einen überanstrengten Menschen mit leerem Magen ist geradezu verblüffend; das Zelt aufrichten, die Hunde füttern, das Essen aufs Feuer setzen sind Kleinigkeiten und werden in der halben Zeit, die man sonst gebrauchen würde, getan; das Durchgeblasenwerden und das Erstarren vor Kälte, das von jedem Lageraufschlagen unzertrennlich ist, schadet einem viel weniger, wenn man von der Anstrengung etwas erhitzt am Lagerplatz ankommt Wenn sich dann die Reaktion des Alkohols einstellt, liegt man längst in seinem Schlafsack, und dann wirkt diese Reaktion nur günstig, weil man oft gerade wegen der Übermüdung nur schwer einschlafen kann.

An diesem Lagerplatz besonders hatte der „Magenwärmer“ noch eine zweite gute Wirkung: wir benahmen uns wie Christen, als wir entdeckten, daß die hohen Herren, die die Iglu zuletzt benützten, vergessen hatten, sie wieder ordentlich zu verschließen, demzufolge eine große Menge Schnee hineingeweht worden war. Unter andern Umständen wären wir wohl kaum so rücksichtsvoll in unsern Ausdrücken gewesen. Nun brachen wir einfach ein Loch in die Wand, denn der Eingang war ganz mit Schnee zugeweht, und man konnte nicht durchkommen. Ziemlich viel Schnee war allerdings auch in die Hütte selbst eingedrungen, aber für zwei Schlafsäcke fand sich doch noch genügend Platz. Wir richteten uns also für die Nacht ein, fütterten die Hunde, krochen ins Haus hinein und verschlossen den Eingang mit einem Schneeblock. Der Verschluß wurde sehr sorgfältig gemacht; wir hatten ja jetzt schon wiederholt erfahren, welche durchdringende Kälte durch eine nur schlüssellochgroße Öffnung hereindringen kann. Die Bewohnbarkeit einer Iglu hängt von ihrer absoluten Dichtheit ab. Am vierten April legten wir eine etwas größere Strecke zurück, nämlich elf Meilen. Ristvedt hatte von seiner Militärzeit her die Ansicht, beim Felddienst sei der zweite Tagesmarsch immer der schlimmste, und das schien sich zu bewahrheiten. Am dritten Marschtage hatten wir wirklich das Gefühl, als gehe alles ein wenig leichter voran. Wir passierten Point C. F. Hall mit dem Grabe der Männer von der Franklinexpedition, wo wir unsre Flagge aufsteckten. Sonst aber schonten wir sie. Sie würde von Wind und Wetter gewiß noch genug mitgenommen werden, daß sie sich als Trophäe würdig ausnähme. Außerdem war da auch noch ein Nachteil: meine Peitschenschnur wickelte sich immer um die Fahnenstange, gerade wenn mir besonders daran lag, die Hunde mit einem flotten Peitschenknall nach irgend einer Seite hin aufzumuntern. Aber hier bei dem Grabe mußte die Flagge wehen; und so haben wir jedesmal gehalten, so oft wir an dem Steinhügel vorüberkamen. Wir haben es nicht ein einziges Mal versäumt; denn über diesem einsamen Grabe dort an der steinigen Klippe am äußersten Meer ruht ein tiefer Ernst. Wer einmal diese steinige Landzunge mit ihrem kleinen Becken, die dicht dabeiliegende Bucht mit dem niedrigen, im dämmrigen Schein des Winterlichts sich ins Innre des Landes hinein verlierenden Leisenrücken von King Williams-Land gesehen hat, der wird diesen Anblick nie wieder vergessen. Schwer, furchtbar schwer war das Schicksal dieser Männer, und das allein schon drängte uns zu einem ehrerbietigen Gruß. Aber die Llagge wehte auch zur Ehre ihrer unvergessenen Taten.

14. April. Dann kam endlich der wichtige Tag, wo wir das Depot erreichen und erfahren sollten, ob unsre Weiterreise gesichert wäre. Es war sehr schönes Wetter, als wir aufbrachen. Das Eis hatte sein Aussehen jetzt ganz verändert. Gegen das Meer zu war es in eine Menge ganz kleiner Schollen zusammengebrochen. Aber da, wo wir fuhren, war in einem schmalen Streifen am Lande hin die Bahn gut. Ristvedt war gleich nach unserin Aufbruch hinter einem Strich Schneehühner her, die auf einem kleinen Hügelkamm saßen. Aber sie entwischten ihm alle miteinander. Doch wurden wir bald für diesen Verlust entschädigt; denn während ich ganz ruhig weiterfuhr und damit Ristvedt schon ein Stück vorausgekommen war, sah ich plötzlich in ziemlicher Entfernung etwas, was einem Stein glich; doch hätte es, der Entfernung nach zu urteilen, einsehr großerStein sein müssen. Und ich konnte mich nicht erinnern, daß wir auf unsrer Bootfahrt einen besonders großen Stein an dieser Stelle gesehen hätten. Ich nahm also mein Fernglas vor, und siehe da: es war wahrhaftig ein Renntier! Rasch ließ ich die Hunde halten, damit sie das Tier nicht witterten und uns die Jagd verdürben. Ich wartete ganz ruhig, bis Ristvedt herankam, und übernahm dann die Aufsicht über beide Schlitten. Ristvedt hatte sich schon längst als ein besserer Jäger ausgewiesen als ich; und so gern ich auch selbst auf das Tier gepirscht hätte, — hier handelte es sich nicht um den Jagdsport, sondern im Gegenteil darum, mit seinen Patronen haushälterisch zu sein und so viel wie möglich zu erlegen; Fehlschüsse waren nicht erlaubt. Deshalb mußte, wenn etwas Lebendiges in der Landschaft auftauchte, immer Ristvedt heran. Einer mußte bei den Schlitten bleiben, sonst hätte man die Hunde nicht ruhig halten können. Dies war sowieso schwer, selbst wenn man dicht daneben stand, besonders späterhin, nachdem die Hunde begriffen hatten, was es bedeutete, wenn Ristvedt mit seinem Gewehr davonging. Das Renntier, um das es sich nun handelte, stand mitten auf einer weiten Ebene. Eine Deckung war nirgends zu erlangen, und wenn man wie ein schwarzer Punkt über eine weiße Fläche daherkommt, dann ist eine Entdeckung unausbleiblich. Aber nun wendete Ristvedt die Jagdmethode der Eskimos an. In einem großen Bogen ging er um das Renntier herum, bis er die Sonne im Rücken hatte. Dann ging er mit vorgebeugtem Kopfe, damit dieser nicht über die Schultern hervorragte, die Beine nur von den Knieen an bewegend, in gerader Richtung auf das Tier zu. Diese Methode ist recht gut; die Eskimos erlegen auf diese Weise viele Renntiere, obgleich sie sehr nahe herankommen müssen, bis sie mit ihrem Bogen schießen können. Ristvedt aber mußte, um sicher schießen zu können, nur auf eine Entfernung von zweihundert Meter heran. Ich verfolgte alle seine Bewegungen mit größter Spannung. Wind gab es in diesem Augenblick fast gar keinen; ein leichter Hauch kam von der Seite, wo das Renntier keine Witterung bekommen konnte. Als er auf die oben beschriebne mühselige Weise eine Strecke weit gegangen war, sah ich das Renntier den Kopf erheben und Ristvedt aufmerksam ansehen. Offenbar überlegte es, was da wohl daherkomme. Das Ding war ja ungefähr von gleicher Höhe wie es selbst. Und die Breitewarauch ungefähr die eines Renntiers, wenn ein solches daherkam. Die Sonne schien ihm freilich gerade in die Augen, so daß es blinzeln mußte; aber es war gewiß keine Gefahr, das dort drüben war wohl nur ein Kamerad. Und jetzt legt es sich überdies nieder; da kann ich ruhig im Schnee weiter graben; denn ich muß ohne Zeitverlust Moos herausscharren, wenn ich heute satt werden soll. Dies war des Tieres letzter Gedanke; durch das Fernrohr sah ich, daß es wie vom Blitz getroffen umsank. Dann tönte der Knall des Schusses über die Ebene hin und traf kurz und scharf mein Ohr!

Die Hunde fuhren auf, sie streckten den Kopf vor, spitzten die Ohren und bewegten witternd die Nasenlöcher. Ein Peitschenknall, und dann ging es in sausender Karriere der Stelle zu, woher der Schuß ertönt war. Ich konnte mich gerade noch auf den Schlitten werfen, ehe es davon ging. Als wir Ristvedt, der neben dem Renntier stand, erreicht hatten, hielten die Hunde von selbst an und leckten gierig den Schnee, auf den das Blut des erlegten Tieres gelaufen war. Aber ich mußte die Peitsche ordentlich anwenden, bis ich sie dazu brachte, sich ruhig zu verhalten, so lange wir das Tier auf den Schlitten hoben. Wir suchten nun den Horizont mit dem Fernglas ab und entdeckten noch ein Renntier. Der Jäger Ristvedt ging auch diesmal gerade so drauf zu wie vorhin, und auch dieses Renntier kam in den „Rucksack“. Das war eine flotte Schlittenladung! Zwei frischgeschossene Renntiere — ein Herrenessen für uns, und ein herrlicher Fraß für unsre Hunde! Wir hatten nicht sehr weit zu dem Kap mit unserm Depot; so legten wir die Tiere unzerteilt auf die Schlitten und fuhren mit ihnen weiter. Wenn wir sie auf der Stelle geöffnet hätten, wäre gewiß viel Blut über die Schlitten hinabgelaufen; und wir waren auch zu gespannt darauf, ob das Depot noch da sei, um gleich hier ein Lager aufzuschlagen, obgleich durch diesen Proviantzuwachs unsre Reise sozusagen einige Tage länger dauern durfte.

Wir fuhren also quer über Seichtwasser-Creek, eine Bucht in nächster Nähe südlich von unsrem Depotkap. Den Namen Seichtwasser-Creek hatte sie, weil das Wasser bei der Einfahrt äußerst niedrig war; im Sommer hatten wir nicht einmal mit einem Boot hineinfahren können. Plötzlich witterten meine Hunde irgend etwas. Silla war die erste. Sie hob den Kopf und schnupperte, zog dann aber ruhig weiter, und ich dachte schon, ich hätte mich getäuscht. Doch bald wurde sie wieder unruhig; und jetzt hoben auch Mylius und Ojöa die Köpfe. Ich hielt es deshalb für das beste, Halt zu machen und Ausschau zu halten, ob ihre Nasen besser seien als meine Augen. Ich hatte doch gemeint, ich könne alles ganz deutlich sehen, bis hin zum Felsenrücken von Kap Crozier, der sich in einer Entfernung von mehreren Meilen wie eine scharfe, weiße Linie vom Horizont abhob. Mit dem Fernglas vor den Augen sah ich, daß die Hunde recht hatten. Ganz draußen, oben auf dem Felsenkamm wanderten zwei Renntiere friedlich dahin. Eine schwache Brise wehte von ihnen gerade zu uns her. Ristvedt hatte mich jetzt eingeholt, einige von seinen Hunden hatten gleichfalls Unrat gemerkt. Sie liefen ganz von selbst, als es jetzt auf die Renntiere zuging. In scharfem Trab ging es über den Schnee hin. In einer passenden Entfernung hielten wir wieder an, und Ristvedt ging allein weiter. Schon nach einer kleinen Strecke mußte er sich auf den Bauch legen. Nur so ohne weiteres einen Hügel hinaufgehen, während das Tier einen aus der Vogelperspektive sieht, das geht nicht an. Aber die Renntiere, die wahrscheinlich die Schlitten schon aus weiter Entfernung gesehen hatten, waren sehr neugierig und wären gerne etwas näher herangekommen, um herauszubringen, was denn das Schwarze dort eigentlich sei. Ich lag mit dem Fernglas in der Hand über dem einen Schlitten. Während man so ruhig Ausschau hält, kann man nicht begreifen, warum der Mann, der dort drüben liegt, nicht schießt. Denn im Fernglas erscheint der Abstand zwischen ihm und seinem Ziel ganz klein. Jetzt — endlich krachte der Schuß, und da lag das eine Tier! Das andre lief rasch zurück, hielt an und überlegte wahrscheinlich, warum sein Kamerad sich niedergelegt habe. Es kam wieder näher; wenn sein Kamerad so ruhig liegen bleiben konnte, war sicher keine Gefahr im Anzug. Schritt für Schritt kam es näher, mit hocherhobnem Kopf, das Geweih weit im Nacken — hielt an — ging einen Schritt zurück — hielt an — Da knallte der Schuß! Blitzschnell wendete es sich, und in sausendem Galopp jagte es davon. „Da läuft es hin! Er hat nicht getroffen,“ dachte ich. Aber man entgeht dem Tode nicht. Ristvedts Büchse hatte den Tod entsendet, dieser saugte nun dem Tier das Herzblut aus und goß es auf den weißen Schnee. Fünfzig Meter — schneller und immer schneller — hundert Meter — dann war es vorbei. Ein schwerer Fall — „Der Schuß hat also doch getroffen!“ dachte ich. Ich ließ Silla los, damit sie das Renntier aufspüre, falls es noch einmal aufstehen würde. Aber das war überflüssig. Dann fuhr ich mit dem Schlitten zu dem Jäger hin, und wir luden die beiden eben erlegten Renntiere auf. Schwerbeladen ging es über den Felsenkamm hin. So, nun müßten wir bald da sein. Nur noch um die nächste Kuppe. Ganz recht, dort war die Warte, groß und breit auf dem Strande. — Und das Depot? — Das hatten die Bären geholt.

Wir schlugen unser Lager auf, zogen den Renntieren das Fell ab und legten uns schlafen. Aber in dieser Nacht Unsre getreuen Begleiter Baj Silla Per schlief ich zum erstenmal schlecht, denn die vier armen magern Renntiere ersetzten mein herrliches Depot bei weitem nicht. Wie hätte ich mir da Hoffnung machen können, eine Strecke neuen Landes zu überwinden! Immer neue Pläne kreuzten sich unaufhörlich in meinem Kopfe. Gesetzt nun, die Hunde rissen sich los und fräßen das Fleisch auf, das da draußen unbeschirmt im Schnee lag. Bei jeder Bewegung, die die Hunde machten, wurde ich hell wach und lauschte ängstlich. Und dann — der Heidelbeergeist, den wir uns zuerst als Freudenbecher über die unerwarteten Renntiere, und dann als Sorgenbrecher über das zerstörte Depot gewährt hatten! Das hätten wir doch lieber unterlassen sollen! Am nächsten Tage, dem fünfzehnten April, hatten wir herrlichen Sonnenschein. Wir benützten ihn zum Trocknen aller unsrer nassen Fellkleider, die um diese Jahreszeit recht feucht werden, teils durch die Transpiration von innen, teils von außen durch aufwirbelnden Schnee, der sich an einen anhängt und schmilzt, wenn die Sonne scheint, die durch den dunkeln Stoff, einen der wenigen schwarzen Punkte in der Landschaft, angezogen wird. Das Fleisch der Renntiere wurde zerlegt, und dann mußten die Schlitten umgepackt werden. Mit dem, was wir vor der Jagd gehabt hatten, reichte unser Hundefutter jetzt wohl für dreißig Tage; das erlaubte uns ein Vordringen von zwanzig Tagen, wenn wir gewillt waren, zum Vorteil ihrer Kameraden einige von unsern Hunden zu schlachten, das heißt, wenn uns das Glück ungnädig war und uns keine weitere Jagdbeute in den Weg schickte. Oben auf der Höhe legten wir ein Depot an, das Proviant auf vier Tage enthielt; Renntierfleisch für uns selbst und auch für die Hunde. Das Depot wurde in den losen Steinen einer alten Uferlinie errichtet. Durch das Wegschaffen der Steine wurde ein großes Loch geschaffen, der Fleischvorrat hineingelegt und daneben ein Behälter mit zehn Litern Petroleum, die wir entbehren zu können glaubten, da wir ja nur noch etwa zehn Tage Weiterreisen wollten. Dann wälzten wir Steine darüber, so große wie nur möglich. Füchse konnten nicht an dieses Depot kommen, und wir hofften es so weit drinnen im Lande errichtet zu haben, daß auch die Bären es nicht wittern könnten. Der Eisbär geht überhaupt nur ungern vom Eise weg; das wurde in Betracht gezogen, und darauf bauten wir unsre Hoffnung, das Depot unversehrt wiederzufinden. Wie man sich freilich vor den Bären schützen soll, das weiß ich wahrhaftig nicht. Das Depot bei Kap Crozier, das wir auf unsrer Bootfahrt errichtet hatten, bestand, wie oben gesagt, aus zweihundert dreißig Kilogramm in zwei zugelöteten Blechkisten, die teils Pemmikan, teils Hundefutter — Fische und Talg zusammengeschmolzen — enthielten. Bei Kap Crozier tritt der nackte Felsengrund zutage, der in großen flachen Schichten verwittert. Die beiden Blechkisten hatten wir auf den Strand gestellt und dann ganze Grabkammern darum aufgeführt, von schweren Steinen, die nur zwei wirklich kräftige Männer aufheben konnten. Dann hatten wir einen halben Tag lang immerfort schwere Felsblöcke auf das Depot gewälzt, so große Blöcke, wie wir überhaupt tragen konnten. Es war ein ganzer Berg, als wir damit fertig waren. Aber dies alles hatten die Bären weggeschafft. Ein einziges zusammengerolltes Stück Blech fanden wir noch. Der Bär hatte sein Zeichen darin zurückgelassen, fünf lange Risse mitten hindurch! Auf diese Weise war es ihm gelungen, die Kiste zu erbrechen. Warum er dann das Blech zusammengerollt und hineingebissen hatte, weiß ich nicht; ich hoffe, er tat es aus Wut, weil er sich daran geschnitten hatte.

Obgleich wir dreizehn Tage gebraucht hatten, um Kap Crozier zu erreichen (ich hatte auf acht gerechnet gehabt), war ich doch noch immer sanguinisch und hoffte, den Rückweg in fünf Tagen zurücklegen zu können; es waren ja schließlich nur hundert Seemeilen! Zu einer bessern Jahreszeit und mit besseren Schlitten hätte es sich machen lassen, selbst wenn wir einige der Hunde hätten schlachten müssen; deshalb ließ ich nur Proviant auf vier Tage zurück. Zum Mittagessen gab es an diesem Tage Marksuppe aus den Markknochen der vier Renntiere. Man hüte sich aber, von einem solchen Gericht allzugierig drauf los zu essen! Der herrliche brühheiße Stoff glitt uns gar so lind den Hals hinunter; hungrig waren wir ja auch nach dem anstrengenden Tag. Aber die Suppe glitt in einem zu großen Maßstab hinunter. Ristvedt, der einen „Magen wie eine Ziehharmonika“ hatte, obgleich er kein Seemann war, erzählte mir boshafter Weise erst, nachdem das Gericht verzehrt war, er habe bei der Schlittenreise im vergangnen Jahre den Kapitän auch mit so einer Suppe „traktiert“, und der Erfolg sei ein gründliches Magenweh gewesen. Jawohl, und ich entging ihm auch nicht . . . Am Sonntag, dem sechzehnten April, mußten wir einen Rasttag machen wegen allzuschlechten Wetters. Wir machten nur einen kleinen Gang landeinwärts, und da sahen wir, daß sich hinter der Hügelkette bei Kap Crozier von der Alexanderstraße bis zur Simpsonstraße eine Talsenkung quer durchs Land hinzieht. Zwei Schneehühner flogen an uns vorbei. Es schien kein Mangel daran zu herrschen. Wir hatten ja schon immer welche gesehen und also alle Aussicht, einige davon in den Kochtopf zu bekommen, sobald wir Jagd auf sie machen wollten. Hier sahen wir auch den ersten Schneespatz. Er flog vor uns her, setzte sich da und dort nieder und pickte im Schnee.

Da wo der Eelsenkamm gleichsam basteiartig gegen die Landspitze mit dem Depot auslief, bauten wir eine Warte. Ich hoffte von da aus „Land seen by Rea“ wahrnehmen zu können, um einen bestimmten Punkt zu haben, auf den ich losgehen könnte. Dann kehrten wir in unser Lager zurück und legten uns in unsre Schlafsäcke. Wir froren, denn es blies tüchtig; auch schneite es, und die Temperatur war fast minus zwanzig Grad Celsius; aber droben auf der Warte saß ein Schneespatz und zwitscherte. Drüben lag das Packeis und wartete auf uns. Wir hatten gesehen, wie die glatte Oberfläche des Eises langsam ihr Aussehen veränderte, seit wir Fitz James Eiland verlassen hatten. Aber erst jetzt von dem Felsenrücken bei Kap Crozier aus suchte das Auge in der Richtung auf „Land seen by Rea“ vergebens eine ebene Fläche. Und doch schliefen wir ruhig in dieser Nacht, denn wir wußten noch nicht, was Packeis war. Wir hatten ja wohl gehört, wie mühselig man sich durch das Packeis hindurcharbeiten müsse, und wie man, während man vorwärts dränge, von der Strömung ebenso hurtig in entgegengesetzter Richtung weiter getrieben werde. Die Leute, die uns diese Schwierigkeiten erzählt hatten, waren, wie wir genau wußten, lauter Leute, die sich nicht leicht erschrecken ließen. Doch trösteten wir uns in dem Gedanken, daß das Eis, über das wir hinüber mußten, nur Sundeis sei. Nirgends sahen wir bergeshohe Eispackungen; was wir sahen, — das konnten im Vergleich zu den Eisbergen, die sich in dem großen Eismeer bildeten, nur kleine Hügel sein. Und dann lag es ganz ruhig da. Der Frost hatte es in der schmalen Straße sicher von Küste zu Küste gespannt; wir riskierten also nicht, davongetrieben zu werden. Möglicherweise könnten wir keine großen Tagesmärsche machen, aber so zehn Meilen täglich würden wir doch gewiß erreichen. Viel mehr als ein halbes Hundert Meilen konnte die Entfernung nach Victorialand hinüber überhaupt nicht betragen, und zu dieser Strecke gehörte überdies „ Land seen by Rea“. Das waren Trostgründe genug, und wir schliefen, wie gesagt, in der letzten Nacht bei Kap Crozier recht gut. Am nächsten Abend waren wir freilich nicht so getrosten Herzens — denn — nun ja, kurz gesagt, dort drüben lag das Packeis und wartete auf uns, und nach einer eintägigen Reise darauf wußten wir, was unser wartete.

17. April. Am ersten Tage fuhren wir von neun Uhr bis drei Uhr. Da konnte ich nicht mehr. Während dieser Zeit hatten wir per Stunde die schwindelnd große Strecke von einer halben Seemeile zurückgelegt. Das machte im ganzen drei Meilen. An diesem Abend sprachen wir nicht viel miteinander; dazu waren wir zu müde. Aber darüber waren wir vollständig einig, daß es so nicht weitergehen konnte; wir mußten eine andre Marschmethode finden, wenn wir uns bei solchen Eisverhältnissen noch weiter hindurcharbeiten wollten. Am nächsten Tage versuchten wir, immer nur mit einem Schlitten, an den alle Hunde gespannt waren, eine Strecke weit zu fahren. Das machte aber den Weg dreimal so lang, weil wir dann immer wieder zurück und den andern Schlitten holen mußten.

19. April. An diesem Tage machten wir den Versuch, auf Ski einen Weg zu bahnen, dann drehten wir um und holten die Schlitten. Die Hunde liefen dann auf der von uns gemachten Bahn von selbst vorwärts, und wir konnten unsre ganze Aufmerksamkeit den Schlitten zuwenden, die demzufolge verhältnismäßig selten umstürzten. Aber mühselig war es, wie wir so, halb gelähmt von Schmerzen, im Schnee weiter wateten. Es war ein strahlend heller Tag bei fünfundzwanzig Grad Kälte. Vor uns lag das Land so nahe, daß es schon seinen einförmig weißen Ton verloren hatte. Wir sahen schon die Einzelheiten in der Landschaft. Nach drei Stunden harter Arbeit waren wir aus dem Packeis heraus, und für diesmal war die Plackerei vorbei; denn nach allem, was wir durchgemacht hatten, war das Fahren über die flache Eisstrecke, die uns noch vom Lande trennte, nur ein Kinderspiel. Nach einer mehrstündigen Fahrt erreichten wir denn auch das Ufer. Da mußten wir aber zu unsrer großen Überraschung zuerst noch über zwei Holme von etwa zwanzig Metern Höhe, ehe wir die Insel erreichten, an deren Uferrand sich der sehr leicht kenntliche Mount Rea hundert Meter über die Meeresfläche erhebt. Bei der einförmigen Beleuchtung hatten wir die beiden kleinen Inseln unmöglich sehen können. Die ganze Landschaft sah aus, als bilde alles zusammen bis zu dem Gipfel des Berges hinauf einen einzigen, gleichmäßigen Abhang.

20. April. Am nächsten Tage richteten wir unsern Kurs auf das Land, das wir von dem Gipfel des Mount Rea im Westen gesehen hatten. Auf dem Wege trafen wir zwar frische Bärenspuren, aber von den Bären selbst sahen wir nichts. Dagegen kam ein Schneehuhn dahergeflogen, als wir eben auf einer kleinen Insel mitten im Sunde Halt machten; es ließ sich dicht neben Ristvedts Schlitten nieder, wo es allerdings nicht lange sitzen blieb, weil Ristvedt es sogleich erlegte. Aber während des kurzen Augenblicks verwunderte ich mich doch, wie merkwürdig diese Tiere sind; manchmal sind sie so scheu, daß man fast gar nicht zum Schuß kommen kann, und zu andern Zeiten fürchten sie sich nicht im geringsten, setzen sich gackernd neben einen nieder und bleiben da sitzen, selbst wenn man mit seinem Gewehr nicht gleich bei der Hand ist.

Als wir das Land jenseits des Sundes erreicht hatten — eine große niedrige Insel, die wir später Osterinsel nannten Auf dem Wege nach Victorialand Godfred Hansen sahen wir einige Remitiere, und zwar ehe die Hunde etwas davon entdeckt hatten. Wir dachten deshalb, diese würden sich ruhig verhalten, wenn wir sie so zusammenschnürten, daß sie mit den Schlitten nicht nachkommen könnten. Als das getan war schlug jeder von uns eine eigne Richtung ein; aber keiner hatte Glück: Ristvedt verscheuchte sein Tier zuerst; in vollem Galopp jagte es auf mich zu. Ich machte mich so klein wie möglich, aber es hielt sich schließlich doch außer Schußweite. Dann sah ich Ristvedt zu unsern Schlitten zurückkehren, und da die beiden Renntiere, auf die ich es abgesehen hatte, noch sehr weit entfernt waren, wartete ich ruhig, bis er zu mir herangekommen wäre. Hierauf ging er den Renntieren nach. Diese mußten aber doch das andre haben davonlaufen sehen, denn sie waren so scheu, daß sie lange bevor er in Schußweite war, auf und davon jagten. Jetzt wollte ich zu Ristvedt hinfahren. Auf dem Wege sah ich Renntierspuren, die meiner Ansicht nach von den Tieren herrührten, hinter denen Ristvedt her war. Ich ließ deshalb die Hunde so eifrig, wie sie wollten, auf diese Spuren losgehen, da sie mich ja ohne Zweifel zu Ristvedt hinführen müßten. Aber darin täuschte ich mich. Die Spuren rührten von dem ersten von uns verjagten Renntier her, das längst in der Ferne verschwunden war. Diese Spur war jedoch noch ganz frisch, und die Hunde folgten ihr mit rasender Geschwindigkeit; ich konnte weder abbiegen, noch sie anhalten, der Blutdurst war in ihnen erwacht. Die Schnauze dicht am Schnee, jagten sie dahin wie ein Rudel hungriger Wölfe. Ristvedt wurde kleiner und kleiner, und bald sah ich rings umher nur noch das weiße Schneefeld. Ristvedt hatte seinen Schlitten längst zum Stehen gebracht. Seine Hunde hatten keine Energie, und das war in diesem Falle ja gut. Na, endlich gelang es mir doch, den Schlitten umzustürzen. Das hemmte die Hunde, und nun kam ich an die Reihe. Nach einer Zurechtweisung mit der Peitsche gelang es mir, den Schlitten zu drehen, in der Richtung auf Ristvedt zu. Dann richtete ich den Schlitten auf, und nun ging es zurück. Ich lief neben dem Schlitten, um ihn sogleich wieder umwerfen zu können; aber als die Hunde Ristvedt entdeckten, ging es den Rest des Weges wie geschmiert. Ristvedt hatte sich die ganze Zeit über gewundert, wo ich eigentlich hinwolle. Jetzt fuhren wir in der gewohnten Marschordnung weiter, im Schein der untergehenden Sonne, die drüben im Westen wie eine rotglühende Kugel über einen niedrigen Felsenrücken glitt. Der Felsen wendete uns seine.rabenschwarze Schattenseite zu, wo alle Einzelheiten im nächtlichen Dunkel verschwanden. Aber sein Rücken zeichnete sich von Kuppe zu Kuppe in einer scharfen, ungleich gezackten Linie von dem leuchtenden Nachthimmel ab. Plötzlich stand ein Renntier mitten in der Sonne. Silhouettenartig hob es sich von dem Flimmel dahinter ab. Es mußte dort am Boden gelegen haben und jetzt unruhig geworden sein. Sonderbar riesenhaft, wie ein gewaltiges Tier aus den ersten Tagen der Schöpfung, stand es dort oben, mit er-hobnem, etwas zurückgebeugtem Kopf, so daß das Geweih auf dem Rücken lag. Einen Augenblick stand es so da. Die Hunde sahen es, begriffen aber nicht, was für ein gewaltiges Wesen das wäre. Mit gespreizten Beinen standen sie unbeweglich, wie wenn sie mitten im Ziehen plötzlich versteinert wären. Die Sonnenstrahlen überfluteten uns — Menschen und Hunde — mit goldnem Schein. Und doch bekam das Renntier keine Angst. Es wendete sich nur um und verschwand langsam hinter dem Bergrücken. Jetzt kam wieder Leben in die Hunde; sie begriffen, daß die Erscheinung ein Renntier gewesen war, und wollten hinter ihm her. Ich mußte mich quer über Per und Bay werfen und sie zu Boden drücken. Silla und Gjöa, beide außer sich vor Jagdeifer, umschlang ich, jeden mit einem Arm, drückte alle zu einem kämpfenden Knäuel zusammen und wälzte mich über ihnen hin und her, um die Hunde am Bellen zu verhindern. Jetzt kam Ristvedt herbei; seine Hunde hatten nichts gesehen und waren daher ruhiger. Ich bat ihn, das Renntier zu verfolgen. Viel Hoffnung, daß es auf der andern Seite noch nahe genug wäre, hatte ich freilich nicht, denn das vereinzelte Aufheulen, das aus den Kehlen von Bay und Gjöa drang, war schauerlich genug, ein Tier zu erschrecken, dessen Geschlecht seit Jahrhunderten von der Angst vor dem höllischen Geheul der Wölfe verfolgt wird, jenen durchdringenden, ohrenzerreißenden, schneidenden Tönen — dem einzigen Laut in der großartigen Stille der Winternacht.

Ristvedt ging auf den Hügelkamm; dort legte er sich nieder und stützte sein Gewehr auf einen Stein. Nun würde das Tier nicht mehr lange leben, das wußte ich. Als der Schuß ertönte, ließ ich die Hunde los. Ich konnte mich gerade noch auf die Seite werfen. Wie der Wind jagten sie dahin, man hätte nicht geglaubt, daß dies dieselben Hunde waren, die vor zehn Minuten ganz ermattet, und kraftlos gewesen waren, und denen die Zunge weit zum Halse herausgehangen hatte. Jetzt waren sie wild. Keine Anstrengung war ihnen zu groß. Wir brauchten nicht weit zu fahren: nur über den Hügelkamm. Auf der andern Seite stand Ristvedt und zog dem Remitier das Fell ab. Wir schlugen ein Lager auf und nannten den Ort nach dem Admiral Sir William Wharton R. N. 22. April. Am Ostersamstag kam ein Sturm aus Süden dahergezogen, und es blieb uns nichts andres übrig, als im Zelt zu bleiben. 24. April. Endlich am Montag hatten wir keine Entschuldigung mehr für längeres Verweilen; wir mußten aufbrechen. Im Anfang ging es auch ganz gut. Die eine Seemeile bis zur Küste, das war gar nichts, und die ersten .anderthalb Meilen auf dem Eise draußen ging es auch noch einigermaßen leicht; aber von da an wurde es schwerer und immer schwerer. Schließlich kamen wir gar nicht mehr weiter. Ich mußte den Pfadfinder machen; und nach einem Weg von ungefähr zweihundert Metern gelangte ich in eine gleichmäßig aussehende Straße. Aber was für ein Weg war das! Die Strecke zwischen den Eisschollen sah zwar ziemlich eben aus, man sank jedoch immer bis zu den Hüften ein. Wir brauchten zwei Stunden, bis wir mit den Schlitten diese zweihundert Meter zurückgelegt hatten.

Donnerstag, der vierte Mai, war der große Tag der Expedition. Zuerst fuhren wir in der Art, wie wir in den alten guten Tagen — so nannten wir das jetzt — in der Simpson- Straße gefahren waren. Da war jeder neben seinem Schlitten hergegangen, ja manchmal hatte er sich auch darauf gesetzt. Aber bald mußte ich vorausgehen, denn in der Nähe des Landes war die Bahn nicht ganz so eben, wie sie zuerst ausgesehen hatte. Es gab Eisblöcke und Eispackungen zwischen den glatten Flächen, und es ging noch am leichtesten, wenn einer von uns vorausmarschierte. Und dann hatten die Hunde eine ganz erstaunliche Lust, immer nach Nordwesten zu laufen, anstatt dahin, wo wir wollten, nämlich dem nächstliegenden Ufer zu. Als wir an einer besonders hohen Eispackung ankamen, wollte ich hinaufsteigen, nach dem Weg auszuschauen. In dem Augenblick, wo ich meinen Schlitten anhielt, rief Ristvedt, er sehe etwas Schwarzes, das sich weit draußen auf dem Eise bewege. Was das wohl sein könnte! Ich glaube wahrhaftig, mein Herz begann schneller zu klopfen. Denn gleichviel was, es war etwas Lebendiges hier draußen in der Schneewüste. Das gab uns die Aussicht auf ein weiteres Vordringen. Ich nahm mein Fernglas zur Hand. Aber das Schwarze dort draußen war nicht ein einzelner Punkt: es waren viele in einem Halbkreis auf dem Eise zerstreute Punkte. Eskimos auf dem Walfischfang! Da war es nicht so verwunderlich, daß die Hunde in dieser Richtung hatten weiter laufen wollen. Wir steckten die Flagge auf den Schlitten. Als eine schwache Möglichkeit schwebte uns vor, es könnten vielleicht Weiße darunter sein; und in diesem Gedanken rieben wir uns die Gesichter mit Schnee ab, um womöglich etwas von dem Petroleumruß wegzuwischen. Dann fuhren wir weiter. Offenbar hatten uns die Eskimos auch gesehen, denn sie kamen, den Kreis immer enger ziehend, eilends auf uns zu. Als sie in einer Entfernung von vier- bis fünfhundert Metern alle versammelt waren, hielten sie an. Wir unsrerseits taten dasselbe. Da draußen in der Wildnis, wo das Recht des Stärkeren Gesetz ist, weiß man nie, ob man Freunde oder Feinde antrifft. Das beste ist also, gewappnet zu sein; von dem arktischen Begegnungszeremoniell darf nicht abgewichen werden. Die Schlitten wurden mit der Breitseite gegen die Fremden aufgestellt. Ristvedt kauerte, die Patronen neben sieh und den Karabiner in der Hand, dahinter. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, und, die Hände hoch über dem Kopf erhoben, zum Zeichen, daß ich keine Waffen trug, schritt ich vorwärts. Von den Eskimos wurde nun auch einer ausgeschickt. Auch er hielt die Hände empor; es war also nichts zu befürchten. Mitten auf der Arena trafen wir zusammen. Seine weißen Zähne leuchteten mir entgegen, so breit war das Lächeln auf seinem platten liebenswürdigen Eskimogesicht. Er fürchtete sich nicht vor mir; meine Züge müssen also für ihn nichts Schreckenerregendes gehabt haben. Der Schmutz, der mein Gesicht bedeckte, war außerdem derselbe, der auch auf den seinigen lag. Und überdies lächelte ja auch ich. Ich war vergnügt, denn ein solches Zusammentreffen bedeutete Lebensmittel, so viele wie wir auf unsern Schlitten unterbringen konnten.

Als wir einander erreicht hatten, sagte der Eskimo etwas von „Kiilniermun-Jnnuit“, das war der Name seines Stammes. Ich verstand ihn, weil ich den Namen früher schon gehört hatte, und so erwiderte ich, wir seien „Kabluna“. Dann fielen wir uns um den Hals und rieben unsre Wangen aneinander. Man muß mit den Wölfen heulen! Der Mann war während der zwei Tage, die wir bei den Eskimos zubrachten, mein Freund; er war des festen Glaubens, ich verstehe jedes seiner Worte, nur weil ich ihm, nachdem er mir seinen Stamm genannt, gesagt hatte, wir seien Kabluna. Aber natürlich verstand ich kein Wort. Unser Norwegisch-Eskimo verstanden sie indes auch nicht, und so bekamen wir leider keine weitern Aufschlüsse über das vor uns liegende Land. Gespräche, die zu irgend einem Resultat führen sollten, mußten in der Fingersprache geführt werden. Als nun unsre beiden Gefolgschaften, das heißt, Ristvedt und die übrigen Eskimos, sahen, daß die Sache eine friedliche Wendung nahm, näherten sie sich — die Eskimos eifrig sprechend und gestikulierend — der Stelle, wo wir standen. Jubelnd und glücklich rieben wir die Wangen im Kreise herum und fuhren dann mit den Eskimos in ihr ein paar Meilen entfernt liegendes Igludorf. Es ging sehr schnell vorwärts, denn sie spannten alle Hunde, die sie bei sich hatten, vor unsre Schlitten. Als wir uns dem Dorfe näherten, kamen uns noch mehr Eskimos entgegen, was ein weiteres Wangenreiben zur Folge hatte. Unsre Wangen waren fast ganz sauber, nachdem die Reihe durch war.

