VIERTER TEIL
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EUROPAS WESTEN UND DIE SPÄTRENAISSANCE

VIERUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Inselmärchen — Reiche Mode — Ein unheimliches Riesenkind — Erasmus, Rabelais und Montaigne — Renaissance der Renaissance — Uber und unter dem Salz — Die Kutsche — Waffenrock und Zivilanzug — Masks und antimasks — Auf Sidneys Landsitz — Schäferei, Lebenslust und Melancholie — Zierbengel — In Barbierstuben und Tavernen — Der Drang zum Theater — Schauspieler und Gesellschaft — Vor der Königin — Mann und Weib — Götter von Süd und Nord — Die Schule des Glücks.

Es war einmal eine schön gelegene Insel, die wurde beherrscht von einer jungfräulichen, stolzen Königin. Sie hatte goldrotes Haar und war stets furchtbar prächtig angetan; bei ihrem Tod hinterließ sie dreitausend Prunkgewänder, strotzend schwer von Gold und Edelstein. Sie hatte Freier aus allen Ländern der Welt, selbst aus dem fernen Thule, wo die kostbaren Pelze herkamen und lachte diese Freier heimlich aus. Ihren Lieblingen lächelte sie ebenso heimlich, gelegentlich wurde einer geköpft. Es wurde überhaupt viel geköpft in ihrem Reich und die Köpfe staken an Pfählen auf der Brücke ihrer herrlichen Hauptstadt. Das hinderte nicht, daß am Hof der großen Königin die süßesten aller Schäfer und Schäferinnen zu finden waren, die unablässig und unübertrefflich zarte Liebes-weisen flöteten. Zweihundert Dichter huldigten ihr Tag und Nacht, unzählige Jünglinge schwärmten aus nach fernen und fernsten Ländern, die sie für ihre Königin entdeckten und eroberten, jeder brachte etwas Seltenes und Kostbares mit, ihr zum Gewinn oder Spielzeug, der eine Wunderfrüchte*), die in der Erde wuchsen,  sich ungemein vervielfältigten und zu wichtigster Nahrung wurden, der andere ein Kraut*), das getrocknet und zum Rauchen verwandt, duftende Genüsse neuer Art brachte. Alle berichteten von Abenteuern, von fernen Meeren und Inseln soviele Geschichten, daß sieb die Königin nimmermehr langweilen konnte, so glücklich sie war.

*) Walter Raleigh führte 1584 die Kartoffel in Irland ein. 1596 der Botaniker Gerard in London Samenkartoffeln von Franz Drake und machte sie als Leckerbissen beliebt.

*) Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Tabakrauchen in England, Spanien, Holland und Portugal gebräuchlich, 1586 sollen es englische Kolonisten aus Virginia in London eingefuhrt haben.

*’*) Aus dem Bericht Lupcld von Wedel: Wan sie nun deren einen … zu sich gerufen, hat er solange auf den Knien sitzen müssen, bis sie ihn hat heißen auf stehen, darnach haben sich dieselbigen vor ihr gar tief vorbuckt, weckgangen, wie sie mitten in das Gemach kamen, noch einmal vorbuckt.

Man durfte ihr nur fußfällig nahen und nur auf den Knien mit ihr Rede pflegen**). Nicht nur junge Pagen und schwärmende Ritter lagen auf den Knien, wenn sie dieselben anzureden geruhte, auch vornehme Greise und hochgeborene Frauen taten nicht anders. Der Reichtum ihres Landes wuchs und wuchs, bald waren silberne und goldene Gefäße den Vornehmen nicht mehr kostbar genug, man bediente sich ihrer am unteren Ende der Tafel, unterhalb des Salzfasses, das die Vornehmeren von den Geringeren bedeutsam schied. Oberhalb des Salzfasses in erlesener Gesellchaft trank man sich zu aus kristallklaren Bechern, von denen behauptet wurde, sie verrieten das Gift, das im Getränk enthalten sein mochte.

Die Herren trugen ewig wechselnde Kleider und Haarerhielt tracht prunkvollster Art, zuweilen eine Locke, die bis zum Gürtel fiel*) und von zarter Schleife gehalten wurde, Tellerkragen, die unendlich weit ausluden, Perlen in den Ohren, herzförmig tief und spitzgehende Wämser, darunter breit ausgebauschte Beinkleider, einer immer bunter als der andere. Ähnliche Locken, Perlgehänge und Spitzenkragen trugen die Damen. Musik durchflutete das Reich. Es wurde nie und nir-gends soviel Musik gemacht. Für ungehörig galt es, nicht mitzutun, wenn zu Ende der Tafel mehrstimmiger Gesang verlangt war. Man stimmte ein neu erfundenes Instrument dazu, es hieß Viola d’amore.

Auch gab es in den Festsälen der Königin Spiele mit Verwandlungen, prunkvoller und lachhafter Art. Ein wichtiger Hofbeamter waltete ob unaufhörlichen Fest-und Maskenzügen. In Stadt und Land schwoll der Reichtum, ein jeder Bürger trug goldene Ketten, Bauern waren reicher als Edelleute anderer Länder**). Zur Wintersonnenwende ging ein ungeheueres Festen durch die ganze Insel, das alle Stände in Lustbarkeit aneinander schloß. Berghohe Kuchen eigener Art dufteten mächtig von Haus zu Haus, herrlich gebratene Vögel breiteten Flügel und Stoß, man ließ alle und alles leben, besonders aber die Königin, der jedes Unternehmen  glückte, selbst feindliche Schiffe, die ihr gedroht, hatte der Sturm zerblasen.

*) Why should thy sweet love-locke hang dangling downe Kissing thy girdle-steed with falling prise?

(Barnefield’s Affectionnate Shepheard 1594.)

**) Aus dem Bericht des Lupoid von Wedel: Etliche Pauern gehen stattlicher einher als in Teutschland die Edelleut. Es muß ein geringer Pauer sein, der nicht silberne Salzfässer, vergult, silberne Drinkbecher und Löffel haben sollte.

Diese Königin hieß Elisabeth und dieses Märchen hat sich Wort für Wort zugetragen. Elisabeths England wird Shakespeares England und Bacons England, das ist vielleicht das Märchenhafteste.

Englands Philosophie verliert sich nicht in Spuk und Traum, sie faßt alles herzhaft an und ficht um den Preis des Menschentums. Prunk, Barbarei, Schäferspiel, ferne Abenteuer, all das ist Leben, warmes Leben und lebendig sein ist Alles. Was sich immer ereigne auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gewinne ein Selbst, denn es ist nicht schlimm zu sterben, wenn du gelebt hast. Auf dem Festland waren die Ideale der Renaissance tückisch unterspült durch verschiedene Strömungen, die darauf ausgingen, den Wert der Persönlichkeit herabzusetzen, jenen höchsten Wert, den die Renaissance geschaffen. Zu Unrecht ist die Gefährdung der Persönlichkeit nur dem Jesuitismus zugeschrieben worden. Durch die entgegengesetzte religiöse Richtung, die den Menschen auf eigenes Urteil anwies und dem alten Autoritätsglauben Fehde schwor, wurde die Persönlichkeit nicht so gekräftigt, wie man hätte hoffen können, denn sofort war ein neuer, untoleranter Autoritätsglauben bereit, die natürliche Gedankenträgheit des Menschen zu unterstützen. Das Pochen auf Glauben und Gnade allein schuf manches Mißverständnis, die von Calvin in Gegensatz zu Luther verfochtene Lehre der Prädestination führte zu finsterem Fatalismus und bei allzuvielen zum Verlassen des Eigengefühls, das zur Bildung der Persönlichkeit unerläßlich ist. Dazu kamen die ersten Regungen eines unheimlichen Riesenkinds, der Masse, die ablehnt, an ihrer Bildung zu arbeiten, die Verantwortung für das Geschehene einem Sündenbock zuschiebt oder einem wahllos vergötterten Liebling zugute schreibt. Charakterbildung wird vernachlässigt, wenn die Denkfaulheit des Gewöhnlichen und Gemeinen, sowie sein Wunsch unpersönlicher Verwischung aus Verantwortungsscheu überhand nimmt, wie immer das Dogma laute. Das selbstbewußte Verantwortungsgefühl der Vornehmen wird gleichzeitig gefährdet durch die immer mehr umsichgreifende Ansicht, das Schicksal namentlich hochstehender und besonderer Personen sei durch den Sternenlauf vorherbestimmt und durch Sternenkundige zu erfahren.

Die drei Verfechter des gesunden Verstandes, denen jeder Dunstkreis eines europafremden Mystizismus verhaßt ist, Erasmus, Rabelais und Montaigne haben das große Verdienst, gegen die Unterspülung durch diese und jene falsche philosophische Einstellung das Verantwortungsgefühl des Menschen scharf in Schutz zu nehmen. Damit verteidigen sie den Westen gegen den Osten, den Sohn des Abendlandes gegen allzu scharfe Spezereien des Morgenlandes, gegen Einflüsse, die wahllos hingenommen, zu einem für das Klima seines Erdenwinkels ungesunden und unedlen Fatalismus locken. Bacon weist nüchtern auf die Erfahrung, Shakespeare aber ergreift (sei es unbewußt) die Lehre des Erasmus, Rabelais und Montaigne vom selbstbewegenden und selbsbewegten Narrentum des Menschen, nicht um ihn als Marionette der Vorherbestimmung zu betrachten, sondern um zu beweisen, daß der Mensch, der ohne innere Festigung nur ein Narr wird, wenn es ihm gelingt, sich innerlich zu festigen, aus dem Narren ein Weiser wird.

Selbst ist der Mann, denn selbst ist der Künstler, ohne Selbst ist kein Mann. Darin liegt der Kern von Shakespeares Offenbarung, der Kern, nach dem ein Goethe mit verlangenden Händen griff, denn dieser Kern enthält die große Samenkraft, die jeder Zeit Not tut. Er ist Renaissance der Renaissance.

Charakter ist Schicksal (Shakespeare). Aber wenn auch auf Umwegen es ist uns gegeben, das Schicksal zu meistern, indem wir künstlerisch bildend am eigenen Charakter tätig sind. Der unserem Schaffen überlassene Stoff kann zu Verschiedenstem dienen. Ein Stein kann roh und unbehauen bleiben oder ein nützlicher Mühlstein oder Baustein werden oder eine Statue. Metall, Holz kann niedrigem Dienst gehören oder bis zu höchster Kunst verarbeitet sein. Also hämmern, schleifen, schnitzen und bilden wir am rohen Material, das der uns verliehene, ursprüngliche Charakter ist, und können denselben umschaffen, jedenfalls in das Nützliche, zuweilen in das Edelste, stets selbst verantwortlich bei diesem bedeutsamen Tun. Aus ernstem und heiterem Ton spricht bei Shakespeare Überzeugung von Recht und Pflicht nie zu fliehender Verantwortung. Fremdem Einfluß sich hinzugeben, scheint ihm ohne Lebenskunst, vermessen dünkt ihm, von einer Gottheit zu verlangen, daß sie uns die nötigen

Handgriffe macht, die wir selbst zu leisten haben; erst wenn wir diese Handgriffe geleistet, kann und wird göttliche Gnade unser Lebenswerk rechtfertigen und mit Vollkommenheit krönen. In hochmütiger Einsamkeit läßt sich dies Lebenswerk nicht schaffen und auch nicht in gemeinem Gedräng. Gesittet holde Geselligkeit brauchen wir als künstlerische Anregung und um uns bescheiden zu erhalten, denn Selbstbejahung und eigene Anstrengung dürfen nicht zu Selbstgerechtigkeit und Uberhebung führen. Nicht nur dem elisabethanischen Zeitalter kam die Renaissance der Renaissance, die Shakespeare kräftig ausatmet, zugute, sie blieb tätig trotz aller Schwankungen der Politik und half durch die Bildung von mächtigen Persönlichkeiten zu Englands wachsender Macht. Sie enthält Botschaft nicht nur für England sondern für das gesamte Abendland, dessen gesittete Nationen an dieser Renaissance der Renaissance, an Shakespeares Meisterschöpfungen, die sie lebendig aus-drücken, tätig mitgearbeitet haben. Die gesitteten Nationen redeten bei Shakespeare insgesamt mit und haben alle zu lauschen, wenn sein Sehermund kündet. Am deutlichsten sagen die Lustspiele aus über die Geselligkeit, die Shakespeare in sein Erleben als eines der wichtigsten Elemente aufgenommen. Sie offenbart sich dreifach, bei den gebundenen Hofzeremonien, bei den völlig zwanglosen und oft äußerst ausgelassenen Zusammenkünften in Tavernen und Gasthäusern, die den Klubs vorangehen als Herrengeselligkeit und Schöngeisterei und endlich in idealer Mitte zwischen Lizenz und Zwang, Pomp und Aufgeknöpftheit dort, wo Herren und Damen im Zeichen einer Freiheit verkehren, die durch Sitte und ästhetische Regel in Schranken bleibt.

