Die primitiven Holzschnitte Kunstdrucke

Um das Jahr 1400, fünfzig Jahre, bevor Gutenberg die Bibel druckte, sind die ersten Holzschnitte geschaffen worden.

Da liegt die kleine hölzerne Tafel, auf die das Bild aufgezeichnet wird. Das Messer reißt sie auf, schneidet Fleisch aus ihrer Oberfläche, bis das Gerüst der Zeichnung als Relief hervortritt. Auf das mit Druckerschwärze eingeriebene Relief wird Papier gedrückt.

In dieser noch heute gültigen Weise ist der erste Holzschnitt geschaffen worden. Einen genauen Zeitpunkt vermögen wir nicht festzustellen. Als ältestes Datum trägt ein Blatt die Jahreszahl 1423, aber es gibt andere Schnitte ohne Zeitangabe, die diesem zweifellos vorangegangen sind.

Wir wissen auch nicht den Anlaß und die Umstände, denen diese Technik ihre Entstehung dankt. Vergleichsweise ähnliche,schon lange zuvor geübte Verarbeitungen des Materials wie das Prägen von Münzen, das Bedrucken von Stoffen mit Holzformen, die Fertigung der Tonmodels legten ja eine Übertragung auf Holz und Papier immer schon nahe.

Und so ist der letzte Schritt, der nun getan wurde, weniger Erfindung, denn Übertragung eines geläufigen Vorgangs in ein neues Material.

Der Ort, die Landschaft, welche die ersten Blätter hervorbrachte, ist unbekannt. Aus dem südlichen Deutschland und aus den Niederlanden, aber auch aus Burgund und Italien sind Stücke erhalten, die in die gleiche älteste Zeit hineinreichen.

Der Bestand, der uns heute vorliegt, umfaßt mehr als dreitausend Blätter; und da von den meisten Holzstöcken nur ein einziger Abdruck erhalten blieb, ist gewiß, daß nur ein kleiner Bruchteil der gesamten Produktion auf uns kam. Es ist unmöglich, den ursprünglichen Umfang abzuschätzen.

Keine Historie bewahrte uns den Namen des Künstlers, der den ersten Holzschnitt schuf. Und durch Generationen geht diese Arbeit weiter, ohne daß Namen von Meistern mit ihr verknüpft wären; erst im letzten Drittel des Jahrhunderts wird es Übung, daß der Urheber seinen Namen in die Platte schneidet.

Da alle diese geschichtlichen Zusammenhänge im Dunkel ruhen und, weil das Material in erheblichem Umfang verloren ging, immer nur vermutungsweise und unzureichend geklärt werden können, bleibt als Aufgabe, eine Auswahl der schönsten und eindrücklichsten Blätter darzubieten und dem Menschen später Zeiten, der sie unbefangen und ergriffen beschaut, einiges von ihrem zeitlichen, schöpferischen und menschlichen Sinn mitzuteilen.

Mit diesen Blättern zieht der Kreis der sichtbaren und jenseitigen Geschehnisse und Gleichnisse, die an das Dasein des Menschen jener Tage rührten, in denen er atmete und aus denen er sein Weltbild baute, vorüber.

Da sind die biblischen Vorgänge, und vor allem die Passion des Herrnjesus Christus: wie ihn derbe Knechte mit Ruten schlagen und mit Dornen krönen, wie er mühselig und jammervoll unter dem Kreuz zusammenbricht, wie der zerfetzte Leib mit blutgetränktem Haar und qualvoll geöffnetem Mund entsetzlich gemartert und doch feierlich erhoben am Balken des Kreuzes hängt.

Ein andermal kniet die Maria vor dem Kinde in der Krippe, und aus den Bergen hinten wachsen die ungefügen Umrisse der Hirten und Herden und der nächtlichen Stadt, auf die Gottvater, die Weltkugel in der Linken, mild niederschaut. Oder, am Ausgang aller Tage schwebt Christus in Lüften, Schwert und Zepter in Händen, und hält Gericht über Gerechte und Ungerechte.

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