Wir wollten nicht in die Iglu der Eskimos hineinziehen; um diese Jahreszeit sind sie ein miserabler Aufenthaltsort. Das Dach ist geschmolzen, und statt dessen muß eine Felldecke herhalten. Der Schnee wird von der hohen Temperatur, die sich bei so geringer Kälte drinnen rasch bildet, sehr feucht; wir zogen daher unser Zelt vor. Von einem großen Haufen Neugieriger umringt, richteten wir es auf. Die Zuschauer ergötzten sich königlich; zum Glück hatten wir Lilli, die sie von den Schlitten abhielt, deshalb bereitete uns ihre Neugier keine Widerwärtigkeiten. Die Eskimos wohnten in zehn Iglu; einige davon standen leer, weil ein Teil des Stammes gen Norden nach dem „Admirality Island“ gezogen war. Es waren wohl zwanzig bis dreißig Menschen in diesem Lager, und soweit wir verstehen konnten, war eine ähnliche Anzahl abgezogen. Aber im ganzen war dies nur ein kleiner Teil des großen Kiil-niermunstammes, der diesen Winter hierhergezogen war und auf der Albert Edward-Bay dem Seehundfang oblag. Im Laufe des Winters waren sieben von ihnen gestorben. Der Eskimo, der mir dies erzählte, legte dabei die Hand auf die Brust und hustete, um mir anzudeuten, an welcher Krankheit sie gestorben wären. Die Leute müssen also einer Lungenkrankheit erlegen sein. Sie waren in allem womöglich noch primitiver als unsre Netschjillifreunde und mußten sich weit mehr als diese mit kupfernen Nadeln und Messern behelfen. Nur ihre Bogen standen über denen der Netschjillieskimos; der Kiilniermunstamm konnte sich unverkennbar leichter Holz verschaffen als die Netschjillieskimos. Ihre Kleidung war von der der Netschjilli etwas verschieden. Die Kapuzen hatten eine abgestumpfte Spitze hinten am Kopf, der Bund ihrer Beinkleider ging hoch über die Hüften herauf; dagegen aber waren die Anorakke so kurz abgeschnitten, daß sie noch mehr als die der Netschjilli Fräcken glichen. Ich kaufte einen Seehund, mit dem der glückliche Jäger eben von der Jagd zurückkehrte, und bezahlte ihn dafür mit einem zwei und einen halben Zoll langen, aus unsern Eissägen fabrizierten Messer. Das war vielleicht keine sehr glänzende Bezahlung. Aber wenn ein Geschäft ehrlich ist, sobald beide Teile davon befriedigt sind, dann war unser Geschäft ehrlich; denn es wäre schwer zu sagen gewesen, welcher von uns beiden der vergnügtere war. Ich brauchte den Seehund sehr notwendig, und er, der arme Kerl, hatte noch nie in seinem Leben ein stählernes Messer besessen. Später kauften wir noch einen Vorrat Speck. Der Preis für eine halbe Speckseite war ein drei Zoll langer Nagel; aber dieser Preis trieb selbst mir die Schamröte ins Gesicht. Als der Handel abgeschlossen war und wir soviel Speck hatten, wie wir überhaupt gebrauchen konnten, schenkte ich diesem Verkäufer noch eine Operationsschere als Zubuße. Darüber waren nicht allein er und seine Frau hochbeglückt, sondern der ganze Stamm freute sich über das Kleinod, das sich nun in ihrer Mitte befand.

Als wir schließlich in unsern Schlafsäcken lagen, bekamen wir doch immer noch Besuch von Damen, die uns kleine Leckerbissen von gekochten Vorderflossen des großen Seehunds brachten. Diese Stücke schmeckten ungefähr wie Schweinshaxen. Zuerst waren wir so naiv, zu glauben, wir hätten diese Leckerbissen unsrer eignen Liebenswürdigkeit zu verdanken; dann aber fand ich die eigentliche Absicht heraus: eine Zündholzschachtel voll Perlen war der Anziehungspunkt. Ich schenkte den Lrauen, so oft sie kamen, etwa zehn Stück davon; mehr konnte ich nicht geben, denn ich mußte haushälterisch damit umgehen. Nach und nach wurden die Bissen kleiner, aber dafür um so häufiger, und schließlich mußten wir sie ohne Bezahlung zurückweisen. Das half; nun durften wir schlafen. Zum Abendessen hatten wir uns von dem erhandelten Seehund selbst etwas Speck gekocht. Das war meine erste aus- schließlich aus Seehundfleisch bestehende Mahlzeit. Als Braten hatte ich allerdings auch früher schon Seehundfleisch gegessen, aber noch nicht so ganz ä l’eskimo. Es ist keine Polarprahlerei, wenn ich sage, daß es mir herrlich gemundet hat. Das Fleisch schmeckt wie Muscheln, und wenn der Speck ganz frisch benützt wird, ist er, wenn auch nicht ganz so fett wie Schweinespeck, doch ganz ebenso delikat. Wir mußten uns geradezu davor hüten, nicht zu viel auf einmal in den Kochtopf zu stecken. Es glitt so glatt hinunter, und wenn wir nicht aufgepaßt hätten, wäre es uns vielleicht wieder ergangen, wie nach der Marksuppe bei Kap Crozier. 5. Mai. Den nächsten Tag verbrachten wir in dem Lager. Unsre Hunde hätten auch nicht leicht weiter können. Sie hatten so viel Speck fressen dürfen, wie sie nur konnten, und das war nach der langen Renntierdiät nicht wenig gewesen. Aber es hatte eine etwas kräftige Wirkung. Wir zerlegten unser Fleisch und packten unsre Schlitten für den nächsten Tag. Die Schlitten mußten vollständig umgepackt werden, weil wir die meisten unsrer Blechdosen zum Aufbewahren des Specks brauchten. Die Reserveschlittenkufen nahmen wir ab. Da der Schnee jetzt recht naß war, hielten wir die neusilbernen Kufen für praktischer. Alles in allem hatten wir jetzt Proviant für anderthalb Monate; mehr konnten wir nicht mitnehmen, die Schlitten waren vollständig bepackt. Aber wir hätten gut noch mehr bekommen können. Die Eskimos hatten riesiges Glück beim Seehundfang gehabt und besaßen daher große Vorräte an Speck. In der zweiten Nacht schliefen wir ebensogut wie in der ersten. In dem Bewußtsein, daß es jetzt dem glatten Eise der Albert Edward-Bucht zuging, konnte man sich ruhig schlafen legen. Jetzt hatten wir wieder einen Weg vor uns, der einen Zweck haben würde; wir hatten Aussicht, neues Land zu entdecken. Mit solchen freundlichen Gedanken schliefen wir ein. 6. Mai Am nächsten Tage verabschiedeten wir uns von unsern Freunden. Ober die Kleinigkeiten, die sie von uns erhalten hatten, waren sie hochbeglückt. Eine Schere, ein Messer, einige Nadeln und eine Zündholzschachtel voll Perlen, — welche Reichtümer! Diesen Tag vergassen sie nie wieder! Ich wünschte, wir hätten ihnen mehr geben können! Aber wir waren nicht für den Tauschhandel ausgerüstet. An ein Zusammentreffen mit Eskimos hatten wir nicht im entferntesten gedacht. Wenn wir sie aber auf dem Rückweg noch einmal treffen sollten, dann wollten wir ihnen, das hatten wir uns fest vorgenommen, alles geben, was wir entbehren könnten. Mit diesen guten Vorsätzen fuhren wir auf das Eis hinaus. Die Eskimos folgten uns mit den Blicken, solange sie uns noch wahrnehmen konnten. Sie grübelten wohl darüber nach, wer wir seien, und was wir wollten. Wenn sie noch ein paar hundert Jahre ungestört in ihrem armen Land bleiben dürfen, kann es darum wohl sein, daß Ristvedt und ich dann unter wunderbaren Namen den Sagen ihres Stammes einverleibt sind.

6. Mai. Unsre Absicht war, soweit in die Albert Edward-Bucht hineinzufahren, bis wir das Packeis umgangen hätten. Dieses hatten wir gründlich satt; und wenn wir auch mitten in die Bucht hineinfahren müßten, so war das immer noch besser, als den Weg abzukürzen und dabei zu der verhältnismäßig kürzeren Strecke eine unsäglich viel längere Zeit zu gebrauchen. 7. Mai. Am nächsten Tag richteten wir unsern Kurs direkt auf Kap Adelaide. Wir wären gerne etwas höher hinaufgekommen, um einen Überblick über die Landschaft zu gewinnen. Schon lange hatten wir uns mit dem bißchen an Aussicht begnügen müssen, was eine, hohe Eispackung gewährt. So erreichten wir die südliche Anhöhe, die im Sommer ein wahres Paradies sein muß. Schon jetzt war auf großen Plätzen der Schnee geschmolzen, und man sah langes Gras vom vorigen Jahre. Der Erdboden war allerdings noch festgefroren und das Gras verwelkt, aber vor unsern schneemüden Augen entrollten sich Phantasiebilder von grünen Rasenflächen und plätschernden Bächen, von Blumen und Heidelbeeren, von weidenden Renntieren, von Hasen, die leichtfüßig dahinliefen, von spielenden Schneehühnern, — und das alles von der Sonne überstrahlt, so wie es sich an einem herrlichen Augusttag ausnehmen müßte. Wie eine Fata Morgana zog das alles durch meine Seele. Und doch nicht ganz wie eine Fata Morgana, denn wir sahen wirkliche Schneehühner, und zwei davon wan-derten in unsern „Rucksack“. Am achten Mai gegen Mittag entdeckte ich plötzlich in einiger Entfernung zwei schwarze Punkte. Ich betrachtete sie eine Weile durchs Fernglas; da ich aber keine Bewegung an ihnen wahrnehmen konnte, hielt ich sie für Steine. Sie lagen allerdings merkwürdig isoliert, ziemlich weit im Lande drinnen. Aber ich hatte es längst aufgegeben, bei Winterbeleuchtung irgend eine Entfernung beurteilen zu wollen; und außerdem wurde man immer wieder von langen niedrigen Landzungen überrascht, die sich weit ins Wasser hinein erstreckten, Landzungen, von deren Dasein man keine Ahnung hat, bis man darüber hinfährt und einzelne Steine aus dem Schnee hervorragen sieht. Zugleich war die Sonne hervorgebrochen, und wir machten Halt, damit ich eine Mittagsbreite aufnehmen könnte. Während ich den Theodoliten aufstellte, benützte Ristvedt das Fernglas, und er kam zu einem ganz andern Resultat: die Steine bewegten sich, es waren Seehunde. Drei Riesenkerle lagen dort drüben und sonnten sich, die Sonne konnte ihnen ordentlich auf ihre breiten dunkeln Rücken brennen. All das Weiße ringsum, Schnee und Eis, warfen die Sonnenstrahlen zurück, aber das Schwarze fing sie auf. Da lagen sie nun, die Seehunde, und schliefen in der Art, wie diese Tiere zu schlafen pflegen, immer nur eine halbe Minute auf einmal. Nach jeder halben Minute heben sie den Kopf, schauen sich um, schnuppern und lassen den Kopf müde wieder sinken. Unaufhörlich geht es so auf und ab, auf und ab. Wenn der Kopf drunten ist, soll man sich zu ihnen hinschleichen, denn dann sehen und hören sie nichts. Aber um so wachsamer sind sie, wenn der Kopf erhoben ist. Da muß man sich mäuschenstill verhalten, womöglich hinter einem Eisblock oder sonst etwas versteckt. Aber vor allem muß man still, ganz still sein! Der Seehund erschrickt beim geringsten Geräusch; und so ruhig, schwerfällig und faul er vorher ausgesehen hat, — weg ist er wie der Blitz! Deshalb hatte ich auch keinen rechten Glauben an Ristvedts Erfolg; eines Versuches war es aber immerhin wert. So ging er, während ich beobachtend zurückblieb.

Er hatte seine Hunde quer an seinen Schlitten gebunden; und ich hatte Silla so kurz vor den Schlitten geschirrt, daß sie nicht ausziehen konnte, ohne mit den Hinterbeinen anzuschlagen. Gjöa hatte eine Laufstange um den Hals. Diese beiden hielt ich für die schlimmsten; wenn sie nicht weiter konnten, blieben die andern wohl auch stehen. Aber darin täuschte ich mich. Während ich gerade eifrig durch das Instrument, das neben dem Schlitten auf seiner Kiste aufgestellt war, nach der Sonne sah, bekamen Kiste und Instrument einen heftigen Stoß; sie flogen beide in den Schnee, und der Schlitten fuhr davon. Die Hunde hatten einen Schuß gehört, ich aber nicht; und trotz Gjöasund Sillas Anstrengungen, den Lauf zu hemmen, ging es Ristvedt entgegen, genau in der von ihm ausgetretnen Spur. Diesmal war ich aber den Rackern doch zu hurtig: ich holte sie ein und warf den Schlitten um; ich glaube, das Packeis hat mich diese Kunst gelehrt. Jedenfalls ging es ganz leicht, und die Hunde wurden zum Halten gezwungen. Ristvedts Hunde, die ihren Schlitten quer hätten schleifen müssen, verloren von selbst die Lust zum Durchgehen. Hierauf kehrte ich zu dem alten Platz zurück, stellte das Instrument wieder auf und brachte eine gute Breitegradbestimmung zustande. Das Instrument war in weichen Schnee gefallen und hatte keinen Schaden gelitten. Nachdem der Breitengrad aufgenommen war, fuhr ich zu Ristvedt hin. Er hatte einen großen Seehund geschossen, ein Tier von zwei und einem halben Meter Länge und zwei Metern Umfang an den Vorderflossen; es war ein ganzer Fleischberg! Einzelne Eisblöcke hatten so günstig verstreut dagelegen, daß sich Ristvedt bis auf Schußweite hatte heranschleichen können. Er hatte sich dann den von den drei Burschen ausersehen, der an seinem Loch im Eise lag, hatte auf seinen Kopf gezielt und getroffen! Ein Seehund muß gleich tötlich getroffen werden, das ist die Hauptsache. Mausetot muß er auf den ersten Schuß sein, sonst bringen die letzten Zuckungen den glatten Körper noch in das Loch hinunter, und dann hat man ihn hoffnungslos verloren. Ristvedt hatte in dem Augenblick geschossen, wo der Seehund den Kopf hob. Es hatte ordentlich aufgeklatscht, als der Kopf wieder aufs Eis fiel; jeder Muskel war in demselben Augenblick erschlafft, und das Tier war tot. Ristvedt war rasch hingelaufen, dem Seehund die Harpune in den Leib zu stoßen, die wir für alle Fälle mitgenommen hatten. Aber um seiner Sache ganz sicher zu sein, hatte er ihm doch auch noch aus der Nähe eine Kugel durch den Kopf gejagt. Die Größe des Seehundes hatte ihn erschreckt; wenn er die Harpune hineingestoßen hätte, wäre das Tier vielleicht noch einmal lebendig geworden und hätte diesen Augenblick benützt, mitsamt der Harpune und der Leine — und vielleicht Ristvedt dazu, wenn er zu bremsen versucht hätte — in dem Loch zu verschwinden. Das Loch wäre groß genug dazu gewesen; über zwei Meter im Umfang und mit einer Abschrägung auf der einen Seite, wo die Seehunde herauskrabbeln konnten. Als der Schuß losging, verschwanden die beiden andern dem Anschein nach in demselben Augenblick. Ein kleiner Zeitunterschied muß aber doch gewesen sein, denn das Loch konnte nur einen von ihnen zur Zeit aufnehmen.

9. Mai. Als wir am nächsten Morgen aufbrachen, blies uns ein frischer Nordwind ins Gesicht. Es war sehr kalt, so kalt, daß von einem Sitzen auf den Schlitten keine Rede sein konnte, selbst dann nicht, wenn wir ganz in unsre Pelze vermummt waren; höchstens während der kurzen Augenblicke, wo wir auf der Karte nachsehen mußten. Ob die Temperatur wirklich, wie wir annahmen, dreißig Grad Kälte hatte, kann ich nicht sagen; es wäre ja auch möglich, daß uns die milde Temperatur des vorhergehenden Tages verwöhnt hätte. Es handelte sich nun für uns darum, jene tiefe, schmale Bucht zu finden, die Rea angegeben hat, und die sich an der Nordküste von Albert Edward-Land in nördlicher Richtung erstrecken sollte. Diese Bucht wollten wir durchqueren, denn ich dachte, es könne dann jenseits nicht mehr weit bis zum Wasser sein. Collinson hat dort eine Bucht verzeichnet. Nachdem wir ungefähr anderthalb Stunden gefahren waren, tauchte in unsrer Kursrichtung Land auf. Es ging hurtig darauf zu, nachdem die Hunde ihren ,/Freß-kater“ ein wenig abgeschüttelt hatten. Sie hatten keine kleinen Portionen vertilgt und mußten tüchtig mit der Peitsche aufgemuntert werden, bis sie sich ordentlich in die Zügel legten. Sie konnten offenbar nicht begreifen, warum man einen Ort verließ, wo es so viel zu fressen gab. Ganz denselben Grund hätte auch ein Eskimo vorgebracht; also war das wohl das naturgemäßeste. In unsrer bewußten Sehnsucht, weiterzukommen, zeigte sich also Kultur. Dies war ein Gedanke, den sich immer wieder vorzuhalten nützlich sein konnte. Es konnte einen wirklich manchmal die unwiderstehliche Lust überkommen, sich selbst davon zu überzeugen, daß man ein Kulturmensch war; denn das Bild, das ich von meinem Reisegefährten vor Augen hatte, und das Bild, das er von seinem Reisegefährten vor Augen hatte, sowie unsre Reiseausstattung und unser Hausrat, alles fettig und beschmutzt, voller Petroleumruß, Renntierhaaren und Hautfetzen, — das alles hätte einem wirklich einige Zweifel darüber beibringen können. Die Unterhaltung über Wind und Wetter und Jagd, das heißt: Essen und Schlafsäcke und Hunde und weiter nichts, hätte wohl manchmal den Gedanken in einem erwecken können, daß man wirklich nichts andres sei, als was man nach seinem Aussehen darstellte. Und daß man sich überdies höchst wohl und behaglich dabei fühlte, so wohl, daß man meinte, man habe in seinem ganzen Leben noch nie so gut gegessen, und Sonnenschein, Wärme und Essen enthalte alles, was man vom Leben verlangte, — das hätte einen manchmal bang deswegen machen können, wie es mit dem Streben nach einem hohem Leben aussehe. Aber dann erinnerte man sich wieder an die Fußtapfen zweier müden Wanderer und an die schmalen Linien, die die Schlittenkufen auf dem jungfräulichen Schnee gezogen hatten, sowie an die unbetretne Erde darunter, an die Schlittenspuren, die vor unserm Zelt aufhörten, aber morgen weiter über die schimmernden Ebenen geführt werden sollten . . . Das gab doch ein Bild von einer Sehnsucht, die weiter hinaustrieb. Das Leben so zu nehmen, wie es ist, und damit zufrieden zu sein, — das wird eine Tugend genannt Ja, natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad eine Tugend, aber doch eine ziemlich instinktmäßige Tugend. Die Hunde haben sie, und die Eskimos haben sie; aber die Menschen, in deren Herzen das Wort „Vorwärts“ nicht geschrieben steht, stehen auch nicht auf einer viel hohem Stufe. Als das Land allmählich aus dem Eisnebel auftauchte, wurde die Fahrt unterhaltender. Es war viel mehr zu sehen als auf dem flachen Eise, das uns von allen Seiten umgeben hatte. Ein Gebirgsland war es allerdings nicht, aber es war hügelig und wellenförmig. Die Hügel erhoben sich bis zu ungefähr hundert Metern. Wir erreichten das Ufer und fuhren in eine Bucht hinein, links von der, in die wir eigentlich hineingewollt hatten. Dem Anscheine nach gab es nur diese eine Einfahrt an der Küste. Da wir indes schon nach einer Meile ganz drinnen waren, sahen wir ein, daß wir einen verkehrten Weg eingeschlagen hatten, und Ristvedt erstieg einen kleinen Hügel, um sich zu orientieren. Von dort oben sah er die richtige Bucht. Er konnte das Land von dem Eisfuß unterscheiden, der sich der Küste entlang erstreckte.

Der „Eisfuß“ ist sozusagen durch und durch gefrornes Wasser an dem niedrigen Uferrand. Wenn das Wasser zur Flutzeit am höchsten ist, gefriert es; bei der Ebbe zieht das Meer dann seinen breiten Rücken unter dem Eis zurück; dieses kann aber sein eigenes Gewicht nicht tragen, es fällt auf das Wasser hinunter und bricht drinnen am Ufer ab, wo es auf dem Grund aufliegt und nicht weiter hinunter kann. Das dicht am Ufer abgebrochne Eis bleibt da liegen, während das etwas weiter draußen liegende noch etwas tiefer hinabsinkt, wodurch sich eine Stufe bildet, über die man hinauf muß, wenn man vom Eis ans Land will. Die Höhe der Stufe hängt genau von dem Unterschied zwischen Ebbe und Flut ab. An dieser Stelle belief sie sich auf ein paar Fuss; und dadurch konnte Ristvedt von dort oben aus sehen, daß sich eine schmale Wasserzunge in den Talgrund hinein erstreckte. Wir brauchten also nur über eine schmale Landenge zu fahren und waren dann auf dem rechten Wege. Ich hatte bis in die Tiefe der Bucht hineinfahren wollen. Als wir aber eben aufs Eis gelangt waren, sahen wir am jenseitigen Ufer eine Insel mit einem höchst eigentümlichen Aufbau, der einer Warte ganz ähnlich war. Das mußte natürlich näher untersucht werden. Die Eskimos bauen keine solche Warten; sie legen nur einzelne Steine aufeinander. Die dort drüben aber sah ganz monumental aus. Wir fuhren also quer über die Bucht und schlugen am Ufer ein Lager auf. Dann erstiegen wir den Gipfel. Ja, es war eine Warte, wenn auch nicht so hoch, wie sie uns im ersten Augenblick erschienen war. Quer über den Gipfel der Insel zog sich nämlich ein Strandwall gleich einem schmalen Bergrücken von fünf Meter Höhe. Auf dem westlichen Ende dieses Kammes war außerdem noch eine pyramidenförmige Erhöhung, und auf dieser stand die aus großen, flachen Kalksteinen errichtete Warte. Wir rissen die Warte nieder. Ein solches Einreißen ist mir immer schwer geworden. Warten — ärmliche Steinhaufen nur — sind doch Zeichen von Menschen, ein Menschenwerk mitten in den wilden Einöden. Aber nicht nur das; in dem Zögern, mit dem man sie einreißt, liegt doch immer eine Ehrerbietung für die Vorgänger. Für sie haben die Warten eine Bedeutung gehabt; gerade wie die Warten, die man selbst baut, für einen selbst etwas zu bedeuten haben. Jede bedeutet eine überwundne Schwierigkeit, jede einen Schritt vorwärts, dem Ziel entgegen. Sie sind Wegspuren, die den Jahrhunderten trotzen sollen, wenn der Schnee längst geschmolzen ist, in dem die Schlittengeleise waren, und auch die Namen derer dahin sind, die diese Spuren hinterlassen haben. Diese Warten sind Siegeszeichen in dem Lande, das dem Dunkel, den bösen Mächten entrissen worden ist.

Aber es ging nicht anders: die Warte mußte eingerissen werden. Wir mußten ja nachsehen, ob etwas darin wäre; vielleicht eine Nachricht über unsern stolzen Vorgänger Rea. Aber es war nichts darin. So gingen wir denn in unser Lager zurück. Während des Abstiegs sahen wir einen Hasen und machten einen vergeblichen Versuch; Gjöa als Jagdhund zu gebrauchen. Sie konnte der Sache nicht das geringste Interesse abgewinnen, und als der Hase aufs Eis hinauslief; mußten wir auf diesen Braten verzichten. 10. Mai. Am nächsten Tag legten wir unter dem „Reastein“ ein Depot an. Alles, was wir an selbstgemachtem Hundefutter bei uns hatten, ungefähr hundert Pfund, wurde da niedergelegt Es sollte bei der schwierigen Fahrt über das Victoriaeis verwendet werden. Zwei Tage wurden wir hier gefangen gehalten, und während dieser Zeit überlegten wir eifrig, wie wir uns einrichten wollten, falls das Eis in der Viktoriastraße aufginge, ehe wir zurückgekehrt wären. Es war freilich noch lange bis dahin, aber jetzt, nachdem wir mit dem neuen Land wirklich einen Anfang gemacht hatten, und nachdem wir die Möglichkeit, uns selbst mit Lebensmitteln zu versorgen, erprobt hatten, war es allzu verlockend für uns, die kartographischen Arbeiten noch bis ins Frühjahr hinein auszudehnen. Am dreizehnten Mai konnten wir weiter. Schon am vorhergehenden Tag hatten wir die Schlitten gepackt, und am Morgen weckte uns das Gackern der Schneehühner vor dem Zelt. Das klang ja ganz sommerlich; aber draußen war es trotzdem noch vollständig Winter. Es schneite heftig, aber wir hatten den Wind im Rücken, und so entschlossen wir uns doch zum Weiterreisen. Unser Weg führte über einzelne isolierte Hügel, und von einem von ihnen, dem Alice-Hügel, sahen wir Packeis im Norden. Es war aber immerhin noch eine Entfernung von acht Meilen, bis wir es erreicht hatten. Da, wo Collinson eine Bucht angegeben hatte, war nämlich gar keine eigentliche Bucht. Er hatte seine Karte von diesem Teil aus der Ferne gezeichnet. Der Punkt „Collinson farthest“ lag eine Strecke ostwärts von der Stelle, wo wir das Wasser erreichten. Von da aus hat er die isolierten Hügel für Inseln und Kaps gehalten, die Talsenkungen dazwischen aber für Wasser. Aus der Ferne kann man die niedrigen Seen und die moosbewachs-nen Strecken, die wir passierten, nicht unterscheiden. Wenn sich eine solche Niederung in ein Meer mit wenig Unterschied zwischen Ebbe und Flut, wie es hier der Fall ist, verliert, dann weiß man nicht, wo das Fand aufhört und das Wasser anfängt, es sei denn, daß man über die Grenzlinie selbst fährt. Wir erreichten den Uferrand bei einer kleinen Land-zunge und fuhren dann in nordwestlicher Richtung aufs Eis hinaus. Nach kurzer Zeit sahen wir Fand, das sich aber schließlich doch nur als eine Ansammlung von Holmen und , Scheren auswies. Von da aus sahen wir im Westen dicht bei der Küste des Hauptlandes einen etwas höheren Punkt. Wir fuhren dorthin und richteten uns da für die Nacht ein. Die Beobachtungen des Tages waren nicht viel wert. Wegen des Schneegestöbers hatten wir nichts ordentlich sehen können.

Am fünfzehnten Mai war es sehr kalt; das Thermometer zeigte dreißig Grad. Es wehte zwar etwas, aber das Wetter war hell; wir konnten also weiterfahren. Ehe wir den Fagerplatz verließen, steckten wir die eine Reserveschlittenkufe auf eine große Eisklippe, damit wir etwas hätten, wonach wir uns mit dem Vermessungsfernglas richten könnten. Ich hatte früher schon erfahren, wie rasch man selbst mannshohe Schneewarten aus den Augen verliert; in einer Entfernung von nur ein paar Meilen kann man sie auch bei klarem Wetter nicht unterscheiden. Aber die Schlittenkufe sollte uns helfen, unsre Eispackung aus weiter Ferne zu erkennen. Nach ein paar Stunden erreichten wir einen niedrigen, leicht kenntlichen Hügel ganz außen an der Landzunge, Kap Kofoed-Hansen. Dort bauten wir eine Warte und fuhren dann über eine Bucht (Homann-Bucht), deren jenseitige äußerste Spitze wir in Nordnordwest sahen. Mitten in der Bucht machten wir Halt, um zu messen. An zwei Stellen konnte ich das Ende der Bucht sehen; aber bei einer solchen kartographischen Aufnahme hat man keine Zeit, sich in Details einzulassen. Die Hauptsache ist, die Strandlinie so gut wie möglich einigermaßen zu skizzieren. 16. Mai. Am nächsten Tag mußten wir wieder Rast machen, denn das Wetter war abscheulich. Wir sahen unsre Kleider gründlich durch; das war aber auch das einzige Gute an diesem Tag. Eigentlich hatten wir gar keine Zeit zum Rasten. Unser Brennmaterial ging allmählich auf die Neige. Durch Ungeschicklichkeit hatten wir einen Teil unsres Petroleums verschüttet, und als wir es am dreizehnten Mai maßen, hatten wir nur noch sieben Liter; es mußte also haushälterisch damit umgegangen werden. Am siebzehnten Mai, dem Freiheitstag Norwegens, öffneten wir gleich in der Frühe eine kleine Kiste, die uns Lindström für diesen Tag mit auf den Weg gegeben hatte. Wir hatten sie schon oft neugierig betrachtet und einander weiszumachen versucht, wie dumm es sei, sie mit auf dem Schlitten herum zu schleppen, anstatt sie sogleich zu öffnen. Aber zum Glück war es immer so gewesen: wenn der eine schwach war, war der andre stark und sagte, wie unmoralisch es wäre, wenn die Kiste zur Unrechten Zeit geöffnet würde. Tatsache ist, daß die Kiste uneröffnet blieb. Doch heute kam sie mit Fug und Recht an die Reihe. Sie enthielt einen Fischpudding, zwei Büchsen kondensierte Milch, Zitronenpuddingpulver, etwas Kaffeekuchen und sechs Zigarren, lauter Delikatessen in unsrer Lage. Wir zündeten uns sogleich eine Zigarre an, und nachdem sie geraucht war, brachen wir auf. Das Wetter war nicht besonders gut, und im Anfang kamen wir nur sehr schwer vorwärts.

Der gestrige Sturm hatte eine Menge losen Schnee zwischen die hohen Schneewehen, die um den Eisberg her lagen; hineingeweht; und alle, Menschen und Hunde, mußten förmlich hindurchschwimmen, bis eine bessere Bahn erreicht wurde. Und diese bessere war überdies auch die ganze Zeit über herzlich schlecht. Wir fuhren bald eine Weile den Strand entlang, bald auf dem Eise draußen; aber hier wie dort war es gleich miserabel, und man mußte bis an die Kniee im Schnee waten. Schließlich erreichten wir eine Landzunge, Kap Christian Mikkelsen. Nördlich davon schnitt ein tiefer Fjord ins Land hinein. Er wurde später von unserm Kapitän „Dänemark-Fjord“ genannt. An seiner Mündung lag eine Insel, die gegen Süden steil abfiel. Die Insel war wohl sechzig Meter hoch, ziemlich viel höher als das Land, und wir konnten von dem Gipfel die Ufer weithin überschauen. Dem heutigen Tage zu Ehren fragte ich Ristvedt, wer der bedeutendste Mann bei der Einführung des norwegischen Grundgesetzes gewesen sei. „Falsen,“ sagte er, und so bekam die Insel den Namen „Falsen“. Wir fuhren noch eine Strecke weiter in der Richtung eines hohen Landes, das wir an der nördlichen Küste des Fjords sahen, machten dann aber schon um fünf Uhr abends Halt Seit langen Zeiten hatten wir immer nur deshalb unser Lager aufgeschlagen, weil wir zum Weiterfahren zu müde und ermattet waren. Heute kochte Ristvedt im Schokoladetopf Zitronenpudding, von dem wir natürlich alle beide zu viel aßen. 18. Mai. Am nächsten Morgen war das Wetter so schön, daß wir wirklich hofften, es werde nun einige Zeit so bleiben. Ich machte einige Vermessungen, und dann steuerten wir wieder auf das hohe Land zu, auf das wir auch gestern schon unsern Kurs gerichtet hatten. Aber bald verschwand alles in einem rasch aufsteigenden Nebel, und wir mußten nun von einem Eisberg zum andern, so gut es eben ging, die Richtung einhalten. Es ist nicht gut, wenn man zu häufig anhält, um die Richtung nach dem Kompaß zu kontrollieren. Bei einer so schwierigen Bahn, wie wir sie hier hatten, ist es, als würden die Hunde durch das Warten nur noch steifer, anstatt sich auszuruhen. Ich traute mir nun soviel Erfahrung zu, daß ich mich nicht mehr zwischen Land und Wasser täuschen könnte, wie viel Schnee auch darauf geweht sein mochte. Aber da hatte ich mir zu viel eingebildet. Während ich in dem guten Glauben, mich noch immer auf Eis zu befinden, dahinfuhr, ragte plötzlich ein Stein aus dem Schnee heraus. Hier konnte also kein Wasser sein. Kurz nachher sah ich eine kleine Eisscholle, die abgebrochen war und auf der Kante stand. Hier konnte also kein Land sein. Ich hatte die Übergänge gar nicht bemerkt und zeichnete jetzt das Ganze als einen aus Scheren und kleinen Inseln bestehenden Streifen ein, der rings um die Nordspitze des Fjords, um Kap Anker, herumlief. So nahm sich die Gegend meiner Meinung nach im Sommer aus.

Wir übernachteten bei Kap Nyegaard. Von Kap Anker aus hatten wir gesehen, daß dort das Land aufhörte; denn es erstreckte sich da ein Felsenrücken von Mount Dirckinck-Holmfeld herüber. Weiter hinaus sahen wir nichts mehr. Himmel, Land und Eis verschwammen in einem undeutlichen grauen Dunst. Wetterwolken zogen herauf. Am Nachmittag war die Sonne von einem großen Ring umgeben; Kap Anker hinter uns war nur noch an seinen Riffen zu erkennen, die an dieser Landzunge das schwere Eis zurückhielten, so daß die Oberfläche davor eben war. Nur Mount Dirckinck-Holmfeld lag mit seiner schroffen Wand von silberhellem Licht übergossen da. Dies alles deutete auf Sturm; wir waren wirklich von schlechtem Wetter verfolgt. Am zwanzigsten Mai stand das Thermometer zum erstenmal beinahe auf Null. Als wir erwachten, regnete es, das heißt, es regnete und schneite durcheinander. Auf das Zeltdach fielen große Schneeflocken, die sogleich schmolzen und einen nassen glänzenden Flecken auf dem Zelttuch hinterließen. Aber trotzdem besserte sich das Wetter. Durch den Wind hellte es sich etwas auf; aber vor Abend konnte darum doch von Weiterreisen keine Rede sein. Der nasse Schnee hätte sich unter den Schlittenkufen zu sehr zusammengeballt. Erst abends um neun Uhr konnten wir aufbrechen. Das Thermometer war im Laufe des Nachmittags gefallen, und es lag jetzt eine Eisrinde auf dem Schnee; das gab eine herrliche Bahn. Als wir abfuhren war großartig schönes Wetter. Düstre Wolkengebilde von gewaltigen Formen hingen unter dem Himmelsgewölbe, und die Sonne warf helle und dunkle Strahlengarben über das Eis hin. Das war sehr schön, aber es machte einen unheimlichen, un-siehern, sturmverkündenden Eindruck. Wir konnten nicht hoffen, daß das Wetter lange so schön bleiben würde; und es blieb auch nicht lange so. Um elf Uhr versank die Sonne hinter einer blauschwarzen Wolke. Wir waren eine Strecke aufs Eis hinausgegangen bis zu einem Eisberg, von dem ich der Küste entlang Peilungen vorgenommen hatte. Jetzt aber richteten wir unsern Kurs direkt auf ein hohes Kap vor uns. Auf diesem Wege kamen wir, gerade als es zu schneien anfing, an eine lange, niedrige Landspitze, Point Diedrichson. In der Hoffnung, es sei nur ein Regenschauer, der bald vorüberziehe, bauten wir indessen hier eine Warte. Aber statt besser wurde es immer schlimmer. So fuhren wir denn aufs Geratewohl in das Schneegestöber hinein, und zum Glück gelangten wir wirklich an das hohe Land. Es war ein isolierter Hügel, den ich zuerst für eine Insel hielt; er erwies sich aber später als der letzte Ausläufer des Höhenzuges rings um Mount Dirckinck-Holmfeld. Dieses Kap ist der kenntlichste Punkt der Küste; es bekam den Namen Kap Sverdrup.

21. Mai. Es war vormittags zwei Uhr, als wir unser Lager aufschlugen. Die Nachtfahrt hatte uns so schläfrig gemacht, daß wir nur Pemmikan zum Essen kochten. Wir hatten keine Lust, eine Stunde zu warten, bis das Fleisch glücklich fertig wäre. Als wir wieder erwachten, waren inzwischen gewiß elf Stunden vergangen, und wir ‚hatten alle beide einen wahren Wolfshunger. Es war, als hätte die Pemmikan-mahlzeit nicht recht vorgehalten. Wir hatten uns nur die gewohnte regelmäßige Portion von vierhundert Gramm zugemessen. Aber zu dieser Portion gehörte dann noch Schokolade, und die hatten wir aus Rücksicht auf unser Brennmaterial nicht gekocht. So viel war klar, die Tagesration Pemmikan von achthundert Gramm als Hauptmahlzeit durfte keinesfalls beschnitten werden. Für diesmal spendierten wir uns eine extra Tasse Schokolade. Der Gedanke, nun bald den Rückweg antreten zu müssen, stimmte uns traurig. Das schlechte Wetter hatte nur einen Vorteil: man wurde nicht zu weit von seiner Basis weggelockt. Aber schmerzlich war es doch, daß man sich mit solchen Gründen trösten mußte, die einem energischen tüchtigen Polarfahrer unbekannt sein sollten. 22.Mai. Wir kamen mit einem Rasttag bei KapSverdrup weg, am zweiundzwanzigsten konnten wir die Reise fortsetzen. Bei einer frischen Brise, die uns gerade ins Gesicht pfiff, ging es über die breite, flache Bucht hinüber, über „Norwegens Bucht“, nördlich von Kap Sverdrup. Vor der Abreise erstieg ich Kap Sverdrup, um dort Vermessungen vorzunehmen, und fand da einen alten Zeltring. Oben auf dem Gipfel lag ein sehr großer eratischer Block. Auf diesen stellte ich einen hohen, länglichen Stein von dem Zeltring. Diese Art

Warten bleiben am längsten stehen und werden am weitesten gesehen. Der Bucht entlang war das Land ganz flach, desgleichen auch die nördliche Landspitze, Point Isachsen. Als wir diese erreicht hatten, sah ich plötzlich Ristvedt hinter mir herlaufen, und ich hielt sogleich an, zu hören, was er wollte. Er bat mich um das Fernglas. Da wußte ich, daß er irgend etwas gesehen hatte. Als ich jedoch auf das Eis hinausspähte, sah ich nichts, und ich dachte, er müsse sich getäuscht haben. Er aber hatte schon genug gesehen. „ Bären,“ sagte er, und zwar mehr nur mit den Lippen als mit der Stimme, so sehr hatte die Jagdleidenschaft schon Besitz von ihm ergriffen, und er fürchtete, er könnte die Bären verscheuchen. So ängstlich hätte er nun nicht zu sein brauchen; es war allerdings ein Bär da, aber er war sehr weit weg. Er stand auf einer mächtigen Eisfläche, die sich von Point Isachsen weit hinauserstreckte und mit dem Packeis erst ganz weit draußen am Horizonte zusammentraf. Den Kopf mit dem sonderbar langen Hals hatte der Bär tief auf das Eis herabgesenkt. Die Beine glichen vier kurzen Säulen. In dieser Stellung machte der Bär keinen schreckenerregenden Eindruck; aber er schlief wohl. Sein gelblicher Pelz hatte ganz dieselbe Farbe wie eine zerbrochne, schmutzige Eisscholle und der Bär war von den andern Eisblöcken ringsum fast gar nicht zu unterscheiden. Plötzlich drehte er den Kopf nach uns um, und da sahen wir verblüffend deutlich seine schwarze Schnauze. Nichts andres im Reich der Schneekönigin, kein Stein, kein vom Schnee befreiter Fleck Erde, kein noch so tiefer Schatten ist so schwarz wie die Schnauze des Eisbären. In meilenweiter Entfernung kann man sich darüber nicht täuschen. Der Bär sah nach uns; wahrscheinlich hatte er etwas von dem Hundegebell gehört. Aber bald wendete er den Kopf wieder weg und schlief weiter.