Die von Shakespeare ideal dargestellte, angeregte Geselligkeit tönt von artigem Reimspiel und lacht über scharfe concetti. Sie ist leidenschaftlich musikalisch, Virtuosen werden auf das äußerste gefeiert. Der glänzendste unter ihnen, John Dowland, macht die erste große europäische Künstlertournee und soll im Lautenspiel selbst die Venezianer und den Römer Luca Ma-renzio übermeistert haben. Shakespeare preist ihn Dowland, whose heavenly touch upon the lute doth ravish human sense. Eine der reizendsten Blüten, die der elisabethanischen Zeit entsprossen, ist die vornehme Gesellschaftsmusik genannt worden, die man mit Hingabe pflegte. Man war vergnügt, verliebt und weisheitsvoll, man zielte nach dem Höchsten und verschmähte das Kleinste nicht, ja gerade mit Kleinem, scheinbar Geringfügigem zeigte sich Wichtiges an im Befinden der Zeit.

Stil in der Liebe, Stil in der Kleidung, im Essen und Trinken, Stehen, Gehen, Tanzen, Grüßen, Entlassen, Herbeiwinken wird nirgends so durchgebildet und hat sich nirgends so köstlich bis ins Kleinste gespiegelt in zeitgenössischer Dichtung. Unabänderlich feste Tischsitten herrschen, die noch manche Gepflogenheit des gotischen Mahles beibehalten, mag auch der Koch ein musical French cook*) sein, der mit allerhand Seltenheiten aufwartet, und die Gabel — jüngst aus Italien eingeführt — beifällig begrüßt  werden ohne tugendhafte Entrüstung, wie sie die Neuerung in Frankreich hervorgerufen. Es bleibt Brauch, das eigene, schöngefaßte Tischmesser mitzubringen und einen Wetzstein dazu, der ebenso als Luxus behandelt wird. Elisabeth schenkte ihrem Essex einen solchen Wetzstein in Gold gefaßt.

*) Er heißt master cook, maxister coquorum.

Noch ist das round-about oder measure beliebt, am Anfang des Mahles einen Freundschaftsbecher von Mund zu Mund gehen zu lassen. Feierlich fröhlich ertönt Musik dazu. Noch sitzen die vornehmeren Gäste above the salt und die anderen below the salt, niemand empfindet die Teilung als kränkend, sie gehört zur Ordnung des geselligen Daseins und jedermann bleibt sich seines Platzes wohlbewußt. Für jüngere und im Rang niedriger stehende Gäste ist es Auszeichnung genug am lower-end Tafelfreude mitzumachen, denn sie gehören schon dadurch zum Lebensspiel des großen Herrn. Auch mochte es am unteren Tischende gemütlicher sein, am oberen waren die Zungen zahmer und der Herren Appetit mußte warten, denn sie hatten zuerst die Damen zu bedienen und deren Wünschen gerecht zu werden.

Elisabeths Mäßigkeit bei Tafel gibt den Ton an und es braucht keine Verordnung, wie sie um diese Zeit in Deutschland erlassen wurde, um das fürstliche Frauenzimmer vor Trunksucht zu warnen. Allgemein ist Manierlichkeit bei Tisch vorgesehen und selbst in besseren Gasthäusern berauscht man sich lieber mit Worten als mit Wein, an ein vollendetes Tischgespräch werden hohe Anforderungen gestellt. In Liebes Leid und Lust rühmt Shakespeare ein solches:

Eure Gespräche bei Tisch waren scharf geprägt, angenehm ohne Ziererei, kühn ohne Frechheit, gebildet ohne vorgefaßte Meinung, originell ohne Ketzerei. (Your reasons at dinner have been sharp and senten-tious, pleasant without affection, audacious without im-Dudence, learned without opinion, stränge without heresy.) Feine Sitte gehört durchaus zu der anmutig gestimmten Umgebung, etwa im Lusthaus oder Gartenhaus, wo der süße Nachtisch mit Vorliebe aufgetragen wird und man zu musikalischer Unterhaltung übergeht. Die Damen spielen auf dem Virginal, dem bemalten und geschnitzten Vorläufer des Spinetts — so wird Shakespeare bezaubert von dunkler Schönheit und seufzt ihr im Sonett when thou, my music, music playsk

Graziös wirkt der leichte, um Kopf und Schulter geworfene Umhang, er heißt French hood, war aber wohl die aus Spanien übernommene Mantilla, die der Trägerin erlaubt, durch reizendes Faltenspiel mit jeder Bewegung den Rahmen ihres schönen Köpfchens zu verändern. Zuweilen wählten die Damen männlich emanzipierte Tracht mit wehendem Federhut, die der Satiriker scharf rügt: Women masking in mens weeds.

Am Ende des Gastmahls ist ein Reisender besonders beliebt, der etwas aus der Ferne erzählen kann. Der fashionable Gastherr empfiehlt sich lässig ohne besondere Wärme von seinen Gästen, was Shakespeare den Vergleich (in Troilus und Cressida III 3) eingibt:

For time is like a fashionable host

That slightly shakes his parting guest by the hand *).

Der großen Lords Gastfreundschaft ging über und klang aus in Wohltätigkeit, indem allerlei Schützlinge am lower end und dem Gesindetisch mittaten und endlich die Brocken der Gasterei in Körben an die Gefangenen und Bettelarmen verteilt wurden. Auch innerhalb des Gesindes oder vielmehr der Gefolgschaft eines großen Herrn herrschte peinliche Rangordnung, ein Brauch, der sich in dem grundsätzlich der Form gern huldigenden England spurenweise bis zur Gegenwart erhielt. Der gentleman usher ist eine Art Zeremonienmeister, fein gekleidet und majestätisch. Sein verantwortlicher Gehilfe ist der sewer, dem nichts Geringes anvertraut ist, die Herrschaft über das mächtige side of boards, die hochgetürmte Kredenz mit ihren Schätzen an Gerät aus kostbaren Metallen. Rechts und links waren die meist blau gekleideten Bedienten aufgestellt, die das funkelnde Gerät reichten. Auf lautlose, untadelige Bedienung wird schon im damaligen England größter Wert gelegt.

T’was the best fashiond and well-ordered thing and there withal

The fit attendance by the servants used The gentle guise in serving every guest, the great zuheels Turning but softly, make the less to whir About their business–**).

*) Denn Zeit ist wie ein Wirt nach heut’ger Mode,

Der leis dem Gast die Hand drückt, wenn er scheidet.

(Schlegel.)

**) Gentleman usher, Comedy by Chapman.

(Es war die eleganteste und wohlgeordnetste Sache und besonders die entsprechende Aufwartung, welche die Dienerschaft pflegte, die freundliche Art jedem einzelnen Gast gegenüber, daß die gewaltigen Räder sich leise bewegen, so wenig als möglich laut sind bei ihrem Geschäft.) Daß ein so großes Räderwerk richtig gehe, bedarf der Tradition. Doch allzu großer Troß, eine unendlich verzweigte Klientel ist noch vom Mittelalter her gebräuchlich. Vom nationalökonomischen Standpunkt betrachtet es Thomas Morus als schlimm, denn der Hochmut des Trosses, der sich fühlte, breit und wichtig machte, verursachte manchmal böses Blut. Vielleicht zum erstenmal ernstlich, als die Wagen aufkamen, die stets eine soziale Unzufriedenheit der Fußgänger veranlassen. Elisabeth erhielt die erste Stadtkutsche geschenkt aus den Niederlanden zur Feier ihres Sieges über die Armada. Bald mehrten sich die Wagen und waren sehr unliebsam in Londons engen Straßen, die überdies noch ausladende stalls, Verkaufstische mit umstehenden Käufern schier versperrten. Kutschen waren zugleich mit dem Tabakrauchen aufgekommen und zugleich verspottet. Ein Satiriker meint: Die erste Kutsche ist vom Teufel in China gemacht und nach England hinüber getragen worden in einer Wolke von Tabaksqualm. Beim Nahen einer Kutsche gab es jedesmal gewaltsamen und possierlichen Aufbruch, Störung des bis dahin sicher schlendernden Straßenlebens. Um rechtzeitig zu warnen, ließ man Lakaien, forerunner, vor und neben den Kutschen herlaufen, das Publikum seitwärts zu drängen und Raum zu schaffen. Diese Tätigkeit hieß lackeying, wurde gewiß frech und unter Protest der Gedrängten geübt, und es ist zu fürchten, daß manche Modedame nicht unbelustigt blieb, wenn sie geputzt in ihrem schwerfälligen und prächtigen Ungetüm von Kutsche saß.

Das Ärgernis wurde so groß, daß man später die Kutschen in der Stadt überhaupt verbot und dann nur in beschränkter Anzahl wieder gestattete. Gewiß waren die malerischen alten Straßen mehr dazu angetan, darin zu schlendern und spazieren zu stehen, der Strand mit seinen eleganten Palais, an deren Tor baumhoch der prachtvoll angetane porter stand, die Straße der Goldschmiede, wo mehr an Juwelen zu sehen war als im übrigen Europa, ferner die Straße der Schneider, milliner genannt, weil sie meist aus Milano stammten, mit allen Neuigkeiten an Brokat, Spitzen und Sammet, sprichwörtlich weithin duftend, denn jedes Gewand war heftig parfümiert, ebenso parfümierten die Handschuhmacher ihre Handschuhe, die Schuster ihre kostbaren, edelstein- und spitzenbesetzten Werke. Man denke an Malvolios Auftreten in abgeschmackt modischem Aufzug*).

Nah oder fern von einem Edelmann oder Prinzen abzuhängen, gereichte zur Ehre, ja führte des öfteren zu Dünkel und Aufgeblasenheit, die bei Malvolio, als er den ersten Rang in Olivias Haushalt erklommen, so possierlich wirken. Gunst eines hohen Herren, einer hohen Herrin bot unbegrenzte Möglichkeit des Emporkommens in gesellschaftlicher Stellung. Der beliebte Dilettantismus führt zu freundschaftlich nahen *) ln Shakespeares Was ihr wollt. Beziehungen zwischen Gönner und Schutzbefohlenen, denn oft empfängt einer vom anderen.

Fremd und unbeliebt in der Gesellschaftsordnung, ja gleichsam ausgestoßen ist der Mann im Waffenrock, der Nursoldat, obwohl man gern sieht, daß ein Vornehmer hie und da Kriegserlebnisse sucht. Der Nursoldat ist so wenig geachtet, daß es für ungehörig gilt, in kriegerischem Anzug bei Tafel zu erscheinen. So macht Captain Beigarde in Massingers Unnatural combat unliebsames Aufsehen, als er soldatisch erscheint und sich rühmt, den entfalteten Luxus durch seine Taten ermöglicht zu haben. Gastgeber und Gäste sammeln darauf ein Geschenk für ihn, damit er sich einen anständigen Zivilanzug anschaffen möge*). Die einzige Waffe, die zu tragen erlaubt wird, ist der zierliche Tanzdegen, der zu den französischen Tänzen gehört, etwa zu jenem cinque pas, den Beatrice in Viel Lärm um nichts erwähnt, als symbolisch für den Abtanz der Gefühle in dem von ihr humoristisch angegriffenen Ehestand: Freien, heiraten und bereuen sind wie eine Courante, eine Pavane und ein Fünf-schritt; der erste Antrag ist heiß und rasch wie eine Courante und ebenso phantastisch, die Hochzeit manierlich, sittsam wie eine Pavane, voll altfränkischer Feierlichkeit; und dann kommt die Reue und fällt mit ihren lahmen Beinen in den Fünfschritt‘ immer schwerer und schwerer, bis sie zu Grab sinkt.

Während der Soldat wenig Ehrung genoß, stiegen gelehrte Berufe stark im Ansehen, insbesondere die Rechtsgelehrten, die ähnlich, wie in Frankreich, einen eigenartig vornehmen Stand bildeten und interessante Geselligkeit in ihren Klublokalen, den Inns, genossen. Schriftsteller hatten gehobene Stellung und wie das Schauspiel in Mode kam, verkehrten die eleganten jungen Lords freundschaftlich mit Schauspielern.

*) So instinktiv ist der Militarismus verabscheut. Karl I. kommt ja später hauptsächlich darum zu Fall, daß er wie in den Continental-staaten eine stehende Armee einführen will.