Ristvedt ging mit Silla auf den Bären zu. In ange-meßner Entfernung ließ er den Hund los, nachdem er ihm vorher die Richtung angegeben hatte. Der Hund lief zuerst nur langsam vorwärts; aber dann schien er plötzlich den Bären wahrgenommen zu haben, denn jetzt schoß er wie ein schwarzer Strich über den Schnee hin. Ich ließ noch ein paar Hunde los; sie hatten allmählich verstehen lernen, was es bedeutete, wenn Ristvedt sich mit dem Gewehr entfernte. Sausend jagten sie in seinen Fußspuren hinter ihm her — an ihm, der mühselig durch den Schnee stapfte, vorbei, und weiter, Silla nach. Ich sah durch mein Fernglas, wie der Bär den Kopf langsam den Schlitten zuwendete. Die Hunde bellten nicht, der Bär hatte seinen Kopf vielleicht nur zufällig umgedreht. Aber was er sah, brachte plötzlich Leben in seinen Körper. Er drehte sich ganz herum und erhob den Kopf. Doch nur einen Augenblick stand er so da. Aus Erfahrung oder aus Instinkt mußte er die Wölfe kennen, die, so erbärmlich klein jeder einzelne auch im Verhältnis zu der majestätischen Größe des Bären ist, selbst einen Bären so lange jagen können, bis er erschöpft zusammenbricht. Hier sah dieser nun eine Koppel von sechs, sieben, acht solchen Geschöpfen wie schwarze Punkte auf dem Eise in sausender Eile daherkommen. Jetzt galt es das Leben! Der Frieden der Eiswüste war schrecklich gebrochen worden! Der Bär sprang auf, mit allen vier Beinen auf einmal, und warf sich herum. Dann ging es im Galopp auf das Packeis zu — nur fort, fort, das Leben zu retten! Aber Silla war hurtiger als der Bär. Als dieser gerade an dem Rande des rettenden Packeises angekommen war, in dessen Wirrwarr die Hunde dem hier weggewohnten Bären nicht hätten folgen können, — gerade als ihn nur noch ein paar Meter von der Rettung trennten, wurde er eingeholt. Mit einem großen Satz sprang Silla auf ihn hinauf und biß sich an seinem Halse fest. Der Bär mußte anhalten und sich herumwerfen, den Feind abzuschütteln. Und er warf sich mit solcher Geschwindigkeit herum, daß Silla loslassen mußte und auf das Eis hinausflog. Aber kaum hatte der Bär sich wieder umgedreht, um weiter zu fliehen, da hing Silla schon wieder an ihm. So ging es noch zweimal; doch jetzt waren die andern Hunde herbeigekommen, und damit war alle Hoffnung für den Bären zu Ende. Die Hunde umringten ihn; und wohin er sich auch wendete, überall hatte er einen Hund an den Fersen. Ich sah durchs Fernrohr, wie er mit einer Geschwindigkeit, die man einem solchen schwerfälligen Geschöpf gar nicht Zutrauen sollte, herumtanzte und von dem Eise wie ein Gummiball aufsprang. Er wurde immer wütender. Jetzt kam Ristvedt herbei und drückte los. Die Kugel traf aber nicht tödlich. Der Bär setzte sich nur auf die Hinterbeine und focht mit den Vordertatzen in der Luft. Der Hundekreis wurde immer enger, und Silla, die ganz rasend war, sprang dem Meister Petz ans Maul. Der Bär schlug mit seiner breiten Tatze nach ihr; er mußte aber schon geschwächt sein, sonst hätte er den Hund sicher getötet. So aber dauerte es nur einige Minuten, bis Silla wieder zu sich kam. Wir hatten sie schon aufgegeben gehabt. Da war aber auch ihr Eifer für die Bärenjagd vollständig geschwunden. Der Bär starb in dem Glauben, den von seinen Feinden getötet zu haben, der ihn zuerst eingeholt und in seiner Flucht vor dem Tode aufgehalten hatte; denn Ristvedts zweiter Schuß wurde in dem Augenblick abgefeuert, wo die Hunde sich nach dem Schlag, der Silla getroffen hatte, etwas furchtsam zurückhielten; deshalb konnte Ristvedt auch herbeikommen und dem Bären, ohne einen Hund zu treffen, eine Kugel durch den Kopf schießen.

Es war eine junge magere Bärin, ohne eine Spur von Nahrung in ihrem Magen und mit einer sonderbar hautartigen, fast fettlosen Specklage. An diesem Abend aßen wir Bärenfleisch. Eine Bärensuppe schmeckt recht gut; aber das Fleisch selbst ist grob und faserig. Und dann war es äußerst mager; trotzdem wir tüchtig davon aßen, wurden wir bald wieder hungrig. Wenn die Suppe wirklich kräftig hätte sein sollen, hätte noch ein gutes Stück Seehundspeck mit in den Topf gesteckt werden müssen. An demselben Abend bekamen wir einen Beweis davon, wie schwer es ist, bei einer gewissen Beleuchtung Größenverhältnisse zu beurteilen. Wir hatten uns eben zum Schlafen niedergelegt, und Ristvedt wollte nur noch einmal durch das kleine Loch in unsrer Tür hinaussehen, um sich zu überzeugen, daß alles in Ordnung sei. Da sah er wieder Bären. Rasch war die Tür geöffnet, — und ganz recht, draußen auf dem Eise sahen wir etwas schmutzig Gelbes hin und her laufen. Per, Bay und Silla waren sogleich dahinter her. Gegen unsre Gewohnheit hatten wir diesmal die Hunde nicht angebunden. Wir konnten nämlich den erlegten Bären nicht ganz mitnehmen, dazu war er zu groß; so durften die Hunde nach Belieben in der Nacht daran herumknappem, und zweifellos zogen sie das Fleisch irgend einem Stück Segeltuch oder einem geteerten Tauende vor. Jetzt aber jagten sie wie rasend davon. Der Gelbe wurde eingeholt; und dann begann ein Tanz auf dem Eise, gerade wie bei dem Bären vorher. Plötzlich hörte der Tanz auf, und die Hunde kamen eilig zum Zelt zurückgelaufen, Per sogar mit dem Bären im Maule. Ich weiß nicht, woher es kam, ob es die Beleuchtung allein machte, oder ob ich bei dem raschen Ankleiden nicht so recht beobachtet hatte, oder ob der blinde Jagdeifer, der einen unweigerlich ergreift, wenn man einem so großen Wild wie dem König der Bären gegenübersteht, — aber der Bär war nur ein weißer Fuchs. Siegesstolz kam Per mit dem Fuchs im Maule daher und lieferte ihn ab, und am nächsten Tag wanderte die Beute in den Kessel. Fuchsfleisch hat einen aparten Geschmack, es riecht ungefähr, wie die Luft in einem Raubtierkäfig. Aber abgesehen davon ist es an Konsistenz das beste Fleisch, das man im Winter bekommen kann. Das Bärenfleisch ist faserig, das der Schneehühner zäh und Renntierfleisch hart wie Holz. Aber der Fuchs hält sich auch im Winter wohlgenährt, das Fett ist am ganzen Körper angemessen verteilt, und das Fleisch ist mürbe. Es ist jedoch nicht viel Fleisch an so einem Fuchs; das Tier ist nicht größer als ein großes Kaninchen. 23. Mai. Am nächsten Morgen kostete es ordentlich Mühe, bis die Tiere in Gang gebracht waren, wie immer, wenn sie sich hatten satt fressen dürfen. Sie stöhnten und pusteten in dem warmen Sonnenschein. Aber es war ja nur eine Art „Katzenjammer“; deshalb genierte ich mich nicht, die Peitsche zu gebrauchen und sie damit etwas aufzumuntern. Man genierte sich freilich auch sonst nicht, aber man fühlte leichter Gewissensbisse, wenn die Hunde schon längere Zeit auf schmale Kost gesetzt waren. An diesem Tage waren wir ordentlich vorwärts gekommen. Wir hatten zehn Grad Kälte; aber an dem schönen, stillen Tag hatte die Sonne doch schon so viel Macht über den Schnee gehabt, daß dieser sich an vielen Stellen unter den Kufen zusammengeballt hatte; die Hunde hatten auch unter der Wärme gelitten; deshalb beschlossen wir, künftig nur noch bei Nacht zu reisen. 25. Mai. An diesem ganzen Tag herrschte wunderschönes Wetter, und wir versprachen uns daher von unserm letzten Marsch noch einen großen Erfolg. Aber kaum hatten wir uns am Abend auf den Weg gemacht, als auch schon am nördlichen Himmel eine schwarze Wolkenwand mit rasender Schnelligkeit aufstieg. Es war, als sei die Sonne vom Himmel herabgefallen — so rasch wurde sie von den Wolken verhüllt. Ehe wir es merkten, war der herrliche Abend mit seiner rotglühenden Mitternachtssonne und dem leuchtenden Purpurschein und aller sonstigen Herrlichkeit in einen kalten, feuchten, traurigen Herbstabend verwandelt. Aber vorwärts mußten wir trotzdem, wir hätten doch so gerne noch zwanzig Meilen zurückgelegt. Ab und zu regulierten wir unsern Kurs wieder nach meinem Taschenkompaß; allen Anzeichen nach waren wir auf einer Bucht mit ganz ebenem Eis. Kurz nach Mitternacht kamen wir an ein Land, und gleichzeitig lichtete sich der Nebel ein wenig. Da sahen wir zu unsrer Überraschung auf allen Seiten Land. Wir waren in eine vollständig von Land umgebne Bucht hineingefahren. Sie erhielt den Namen Greeley Harbour. Ihrer ganzen Lage nach war sie ein ausgezeichneter Winterhafen, der einzige gute an der ganzen Küste. Das Wasser mußte tief genug sein, das sahen wir an zwei bis drei großen Eisbergen, die in die Bucht hineingeraten waren und unter Wasser mindestens fünf Faden Tiefe haben mußten.

An der Westseite der Bucht war das Land hoch, und ebenso auch gegen Osten. Aber zwischen zwei Hügeln war eine ganz schmale Landenge, über die wir wieder aufs Eis hinaus und dann in nördlicher Richtung weiter fuhren. Leider klärte sich das Wetter nicht auf; kalt, düster und feucht senkte sich der Nebel wieder auf alles herab und verhüllte die ganze Landschaft. Das raubte mir den Mut. Warum sich noch weiter so mühselig hindurchplagen, wenn man das Land ringsum nicht einmal sehen konnte! Und es hätte sich überhaupt nur noch um einige Meilen handeln können. Wir hielten also an und schlugen ein Lager auf, an einer niedrigen felsigen Landzunge, die den andern, die wir schon passiert hatten, sehr ähnlich war, und die nun also „Hansen farthest“ wurde. Wer ist in seinem Leben nicht schon auf dem Punkt angekommen, wo es hieß: Bis hieher und nicht weiter! Wer das erlebt hat, weiß, wie niederdrückend es ist. Wir hatten zwar schon lange gewußt, daß wir unser Ziel nicht erreichen würden. Als wir uns in der Victoriastraße durch das Packeis hindurchplagten, hatten wir mehr als einmal gesagt, wir würden mit nur einem oder zwei Tagemärschen auf neuem Lande zufrieden sein. Obgleich wir aber so viel mehr erreicht hatten, waren ‚wir doch niedergedrückt, weil wir nicht bis zur Glenely-Bay gelangen konnten. Die hundert Seemeilen, die uns noch davon trennten, mußten wir leider in ihrer unbetretnen Reinheit liegen lassen: sie waren uns zu viel. Als ich an diesem Tag mein Tagebuch mit einem „bis hierher und nicht weiter“ schloß, war es mir fast, als ob unsre ganze Arbeit umsonst gewesen wäre. Bei der Losung „vorwärts“, —da spannen sich die Muskeln, da klopft das Herz mit rascheren Schlägen, das Blut rinnt rascher durch die Adern, Kopf und Rücken richten sich auf. Das „Zurück“ aber macht einem mit einen Schlag zu einem alten, ge-brochnen Mann. Es vergingen auch wirklich einige Tage, ehe Björnsons schöner Vers seinen rechten Klang wieder für mich hatte:

„Hebe den Kopf, verzage nicht,

Ob eine Hoffnung in Stücke dir bricht, —

Es glänzt dir rasch eine neue!“

Wir schrieben folgendes Dokument, das hier in einer Warte niedergelegt werden sollte:

Bis zu diesem Punkte gelangte eine Schlittenexpedition am sechsundzwanzigsten Mai 1905, die von der norwegischen Gjöaexpedition ausgeschickt worden war, und die diesen Ort „Kap Nansen“ getauft hat. Die Lage ist 72° 2’ N. 104° 45′ W. (Grw.) Die Küste scheint sich im Nordwesten zu verlängern. An diesem Tag wird der Rückweg nach dem Schiff angetreten.

Zurück! Dieses Wort macht einen, wie ich schon gesagt habe, auf einmal zu einem alten, gebrochnen Manne Aber: heimwärts! — das klingt gleich ganz anders. Jetzt ging es heimwärts, wirklich und im Ernst heimwärts! Kap Nansen war auch für uns der äußerste Punkt; die Reise endete jetzt nicht im Gjöahavn, sie ging weiter mit der Gjöa, sobald sich das Eis öffnete, weiter heim . Auf Kap Nansen erlegten wir einen Bären. Es war am Abend des sechsundzwanzigsten, als wir uns gerade zum Aufbruch fertigmachen wollten. Ristvedt sah zur Türe des Zeltes hinaus; aber anstatt Schlitten und Hunde im Halbkreis um das Zelt zu sehen, sowie die unklaren Umrisse einiger Eisblöcke und weiterhin das graue Nichts — Schnee und Luft im Nebel zusammenfließend — statt alles dessen erblickte er einen Bären nur fünf Schritte von der Zelttüre entfernt Geladne Gewehre hatten wir jederzeit bei der Hand; einen Augenblick nur, — da hatte Ristvedt angelegt und drückte los. Der Bär fiel zu Boden, stand aber wieder auf und trabte dem Packeis zu. Das Blut lief ihm aus dem Maule. Eilig — und barfuß, wie wir waren, — liefen wir vors Zelt hinaus, die Hunde loszulassen. Aber unsre Eile war unnötig; der Bär lief etwa dreißig Schritte, dann fiel er um und war mausetot. 27. Mai. Nördlich von Kap Nansen war das Land wieder ganz flach. Gegen Süden konnten wir das hohe Land um Greely Harbour her sehen. Am deutlichsten war Mount Ovidea, der hoch über der zu seinen Füßen sich meilenweit ausbreitenden ganz flachen Ebene aufragt; er ist der auffallendste Punkt an der ganzen Küste. Dann kehrte ich ins Zelt zurück, und die Heimreise begann. Bei Kap Anker bogen wir in den Danmark-Fjord ein und übernachteten zehn Meilen von der Insel Cloette entfernt. Trotz des klaren Wetters konnten wir nicht bis in die Tiefe des Fjords sehen, und wir beschlossen daher, am nächsten Tag noch eine Strecke weiter hineinzufahren. Nach der Kartenskizze, die ich auf der Herfahrt gezeichnet hatte, sollte weiter drinnen nichts sein als, zwischen der Homan-Bucht und dem Danmark – Fjord, eine vier Meilen breite Landzunge. Ich wollte dorthin fahren und die Arbeit kontrollieren, die nur nach den Peilungen von außen her entworfen worden war.

1. Juni. Als wir der Küste entlang fuhren, sahen wir zu unsrer Überraschung, wie schnell das gute Wetter das Aussehen des Landes verändert hatte. Die Sonne, die nun wieder den ganzen Tag am Himmel stand, schien mit voller Kraft auf den Schnee, der nun rasch der schwarzen Erde unter sich Platz machen mußte. Allerdings war aus dem Schnee noch kein Wasser geworden; er fiel nur an den Stellen, wo er aufgehäuft lag, mit jedem Tage mehr zusammen; und wo nur eine dünne Lage Schnee war, verschwand er völlig. Auf den Gipfeln der Hügel weiter drinnen im Land war es schon ganz schwärzlich, und nach kurzer Zeit konnten wir unser Lager auf das Erdreich verlegen. Es kam nämlich öfters vor, daß unsre Körperwärme durch Schlafsack und Zeltboden hindurchdrang und den Schnee schmolz, wodurch dann die Schlafsäcke naß wurden. Deshalb war ein Lager auf dem schneefreien Lande vorzuziehen. Und wenn man auf diese Weise auch keine ganz ebne Ruhestätte bekam, so war man deswegen doch immer noch nicht „die Prinzessin auf der Erbse“. Ein kleiner Stein im Rücken ließ sich schon ertragen. Während wir der Küste entlang fuhren, sahen wir öfters Hasen, meistens drei bis vier Stück zusammen. Einige von ihnen wanderten in unsern Kochtopf. Aber es war nicht leicht, mit den Schrotgewehren zum Schüsse zu kommen, und mit unsrer andern Munition durften wir nicht zu verschwenderisch sein; sie war für grösseres Wild bestimmt. Bei Kap Kofoed-Hansen erlegten wir noch einen Bären. Am fünften Juni kamen wir an der Insel mit der Rea-Warte vorbei und fanden da unser Depot ganz unversehrt. Die Wühlmäuse hatten sich einige Mundvoll davon geholt, aber nicht mehr, als man ihnen wohl gönnen konnte. Die Wühlmaus ist nämlich ein Tier, für das ich eine gewisse Hochachtung empfinde. Verletzt man ihr Selbstgefühl, indem man ihr über den Weg läuft, so setzt sie sich entschlossen aufrecht, am liebsten mit dem Rücken gegen einen Stein. Auf den Hinterbeinen sitzend, ficht sie mit den Vorderpfoten in der Luft, genau wie ein Bär, fest entschlossen, ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Während man nun so dasteht und der Wühlmaus gegenüber bis in die Wolken ragt — sie reicht einem ja kaum bis an den Knöchel — lächelt man natürlich über diesen Mut. Aber trotzdem — mir hat sie Respekt eingeflößt. Am nächsten Morgen erreichten wir draußen auf dem Eise unser Depot mit dem Seehundfleisch; es dauerte aber eine gute Weile, bis wir es fanden. Am elften Juni fuhren wir gleich nach Mitternacht weiter der Insel Taylor entlang. Wir trafen Spuren von zwei nach Süden ziehenden Eskimoschlitten und folgten diesen Spuren in der Hoffnung, die Eskimos einzuholen. Aber diese waren aus irgend einem Grunde sehr eilig südwärts gezogen. Vielleicht wollten sie mit Stammesgenossen Zusammentreffen, hatten aber die Reise in der Hoffnung auf unsre Rückkehr so lange wie möglich aufgeschoben. Bis herunter zum Delhavn Point hatten sie sich keine nächtliche Rast gegönnt. Von dieser Spitze aus richteten wir unsern Kurs quer hinüber auf die Insel Lind, die im Süden hoch und deutlich aufragte. In der Mitte des Weges machten wir Rast.

Am vierzehnten Juni fuhren wir nun zwischen das Packeis hinein. Mit Herzklopfen hatte ich bisher an alle die damit verbundnen Plackereien und Anstrengungen gedacht. Aber wahrhaftig! wir kamen sehr gnädig davon; zwei Tage brachten uns hinüber nach „Land seen by Rea“. Gleich am ersten Tag auf dem Packeis fingen wir einen Seehund, der uns höchst willkommen war, denn unser Vorrat an Seehundspeck schmolz allmählich sehr zusammen. Gesehen hatten wir übrigens viele Seehunde seit unserm Lager unter den „vier Winden“. Kam man an einigermaßen größere ebne Stellen, so konnte man sicher sein, dort Seehunde anzutreffen, die sich sonnten. Aber sie waren äußerst scheu; und nur wo einzelne Eisblöcke dem Jäger Deckung boten, konnte er hoffen, zum Schuß zu kommen. Sehr früh am Morgen des fünfzehnten Juni erreichten wir Land. Es war nur ein ganz kleines Inselchen; aber nach Norden, Süden und Osten sahen wir größere und kleinere Inseln. Auf dem Inselchen war vollständiger Sommer eingekehrt und fast nirgends mehr Schnee zu erblicken — frisches, grünes Moos, Schneehühner und Eidervögel! Es kam uns wie ein wahres kleines Paradies vor, und wir gaben ihm den Namen Insel Prinzeß Ingeborg. Ich bestimmte die Breite und Länge der Insel. Die weitere karthographische Aufnahme davon wurde nur im Fluge gemacht, denn unsre Lebensmittel gingen jetzt stark auf die Neige. Wir kochten jetzt mit Speck als Brennmaterial, denn unser letzter halber Liter Petroleum mußte für so schlechtes Wetter, daß man im Freien überhaupt nicht kochen könnte, aufbewahrt werden. Unser Brot war aufgezehrt, Schokolade hatten wir nur noch für zwei Mahlzeiten, und auf der Gjöa wurden wir sicher mit Ungeduld erwartet. Aus allen diesen Gründen beeilte ich mich tunlichst. Durch eine Menge von Inseln und Inselchen hindurch legten wir in südlicher Richtung eine Tagereise von einundzwanzig Meilen zurück. Die letzten zwei bis drei Meilen fuhren wir über eine Straße (Markham Strait), die mir vorkam, als ob sie Tiefe genug für die Gjöa haben müßte. Im Süden dieser Straße erreichten wir die Insel Brydes, von deren Spitze aus ich im Süden mehrere Inseln sehen konnte, sowie ganz draußen, in einer Entfernung von etwa fünfzehn Meilen, ein hohes, hügeliges Land, wahrscheinlich eine Insel von größerer Ausdehnung. Ich verspürte große Lust, die Inselgruppe weiter im Süden näher zu untersuchen, und wir setzten uns bereits in Bewegung. Da ich aber eigentlich der Überzeugung war, daß sich die Inseln bis zum Festland hin erstreckten (des Vorkommens von Renntieren auf den Osterinseln wegen), so dachte ich mir, die Aufgabe würde für die vorgeschrittne Jahreszeit zu weitläufig sein; und wir zogen also wieder nach Norden, östlich um die Inselgruppe herum.

Dem Archipel im Süden von der Insel Brydes gaben wir den Namen Nordenskjöld-Inseln, die Gruppe nördlich von Markham-Strait nannten wir „Royal Geographical Society’s Island“, und die wichtigsten Spitzen der Insel erhielten englische Namen. Wir hielten das für passend, weil das Land zuerst von einem Engländer entdeckt worden war. Auf dem Wege der Ostküste entlang verloren wir einen Hund. Ristvedt hatte ihn aus seinem Gespann ausgeschirrt, weil er nicht vorwärts zu bringen gewesen war und nur Unfrieden zwischen seinen Kameraden gestiftet hatte. Es war ein brandroter, kurzbeiniger Geselle, der auf den Namen Inaksajak hörte. Faul war er schon die ganze Zeit über gewesen; und da die Hunde schon lange äußerst kräftiges Futter in Gestalt von Speck erhalten hatten, war er überdies auch recht fett geworden. Nun lief er eine Weile hinter dem Schlitten her, aber bald war ihm selbst dies zu viel; er legte sich aufs Eis und blieb da liegen. Später sahen wir nichts mehr von ihm. Mit Sicherheit hatten wir ihn am Abend beim Zelt erwartet; aber er kam nicht. Er hatte sich also wohl draußen niedergelegt und war gestorben. Im Anfang machte uns das einige Gewissensbisse; da dem Hund aber, als er ausgespannt worden war, augenscheinlich nichts gefehlt hatte, trösteten wir uns damit, daß die eigentliche Ursache seines Todes, wenn er wirklich da draußen zugrunde gegangen wäre, Faulheit gewesen sein müßte. Am achtzehnten Juni ging es querüber die Alexanderstraße. Der Schnee im Packeis hatte sich traurig verändert. Die Eisrinde, die sich über Nacht bildete, war nicht dick genug, uns und die Hunde zu tragen. Aber glücklicherweise glitten die Schlitten darüber weg, und wir kamen doch einigermaßen vorwärts. Unser Renntierfleisch, unser Petroleum und unsre Schokolade fanden wir bei Kap Crozier in bester Verfassung vor Nun war alle Not zu Ende; jetzt mußten wir nur noch über das ebne Eis der Simpsonstraße fahren, und dann ging es in Eilmärschen der Küste entlang. Ein großes Ungemach war aber doch mit dem Reisen in so später Jahreszeit verknüpft. Die Hunde bekamen wunde Pfoten. Auf dem Eise lag kein Schnee mehr, und das Schneewasser hatte seine Oberfläche rauh und uneben gemacht; außerdem standen unzählige kleine Eisnadeln senkrecht empor, auf denen sich die Hunde die Ballen wund liefen. Wohin sie traten, ließen sie eine blutige Spur zurück, und einer nach dem andern mußte ausgespannt werden. Zuerst Mylius, dann Gjöa, dann Silla. Wir mußten froh sein, daß sie wenigstens den Schlitten nachliefen. Ist eine Reise durchaus nötig, nachdem einmal die Schneeschmelze so weit vorgeschritten ist, dann muß man praktische Schuhe für die Hunde haben, sonst bringen diese die Aufgabe nicht zustande. Während wir nun allmählich weiter kamen, tauchten immer mehr bekannte Punkte in der Landschaft auf. Die Küste bis zur Meerenge hatten wir ja früher häufig besucht. Als wir an der Insel Todd vorbeikamen und in die Pettersenbucht hineinbogen, fühlten wir uns eigentlich schon daheim. Unser letzter Lagerplatz war auf Svartheia. Am Morgen des fünfundzwanzigsten Juni hatten wir nur noch zehn Meilen Weges vor uns. Die allmählich etwas stark mitgenommne Schlittenflagge flatterte vom Schlitten auf der Spitze eines Skis. Wir wollten doch gerne von der Gjöa so früh wie möglich entdeckt werden. Und sie sahen uns auch sehr bald; denn wir wurden mit Ungeduld erwartet. Vormittags um sieben Uhr stieg auch an Bord die Flagge auf. Lund war an diesem Morgen der erste auf Deck gewesen und hatte uns sofort gesehen. Später hörten wir, wie oft Ausschau nach uns gehalten worden war, aber immer vergebens. Immer war nichts weiter in dem wogenden Nebel zu entdecken gewesen, als das flache Eis und ganz draußen die Insel Todd. Aber nun kamen wir doch endlich daher. Um acht Uhr langten wir an der Hafenmündung an, und nun ging es eilig dem Schiffe zu. Die Hunde hatten den Ort plötzlich erkannt und verstanden, daß jetzt eine ordentliche Ruhezeit ihrer wartete.

Vom Schiffe her kam uns mit langen Schritten ein Mann entgegen, unser Chef. „Guten Tag und herzlich willkommen!“ rief er. Ja, willkommen waren wir, das konnten wir an allem merken! Damit hatte nun unsre Reise ihr Ende erreicht. Es war eine anstrengende Zeit gewesen, denn so lange man sich in jenen Eiswüsten aufhält, muß man die Augen offen halten. Man braucht gar nichts besonders Ungeschicktes zu machen, und doch kann es einem das Leben kosten. Ein einziger Fehltritt wird mit dem Tode bestraft. Aber es ist das Leben des freien Mannes! Frei fühlt man sich dort draußen, wo der eigne Wille Gesetz ist, ob auch das Leben hart sein mag, weil der Weg über alle Arten von Hindernissen führt. Hunger, Kälte, Nässe und Erschöpfung lernt man dort kennen. Einförmig ist die Nahrung. Der Reinlichkeit muß man Valet sagen, dort wo ein Tropfen Wasser das teuerste Gut — Brennmaterial — kostet. Aber trotzdem geht es vorwärts; jede Meile wird als ein Sieg empfunden. Und das Leben —: „La vie n’est pas un plaisir ni une douleur, mais une affaire grave, dont nous sommes charges et qu’il faut conduire et terminer ä notre honneur.“ So war es uns nun wirklich gelungen, auf dem leeren Weiß der nördlichen Halbkugel eine neue Küstenstrecke einzuzeichnen, den Menschen neues Land unter die Füße zu breiten, und die Geologie, die Geographie und die natürliche Beschaffenheit dieses Landes bekannt zu machen. Achthundert Meilen hatten wir auf unsrer Reise zurückgelegt.

Als ich dort draußen auf meinem Schlitten saß, ohne irgend einen Wegweiser vor mir, weil meine Schlittenkufen die erste Spur in den Schnee jener Gegenden schnitten, da dachte ich immer, es werde mir sehr leicht fallen, nach meiner Rückkehr in die Heimat diese Reise zu beschreiben. Mir war, als sei sie von großer Bedeutung. War auch die Küste, der wir entlang fuhren, sozusagen eine eiserne, sturm-umbrauste, nebelverhüllte, im Sommer und Winter in Eis geschlagne Küste, war auch das Land, das wir der Dunkelheit und dem Unwetter entrissen und in unsre Karte einzeichneten, öde und steinicht, ohne wirkliche Schönheit, ohne Nutzen für die Menschen — so war es mir doch, als stiegen aus diesen unendlichen Weiten Gedanken auf über das Große, das Schöne, das Gute, — und diese wollte ich niederschreiben. So wollte ich schreiben, daß der Leser gewissermaßen an Eindrücken reicher würde, daß er ein Gefühl von der gewaltigen Größe jener Gegenden bekäme, so wie sie sich in meiner Erinnerung für immer festgesetzt haben. Von jenen Gegenden, wo weder Weg noch Steg zu finden ist, wo aber Gottes Sonne oder die glitzernden Sterne uns den Weg weisen. Jetzt, am Ende meiner Arbeit, sehe ich, wie wenig ich zu geben vermocht habe; denn die Gedanken, die mich zu überwältigen gedroht hatten, waren keine Gedanken, die in Worte gekleidet werden konnten; es waren meist nur Stimmungen. Sollte es mir aber gelungen sein, in meiner Erzählung von den zwei Menschen und den zwölf Hunden, die durch den Schnee wateten, über das Eis krochen, in dem einsamen sturmumbrausten Zelt ruhten, ein lebendiges Bild zu geben, — sollte es mir auch nur ein einziges Mal gelungen sein, das festzuhalten, was dort auf jenen endlosen Weiten wohnt, in dem wilden Wind, in dem strahlenden Sonnenschein — dann habe ich doch mehr mit heimgebracht, als bloß ein paar Meilen neuen Landes auf der Karte, nördlich von „Collinson farthest“.

Ende



Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter
Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern
Die Nordwest-Passage – Schluß

Die Nordwest-Passage

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907


Das erste Schiff, das in das offne Wasser hineinfuhr, war die „Bowhead“ unter der Führung von Kapitän Cook. Bei Kap Sabine warf es Anker aus, um Treibholz einzunehmen, wovon dort eine große Menge lag. Als die beiden andern Fahrzeuge sahen, daß es der Bowhead gelungen war, das Eis zu umschiffen und in die offne Wasserrinne zu gelangen, folgten sie auf dem gleichen Wege nach; aber sie langten erst am Nachmittag an. Wir konnten über das Eis hin die beiden Schiffe „Alexander“ und „Jeannette“ aus San Francisco erkennen. Um den Übergang des Dr. Wight von der „Alexander“ auf die Gjöa noch vor der Abreise in Ordnung zu bringen, mußte ich notwendig mit Kapitän Tilton sprechen; wir blieben deshalb vorläufig liegen und warteten. Wir hatten ohnedies auch noch sehr viel zu tun. Lindström hatte in den letzten Tagen eine große Menge Weißbrot gebacken, das er jetzt eben in ein Holzgefäß verpackte. So hatten wir auf lange Zeit frisches Weißbrot. Aber sein Backofen stand noch immer im Hause drüben an Land, und wir konnten nicht abfahren, ehe unser Tausendkünstler ankam. Diese letzten Stunden wurden auch noch dazu benützt, immer noch mehr Holz zu sammeln. In jedem möglichen und unmöglichen Winkel der Jacht wurde Brennholz verstaut. Ganz leicht vertäut und jeden Augenblick bereit, die Anker zu lichten, lag die Gjöa an der Steuerbordseite des Wracks. Wir senkten langsam die Flagge, — ein letzter Gruß von den Kameraden „Los! Volldampf voraus!“ Und unsre liebe Gjöa begann den letzten; abschließenden Teil ihrer langen Reise. Als wir an Wiiks Grab vorbeifuhren, senkten wir die Flagge und schickten ihm unsre letzten Grüße. Dann stieg die Flagge wieder in die Höhe, und wir fuhren weiter. Am Strand ging es sehr lebhaft zu. Alle unsre guten Freunde und Bekannten, Weiße und Eskimos, waren bei dem Treibholz beschäftigt; sie grüßten und winkten, und wir winkten als Gegengruß beständig mit der Flagge. Inzwischen näherten wir uns der „Alexander“, und ich ließ halten, um das Schiff zu erwarten. Als es dicht herangekommen war, rief uns Kapitän Tilton eine ganze Menge zu, wovon wir kein Wort verstehen konnten. Er mußte es sehr eilig haben, denn er hielt nicht an, sondern fuhr nach King Point weiter. Da ich, wie schon gesagt, Doktor Wight versprochen hatte, ihn auf unser Schiff zu nehmen, blieb uns nichts andres übrig, als zu wenden und hintendrein zu fahren; ein großer Schaden war das ja nicht. „Alexander“ und „Jeannette“ legten an, und wir taten dasselbe, als wir an ihre Seite kamen. Sobald wir Sten an Land gesetzt und den Doktor an Bord geholt hatten, wendeten wir wieder und fuhren in der alten Richtung weiter. Vor Kap Sabine stoppten wir und schickten zu der „Bowhead“, die immer noch da lag, ein Boot hinüber und baten um etwas Tran. Hierzu hatte mir Dr. Wight Mannis wegen geraten, der trotz aller bisher versuchten Mittel seine Erkältung nicht los werden konnte. Nach einigen Stunden kam der Maschinist und meldete, der ganze Maschinenraum stehe voller Wasser! Schöne Geschichte! Das hatte also der Winter in aller Stille bewirkt — das Schiff hatte ein Leck! Sofort wurden die Pumpen in Tätigkeit gesetzt; aber wir fanden bald, daß im Kühlraum nicht mehr Wasser war als gewöhnlich. Wie sich bald zeigte, war das ganze Unglück von etwas altem Eis innen im Schiff hergekommen, das plötzlich aufgetaut war und die Verbindung zwischen dem Maschinenraum und dem großen Laderaum geöffnet hatte, wodurch alles Wasser nach hinten lief. Diesmal waren wir also mit dem Schrecken davongekommen.

Der Motor arbeitete gut, und wir machten drei Knoten. Ein leichter Ostwind bei bewegter See deutete an, daß die Bucht vor dem Mackenzie offen sei. Endlich waren wir um das Eis herum und richteten nun unsern Kurs westwärts. Der Wind nahm zu, und die Wogen gingen hoch. Als ich morgens um sechs Uhr auf Deck kam, hatten wir King Point achter vor dwars. Ich nahm das Fernglas zur Hand und erkannte die vertrauten Orte: Das Wrack, die Häuser, das Grabkreuz! In der klaren Luft ragte dieses hoch empor: „Grüßet daheim! Grüßet daheim!“ schien es uns zuzurufen. Aus Südosten machte sich ein ordentlicher Wind auf, und nun hatten wir eine herrliche Fahrt gen Westen. Als wir die Insel Herschel erreichten, lag diese ganz von Eis umgeben da. Aber was tat uns das? Wir hatten nichts auf der Insel zu tun und konnten nun die klugen Herren Schiffer auslachen, die uns noch zuletzt gesagt hatten, wir müßten in den Hafen hineinfahren und da mindesten vierzehn Tage warten. Wir sahen ja vor uns — vor der Insel – die günstigsten Eisverhältnisse, der Aussage der Herren zum Trotz. Aber ach, die Stimme der Erfahrung sollte man nie ungehört verhallen lassen! Wir waren auf unserm stolzen Wege noch nicht weit gekommen, als wir entdeckten, daß das offne Wasser nur eine sich nach Westen erstreckende Bucht im Eise war: eine Sackgasse, die nicht hinausführte. Wir mußten hübsch umkehren und in den Hafen einlaufen. Ein frischer Ostwind öffnete diesen für uns; aber wir mußten ganz nahe an die Nordostspitze der Insel hinfahren, und dort gab es nur neun Faden Tiefe. Wir gelangten aber doch hin, und am dreizehnten Juli, morgens um halb drei Uhr lagen wir vor Anker. Nun bekamen wir reichlich Gelegenheit, die Insel Herschel und den alles bedeckenden Schnee zu studieren. Als Franklin im Jahre 1826 diese Insel in einem Boot passierte, entdeckte er den herrlichen Hafen auf der Ostseite der Insel nicht. Er sagte deshalb, der enge Sund von der Insel bis zum Mackenzie sei der einzige Zufluchtsort für ein Schiff. Franklin ahnte damals nicht, welche große Bedeutung die Insel Herschel als Hafen bekommen sollte. Der Hafen bietet vor allen Winden Schutz. Der Südwest bläst allerdings direkt herein, aber er kann nicht leicht Schaden anrichten. Nur bei einem Wetter, wie man es überhaupt nur einmal in einem Menschenalter erlebt, ist es allerdings vorgekommen, daß dieser Wind kleinere Schiffe im Hafen auf den Strand geworfen hat. Franklin hat also die Insel entdeckt und ihr den Namen gegeben. Aber kühne amerikanische Walfischfänger haben sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Es gibt nur sehr wenige Häfen an der nordamerikanischen Küste, und die Entdeckung der Insel Herschel war daher von großer Bedeutung für die Walfischfänger. Im Jahre 1889 drangen diese zum erstenmal hinein. Aber dann vergingen noch viele Jahre, bis es ein wirklicher guter Hafen war, und viele Menschenleben sind dabei zugrunde gegangen. An dem ersten Unglück, das über die sich durchkämpfende Walfischfängerflotte hereinbrach, war weder Wind noch Wetter schuld. Im Jahre 1865, während des Krieges zwischen den Nord- und den Südstaaten, fuhr ein den Südstaaten gehöriges Kriegsschiff nordwärts, verbrannte dreißig Schiffe und vernichtete dadurch dreißig Millionen Dollar. Im Jahre 1876 saßen vor Barrow-Point dreißig Schiffe im Eise fest. Ungefähr siebzig Mann stark, verließen die Mannschaften ihre Schiffe und retteten sich. Aber von den siebzig Mann wurde keiner wieder gesehen. 1897 wurde auch eine Anzahl Schiffe im Eise zerdrückt. Zu Ende des Jahres 1905 legte sich das Eis einen Monat früher als gewöhnlich an der Küste fest und schnitt jeden Verkehr ab. Aber damals ging kein Schiff zugrunde, weil alle noch den Hafen hatten erreichen können. Alles in allem kommt die Jagd auf den kostbaren Bowhead-whale, Balaena mysticetos, teuer genug zu stehen.