Künstler und Virtuosen waren stark begehrt, man brauchte ihre Einfälle für die sich immer großartiger gebärdenden Feste am Hof und bei großen Herren, die masks and interludes, denen ein eigener Zeremonienmeister, master of the revels, Vorstand. Bacon nennt diese Unterhaltung zwar Tand, verschmäht jedoch nicht, Anweisungen dafür zu geben. Diese Sachen sind bloßer Tand–indessen, da Fürsten einmal dergleichen

haben wollen, so ist es besser, dass sie zierlich ge-schmückt und nicht mit Prunk überladen werden. Der Tanz zum Gesang ist etwas überaus Anmutiges und Gefälliges. Ich halte dafür, daß der Gesang von einem erhöhten Chor ausgeführt und von ununterbrochener Musik begleitet werde und daß die Weise dem Wort entspreche. Falls sie geräuschlos vorgenommen werden, sind Bühnenverwandlungen von großer Schönheit und machen Vergnügen. Auf der Bühne muß Licht, besonders farbiges und wechselndes in Überfluß vorhanden sein. Plötzliches Ausströmen lieblicher Wohlgerüche ohne Herabtröpfeln ist bei solcher Gesellschaft angenehm und erfrischend*).

*) Die Hypothese von Bacons Autorschaft an Shakespeares Stücken erscheint mir haltlos aus psychologischen wie anderen Gründen. Wohl hat Bacons Philosophie mitgearbeitet, wie alle Philosophie der Zeit und er mag, ähnlich wie an dieser Stelle, theatertechnische Ratschläge zu geben, nicht verschmäht haben.- Im Leben war der große Wissenschaftler the meanest of mankind (der niedrigste Mensch), erwiesenermaßen feiler Richter, verräterischer Freund, Streber und Snob. Man halte dagegen das gewichtige Lob bedeutender Zeitgenossen, Spenser, Ben Jonson, die Shakespeares Vornehmheit priesen, und die Gesinnung, die aus seinen Sonetten spricht, tief edles Erleben des platonischen Gedankens, Läuterung durch Schönheit und Liebe, die göttlich verklärt

Die eigentlichen masks waren elegante allegorische Spiele, von Herren und Damen ausgeführt, die anti-masks deren komisches Gegenspiel, vertreten durch Figuren in grotesker Verkleidung. Im Sommernachtstraum verwertete Shakespeare diese Idee, wo als Antithese des Spiels von Oberon und Titania mit ihrem Hofstaat die derbkomische Theateraufführung der Handwerker erscheint. Den masks wurde manche politische Allegorie anvertraut. Als Elisabeth sich zu Nottingham mit Maria Stuart versöhnen wollte, hatte sie ein entsprechendes Spiel bestellt, dessen Scenarium vorhanden ist. Zwei Königinnen, eine auf goldenem, eine auf rotem Löwen, sollten mit verschlungenen Händen auf die Szene reiten, die Figuren üble Nachrede und Groll überwältigt ins Gefängnis geworfen und von guten Mächten bewacht werden. Mask und Versöhnung kamen nicht zustande.

Das berühmteste Fest, das Elisabeth zu Ehren stattfand, spielte bei Lord Leicester in Kenilworth (1575), es fehlte keine mythologische Schmeichelei, das Herz der Königin zu gewinnen. Bei diesem Fest erschien der Neffe des Gastgebers, Englands liebenswürdigster Ritter und Dichter, Sir Philipp Sidney, der Elisabeth gleich einer Minneherrin verehrt hat. Denn nach 150 Jahren fand man überraschend in der Bibliothek von Wilton, dem Landsitz seiner berühmten, schöngeistigen Schwester, Lady Pem-broke, ein Buch aus seinem Besitz, in dessen Seiten wohlverwahrt einLiebesandenken lag, es war eine noch schöne, goldrote Haarlocke, die Elisabeth Sir Philipp in un-belauschter Stunde gespendet — dabei ein Gedicht voll süßen Gefühls, das diese Erinnerung heimlich festgehalten. Auch soll Sir Philipp, als ihn die Königin huldvoll jezuel of my time benannt,, ihr zuliebe auf die ihm angetragene Krone Polens verzichtet haben. Vielleicht herrschte er lieber auf seinem wundervollen Landsitz Penshurst, dessen arkadisches Glück und großzügige patriarchalische Gastfreundschaft von Dichtergästen besungen wurde. Ben Jonson beschreibt es:

Whose liberal board doth flow

With all that hospitality doth know.

(Mit allem, was Gastfreundschaft kennt, quillt der großmütige Tisch über.) Von Penshursts erhabenen Mauern sagt er:

They re reared with no man’s min, with no mans groan. (Diese Mauern sind mit niemands Wehklagen erbaut.) Anspielung auf die mit Unterdrückung und ungerechtem Aufkauf von Schafweide und ähnlichem errichteten Prunkhäuser gewisser Neureicher.

Mit Recht bemerkte Burleigh, gentility (etwa Edelwesen) sei gleichbedeutend mit alterworbenem Besitz, mit Altreichtum. Gentility zeigt sich durch trautes patriarchalisches Einvernehmen mit der ländlichen Bevölkerung, wie Penshurst vorbildlich beweist.

All corne in, the farmer and the down,

And no one empty-handed, to salute

Thy lord and lady, though they have no suit

Some bring a capon, some a rural cake,

Some nuts, some apples, some who think they make The better cheeses, bring them, or eise send

By their ripe daughters–zuhose baskets bear

An emblem of their cheeks in plum and pear*). Noch im 19. Jahrhundert sah man in Penshurst Sir Sidney s oak, eine Eiche und einen Freundschaftshain, von ihm gepflanzt. In dieser feinen feierlichen Parklandschaft seufzte Sir Sidney eines der schönsten Liebeslieder aller Zeiten.

With how sad steps, o moon thou dimbst the skies How silently and with how wun a face!

–thou feeist a lovers case**).

In diesem Hain wurde ähnlich platonisiert wie in Italiens Gärten, denn Sidney hatte aus Italien nicht wie andere englische Reisende, etwa wie der Liebling der Gesellschaft, Edward Vere, Earl of Oxford, Verfasser der spielerischen Sammlung Paradise of dainty devices (Paradies eleganter Redensarten) nur äußerliche Moden, gestickte Handschuhe und dergleichen mitgebracht.

*) Alle kommen, Pächter und Bauern, Lord und Lady zu grüßen, keiner mit leeren Händen, auch wenn sie kein Anliegen haben. Die einen bringen einen Kapaun, einen ländlichen Kuchen, andere Apfel, Nüsse, bestgelungenen Käse, ihre Tochter erscheinen mit Körbchen voll Obst, dessen Sammet dem Flaum ihrer Wangen gleicht

**)Wie traurig matt ira Schritt, o Mond, erklimmst du Himmelshöhen, Wie schweigensvoll und wie von Antlitz wehmutsvoll!

— — Heimliche Liebesnot ist dir vertraut.

Sidney nahm den platonischen Minnegedanken als kostbare Gabe mit und führte seinen Freund Spenser in dessen Geheimnis ein. In der Faerie Queen verwob ihn Spenser auf das wunderbarste mit Erinnerungen an den romanischen Minnedienst, den England einst von den Troubadours aus dem Gefolge der Eleonor von Aquitanien*) empfangen, wie mit Anregungen aus dem Roman de la rose und suchte allegorisch spielend den jungen Edelmann, der die Faerie Queen erreichen will, dahin zu erziehen in der Verschlungenheit spannender Abenteuer. Die Feenkönigin ist eine neue Umschreibung der Sophia, der mystischen Schönheitsgöttin, der ein wahrer Ritter ergeben sein muß. Schönheit baut ihr Haus, in dem sie wohnen will,

— frames her house

ln zuhich se will be placed—

(Spenser). Und Shakespeare lernt aus der Faerie Queen. Er lernt auch von den pastoralen Dichtungen seiner Zeitgenossen. Der spanische, portugiesische, italienische und französische Schäfer ist von dem englischen an Poesie übertroffen, da innige Naturliebe die zierliche Künstlichkeit bis zur großen Kunst erhebt und Humor der allzu süß preziösen Kost die Würze gibt.

Wie anders tanzt die Königstochter Perdita bei der Schafschur, wie anders die echte Hirtin Mopsa! In modischer Unterhaltung ist es Sitte, Verse aus bekannten Schäferspielen zu zitieren; indes alle anderen pastoralen Töne Europas längst vergessen sind, blieben einige der Verse, die in Elisabeths Hofgesellschaft leicht von

*) Vgl. Gleichen-Rußwurm

schönen Lippen flössen, bis heute geflügelte Worte. So der Anfang von Marlowes Liebeswerbung aus The passionate pilgrim.

Come, live with me and be my love.

(Komm, mit mir zu leben und mein Lieb zu sein.)

Ein Liedchen, das neckisch wehmütige Erwiderung findet von Walter Raleigh*): the nymphs reply.

If all the world and love were young,

And truth in every shepheards heart,

These pretty pleasures might me move To come with thee and be thy love**).

Dem englischen Schäfer ist die angerufene Mythologie nicht bloße Konvention; mit einer holdgriechischen Naivität sieht und hört er Elfen, Feen und Kobolde in Hain und Flur wie der Grieche die heimischen Haine belebt sah von Satyrn, Nymphen und Dryaden. Als sei der Reigen eines griechischen Vasenbildes zum Leben gekommen, schwärmt das Volk der luftigen Geister von Blumen, Wiese und Wald in Faithful shepherdess, Beaumont und Fletchers Pastorale und singt Pan entgegen :

. . . Daffodilies,

Roses, pinks and loved lilies,

Let us fling,

While we sing,

*) Bezeichnenderweise wird Walter Raleigh von Spenser Shepheard of the ocean genannt.

**) Wenn die Welt, wenn die Liebe noch jung wären und in jedes Schäfers Herz nur Wahrheit wohnte, dann bewegten mich diese lockenden Freuden, dir zu folgen, dein Lieb zu sein.

Ever honoured, ever young Thus great Pan is ever sung*).

Freilich gebot modische Schäferei nicht immer solche überströmende Lebenslust; wenn sie von Spanien beeinflußt wurde, wie es vielfach der Fall war, verlangte sie Schmachten und Melancholie als einzig distinguiert. Das Bestreben der Altreichen, sich von den Neureichen durch Imponderabilien zu unterscheiden, wenn jene ihre Kleider und geselligen Sitten möglichst genau nachahmten, mag an manch sonderlicher Mode schuld sein, da gerade in England der Wunsch, eine geschlossene Gesellschaft zu bilden und die Nachkletternden überlegen spöttisch abzuweisen, stets scharf im Bewußtsein blieb. Luxusgesetze hatten in England keine Geltung, cityman und namentlich citymadam waren bestrebt, es den Vornehmsten möglichst gleich zu tun.

Sobald die Tracht, die jeden Stand stolz charakterisiert und unverkennbar kleidet, verschwindet, entsteht, was die Luxusgesetze stets verhindern wollten, die kostspielige Mode, nämlich das Bestreben der oberen Schicht, die Neureichen in Distanz zu halten, indem einer der Vornehmen fortwährend etwas Neues, dem soeben Getragenen Gegenteiliges als einzig elegant angibt. Am besten wird im Wettlauf der Vorsprung erreicht, wenn die Altreichen sich der Führung eines erwählten Führers in diesen heiklen Dingen überlassen, einen Modefavorit erwählen. Dieser Kunstgriff, der in England später von dem bekannten beau Brummei vertreten  wurde, bestand schon zu Elisabeths Zeiten. Als anerkannte Führer der Mode traten der schöne Graf Southampton und William Herbert, Earl of Pembroke auf, beide Freunde und Gönner Shakespeares. Die rätselhafte Widmung der Sonette wurde bald dem einen, bald dem andern zuerkannt (wahrscheinlich mit mehr Recht dem Earl of Pembroke). Dem typischen Elegant seiner Zeit entlehnt der Dichter einige Züge für Hamlet und Jaques. Weltschmerz galt für ein feines Tragen, denn elegische Schattierungen von Wehmut lassen sich von dem meist plumpen Neureichen am schwersten nachmachen.

*) Dotterblumen, Rosen, Nelken, geliebte Lilien wollen wir streuen, indem wir singen: ewig geehrt, ewig jung soll der große Pan gefeiert sein.

*) Nichts ist so zärtlich erlesen wie süße Melancholie — Willkommen — verschränkte Arme und abwesend träumender Blick, und Seufzerspiel und gesenktes Haupt. Das Wort dainty ist soeben erfunden worden, um ausgesuchte Eleganz auszudrücken — etwa zärtlich erlesen.

**) Euphues and his England (1580) voyage and adventures mixed with sundry pretty discourses on honest love, the description of the country, the court and manners of that isle. Italienische Einflüsse kommen durch manche Übersetzung, Lord Fairfax überträgt Tassos Werke, Sir John Harrington Ariost und einig-e Satiriker behaupten, die Parade des Komplimentierwesens sei Italien nachgeäfft.

*) gaüant kommt aus dem spanischen galan.

Darum ist in Nice Valour von Beaumont und Fletcher ein Lob der Melancholie eingelegt, das die Erscheinung des stilvoll Verträumten und Schmachtenden trefflich vor Augen führt, vielleicht ein wenig ironisiert: Nothing s so dainty as sweet melancholy Welcome, folded arms, and fixed eyes A sigh that piercing mortifi.es A look that’s fastend to the ground. . . *) Anstandsvorschriften und Winke, wie die Sprache erlesen zu behandeln sei, fand die vornehme Jugend in Euphues, von Lily **). Euphues ist ein junger Athener bester Schule, der nach England kommt, Gelegenheit, alles zu erwähnen, was der englischen Jugend obliegt, dem humanistischen Ideal nahe zu kommen. Der Übertreibung, die in der Richtung von euphuism an Komplimenten und Beteuerungen geübt wurde, warf Shakespeare gelegentlich das energische Wort des Apemantus (in Timon) entgegen:

Von Liebe nichts in all den süßen Schuften Und lauter Höflichkeit. Die Menschenbrut Reckt sich in Aff und Pavian hinein . . . Die Komplimente sind nur erfunden, Glanz zu leihen Verstellter Freundlichkeit und hohlem Gruß.

Das affektierte Betragen junger Zierbengel betrachtet mehr von ergötzlicher Seite der Satiriker Th. Dekker und erzählt, wie sie zur vorgeschriebenen, eleganten Zeit, von 11—12 und 3—6 in St. Paul stolzieren und sich komplimentieren, gelegentlich nicht etwa nach dem besten, sondern nach dem neuesten Buch fragen, noch lieber nach dem Almanach mit seinen Prophezeiungen. Hozu a gallant*) should behave himself in St Pauls; wie sich ein Galan in St. Pauls benehmen soll, wird ausführlich gelehrt, vielleicht etwas Dedekinds Grobianus nachempfunden.

In erlesenen Kreisen bleibt man jedoch fern von Fexereien, die Spott verdienen, und hält sich an die platonischen Lehren eines Spenser, der sich vorgenommen, to fashion a gentleman or noble person in virtuous and gentle discipline*). Dasselbe wie die von Castig-lione verlangte Grazie des ganzen Wesens besagt gentle als Idealbegriff. Es kann jedem Stand unnachahmliche Vornehmheit verleihen ohne Modeaufwand und Torheiten.

Gentle Shakespeare ist das ehrenwerte Prädikat, das dem Dichter verliehen wird, es bezeichnet ihn als edel von Wesen, was immer Beruf und Herkunft sein mögen, anerkennt ihn als Mann von Welt.

Gentleness wird vor allem von vornehmen Damen geübt, mit Grazie waltet die unendlich wohlerzogene, zuweilen höchst gebildete Lady, deren Sekretär oft ein begabter Schriftsteller ist. Was sich ziemt und schickt, lehrt eine Anne Clifford, countess Pembroke, eine Elisabeth Vernon — vielleicht das Urbild der Hero und anderer lady-like holdseliger Erscheinungen der Bühne. Und es scherzt manch muntere Liebhaberin wie Mary Fenton, manches Vorbild unsterblicher Schelminnen der Lustspiele.

Man ist selbstverständlich geistreich, witzig, stets zungenfertig, man tändelt in Schäferei, doch immerdar stilvoll, mit jener Liebe für Form, die Jahrhunderte lang dem vornehmen Engländer eigen blieb.

Äußerst gegensätzlich dem zierlichen Schwärmen wie auch den prunkvollen Zeremonien des Hofs stand das Treiben derb treffsicherer wits in Tavernen und Barbierstuben, wo es übermütig lebhaft zuging. Haar- und Barttracht waren von so großer Wichtigkeit, daß der Barbier eine Art Salon hielt, ein Neuigkeitenbüro, indes er endlos die ihm anvertrauten Häupter jeden Grades, je nach Stand oder Laune, zu eigenartiger Physiognomie ausarbeitete.

*) Einen vornehmen Jüngling oder Adeligen zu erziehen in tugendhafter und wohlanständiger Sitte

Guitarren hingen an der Wand und begleiteten manchen modernen Gassenhauer oder tollen Spottreim. Eine Art Hausordnung war aufgenagelt, um das Treiben im Zaum zu halten, konnte aber die übermütige Laune nicht bremsen. Die Wichtigtuerei des Barbiers und den Reichtum seiner Phantasie im Zuschnitt von Bart und Bärtchen je nach den Anregungen aus den Niederlanden, Spanien, Italien oder Frankreich brachte mancher Satiriker in Verse; einer reimte:

Some like a spade, some like a fork, some square

Some round, some mozu’n like stubble, some stark bare,

Some sharps, stiletto-fashion, dagger-like . . .

Tatsächlich scheinen diese Barbiere in der Kunst der Physiognomie sehr weit gewesen zu sein und ihre Winke waren gewiß für den Schauspieler wertvoll. Stubbes erzählt in Anatomy of abuses: wenn man kommt, um hergerichtet zu werden, fragt der Barbier, ob es gewünscht wird, für den Feind schrecklich oder für den Freund liebevoll auszusehen, ob ernst und verbietend, ob aufgeräumt und heiter im Stil.

Jede Gruppe von Literaten und Schöngeistern — sie waren Legion im merry old England — hatte ihre Stammkneipe — tavern, die feineren hießen ordinary — wo sie ihr Wesen trieb und in scharfer Dialogkunst gleichsam dem Theater präludierte. Zur Erholung vom steifen Hofleben, von der Monotonie des absolutistischen Himmels mit seinen ewigen Huldigungschören, Seligkeitslächeln und Wichtigkeiten

begab sich manch junger Hofmann nicht ungern in eine Taverne untersten Ranges, wo der Dichter Peele, ein verbummeltes Genie als komische Figur Anziehungskraft ausübte durch seine ulkige Unverschämtheit. Manches Hühnchen hat Shakespeare mit George Peele rupfen müssen und er rächte sich humoristisch, indem er den Tropf zum monumentalen Schlemmer und Schürzenjäger Falstaff erhob. Das Vorbild für Prinz Heinz, der sich eine Zeitlang mit ihm belustigte, war vielleicht Graf Southampton. Die Schalkslaune hat ihre Zeit und die freche Kumpanei wird nachlässig vornehm abgeschüttelt, wenn es dem hohen Herrn nicht mehr behagt — so verfährt Heinz, sobald er sich Heinrich nennt, dem dicken Ritter gegenüber — Re-naissance-beffa, stets ein wenig grausam. Höhere Witzbolde waren in der Mermaid zu finden, im White Horse, old Devil, Temple Bar, Apollo, Falcon Tavern. So spannend und belustigend ging es in ihren Wortgefechten zu, daß sich stets Publikum bildete, ja, daß es anstand, um kein Wort zu verlieren, wenn sich die Kämpen neuer Art begegneten und mutig berannten. Seit Athen ist nicht soviel Geist verausgabt worden, wie von den großen Wits aus Elisabeths Zeit, die sich gemütlich Ben, Tom und Will nannten. Bei den freundschaftlichen Redeschlachten zwischen dem rare Ben Jonson und Shakespeare wurde ersterer mit einer massiv prächtigen spanischen Galeere, letzterer mit einem leichten, geschwinden englischen Schiff verglichen, das schließlich siegt.

Wie drängt und schiebt es schon ungeduldig zum Theater — zuweilen entstehen improvisiert Komödien aus den treffsicheren Redekämpfen, die gegeneinanderrennen. Die große Zeit ist gekommen. Wie aus den besonderen Bedingungen der italienischen Renaissancegeselligkeit unwiderstehlich die Novelle entstand, so entwächst den besonderen Bedingungen der Geselligkeit Englands sein Renaissancetheater*), unaufhaltsam, wie eine strotzende Knospe birst.

Das große Spiel des Lebens, reich wie nie, verlangte Spiel im Spiel. Es wollte sich beschauen, bespiegeln und schließlich sich prüfen und kennen. Durch Mitteilung, durch Gabe wollte es seinen unendlichen Reichtum kosten, denn jeder Lebensreichtum genießt sich nur, wirkt nur, indem er von sich gibt. Er braucht Schönheit, die seine Melodie laut, seine Farben erst zu Farben macht. Übervoll wie nie war das große Spiel des Lebens, voll des Witzes, voll des Abenteuers, voll des Liebens, voll des Hassens, voll des Todes und voll hochschäumenden Lebens. Das alles ergoß sich unaufhaltsam auf die Bretter, sie bedeuteten eine Welt, weil sich ihnen eine Welt bot, freigebig bot.

Von allem braucht’s um eine Welt zu machen. Es war weidlich von allem da. Nun griff einer nach dem anderen hinein in die Fülle mit glücklichem, mit immer glücklicherem Griff. Und die Zeit sah ihr Antlitz. Sie war gefesselt, gespannt, berückt, fast ein Narziß, der sich am Schauen nicht sättigt.

Im Jahre 1561 fand die erste Vorstellung vor Elisabeth statt in Whitehalls Saal, Liebhaber hatten sie gewagt,  ein gelehrter Jurist und ein Edelmann sich zusammengetan, um ein historisches Stück*) in dröhnende Verse zu bringen. Wenig später erdrückt man sich schon in Oxford, als ein neues Drama, diesmal nach klassischem Motiv, Palamon und Arsite gegeben wird. Rasch folgen 52 Dramen aufeinander, 1576 wird das erste ständige Theater in Blackfriars gegründet, der gewaltige Darsteller Burbage wirkt hinreißend, ihm nach streben bald an 200 Schauspieler, und vier Theater werden des weiteren eröffnet. Meist sind die Schauspieler sehr jung, man braucht ja knabenhafte Jünglinge als Frauendarsteller, sie bilden ein überaus lustiges Völkchen**). Gern gesellen sich ihnen junge Leute von Stand, denn Theater ist ja die höchste Mode, im heutigen England würde man sagen the craze, die Narretei der guten Gesellschaft. Elisabeths ausgesprochene Vorliebe gibt gleichsam Recht dazu. Für den Eleganten gehört es sich theaterkundig zu sein; so mag manch ein junger Lord oder Prinz wie Hamlet den Schauspielern Unterweisung zu geben sich bemüht haben.

*) Ähnlich waren das spanische und portugiesische Theater entsprungen.

Vornehme Herrn (Beaumont ist Edelmann) und sogar vornehme Damen, wie Lady Pembroke in Verein mit ihrem Sekretär Daniel schreiben für die Bühne, manche Gelehrte, wie Chapman, der Übersetzer Homers, freilich auch verbummelte Studenten und Abenteurer sind Spielschreiber playwrights. Die Zeitgenossen Shakespeares bilden ein gewaltiges Geschlecht (so nennt sie Charles Lambs)*), sie reichen ihm Dialoge, Situationen, Stoffe, Motive, die er brauchen kann und braucht, wie ihnen diese Situationen, Stoffe, Motive gereicht worden sind von Erzählern anderer Länder, die das Spannende in ihrer Geselligkeit mit klug pointierten Novellen erprobt und wie diese hinwiederum das alles empfingen aus altem Buch und Pergament, aus Reisebericht und Ammenmärchen, von nah und fern, und wer weiß aus welchen Fernen. Unübersehbare Mitarbeit, bis das wahre Theater entsteht zu Lust und Schmerz und zu ewiger Weisheit!

*) Es hieß Corboduc oder Ferrex und Porrex von Thomas Norton und Sackville, Lord Buckhurst, der altenglischen Geschichte entlehnt , für die sich der Nationalstolz interessierte, so daß sich bedeutend e Chronisten, wie Holinshed, mit ihr beschäftigten.

**) Durch Spott forderte es den besonderen Haß der bereits den Festtag Englands mißgünstig umschleichenden Puritaner heraus, die von den herrschenden Dichtern als Caterpillars (Raupen) of the Commonwealth sprechen.

Blickt man überhöhend in dies Getriebe, welch ein Schleppen der Schultern, Ragen und Tragen vielgestaltiger Gestalten wie an wimmelndem Dombau. Arbeiten die Zuschauer nicht selber mit, die Lords und Ladies — sie spielen ja geradeso im Leben und mit dem Leben. Lässig wird die seidene Leiter an den Balkon gelegt und auch das Haupt auf den Block… oder in den Schoß der Schönen. Die Rüpel spielen ebensogut, so unverkennbar mit und nicht mit weniger Erfolg. Zuschauer und Spieler sind eins, das Leben die Bühne, die Bühne das Leben selbst.