Von dem Bowhead- oder Bartenwal werden einzig und allein die Barten verwendet. Alles andre bekommen die Fische, Aber dafür ist auch der durchschnittliche Wert eines solchen Walfisches heutzutage zehntausend Dollar. Der Walfischfang ist aber weder leicht noch ungefährlich. Der Bartenwal ist ungewöhnlich wachsam und wird von dem geringsten Lärm erschreckt. Sobald man einen Walfisch in Sicht bekommt, wird deshalb der Propeller gestoppt, und man verwendet nur noch Segel. In weiter Entfernung wird das Boot ausgesetzt, und nun beginnt die eigentliche Jagd. Gerudert darf nicht werden, auch hier kommen nur Segel zur Verwendung. Das kleine Boot fährt direkt auf das Ungeheuer los; im Steven steht der Harpunierer mit der Harpune. Geschossen darf unter keinen Umständen werden, denn ein einziger Schuß würde alle Wale auf Meilen im Umkreise verscheuchen. Als Sprengstoff wird Tonit verwendet. Wenn der Wal nicht auf den ersten Wurf getötet wird, dann schwimmt er wie rasend davon, und um ihm folgen zu können, muß man rasch die Leine loslassen, genau wie bei dem Fang der „Bottlenose“ zwischen Jan Mayen und den Färöern. Wenn Eis im Fahrwasser ist, muß man sehr vorsichtig sein. Ist man gezwungen, die Leine abzuschneiden, so hat man damit einen Wert von vierzigtausend Mark ins Wasser geworfen. Der erlegte Wal wird zum Schiff bugsiert, der Kopf wird abgeschnitten und an Bord genommen, der Körper aber losgelassen. Dann werden die Barten herausgenommen, und der Kopf wird auch über Bord geworfen. Der erste Bartenwal wurde im Beringmeere im Jahre 1843 gefangen. Fünf Jahre später fuhr der erste Walfischfänger durch die Beringstraße und zog bald viele andre nach sich. 1905 bestand die Walfischfängerflotte aus vierzehn Schiffen, die alle, mit Ausnahme der „Bonanza“, mit einer Flilfsmaschine versehen waren. In diesem Jahre hatte die Brigg „Jeannette“ den größten Fang gemacht, im ganzen elf Walfische. Seit sechzig Jahren wird dieser Fang nun mit kolossalem Gewinn betrieben, aber auch mit großer Gefahr und vielen Verlusten.

Jahr um Jahr werden alle diese Menschenleben und alle diese Riesensummen aufs Spiel gesetzt, einzig und allein, um die Barten auf den Weltmarkt zu bringen. Ich fragte, wozu dann dieser kostbare Stoff verwendet werde, und erfuhr: hauptsächlich zur Herstellung von Korsetts. Ja, eine Frauengestalt ist etwas Kostbares! Nach meinen Erfahrungen im Polarmeer werde ich nun künftig für die Reformtracht stimmen. Alle Eskimos im Hafen waren — trotz der frühen Morgenstunde — auf den Beinen. Nach der Abfahrt der Walfich-fängerflotte waren wir jetzt der „Hahn im Korbe“ und wurden mit der größten Zuvorkommenheit behandelt. Nach einigen Stunden Schlaf begaben wir uns auf den höchsten Punkt der Insel, die Eisverhältnisse in Augenschein zu nehmen. Westwärts lag viel Eis. Dem Lande entlang war offnes Wasser, aber von unserm Standpunkt aus konnten wir nicht entscheiden, ob es breit genug für uns wäre. Und doch wäre es außerordentlich nützlich gewesen, wenn wir dieses offne Wasser hätten erreichen und von da die erste Gelegenheit zum Weiterkommen benützen können. Denn früher oder später müßte sich ja eine Gelegenheit zeigen. Der einzige Zugang zu dem offnen Uferwasser war der schmale Sund zwischen der Insel und dem Festlande. Die Ansichten über die Tiefenverhältnisse in diesem Sund widersprachen sich, und um Sicherheit darüber zu erlangen, machte sich Leutnant Hansen in Begleitung von Helmer Hansen, dem Doktor und Foß, sowie einem Eskimo — letzterer machte den Lotsen — auf den Weg. Der Lotse nützte allerdings nicht viel. So oft das Lot herausgezogen und seichtes Wasser konstatiert wurde, sagte er nur: „Water very small!“, was allerdings nachher recht nützlich zu hören war. Die Untersuchung ergab sehr unebnen Grund; selbst wenn wir uns schließlich durch die Rinne hätten hindurchschlängeln können, wäre das Unternehmen doch zu gewagt gewesen, und wir beschlossen daher, zu warten. Auf dem Rückweg traf die Expedition mit einigen Eskimos zusammen, die einen guten Fischfang gemacht hatten, und von ihnen kaufte sie eine Menge herrliche frische Fische. Von nun an ging jeden Tag einer von uns auf den Hügel hinauf und schaute sich die Eisverhältnisse an. Der Hügel lag ganz auf der Westseite der Insel, und der Weg dahin kostete einen tüchtigen Marsch von zwei Meilen. Das Terrain war auch äußerst beschwerlich. Aber welche Vegetation war auf dieser Insel! King Point war die reine Wüste dagegen. Hier war die Erde geradezu mit Blumen übersät, und Lindström war glückselig. Früh und spät war er mit seiner grünen Botanisierkapsel unterwegs und kehrte immer mit allerlei Raritäten zurück. Der reichste Blumenflor stand hinter dem Kirchhof. Der Begräbnisplatz auf Herschel hatte zwei Abteilungen; eine für die Walfischfänger, die andre für die Eskimos. Die Gräber der Walfischfänger waren durchgängig wohlgepflegt und mit angestrichnen Kreuzen versehen; die der Eskimos dagegen machten einen merkwürdigen Eindruck. Es sah fast aus, als habe ein Kaufmann seinen ganzen Warenvorrat darauf ausgebreitet. Die Eskimos legen nämlich ihre Toten in ganz gewöhnliche Holzkisten, die sie dann in einer schnurgeraden Linie auf dem offnen Hügel nebeneinander stellen. Nur ganz wenige hatten ihre Kisten auf Holzböcke gestellt, die meisten standen auf der Erde. Man dachte unwillkürlich: wenn diese Leute ihre Lieben wiederfinden wollten, dann müßten sie die Kisten mit Zetteln versehen.

Bei der ersten Ankunft der Walfischfänger auf der Insel war diese von ungefähr fünfhundert Kagmallikeskimos bewohnt gewesen. Jetzt sind nur noch ganz wenige von dieser ersten Rasse da, und diese wenigen sind fast lauter Mischlinge von den ursprünglichen Einwohnern und den Eskimos, die die Walfischfänger mitgebracht haben. Sie wohnten in kleinen, so weit ich es beurteilen konnte, höchst ungesunden Holzhäusern. Außerdem gab es noch eine Anzahl größrer Warenschuppen und Speicher. Das frühere Haus des Missionars wurde jetzt von Major Howard mit seinem Stabe bewohnt Dieser Mann hatte durchaus keine leichte Aufgabe; er soll mit einem Mann die Ordnung unter Hunderten aufrecht erhalten und außerdem auch den Zoll von den Amerikanern erheben, die sich hier ja auf kanadischem Boden befinden. Manni war fleißig auf der Entenjagd draußen, denn Enten gab es hier herum ohne Zahl. Ich verbot ihm, an Land zu gehen; er sollte von den vielen verschiednen Krankheiten, die die Eskimos von der Zivilisation als Geschenk erhalten haben, nicht angesteckt werden. Unter anderm ist Syphilis sehr verbreitet. Am meisten aber fiel dem Fremden die heranwachsende Generation dieser Bevölkerung auf. Sie trug das Gepräge einer sehr wechselnden Mischung, und einen reinen Eskimotypus sah man nur höchst selten. Nicht allein in den Gesichtszügen , nein, auch in ihrer Kleidung unterschieden sich diese Kinder voneinander. Da kam einem zum Beispiel ein kleines Mädchen entgegen, in einem roten Kleidchen, schwarzen Stiefeln und einem Babyhut, der dem Kinde reizend stand. Das konnte doch kein Tupsi, Eskimofrau von der Insel Herschel Eskimokind sein. Dann kam die Mutter dazu, und sie war zwar kein reiner Eskimotypus, aber doch ein halber. Das Kind war die dritte Mischlingsgeneration. Ganz lächerlich wirkte die Mischung von Neger und Eskimo. Man hat keinen Namen für diese Ausgabe, aber höchst komisch war sie. Die Eskimos auf der Insel Herschel sind nun so an die Kost der Weißen gewöhnt, daß sie ganz übel dran sind, wenn sie sie entbehren müssen. Ganz besonders empfinden sie den Mangel an Mehl, und in diesem Jahre hatten selbst die Weißen kaum genügend gehabt; deshalb war für die Eskimos nicht viel übrig geblieben. Gerade zu der Zeit, wo wir da waren, warteten diese armen Menschen sehnsüchtig auf den Tender der Walfischfänger, der für alle die Leute Lebensmittel bringen sollte. Der Tender war in diesem Jahre nicht weiter als bis Barrow Point gekommen, wo die Walfischfänger sich dann holten, was sie bestellt hatten. Die Eskimos waren daher diesmal bitter enttäuscht worden. Obgleich der Missionar abwesend war, wurde doch jeden Sonntag Gottesdienst gehalten. Ein alter Häuptling, namens Tomachsina, leitete den Gottesdienst, und Doktor Wight spielte Orgel. Hier lernten wir auch die ersten Gemüse der Insel kennen, nämlich „Kagmallikkartoffeln“, wie die Walfischfänger sie nannten. Es war die Wurzel der „poligonum bistorta“, die sowohl roh als auch gekocht recht gut schmeckt. In der Eskimosprache hieß sie „Masku“. Sie hat die Form einer gelben Rübe mit einer Kartoffelschale und ist von etwas süßlichem Geschmack. Die Eskimos sammelten ganze Säcke voll und verkauften uns davon. Am zwanzigsten Juli bekamen wir nordöstlichen Wind, den uns alle Walfischfänger als den besten zum Losmachen des Eises gepriesen hatten, und er entwickelte sich rasch zu einem ordentlichen Blasius. Aber der Mann, der an dem Tage den Ausguck hatte, kehrte mit der Botschaft zurück, daß draußen das Eis dichter als je liege. Am einundzwanzigsten ruderte ich mit Ristvedt, Lund und dem Doktor an Land, um zu sehen, ob dieser Wind nicht doch schließlich auf das Eis eingewirkt hätte. Wir mußten zwei Seemeilen der Ostküste entlang rudern, weil wir von dort aus einen leichteren Anstieg zum Hügel hatten. Auf unsrer Fahrt begegneten wir Manni, der am Morgen in einem Segeltuchboot auf die Entenjagd ausgezogen war. Er hatte noch keine erlegt, und wir riefen ihm irgend etwas zu, an das ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann. Am Landungsplatz zogen wir das Boot ans Ufer und stiegen zum Aussichtspunkt empor. Die Eisverhältnisse sahen an diesem Tage günstig aus. Als wir uns auf dem Rückweg unserm Boot näherten, sagte Lund plötzlich: „Ich glaube wahrhaftig, sie flaggen an Bord!“ „Was kann denn dort los sein?“ „Aber die Flagge ist nicht ganz aufgezogen!“

Die Ferngläser wurden gebraucht: jawohl, auf der Gjöa wehte die Flagge auf Halbmast. Dieser Anblick macht einen furchtbar unheimlichen Eindruck. Doch trösteten wir uns mit dem Gedanken, daß vielleicht einer unsrer Eskimos am Lande gestorben sei. Im stillen aber glaubten wir es nicht. Ich selbst dachte sogleich an Manni — und ich glaube, die andern auch. Wir liefen den Hügel hinunter, ließen das Boot liegen und nahmen den Weg über Land zurück, bis wir dem Schiff gerade gegenüber waren. Man hatte uns schon von Bord aus gesehen, und wir wurden in einem Boot übergeholt. Ach leider, es handelte sich um Manni, — er war ertrunken. Als wir an Bord waren, erzählte mir der Leutnant die traurige Geschichte. Er hatte im Gespräch mit den andern auf Deck gestanden, als sie Manni daherkommen sahen, der aufrecht in seinem Boot stand und nach einem Entenstrich spähte. Sie waren es ja gewohnt, ihn so zu sehen, und gaben deshalb nicht besonders acht auf ihn. Als sie einen Augenblick später wieder in dieser Richtung sahen, war das Boot leer, und daneben spritzte das Wasser auf. Manni war ins Wasser gefallen. Blitzschnell ließen Hansen und Foß eines der andern Boote hinunter, und der Leutnant eilte in den Mastkorb, um von dort die Bewegungen zu dirigieren. Nach höchstens fünf Minuten war das Boot an der Stelle, wo sie das Aufspritzen gesehen hatten. Aber Manni war und blieb verschwunden. Das Seegelboot lag aufrecht, aber voller Wasser auf der See. Die Ruder schwammen in der Nähe, aber der Junge und das Gewehr waren nirgends zu sehen. Eine große Welle mußte in das Boot geschlagen sein, während Manni nach den Enten spähte, und da war er über Bord gefallen. Er kam nicht ein einziges Mal an die Oberfläche — und hier zeigte es sich nun, welch ein Unglück es ist, daß die Eskimos nicht schwimmen lernen wollen. Ich meldete das traurige Ereignis sogleich bei der Polizei an und bat den Chef, für das Begräbnis zu sorgen, falls die Leiche an Land treiben würde. Aber die Eskimos meinten, Manni würde nie gefunden werden: die Strömung führe ins offne Meer hinaus. Manni auf diese Weise verlieren zu müssen, war ein schwerer Schlag für uns. Alle hatten den Jungen lieb gewonnen, und wir hätten ihn gar zu gerne in die zivilisierte Welt mitgenommen, um zu sehen, was da aus ihm zu machen wäre . . . . Am nächsten Tage war ich wieder auf unserm Aussichtspunkt. Es sah aus, als weiche das Eis in westlicher Richtung zurück. Aber es konnte möglicher-Manni (Sommer 1906) weise dieselbe Bucht sein, in der wir schon einmal hatten umkehren müssen. Solange der Nordostwind darüber hinwehte, wäre uns das Hinausfahren vielleicht teuer zu stehen gekommen; nach Rücksprache mit meinen Kameraden beschloß ich zu warten, bis der Wind abgeflaut hätte. Am dreiundzwanzigsten Juli, morgens um ein Uhr, flaute der Wind vollständig ab, und sogleich rüsteten wir uns zum Aufbruch. Der Anker wurde gelichtet; es blies noch immer aus Nordosten, aber ganz schwach. Wir fuhren dem Eis entlang, das sich von der Südwestspitze der Insel und weiter westwärts dem Festland entlang zusammenhängend erstreckte. An der Innenseite dieses Eises war das Uferwasser offen, und nun handelte es sich darum, einen Eingang zu finden. Das Eis hatte tiefe Buchten, und ungefähr fünfzehn Seemeilen vom Hafen entfernt hatte eine von diesen ihre größte Tiefe. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der schmale Eisgürtel, der sie von dem Uferwasser trennte, aufgehen mußte. Vorläufig konnten wir freilich noch nicht hindurch, und wir fuhren daher westwärts weiter. Bald öffnete sich das Eis gegen Norden, aber diesen Weg wollten wir ja nicht. Wir fuhren daher weiter, bis wir endlich alle sahen, daß wir abermals in eine Bucht ohne Ausgang hineingeraten waren. Und so mußten wir am vierundzwanzigsten, abends um elf Uhr, einfach wieder nach Herschel zurückkehren. Wir mußten gegen Nordosten kreuzen, und es dauerte lange, bis wir den Hafen wieder erreicht hatten. Wir alten, seegewohnten Leute nahmen es mit Ruhe hin, aber unsre neuen Mitglieder waren äußerst ungeduldig; ganz besonders aufgeregt war der Doktor. Am sechsundzwanzigsten Juli, morgens um zwei Uhr, lagen wir dann endlich wieder auf dem alten Platze.

Gleich nach dem Frühstück ging der Mann, der den Ausguck hatte, an Land, und bei seiner Rückkehr meldete er große Veränderungen, aber nicht zum Guten, sondern zum Schlimmeren. Wir setzten unsre Hoffnung nun auf einen tüchtigen Seewind; aber einen solchen bekamen wir eben nicht. Nachmittags schickten wir Hansen aus. Er sollte die Ostküste der Insel nach Mannis Leiche absuchen; aber er kehrte unverrichteter Sache zurück. Ein Teil des Brotes, das Lindström gebacken hatte, war verschimmelt und mußte über Bord geworfen werden. Das Brot, dem Sirup zugesetzt war, hielt sich dagegen gut. Lindström war jetzt der zweite Maschinist des Schiffes, und überdies dessen Bäcker. Er richtete sich drunten in dem Maschinenraum eine kleine Bäckerei ein, von der viele gute Kaffeekuchen und Brotlaibe heraufkamen. Bei dieser Einrichtung hatte er nur ein einziges Bedenken gehabt: der erste Maschinist — Ristvedt — esse so „furchtbar gern Kuchen“. Am dreißigsten fuhr der erste Walfischfänger in den Hafen ein. Es war die Barke „Belvedere“, der sowohl Lebensmittel als auch Brennmaterial ausgegangen waren. Am ersten August rapportierte der Mann vom Ausguck ungewöhnlich gute Eis Verhältnisse, und ich wollte sogleich versuchen, hinauszukommen. Um halb fünf Uhr nachmittags fuhren wir ab, und eine Stunde später wurden wir von der Belvedere eingeholt, die an uns vorbei westwärts fuhr. Sie mußte so rasch wie möglich weiter zu kommen suchen, weil unter ihrer Mannschaft Skorbut ausgebrochen war. Wir fuhren der Eiskante entlang, und am zweiten August abends um neun Uhr vertäuten wir am Eis, sieben Seemeilen von Land und zehn Seemeilen von Demarcation Point entfernt. Diese Zeit benutzten wir dazu, Süßwasser einzunehmen. Auf dem Eise waren große, tiefe Tümpel voller Süßwasser. Den ganzen dritten August lagen wir, dicht vom Eise umringt, still. Es war der Geburtstag unsres Königs, und ihm zu Ehren wehte unsre Flagge vom Mast. Wir feierten den Tag so festlich wie nur möglich — hauptsächlich mit einigen Bohnen mehr im Kaffee und ein paar Rosinen im Kaffeebrot. Wir hatten jetzt nicht viel andres mehr für Festlichkeiten übrig. Aber es ist wohl möglich, daß selbst unserm König seine Festmahlzeit an diesem Tage nicht besser geschmeckt hat, als uns, seinen Untertanen, die da oben mitten im Eis ihm zu Ehren geflaggt hatten. In der Nacht wurden wir etwas ängstlich. Das Eis schob sich ineinander; aber zum Glück nicht in gefährlicher Weise. Das Steuer wurde etwas aufgehoben, ging aber gleich wieder hinunter. Am vierten August morgens um sechs Uhr wurde das Eis weich, und wir kamen hinaus. Es herrschte Nebel und westlicher Wind, der ungünstigste Wind, den wir hätten haben können. Es blieb uns nichts andres übrig, als wieder einmal nach Herschel zurückzukehren, und morgens um halb drei Uhr lagen wir zum drittenmal auf unsrem alten Platz. Die „Belvedere“ war schon zurückgekehrt und konnte auch nichts andres berichten, als was wir schon wußten, daß nämlich das Eis gegen Nordwesten fest liege. Schuner „Herman“ war auch eingelaufen. Später am Abend kam die „Karluk“. Die Schiffe versammelten sich allmählich, um den Tender abzuwarten, der sie mit Brennmaterial und Proviant versorgen sollte. In den zwei nächsten Tagen kamen „Treasure“ und „Bowhead“, und nun lagen sieben Schiffe im Hafen. Die Walfischfänger hatten beschlossen, bis zum zehnten August da liegen zu bleiben. Wenn der Tender dann noch nicht da wäre, wollten sie zu ihm hinaus nach Barrow Point fahren. Am neunten August kam zum zweitenmal eine Postsendung von Edmonton und Fort Mc. Pherson. Sie kam per Boot und brachte uns frische Neuigkeiten. ‘Große Aufregung rief natürlich die Nachricht von dem Erdbeben und der Feuersbrunst in San Francisco hervor. Mit der Post traf ein Herr Steffensen ein, der uns erzählte, eine dänische Expedition unter der Führung von Herrn Mikkelsen sei auf dem Wege hierher, und er solle sich ihr hier anschließen. Sie habe den Auftrag, im Norden nach Land zu suchen. Wir waren nun froh, daß wir nach Land im Süden suchen sollten.

An demselben Tage erhob sich ein sehr starker Wind aus Nordosten. Nachmittags um ein Uhr traf die so lange vermißte und ängstlich erwartete „Olga“ im Hafen ein. Sie hatte bei Minlo Inlet auf King Albert-Land überwintert, wo sie Eskimos getroffen hatte. Dies waren wahrscheinlich die Kilnermiumseskimos vom Kobberminefluß gewesen, derselbe Stamm, mit dem Leutnant Hansen und Ristvedt auf ihrer Schlittenreise im Jahre 1905 zusammengetroffen waren. Die „Olga“ hatte mehrere Mann verloren und, was besonders hart war, darunter ihre beiden Maschinisten, weshalb sie nicht einmal ihren Motor in Gang setzen konnte und ganz auf ihre Segel angewiesen war. Sonderbarerweise hatte sich die Besatzung in der Zeitrechnung um zwei Tage getäuscht. Von der „Olga“ aus hatten die Leute eine Menge Walfische gesehen, hatten aber mit so wenig Mannschaft nicht Jagd darauf machen können. Um sieben Uhr abends fuhr die „Bowhead“ aus, um sich nach dieser Menge von Walen umzusehen. Am nächsten Tag fegte der Nordostwind noch immer gleich stark daher; ich aber war der Insel Herschel nun ziemlich überdrüssig und wollte lieber nach unsrer alten Eisbucht zurückkehren, und nachsehen, ob nicht der scharfe Nordostwind durch den schmalen Eisstreifen, den wir das letzte Mal dort gesehen hatten, einen Weg geschaffen hätte. Nachdem wir einen großen Vorrat Treibeis an Bord genommen hatten, lichteten wir den Anker und fuhren ab. Eine starke, nach Westen führende Strömung brachte uns schnell hinaus. Wir fuhren den ganzen Tag bei nebliger Luft südwestwärts, ohne daß wir einen vollständigen Überblick übers Eis hätten bekommen können. Abends erhob sich ein dichter Nebel, der uns bald wie eine Mauer umgab. In kurzer Zeit kamen wir von zwölf Faden Tiefe auf siebeneinhalb Faden, und wir folgerten daraus, daß wir nicht weit von Land entfernt sein könnten. Wir fanden hier Grundeis und legten daran an, um helles Wetter abzuwarten. Die Entfernung von Land schätzten wir auf zwei Seemeilen. Am nächsten Morgen mußten wir aber an einem andern Grundeis anlegen, weil der Teil, an dem wir lagen, sich ablöste und fortgetrieben wurde. Um sechs Uhr nachmittags hob sich der Nebel, und da bot sich uns ein erfreulicher Anblick dar. Wir waren in das Uferwasser hineingekommen; so weit wir dem Lande entlang sehen konnten, hatten wir offnes Fahrwasser. Im Norden lag das Eis dagegen noch groß und unbeweglich da. Wir machten Feuer unter der Maschine und fuhren ab. Es sah wirklich aus, als sei jetzt endlich der böse Zauber gebrochen. Das Uferwasser war vorerst noch recht schmal, wurde jedoch schon am nächsten Tage breiter. Aber der Nebel war noch immer dicht, und wir hatten keinerlei Fernsicht. Ein leichter Wind aus Nordwesten zwang uns, zu kreuzen; der Motor allein konnte uns nicht hindurchzwängen. Übrigens war gerade unter solchen Verhältnissen der Motor von ungeheuerm Nutzen. Hätten wir in dem schmalen, von Eis angefüllten Fahrwasser und bei der schwachen Brise nur die Segel zum Kreuzen gehabt, dann hätten wir eine bedauerlich lange Zeit gebraucht. In einer solchen schwierigen Lage, wo es sich darum handelte, auf Eis loszugehen, war der Motor von unschätzbarem Wert. Und da dies unaufhörlich der Fall war, hatten wir unserm Motor eine bedeutende Zeitersparnis zu verdanken. Bei Icy Reef kamen wir mehrere Male sehr nahe an Land, und da fiel uns eine große weiße Fläche auf, die zwar wie eine Lagune oder ein Teich aussah, dies aber doch nicht sein konnte, weil alsdann das Eis schon geschmolzen gewesen wäre. Es mußte also der Gletscher bei Icy Reef sein, von dem uns auf der Insel Herschel ein Mann berichtet hatte, der von Gambden Bay auf die Insel gekommen war, Proviant einzukaufen. Der Gletscher war nicht groß, aber nach unsrer Beobachtung der einzige an der ganzen Nordküste. Das Fahrwasser rings um Icy Reef her ist voller Packeis und voller Überreste von Süßwassereis. Leider hatten wir keine Zeit, an Land zu gehen und die Erscheinung näher zu untersuchen. Am vierzehnten, morgens um zehn Uhr, passierten wir Manning Point, wohin immer viele Eskimos kamen. Wir sahen auch eine Menge Hütten, sowie aufgestapeltes Treibholz, aber keine lebende Seele. Während der Nachmittagwacht drängte uns das Eis immer weiter gen Süden. Dies gefiel mir nicht, weil Collinson die Gambden Bay, wo wir offenbar jetzt waren, als seicht und unrein bezeichnet. Wir kamen dann auch auf zwei und drei Faden Tiefe, gelangten aber doch wieder in offnes Wasser und konnten weiter nördlich halten; hier nahm auch die Tiefe rasch zu. Am Abend verwandelte sich der Nordostwind in einen kleinen Sturm, daß wir reffen mußten. Wegen des Nebels, des heftigen Windes, und besonders wegen unsrer Unsicherheit darüber wo wir uns befänden, beschloß ich, an einem Grundeis anzulegen und zu warten. Plötzlich tauchte gerade vor uns Land auf. Wir glaubten, es seien die Flaxman-Inseln, konnten es aber nicht mit Sicherheit behaupten. Es ist oft gar nicht so bequem, wenn nur wenige Leute an Bord sind. An diesem Abend mußte daher Lindström die meteorologischen Beobachtungen machen, das Lot auswerfen, das Brot backen und den Motor versorgen. Und alle andern waren, jeder auf seinem Platz, ebenso in Anspruch genommen. So viel ist sicher: mit ungeschickten, unwilligen Leuten hätte unsre Reise niemals gemacht werden können. In schwierigen Lagen hielten wir brüderlich zusammen; und wenn die Schwierigkeiten überstanden waren, dann teilten wir auch die Freude darüber wie ein Mann. Wir vertäuten die Gjöa am Packeis, das voll von großen, alten Eispackungen war. Es mußte also hier nicht immer so still und ruhig gewesen sein wie jetzt. Doch kam mir dieses Eis kleiner und jünger vor als das Eis bei Grönland.

Den ganzen nächsten Tag mußten wir des Nebels wegen still liegen. Als dieser einmal zerriß, machte der Leutnant sogleich eine Beobachtung und konstatierte, daß wir wirklich drei Seemeilen nördlich von den Flaxman-Inseln lagen. Am nächsten Morgen flaute der Wind ab, und der Nebel lichtete sich so weit, daß wir uns umsehen konnten, und so fuhren wir, bei gesetzten kleinen Segeln und mit dem Motor im Gang, ab und vorsichtig weiter. Es wurde unaufhörlich gelotet, und wir fuhren mit einer Geschwindigkeit von vier Seemeilen. Das Eis war sehr morsch, und wir kamen tüchtig vorwärts. Am Nachmittag passierten wir eine der vielen Sandbänke, die dort dem Ufer entlang liegen. Um fünf Uhr wurde das Eis westwärts untraktabel, und ich beschloß, an der Innenseite der nächsten Sandbank anzulegen; dort sollte nach Aussage der Walfischfänger das Wasser tief genug sein. Aber zuerst mußte man hineinkommen. Die Walfischfänger hatten gesagt, man könnte zwischen einigen von diesen Riffen hindurchfahren — aber hier im Nebel war es ja unmöglich, diese Sandhügel voneinander zu unterscheiden, und wir mußten uns förmlich vorwärts tasten. Alles wurde zu einem raschen Ankern, das möglicherweise notwendig sein könnte, bereit gemacht, und dann fuhren wir auf die Sandbänke zu. Das Wasser wurde immer seichter; als wir nur noch neun Fuß hatten, warfen wir den Anker aus und versuchten mit einem Boot weiterzukommen. Beim Loten zeigte es sich, daß hier kein Eingang war. Vom Mast aus sah ich eine andre Einfahrt; diese war offen und hatte einen niedrigsten Wasserstand von drei und einem halben Faden.

Innerhalb der Sandbänke bekamen wir ganz offnes Wasser, weil die Sandbänke das Eis am Hereindrängen hinderten. Morgens um fünf Uhr waren wir dicht vor der Insel Cross, wo ein Kreuz als Wahrzeichen aufgerichtet ist. Vormittags um neun Uhr bekamen wir eine größere Tiefe von fünf bis sieben Faden, und nun waren wir also wieder im Meere draußen. Durch diese Hineinfahrt zwischen die Schären hatten wir viel gewonnen; das Eis außen hätte uns noch lange aufhalten können. Das Fahrwasser hier ist wegen seiner großen Eismassen berüchtigt. Der Nebel lichtete sich nur selten. Mittags um zwölf Uhr waren wir gerade vor einer der Thetis-Inseln, aber vor welcher, — das war nicht herauszubringen. Westwärts von den Riffen war das Fahrwasser gut und eisfrei. Bei der Harrisonbucht stießen wir indes schon wieder auf Eis, und wir mußten, so ungern wir es taten, wieder südwärts fahren. Im Lauf der Nacht kamen wir über die Bucht hinüber und sahen da unter Kap Haikett bei zwei und einem halben Faden Tiefe die Landmarke der Pacific Shoal. Das Eis lag die ganze Zeit sehr dicht und zwang uns, recht nahe am Land zu fahren; und gerade wie in alle die andern Buchten, waren wir jetzt auch gezwungen, in die Smith-Bay hineinzufahren. Die Smith-Bay war von den Walfischfängern nicht befahren worden. Wir fanden sie aber gut und von gleichmäßiger Tiefe. Die geringste Tiefe hatten wir bei Kap Haikett, aber weiter drinnen und westwärts davon fanden wir vier bis fünf Faden Tiefe. Um sechs Uhr nachmittags bekamen wir Kap Simpson in Sicht, und damit waren wir über der Bucht hinüber. Das Eis schien ganz dicht bis an das Kap hinanzureichen. Die ganze Ostseite war auch mit Eis angefüllt, aber an der Innenseite fanden wir das Uferwasser breit genug für uns. Wir suchten hineinzukommen, mußten aber drehen und wenden, weil das Wasser viel seichter wurde; und schließlich mußten wir am Grundeis anlegen. Leider fanden wir aber nur eine ganz kleine Eismasse, wo wir vertäuen konnten, und das ist manchmal gefährlich. Der Wind hielt sich die Nacht über, und am nächsten Morgen schien sich das Eis merklich verändert zu haben. Wir machten also einen neuen Versuch, in das Uferwasser hineinzukommen; aber ein jäher Übergang von zwei auf anderthalb Faden Tiefe zwang uns zu einem eiligen Rückzug. Das Eis an der Außenseite war dicht, und wir mußten abermals am Grundeis anlegen; diesmal fanden wir nur eine noch kleinere Scholle, und die Gjöa war nicht sehr gut befestigt Gegen Abend nahm der Ostwind bedeutend zu; jetzt konnte er ein kleiner Sturm genannt werden. Das luvwärts vor uns gelegne Eis wurde weggetrieben, und hohe Wogen schlugen über unser Grundeis herein. Der Himmel war bewölkt, es war stockdunkel, und die Wogen wälzten sich schäumend über das Grundeis hin. Zugleich kam eine Menge loses Eis dahergetrieben und prallte teils auf das Grundeis, teils auf unser Schiff. Mit Bootshaken mußten wir die Stöße so gut wie möglich abschwächen. Zum Glück hatten wir beide Eisanker ausgeworfen, was auch wirklich nötig war, denn die Wahrscheinlichkeit, daß unser Eis brechen würde, war sehr groß. Aber in der dunkeln Nacht und bei dem vielen Treibeis waren die Ketten nur schwer zu regieren. Endlich graute der Tag, und selten haben wir den Tag mit größrer Freude und Erleichterung begrüßt, als nach dieser bösen Nacht. Doch ehe wir diese unheimliche Umgebung verlassen konnten, mußten wir die Eisanker einholen; aber es mußte ein mutiger Mann sein, der die an der kleinen Scholle befestigten Anker losmachen würde. Ich wählte Hansen zu dieser Arbeit. Er hatte vor nichts Angst, und hurtig wie ein Eichhörnchen, brauchte er gewöhnlich nur eine Wendung, wozu andre zwei gebrauchten. Trocken gelangte er allerdings nicht wieder an Bord. Aber Hansen war auch früher schon naß geworden und nahm das nicht so genau.

Der Ostwind hatte große Umwälzungen im Eise hervorgebracht. Wir fuhren ganz an den Rand des Eises heran und folgten ihm bei drei Faden Tiefe. Drei Seemeilen von Kap Simpson entfernt lag auf einem Riff Packeis von beträchtlicher Höhe. Da das Wetter noch immer unsichtig war und der Wind mit schweren Windstößen daherfegte, suchten wir Schutz unter einem nahe liegenden Grundeis, an dem wir dann auch anlegten. Nichts ist leichtsinniger, als wenn man zwischen Eis hineinfährt, das man nicht übersehen kann; man kann da in Buchten hineingeraten, aus denen man nicht mehr herauskommt, und muß dann eine unfreiwillige Reise nach dem Nordpol machen. Und in diesen Gegenden, wo wir jetzt waren, ist diese Gefahr größer als sonst wo. Die Strömung, die Nansen sich mit so glänzender Geschicklichkeit zu Nutzen gemacht hatte, dieselbe Strömung, die schon gegen hundert amerikanische Schiffe mit fortgeführt hat, und die im Jahre 1879 die „Jeannette“ unter De Longs Führung mitnahm, — sie führt hier in der Nähe von Point Barrow mit ihrer stärksten Kraft in nordöstlicher Richtung vorüber, — zu manchen Zeiten mit geradezu reißender Schnelligkeit. Während wir uns so durch das Eis hindurcharbeiteten, schlug unglücklicherweise einer unsrer Schraubenflügel gegen einen vorstehenden Eisblock. Die Maschine hielt jäh an, und trotz aller Anstrengungen von seiten der Maschinisten konnte der Motor nicht wieder in Gang gesetzt werden. Die Schraubenflügel selbst waren unbeschädigt, aber die Achse hatte sich verbogen. Wir regten uns nicht darüber auf und ertränkten unsern Ärger in der Freude, daß das Mißgeschick nicht schon früher eingetreten war. Das Grundeis, an dem wir diesmal angelegt hatten, war groß und sicher, und wir waren gegen alle Möglichkeiten gesichert; die Gjöa lag gerade vor dem Eingang der Fatigue-Bay. Während der Nacht war das Eis bald dicht, bald lose, und der Wind flaute ab. Morgens um sechs Uhr lichteten wir den Anker und fuhren westwärts weiter. Schwere Eismassen trieben an uns vorüber, und wir mußten uns vorsichtig zwischen ihnen hindurchschlängeln. Beim Setzen des Großsegels zerbrach die Gaffel, und jetzt war guter Rat teuer — keinen Motor und kein Segel — denn ohne Großsegel konnte mit der Gjöa nicht manövriert werden. Wir zogen das Sturmsegel auf, und bei dem achterlichen Wind ging es ganz gut. Eine Stunde später war die Gaffel geschindelt und das Großsegel wieder gesetzt. Nun ging es rasch westwärts durch zerteiltes Eis hindurch; aber es gefiel mir gar nicht, daß so viel Eis zwischen uns und dem Lande war. Gegen Mittag verdichtete sich das Eis, und von einem Weiterkommen konnte keine Rede sein. Wir fuhren zu einer Eismasse hin, die wir für Grundeis hielten, und legten da an. Das Wetter war noch immer unsichtig. Das Eis, an dem wir angelegt hatten, trieb westwärts, und wir mußten von ihm loszukommen suchen. Um zwei Uhr nachmittags lichtete sich der Nebel, und da sahen wir über einer langen, niedrigen Landzunge zwei Schiffsmasten aufragen. Dort mußte also Kap Barrow sein. Die Schiffe waren wohl auf der Westseite unter Lee gegangen und warteten nun, bis sie weiter fahren könnten. Das Treibeis zwischen uns und dem Uferwasser wurde allmählich lose, und wir beschlossen, uns hindurchzuzwängen. Die Aussicht, mit den Schiffen dort drüben in Verbindung zu kommen, lockte uns auch. Um halb vier Uhr nachmittags entdeckten wir eine viel weichere Eispackung. Wir fuhren ab und richteten den Kurs bei vollen Segeln auf die loseste der Eismassen. Ich hatte Lund, als den erfahrensten von uns allen, in den Mastkorb beordert; jetzt, wo wir nur die Segel hatten, nützte es uns mehr als je vorher, daß wir erfahrne und geprüfte Leute an Bord hatten. Ein Segelschiff durch dichtes, großes Eis hindurchzuführen, — dazu gehört eine jahrelange Übung; mit einem Dampfboot kann sich jeder hindurchzwängen. Glücklicherweise hatten wir eine kleine Strecke offnes Wasser vor uns, deshalb erreichten wir eine ordentliche Geschwindigkeit, bis wir an das Eis hinkamen. Es gab einen tüchtigen Stoß, als die Gjöa daraufprallte. Alles auf Deck, was nicht niet- und nagelfest war, stürzte um, aber das Eis teilte sich vor dem Bug. Mit wahrer Wut arbeiteten wir alle mit Bootshaken, stießen das Eis zurück und schafften es weg, so gut es eben ging. Und mit vollen Segeln drang die Gjöa ins Eis hinein; sie preßte und drückte — weiter und weiter. So ging es Zoll für Zoll vorwärts, und bald war nicht mehr viel davon übrig. Wir nahmen einen kräftigen Anlauf zum letzten Stoß. Es war, als ob die gute GjÖa selbst verstünde, daß es jetzt darauf ankomme. Sie war auf zwei große Eisschollen gestoßen, die ihr die Nord west-Passage versperren wollten; und nun rannte sie darauf los, um sie zu durchschneiden und hindurchzukommen. Die Kameraden kämpften auf beiden Seiten mit ihren Bootshaken — einen zähen, rasenden Kampf. Und Millimeter um Millimeter wich das Eis.