Mir gilt die Welt nur als die Welt,

Ein Schauplatz, wo ein jeder seine Rolle spielt

*) Norton, Edwards, Whetstone, Thomas Kyd, Th. Nash, Robert Greene, Cristofer Marlowe, Munday, Chettle, Ben Jonson, Beaumont und Fletcher, John Webster, Thom. Middleton, John Marston, Taylor, Rowley u. a.

Das Theater kommt aus dem Leben und bleibt im Leben und will vorerst auch garnichts anderes. Seine Improvisation mit dem naiv angedeuteten Schauplatz belustigte wohl die hohen Herrn und Damen, die an die opernhaft prächtigen Ausstattungen der masks und interludes gewohnt waren. Zwanglos nahmen sie rechts und links auf der Szene Platz, die Damen erhielten Sitze, die jungen Herrn lagerten sich auf Binsen ihnen zu Füßen — wie Hamlet zu Ophelias Füßen — und die begonnene Liebelei wurde fortgesetzt. Inzwischen erschienen Pagen, die ihren Herren das kostbare Pfeifchen mit Tabak brachten. Das Rauchen war eine neue Fexerei, um sich vom profanum vulgus zu unterscheiden. Auch spielten die gallants gern mit ihrer Uhr aus Nürnberg, mochte der playzvright neckisch versichern, auf eine deutsche Uhr sei so wenig Verlaß wie auf ein hübsches Frauenzimmer, sie gingen niemals recht.

Oder die Herren führten aus schön verzierter Bonbonniere pomander, kissing confits (Kußbonbons) zu Mund, süß parfümierte Kügelchen, sehr beliebt wegen der Kußmode, die sich im Unterschied von anderen Moden seit mehreren Jahrzehnten erhalten hatte, denn schon Erasmus erwähnte schelmisch in einem sonst gelehrten Brief, wie kußbereit die schönen Engländerinnen bei allen gastfreundlichen Gelegenheiten seien. Wird die Schauspieltruppe vor die Königin befohlen, beobachtet sie folgende Zeremonie. Der Schauspieler des Prologs spricht kniend. Zum Schluß der Vorstellung sinken alle Mitspieler auf die Knie zu einem Gebet für die Königin.

Tragisch muß es Shakespeare und seiner Truppe zumute gewesen sein, als sie (1601) zum letztenmal zur Königin befohlen wurden im Augenblick höchster Ungnade, da sie am Abend vor seiner Verschwörung im Hause des Grafen Essex, Gönners des Dichters, Richard II. gegeben hatten, ein Stück mit gefährlichen Anspielungen. Essex’ Haupt war seitdem verfallen, Southampton zu ewigem Kerker verurteilt. Dem Dichter entzog Elisabeth ihre Huld — es dünkte ihr Strafe genug, denn sie war ihm sehr huldreich gewesen. Zur Zeit der Huld hatte sie einmal einen Scherz erdacht, ihn zu foppen. Shakespeare spielte mit Würde eine Königsrolle, da ließ sie wie unversehens ihr Taschentuch auf die Bühne fallen, um ihn zu verwirren. Er wankte jedoch nicht in Majestät und improvisierte zum Pagen gewandt, dem er soeben Auftrag erteilt: But ere this be done Take up our sisters handkerchief*).

Lange genug hatte man sich neugierig im Spiel des Spiels beschaut, jetzt stellte man ihm Fragen, wie einem Wunderspiegel. Shakespeare fand Entgegnung auf alle Fragen, die seine Zeit an ihn stellte in Scherz und Ernst, er ließ sich nie irre machen in seiner milden Überlegenheit, in jener Anmut, die einst die Neckerei der Königin pariert. Auch auf jene große Frage der Stellung und Bedeutung der Frau in der Gesellschaft, welche die Geselligkeit in unendlichen Gesprächsreihen endlos erörterte, gab er Aufschluß. Der Herrschgewalt der Minne gegenüber erläuterte er, daß die Herrschgewalt der vornehmen Frau nötig, aber nur in Wechselwirkung mit der Herrschgewalt des vornehmen Mannes, mit dem Siegel unverrückbaren Ideals versehen, gedeihlich wirkt. Seine Porzia ist wie die vorbildlichen italienischen Prinzessinnen über alle Maßen klug, gewandt und lebenskundig. Unübertrefflich, mütterlich hold und erhaben predigt sie die Gnade, aber der väterlich große Pros-pero übt solche Gnade.

*) Doch ehe dies geschehn, Nimm auf das Tuch, das unsre Schwester fallen ließ.

Väterlichkeit ist Ergänzung der Mütterlichkeit, eines kann des anderen nicht entraten, wie bei der Zeugung des Kindes der Vater die Mutter und die Mutter den Vater nicht entbehren kann. Shakespeare weist auf die Verschiedenartigkeit und auf die Gleichberechtigung der Verschiedenartigkeit beider Geschlechter wie der Stände untereinander, da sie zu majestätischer Ordnung nötig sind und zu den Spielen des Lebens gehören, die der Mensch braucht wie die Spiele, die der Zeugung vorangehen.

Arbeit ohne Spiel ist ebenso trostlos wie der Akt der Fortpflanzung ohne seinen Lenz des Blühens und Singens, das ewig erneute Spiel der Natur. Mann und Weib dürfen Verantwortung nicht einer dem anderen aufladen, wie Adam feige Eva anklagt, sie allein sei Schuld am Apfelbiß.

Unendlich verschieden setzt der Dichter Mann und Weib und jedes in seiner Art gleichberechtigt ein als Hausherr und Hausfrau einer Welt, die keine andere Aufgabe hat als schön zu sein und eben dadurch vernünftig und glücklich. Von irgend einem historischen Dogma ist bei Shakespeare wenig Spur. Ein Glaube an die Schönheit durchdringt sein Werk, jener Glaube, der allein die Religiosität lebendig wirksam macht und sie über den Kampf der Zeit erhebt. Shakespeares nie irrendes Gefühl für den wahren Rhythmus des Lebens löste ebenso einfach und natürlich den Zwiespalt, den das merkwürdige Verhältnis der Renaissance zu den Heidengöttern in die Herzen gebracht. Er nimmt niemals hart von ihnen Abschied oder wagt sie tot zu nennen. Die Heidengötter werden wieder, was sie ursprünglich gewesen, ein Stück Natur, eine Metapher, ein Flüstern und Raunen oder Blitzen und Tosen, ein leises Gruseln im Traum, im Dämmeroder Mondenschein.

Fortan gehört die Natur zu den höchsten Genüssen geselligen Daseins wie der seligsten Freundesliebe. In Italiens Villen eine architektonisch verziert auftretende Natur — entsprechend dem Klima und dem Seelentypus — die südlichen Götter als Nymphen und Bocksfüßler sind freundlich traut und häuslich in wohlgeschnittenen grünen Nischen wie zur Miete, ein Schmuck und Andenken. England kennt Götter, die zu seinem Klima und seiner Landschaft passen, die Romantik Windsor Parks mit gespenstischen Hirschen, mit Queen Mabs Gefolge, das sich gern übermütig dem übermütigen Reigen menschlicher Faschingslaune gesellt. Ist es nicht, als vollziehe sich in Shakespeares holdseliger Traumwelt die Versöhnung zwischen den südlichen und nördlichen Heidengöttern, die so lange, ähnlich wie in homerischer Sage, in Gesellschaft der Menschen Kriegsspiel getrieben oder über ihren Häuptern gekämpft, sie zum Kampf ermunternd?

Erstaunt und ein wenig verlegen begegnen sie sich in friedlichem Spiel und nehmen Ähnlichkeiten voneinander an, im Zeichen allerorts beliebten Schabernacks, Mummerei und Metamorphose, daß sich der Esel des Apulejus mit Puck, dem zierlichen Hofnarren der englischen Geisterwelt, gut verträgt. Zwar ist Ariel ein kleiner nordischer Gott, ursprünglich ein Gott schlechten Wetters, denn er weiß fürchterlich Sturm zu erregen, allein sein Wesen wandelt sich gern zu Zephyrfächeln, das den Liebenden Freund. Ariel steht leise zwischen Eros und Thanatos mit schelmisch wehmütiger Grazie und wispert geheimnisvoll, genau wie der Hain flüstert, wie Welle und Wind zu verraten sich bemühen: Der Tod ist nichts als ein etiuas grausamer Schalksstreich, den uns die Natur spielt, nichts als ein Mummenschanz, eine Verwunschenheit mehr, ein Schabernack, eine Verwandlung unter anderen, a sea change — into something rieh and stränge. Darum lacht der luftige Geist und fordert auf zu lachen. Die Schelmenstreiche dieses Pagen Prosperos, des Herzogs ohne Land, sind die mächtigsten, feinsten und tiefsten aller Ulkereien und Foppereien, aller beffe, in denen sich der Renaissance Lebensweisheit und Kunst ausgegeben.

Wo die südlichen Götter zu zahm und häuslich geworden, wo sich die Menschenwelt gleich ihnen in Zierat und Arabesken verliert, kehrt Shakespeare als Nordländer zur Natur zurück und befreundet sich zärtlich mit ihrem Geheimnis. Der Nordländer strebt aus dem Maß heraus, das dem Südländer zur zweiten Natur geworden, er fühlt, wo sich Kunst in Künstlichkeit zu verlieren droht, denn ihm ist Konvention nie so mütterlich lieb. Darum genügen Castigliones Idealgestalten in seinem stilisierten Garten einem Shakespeare nicht als Inbegriff der Wohlerzogenheit. Er faßt seinen Ferdinand, seine Miranda fester an, um sie tadellos zu bilden.

Aus süßer Geselligkeit führt er sie in Einsamkeiten, aus der Konvention in die Natur und legt wenigstens auf Zeit rauhe, niedrige Arbeit in ihre hoheitsvollen Hände. Auf daß Prinz und Prinzessin die Wirklichkeit, die Not, die Arbeit kennen und ehren lernen und deren große Uberwinderin: die Liebe.

Nicht mit höfisch mythologischer Huldigung allein, wie sie gebräuchlich, mit so ernster Lehre entläßt Shakespeare das Hochzeitspaar, dem sein Spiel gegolten. Es ist die letzte, höchste Lehre, die von der Renaissance ausgeht an ihre Lieblingsgeschöpfe, junge, vornehme und glückliche Menschen, als Sonnenfrucht höchst sonnigen Sommers bietet sie sich–und schon duftet Herbst.

ln unseren Tagen wurde in London eine Schule des Glücks gegründet mit Professoren, die es sich zur Aufgabe machen, technisch so auf Geist und Gemüt zu wirken, daß unsere Werkzeuge zum Ergreifen des Glücks, die rostig, stumpf und unbrauchbar geworden sind, neu hergestellt und brauchbar werden, nachdem sie lange unbenützt und verachtet gelegen.

Eine solche Schule war im Zeitalter der Renaissance nicht nötig-, denn die Kunst war damals zielbewußt und erfolgreich Schule des Glücks.

Wie griechische Blüte vorgezeigt, betrachtete es die Kunst auf allen Gebieten als eigenste Aufgabe, solche Schule zu sein, nämlich unablässig auf die Heiligkeit, Gültigkeit, Notwendigkeit des Schönen hinzuweisen, auf verschiedensten Wegen zur Schönheit und somit zum einzig und wirklich dem Menschen erreichbaren Glück zu führen. Weil die griechische Blüte und die Renaissance die Kunst als Schule des Glücks am bewußtesten und überzeugendsten hinstellten, haben die großen Meister aller Zeiten, die wahrhaft väterlich die Menschen liebten und zu betreuen gedachten, diese Zeiten dankbar geliebt. Als Führer, Lehrer, Pädagogen haben sie das einfachste und deutlich erkennbarste Lehrsystem des Glücks gefunden und weiter zu verkündigen sich bemüht.

Sind Architekten, die festlich froh die Landschaft krönen mit schönen nützlichen Bauten, dem Frieden, der Andacht, der Wohlfahrt geweiht, nicht Lehrer des Glücks? Gesellen sich ihnen nicht in solchem Lehramt Meister, die Gärten schaffen zu ewig neuer Erquickung? Jene, die zum Entzücken von Aug und Herz Meißel und Pinsel führen und alle die großen Meister der Kleinkunst, die Wohnungen erst zu wirklichen Wohnstätten machen, zum trauten, einzigartigen Heim, sind sie nicht Lehrer des Glücks?

Die in Wohllaut künden, in Wort und Ton, gehören zu der großen Schule. Irrlehrer sind alle, welche mit Dichtung, bildender Kunst und Musik anderen Sinn verbinden, unheilig führen sie zu ungesunden Rauschzuständen. Es sind schlechte Lehrer, wie Platon sie ausstoßen wollte. Rechte Lehrer an der Schule des Glücks sind die gewissenhaften Meister, der Bühne Meister vor allem. Denn sie führen mit fester Hand, wie die Griechen, wie Schiller erklärte, zu der Läuterung des Gemüts, die vom Wahn befreit und die Seele freimacht, zu dem großen Entschluß,

Schönheit zu wählen.

Die edelsten Naturen sind von göttlicher Väterlichkeit. Seit Platon hat kein Dichter sich so erhaben väterlichen Sinnes gezeigt, wie Shakespeare, der einen Prospero schaffen konnte als sein eigenes Bild. Vom tiefsten Ernst zu anmutig heiterer Art, aus der Geselligkeit und für sie geboren, zeigt er den Inbegriff seinesLehramts, zuversichtlich trotz aller Enttäuschungen, die seine Zeitgenossen und die Übersicht der Geschichte bieten mögen, selbstlos wie ein guter Vater und Lehrer, hoffnungsstolz und freudig wie ein solcher. Ihm reicht über Jahrhunderte ein göttlich Väterlicher die Hand, Deutschlands Goethe, der nicht nur seine Deutschen, der das ganze Menschentum mit der ernsten Liebe seiner Väterlichkeit, seines gewaltigen Erziehungstraums umfaßt. Darum war Goethe leidenschaftlicher Verehrer der Renaissance, er grüßte andachtsvoll in ihrer Kunst und Geselligkeit, was sie wahrhaft bedeutete: die Schule des Glücks.

Ende

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT
Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII)
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – EINUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt

VIERTER TEIL
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EUROPAS WESTEN UND DIE SPÄTRENAISSANCE

DREIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Im ernsten Rom — Verjagte Götter — Herbstabend in San Silvestro — Isabellas Frühstück — Bolognas politische Salons — Paduas Buchläden — Das glänzende Mailand — Humanismus im Kriegszelt — Die Reisen des spanischen Königs — Leere Blätter im Buch der Geschichte — Die Villa — Zarte Resignation — Arkadien — Ein Patriarch — Architektonische Gärten — Moos aus Wachs — Die Novelle als Gesellschaftsspiel — Am Gardasee — Venedigs Lachen — Der Spiegel — Himmelsgabe, die Schönheit der Frauen — Vom Rat der Zehn — Aus Aretinos Briefen — Kunstbörse — Kinderfeste — Triumph des Lebens.

Stiller und ernster ist Rom geworden, das Rom der geschändeten Kirchen und Bibliotheken. Von seiner Reise erzählt Joachim du Bellay:

La paix et le bon temps ne regnent plus ici, La musique et le bal sont contraints de s’y taire*). Rom hat seine fröhliche Weltlichkeit abgestreift, seine Narren sind zerstoben, die großen Curtisanen geflohen, seine lustigen Künstler haben ihm den Rücken gekehrt nach der Verwüstung des Sacco.

Sie befinden sich sehr wohl in Venedig, Sansovino und Sebastiano del Piombo mögen nicht zurückkehren, Titian läßt sich nicht nach Rom locken, obwohl ihm die einträgliche Stelle des Piombatore angeboten wird, der die Siegel auf die päpstlichen Schriftstücke drückt, Aretino dreht der ewigen Stadt frech eine Nase, Bembo denkt ihrer wehklagend, bleibt aber lieber im Venezianischen in seiner reizenden Villegiatur, in Padua, dem Gelehrtenwinkel oder in Venedig selbst.

Einsam ragend bleibt Michelangelo allein Rom, den Päpsten und seinem römischen Wirken treu. Er hat die merkwürdigsten Päpste überlebt und ihnen allen irgend gedient, im Herzen den schmerzlichen Widerstreit zwischen der Überzeugung des gläubigen Katholiken und der Trauer um die Mißstände, die schon Savonarola gezüchtigt hatte und die nunmehr die Kirche furchtbar erschütterten.

*) Frieden und gute Zeit herrschen hier nicht mehr, Musik und Tanz sind zum Schweigen verurteilt.

Ihm war nicht vergönnt, früh zu sterben, wie dem Götterliebling Rafael. Seiner Titanenkraft mutet das Schicksal zu, die Last des ganzen Jahrhunderts zu tragen, das Cinquecento zu leben und zu überleben. Er überlebt die große Zeit von Florenz und die große Zeit von Rom, er überlebt die Einheit der Kirche und die schönen Heidengötter. Für die Jünger heiterer Mythologie, die außerhalb der Kapelle bauten und malten, war er zu Beginn seines Werkes zu christlich fromm. Als er, halb geblendet von dem ewigen Blick nach oben, endlich heraustrat, war er für die veränderte Zeitströmung zu heidnisch geworden. Er mußte sich gefallen lassen, daß ihn ein Aretin nicht fromm genug fand — so merkwürdigen Umschwung haben die Ansichten über Frömmigkeit erlitten.

Nicht ohne Groll diente Buonarotti einst einem Julius, einem Leo, wie mußte er sich zurücksehnen, als ihm ein neuer Papst die Zumutung stellte, seine beredten Nacktheiten in anständigem Schweigen zu verhüllen. Die rechte Antwort gelang ihm, es sei zu klein, ein Gemälde verbessern zu wollen, der Papst möge doch lieber die Welt verbessern.

Doch jedesmal, wenn die Welt ernstlicher Besserung bedarf, sind die berufenen Verbesserer zunächst darauf erpicht, sich lächerlich zu machen, indem sie einen Hosenmaler ernennen, um die Nacktheiten eines Michelangelo zu bekleiden. Auch scheint ihnen das wichtigste, Nymphen und Amoretten zu verjagen. Eiligst ergreifen die Olympier die Flucht, indes ein Loyola bald den Fuß nach Rom setzt. Die neubeseelten Götter gingen der zarten Seele verlustig. Entzaubert waren sie nichts als Stein und Bronze, nichts als Museumsstücke und die Juno Ludovisi mußte auf Goethe warten, um wieder einen im Sinn der Renaissance Andächtigen zu haben. Die von Mythologie und Verliebtheit vollen Dichtungen werden fromm purgiert und gedeutet, selbst Petrarca entgeht solchem Schicksal nicht.

Mit frommen Grüßen statt mit valete werden die Briefe gezeichnet, Dichtungen travestiert oder mit der Entschuldigung versehen, wenn aus alter Gewohnheit etwas Mythologisches unterschlüpft, es sei nicht bös gemeint, nur eine poetische Lizenz. Niemand versteht mehr Dante, und Michelangelo muß sich ereifern im Kreis seiner jungen Freunde, die ihn liebreich aber doch etwas mitleidig ein altes Väterchen nennen. Vittoria Colonna ist nicht mehr die schöne Marchesa, deren Preis in Neapel die Verehrer besangen, streng und strenger kleidet sie ihre Witwenhaube, ihre Geselligkeit wird ausschließlich geistigen Betrachtungen gewidmet. Dennoch ist in ihrem Herzen wie in jenem ihres großen Freundes jugendliches Feuer nicht erloschen, ihre Liebe, die Liebe zur Schönheit ist, kann nicht altern noch welken. Je weiter sie fürbaß schreiten in den Abend des Lebens hinein, desto milder sind sie umleuchtet und Michelangelos Herbigkeit wird mystisch versüßt.

Wenn die Freundin in Rom weilt, tritt er aus seiner Einsamkeit und nimmt teil an den Zusammenkünften, zu denen sie sich sonntäglich begibt in den Garten des Klosters San Silvestro in Capite — Zusammenkünfte, ähnlich himmlischen Fragen gewidmet wie jene der vornehmen Damen auf dem Aventin aus erster Christenzeit. Zuweilen sind Betrachtungen über die Kunst eingeflochten und es ist einem jüngeren portugiesischen Künstler, Franzisco de Hollanda, vergönnt, daran teilzunehmen. Er zeichnet (im Jahre 1538) seine Erinnerungen auf.

Es ist Herbst, es ist Abend, aber ein Herbst und ein Abend in Rom, noch schwül von kaum vergangener Sonnenglut, so daß man dankbar ist für den kühl hauchenden Klosterhof von San Silvestro, für die Kühle der Efeumauer hinter der Steinbank. Man blickt über Ruinen, aber es sind schöne Ruinen, die Ruinen Roms. In den Herzen der gelassen Sprechenden, wenn man so recht Einblick hätte, welche Ruinenwelt! Allein, es sind schöne Ruinen, denn Vittoria und Michelangelo waren immer bestrebt, Schönes im Herzen zu errichten. Darum können sie so gelassen sein an ihrem Feierabend und sogar heiter einander das Wort geben mit der Anmut der Zeit, die entschwand. Trotz der Frömmigkeit, in die sie versinkt, bleibt in Vittorias Wesen die Tradition der großen Dame lebendig, sie weiß mit leiser Schelmerei zu scherzen, wie man in Urbino getan, und das Gespräch nach Wunsch zu lenken. Sie hat dem Portugiesen versprochen, da er so aufmerksam theologischen Erörterungen gelauscht, ihn zum Lohn ein Gespräch des größten Meisters über Malerei vernehmen zu lassen und versteht Michelangelo unmerklich in solches Gespräch zu führen.

Die zarte Seligkeit des Zusammenseins mit verstehenden Seelen hat endlich am späten Abend des Lebens den so lang Einsamen und Ungeselligen gewonnen und endlich genießt er, sich in kleinem Kreis von dankbar Zuhörenden mitzuteilen. Vittoria gibt das Beispiel sinnigen Heiterseins und Hollanda berichtet nicht ohne Ergriffenheit, daß auch der gewaltige Meister leise lachte — in San Silvestros Klostergarten. Ein fernes Echo des Lachens, das in Urbino getönt. — Elisabetta von Urbino ist tot’, ihre Schwägerin, die verwitwete Isabclla d’Este, versammelt noch um die Mitte des 16. Jahrhunderts Schöngeister um sich und gibt Beispiel genußreicher Villeggiatura in Diporto und La Cavriana, ihren entzückenden Lustsitzen. Diporto heißt etwa Monplaisir, denn man hat das Wort diportarsi erfunden für den Inbegriff frohen Zusammenseins auf dem Lande, dem nunmehr die Spätrenaissance zustrebt. Bandello bedient sich des Wortes oft, wenn er die amenissimi giardini beschreibt, wo geplaudert und fabuliert wird.

Nach einem Frühstück bei Isabella erzählt Bandello die rührende Geschichte der Pia di Tolomei und entlockt ihr und ihren damigelle Tränen. Die Fräulein sind aber nicht nur empfindsam, sie sind gefährlich kokett, denn als sich Isabella mit ihnen nach Bologna begab, bei Gelegenheit der Versöhnung zwischen Papst und Kaiser [der ihren Sohn Federigo zum Herzog ernannte und ihm das Marquisat Montferat verlieh für seine Parteinahme im Streit] — mußte Isabella bald aufbrechen, weil die schönen Damen ihres Gefolges zu große Eroberungen machten. Ihretwegen entstand unter den Cavalieren eine Art Duellepidemie und die Verhandlungen traten in den Hintergrund.

Ein ernster politischer Salon hatte sich in Bologna gebildet unter Herrschaft der Dichterin Veronica Gam-bara, Gräfin von Correggio. Einer ihrer Brüder war in kaiserlichen und einer in französischen Diensten, sie war also wohl geeignet und wünschte vermittelnd einzutreten. A Bologna la casa di Veronica Gambara era un Academia ove ogni giorni si riducevano a dis-corre di nuove questioni con lei il Bembo, il Capello, il Molza, il Mauro e quanto piü famosi di tutta YEuropa seguivano quelle corte. In Bologna war das Haus der Veronica Gambara ein Sammelpunkt, wo sich täglich, um die neuesten Fragen mit ihr zu besprechen Bembo, Capello, Molza, Mauro und viele Berühmtheiten von ganz Europa trafen, die den Hof begleiteten. Unter anderen Fragen, die bei der schöngeistigen Dame besprochen wurden, trat Romolo Aurasco hervor mit der Idee, lateinisch als Weltsprache für das soeben erbaute Weltreich anzuempfehlen, andererseits trat Bembo ein zugunsten eines Konzils, das die Gesetze der lingua toscana bestimmen sollte. Von politischen Fragen zog er sich als Literaturpapst gern zurück und pflegte am liebsten seinen gewählten Humanismus in seiner Villa oder in Padua, wo sein studio mit mancher aus Rom geretteter Antike geschmückt, einen Wallfahrtsort für Gebildete aller Nationen bot*).