Ein wilder Jubelschrei erhob sich an Bord, als das Schiff hindurch war. Der „Böig“ war besiegt, wir waren draußen im offnen Wasser, auf dem freien Weg nach der Heimat. Mit freudestrahlenden Gesichtern wurde der Kurs nach Westen gerichtet. Näher und immer näher kamen wir den Schiffen — das heißt: den Nachrichten aus der Heimat, von unsern Lieben und der Welt draußen. Wir wußten ja, an Bord dieser Schiffe lagen Briefe, die auf uns warteten. Riff an Riff zog sich an der Küste entlang; durch sie hatten sich bis tief ins Land hinein große Lagunen gebildet. Um halb sechs Uhr nachmittags begann es tüchtig zu regnen, und wir konnten nichts mehr sehen. Wieder mußten wir am Eis anlegen. Eine Stunde später verzog sich der Nebel wieder, und nun sahen wir die Masten von fünf Schiffen. Rasch wurden unsre Segel wieder gesetzt, und wir waren bald wieder unterwegs. Zum Glück hatte sich der Nordostwind die ganze Zeit gehalten, und wir vermißten unsern Motor nicht Die Tiefe war auch gut; der geringste Wasserstand zeigte zwei und einen halben Faden. Abends um zehn Uhr segelten wir um Point Barrow: Amerikas Nordwestspitze, herum. Wohl war es schon spät, aber wir wollten den Schiffen doch noch unsre Flagge zeigen. Sie hatten uns schon gesehen, denn ein Boot kam uns entgegen. Einar Mikkelsen war darin, der Leiter der anglo-amerikanischen Polarexpedition. Er lag jetzt hier mit seinem Schiff „The duchess of Bedfort“ und wartete auf das Abflauen des Windes, vorher konnte er nicht ostwärts fahren. Wir gingen unter Land und ankerten. Dann erhob sich ein ordentlicher Spektakel: die Dampfpfeifen grüßten weithin, und Flaggen flatterten von den Masten. Der Tender der Walfischfängerflotte, „Harold Dollars“, und der Schuner „Montrey“ fuhren herbei, und Willkommgrüße und Gratulationen strömten über uns herein. Der Tender lag schon lange hier und hatte es nicht im Sinn, weiter zu fahren, was unter den gegebnen Verhältnissen sehr vernünftig war. Die „Montrey“ war eines der beiden Schiffe, die im Herbst hinausgelangt waren, sie hatte hier angelegt und betrieb von hier aus den Walfischfang, hatte aber jetzt auch die Absicht, nach Osten weiter zu fahren. Eine Dampfschaluppe von dem amerikanischen Zollkutter „Thetis“, die zwei Seemeilen weiter entfernt lag, fuhr auch herbei und brachte neue Gäste. Später setzte ich nach dem Tender über und fragte nach Postsachen. Wen anders aber sollte ich da treffen, als meinen alten Freund Mogg, meinen Reisegenossen von Alaska! Er war Eislotse auf dem Tender. Ein großes Paket Briefe, sowie ein aus Äpfeln und Zigarren bestehendes Geschenk war meine herrliche Ausbeute. In dieser Nacht wurde auf der Gjöa nicht früh schlafen gegangen; alle Briefe mußten gelesen und alle Neuigkeiten besprochen werden. Alle hatten gute Nachrichten von Hause bekommen.

Die wichtigste Angelegenheit war jetzt unsre zer-brochne Gaffel. Wir mußten durchaus Material zu einer gründlichen Reparatur bekommen, denn die letzte war nur sehr notdürftig gewesen. Auf dem Tender erhielt ich am nächsten Morgen vier gute Bretter, und die Gaffel wurde sogleich in Angriff genommen. Es dauerte auch nicht lange, da war sie wieder brauchbar. Mit allen den vielen Unterbindungen hatte sie aber jetzt ein recht invalidenmäßiges Aussehen. Sie war unmäßig dick, und ich bekam ordentlich Angst, unsre Winde würde sie nicht mehr in Bewegung setzen können. Abends war ich noch einmal auf dem Tender, und der liebenswürdige Kapitän verkaufte mir nicht allein einen gehörigen Vorrat Proviant, sondern auch noch viele andre Sachen, die uns den Aufenthalt an Bord angenehm machten: Obst, Zigarren und auch amerikanische Konserven, über die wir uns besonders freuten. Als ich wieder an Bord der Gjöa kam, war eine große Eisscholle gegen uns angetrieben und drückte auf unsre Ankerketten. Wir zogen den Anker auf, setzten die Segel und kamen von der Scholle weg. Da wir nun doch schon die Segel gesetzt hatten, konnten wir ja ebensogut gleich weiter fahren. Wir segelten also — wahrscheinlich zur großen Überraschung der andern Schiffe — in westlicher Richtung davon. Gleichzeitig kamen die“Treasure“ und die „Karluk“ von der Insel Herschel an. Abends um elf Uhr passierten wir die Thetis, die auf dem Wege zu den andern war, da sie die Ordnung am Ort aufrecht zu halten hatte. Wir zogen natürlich unsre Flagge auf — man begrüßt ja die Leute, wie es die Sitte verlangt. Aber der Führer der Thetis dachte nicht so; die amerikanische Flagge zeigte sich nicht.

Die Brise aus Nordosten hielt sich, war aber ziemlich flau. Einzelne Regenböjen klatschten nieder. Bei Kap Beicher sagten wir dem letzten Eise Lebewohl, das in kleinen Schollen vor der Landspitze schwamm. Später sahen wir kein Anzeichen von Eis mehr. Ich hatte Angst gehabt, die Gjöa hätte bei dem letzten Kampf mit dem Eise ein Leck davongetragen. Anstatt dessen war das Schiff dichter geworden als vorher. Statt zweihundert Pumpenstößen waren jetzt nur noch vierzig nötig. Aber kurz nachher kam die alte undichte Stelle doch wieder zum Vorschein. Am vierundzwanzigsten August hatten wir zum erstenmal Windstille. Solange wir guten Wind gehabt hatten, war es freilich ohne Motor gut gegangen, das war nicht schwer gewesen. Aber jetzt war es anders, und jetzt machte sich auch der Ärger Luft, und der Maschinist mußte herhalten. „Du, Schmied, warum ist denn die Kaffeemühle nicht im Gange?“ Durch die Luke regnete es spitzige Bemerkungen auf die armen Maschinisten hinunter, die sich im Schweiß ihres Angesichts mit der beschädigten Schraube plagten. Während der ganzen Zeit, von Grönland bis hierher, hatten wir keine Walrosse gesehen. Jetzt aber tauchte da und dort eines im Wasser auf. In großem Mengen aber sahen wir sie nicht. Je weiter wir südwärts kamen, desto wärmer wurde es; und diese Veränderung tat uns äußerst wohl. Wenn man auch ein noch so begeisterter Polarfahrer ist, so schmeckt einem die Wärme eben doch, besonders wenn man sie so lange hat entbehren müssen. Einzelne Seevögel, die wir auch seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatten, Krabbentaucher und andre, flogen vorüber; selbst der Anblick einer Qualle erweckte Freude. Dies alles waren ja lauter Zeichen, daß wir uns milderen Regionen näherten. Am dreißigsten August, vormittags um elf Uhr, bekamen wir Kap Prince of Wales in Sicht. Das ist der östliche Torpfeiler der Beringstraße. Da aber der Gipfel in Nebel gehüllt war, konnten wir nicht recht bestimmen, ob es die richtige Landspitze war. Von diesem Kap erstreckt sich ein schmaler, langer Sandrücken fünfundzwanzig Seemeilen gen Norden. Auf beiden Seiten davon ist tiefes Wasser, und man kann deshalb durch Lotungen nicht leicht entscheiden, auf welcher Seite davon man sich befindet. Hat man Unglück, dann gerät man leicht zwischen das Riff und das Festland hinein. Wenn uns dies passiert wäre, hätte unsre Lage unter den gegebnen Verhältnissen recht bedenklich werden können; die See ging hoch; eine Regen-böje nach der andern zog daher, und die Gjöa schwankte bedeutend auf und ab. Um ganz sicher zu sein, steuerten wir hinaus, sobald wir Land in Sicht hatten. Nachmittags um halb zwei Uhr hellte sich das Wetter auf, und nun sahen wir den Fairway Rock, eine eigentümlich wie eine Heudieme geformte Klippe, die jäh aus dem Meere aufsteigt. Ein besseres Wahrzeichen konnte es nicht geben; und nun konnten wir wieder in den rechten Kurs hineinkommen. Als wir in die Straße hineinfuhren, sahen wir auch einen kleinen Schimmer von den Diomed-Inseln. Diese sehen unfruchtbar und unbewohnt aus, beherbergen aber doch einen ganzen Eskimostamm, dessen Männer und Frauen von den Walfischfängern sehr geschätzt werden. Einen Hafen gibt es da allerdings nicht; aber die Walfischfänger legen immer dort an, wenn sie im Frühjahr nordwärts fahren, und tauschen die verschiedensten Dinge ein. Auch nehmen sie meistens Eskimos von da mit, weil diese Leute für sehr tüchtig gelten.

Als wir zwischen den Inseln und dem Lande dahinfuhren, versammelten wir „alten Leute“ uns auf Deck und tranken das erste Glas auf die endlich mit einem Schiff vollführte N ord west-Passage. Ich hatte gehofft gehabt, diese Stunde etwas festlich begehen zu können, aber das Wetter erlaubte es nicht. Ein kleines Gläschen Schnaps war alles; selbst die Flagge konnten wir nicht hissen, der Wind hätte sie hurtig in Fetzen zerrissen. In Gedanken hatte ich uns vor Abend bei Kap York ankommen sehen, wo wir dann die Nacht über geblieben wären; aber wir erreichten das Kap nicht. Zehn Seemeilen davon lagen wir mit doppelt gerefftem Großsegel, gerefftem Stagsegel und Backklüver. Kap Prince of Wales schützte uns vor den schlimmsten Wellen. Als wir bei Tagesgrauen das Großsegel setzen wollten, brach die Gaffel; diesmal war die Katastrophe wohl durch das eigne schwere Gewicht der Gaffel herbeigeführt worden. Wir mußten nun hoffen, daß der Wind sich halte, bis wir Nome erreichten, wo wir uns dann eine neue Gaffel beschaffen könnten; die alte war jetzt nicht mehr auszubessern. Vor dem Sturmsegel und’sonst allen kleinen Segeln, die wir hatten, ging es nun südwärts auf Nome zu. Ich hatte eigentlich nicht in Nome anlegen wollen, aber nach diesem Mißgeschick mit der Gaffel blieb uns nichts andres übrig. Bei Point Barrow hatte ich von Nome her ein Schreiben bekommen, in dem wir freundlich eingeladen wurden, die Gäste der Stadt Nome zu sein, wenn wir auf unserm Weg Nome passieren sollten. Das paßte ja nun ganz gut. Wir wählten den kürzesten Weg und fuhren zwischen Sledje-Island und dem Festland hin. Als wir am Nachmittag ostwärts von Nomeland fuhren, flaute der Wind allmählich bis zu einer ganz kleinen Brise ab, und nun ging es nur noch sehr langsam vorwärts.  „Nun, Lund,“ sagte ich, als ich an dem wunderschönen Nachmittag auf Deck umherging, „Sie sind ja ein Tausendkünstler; könnten Sie denn nicht das Großsegel wieder in Ordnung bringen und setzen?“

Dieser Auftrag schmeichelte Lund allzusehr; und es dauerte wirklich nicht lange, da war das Großsegel gesetzt. Wir nahmen uns allerdings noch nicht wie ein Lustkutter aus, aber es ging doch bedeutend besser als vorher; für die leichte Brise, die wir hatten, ging es sogar rasch vorwärts. Jetzt tauchten die Häuser von Nome auf. Noch eine Stunde bei dieser Brise, und wir konnten dort sein. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen: es wurde ganz windstill. Man mußte uns jetzt von der Stadt aus sehen können, und wir hißten unsre Flagge. Ein kleiner Windstoß brachte uns ab und zu ein wenig vorwärts, aber viel war es nicht. In der Stadt wurden jetzt die Lichter angezündet, und unsre Lage war recht unangenehm. Plötzlich tauchte dicht neben uns eine kleine Dampfschaluppe auf — Pfeifen — Praien — Rufen — amerikanische Rufe der Begeisterung — klangen uns entgegen. Trotz der großen Dunkelheit konnten wir doch neben dem Sternenbanner auf der Schaluppe die norwegische Flagge wehen sehen — man hatte uns also erkannt. Ich habe nicht Worte genug, den Empfang zu beschreiben, der uns in Nome zuteil wurde. Die Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen wurden, und die endlose Begeisterung, deren Gegenstand die Gjöa war, wird für alle Zeiten zu den schönsten Erinnerungen unsrer Heimreise gehören. Nome hat keinen Hafen, die Stadt liegt an der offnen Küste; wir mußten deshalb eine gute Strecke von Land ankern und zum Ankerlichten bereit sein, falls der Wind zunähme. Nachdem wir den Anker ausgeworfen hatten, begaben Leutnant Hansen und ich uns zu den liebenswürdigen Wirten an Bord der Dampfschaluppe, und dann ging es dem Lande zu. Ein elektrischer Scheinwerfer war vom Lande aus beständig auf das Boot gerichtet. Wir näherten uns dem Strand, aber von dem uns in die Augen scheinenden hellen Licht geblendet, sahen wir zuerst gar nichts. Das Boot legte an. — Noch weiß ich nicht recht, wie ich an Land kam; ein jubelndes Willkommen aus tausend Kehlen tönte uns entgegen. Und dann erbrauste durch das Dunkel der Nacht eine Melodie, bei deren Tönen ich am ganzen Körper zu zittern begann und mir die Tränen in die Augen traten, das alte patriotische Heimatlied:

„Ja, wir lieben dieses Land!“

Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter
Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern

Die Nordwest-Passage

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Auf Ski und Schneereifen durch Kanada und Alaska

Elftes Kapitel


Als ich am einundzwanzigsten Oktober nachmittags auf der Insel Herschel eintraf, war noch nicht alles zu der bevorstehenden Postreise bereit. Die Kapitäne hatten mich gebeten, ein paar Tage früher einzutreffen, damit ich bei den Ausrüstungsvorbereitungen zugegen wäre und mit meinen Begleitern wegen des einzuschlagenden Weges beraten könnte. Wie früher auch ging ich an Bord der „Alexander“, wo ich mit gewohnter Gastlichkeit aufgenommen wurde. Auch Kapitän Mogg wollte mit der Expedition südwärts reisen, und die andern Kapitäne hatten ihn gebeten, die Oberaufsicht über die Postsendungen zu übernehmen; er war also mit andern Worten der Leiter der Expedition. Ich selbst aber sollte als eingeladner Gast dabei sein. Kapitän Mogg war ein alter Polarfahrer und hatte auch schon Schlittenexpeditionen zu Lande gemacht, wenn das auch allerdings jetzt schon eine Reihe von Jahren her war. Er legte den größten Eifer an den Tag und plagte sich redlich mit der Ausrüstung. Ich hatte allerlei Vorräte von der Gjöa mitgebracht, aber Kapitän Mogg fand deren Mitnahme durchaus nicht praktisch. Als Gast konnte ich natürlich nicht darauf bestehen, und ich beschloß daher, mein Urteil für mich zu behalten und mich ganz der Erfahrung des Führers zu über lassen. Nur bei einer Büchse Pemmikan von sechs Kilogramm Gewicht ärgerte ich mich, daß auch sie zurückgeschickt werden sollte, und ebenso über Kapitän Mogg selbst, der nicht glauben wollte, daß Pemmikan der beste Schlittenproviant sei, den es gebe. Doch gab ich auch hier nach; denn Kapitän Mogg schien geradezu einen Haß auf mein gutes Pemmikan geworfen zu haben. Es war ja sicher besser so, als wenn die Reise schon von Anfang an mit Uneinigkeit, Streit und Zank begonnen hätte. Für meine fünf Hunde hatte ich ungefähr auf einen Monat Pemmikan und Fischmehl bei mir. Mogg hatte für seine sieben Hunde getrocknete Fische. Aber schon jetzt zeigte es sich, daß er von dieser Ware keinen genügenden Vorrat unterbringen konnte. Da wir jedoch in drei Wochen bei den Indianern zu sein hofften, glaubten wir, wenn wir unser Hundefutter zusammen würfen, doch, bei etwas beschnittnen Rationen, auskommen zu können. Unser eigner Proviant bestand aus Bohnen und Speck, die zusammen gekocht und in gefrornem Zustand in angemessne kleine Rationen verteilt worden waren, ferner Weizenkakes, Reis, Zucker, Butter, Tee, Kaffee, Schokolade, Milch, Feigen, Rosinen und Spezereien. Dies war freilich eine viel reichhaltigere Proviantliste, als ich sie gewohnt war. Aber ich hatte doch meine stillen Zweifel, ob die Mannigfaltigkeit sich an Nahrhaftigkeit mit der einfacheren, die wir auf unsern Schlittenexpeditionen gehabt hatten, werde messen können. Außerdem hatten wir Zelt und Zeltstangen, Ofen, Lampe, Schlafsäcke und vieles andre Gute bei uns. Da wir wußten, daß wir unsre Schlitten nicht sehr lange würden gebrauchen können, sondern bei dem losen tiefen Schnee bald zu dem „Taboggan“, dem kanadischen Waldschlitten, übergehen müßten, schnallten wir zwei solcher Taboggane auf unsre Schlitten. Der Taboggan hat die Form eines zwölf Fuß langen Ski, der aber sechsmal so breit wie ein gewöhnlicher Ski und stark gebogen ist. Bei dieser Gelegenheit sah ich dieses Beförderungsmittel zum erstenmal und war sehr gespannt, wie es sich im Gebrauch bewähren würde.

Am dreiundzwanzigsten abends war alles zur Abreise bereit und die umfangreiche Post der Walfischfängerflotte unter Schloß und Riegel auf Moggs Schlitten untergebracht Die Eskimos und Mogg trugen Fellkleider wie die hier ansässigen Eskimos, ich warinNetschjilli-tracht. Manni klagte nach dem langen und anstrengenden Weg von KingPoint nach Herschel über Schmerzen in den Beinen und bat mich, ihn nach der Gjöa zurückkehren zu lassen. Gegen seinen Willen wollte ich ihn nicht mitnehmen; ich brachte ihn deshalb auf einem Schlitten unter, der am nächsten Tag nach King Point fahren sollte. Am letzten Abend versammelten wir uns alle in der Kajüte der „Alexander“. Kapitän William Mogg, unser Führer, war ein Mann von gewaltiger Leibesfülle, hatte aber einen kleinen Kopf und kurze, dünne Beine. Wenn er sich bewegte, machte es immer den Eindruck, als rolle er im Zickzack daher. Er war von Geburt ein Engländer, hatte aber seine Heimat schon sehr früh verlassen und endigte jetzt als Walfischfänger. Der Eskimo Jimmi bestätigte auch während der ganzen Reise den außerordentlich günstigen Eindruck, den ich gleich bei unserm ersten Zusammentreffen auf dem Eise von ihm bekommen hatte. Jimmis Frau hatte ich mir als ein recht junges, anziehendes Geschöpf vorgestellt. Aber Kappa sah mehr wie seine Mutter als wie seine Frau aus. Sie war mit einem Walfischfänger von dem Kotzebuesund nach Herschel gekommen und hatte da Jimmi getroffen, der ein Kagmallik-eskimo war. Die beiden waren sowohl auf der Insel Herschel als auf Fort Yukon gesetzlich getraut worden; es wäre ihnen also wohl schwer gefallen, sich scheiden zu lassen. Kappa sah in ihren mit Kaliko überzognen Fellkleidern aus wie eine kleine Heudieme. Ich schätzte sie auf vierzig Jahre; sie war aber in Wirklichkeit Mitglied der Postexpedition bedeutend jünger. Zwischen mir und Kappa entspann sich ein recht freundschaftliches Verhältnis, und ich betrachtete sie fast wie eine ältere Tante. Am vierundzwanzigsten, morgens um neun Uhr, standen wir alle fix unu fertig da. Nun konnte die Reise losgehen. Eine Menge Leute von den Mannschaften der verschiednen Schiffe hatten sich versammelt, dem Abgang der Post anzuwohnen. Ein leichter Nordostwind blies uns bei zwanzig Grad Kälte um die Ohren; aber da wir in südwestlicher Richtung reisen sollten, belästigte er uns nicht sehr. In fliegender Eile ging es über die glatte Schneedecke auf dem Eise dahin. Ich hatte fünf gut eingefahrne Hunde vor meinem Schlitten, der auch bedeutend leichter war als der andre, und so kam ich diesem bald voraus. Der andre Schlitten war mit sieben Hunden bespannt, die nicht alle gleich gut und auch nicht alle miteinander eingefahren waren. Sie machten ihren Führern, Kappa und Jimmi, recht viel Beschwer. Mogg war auf meinem Schlitten untergebracht. Das Fahren mit Hunden ist in diesen Gegenden so eingerichtet, daß der Führer vor dem Gespann herläuft und ihm den Weg zeigt. Wir fuhren zuerst der Ostseite der Insel entlang bis zu deren südlichstem Ende. Hier ging es über den schmalen Sund und dann auf das Festland. Der Schnee lag noch nicht gleichmäßig auf dem Erdboden; ab und zu sahen Grasbüschel daraus hervor. Ich zog meine Ski an, und da war ich aller Sorgen ledig. Die andern trugen kanadische Schneereifen. Die Schneereifen hier in Alaska sind breiter als die breiten kanadischen, und sie haben überdies eine umge-bogne Spitze, diebeim Gehen einegroße Hilfe ist. Ich habemitden kanadischen Schneereifen nie ordentlich gehen können, aber auf diesen hier bewegte ich mich mit Leichtigkeit.

Zuerst mußten wir über einen schwierigen Felsenrücken. Wir waren des Marschierer noch ungewohnt; so war das für uns alle ein schweres Stück Arbeit. Endlich waren wir droben, und dann ging es auf der andern Seite leichter wieder hinunter. Am Fuße des Hügels gelangten wir an das gefrorne Bett des Herschelflusses. Diesem Flusse sollten wir nun in seiner ganzen Länge folgen. Sein Delta war hier ein Chaos von Sandbänken und Kiesanhäufungen, und man konnte sich nur schwer hindurchfinden. Aber Jimmi und Mogg kannten die Gegend genau; sie waren ja schon oft auf der Renntierjagd hier gewesen. Es war hier auch eines der besten Gebiete für die Renntierjagd. Tausende und Abertausende von erlegten Renntieren sind im Laufe der Jahre von hier zu den Walfischfängern an die See hinuntergebracht worden. Und in diesem Jahre mußte die Jagd natürlich noch großartiger werden, da so viele schlecht verproviantierte Schiffe bei der Insel Herschel überwinterten. Weiter südlich wurde das Flußbett deutlicher und bestimmter. An vielen Stellen war das Eis glänzend hell, und mitten darin ragten Felsenspitzen draus hervor. Dieser Weg ruinierte meine Schlittenkufen. Aus Mangel an andrem Material hatten wir die Kufen mit galvanisiertem Eisen beschlagen müssen, und dies bewährte sich noch schlechter, als ich gefürchtet hatte. Die Beschläge wurden ganz losgerissen, so daß das Holz der Kufen splitterte, und das hielt die Hunde auf. Ich versuchte dem dadurch abzuhelfen, daß ich die Kufen mit einem Stein glättete; aber da es nicht mehr weit zum Rastplatze war, gab ich die Arbeit auf und versuchte, dem andern Schlitten, dessen Beschläge in bester Ordnung waren, nachzukommen, so gut es eben ging. Um halb fünf Uhr nachmittags erreichten wir die Bank im Flusse, die Jimmi als ersten Lagerplatz bestimmt hatte, weil er wußte, daß hier immer Treibholz zu finden war. Der erste Tag einer Schlittenreise ist immer der anstrengendste, und wir sehnten uns nach Ruhe. Um die notwendigen Vorbereitungen rasch zu erledigen, wurde das Aufstellen des Zeltes Kappa und Jimmi übertragen, denen Mogg half, der alles Notwendige aus dem Schlitten nahm, während ich Brennholz sammelte. An diesem Abend war das eine leichte Arbeit, da auf der Bank kleine, förmlich schon ge-spaltne Stücke verstreut lagen. Später war es nicht immer so leicht, das Holz für den Abend zu sammeln. Als ich fertig war, schloß ich mich den andern beim Errichten des Zeltes an, was hier in einer für mich unbekannten Weise vor sich ging — ja auch die Konstruktion des Zeltes selbst war mir ganz fremd. Dieses Zelt bestand aus dem Tuch und — achtzehn Zeltstangen. Der Platz wird zuerst so gut wie möglich vom Schnee befreit, und dieser wird als eine Mauer rund um das Zelt aufgehäuft. Dann werden die Stöcke in den Boden getrieben. Letztere sind eigentlich eher zu einem Halbkreis zusammengebogne Weiden. Zwölf von diesen Stöcken werden an der Langseite, sechs auf der Schmalseite des Zeltes gegeneinander gesteckt. Wenn sie hineingetrieben sind, werden sie gebogenundzusammengeschnürt, so daß jedesmal ein ganzer Bogen entsteht. Hierauf wird das Tuch darüber gezogen, und dann ist das Zelt fertig und hat die Form einer Heudieme oder einer Iglu. Dieses Zelt hat einen einzigen Vorteil: man kann die Stangen höher und niedriger zusammenbiegen und das Zelt also je nach Wetter und Wind einrichten. Aber in allen andern Be-

Ziehungen ist es auf einer Reise wie der unsern äußerst unpraktisch. Vor allem dauert es viel zu lange, bis so ein Zelt aufgerichtet ist. Dann muß man bei dem vielen Zusammenbinden, das nötig ist, die Handschuhe ablegen. Das Innere wird nie so hoch, daß man darin stehen kann. Unser Zelt war nie über vier und einen halben Fuß hoch. Nun, daran gewöhnten wir uns ja mit der Zeit. Aber dann der Transport! Es ist möglich, daß ein ganz zusammengenähtes Zelt schwerer zu verpacken ist als dieses leichte Tuch; aber auch das ist zweifelhaft. Aber nun die achtzehn Stangen, die alle, den Bogen nach außen, in die Höhe standen, und die, wenn sie endlich mit vieler Mühe auf dem Schlitten verpackt waren, diesen in ein Stachelschwein verwandelten, das sich unterwegs unaufhörlich festhakte. Jimmi war ein stiller Mann; aber so oft er diese achtzehn Zeltstöcke verpacken mußte, fluchte er auf englisch und in der Eskimosprache, daß es eine Art hatte! Ein gewöhnliches spitziges Zelt aus drei Stangen war diesem pilzförmigen weit vorzuziehen. Auf einer Landreise findet man außerdem sehr leicht eine Talsenkung oder sonst einen Schutz vor dem Wind, und damit wird der Wert des einzigen nachweisbaren Vorteils eines solchen Pilzzeltes aufgehoben. Jimmi und Kappa hatten allerdings große Übung in dieser Arbeit und konnten das Zelt in verhältnismäßig kurzer Zeit aufrichten. Mogg packte aus, was man zum Abendessen und für die Nacht brauchte, Kappa richtete das Zelt ein, und Jimmi machte Feuer an. Mogg war der Koch für den Abend. Mittlerweile knabberten wir alle an getrockneten Feigen, wovon jeder eine Handvoll erhalten hatte, und die während der Wartezeit herrlich schmeckten. Nachdem die Hunde gefüttert und die Schlitten für die Nacht gut verwahrt waren, klopften wir uns den Schnee von den Kleidern und gingen hinein. Der Platz war sehr beschränkt. Ich hatte den meinigen dicht beim Ofen an der einen Langseite; gerade vor mir lag Mogg. An der andern Langseite lagen Jimmi und Kappa. Ich mußte meine Beine geradezu zusammenklappen. Mogg drehte sich nur herum, wenn er etwas wollte, und die Eskimos waren durch lange Übung die reinen Schlangenmenschen geworden. Nach vollendeter Mahlzeit fielen wir alle in süßen Schlummer.

Morgens um halb fünf Uhr erwachte ich und sah mich um. Keiner von den andern schien sich vorerst um irgend eine Arbeit zu bekümmern. Ein regelmäßiges Schnarchtrio deutete vielmehr auf das vollständige Gegenteil. Ich nahm die Sache indes mit Ruhe auf und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Nach einer Weile erwachte Mogg; er sah zuerst auf seine Uhr und dann auf mich. Ich tat, als ob ich den Schlaf des Gerechten schliefe, und bald stimmte Mogg wieder in das Schnarchkonzert ein. Nach einer weiteren Viertelstunde erwachten die Eskimos. Sie wechselten flüsternd ein paar Worte miteinander und legten sich wieder zum Schlafen nieder. Meiner Berechnung nach mußte aber die Morgenarbeit zwei volle Stunden in Anspruch nehmen; wenn wir also bei einigermaßen guter Zeit fortkommen wollten, dann mußten wir jetzt damit anfangen. Meine Reisegefährten lagen unbeweglich da; so stand ich denn auf und machte mich ans Werk. Der behagliche Posten des Morgenkochs war offenbar dem „Gast“ zuerteilt. Jawohl, und ich mußte ihn auch die ganze Zeit über beibehalten. Es war wirklich recht gut, daß die Expedition einen Mann bei sich hatte, der bei Zeiten aus dem Schlafsack herausfinden konnte. Die Morgenarbeit war indes keine verwickelte Aufgabe. Man wärmte die Überreste vom vorhergehenden Abend; das war die Hauptsache. Während ich dies tat, hatte ich Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben. Die andern schnarchten, daß das Zelt bebte. Als ich annähernd fertig war, weckte ich meine Reisekameraden, was geraume Zeit in Anspruch nahm; denn die Ofenwärme wirkte geradezu wie ein Schlafmittel auf sie. Aber schließlich kamen sie doch auf die Beine, und das Frühstück wurde eingenommen. Dann packten wir die Schlitten, brachen das Zelt ab und fuhren weiter.

Mehrere der älteren Schiffsoffiziere auf der Insel Herschel hatten gemeint, es sei noch etwas zu früh für unsre Reise. Sie hatten ihre Erfahrungen auf vielen solchen Schlittenreisen gesammelt und fürchteten, die Flüsse seien noch nicht ganz zugefroren. Wir sahen bald, daß sie recht gehabt hatten. Die Flüsse schlängelten sich in kurzen Windungen zwischen steilen Felsenpässen hin und waren an vielen Stellen noch offen; dadurch wurde der Durchgang äußerst schmal. Mit Freude begrüßte ich nach zwei und einem halben Jahre zum erstenmal wieder den Anblick von wirklichen Felsen. Die bis zu vierhundert Fuß hohen, steilen Ufer bestanden größtenteils aus Felsen, im Gegensatz zu den Erd- und Mooshügeln, die wir bisher gesehen hatten. Überdies sollten wir, wie ich wußte, an diesem Tag auch die Baumgrenze erreichen, und so schaute ich mich bei jeder Biegung des Wegs gespannt um. Und als sich endlich der erste Fichtenbaum auf einem Felsenhang vom Himmel abhob — ein sehr zerzauster und zer-blasener kleiner Weihnachtsbaum, der zu einer Felsenspalte heraushing — machte er einen wunderbaren Eindruck auf mich. Ja, nun waren wir aus der Polargegend heraus, waren auf heimatlichem, menschlichem Boden. Am liebsten hätte ich in diesem Augenblick alles im Stich gelassen und wäre auf den Felsen hinaufgeklettert, den gekrümmten Stamm zu umarmen und den Tannenduft einzuatmen — den Waldesduft — Waldesduft —! In dem engen Paß fuhren plötzlich scharfe Windstöße aus Süden daher, die Hunde, Schlitten und Menschen auf dem glatten Eise, wo man nicht festen Fuß fassen konnte, Umrissen. Das war im höchsten Grade ermüdend und hielt uns nicht wenig auf. Nachdem ich so den ganzen Tag vor dem Schlitten hergelaufen war, schmeckte mir an diesem Abend die Ruhe besonders gut. Wir hatten auf einer kleinen Landzunge einen herrlichen Lagerplatz mit einem Fichtenwäldchen davor gefunden. Eine schwere Arbeit war aber vorher noch das Sammeln des Brennholzes. Die Eskimos, die hier gewöhnlich vorüberkommen, holen da alles trockne Holzaus dem Walde, und man muß oft weit und breit suchen, bis man genug für eine Nacht findet. Ich nahm die Axt auf die Schulter, fühlte aber recht gut, wie sehr meine Beine den ganzen Tag angestrengt worden waren. Der Schnee zwischen den Tannen war tief, und ich konnte nur schwer vorwärts kommen. Ich hatte ja wohl meine Ski, mußte aber jetzt schon einsehen, welche Vorteile die eigentlichen Schneereifen hier boten. Man kann sie leichter an- und ausziehen, und in einem Gelände, wie dem, das ich vor mir hatte, kann man auf ihnen sich auch leichter drehen und wenden. Zu andern Zeiten wieder hätte ich freilich meine Ski nicht um viel Geld entbehren wollen. Die Eskimos in diesen Gegenden haben sehr oft Gelegenheit, Ski zu sehen. Bei den Überwinterungen auf der Insel Herschel vertreiben sich einzelne von den Mannschaften häufig die Zeit mit Skilaufen auf den Hügeln. Es waren öfters Norweger darunter, die den Eskimos einen Skilauf erster Güte zeigen konnten. Aber für den Gebrauch auf einer Reise wie der unsrigen hatten sie kein Vertrauen zu den Ski. Sie betrachteten sie häufig von allen Seiten, schüttelten aber doch bedenklich den Kopf. Ehe ich mich von meinen Reisegefährten trennte, hatten sie aber doch Achtung vor meinen Ski bekommen.

Am nächsten Tage wurden wir durch Wasser aufgehalten, das auf dem Eise stand. Es war nicht der offne Fluß, sondern Wasser, das oben über das Eis hinlief. Solche Überschwemmungen des Eises gab es häufig, selbst bei der stärksten Kälte. Wir marschierten weiter; schließlich wateten wir bis über die Knöchel im Wasser. Gegen Mittag mußten wir nachgeben und an Land gehen. Hier schlugen wir unser Lager in einem engen, rechts und links von hohen Felswänden eingeschlossenen Paß auf. Am Abend spannte ein prachtvolles Nordlicht sein zitterndes Farbenband von einem Felsengipfel zum andern. Am nächsten Tage war das Wasser gefroren, und mit einiger Vorsicht konnten wir unsern Weg fortsetzen. Jetzt umgab uns eine wilde zerrissene Natur mit mächtigen Schluchten, die von großen und kleinen Felsstücken angefüllt waren. Die Felsen reichten bis dicht an den Fluß hinab, waren aber sonst nicht besonders hoch. Sie wurden aber immer höher, je weiter wir kamen. In unmerklicher aber gleichmäßiger Steigung ging es über dem Flußbett empor. Am siebenundzwanzigsten vormittags passierten wir ein kleines Seitental, das sich nach Westen erstreckte. Hier glich die Landschaft plötzlich einer echten norwegischen Wald- und Berggegend. Das kleine Tal war dicht mit Fichten bestanden, und aus seiner Tiefe ragte ein gewaltiger schneebedeckter Bergkegel mindestens zweitausend Fuß hoch empor. Und wie in einem Märchen lagen drunten im Tal zwei Zelte, aus deren Schornsteinen friedlicher Rauch auf-stieg. An diesen Menschen vorüberzugehen, — davon konnte selbstverständlich keine Rede sein, und so wandten wir uns den Zelten zu. Die Leute könnten ja möglicherweise frisches Fleisch haben und es uns verkaufen wollen. Wir trafen die Eskimos bei der ersten Morgenarbeit. Die Eskimos sind meist keine frühen Vögel; sie ziehen den Tag lieber am Abend in die Länge. Mit gewohnter Gastlichkeit boten sie uns sogleich Tee und frisches Brot an. Dieses Brot backen die Eskimos im Handumdrehen. Mehl, Wasser und Backpulver werden in die Pfanne getan und zu einem herrlichen Polarkuchen gebacken. Mit etwas Sirup schmeckt es vortrefflich. Während des Tees erzählten sie uns, der Fluß sei weiterhin wieder offen, wir sollten nur über den Bergrücken und jenseits wieder aufs Eis hinunter. Sie waren in der Gegend gut bekannt und boten sich uns als Führer an, wenn wir bis zum nächsten Tag warten wollten. Dazu ließen wir uns leicht überreden. Diese Leute — vier an der Zahl, zwei Männer und zwei Frauen — waren auf der Jagd. Am Tage zuvor hatten sie ein Renntier und einige Wildschafe erlegt. Das Wildschaf ist ein sehr schönes Tier, glänzend weiß, mit spiralförmig geringelten Hörnern. Aber es ist wachsam und rasch wie der Blitz; deshalb ist es nicht leicht, es zu erlegen. Als der Schmaus zu Ende war, und die Jäger wieder aufbrachen, machten wir uns an das Aufstellen des Zeltes. Den übrigen Teil des Tages aßen wir uns hauptsächlich an dem frischen Fleisch satt, das wir uns eingetauscht hatten. Ich hatte vom ersten Augenblick an gewußt, daß die zugemessenen Portionen bei so harter Arbeit für einen Mann ungenügend wären. Deshalb benützte ich jede Gelegenheit — und so auch diese — mich durch eine so kräftige Unterläge wie nur möglich für die schmale Kost der kommenden Tage zu stärken. Jimmi hatte in Beziehung auf seinen Magen dieselbe Beobachtung gemacht und verfolgte denselben Plan. Kappa aß, wie alle Frauen, nur wenig, und Mogg hatte Magendrücken und aß gar nichts. Außerdem hatten wir eine schreckliche Last mit den Hunden, weil sie sich mit den fremden fortwährend balgten; wir mußten immer wieder hinauslaufen und sie auseinander jagen. Am Abend kehrten die Jäger mit zwei Renntieren zurück. Sie hatten ein Rudel von sechzehn Stück gesehen und erzählten, die Renntiere hätten den ganzen Winter über hier ihren Wechsel. Wir erhandelten eine große Keule, die wir in kleine Stücke zerschnitten und mitnahmen.