*) Era la casa del Bembo come un pubblicho e mondissimo tsmpio,  consecrato a Minerva. (Varchi.) Und ein anderer Pilger dieses Tempels, Amomo, berichtet: tutti i segnalati gentiluomini anda-vano per visiiarlo, e per corre il frutto delle parole, die della sua saggia bocca quasi oerle cadevanco.

Unter dem Schutz San Marcos, der sich von Sankt Peter gar nichts sagen ließ, entfaltete sich in Padua reichstes und freiestes geistiges Leben, Labung für alle geistig Durstenden Europas und eine originelle Gelehrtengeselligkeit. Sie spielte in den Buchläden, ähnlich wie in Venedig bei Aldus, später bei Paul Manu-tius, oder im Freien auf breiten Bänken vor der Farmacia San Angelo oder anderen Apotheken — die Apotheker waren auch Zuckerbäcker —, wo Professoren und Studenten zwanglos Unterhaltung zusammenpflegten. (Fuori delle farmacie stavano delle panche su cui sedevano i gravi professori e si tratte-nevano con dotte e piacevole conversazioni).

Auf diesen Bänken nahm der junge Tasso Platz als Student und der junge Galileo, der hübsch zur Laute zu singen verstand. Auch öffneten sich den Studenten die studii, Museen und Bibliotheken gastfreier Gelehrter und Amateurs, zuerst jenes Bembos, später das Haus des großen Plauderkünstlers und Liebhabers der Wissenschaften Pinelli, zu dessen Gästen Giusto Lipsio zählte, Tommaso Seggati, Fra Paolo Sarpi, Perrot, den man un angelo nei costumi, un demonio nelle mathematiche nennt und es werden ausgesucht feine Symposien gefeiert.

Perrot verfaßte einen kühn satirischen Katechismus gegen die spanische Übermacht. Dies alles erlaubte die Schutzherrschaft Venedigs. Kecke Kontroversen und Satiren wurden gepflegt in den Akademien, die einander an Geist und Witz zu überbieten trachteten, etwa die academia degli Infiammati, degli Eterei, dei Rinascenti, degli Stabili, dei Ricoverati. Nachbarlich gesellige Beziehungen bestanden zwischen der vornehmen Gesellschaft Paduas und Veronas, Vicenzas und Mailands, spielten auch nach Genua hinüber, klangen aus in Lautenspiel am Gardasee und Comersee, wo Paolo Giovio eine märchenhafte Villa besaß.

Wie Prinzessinnen als Bräute zu jener Zeit öfters ziemlich gleichgültig harrten, welchem ihrer Freier das Waffenglück ihre Hand erteilte und nur von Fest zu Fest lebten, so scheint das vielumstrittene Mailand seinem Schicksal gegenüber recht gleichgültig. Eis galt für die reichste Stadt Italiens und hatte von seinen großartigen Herzogen her üppige Lebensgewohnheiten beibehalten. Milano e oggidi la piii opulente e abbondante cittä d’Italia e quella ove piii s’attarda che la tavola sia grassa e ben fornita. (Mailand ist heute die reichste und üppigste Stadt Italiens und jene, wo man sich am ernstesten bemüht, daß der Tisch alle denkbare Fülle aufweise). Die Stadt beherbergt eine große Zahl äußerst reicher Edelleute, die sich, wenn sie im Reich Neapel lebten, hoher Titel rühmen würden, allein die Mailänder halten mehr auf Sein als auf Schein. Glänzend ist der Reit- und Fahrsport ausgebildet und dient zum eleganten Liebesspiel. Man sieht den ganzen Tag die jungen Edelleute paradieren auf herrlich gezäumten Maultieren oder auf kostbaren türkischen und arabischen Pferden, bald auf feurigem, bald auf mildem zierlichem Roß, schmuckvoll angetan und gleich Bienen die Blumen umschzoärmend. Blumen sind die geschmückten Damen, die langsam in vergoldeten Wagen fahren vierspännig und so zur Schau gerichtet, als gälte es kaiserlichem Triumph.

Es gibt schöngeistige Salons in Mailand und zwar wetteifern an eleganter Geselligkeit bürgerliche Kreise mit bekannten adeligen Familien, zum Beispiel, der Advokat Benedetto Tonso und ein Signor Attellani, dessen Gastfreundschaft Bandello rühmt.

Attellani lädt zu einer cena luculliana mit Liebhabervorstellung, die Prinzessin Bianca d’Este und Signora Camilla Scarampa, die der Dichter als neue Sappho preist, gehören zu seinen Gästen. Sich schöngeistig zu unterhalten ist so sehr Herzensbedürfnis und Mode in Bandellos großem Kreis, daß Herrn und Damen stets dazu bereit sind in eleganten Bädern wie in ihrem zur Geselligkeit feingestimmten Palazzo, ja selbst im Zelt, in Kriegszeit findet der reiselustige Prälat die gewohnten geistreich pointierten Gespräche, zierlich aufgetragenes Mahl und Vortrag von Versen.

Zusammen mit Bernardo Tasso genießt er solche Gastlichkeit bei Claudio Rangone (col mangiare mischiando soavi e dolci ragionamenti) und ebenso in der Nähe von Vicenza bei Rinuccio Farnese. Dort aß man zu Abend so schön angerichtet und mit so gewählten Speisen, als befände man sich nicht bei einer Armee im Felde. Nach Tisch griff Farnese zu Petrarcas göttlichen Reimen. Es entspinnt sich ein entsprechendes Plaudern und man erhebt sich hoch über die Rauheit des Kriegslebens. So nahmen sich die Italiener vor, wie immer die Würfel im politischen Spiel fallen mochten, mit ihrer feinen und mächtigen Geistigkeit dem Gegner überlegen zu bleiben.

Nach 56 Kriegsjahren zwischen Spanien und Frankreich entschied sich das Schicksal des allzuschönen Kampfpreises Italien. Umsonst stritt Paul IV. Caraffa, der letzte kriegerisch tätige Papst. Dem allgemeinen Gravitieren zum Absolutismus folgend, verlangte das Konzil von Trient, indes bei einigen Kardinalen harmlos getanzt wurde, auch für den heiligen Stuhl den Absolutismus. Im kirchlichen Sinn drang manche dahinzielende Forderung durch, im alten weltlichen Sinn ging die Herrschaft verloren, obwohl Paul das Feldgeschrei Julius II. fuori i barbaril als letzter Patriot ertönen ließ und sich mit letzter Kraft gegen Spaniens Übermacht sträubte. Er unterlag. Nach dem Frieden von Cambrai (1559) empfingen die Lombardei, Neapel, Sizilien und Sardinien spanische Vizekönige. Die Medici befestigten ihre Herrschaft in Florenz und begannen ein patriarchalisch barockes Regiment, das eine freundliche Nachblüte in Kunst und Wissenschaft klug beschirmte. Befangen von angenehmer Zerstreuung kränkte man sich in Mailand nicht übermäßig als der langjährige Freier um Mailands Schönheit, der Franzose sich zurückziehen mußte und Spanien in Philipps finsterer Person triumphierte. Neugierig empfing man den neuen Weltmonarchen auf seiner Antrittsreise, und er hatte sogar anfangs einen gewissen Erfolg.

Pathos und Komik eines so heterogenen Weltreichs — Philipp mußte sich gegen seine eigene Natur bemühen, dem Geschmack in der Geselligkeit der verschiedensten Völker gerecht zu werden. In Mailand bemüßigt er sich zu tanzen und zu reiten — die graziöse spanische fantasia — in Deutschland und den Niederlanden mitzutrinken, was ihm, dem Nüchternen so unendlich zuwidergeht, daß er von da ab für Deutsche und Niederländer Widerwillen hegt. In England muß er nicht nur manch biderbe Gepflogenheit mitmachen, er muß sich von der nicht mehr jungen, unschönen Königin Maria lieben lassen, die leidenschaftlich für ihn entbrannt, ihm zu Gefallen die blutige Maria wird —. Inzwischen weiß man in Italien klug dem Taumel der im Namen der Religion verübten Greuel zu entgehen, die Inquisition bleibt unbeliebt und ergattert nur einige, allerdings berühmte Opfer, wie einen Giordano Bruno, einen Tomaso Campanella. Florenz hatte mit Savona-rola seine leidenschaftlich mystische Zeit überwunden und, lange im Grund gelegen, gingen wertvolle Körner aus seiner Frührenaissance auf. Eine Geselligkeit von feinem Reiz entstand, vorzüglich in musikalischen Salons, zart wurde den Damen gehuldigt, Montaigne wunderte sich, daß bei Tafel die Großherzogin den Vorrang hatte.

Staunend betrachtete er die soziale Harmonie, die Italiens Spätrenaissance als schöner Trost gegönnt war für seine politische Ohnmacht. Nicht mehr tönte das wüste Kampfgeschrei des popolo minuto gegen den popolo grasso, allgemeiner Wohlstand herrschte in weiser Abstufung, von einem Stand zum anderen Wohlwollen und Höflichkeit. Dem tanzenden Volk sind die Gärten Boboli und die Säle des Palazzo Pitti geöffnet, die nobili mischen sich zwanglos in die Lustbarkeit.

Ebenso in den eleganten Bädern, wo ländliche Bevölkerung und vornehme Badegäste einander die Tänze absehen und die beste Tänzerin zierlichen Preis erhält. Bildung ist selbst der Frau aus dem Volk nicht unvertraut, eine Bäuerin aus Lucca wird als imDrovisa-trice gefeiert und kommt bei festlichem Mahl neben den Philosophen Montaigne zu sitzen. Allen Ernstes hat sich die italienische Welt, von ihren Dichtern im Reigenschritt geführt, nach Arkadien begeben. Spätere Historiker waren damit unzufrieden. Wie Hegel behauptete, daß Zeiten des Glücks leere Blätter der Geschichte seien, wurden sie nur gefesselt von den Blättern des Weltbuchs, die von kriegerischem Ruhm berichten, und übersahen, daß sie auf Kosten des kleinen Mannes ihre roten Majuskeln schrieben. Als leere Blätter galten die Seiten der italienischen Geschichte, sobald Kriegslärm auf den Fluren verstummte und es ließ den Historiker gleichgültig, daß gerade, als Italien kein politisches Übergewicht mehr beanspruchen durfte, unter politisch ungünstigen und äußerlich wenig schmeichelhaften Verhältnissen ein Glück im Winkel blühte, das einzigartig genannt werden kann, denn es entstand aus einer nie dagewesenen Harmonie zwischen Vornehm und Gering.

Man ist zusammen vergnügt, obwohl anmutig Distanz gewahrt wird. Die Kriegerkaste büßt an Wichtigkeit ein. Wenn sich die jungen Edelleute nicht damit begnügen, Sportzielen zuzustreben, wie etwa in Florenz, wo das Volk eifrig für die bei ihm besonders beliebten Familien auf Wettrennen und ähnlichem Partei nimmt, sind sie darauf angewiesen, fremden Kriegsdienst zu suchen. Zu diesem Zweck entwindet sich Graf Col-laltino von Treviso den Armen seiner Schäferin Ana-silla — Gaspara Stampa — trotz der reizenden Sonette, die ihn fesseln möchten, und pflegt Kriegsspiel unter Heinrich III. von Frankreich. Die meisten großen Herrn suchen und finden jedoch Befriedigung in vornehmem Dilettantismus, ein Marc Antonio Barbaro wird Schüler Alessandro Vittorias und schmückt, teilweise mit eigener Hand, die majestätische Villa in Maser, die Palladio baut und Veronese mit Fresken ziert.

Dankbare Ehrfurcht ist nötig den unschätzbaren Gaben gegenüber, mit denen die italienische Renaissance verschwenderisch Europa beglückt hat, wiewohl sich nicht leugnen läßt, daß der politische Sturz nicht nur von außen kam und manche Verfallserscheinung zu beobachten ist. Im Cinquecento war Italien den übrigen Ländern unendlich überlegen, es strotzte, es barst von Genie, Talent, glänzender Begabung jeder Art. Eine gewisse Uberhebung begleitete diese Vollreife. Und wie zu ironischer Strafe für den Überschwang nationalen Selbstgefühls wird es Italiens Verhängnis, auf allen Gebieten sich selbst zu parodieren.