Der Weg über den Bergrücken am nächsten Tage war ein hartes Stück Arbeit. Er war steil und voller Wurzeln und Baumstümpfe, glücklicherweise aber war er weder sehr hoch, noch sehr breit, und nach viel Mühe und Beschwer standen wir endlich wieder drunten auf dem Flußeise. Vormittags elf Uhr erreichten wir das „Windloch“, einen berüchtigten, von jedermann nur mit Grausen genannten engen Paß zwischen fünfzehnhundert Fuß hohen Felswänden. Das ganze Eis war mit größeren und kleineren, von den Felsen herabgewehten Steinen übersät. Wer einen solchen Stein auf den Kopf bekäme, dem könnte das Lachen vergehen. Es stürmte jetzt auch gewaltig, und ich mußte mich platt auf das Eis legen, während die Hunde mit den Schlitten hoher di polter davonjagten. Unsre hier bekannten Eskimos nannten es ein „gemäßigtes“ Wetter für diesen Ort — und ich war nur froh, daß wir wenigstens kein „schlechtes“ getroffen hatten. Nach einiger Zeit stießen wir auf eine Eskimofamilie mit zwei Taboggan. Der Mann war ein guter Freund von Jimmi und in der Umgegend der Insel Herschel als einer der tüchtigsten Jäger wohlbekannt. Er hatte nicht weniger als sechzig Renntiere ringsum auf dem Felde zerstreut liegen und war nun auf dem Wege nach Herschel, sich Hilfe zum Hereinfahren zu holen. Es war erst ein Uhr mittags, als wir diesen Leuten begegneten, aber trotzdem beschlossen wir, hier mit ihnen zu rasten, das Lager aufzuschlagen — und ihr Fleisch zu versuchen. Jimmi und ich blinzelten uns hinter dem Rücken unsres Führers zu und freuten uns schon auf den Leckerbissen. Dies war das zweite Mal, daß mitten am Tage freiwillig Halt gemacht wurde, aber ich widersetzte mich nicht. Der Fluß war weiterhin an mehreren Stellen offen; es eilte also nicht mit dem Weiterkommen. Außerdem konnte es für Menschen und Hunde nur gut sein, wenn sie sich ordentlich satt essen durften; ja wenn wir etwas Extraproviant mit auf den Schlitten bekämen, wäre es noch besser. Mogg hatte einen ganzen Sack voll Tee mitgenommen, und der kam uns gut zustatten; denn die Eskimos verkaufen gern ihre unsterbliche Seele für ein Pfund Tee. Je weiter südwärts wir kamen, desto milder wurde der Charakter der Landschaft. Die Felsen rundeten sich und fielen sanft gegen das Flußbett ab. Der Schnee war hier auch fester, und wir hatten also auch guten Grund unter uns, während wir vor unsern Schlitten herliefen. Wir trafen eine Menge Renntierspuren, ab und zu sogar eine Wolfsspur. Der Wolf zieht, wenn er Futter genug findet, südlichere Gegenden vor; und das war in diesem Jahre der Fall. Wenn wir jetzt im Flußbett auf Oberwasser stießen, zogen wir unsre Wasserstiefel an und kamen so besser vorwärts.

Am dreißigsten erreichten wir die Quelle unsres Flusses, ein von großen Bergen umgebnes Becken; ich schätzte den höchsten dieser Berge auf ungefähr viertausend Fuß. Hier hatte die Eskimofamilie, mit der wir zuletzt zusammengetroffen waren, ein Depot errichtet. Diese Eskimos legen ihre Depots in etwas andrer Weise an als unsre Netschjilli-freunde. In Mannshöhe errichten sie eine Art Plattform auf vier Füßen, legen das Fleisch darauf und decken es mit Fichtennadeln gut zu. Dann kann Meister Reineke ruhig daher kommen und schnüffeln und daran hinaufspringen, so viel er will — er wird ebensoviel davon bekommen wie einst von den berühmten Trauben. Mogg zeigte mir einen Felsen, an dessen Fuß sich vor ein paar Jahren ein Roman abgespielt hatte. Eine Anzahl Leute von der Walfischfängerflotte hatten eine Verschwörung angezettelt und waren mit Schlitten, die mit Proviant, Waffen und Munition schwerbeladen waren, durchgebrannt. Einige Offiziere wurden mit einer Anzahl Eskimos ausgesandt, die Ausreißer aufzuhalten. Und dort auf dem Felsen waren sie eingeholt worden, gerade als sie sich Schneehütten gebaut hatten. Sie wurden aufgefordert, sich zu ergeben, antworteten aber nur mit Flintenschüssen, und das Gefecht begann. Zwei der Flüchtlinge wurden erschossen, zwei ergaben sich, und die andern flohen in den Wald. Man sollte meinen, sie wären da elendiglich zugrunde gegangen, mitten im Winter, ohne Nahrungsmittel, ohne Kleider. Aber fünf davon hatten nach unsäglichen Leiden doch Fort Yukon erreicht, die übrigen waren umgekommen. Wir überschritten das Becken und schlugen auf der andern Seite unser Lager- auf. Am nächsten Tag hatten wir nur einen zwei- bis dreistündigen Marsch zu machen, bis zu einer mit Fichten bestandnen Landzunge, wo wir anhielten und unsre Schlitten wieder mit dem Taboggan vertauschten. Wir machten uns sogleich ans Umladen. Ich hätte nie geglaubt, daß ich alle meine Sachen auf einem so kleinen Taboggan unterbringen könnte, und es wäre mir auch nie gelungen, wenn ich ihn allein hätte packen müssen. Aber Jimmi brachten das Kunststück zustande. Einen Taboggan richtig zu packen, ist nämlich wirklich eine Kunst. Die Ladung darf nicht zu hoch sein, denn dann fällt der Schlitten um, sie darf aber auch nicht zu breit sein, denn dann steht sie auf den Seiten über und hält den Taboggan auf. Sie muß also niedrig und schmal sein, und das gibt eine sehr umständliche Packerei, wenn man vielerlei bei sich hat. Nach hinten muß er überdies etwas schwerer gepackt sein. Unsre Schlitten wurden an zwei Bäume gelehnt, und auch noch andre Gegenstände wurde zurückgelassen, die wir entbehren zu können meinten. Auf dem Rückwege wollten wir sie dann wieder mitnehmen. Auf dem Flusse hatten ‚wir die Grenze zwischen Kanada und Alaska überschritten.

Schon früh am Nachmittag waren wir mit unsrer Arbeit fertig, und dann pflegten wir im Zelt mit großem Wohlbehagen der Ruhe. Es war ein schöner Abend; wir hatten den ganzen Zeltboden mit frischen, grünen Fichtenzweigen bestreut, und im Ofen brannte und knisterte lustig das dürre Holz. Irgend ein Topf stand immer über dem Feuer; Wasser konnte man nie genug bekommen. Wir hatten Spielkarten bei uns, und Jimmi und Kappa waren leidenschaftliche Spieler. Sie kannten eine unglaubliche Menge verschiedner Spiele, von denen ich nicht das geringste begriff, bei denen sie sich aber königlich ergötzten und wie die Kinder schrieen und jauchzten. Wenn es allmählich warm wird — und es kann in so einem Zelt recht warm werden — über dreißig, ja bis zu vierzig Grad — ist es immer am besten und auch am behaglichsten, wenn man die Fellkleider auszieht, weil sie sonst leicht feucht werden. Unser Anstandsgefühl verbot uns, uns ganz auszukleiden, und so behielten wir das Hemd an, obgleich das eigentlich auch noch hätte ausgezogen werden sollen. Aber Kappa mußte ja zu dem schönen Geschlecht gerechnet werden. Mitten an der Decke hing eine Laterne, die eine heimelige Helle verbreitete. Mogg und ich schrieben in unsre Tagebücher. Von Jimmi und Kappa lernte ich etwas, was ich auf keiner Schlittenreise getan hatte — nämlich, mich jeden Morgen zu waschen. Wenn ich es vergaß, kam Kappa gleich mit Wasser und Seife herbei. Sie selbst konnten es sich merkwürdigerweise gar nicht denken, daß sie den Tag beginnen könnten, ohne sich vorher gewaschen zu haben. Am nächsten Morgen um acht Uhr zogen wir weiter. Jimmis Kenntnis des Weges war hier zu Ende. Aber wir gingen getrost vorwärts. Die Berge, die vor uns lagen, sollten nach der Karte neuntausend Fuß hoch sein. Ich erlaube mir in aller Untertänigkeit, diese Angabe auf höchstens fünftausend herabzusetzen. Schon am dritten November standen wir auf dem Gipfel an der Wasserscheide zwischen den Flüssen, die südwärts strömen, und denen, die sich ins Eismeer ergießen. Da oben herrschte vollständige Hochgebirgsnatur, aber die Baumgrenze war auf keiner Seite weit unterhalb des Gipfels. Sehr stürmisch konnte es da droben wohl nicht sein, denn der Schnee war lose und tief, und unsre Hunde mußten sich mühselig hindurcharbeiten; die meinigen besonders plagten sich jämmerlich, weil mein Taboggan aus Fichtenholz nur schlecht gearbeitet war und bald wie eine Egge hin und her schwankte. Der andre Taboggan war aus Birkenholz und glatt wie Eis. Die Marschordnung bildete sich in folgender Weise: an der Spitze Kappa oder Jimmi, um den Weg zu zeigen und den Hunden die Spur auszutreten, dann Mogg, der als Dampfwalze figurierte — er rollte vorwärts und machte immer eine gute Bahn. Alle drei trugen Schneereifen und traten eine gerade breite Spur für den Taboggan aus. Hinter ihnen kamen die Hunde mit dem ersten Taboggan und dann ich mit dem meinigen. Da sah ich, wie gut die gebräuchlichen Hundegeschirre sind; die Hunde sind gezwungen, im Gänsemarsch zu ziehen und der Spur zu folgen, ob sie wollen oder nicht. Dies ist für den, der hinterher kommt, von größter Wichtigkeit.

Oben auf der Höhe hatten wir eine kleine Talsenkung vor uns und waren sofort überzeugt, daß dieser Weg an den Porcupine führen mußte; und wenn wir diesen erst erreicht hatten, dann waren wir geborgen. Es ging jäh ins Tal hinab, aber der Schnee war weich, und ich freute mich auf eine lustige Schlittenfahrt. Ich spannte also die Hunde los, setzte mich auf meinen Taboggan und fuhr getrost bergab. Aber ich hatte die Rechnung ohne die Hunde gemacht. Als sie den Taboggan hinabsausen sahen, stürzten sie vor, um ihre Plätze wieder einzunehmen. Voraus kamen sie mir, aber ihre Plätze erlangten sie deshalb doch nicht. In wilder Eile taumelten wir die Bergwand hinunter — Taboggan, Hunde und ich, holter di polter — bis wir im Tale unten von selbst anhielten. Ich hatte den größten Teil des Abstiegs unter den Hunden und unter dem Schlitten gemacht und war wütend über die dummen Tiere, die mir meine Schlittenfahrt verdorben hatten. Ich stand auf, klopfte mir den Schnee von den Kleidern, schaute mich um und erblickte Mogg, der auf einem andern Weg heruntergekommen war, in einer kleinen Entfernung; er hielt sich den Bauch vor Lachen. Auf dem Berggipfel droben aber lagen Kappa und Jimmi und wollten sich vor Lachen ausschütten. Ich wollte schon meinen Zorn an den Hunden auslassen und sie ordentlich durchwalken — aber schließlich konnte ich nicht anders: ich mußte mitlachen. Die Eskimos waren klüger als ich mit ihrem schweren Taboggan. Auf jeder Seite faßte einer von ihnen an, und so fuhren sie ganz vergnüglich herunter. Das kleine Tal erstreckte sich zuerst in südöstlicher Richtung und lief dann in gerader Linie südwärts — dann verlor es sich wieder im Hochgebirge. Es hatte also keine große Ausdehnung. Aber gerade vor uns stand die Sonne hell am Mittagshimmel und zeigte uns den Weg. Wenn wir direkt darauf zugingen, so müßten wir ohne Zweifel jenseits des Gebirges an den Porcupine gelangen. Wir peilten also die Sonne und zogen vergnügt weiter. Jetzt hatten wir die Wahl zwischen zwei Pässen. In solchen Fällen sind die Eskimos von unschätzbarem Nutzen. An den gewöhnlichen Formationen erkennen sie sogleich, wo man am leichtesten vorwärts kommt. Diesmal waren indes Jimmi und Kappa geteilter Meinung, aber die Kappas klang am überzeugendsten, und Jimmi gab schließlich der weiblichen Beredsamkeit nach. Jimmi hatte aber doch recht gehabt, wie sich später herausstellte, was natürlich Kappa nicht zugeben wollte. Oben auf dem Gebirge wurde es allmählich empfindlich kalt. Wir hatten kein Thermometer bei uns; aber dem Schneegestöber nach schätzte ich die Temperatur auf über dreißig Grad. Wir machten uns jetzt schon früh am Morgen, solange es noch dunkel war, auf den Weg; ab und zu spendete uns ein Nordlicht eine zauberhafte Beleuchtung. Jetzt bereute ich oft, daß ich nicht auch eigentliche Schneereifen mitgenommen hatte. In dem hohen Schnee sanken die Ski oft tief ein, auch blieben sie gerne an Weidengebüschen oder an großen Grasbüscheln hängen. Übrigens sind die Taboggane für diese Gegend nicht sehr praktisch; sie überschlagen sich beständig und rufen eine Menge Scheltworte und Zornausbrüche hervor.

Am vierten endlich stießen wir auf ein wirkliches Flußbett Es war allerdings nicht breit — nur eine Bachrinne —, aber auf beiden Seiten durch hohe Ufer scharf abgegrenzt In gestrecktem Galopp liefen die Hunde dahin. Bald aber zeigte es sich, daß der Bach sehr viele Windungen machte, und daß wir den Weg bedeutend abkürzen könnten, wenn wir quer über Land führen. Am nächsten Tag erreichten wir dann ein großes, breites Flußbett. Es war der Coleen-fluß — wie wir später herausfanden – einer der vielen Nebenflüsse des Porcupine. Die Bahn war hier ausgezeichnet: mit ein paar Zoll Schnee auf dem Eise. Und hier konnte ich zeigen, was man mit Ski zu leisten vermag. Mogg, der auf seinen Schneereifen mühselig übers Gebirge hatte traben müssen, weil die Hunde ihn nicht vorwärts gebracht hatten, durfte sich jetzt ruhig auf meinen Schlitten setzen — auf dieser Bahn hätten meine Hunde die doppelte Last ziehen können —, und dann gings los! Jimmi war an der Spitze, aber die Schneereifen glitten nicht von selbst weiter wie meine Ski, und bald sauste ich an ihm vorüber.

„Na, Jimmi, was sagst du jetzt zu den Ski?“ Bald war ich weit voraus. Ganz ohne Gefahr war diese Fahrt auf dem Eise indessen doch nicht. Teils war der Fluß offen, was man nicht immer aus der Ferne wahrnehmen konnte, teils war die Eisdecke sehr dünn, und wenn man nicht sehr gut aufpaßte, konnte man da leicht einbrechen. Die hohen, spitzigen Felsengipfel blieben immer weiter hinter uns zurück; endlich verschwanden sie, und wir gelangten in einen großen Wald. Die zwei bis drei ersten Stunden am Morgen waren für die Menschen und für die Hunde immer am schwersten, besonders aber für die Hunde. Da waren sie noch starr und steif vom vorhergehenden Tag, und überdies waren sie am Morgen auch faul. Aber Jimmi machte sie bald geschmeidig, und dann ging es wie geschmiert. Wir hatten übrigens die Rationen der Hunde schon etwas beschneiden müssen, und das machte sich bald geltend. Sie wurden mager, und ihre Kräfte nahmen ab. Unser eigner Proviant reichte noch für ein paar Tage, das heißt, wenn wir so vorsichtig damit umgingen wie bisher. Am siebenten November, nachmittags um halb drei Uhr, machte Jimmi plötzlich Halt; sein scharfer Blick hatte etwas Ungewöhnliches auf dem Eise entdeckt. Er lief darauf zu und rief: Indianerspuren!

Seine Stimme hatte einen freudigen Klang. „Jetzt ist bald alle Sorge vorbei!“ schien sie sagen zu wollen. „Jetzt dürfen wir uns bald alle miteinander so recht satt essen!“ Wir verfolgten die Spuren und gelangten nach kurzer Zeit an ein Blockhaus. Ich war aufs äußerste gespannt. Nun endlich war also die Stunde gekommen, wo ich die wirklichen Indianer sehen würde, die während meiner Knabenjahre meine Phantasie so oft mit aufregenden Bildern erfüllt hatten. Ich erwartete wirklich, die Tür aufgehen und einen kupferroten Mann mit Federn im Haarschopf erscheinen zu sehen, der mit geschwungnem Tomahawk und mit dem Rufe: „Hugh!“ auf uns losstürzte.

Oder vielleicht läge er auch auf der Lauer hinter einem der Bäume im Walde…… Die Tür ging auf, und heraus trat ein ganz friedlicher Mann, in einem schwarzen Anzug, mit einem schwarzen Hut auf dem Kopfe. Er blieb ruhig stehen und sah uns an. Wir begrüßten ihn freundlich in englischer Sprache, und ebenso freundlich antwortete er, gleichfalls englisch. Kurz darauf kam auch die Frau zu uns heraus. Alles dieses hätte ebensogut auf einer Fußreise in Telemarken vor sich gehen können; diese Leute sahen genau aus wie norwegische Gebirgsbewohner. Wir blieben zwei Tage bei ihnen und fütterten während dieser Zeit uns und die Hunde ordentlich heraus. Um Tee und Licht verkauften sie uns gefrorne Fische und etwas Elchfleisch. Am zehnten zogen wir in demselben Flußbett weiter; da und dort zeigten sich jetzt Birken, und auch andres deutete darauf, daß wir in südlicher Richtung weiter drangen. Am Nachmittag des zwölften stießen wir auf die Spuren von einem Taboggan und Schneereifen; wir folgten ihnen, bis es dunkel wurde. Dann schlugen wir unser Lager auf und folgten am nächsten Morgen wieder diesen Spuren. Aber dann verloren wir sie in dem aufsteigenden Nebel. Gegen zehn Uhr vormittags meldete Jimmi, er sehe eine Blockhütte am Ufer, und sein Adlerblick hatte ihn nicht getäuscht In der Hütte fanden wir zwei weibliche Wesen vor. Aber da fühlte ich mich in meinen Kindheitserinnerungen tief gekränkt. So konnten doch unmöglich die „Squaws“ der tapfern Mohikaner, ja nicht einmal die der hinterlistigen Irokesen ausgesehen haben! Der einen von diesen Weibern hing die Unterlippe auf die Brust herunter, die andre machte einen schiefen Kopf und sah uns mit bösem Blick an. Zwei abschreckende Vogelscheuchen waren es. Die Begrüßung zwischen ihnen und unsrer Kappa war aber überströmend herzlich; sie lachten und schwatzten und schnatterten durcheinander, wie nur alte Weiber schnattern können. Keines verstand von dem, was die andern sagten, auch nur ein einziges Wort. Für Tee und Kakes handelten wir ein Bündel getrocknete Fische von ihnen ein. Der Mann der einen und der Sohn der andern waren vor zwei Tagen zu einem Händler gereist, der seinen Sitz am Porcupine hatte. Die freundlichen Damen erklärten uns zu unsrer großen Befriedigung: wenn wir den Spuren der Männer folgten, könnten wir den Weg bedeutend abkürzen und zwei Tage sparen. Die mit dem bösen Blick begleitete uns, um uns auf die Spur zu leiten. Nur mit der größten Anstrengung gelangten wir den Berg hinauf bis zum Walde hin, wo die Spur zu erkennen war. Mehrere Male mußten die Taboggane ganz in die Höhe gehoben werden. Aber nachdem wir oben angelangt waren, wo unsre Führerin uns verließ, erwies sich die Spur als wirklich sehr gut, und nun ging es rasch vorwärts. Hier im Walde mußte ich die praktischen Geschirre der Hunde noch mehr loben. Wenn jeder Hund seinen eignen Zugriemen gehabt hätte, wäre unweigerlich jeder nach einer andern Seite an die Bäume gerannt und hätte sich festgefahren, so aber und in einer gut ausgetretnen Spur war das Fahren mit dem Taboggan ein Kinderspiel. Jetzt brauchte ich nicht mehr vor den Hunden herzulaufen, um sie anzufeuern und zu leiten; es ging alles von selbst, ich lief nur voraus, um mich den Eskimos, die vor mir waren, zuzugesellen. Mogg lag auf dem Schlitten und sang und trällerte. Die allgemeine Stimmung war höchst vergnügt infolge der Gewißheit, daß wir spätestens in einer Woche Fort Yukon erreicht haben würden. Als ich die Eskimos eingeholt hatte, hörte ich unsern stillen Jimmi jauchzen und jubilieren, während sich Kappa am Taboggan festhielt und einen Freudensprung um den andern machte.

Am vierzehnten abends witterten die Hunde Menschen und Nahrung; sie liefen wie noch nie. Es ging ziemlich steil bergab; aber die Hunde jetzt aufzuhalten, davon konnte keine Rede sein. Ich lief auf Ski voraus; die vielen Erdhügel und Baumstümpfe, über die ich hinwegsauste, ließen mich für die Schlitten hinter mir erzittern. Endlich war der Porcupine und die kleine Indianerkolonie erreicht, wo die oben erwähnten Händler wohnten. Der arme Mogg kam zuletzt an; er hatte sich nur mit Mühe und Not auf dem Taboggan festhalten können, und auf meine Nachfrage sagte er, er habe durchaus keine Gelegenheit gehabt, die interessante Waldlandschaft zu bewundern. Um nicht die schrecklichsten Balgereien zwischen unsern und den Hunden der Indianer zu riskieren, schlugen wir unser Zelt in einiger Entfernung von der Indianerniederlassung auf. Der Händler entpuppte sich selbst als ein Indianer. Er war ein Prachtexemplar von einem Manne, sechs Fuß hoch, mit dunkeim Haar und einem kühnen Knebelbart. Er trug einen schwarzen Anzug mit einem Streifen aus weißem Fuchspelz um den Hals. Sein Laden war nicht besonders reich ausgestattet; etwas getrockneter Lachs, — das war alles. Er meinte, wir könnten den noch übrigen Teil des Weges nach Fort Yukon in vier Tagen zurücklegen. Wir kauften Lachs bei ihm und fütterten uns und die Hunde ordentlich damit. Am nächsten Tage verabschiedeten wir uns von dem braven John Albert — so hieß er — und zogen weiter. Wären wir in der Gegend bekannt gewesen, dann hätten wir unsern Weg bedeutend dadurch abkürzen können, daß wir da und dort quer über Land gefahren wären. So aber mußten wir die ganze Zeit dem gewundnen Flußbett entlang ziehen. Wir kamen an verschiednen Blockhütten vorbei, die aber unbewohnt waren. Es muß sehr viel Hasen in diesen Gegenden geben; oft war die Schneedecke ganz durchzogen von Hasenspuren, und ab und zu fanden wir einen Hasenkadaver — wahrscheinlich hatten wir einen Raubvogel in seiner Mahlzeit verscheucht. Wenn die Hunde einen solchen Leckerbissen witterten, fuhren sie wie besessen drauf los. Natürlich bekam dann nur der erste die Beute, aber das lernten die andern nie. Unverdrossen jagten sie jedesmal wieder in erneuter Hoffnung darauf los; selbst der Dicksack Fix, der letzte im Gespann, rannte so toll, daß fast das Geschirr zerriß. Fix war der Hund, den ich von jenen Hunden zurückbehalten hatte, die mir Atangala einst mit der ersten Post nach Ogchioktu gebracht hatte. Während meines Aufenthalts in Eagle City später wurde er so fett, daß ich ihn zurücklassen mußte. Er konnte dem Schlitten nicht mehr folgen, selbst dann nicht, wenn er nur hinterdreinsprang. Am achtzehnten trafen wir wieder auf frische Spuren, und da sie auf dem Lande weiter führten, folgten wir ihnen. Am Nachmittag wurden die Hunde plötzlich alle ganz aufgeregt. Sie mußten irgend etwas gewittert haben, und zwar etwas ganz Besondres, sonst wären sie nicht so gelaufen. Um fünf Uhr sahen wir ein Haus, und nach einer halben Stunde waren wir bei den Indianern in Salmon Creek. Wir erregten einen ganzen Aufruhr, als wir ankamen. Eins fiel mir zuallererst auf; daß nur ein einziger Mann da war, aber ein ganzer Haufen Weiber. Wie ich später hörte, waren alle Männer nach Fort Yukon unterwegs, wo sie Geschäfte abschließen wollten. Der „alte Thomas“ war allein zurückgeblieben. Er lud uns ins Haus ein und erzählte, er habe schon öfters denselben Weg gemacht wie wir, und schließlich kam es heraus, daß er und Mogg alte Bekannte von der Insel Herschel waren. Wir wurden mit einer beispiellosen Gastfreundschaft beherbergt. Das eine Zimmer, in dem schon fünf Menschen wohnten, wurde ausgeräumt, damit wir da hausen könnten. Es waren zwei Öfen vorhanden, die beständig brannten. Der alte Thomas war ein merkwürdiger Mann. Er sprach vier Sprachen — englisch, französisch, die Eskimo- und die Indianersprache — und wußte gar viel von seinen mannigfaltigen Reisen zu erzählen. Mogg, der gegen Eskimos und Indianer gutmütiger war als gegen seine eignen Stammesgenossen, schenkte ihm von allem, was er hatte: ein wenig Tabak, Tee, Zündhölzer und so weiter. Bei unsrer Abreise am nächsten Morgen erklärte der Alte Mr. Mo gg für einen Engel. Ich tat ihm nicht kund, wie weit ich mit dieser Beurteilung übereinstimmte.

Die Gastfreundschaft, die uns geschenkt worden war, hatten die Hunde sich ohne weitres genommen. Gott mag wissen, auf welche Weise! — sie hatten das Depot gestürmt und sich so gründlich darin verlustiert, daß sie sich am nächsten Morgen nicht rühren konnten. Wir hätten Fort Yukon eigentlich noch an demselben Abend erreichen sollen, aber die Hunde waren so überfressen, daß sich alle raschen Bewegungen von selbst verboten. Wir mußten also noch einmal das Zelt aufrichten. Am nächsten Vormittag begegneten wir vier Indianern mit Tabogganen. Es waren die Männer der Kolonie auf dem Heimweg. Sie nahmen sich prächtig aus in ihren perlengestickten Kleidern; die Hundegeschirre aus Seehundfell waren auch gestickt und mit Schellen verziert. Diese Leute verlangen übrigens ungeheure Preise für ihre Kleider. Ich fragte einmal nach dem Preis einer Juppe: es wurden fünfunddreißig Dollar dafür verlangt. Alle Arten von Kleidungsstücken sind sehr teuer in Alaska. Am zwanzigsten November, nachmittags um halb ein Uhr, erreichten wir Fort Yukon. Es liegt an dem steilen Flußufer, wo sich der Porcupine mit dem Yukonfluß vereinigt. Als Festung oder Fort machte es auf mich nicht gerade einen imponierenden Eindruck. Zwei weiße Handelsleute wohnten hier, und ich muß da den tüchtigen und sehr liebenswürdigen Mr. Jack Karr nennen. Sonst besteht die Kolonie aus einigen dreißig Indianerhütten. Das Geschäft der Handelsleute besteht im Eintauschen von Pelzwerk, das die Indianer ihnen bringen. Es ist auch eine Schule und eine Missionsstation da. So ungern ich es tat, aber hier mußte ich meine liebe Netschji 11 itracht ablegen. Sie war der Gegenstand allzu großer und allzu scherzhafter Aufmerksamkeit vonseiten der zahlreichen Dorfjugend, die, wo ich ging und stand, in großer Zahl hinter mir her lief. So erfreut ich war, am Ziel meiner Wünsche angekommen zu sein, so wartete meiner auf Fort Yukon doch eine große Enttäuschung. Ich hatte gehofft, hier eine Telegraphenstation zu finden. Aber leider befand sich die nächste Telegraphenstation erst in Eagle City, zweihundert Meilen südlicher, weiter flußaufwärts. Da war nun nichts zu machen. Mein Ziel war, mich mit der Heimat in Verbindung zu setzen, und wenn ich das erreichen wollte, mußte ich also bis Eagle City Vordringen.

Jimmi und Kappa blieben zurück. Kappa war von der Reise ziemlich angegriffen und mußte ausruhen. Mogg und ich warben einen Indianer als Führer an, der uns für den nächsten Teil des Yukonflusses unentbehrlich war. Der Fluß ist voller Inseln; diese bilden ein ganzes Netz von Sunden und Kanälen, die man kennen muß, um sich hindurchzufinden, und der Postverkehr war noch nicht so regelmäßig eingerichtet, daß eine genügend sichre Spur ausgetreten gewesen wäre. Die von Fort Yukon abgehende Post hat ihren Endpunkt in Circle City. Dort wird sie von einem andern Postführer übernommen, der sie weiter südwärts befördert. Die ganze Postverbindung zwischen Fort Yukon über Eagle nach Dawson City wird von vier Führern besorgt, die Schlitten und Hunde und — zwischen Eagle und Dawson — auch Pferde benützen. Die Entfernung von Yukon bis Dawson wird von den Postführern auf dreihundert Seemeilen geschätzt. Als wir in Yukon ankamen, war von meinem Taboggan nur noch die Hälfte übrig. Von den vier Brettern waren zwei vollständig abgenützt. Ich mußte mir deshalb in Yukon von einem Indianer einen neuen kaufen. Die Taboggane waren jetzt nur leicht beladen, da wir weder ein Zelt noch sonstige Ausstattung brauchten. Das wenige, was wir mitführten, hatte ich auf meinem Taboggan, der Führer Charlie hatte seinen eignen, und auf diesem war Mogg untergebracht. Mit Windeseile ging es auf dem Fluß dahin. Charlie setzte unverkennbar seinen Ehrgeiz darein, zu zeigen, was ein Indianer leisten könne; er führte den Zug an und lief aus Leibeskräften vor den Hunden her. Aber bei der jetzt so geringen Last und mit der großen Übung waren meine Hunde ganz unüberwindlich: sie hielten sich dicht hinter Charlies Taboggan, und dann kam ich auf meinen Ski. Mr. Charlie gewann keinen Vorsprung vor uns. Am Abend erreichten wir eine für die Postführer errichtete Blockhütte. Sie war sehr warm und behaglich und hatte zwei Räume, einen für den Taboggan, den andern für die Menschen. In diesem waren zwei Betten, zwei Stühle, ein Tisch und ein Ofen. Die mit frischen Fichtenzweigen belegten Bettstellen waren nach der langen Tagereise von achtundzwanzig Meilen außerordentlich einladend. Am nächsten Tage kamen wir an einer kleinen Hütte vorüber, worin ein Holzfäller wohnte. Natürlich mußten wir ihn begrüßen, und wir trafen in Mr. Lee Prevost einen ganz seltnen Menschen. Er schien mit allen guten menschlichen Eigenschaften begabt zu sein und wußte uns durch seine Persönlichkeit und seine großartige Gastfreundschaft so für sich einzunehmen, daß wir zur Nacht bei ihm blieben. Am sechsundzwanzigsten erreichten wir Circle City. Hier verabschiedeten wir uns von unserm Führer, und zwar ohne Bedauern. Er hatte sich als ein vorlauter, eingebildeter Mensch entpuppt, dessen hauptsächliches Bestreben gewesen war, uns zu zeigen, daß er von der Mission den Unterschied zwischen Weißen und Farbigen habe verstehen lernen. Aus diesem Grunde benahm er sich höchst dumm und unangenehm. Ja, ein guter Unterricht kann oft eine schlechte Wirkung haben. Circle City ist eigentlich ein ganzes „Städtchen“. Die Beweise dafür waren Tanzhaus und Wirtshaus, sowie Schlägereien nach dem Vergnügen und betrunkne Menschen. Hier erfuhren wir zu unsrer großen Freude, daß der Postführer, Mr. Harpar, gerade am nächsten Morgen südwärts ziehen sollte. Welch ein Vorteil für uns! Da konnten wir in seiner Begleitung reisen. Die Postführer in Alaska sind tüchtige Schlittenführer. Sie haben nur die allerbesten Hunde, die aber sehr verschieden von den Polarhunden und in der Regel kurzhaarig und hochbeinig sind. In dem tiefen Schnee sind die langen Beine gut, und da die Hunde in Häusern übernachten, brauchen sie den dicken Pelz nicht.

Von Circle City an weiter südlich trifft man die sogenannten „Roadhouses“, kleine Blockhütten, wo man „Kost und Logis für Reisende“ findet. Sie liegen dem Fluß entlang, mit ungefähr zwanzig Meilen Abstand. Gewöhnlich haben die Blockhütten drei Zimmer: Gastzimmer, Küche und ein Stübchen für den Besitzer. In ersterem werden so viel Leute untergebracht, wie überhaupt zum Übernachten angekommen sind. Wenn nicht Betten genug da sind, muß man die Lagerstatt mit andern teilen; man ist ja in solchen Gegenden, wo man den ganzen Tag unterwegs war und dann todmüde in ein solches Haus kommt, nicht so besonders heikel. Für uns, die wir aus den nördlichen Gegenden kamen, waren diese „Hotels“ wahre Wunder an Komfort und Eleganz. Aber sie waren auch teuer. Der Schlafplatz kostete einen Dollar — ob man allein schlief oder nicht —, jede Mahlzeit anderthalb Dollar. Für einen vollen Tag brauchte man nach deutschem Gelde seine fünfundzwanzig Mark. Aber in Alaska sind die Preise fabelhaft hoch, und wenn Gold in der Nähe gefunden wird, dann steigen sie ins Unerschwingliche. Daran sind natürlich die Kosten des schwierigen Transportes schuld. In Fairbanks am Tananafluß wurden, nachdem der letzte große Goldfund gemacht worden war, für ein paar Schneeschuhe vierzig, und für einen Hund fünfzig Dollar bezahlt. Selbst diese Preise sind aber verschwindend klein im Vergleich zu denen, die damals in Klondyke bezahlt wurden, als die letzte Goldwut dort ausgebrochen war. Von einem zuverlässigen Gewährsmann habe ich gehört, es seien damals zweitausendfünfhundert Dollar für ein Hundegespann geboten worden, und dieses Angebot nicht angenommen worden. Und dementsprechend waren auch alle andern Preise. In großer Spannung näherte ich mich jetzt Eagle City. Endlich sollte ich in direkte Verbindung mit der Heimat treten können und erfahren, wie es in meinem Vaterland aussah. Jetzt bogen wir um die letzte Landzunge, und dann waren es nur noch zwei Meilen! Eagle City liegt vor uns, der Rauch steigt blau und dunkel zum Schneehimmel empor. Welch ein wunderbarer, entzückender Gedanke: in wenigen Stunden stehst du in Verbindung mit deinen Lieben! Als wir Eagle City erreichten, verließen wir das Eis und fuhren in die Stadt hinein, um uns sofort nach der Telegraphenstation zu begeben. Sie lag in der Nähe von Fort Egbert. In Fort Egbert lagen zu der Zeit zwei Kompagnien des dritten Infanterieregiments. Die Offiziere nahmen uns aufs herzlichste auf, und ich konnte mein hochwichtiges Telegramm abschicken. Es war auch die allerhöchste Zeit, denn kurz nachher zerriß die Leitung infolge der strengen Kälte. Ich blieb zwei Monate in Eagle City und wartete auf die Post von Hause. Diese Zeit steht mit vielen lieben, schönen Erinnerungen in meinem Gedächtnis. Ich wohnte bei Mr. Frank N. Smith, dem Vorstand der großen Handelsgesellschaft «The Northern Commercial Company“. Wir haben ein Sprichwort, das heißt: «Die Gäste machen einem zweimal eine Freude: wenn sie kommen und wenn sie gehen“. Aber im Hause von Mr. Smith merkte ich nicht das geringste von solchen Gedanken. Während ich jetzt so lange nachher diese Zeilen niederschreibe, schicke ich dieser Familie in Gedanken einen warmen, aufrichtigen Dank aus tiefstem Herzen. Am dritten Februar zog ich wieder gen Norden. Mit allen meinen Postsachen von Hause, mit Briefen und Zeitungen beladen, freute ich mich, rasch zurückzukommen. Auch auf der Rückreise hatte ich reichlich Gelegenheit, die große Gastfreundschaft in Alaska kennen zu lernen. Mr. Jack Carr in Fort Yukon, dessen Gast ich drei Tage lang war, tat alles, mir den Weg übers Gebirge zu erleichtern. Großen Dank schulde ich auch Mr. Daniel Cadzow in Ramparthouse am Porcupine. An diesem letzten Verbindungspunkt mit der Zivilisation verbrachte ich noch gute Tage, ehe ich wieder den Gang ins Gebirge antrat. Mit innigem Dank gedenke ich auch der kühnen Postführer auf dem Yukonfluß; sie haben mir immer und überall mit Rat und Tat beigestanden.

Dann ging es weiter und weiter nordwärts. Die Peitsche knallte, und die Hunde zogen an, nordwärts — zu der Gjöa und zu meinen Kameraden!

Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter

Die Nordwest-Passage

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Zehntes Kapitel


An demselben Tag, wo das Eis gangbar wurde, bekamen wir unsern ersten Besuch. Es war ein Missionar, Mr. Fraser, der von der Insel Herschel kam und nach Fort Mc. Pherson wollte, der nördlichsten Station der Hudsonbai-Gesellschaft am Mackenziefluß. Als Führer hatte er einen Eskimo, namens Roksi, bei sich. Die beiden waren vom Eise aufgehalten worden und wohnten nun am Strand, ungefähr vier Seemeilen westwärts von uns in einem Zelt. Von Mr. Fraser hörten wir, daß im Hafen von Herschel fünf Schiffe vom Eise eingeschlossen seien, ferner lägen noch sechs andre weiter ostwärts, man wisse nicht wo. Nun waren also nicht weniger als zwölf Schiffe hier oben im Eis, und davon waren nur drei aufs Überwintern eingerichtet. Das sah nicht günstig aus. Roksi war ein Kagmallikeskimo, und da sein Vater Häuptling gewesen war, hielt er sich für eine bedeutende Persönlichkeit. Seine Stammesgenossen ließen sich aber durch diesen Adel nicht imponieren und lachten ihn aus. Diese Eskimos hatten übrigens die häßliche Gewohnheit, sich an jedem Mundwinkel ein Loch in die Unterlippe zu bohren und als Schmuck große Hornknöpfe hindurch zu stecken. Die zivilisierten von ihnen hatten allerdings die Knöpfe wieder herausgenommen; die Löcher zogen sich dann wieder zusammen, ließen aber häßliche Narben zurück.
Am Montag den elften September begannen wir den Bau unsres Hauses. Wir wollten uns diesen Winter aus Treibholz zwei Häuser bauen, das eine zum Wohnen und das andre als Observatorium für die magnetischen Variationsinstrumente. Das Wohnhaus sollte aus zwei Räumen bestehen, aus einer Schlafstube für vier Mann und einem Raum, der Küche und Eßzimmer zugleich wäre. Am liebsten hätten alle am Land gewohnt. Um die Feuchtigkeit an Bord zu vermindern, ließ ich die ganze Küche an Land bringen. Außerdem hatten unser Koch und Sten innige Freundschaft geschlossen, und dieses Verhältnis wollten wir so viel wie möglich ausnützen. Sten war nämlich ein ausgezeichneter Koch; in seinem jetzt vollendeten Haus hatte er einen großen prächtigen Herd, wo die herrlichsten Gerichte zubereitet werden konnten. Der Leutnant und ich wollten mit Manni an Bord bleiben und das Schiff bewachen. Der Architekt und der Schmied übernahmen den Bau des Hauses. Die Form einer Erdhütte erschien ihnen dafür am praktischsten. Hansen und Wiik halfen ihnen. Als Bauplatz war der flachste Teil des Hügels gewählt worden. Der ganze Vormittag wurde auf das Sammeln des Baumaterials verwendet; und schon am Abend standen beide Langwände fertig. An Bord richteten der Leutnant und ich uns aufs beste ein. Der Ofen, den wir uns von der Bonanza angeeignet hatten, war aufgestellt, und er verbreitete nun all die Wärme, die wir in den vorhergehenden Wintern entbehrt hatten. Dazu mußte jedoch Brennholz gesägt und gespalten werden, und es dauerte nicht lange, bis Manni diese Arbeit übernehmen konnte. Er mußte ja etwas zu tun haben. Ferner lag ihm das Reinhalten der Kajüte ob, was darin bestand, daß er jeden Morgen das Gröbste hinauskehrte. Früher hatten wir nicht Zeit gehabt, dies öfter als einmal in der Woche zu tun, und da sah es nicht sehr schön bei uns aus. Außerdem verlegten der Leutnant und ich uns aufs Fischen. Jeden Morgen hackten wir das Eis auf und fingen so viele Fische, wie wir brauchten. An einem Morgen fingen wir regelmäßig zwanzig bis dreißig von den „Weißfischen“, die sich an der Küste von Nordamerika in Unmengen finden. Sie gleichen am ehesten einem großen Hering. Der Leutnant hatte überdies auch eines unsrer Segeltuchboote ausgesetzt und machte darin mit Vorliebe Jagd auf Enten. Auch Manni ergab sich weiter drinnen im Lande der Jagd und kehrte dann mit Gänsen, Enten und Schneehühnern zurück. So hatten wir die ganze Zeit über genug frisches Fleisch.

Schon am fünfzehnten September war das Wohnhaus unter Dach. Die beiden Zimmer hatten so ziemlich dieselbe Größe. Im Innern waren für vier Mann feste Kojen aufgeschlagen. Vor jeder Koje war eine Bank und in der Mitte des Zimmers ein kleiner Tisch. Außerdem hatte Wiik einen eignen Klapptisch, wo er seine magnetischen Kurven zeichnen konnte. Als Ofen diente einer unsrer Petroleumtanks, den Ristvedt dazu eingerichtet hatte. Zu Röhren wurden eiserne Platten von der Bonanza verwendet, die Ristvedt zusammenklopfte. Das äußre Zimmer diente, wie gesagt, als Küche und Eßzimmer zugleich. Der Herd war gleichfalls aus einem Petroleumbehälter hergestellt. Eine Platte mit sechs Löchern bekamen wir von Sten, der doppelt versehen war. Aus diesem Material stellte unser sinnreicher Schmied den herrlichsten Herd her, den man sich nur denken kann. Wenn Lindström etwas extra Feines und Merkwürdiges zubereiten wollte, ging er aber doch zu Sten in dessen Küche. Einen Backofen hatte er nicht, und er buk sein Brot nach wie vor auf dem Primusapparat. Und da dies vielleicht die Hausfrauen interessieren kann, teile ich mit, daß unser braver Lindström über drei Jahre lang das leckerste Backwerk in einem kleinen Backofen auf dem Primus gebacken hat. Zum Backen von acht Brotlaiben brauchte er einen halben Liter Petroleum. Neben dem Herd stand ein langer Tisch, wo wir alle miteinander, acht Mann hoch, unsre Mahlzeiten einnehmen konnten. Ein kleiner Anrichtetisch und eine Truhe zur Aufbewahrung von verschiednen Gegenständen vollendeten die Einrichtung des Eßsalons. Vor dem Eßzimmer war ein kleiner Flur, wo man sich den Schnee abklopfen konnte, ehe man eintrat. Das Haus war von Norden nach Süden gebaut und der Boden mit Brettern belegt, die zu diesem Zwecke von Hause mitgenommen worden waren. Obgleich der Bauplatz der ebenste Teil des ganzen Hügels war, fiel der Boden doch ein wenig ab, worüber besonders Lindström brummte. Nun, er war ja auch den ganzen Tag in seiner Küche beschäftigt. Das Haus wurde innen mit Segeltuch bezogen und außen mit Moos gedeckt. Wenn nun der Schnee kam und alles miteinander begrub, dann hatten wir ein feines Haus. Licht erhielten wir durch Dachfenster nach Osten. An der Ostseite des Hauses wurde ein Schuppen errichtet zur Unterbringung des Brennholzes.

Nachdem das Wohnhaus unter Dach war, machten sich Ristvedt und Wiik an den Bau des Variationshauses. Der Platz dazu lag ungefähr zweihundert Meter von dem andern entfernt auf einer freiliegenden Landspitze, die im Norden jäh gegen das Meer abfiel. Zuerst wurde ein Zelt aufgestellt, in dem Wiik durch eine Reihe von Beobachtungen die Nord-Südlinie in der Richtung des magnetischen Meridians bestimmte, nach dem das ganze Haus gebaut werden sollte. Nach Süden zog sich ein langer Hügelkamm hin, der in die großen Ebnen auslief. Zur Orientierung bei Schneestürmen bezeichneten wir den Weg dorthin durch eingerammte Pfähle. In dieser Zeit erhielten wir regelmäßig Besuch, besonders von Eskimos, die wie wir auch im Eis eingesperrt waren. Ab und zu war auch der Missionar dabei. Nachdem er die Reise nach Fort Mc. Pherson endgültig aufgegeben hatte, kam er eines Tages mit Roksi an Bord, sich zu verabschieden. Ich lud die beiden zum Mittagessen ein, und bei Tische erzählte Roksi — der recht gut englisch sprach — hier in diesen Gegenden hätten die Eskimos ein Wort, das unserm „Danke“ entspreche. Es hieß „Kojenna“. Der Missionar wollte behaupten, dieses Wort sei von der christlichen Mission eingeführt worden, aber Roksi verneinte das. Der Missionar wurde sehr erregt und sagte, Wörter wie „Amen“ und „Halleluja“ seien doch jedenfalls durch die Mission gekommen. „Weit entfernt,“ erwiderte Roksi, „wir haben Amen und Halleluja lange vor der Mission gehabt.“ Dies sagte er mit einer so sichern Überlegenheit, daß wir in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Nachdem die Häuser gebaut waren, kam das Schiff an die Reihe; es wurde mit Segeltuch überzogen, und die letzten Wintervorbereitungen wurden getroffen. Diesmal machten wir den Eingang hinten am Steuerbord. Eine kleine Kajütentür von der Bonanza wurde in das Segeltuch eingesetzt und eine große, breite Treppe von da aufs Eis geführt; so sah es bei uns wirklich ganz herrschaftlich aus. Eines Tages zog die erste große Eskimokarawane vorüber. Sie bestand aus den Eskimos, die mit ihren Booten im Eise festsaßen und nun zu Schlitten nach Fort Mc. Pherson reisten. Es war ein Zug der bunt, ja festlich aussah, als er mit klingenden Schellen an dem aus Seehundfell gearbeiteten Geschirr zwischen der Bonanza und der Gjöa hindurchfuhr. Es erinnerte geradezu an die Weihnachtsfahrten auf dem Lande daheim. Diese Eskimos fuhren in ganz andrer Weise als die Netschjilli. Meistens waren die Hunde in einer langen Reihe angespannt, die im Gänsemarsch hintereinander zogen, manchmal aber auch paarweise. Sie waren so gut angeschirrt, daß sie nicht aus der Reihe herauskommen konnten, was seine Vorteile aber auch seine Nachteile hatte.

Sten hatte sein Haus mit Rasen bedeckt, und der Eskimo Kunak war jetzt mit dem seinigen, das dicht neben Stens lag, auch fertig geworden. Wenn nun der Winter seinen Einzug mit schweren Schneestürmen hielt, fand er die Kolonie auf King Point gerüstet. Im ganzen waren es zwanzig Seelen, die während der nächsten zehn Monate an diesem Orte kampierten. Auf der Gjöa wohnten Leutnant Hansen, Manni und ich, in unserm Haus drüben die andern fünf Leute von der Gjöa. Fünfzig Meter weiter westwärts lag Stens Haus, das aus Brettern und Planken von der Bonanza errichtet war und ganz villenmäßig aussah. Es bestand aus zwei Zimmern; in dem inneren wohnte Sten mit seiner Frau Kataksina und seinem Töchterchen Anni. Das Zimmer war behaglich und geräumig. Der vordere Raum war Küche und Wohnraum für die beiden Familien. Der Harpunierer Jimmi mit seiner Frau hatte ein großes bequemes Bett dicht am Herd, wo es allerdings ein wenig heiß werden konnte. Ich denke an die Backtage; da wird es wohl fünfzig Grad Wärme gehabt haben. Aber noch schlimmer stand es für den Eskimo Neiu und seine Frau, die in einem kleinen Verschlage gerade über dem Herd wohnten. Wie diese Menschen das aushielten, war mir ein Rätsel; sie zogen übrigens bald auf die Jagd hinaus und hielten sich den größten Teil des Winters im Freien auf. Die beiden Zimmer erhielten ihr Licht von einem riesigen Fenster im Dach. Vor der Küche war ein großer, in zwei Teile geteilter Flur; der eine davon war die Werkstatt, der andre diente als Speisekammer. Von der Werkstatt gelangte man in einen großen geräumigen Holzschuppen aus Balken und Segeltuch. Von da führte dann eine Tür ins Freie. Alles war praktisch und gut eingerichtet. Wand an Wand mit Sten hatte sich Kunak sein kleines Haus gebaut. Dieses hatte nur ein Zimmer, und die Einrichtung bestand aus zwei Betten, Tisch und Ofen. Übertrieben kann diese Einrichtung nicht genannt werden, wenn man bedenkt, daß Kunak seine alte Mutter, seine Frau und zwei Kinder bei sich hatte. Er bekam oft Gäste, und dann lagen bis zu zehn Menschen in seinem Hause. In der Kolonie gab es ungefähr ebensoviel Hunde wie Menschen. Wir sammelten aus allen Kräften Brennholz für den Winter. Es war ja genug da, und damit es uns nicht verschneie, stellten wir es in großen Haufen zusammen und fuhren dann davon ein, so viel wir brauchten. Zur besondern Freude des Kochs wurde eine wichtige Entdeckung gemacht. Das Wasser im See war vollkommen süß und lieferte ein in jeder Beziehung vortreffliches Trink- und Kochwasser. Das klingt merkwürdig; aber der See bekommt sein Wasser von dem großen Mackenzie, der nicht weit entfernt ist.

Wir waren alle oft erkältet, insbesondre Manni, den wir trotz seines Widerspruchs mehrere Tage hintereinander das Bett hüten lassen mußten. Er litt auch an Nasenbluten — ja, es verging fast kein Tag, an dem er nicht aus der Nase geblutet hätte. Schon lange hatte ich mir das Eis daraufhin betrachtet, ob es denn nicht bald möglich wäre, zu Schlitten nach der Insel Herschel zu gelangen, weil ich mich da nach der Post erkundigen wollte, die in der nächsten Zeit von dort abgeschickt werden sollte. Wir sehnten uns ja alle brennend nach Botschaft aus der Heimat. Ich hatte mich mit Sten verabredet, der mit den Walfischfängern auf der Insel Herschel verhandeln wollte. Die Eskimos westwärts von uns hatten versprochen, Nachricht zu geben, sobald das Eis passierbar wäre. Besonders bei Key Point wollte es nicht so recht fest werden; dort ergießt sich nämlich ein großer Fluß ins Meer. Am Sonntag den vierundzwanzigsten September kam ein Eskimo vorbei, der nach Herschel wollte. Wenn er dorthin gelangen könnte, dann müßte es uns andern doch auch möglich sein. Am Dienstag darauf machten wir uns denn auch morgens in aller Frühe mit einem Schlitten und einem guten Hundegespann auf den Weg. Die Schneebahn war nicht sehr gut, denn der neugefallne Schnee war noch nicht fest geworden, und wir mußten uns durch große lockre Schneewehen hindurcharbeiten. Vier Seemeilen westwärts stießen wir auf das erste Eskimolager von mehrern Zelten. Alle Boote waren an Land gezogen, die Eskimos lebten von Fischen, die sie aus dem Eise des Sees herausholten. Noch einige Meilen weiter westwärts war wieder ein Lager. Diese Eskimos waren bedeutend zivilisierter als die Neschjilli. Die Gastfreundschaft hielten sie sehr hoch. Wenn man sie besuchte, wurde einem immer mit Tee und frischem Weißbrot aufgewartet. Die Eskimos hier an der Küste von Alaska trinken mehr Tee als irgend ein andres Volk.

Wir hielten uns meist auf dem Eise dicht unter Land, wo wir den besten und bequemsten Weg hatten. Da wir das Marschieren noch nicht gewohnt waren, hielten wir am ersten Tag bei Key Point an, fünfzehn Meilen von King Point und zwanzig Meilen von Herschel entfernt. Wir errichteten ein Zelt am Ufer, sammelten Brennholz und machten es uns bequem. Ich hatte Manni mitgenommen, ihm die großen Schiffe und die vielen Kabluna zu zeigen. Der Eskimo Neiu war auch mit uns. Am nächsten Morgen zogen wir weiter. Der Weg auf dem Eise war hier abscheulich; unter dem Schnee stand wohl einen halben Fuß tiefes Wasser. Wir wateten in dem Brei, und unsre Renntierstiefel wurden durch und durch naß. Aber wir kamen doch vorwärts, und um halb fünf Uhr nachmittags waren wir am Herschelhafen. Ein ganz ungewohnter Anblick wurde uns hier zuteil. Vier große Schiffe lagen nebeneinander, und auf dem Eise dazwischen wimmelte es von Menschen. Unsre Ankunft machte großes Aufsehen. Sten und Neiu waren ja den meisten von früher bekannt, aber Manni und ich in der Netschjillitracht waren etwas ganz Neues. In einem Nu waren wir von einer bunten Menge umringt — Mulatten, Negern, Gelben, Weißen. Auch die Kleidung dieser Menschen war höchst mannigfaltig; die meisten Eskimos gingen in Kablunakleidern, und die meisten Kabluna in Eskimotracht. Unter Kabluna verstehen die Eskimos hier alle Menschen einer fremden Rasse. In Beziehung auf den Neger setzt er aber doch ein „maktok“ hinzu und nennt ihn Maktok-kabluna, was so viel heißt wie „der schwarze Weiße“.

Da ich beschlossen hatte, Kapitän Tilton auf der „Alexandra“ aufzusuchen, begab ich mich dorthin. Ich wurde mit der größten Zuvorkommenheit aufgenommen und in eine freundliche, behagliche Kajüte geführt Kapitän Tilton war ein großer, kräftiger Mann, der älter aussah, als er in Wirklichkeit war, mit wenig Haar und einem weißen Schnurrbart. Nach kurzer Zeit kamen auch die andern Schiffsführer herbei. Das Leben, das sie in diesen Gegenden führen, hatte allen ein gemeinsames Gepräge gegeben; sie hatten alle eine ziemliche Leibesfülle und nur wenig Haar. Daß die Verhältnisse auf mehrern dieser amerikanischen Walfischboote nicht so waren, wie sie hätten sein sollen, ist wohl kaum zu bezweifeln. Aber da ich keine positiven Beweise habe, will ich die vielen und mannigfaltigen wunderbaren Geschichten, die mir während meines Aufenthalts hier zugetragen wurden, lieber unberührt lassen. Von Kapitän Tilton wurde ich übrigens vom ersten Augenblick an mit der größten Liebenswürdigkeit behandelt. Er bot mir jede nur erdenkliche Hilfe an, und dabei war er doch selbst keineswegs reichlich versehen. Am meisten aber freute ich mich über einen Brief von Hause. Er war allerdings recht alt, fast anderthalb Jahre, aber darum nicht weniger willkommen. Vom Konsul Henry Lund in San Francisco bekam ich auch einen Brief, und die Kapitäne berichteten mir, wie viel dieser Herr für mich getan hätte. Alle hatten von ihren Reedern Befehl erhalten, mir zu helfen, wo sie nur könnten. Ehe ich Herschel verließ, machte ich dem dortigen Missionar, Herrn Whittaker, einen Besuch. Er wohnte mit seiner Frau und zwei Töchtern auf dem Festland in einem Hause, das außer den Wohnräumen für ihn und seine Familie auch noch die Räume für Kirche und Schule der Eskimos enthielt. Ich wohnte einem Gottesdienst an, und es war mir ein wahres Vergnügen, die Eskimos singen zu hören. Als ein praktischer Mann, was jeder Missionar sein sollte, hatte Herr Whittaker seine Leute genau studiert und dabei herausgefunden, daß sie den Gesang liebten. Da fügte er sehr viele Gesänge in den Gottesdienst ein und predigte nur ganz kurz und bündig. Die Folge davon war eine volle Kirche. Der Missionar war ein echter englischer „Sportsman“, von hoher, schlanker und elastischer Gestalt und großer Körperkraft, die ihm unter den gegebnen Verhältnissen sehr zustatten kam; denn bisweilen mußte der Pfarrer hier auch die Polizei darstellen. Die Eskimos haben einen häßlichen Fehler; sobald sie Branntwein bekommen, betrinken sie sich, und dann sind sie nicht leicht zu regieren. Herr Whittaker hatte gewiß eine recht schwierige Stellung an diesem Ort, wo so viele schlechte Elemente zusammenkamen, die auf die verschiedenste Weise den Bestrebungen des Pfarrers und Missionars entgegenarbeiteten. Er und seine Familie waren daher recht froh, daß im nächsten Frühjahr ihr Aufenthalt hier zu Ende ging. Die beiden Töchterchen waren sechs und neun Jahre alt, zwei ungewöhnlich liebe Kinder. Beide sprachen fließend englisch und die Eskimosprache. Das jüngste wurde leider krank und starb im nächsten Frühling. Es war ein ergreifender Anblick, als die Eltern beim Verlassen der Insel die Kleine auf dem Schlitten mitnahmen.

Manni hatte sich königlich amüsiert. Er war ununterbrochen eingeladen gewesen und hatte an dem „Hola-hola“ oder Tanz der Eskimos teilgenommen. Die Eskimotänze sind aber hier von den Kablunatänzen beeinflußt und bieten nichts Interessantes mehr. Gut bewirtet war Manni auch worden. Remitier- und Seehundfleisch, sowie Walfischspeck hatte er so viel bekommen, wie er nur hinunterbringen konnte — und das war nicht wenig. Die Eskimos wohnten in kleinen, elenden, niedrigen Holzhäusern auf dem Lande; sie sahen nicht sehr gesund aus, und Manni war nach dem Besuche auch sehr erkältet. Die Post sollte am zwanzigsten Oktober über Fort Mc. Pherson nach Fort Yukon abgehen. Dort sollte sie warten und dann für die verschiednen Kapitäne Telegramme zurückbringen. Mit einer Antwort für uns sah es daher vor dem Monat Mai nicht hoffnungsvoll aus, denn die Post wird über Edmonton nach Fort Mc. Pherson gebracht und von dort durch Indianer nach der Insel Herschel befördert. Das war eine zu lange Wartezeit, und wir fragten deshalb bei den Walfischfängern an, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich die Post am zwanzigsten Oktober begleiten würde. Wenn ich selbst dorthin käme, könnte ich gewiß alles allein besorgen. Meinem Wunsch wurde mit der größten Liebenswürdigkeit entsprochen und mir alles Notwendige zur Verfügung gestellt. Kapitän William Mogg, der Führer der gestrandeten „Bonanza“, wollte auch mit der Post Weiterreisen und versuchen, San Francisco zu erreichen, um dann im nächsten Jahr mit einem neuen Schiff wieder in die nördlichen Breiten zu ziehen. Das war wirklich ein mutiger Plan von diesem älteren Manne, der überdies solche Reisen gar nicht gewohnt war. Am neunundzwanzigsten September, morgens um neun Uhr, traten wir die Rückreise nach der Gjöa an. Mogg begleitete uns, er wollte einen Teil seines Proviants bei King Point holen. Ohne größere Mühe reisten wir den ganzen Tag, und um elf Uhr abends waren wir am Ziel. Am Abend sahen wir ein wundervolles Nordlicht. Wir sprachen auch bei unsern Nachbarn im nächsten Eskimolager vor und wurden mit Tee und Weißbrot bewirtet. Hier trafen wir eine Schlittenexpedition, die von Kapitän Mc. Kenna ausgesandt war und nach der Insel Herschel sollte. Von ihr erfuhren wir, die „Charles Hanson“ sei vor Kap Toker jenseits vom Mackenziedelta im Eise stecken geblieben. Diese Schlittenexpedition wußte auch, daß vier von den andern Schiffen die Insel Bailey erreicht hätten; aber von dem fünften wußte sie nichts. Ober dieses verschwundne Schiff liefen den ganzen Winter hindurch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Es war ein kleiner Schuner, nicht größer als die Gjöa, namens Olga. Das Schiff war zuletzt in nördlicher Richtung fahrend gesehen worden, und man war sehr in Sorge, es sei entweder im Eise erdrückt oder nach dem Pol getrieben worden.

Bei unsrer Rückkehr hatten wir sechsunddreißig Seemeilen zurückgelegt, was für uns ungeübte Fußgänger eine ordentliche Leistung war. Während meiner Abwesenheit war an Bord und an Land fleißig gearbeitet worden. Lund hatte ein neues meteorologisches Häuschen verfertigt, in das kein Nebel hineindringen konnte. Schon am nächsten Tage stellte ich mit Ristvedt alle meteorologischen Instrumente auf, so daß wir die Beobachtungen am ersten Oktober beginnen konnten. Auch der Bau des Observatoriums für die magnetischen Variationsinstrumente war weit vorgeschritten und wurde am zweiten Oktober fertig. Es hatten vier bis fünf Fuß Erdboden herausgesprengt werden müssen, und das ganze Observatorium lag nun unter der Erde, nur das Dach schaute noch heraus. Für dieses Haus war Holz von der Kajüte der Bonanza verwendet worden. Das ganze Haus wurde mit Dachpappe und alten Segeln überzogen. Jetzt fuhren täglich in beiden Richtungen Eskimos vorbei, und es war kein ungeteiltes Vergnügen, diese umherstreifenden Gäste zu jeder Zeit um sich zu haben. So kamen einmal vier ganze Familien zugleich und schlugen ihre Zelte dicht bei der Bonanza auf. Die Eskimos ließen sogleich ihre Hunde los, die nicht gerade überfüttert waren. Sie rannten denn auch alle schnurstracks auf Beute. Kapitän Mogg hatte seinen Schlitten gepackt, um zur Abreise am nächsten Morgen parat zu sein. Unter anderm Proviant hatte er auch eine Anzahl gefrorner Fische darauf, mit denen er den andern Kapitänen aufwarten wollte, weil diese noch keine Fische gehabt hatten. Selbstverständlich fielen nun diese Hunde über den bepackten Schlitten her und fraßen die Fische auf. In der Nacht brachen sie dann in Stens Provianthaus ein und stahlen S| nach Stens eigner Angabe — zweihundertfünfzig gefrorne Fische. In unserm Holzschuppen fanden sie eine nagelneue Renntierhose, die Lund gehörte, — diese fraßen sie mit Stumpf und Stiel auf. Als die Missetaten am nächsten Morgen an den Tag kamen, gab es einen fürchterlichen Spektakel. Ich stand hinter einem Holzhaufen und beobachtete den kleinen, runden Kapitän Mogg, als er nach seinem Schlitten sah. Er stand vor seiner leeren Fischkiste und fluchte auf amerikanisch, daß es eine Art hatte. Vor seinem Hause ging Sten, den Karabiner über der Schulter, in kriegerischer Haltung auf und ab; drunten aber in ihren Zelten sangen und lachten die Eskimos, während sie sich zum Aufbruch rüsteten, augenscheinlich in vollständiger Unkenntnis des Vorgefallenen. Sten wartete offenbar auf sie; ich lief zu ihm hinüber und sagte mit fröhlichem Gesicht:

„Nun, Sten, guten Morgen! Wie gehts?“ Wütend drehte er sich um: „Zweihundertfünfzig Stück haben mir die verdammten Schweinehunde gestohlen; aber nicht ein einziger Eskimo kommt von hier weg, ehe er nicht jeden einzelnen bezahlt hat!“ Indessen aber sah ich nichts andres, als daß die guten Eskimos ihre Vorbereitungen mit aller Seelenruhe fortsetzten. Als ich nach dem Gabelfrühstück wieder hinauskam, waren sie schon weit draußen auf dem Eise. Ich fragte Sten, ob er denn eine Bezahlung oder Erstattung für seine Fische bekommen habe? Nein, das habe er nicht, antwortete er, aber jeder von den Eskimos habe garantiert, er werde ihm im Frühjahr die Fische wiederbringen. Sten sagte mir nicht, worin diese Garantie bestand, und ich habe meine Zweifel, ob sie viel wert gewesen ist. Übrigens war Sten der gefälligste Mensch von der Welt. Als er hörte, ich wolle die Post begleiten, machte er sich flugs an die Herstellung eines neuen Schlittens. Ich besaß nun allerdings Schlitten genug, und auch recht gute, hatte aber das Herz nicht, sein wohlgemeintes Aner-bieten auszuschlagen. Auch dachte ich, auf meiner Postreise würde ich wohl nicht besonders viel Verwendung für einen Schlitten haben; deshalb sei es nicht von so großer Wichtigkeit, wie der Schlitten konstruiert sei, den ich mitnähme. Stens Frau, Kataksina, verfertigte neue Stiefel und neue Kleider für mich, und zu diesem Zweck hatte Sten sogar noch mehrere andre Eskimos angeworben. Da mir sehr viel daran lag, eine genügende Menge frisches Fleisch für den Winter zu bekommen, beschloß ich, unsre Nimrode, Hansen und Ristvedt, auf eine Jagdexpedition auszuschicken. Der Eskimo Neiu hatte die Ofenwärme in Stens Küche vermutlich satt bekommen, denn er nahm die ihm angebotne Stelle eines Führers der Expedition mit Freuden an. Sie wurden auf acht Wochen ausgerüstet und bekamen zwei von unsern und vier von Stens Hunden mit Ich selbst behielt für meine Postreise vier Hunde zurück. Unsre beiden Hündinnen hatten leider die Zeit schlecht gewählt: sie konnten jeden Tag niederkommen, und durften also jetzt nicht benützt werden. In der ersten Hälfte des Oktobers fiel der Fischfang außerordentlich reich aus. Zwischen dreißig und vierzig Stück am Tage, — das war das regelmäßige. Wir reinigten die Fische sogleich beim Herausnehmen aus dem Netz und hängten sie am Takelwerk auf, wo sie augenblicklich gefroren. Das Takelwerk der Ojöa bot überhaupt in dieser Zeit einen lustigen Anblick. Oar manchem Fisch- und Wildhändler wäre das Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er alle die herrlichen Bündel von Schneehühnern, Enten, Gänsen und Fischen gesehen hätte, die daran baumelten. Manni war jetzt Leutnant Hansens Schüler geworden; er lernte Schreiben und das Zifferblatt lesen. Besondre Gaben zeigte er nicht; aber er lernte doch ziemlich rasch seinen Namen schreiben und sagen, wie viel Uhr es war — jedenfalls innerhalb eines Spielraums von fünf Minuten. Schneller ging es mit dem Brettspiel, dessen Geheimnisse er sich so aneignete, daß sein Herr und Lehrmeister wirklich manchmal den kürzern zog. Während dieser Spielpartien saß meistens auch ich in der Kajüte mit einem Buch und las unter der angenehmen Begleitung der leisen und wohlbedachten Bemerkungen. Aber wenn Manni gewann, dann brach er in ein solches Freudengeheul aus, daß jeder literarische Genuß in seiner Nähe für eine Weile ganz unmöglich wurde. Jetzt vor meiner Abreise waren alle eifrig mit Briefschreiben beschäftigt; jeder wollte ja den Seinen Nachricht geben. Zum Schlüsse kamen alle Briefe in eine Messingbüchse, die zugelötet wurde. In diesen Gegenden muß man starke Briefumschläge haben.

Am zwanzigsten Oktober war meine Ausrüstung fertig.‘ Der von Sten verfertigte Schlitten leuchtete im Glanz seines Firnis und seiner neuen Beschläge. Die nagelneue von seiner Frau genähte Decke vermehrte den Eindruck von Eleganz. Die Ladung des Schlittens wog vorerst nur hundert Kilogramm; in Herschel würde ich schon noch mehr zu verpacken bekommen. Ich nahm Jimmi mit, um ihn den ersten Blick in die Zivilisation tun zu lassen. Er konnte mir außerdem in diesen Gegenden eine sehr gute Hilfe sein. Am einundzwanzigsten Oktober früh um sechs Uhr verabschiedeten wir uns von unsern Kameraden und zogen ab. Es war ein herrlicher Tag. Der Weg war ausgezeichnet, da die Kälte noch nicht ernstlich hereingebrochen war. Wir fuhren den Strand entlang, wo der Wind den Schnee fast ganz weggeblasen hatte, und da ging es mit großer Geschwindigkeit vorwärts. Wir waren beide in Netschjillitracht; aber es dauerte nicht lange, da mußten wir die Oberkleider abwerfen und in den Unterkleidern weitermarschieren. Nachdem wir Key Point erreicht hatten, bemerkte ich etwas Sonderbares. Ganz von drinnen aus der Bucht kam etwas gerade auf uns zu. Es sah am ehesten aus wie ein Luftballon, der am Rande des Eises hinschleifte. Als die Erscheinung näher kam, sahen wir, daß es ein Schlitten mit einem Segel war. Bei der frischen Brise trieb das Segel den Schlitten sehr rasch vorwärts, die Hunde mußten sich recht in acht nehmen, da sie sonst leicht hätten unter den Schlitten geraten können. Der Schlitten kam auf uns zu und schlug dieselbe Richtung ein wie wir. Wir versuchten gleichen Schritt mit ihm zu halten, blieben aber mehr und mehr zurück. Auf dem Schlitten waren vier Eskimos. Plötzlich hielt der Schlitten; der Führer wendete sich an mich und schlug mir vor, alle drei Schlitten zusammenzukoppeln und alle Hunde vorzuspannen. Ich nahm das Anerbieten mit Freuden an; in wenigen Minuten war es getan, und bei günstigem Wind ging es nun rasch der Insel Herschel zu. Der liebenswürdige Eskimoführer sprang auf die andre Seite seines Schlittens; so konnten wir uns unterhalten. Es war ein ungewöhnlich einnehmender Mensch, der gut englisch sprach; er war von der Art der Menschen, zu denen man gleich Vertrauen faßt, und erinnerte mich an den besten von meinen Freunden in Ogchioktu: an den Uhu. Meine Freude war deshalb ebenso groß wie meine Überraschung, als Jimmi — so hieß er — mir mitteilte, er sei der Mann, der die Post von Herschel nach Fort Yukon bringen solle. Er sagte mir auch auf meine Erkundigungen ganz ehrlich, von der Abgangszeit und über den Weg wisse er selbst nichts, denn er habe diese Reise noch nie gemacht. Er habe von den weißen Männern Befehl erhalten, die Post zu übernehmen, und da wolle er gehorchen. Ich erfuhr später, daß keiner von den andern Eskimos sich auf diese Postfahrt einzulassen gewagt hatte. Als Bezahlung war Jimmi ein Walfischboot versprochen worden, was der höchste Wunsch dieser Eskimos ist. Mit einem Walfischboot fühlen sie sich für den Rest ihres Lebens geborgen.

Um drei Uhr nachmittags hatten wir die Insel Herschel erreicht. Nach meiner Abreise verlief auf der Gjöa alles still und gleichmäßig. Leutnant Hansen führte an meiner Statt das Kommando. Es wurde eine Reihe von Jagdexpeditionen unternommen, von denen man nie mit leeren Händen zurückkehrte. Kunak, der Wand an Wand mit Sten wohnte, wurde nach dem Mackenziedelta geschickt, Elche zu jagen, die dort in großen Mengen zu finden waren. Es kamen beständig Sendungen von Elchfleisch an Sten, die er mit uns teilte. Auch andre Eskimos kamen und boten uns Elchfleisch zum Kauf an, sowie eine Menge Hasen. Das Wetter war in diesem Winter ausnahmsweise schlecht; ein Schneesturm löste den andern ab. Weihnachten kam heran, und unter den vereinten Anstrengungen der Kolonie wurde diese Zeit festlich und vergnügt begangen. Aber Nebel und Stürme trieben auch im Neuen Jahr unverändert ihr Spiel und machten den Leuten das Leben so sauer, wie es nur solche unerträglichen Schneestürme machen können. Sie wirbeln alles zu einem undurchdringlichen Nebel zusammen, blenden einem die Augen und dringen in jede Fuge und Spalte hinein. Eines Abends wollte Manni vom Wohnhaus an Bord zurückkehren. Es war ein Hundewetter erster Sorte, und als Manni nicht kam, wurde der Leutnant ängstlich um ihn. Er ging also an Land, ihn zu suchen, und fand ihn — in Stens Haus. Manni hatte sich auf der kurzen Strecke verirrt gehabt. Anfangs März erhielten sie eine Postsendung an Bord. Es waren eine Anzahl Zeitungen und ein Telegramm, das ich mit „The Royal North-West Mounted Police“, die Dawson City am fünfundzwanzigsten Dezember verließ, abgeschickt hatte. Durch diese Zeitungen und durch Briefe von mir erhielten sie genaue Kenntnis über die Ereignisse daheim in Norwegen, und zugleich erhielt jeder Grüße von den Seinen. Am zwölften März, abends um sechs Uhr, war ich wieder an Bord und brachte Briefe und Zeitungen für alle miteinander. An Bord fand ich alles in schönster Ordnung. Leutnant Hansen hatte während meiner Abwesenheit die meteorologischen Beobachtungen übernommen, und Wiik hatte die magnetischen Beobachtungen ohne Unterbrechung fortgesetzt. Ehe ich abreiste, hatte ich Befehl gegeben, den Walfischfängern zehn Kisten oder zwölf hundert Kilogramm Mehl auszuliefern, weil sie damit sehr schlecht versehen waren. Dies geschah nicht ohne Stolz darauf, daß die Gjöa nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Jahr im Eise den Amerikanern noch diese Hilfe leisten konnte. Der Tag nach meiner Rückkehr wurde gefeiert; Veranlassung dazu hatten wir ja genug. Kurz nachher reiste Ristvedt mit Jimmi nach der Insel Herschel, um einen Arzt zu konsultieren. Ein Sandkorn war ihm ins Auge geflogen, und er konnte es nicht wieder herausbringen. Am sechzehnten März nahmen wir eine Liste über unsern Proviant auf und konnten feststellen, daß wir reichlich versehen waren. Ein paar Tage später kehrte Ristvedt, von seinen Schmerzen befreit, zurück, und er war ganz erfüllt von der Gastfreundschaft, die ihm Kapitän Mc. Gregor und Frau auf der Karluk erwiesen hatten.

Wir benützten die ersten schönen Tage zum Bau eines großen luftigen Hauses auf dem Berggipfel — für unsre Sammlungen. Wenn die Sonne jetzt wieder ordentlich herauskam, mußten unsre Felle und Pflanzen gelüftet werden. Für diese Sammlungen waren wir mindestens ebenso besorgt wie für unser eignes Leben. Am zweiundzwanzigsten März hatten wir eine Maximal-Temperatur von zwei Zehntel Grad über Null, zum erstenmal in diesem Winter. Der Frühling kündigte sich allmählich an. Neiu war gerade jetzt mit neunzig Hasen zurückgekehrt. Ich beschloß daher, einige von unsern Jägern noch einmal mit ihm und seiner Frau auf die Hasenjagd auszusenden. Wir hatten jetzt keinen Mangel an Schrotflinten mehr, denn die Walfischfänger hatten uns mit solchen versehen. Am Tage nach ihrer Abreise kamen die Eskimos und verkauften uns hundertvierzig Pfund Elchfleisch und vierzig Hasen. Wir schwelgten geradezu in frischem Fleisch. Wiik war in den letzten Tagen nicht so recht wohl gewesen; doch erschien das nicht so schlimm, daß wir dem Unwohlsein größere Bedeutung beigelegt hätten. Er klagte über Mangel an Appetit, und am sechsundzwanzigsten abends auch über heftige Schmerzen in der rechten Seite. Ich gab ihm Naphtha, was die Schmerzen linderte. Am nächsten Tag mußte er liegen bleiben; und er klagte wieder über dieselben Schmerzen. Ich vermutete eine leichte Rippenfellentzündung, woran er, wie er mir jetzt sagte, früher schon gelitten hatte. Nach dem Arzneibuch von Uchermann behandelte ich ihn nun mit kalten Umschlägen. Außerdem bekam er Naphtha, wenn sich ab und zu Atemnot einstellte, ln der Nacht auf den achtundzwanzigsten hatte er gut geschlafen, und am nächsten Vormittag lachte und scherzte er wieder mit uns. Am Nachmittag stellten sich jedoch die Schmerzen abermals ein. Ich ließ deshalb die nassen Umschläge weg und legte ihm ein Senfpflaster auf. Am Abend hatte er hundertvier Pulsschläge, und die Temperatur zeigte neununddreißig fünf Zehntel Grad. Um vier Uhr wurde ich gerufen. Wir hatten eine elektrische Leitung zwischen dem Schiff und dem Wohnhaus, und ich hatte befohlen, mir zu klingeln, wenn irgend eine Veränderung eintreten sollte. Wiik klagte überheftigereSchmerzen, und die rechte Seite war leicht geschwollen. Das Senfpflaster hatte nicht gewirkt; es war wohl zu alt gewesen. Ich legte nun einen Senfteig auf, und der wirkte sofort. Die Temperatur war unverändert: neununddreißig fünf Zehntel Grad. Gegen Morgen glaubte ich eine entschiedne Besserung wahrnehmen zu können. Der Kranke schlief Stunden lang und hatte keine Schmerzen mehr. Ich gab ihm etwas Fieberarznei, die ihm gut tat. Um Mittag war die Temperatur auf neununddreißig zwei Zehntel Grad heruntergegangen. Er verlangte etwas zu essen und aß mit verhältnismäßig gutem Appetit. Um neun Uhr abends zeigte die Temperatur achtunddreißig vier Zehntel Grad. Der Puls hatte hundertsechzehn Schläge, ging aber gleichmäßig. Ich nahm den Senfteig weg, der sehr gut gewirkt hatte, stach die Wasserblasen auf und legte einen Lappen mit Borvaseline darauf. Am dreißigsten März schrieb ich in mein Tagebuch: „Wiik geht es viel besser. Temperatur heute morgen achtunddreißig acht Zehntel Grad, mit ruhigem Puls und hundertsechzehn Schlägen. Die Temperatur heute abend siebenunddreißig sechs Zehntel Grad, Puls hundertvierzehn und ruhig. Appetit steigend, Verdauung gut.“ An diesem Abend war ich in der Aussicht auf Wiiks baldige Wiederherstellung sehr vergnügt In der darauffolgenden Nacht wurde ich nicht geweckt und war deshalb überzeugt, unsern Patienten so gut wie hergestellt anzutreffen, wenn ich zum Frühstück ins Wohnhaus hinüber käme, Doch ich wurde traurig enttäuscht. In der Nacht hatte der Kranke einen heftigen Schüttelfrost bekommen. Lindström, der ihm am nächsten lag, hatte ihn mit einer Menge Kleider zugedeckt. Da dies aber nichts half, bat Wiik Lindström, er solle sich selbst auf ihn legen. Der hatte es getan, und schließlich hatte der Anfall nachgelassen. Alsdann hatte Lindström den Ofen angezündet und im Zimmer warm gemacht. Er sagte, er habe mich nicht wecken wollen, weil draußen ein ganz toller Schneesturm gewütet habe. Das war natürlich verkehrt von Lindström gewesen; aber er hatte es in bester Absicht getan, und wahrscheinlich hätte ich auch gar nicht helfen können. Als ich am Morgen ankam, war die Temperatur achtunddreißig acht Zehntel Grad und der Puls hundertsechzehn. Als ich dann um elf Uhr wieder maß, war zwar die Temperatur auf achtunddreißig sechs Zehntel Grad gefallen, aber der Puls erschreckte mich. Im Gegensatz zu vorhin war er jetzt sehr unregelmäßig. Ich befahl daher Jimmi, meinen Begleiter auf meiner Reise nach Alaska, sich zur Abfahrt nach Herschel fertig zu machen, um einen Arzt zu holen. Draußen blies ein heftiger Nordwestwind mit dichtem Schneegestöber, und Jimmi wollte bis zwei Uhr morgens warten, da es jetzt schon spät war und er die Insel nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit hätte erreichen können. Ich schrieb an Kapitän Tilton, auf dessen Schiff sich der Arzt befand, und auch einen Krankheitsbericht an den Arzt selbst. Indessen aber wurde Wiiks Zustand immer bedenklicher, und ich wendete alle meine Überredungskunst an, Jimmi zur sofortigen Abreise zu bewegen. Aber das Wetter war jetzt so, daß selbst ein Eskimo sich nicht hinauswagte.

Als ich gegen fünf Uhr abends gerade die letzten Vorbereitungen für Jimmis Abreise am nächsten Morgen traf, begann die elektrische Klingel plötzlich heftig zu läuten. Dieses Klingeln bedeutete nichts Gutes, und ich eilte so rasch wie möglich hinüber. Aber ich kam nur gerade noch zu den letzten Atemzügen unsres armen Freundes zurecht. Es war ein unsäglich trauriger Augenblick. Ich drückte dem Toten die Augen zu, und still und tief betrübt saßen wir eine Weile neben der Leiche. Wiik war uns allen ein guter Freund gewesen; mit seinem fröhlichen Sinn und seinem frischen Humor hatte er viel zu dem allgemeinen guten Einvernehmen beigetragen. Wohl ist der Tod ein unheimlicher Gast; aber auf uns, in unsrer Lage, so weit von allen Verwandten und Freunden entfernt, wirkte er vielleicht noch niederdrückender als sonst. Dann gingen wir so schnell wie möglich wieder an unsre Arbeit — dieses große Hilfs- und Trostmittel. Da ich mir über die Art der Krankheit nicht ganz klar war, hielt ich es fürs sicherste, alles aus dem Hause herausschaffen zu lassen. Sten bot uns Platz bei sich an, und ich nahm das liebenswürdige Anerbieten mit großem Danke an. Die Küche wurde drüben bei Sten eingerichtet, und wir nahmen jetzt alle unsre Mahlzeiten dort ein. Lindström und Lund zogen auf das Schiff in den Achtersteven, bis die Vorderkajüte eingerichtet wäre. Nun war das Haus ganz verlassen, und wir vernagelten es. Ein paar Tage später ging Sten auf die Insel Herschel, und bei seiner Rückkehr sagte er, es hätte gar nichts geholfen, wenn auch nach dem Arzt geschickt worden wäre, dieser sei gegenwärtig mit Arbeit überlastet; einige Vergiftungsfälle verlangten Tag und Nacht seine persönliche Gegenwart. Am dritten April hatte Lund den schwarzgestrichnen Sarg vollendet, und Wiiks Leiche wurde hineingelegt. Wir stellten ihn in dem innern Zimmer auf zwei Schemel, schraubten den Deckel zu und breiteten eine Flagge darüber. Der Sarg sollte vorerst hier stehen bleiben, denn die Sonne mußte die festgefrorne Erde etwas erweichen; dann erst konnten wir unsern Freund begraben. Ofenröhren und andre kleine Öffnungen wurden der Ventilation wegen angebracht und das Haus dann aufs neue zugenagelt. Am fünften April kehrten unsre Jäger zurück. Von einigen Eskimos hatten sie den Tod unsres Gefährten erfahren. Auf ihren Schlitten brachten sie zweihundertsiebenunddreißig Hasen. Sie erzählten auch, es gebe unglaublich viele von diesen Tieren. Die Jagd wurde in folgender Weise betrieben. Quer durch ein langgestrecktes Gebüsch hindurch bildeten die Jäger eine Kette. Unter Schreien und Rufen trieben sie dann die Hasen vor sich her: die dummen Tiere verlassen das Gebüsch nicht, sie bleiben ganz am Rande zusammengekauert sitzen und werden so eine leichte Beute der Jäger. Diese Hasen sind viel kleiner als die unsrigen; wir rechneten auf zwei Mann einen Hasen.

Fast das erste, was die Walfischfänger tun, wenn sie sich zum Überwintern hier oben einrichten, ist, daß sie ein Eishaus bauen. Es mag sich ordentlich überflüssig anhören: ein Eishaus im Polarmeer! Aber im Sommer ist es sehr nützlich. Wir hatten es versäumt, uns bei Zeiten eins zu bauen, deshalb mußten wir uns jetzt nach einem Aufbewahrungsort für das frische Fleisch umtun. Wir ergriffen den Ausweg, der sich schon so oft als praktisch erwiesen hatte — wir gingen auf die „Bonanza“ und sahen nach, ob sich nicht dort irgend eine Hilfe fände; und wirklich, wir wurden auch diesmal nicht enttäuscht! Unter dem Kajütendeck war ein großer, prächtiger Kellerraum. Im Herbst hatte er sichjnit Wasser gefüllt, das jetzt festgefroren war; mit andern Worten: wir hatten den feinsten Eiskeller fix und fertig vor uns. Die Hasen wurden zusammengebunden und da unten aufgehängt; und so hatten wir die ganze Zeit über frisches Fleisch. Der erste Frühlingsbote war ein Fuchs, der am vierten April herbeigeschlichen kam. Ündström zog sehr bald zu seinem Freund Sten hinüber, was insofern praktisch war, als er dort drüben seine Hauptbeschäftigung hatte. Diese beiden Dicksäcke der Kolonie verband bald eine unverbrüchliche Freundschaft. Wenn wir nach dem Abendessen an Bord zurückgingen, kam eigentlich vor dem nächsten Morgen keiner von uns nochmals an Land; Lindström und Sten waren dann die Alleinherrscher droben in Stens Hause. Eines Abends hatte ich meine Pfeife vergessen und kehrte deshalb in das Haus zurück, sie zu holen. In dem Holzschuppen angekommen, hörte ich Lachen und lautes Rufen drinnen. „Aha,“ dachte ich, „da hättest du vielleicht schon früher untersuchen sollen, was das Band zwischen den zwei Unzertrennlichen bildet; das deutet ja auf wahre Orgien — vielleicht Unfug mit den Mädchen . . .!“ Wie ein Racheengel stand ich plötzlich vor ihnen — und konnte mich überzeugen, daß sie bei dem unschuldigsten Kartenspiel saßen und sich dabei amüsierten wie die Kinder. Ich erfreute mich eine Weile an ihnen und verschwand dann mit meiner Pfeife und meinem stolzen Bewußtsein. Am zwölften April kehrten die Jäger wieder zurück, diesmal mit einundsiebzig Hasen und fünf Schneehühnern. Manni war ein ausgezeichneter Bursche. Immer seelenvergnügt, zuverlässig und gutmütig. Sein Hauptvergnügen war die Jagd, und er war fast beständig draußen im Freien. Da er nun Ristvedt und Hansen auf die Jagd begleitete, ermahnte ich ihn, das Tabakkauen aufzugeben. Diese Unsitte war mir von jeher zuwider; der junge Mensch brauchte sich wahrhaftig nicht diese Schweinerei anzugewöhnen. Ristvedt und Hansen kauten Tabak, wie andre ein Butterbrot verzehren, ganz besonders, wenn sie auf der Jagd waren. Sie versuchten es, Manni zu verlocken; aber nein, er rührte ihren Tabak nicht an. Das Rauchen hatte ich ihm erlaubt, ihm aber zugleich gesagt, ein Übermaß könnte gefährlich werden. Und so war er auch darin äußerst mäßig. Da ich bei seinen vielen Erkältungen immer ein wenig ängstlich war, befahl ich ihm, bei der Rückkehr von einem Ausflug stets die Kleider zu wechseln. Und Ristvedt berichtete nun, Manni habe sich, so oft er nach Hause gekommen sei, von Kopf bis zu Fuß umgezogen. Nichtsdestoweniger war er jetzt gründlich erkältet, wahrscheinlich angesteckt von den Eskimos, die vollständig gleichgültig gegen sich sind. Die Osterzeit kam und ging, ohne daß wir ihr besondre Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Eine Zigarre pro Mann am Osterfest, — das war fast der einzige Extragenuß.

Am vierzehnten April besuchte uns der Inspektor von „The Royal North-West Mounted Police“, Mr. Howard, mit einem Sergeanten, einem Indianer und einem Eskimo. Mr. Howard war in Uniform, was einen hier oben ganz merkwürdig anmutete. Er kam von Fort Mc. Pherson und sollte nach der Insel Hersehel, um die kanadische Obrigkeit zu repräsentieren. Von Hersehel kam auch ein Schlitten an mit einem Teil von Missionar Whittakers Eigentum. Dieser Schlitten sollte fünfzehn Meilen westwärts nach Shingle Point. Der Frühling hatte begonnen, und damit auch der Verkehr. Am nächsten Tag traf wieder ein Schlitten von Osten her ein. Diesmal waren es einige Eskimos mit einem Weißen, die im Aufträge von Mc. Kenna Zucker holen sollten. Der Weiße machte fast den Eindruck eines Idioten. Eine seiner großen Zehen war ihm stark erfroren; Leutnant Hansen nahm sie jetzt in Behandlung. Später erzählte der Mann Sten, er sei mit dem zweiten Maschinisten von der „Charles Hansson“ zusammengewesen, dieser aber sei unterwegs krank geworden, und er habe ihn, nur mit einer wohnen Decke zugedeckt, zurücklassen müssen. Das erschien uns nicht als übertrieben gute Fürsorge. Charlie — so nannte der Mann sich — hatte weiter nichts an den Füßen, als ein paar gewöhnliche Strümpfe und Seehundkamikken, und das ist in diesen Gegenden sehr wenig. In Hersehel kam heraus, daß er Mc. Kenna durchgebrannt war, und zwar mit dem zweiten Maschinisten, der also irgendwo am Strande gestorben sein mußte. Mit den Eskimos, die Zucker holen wollten, war er nur zufällig zusammengetroffen. Um die Mitte des Monats reisten Leutnant Hansen und Ristvedt nach Hersehel; sie sollten sehen, ob wir noch zwei Mann bekommen könnten. Ich hätte gerne einen andern Mann für die Küche gehabt, weil Lindström lieber bei der Maschine sein wollte — und dann noch einen Mann auf Deck. Mittlerweile hörten wir, es seien Renntiere in der Gegend gesehen worden, wir schickten deshalb Hansen mit einer Eskimofamilie auf die Jagd. Alle unsre Hunde, mit Ausnahme von Nikodemus, den ich von Eagle City mitgebracht hatte — waren in einem miserabeln Zustand, teils durch Raufereien, teils durch andre Unglücksfälle. Hansens Expedition wurde deshalb das „Invalidenkorps“ genannt. Er kehrte auch schon am ersten Abend wieder zurück und erklärte, das Petroleum sei ausgelaufen und habe alles Brot verdorben. Es blieb uns nichts andres übrig, als den „Invaliden“ neues Brot zu geben und sie am nächsten Tage wieder ausziehen zu lassen.

Am zweiundzwanzigsten April kam Herr Whittaker mit Frau und Tochter an. Sie übernachteten bei uns und reisten am nächsten Morgen weiter. Jetzt trafen die Schneehühner in großen Scharen ein. Die dichtbesetzten Höhenzüge sahen aus, als seien sie lebendig geworden; aber die Vögel waren so scheu, daß man fast nicht auf Schußweite zu ihnen hinkommen konnte. Manni machte von Tag zu Tag Fortschritte in der Gelehrsamkeit. Zu einer tiefem Kenntnis der Kablunasprache brachte er es allerdings nicht. Die größten Fortschritte machte er im Brettspiel und im Patiencelegen. Manchmal war es recht schwer, ihm irgend eine Beschäftigung anzuweisen, wenn er mit seinem vorgeschriebnen Tagewerk — Reinmachen, Holzspalten, Wasserholen und auf die Jagd gehen — fertig war. Da machte er wohl ein Brettspiel mit dem Leutnant, oder er legte allein eine Patience. Leutnant Hansen und Ristvedt kehrten bald wieder von Herschel zurück, wo es ihnen als Gästen des Kapitäns Mc. Gregor auf der Karluk ausgezeichnet gegangen war. Mit gewohnter Zuvorkommenheit überließen die amerikanischen Walfischfänger uns die erbetnen zwei Mann, die ich am ersten Juni abholen lassen könnte. Für diese zwei neuen Mitglieder genügte aber der Platz an Bord nicht mehr. Wir mußten daher unsre Wohnräume zu erweitern suchen. Eine Rücksprache mit Lund genügte; er hatte sogleich einen Plan bei der Hand. Wir beschlossen, auf jeder Seite der Vorderkajütentreppe ein Stübchen einzurichten, eins für Hansen und eins für Lund. Die wenigen Bretter, die wir von Christiania mitgenommen hatten, und die schon bei dem Observatorium auf King Williams-Land und im Wohnhaus auf King Point verwendet worden waren, mußten jetzt abermals herhalten. Sie genügten auch gerade für diese beiden Zimmerchen. Ja, klein waren sie und auch nicht elegant eingerichtet, aber als sie fertig angestrichen und ausgestattet waren, sahen sie ganz hübsch und bequem aus. Ende April schmolz der Schnee mit jedem Tag sichtbar zusammen. Auf allen schneefreien Stellen wimmelte es von „Hiksien“, einer Art Erdratten, die so feist und fett waren, daß sie aussahen, als hätten sie den ganzen Winter über nichts andres getan als sich gemästet. Ihr Fell wird als Futter für Mäntel benützt, und deshalb ist das Tier sehr gesucht. Man braucht aber wenigstens sechzig Felle zu einem Mantel. Mannis Frühlingsjagd betand hauptsächlich im Hiksienfang. Teils erlegte er sie mit der Flinte, teils fing er sie in Fallen. Er stellte die Fallen vor ihren Löchern auf und legte sich mit einer Schnur ein Stück weit davon in den Hinterhalt. Wenn die Ratte herauslugte, um zu sehen, was da draußen vorgehe, zog Manni an seiner Schnur, und der Hals des kleinen Viehs steckte in der Schlinge!

Auch die Wärme wurde beständig. Die Temperatur hielt sich jeden Tag auf dem Gefrierpunkt, und auf dem Eise draußen bildeten sich allmählich Wassertümpel. Nach einem achttägigen Jagdausflug kehrte Hansen mit vierzehn Renntierea zurück. Die meisten davon hatte der Eskimo Anakto mit einem unsrer Krag-Jörgensenkarabiner erlegt. In diesem Winter waren überhaupt die Krag-Jörgensen-waffen geschätzt, und sie standen weit über den Winchester-gewehren. Übrigens war Hansen mit dem Hereinschaffen des Fleisches, das uns die Eskimos lieferten, vollauf beschäftigt. Eine ganze Menge Eskimos — für Walfischfänger wenigstens eine Menge — lag jetzt der Jagd ob; und wenn man in diesen schwierigen Gegenden mit ihnen hätte wetteifern wollen, hätte man wirklich selbst ein Eskimo sein müssen. Die Renntierewaren außerdem sehr scheu und über die Maßen ängstlich und schreckhaft. In den letzten Tagen des Aprils wurde ich sehr überrascht durch den Besuch eines Mannes,, mit dem ich auf meiner Postreise in Anakto (Eskimo von der Insel Herschel) der Nähe von Rampart Houseam Por-cupine weit drinnen in Alaska zusammengetroffen war. Er hieß Mr. Darrell; ein höchst merkwürdiger Mann, von einer Körperkraft, einem Mut und einer Ausdauer, die ihresgleichen suchten. Er mochte wohl um die vierzig sein, war klein von Gestalt, aber sehr breit gebaut und hatte ganz hellblondes Haar. Als der Teil der amerikanischen Walfischfängerflotte, der bei der Insel Bailey überwinterte, die Postsachen südwärts schicken wollte, ließ man sie durch einige Eskimos nach Fort Mc. Pherson verbringen mit der Bitte an den Kommandeur, sie durch Indianer nach Fort Yukon weiter zu befördern. Wegen der Ungeheuern Schneemenge, die im Laufe des Winters gefallen war, wagte sich indes kein Indianer über die Berge zwischen dem Peel River, einem Arm des Mackenzie, und dem Porcupine. Mr. Darrell war damals bei der Hudsonbai – Kompanie angestellt. Als er von der Weigerung der Indianer hörte und wohl wußte, wie viel für die Walfischfänger dabei auf dem Spiele stand, entschloß er sich, selbst die Post weiter zu befördern. Er rüstete sich mit einem „Taboggan“, einem kanadischen Schlitten, den ich später beschreiben will, sowie mit Hunden aus und machte sich mutterseelenallein auf den Weg. Das klingt fast wie Wahnsinn. Aber Darrell hatte in seinem Leben schon viele Schlittenfahrten gemacht und hatte auch seine guten Gründe dafür, die Einsamkeit einer vielleicht oft zweifelhaften Gesellschaft vorzuziehen. Die öden Felsgegenden zwischen dem Peel und Porcupine sind in der Regel nicht schlimmer zu überschreiten als andre auch. Aber die Indianer hatten recht: die Ungeheuern Schneemassen hatten große Hindernisse geschaffen. Mr. Darrell sah bald, daß ihm die Hunde gar nichts nützen konnten. Sie stapften und wateten immer nur in dem tiefen Schnee umher. Rasch entschlossen ließ er sie daher zurück und machte sich, seinen Taboggan selbst hinter sich herziehend, allein auf den Weg. Der Taboggan war klein und so wenig wie möglich belastet. Darrell mußte sich schrecklich plagen, kam aber doch vorwärts. Bei Rampart House, einer kleinen Handelsstation am Porcupine, ruhte er ein paar Tage aus und verschaffte sich wieder einen kleinen Proviantvorrat. Ein paar Tagemärsche von da hatte ich ihn auf meiner Reise mit der Post von Eagle City getroffen. Ganz allein kam er mit seinem Taboggan dahergezogen und hoffte, in einer Woche Fort Yukon zu erreichen. Damals pflogen wir keine lange Unterhaltung; aber er sagte, er wolle den Heimweg über die Insel Herschel nehmen, und ich lud ihn zu uns an Bord ein, Rast bei uns zu halten. Er nahm die Einladung an, aber ich hätte nie geglaubt, daß ich den Mann Wiedersehen würde. Und nun, am neunundzwanzigsten April, kam er ganz ruhig mit seinem Taboggan dahergezogen, genau so, wie ich ihn am Porcupine verlassen hatte. Es war uns eine große Freude, ihn ein paar Tage bei uns beherbergen zu können. Dann zog er unverdrossen seines Weges weiter. Ich sah ihm nach, bis er verschwand, und dachte in meinem Herzen, mit Leuten von solchem Schlag könnte man den Himmel stürmen, wenn es sein müßte. Einige Zeit nachher brachte mir ein Eskimo einen auf ein kleines Stück Papier geschriebnen Brief von ihm. Es stand nicht viel darin. Es sprach uns seinen Dank aus und erwähnte nur flüchtig, er habe auf dem letzten Teil seiner Reise beinahe das Leben eingebüßt. Der Eskimo, der uns den Brief überbrachte, erzählte uns die nähern Umstände, die der bescheidne Mann nicht genannt hatte. Mr. Darrell hatte sich im Mackenziedelta verirrt — was sehr leicht vorkommt, wenn man dort nicht ganz genau bekannt ist —; im letzten Augenblick war er von einigen Eskimos noch gerettet worden. Am zweiten Mai in aller Frühe wurde ich dadurch geweckt, daß jemand die Kajütentreppe herunterkugelte. Das war schon oft passiert — die Treppe warsehrsteil —, und ich öffnete die Augen nur halb, um zu sehen, wer es diesmal gewesen sei. Aber siehe da, mitten in der Kajüte stand ein Indianer, der eine Menge unverständlicher Worte heraussprudelte. Als er fertig war, fragte ich ihn ganz ruhig in englischer Sprache, was er wolle. Er antwortete in recht gutem Englisch, er habe die Post für mich. Da wurde ich rasch wach, und eilig nahm ich ihm die beiden Briefe ab, die er bei sich hatte.

Dies war die erste regelmäßige Post, die über Edmonton und Fort Mc. Pherson nach Herschel gekommen war. Leutnant Hansen und ich waren die Glücklichen: jeder von uns erhielt einen Brief. Der meinige war von meinem Bruder und allerdings etwas alt, aber darum nicht minder willkommen. Wenn man daheim eine Ahnung hätte, wie sehr man unter solchen Verhältnissen einen Brief schätzt, ich glaube, dann würde noch mancher andre schreiben! Regelmäßig einmal in der Woche fuhr Hansen seine Fleischvorräte herein. Als er damit zu Ende war, hatten wir vierzehnhundert Pfund Renntierfleisch an Bord. Wir litten also keinen Mangel. Die Eskimos verkauften uns das Fleisch zu fünf Cents das Pfund, was der reguläre Preis am Ort war; und außerdem wurden sie auch noch von uns verköstigt. Am sechsten Mai kehrten die Postführer von der Insel Herschel zurück; sie wollten aber sogleich weiter nach dem Fort. Wir gaben ihnen zu essen und rüsteten sie gut mit Proviant aus. Außerdem gaben wir ihnen einige Briefe und ein Telegramm mit, auf dessen eilige Absendung ich den allergrößten Wert legte. Es war die Mitteilung von Wiiks Tod. Ich wollte mein äußerstes tun, zu verhindern, daß Wiiks Mutter von andrer Seite die Nachricht bekomme, es stehe alles gut; denn ihre Enttäuschung, wenn sie die Wahrheit erführe, müßte dann um so bittrer sein. Ich ließ das Telegramm offen und schickte es Mr. Firth, dem Vorstand von Fort Mc. Pherson. In einem Brief teilte ich ihm meine Gründe mit, warum ich das Telegramm mit der allerersten Gelegenheit abgesendet haben wollte. Zugleich bat ich ihn, die Auslagen einstweilen für mich zu bereinigen. Das Telegramm kam nie an. Die Post von dem Fort traf im August mit uns in Herschel zusammen; aber es war kein Wort von Mr. Firth an mich dabei.

Wir hatten einen herrlichen Mai. Sobald das Frühlingswetter beständig wurde, brachten wir alle unsre Sachen zum Auslüften und Trocknen ins Freie. Das war auch sehr nötig. Bei einem solchen garstigen Schneewinter, wie dem eben vergangnen, schlägt sich überall Feuchtigkeit nieder. Findström spannte Fischnetze über einige Böcke, und in ihnen breitete er seine Sammlungen zum Trocknen aus. Selbst die ausgeblasenen Eierschalen wurden auf diese Weise ordentlich gelüftet. Schon am achten Mai trafen die beiden neuangeworbnen Männer von den Walfischfängern ein. Ich war unleugbar höchst erstaunt, da ich sie nicht vor dem ersten Juni erwartet hatte. Ihre Abmusterungspapiere waren indes in Ordnung. Der eine war ein Norweger, Oie Foß aus Fredrik-stadt. Er machte einen sehr guten Eindruck und .erwies sich auch während seines ganzen Aufenthalts an Bord der Gjöa als ein tüchtiger, zuverlässiger und guter Mensch. Der andre war ein junger Amerikaner, namens Beauvais, und dieser sollte Lindström in der Küche ablösen. Doktor Wight sandte mir einen Brief, worin er anfragte, ob er mit der Gjöa südwärts fahren könne. Er habe Nachrichten von einer schweren Erkrankung in seiner Familie bekommen und wünsche so rasch wie möglich nach Hause zu gelangen. Da aller Wahrscheinlichkeit die Gjöa früher als irgend einer der Walfischfänger in die zivilisierte Welt zurückkehrte, antwortete ich dem Doktor, er sei uns willkommen. Aber nun hatten wir auch kein Winkelchen mehr für weitere Gäste. Ich hatte beschlossen, das magnetische Observatorium als Grabstätte für Wiik einrichten zu lassen. Dieser Platz schien mir in jeder Beziehung ganz dazu geeignet. Wiik hatte das Observatorium gebaut und es benützt und seine Freude daran gehabt. Es lag auf dem freiesten und besten Platz mit der Aussicht auf das Eismeer. Am achten Mai waren die Arbeiten in der gefrornen Erde beendigt. Am folgenden Tag, dem neunten Mai, vormittags um halb elf Uhr, versammelten wir uns zum Begräbnis. Alle Flaggen wehten auf Halbmast. Wir trugen den Sarg aus dem Hause heraus und banden ihn auf einem unsrer Schlitten fest. Dann zogen wir ihn zur Grabstätte hinauf. Noch einmal legte unser Kamerad den Weg vom Wohnhause nach dem Observatorium zurück, diesmal aber, um nie wieder zurückzukehren. Auf dem Gipfel vor dem Eingang hielten wir an. Ich sprach den letzten Abschiedsgruß und betete ein Vaterunser. Die Feier dauerte nicht lange, aber ich glaube, wir werden sie nicht vergessen. Der Sarg wurde hineingezogen, auf zwei kleine Holzböcke gestellt und mit der norwegischen Flagge zugedeckt. Die Grabstätte wurde dann mit Treibholz aufgefüllt und zugemauert. Im Sommer errichteten wir ein hohes Kreuz auf der Nordseite des Grabes, deckten es mit Rasen zu und schmückten es mit Blumen. Die amerikanischen Walfischfänger versprachen mir, jedes Jahr danach zu sehen und es in Ordnung zu halten.

Die Hügel wurden nun allmählich grün, und die Bäche plätscherten und murmelten. Das Wasser aus den Bächen schmeckt bedeutend besser als das Eiswasser, und das Wasser, das wir aus dem See holten, war manchmal so erdig gewesen, daß wir es nicht mehr trinken konnten. Es gibt kein besseres Trinkwasser, als das, welches frisch und rein aus der Erde hervorsprudelt. Ganz zufällig macht man bisweilen höchst interessante Beobachtungen. So stellte ich zum Beispiel eines Tages bei sechs Grad Kälte ein mit Wasser gefülltes Likörglas auf den Schiffsrand. Ich nahm immer ein Glas Wasser in das Instrumentenhäuschen mit, um meine Thermometer anzufeuchten. Der Rand war grün angestrichen, und ich sah zu meiner Verwunderung, daß das Wasser trotz der Kälte nicht gefror. Als ich hierauf das Glas auf etwas Weißes setzte, gefror das Wasser sofort. Der Himmel war die ganze Zeit über bedeckt gewesen. Da das Wohnhaus nun wieder leer war, stellten wir unser Bad darin auf und benützten es fleißig. Ich war der erste, der badete, dann kam die Reihe an Manni. Die andern hatten ihm weiß gemacht, er solle gekocht werden, und er ging daher mit äußerst bedenklicher Miene in sein Bad. Als er merkte, daß er angeführt worden war, lachte er herzlich. Der Eskimo Neiu hatte sich mit Sten wegen eines Sackes Mehl überworfen. Im Zorn zog er aus der Hütte aus und stellte zwischen dem Treibholz am Ufer sein Zelt auf. Von da aus ging er auf die Jagd, und eines Tages kam er mit einem Luchs daher, den er weit draußen auf dem Eis geschossen hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte der Luchs in einem Anfall von Verrücktheit da hinausgelaufen sein.

Der siebzehnte Mai wurde wie jedesmal mit einer Festmahlzeit und dem Aufziehen der Flaggen gefeiert. Wir hatten in diesem Frühjahr sehr viel zu tun, bis wir seeklar waren. Der Übergang von Petroleum zu Brennholz hatte allerlei Veränderungen im Gefolge gehabt. Die Küche zum Beispiel hatte ganz anders eingerichtet werden müssen. Ein Petroleumbehälter war als Flerd hineingestellt und mit einem Rohr versehen worden, das sich draußen in der Luft in den seltsamsten Ausbuchtungen und Ecken wand und krümmte. Diesem Kunstwerk lag sicher ein tiefsinniger Gedanke zugrunde; die Absicht war, dem Herd bei jeder Art von Wind einen ordentlichen Zug zu verschaffen. In der Theorie war das ausgezeichnet, aber in der Praxis zeigte das Rohr mit seinem Hut eine unangenehme, aber unfehlbare Neigung, mit dem Großsegel in Kollision zu kommen, was dem Führer einer Jacht allerdings nicht unbekannt ist. Der ganze Raum mußte neu verladen, alle unsre Sammlungen mußten an Bord verbracht werden, und so weiter und so weiter. Der Leutnant gab Manni fleißig Unterricht, und ich bewunderte seine Geduld aufrichtig. Noch jetzt höre ich die beiden: „ — A —b heißt ab, b —a heißt ba, ab —ba: abba.“ Nach einem halbjährigen eifrigen Studium waren sie noch immer bei — „Abba“, und selbst jetzt noch stolperte Manni über dies schwierige Wort. In der letzten Zeit hatte ich übrigens allerlei Anzeichen bemerkt, als ob der Junge halb und halb Lust hätte, sich bei den Eskimos hier niederzulassen. Einerseits hätte ich ihn nur ungern verloren, andrerseits aber wollte ich ihn auch nicht gegen seinen Willen mitnehmen. Ich fragte ihn daher eines Tages, ob er am liebsten wieder zu den Eskimos übergehen wolle, — und Manni bejahte meine Frage. Am nächsten Tag ging ich zu einem Eskimo namens Manitchja, einem außergewöhnlich tüchtigen Mann, und fragte ihn, ob er Manni bei sich aufnehmen wolle. Manitchja war hoch erfreut über das Anerbieten; er hatte nur ein Kind, eine Tochter, und ein Zuwachs zu der Familie, wie Manni, war nicht zu verachten.

An demselben Tag verließ Manni, mit Kleidern, Tabak, Zündhölzern, Seife, zwei Gewehren und Munition reich versehen, die Gjöa. Er hüpfte und tanzte vor Freude, ich aber dachte mir mein Teil. Nun begann ein andres Leben für den guten Manni, als er bei uns gehabt hatte. Arbeit vom Morgen bis Abend, und wenn er abends hungrig heimkam, vielleicht kaum satt zu essen. Das erste, was seine neuen Eltern taten, war, daß sie ihm sein prächtiges Haar abschnitten. Mannis Anblick tat einem nachher ordentlich weh. Am nächsten Tag zog er mit ihnen westwärts auf den Seehundfang. Nach drei Wochen kehrten sie zurück, und Manni machte uns einen Besuch, wobei er mir ein Bündel Vogelwild brachte. Er war schon recht abgemagert, und seine lustigen Augen hatten einen wehmütigen Ausdruck angenommen. Dazu entwickelte er einen fast unheimlichen Appetit; alles, was wir ihm vorsetzten, aß er rein auf. Als er fertig war, verabschiedete er sich von jedem einzelnen besonders. Ich erriet ja wohl, was er wünschte, aber ich wollte, er solle selber kommen und darum bitten. Vierzehn Tage später erschien er wieder an Bord. Auch diesmal hatte er ein Bündel Vögel mit. Aber sein Aussehen war jetzt recht miserabel. Er war geradezu abgefallen, bleich und mager, und da sagte ich sogleich zu ihm:

„Möchtest du wieder zu uns an Bord kommen?“ Das freudestrahlende Lächeln und die Dankesbezeigungen, die uns als Antwort zuteil wurden, werden mir unvergeßlich sein. Und damit war das verlorne Schaf wieder in unsrer Mitte. Alle an Bord hatten Manni lieb gewonnen, und es herrschte über seine Rückkehr allgemeine Befriedigung unter uns. Ja, selbst der Eskimohasser Lindström lächelte an diesem Tag. Manitchja war natürlich überrascht, als er hörte, Manni sei wieder Kabluna geworden; aber er machte keine Schwierigkeiten. Die einzige Art, wie wir jetzt unser Renntierfleisch aufbewahren konnten, war, es zu trocknen. Ich ließ deshalb durch die Eskimofrauen aus einem großen Teil unsrer Keulen die Knochen herausnehmen und das Fleisch aufhängen. Das also getrocknete Fleisch war uns von großem Nutzen. Der Frühling brach hier viel früher an als auf King Williams-Land. Schon am zwanzigsten Mai waren alle Zugvögel da. Übrigens hatten die Seehunde hier etwas ganz Eigentümliches an sich. Das Fleisch der Männchen roch so abscheulich, daß selbst die Ffunde es nicht fressen wollten. Wahrscheinlich hing das mit der Paarungszeit zusammen. Auf King Williams-Land hatten wir nie etwas von diesem Geruch wahrgenommen, obgleich die Seehunde dort von derselben Art waren wie hier, nämlich „Snadde“.

Ende Mai zogen der Leutnant und ich an Land, weil die Kajüte frisch gestrichen werden sollte. Diese Malerarbeit war Lindströms erstes Geschäft, seit er als „Mädchen für alles“ angestellt war, und er machte seine Sache recht gut. Beauvais übernahm von dieser Zeit an die Küche. Es war jetzt außerordentlich angenehm am Land; des Morgens erwachte man bei herrlicher Luft und dem schönsten Vogelgezwitscher. Der Juni begann mit kühlerem Wetter. Die Maximaltemperatur am ersten Tag war minus ein und fünf Zehntel Grad. Die Hunde hatten jetzt ausgedient, und ich übergab sie Sten; wir behielten nur Silla mit ihrem Söhnchen Oie. Außerdem hatte ich versprochen, Nikodemus nach San Francisco zu bringen; der wurde also auch behalten. Am sechsten Juni zogen wir wieder an Bord, in die schöne, frischgestrichne Kajüte. Mitten an der Wand prangte unsres Königs Familie in dem schönsten Rahmen, der auf King Point hatte hergestellt werden können, von einer Flaggendekoration umgeben und mit einem „Alles für Norwegen!“ darunter. Das Ganze sah wunderhübsch aus. Auf der einen Seite davon hing eine Karte, auf der die nordwestliche Durchfahrt der Gjöa aufgezeichnet war, und auf der andern Seite ein Bild von Nansen.

Nachdem die Schneeschicht auf dem Eise am Ufer geschmolzen war, schwand auch das Eis dahin, das ausschließlich aus sehr schlammigem Süßwasser aus dem Mackenzie bestand und deshalb leicht schmolz. Es wurde sehr bald äußerst porös, so daß man nur schwer darauf gehen konnte. Unsre beste Zeit war nun vorbei, denn jetzt kamen Mücken. Am achtundzwanzigsten abends trafen sie ein, von einem Sturm aus Südosten dahergejagt. Mit jedem Tag wurde es schlimmer, und wenn wir nicht Gazestoff gehabt hätten, der zu Mückenschleiern verwendet werden konnte, wären wir wohl kaum lebend aus dieser Plage hervorgegangen. Am dreißigsten Juni nahm ich alle magnetischen Instrumente herein. Auf der Stelle, wo das Gestell gestanden hatte, errichtete ich eine Holztafel mit der Inschrift: „Gjöa 05 — 06.“ An demselben Abend wurden auch die meteorologischen Beobachtungen abgeschlossen. Am zweiten Juli stieg bei einem heftigen Südwind die Temperatur auf achtzehn Grad Wärme. Wir zogen die Anker auf und legten uns neben die Bonanza. Dieses alte Wrack war uns schon oft eine gute Hilfe gewesen und sollte es auch noch ferner sein. Als das offne Wasser am Ufer breiter wurde, hielten wir uns unter dem Achter der Bonanza, wo wir vor dem Eise, das zur Zeit der Flut hin und her wogte, geschützt waren. Bei voller Ladung hatten wir jetzt einen Tiefgang von sieben Fuß voraus und acht achteraus. Die Flauptmasse des Eises trieb hin und her und drohte wiederholt, sich am Strand neben uns festzusetzen, tat es aber glücklicherweise schließlich doch nicht. Auf der andern Seite von dieser Eismasse sahen wir viel offnes Wasser. Aber ehe die Walfischfänger sich zeigten, hatten wir nichts da draußen zu tun. Wenn sie nicht ausfuhren, konnten wir es noch weniger. In diesen Tagen entwickelte sich übrigens ein großer Verkehr auf dem Eise, und viele Eskimos zogen vorüber. Und endlich, am Abend des zehnten Juli, entdeckten wir drei Walfischfänger in dem offnen Wasser jenseits der Eismasse; es war nur noch ungewiß, ob es ihnen glücken würde, sich hindurchzuzwängen. Aber der eine fuhr weiter ostwärts die Küste entlang, und am nächsten Morgen war er bei uns im Uferwasser.

Jetzt war unsre Zeit gekommen, und alles war zur Abfahrt bereit.

Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage

Die Nordwest-Passage