Hinter dem großen Künstler, den Lionardo einst so wundervoll nipote di dio genannt, steht sein Affe, der behende Virtuose. Schon ist er bereit, Michelangelos Titanenringen in Akrobatenkunststücke zu verkehren, und Raffaels stille Andacht in süßlich widerliche Ekstase. Hinter dem genialen Staatsmann lauert der kleinlich gemeine Ränkeschmied, dem edlen Humanisten, dem majestätischen Priester des Schönen, sieht grinsend der feile Literat über die Schulter. Soeben hat Vasari die Gotik als überladen und unaufrichtig im Material gegeißelt, die Ruhe und Harmonie der Form, die Gerechtigkeit dem Materiale gegenüber gerühmt, die Italiens Renaissancebauten, auf die Antike gestützt, offenbaren, und schon schleicht sich neue Überladung ein, schlimmer als jene des gotischen Verfalls; alles Material ist durcheinandergejagt, ein Verschröpfen, Ver-zopfen, Verschnörkeln bringt gequälte Unruhe. Hinter dem religiösen Reformator steht der geistige Aben-teuerer, der mit allem Spott treibt oder alles ausnützt zu seinem Vorteil.

Statt vollendeter cortegiani bevölkern laut manch erhobener Klage Intriganten niedriger Art die fürstlichen Höfe. Der edle platonische Liebhaber, den die Dame zu Taten des Geistes oder Schwertes angefeuert, verkehrt sich langsam in die parodistische Figur des Czc/s-beo, eines Nichtstuers, zwischen Hausfreund, Lakai und Narren gelegen. Seine Narretei wird so anerkannt, daß ihn Verliebtheit offiziell entschuldigt, er könne keine Briefe schreiben oder Geschäfte erledigen. Lächerlich lispelnd erträgt er die Launen der launischen Modedame. Also traurig scheint sich alles Köstliche zu verwandeln, und italienische wie fremde Schriftsteller sehen nur Niedergang. Trotz mancher Verkehrtheit und Abgeschmacktheit spendete aber Italien in der Zeit, die seiner klassischen Blüte folgte, noch unendlich Wertvolles. Eine überraschende Lösung sozialer Fragen,

Schmelz eines Schäferglücks, das seine Bevölkerung in vollen Zügen genoß, und dem es jene anmutige Bildung verdankt, die bis zur Gegenwart einfache Italiener auszeichnet, zeitigte die Spätrenaissance in fühlbarem Gegensatz zu einstigen verbissenen Kämpfen von Stadt zu Stadt, von Straße zu Straße, von Kastell zu Kastell. Statt drohender Festen erheben sich überall Villen, heiter und gastlich, die villa suburbana — der Landsitz vor der Stadt, dessen Garten der vornehme Besitzer demjenigen gerne öffnet, der die Wonne des Spazierenfahrens, Gehens undSpazierenstehens genießen mag — die ersten öffentlichen Anlagen — und die Villa auf dem Lande, das Villenreich, ähnlich dem Klosterreich des Mittelalters mit einer ihm ergebenen Bevölkerung von Bauern und Handwerkern bis zum Künstler hinauf, zur Einheit und Einigkeit erzogen durch den väterlich waltenden Besitzer.

Ein Beispiel gastlicher Villa suburbana gab Papst Julius III. mit seiner villa di Papa Giulio vor der Porta del Popolo in Rom, deren Reste noch bestehen. Erhalten ist die Hausordnung dieses Gartens, in launischem Latein den Besuchern ein gesittet dankbares Benehmen anempfehlend mit dem Rat am Ende, nach genossenem Spaziergang in der nächsten Kirche für das Gedeihen des schönen Gartens zu beten sowie für den Besitzer, der ihn zur Freude unbekannter wie bekannter Freunde öffnet und seiner Pflege bedacht ist. Michelangelo, der sich in seiner Jugend um Festungswerke bemühte, hat als Greis Zeichnungen für die friedliche Gastlichkeit dieser Villa geliefert.

Vor ihrem endgültigen Versinken schenkt also die großmütige Renaissance noch ein Kostbares und Einzigartiges an Lebenskunst. Sie schafft, der Antike und namentlich dem Plinius nachempfunden, die italienische Villa, den mächtig stilvollen Lustsitz des vornehmen Mannes mit dem Begriff des villeggiare als Quintessenz erlesener Geselligkeit.

Der italienischen Renaissancevilla verglichen, ist, was die Neuzeit Villa zu nennen sich gewöhnt hat, zum Häusergesindel gehörig, ein unmotiviertes Bauwerk unmotivierter Menschen, eine laute Impertinenz der Natur gegenüber. Eine solche Villa kann, wie Ruskin sagt, durch ihre Gemeinheit eine Dynastie von edlen Bergen stürzen. Die majestätisch herrschende Villa der Renaissance krönt, erhöht und adelt die Landschaft, spielt mit den Motiven der Natur ein erhaben promethei-sches Spiel. Im Augenblick, da Italien, von Fremdherrschaft überrannt, manch nationalen Traum zurückstellen mußte, besiegte dank der Kunst noch einmal der Geist den Stoff und trotz allem schuf sich Heimliebe eine schöne Heimat.

Mit schlauem Bedacht schafft sie eine Reihe kleiner Paradiese, denen jene Fremden nicht viel anhaben können, ja deren Überlegenheit an Geschmack und Glück sie staunend angaffen und nachzumachen suchen. Noch immer kräuselt der vornehme Italiener ein wenig verächtlich mit sprezzatura, unnachahmlich eleganter Überlegenheit die Lippen. Er hat entdeckt, daß Heimfähigkeit zu wahrer Adelsfähigkeit gehört, daß ein finster derbes Hausen oder leichtsinniges Hinundher-ziehen sich mit wahrem Adel nimmermehr verträgt;

ein Besitz, der weithin durch seine Schönheit und seinen Reichtum beglückend strahlt, wirkt veredelnd, drückt dem Adel Vollendung aut und sollte dessen eigentliche Berechtigung und Notwendigkeit darstellen. Denn nur der Vornehme kann die Vornehmheit der Villa erschaffen und erhalten.

Ein villeggiare, ein festlich frohes Dasein in ihrer Herrlichkeit wäre nicht denkbar, wenn rundumher Unzufriedenheit oder Elend herrschte. Die Villa gebietet einem frohfleißigen Völkchen in weitestem Umkreis, mählich geht der Gartenbau in Landbau über, den arkadische Zufriedenheit erfüllt, der Hirtenstab ist mit Bändern des Frohsinns umwunden, das Jahr üppig gekränzt mit Festen, die Herrschaft, Dienerschaft und Bauernschaft in heller Fröhlichkeit vereinigt zu Tänzen und Spielen, das Feuerwerk erfreut allesamt und auch das Feuerwerk von Witz und Geist, das fortwährend abgebrannt wird. Reimt die Herrschaft, so reimt auch die Dienerschaft, so rufen die Burschen und ihre ländlichen Schönen sich scherzend Ritornelle zu, mancher Improvisator, manche Improvisatrice kommt aus ihren Reihen hervor. Freude an ihrer schönen Sprache wird den Italienern aller Stände ebenso natürlich wie Freude an der Musik, wie Freude an jenem edlen Wetteifer der Kunst mit der Natur in Bau und Gartenbildung. Der Triumph der weithin herrschenden Villa wird als eine Genugtuung des Menschentums beglückend empfunden vom Höchsten bis zum Bescheidensten, der sich als zugehörig betrachtet.

Sieg der Freude und der Schönheit löst in der Glanzzeit italienischer Villen praktisch mit Lächeln die soziale Frage, mit lässiger Anmut sieht man ab von jeder nüchternen Theorie und begnügt sich damit, glücklich möglichst viel Glückliche zu machen.

Zu der spielend erhaschten Lösung mancher Gegensätze in Italiens kleinen Paradiesen gehört freilich einige Opferwilligkeit und starkes Stilgefühl des großen Herren und der großen Dame. Sie dürfen nie aus der Rolle fallen, nicht etwa, wenn sie Landaufenthalt nehmen, villegiatura, der Einsamkeit frönen oder verbauern. Castiglione hatte ausdrücklich davor gewarnt.

Die arkadisch heitere Bevölkerung will und braucht die Majestät, den Pomp, die unaufhörliche glänzende Geselligkeit der Herrschaft wie ein Märchen, auf das sie ein Recht hat. Jedes Vernachlässigen herrschaftlichen Auftretens ist gleichbedeutend mit Pflichtverletzung. Landleben heißt nicht Zurückgezogenheit, nicht ein eigenes Hantieren im ländlichen Geschäft, sondern geistiges Beherrschen, Anordnen, Regieren, Dichten der arkadisch geschaffenen, großzügigen Landschaft und das Genießen der Grotten und Hecken und Wasserkünste und Götterhaine mit würdigen Freunden.

Kein wilder Sport, ein peripathetisches Wandeln leise Philosophierender unter Platanen und Steineidien, gemessene Seufzer und Sonette, Tanz unter dem Laubengang, zu dem der Dudelsack nicht verschmäht wird, ein sinniges Überschauen gesegneter Gefilde, wo glückliche Menschen wohnen und mit Heiterkeit grüßen und segnen — das sind die Wonnen der Villegiatura. Indes der unglückliche Mönch Campanella im Kerker ein pedantisch geregeltes Utopien träumte, den Sonnenstaat, der im Leben, wie alle utopischen Gebilde, eine Art Zuchthaus darstellen würde, hat ein anderer Neapolitaner, Sannazaro, ein wirklich vorhandenes kleines Paradies besungen, seine Villa Mergellina. Er starb aus Gram, als die Villa der Kriegsfurie zum Opfer fiel. Ihr Wüten hatte wieder einmal den kostbaren Tropfen einer Quintessenz langsam gewonnener Lebensweisheit verschüttet.

Denn Villen wie die arkadische Mergellina des Pastoralendichters waren nicht unfruchtbarer Selbstsucht geweiht, sondern gastfreundlich mitteilsam, in weitestem Kreis segenspendend. Was Theoretiker aus rechnenden Fingern zu saugen gewillt sind, erreichten sie längst praktisch: ein irdisches Paradies, ein Tal des Glücks. Freilich mit Dreingabe gewisser Eitelkeiten, Strebereien, patriotischer Aufgeblasenheit. Schon Pandolfini, der Panegyriker der Villa aus dem Quatrocento betonte*), daß im Villenreich der Parteihader und gewissenlose Ehrgeiz vergessen wird, man beschäftigt sich mit patriotischen Wirklichkeiten, mit Erzeugung von Öl, Wein und feiner Wolle, statt mit patriotischem Schall und Rauch unsittlicher Eroberungsgelüste. Nella villa nulla puö dispiacere tutto vi si ragiona con dilettoy du tutti siamo volentieri uditi e compiaciuti. (In der Villa kann nichts Peinliches auftreten, man unterhält sich über alles mit Genuß, von allen sind wir gern liebreich gehört und aufgenommen.) Begeistert ruft  der Moralist: ln der Villa ist Glückseligkeit: Vita beata starsi alla villal felicitä non conosciutal Pandolfinis ländliche Gastfreundschaft wird von Leo Battista Alberti und anderen Freunden als sprichwörtlich glückselig bezeichnet. Freilich hatte der Florentiner Biedermann, Zeitgenosse eines Cosimo, noch recht bescheidenen Landsitz, der Turm des Hauses diente als Taubenschlag, sowie um die Landschaft bei Sonnenuntergang zu bewundern und die einfache Loggia zum Hängen und Trocknen der Früchte wie zu frugal lieblicher Mahlzeit.

*) Im Trattato del Govtrno della famiglia.

Die später gegründeten Villen sind reiche Prunkbauten, die Nutzbauten und Nutzgärten beginnen erst im Umkreis der weitläufigen Anlagen, die zu Lust und Zier gereichen. Allein auch diese Nutzgärten und Bauten sind von entzückender Anmut und alles zusammen bildet ein eigenartiges Reich, harmonisch in jedem Ausmaß, stilvoll in jeder Äußerung, in Freundschaft mit freundlichster Natur und freundlichen Menschen. Durch seine Beschränkung wie durch seinen Luxus gewinnt das Villenreich genau, was Goethe als erreichbar bezeichnet: das Glück für möglich viele. Glück für alle ist ein religiöses Ideal, das im Herzen leben und Gott anheimgestellt werden muß. Denn alle sind ja gar nicht glücksfähig, noch würdig. Zum Glück müssen wir erzogen und behutsam gewöhnt werden, sonst halten wir es gar nicht aus. Eine derartige Erziehung und Gewöhnung fand in jenen Villen statt durch eine Geselligkeit, die stets den Reigen erneuerte und keine Hand los ließ, bis der Rhythmus alles mit seiner Liebe hielt und bewegte.

Hier wurde Arbeit zum Spiel und Spiel zur Arbeit, Tugend zu Genuß und Genuß zur Tugend in lieblicher Wechselwirkung und aus Arbeit und Spiel, Genuß und Tugend blühten ungezwungen die Künste. Wie alles patriarchalisch Vornehme mit erlesener Lebensart Verbundene wurde das Wesen dieses Arkadiens durchaus mißverstanden oder gar nicht erblickt und gewertet. Italienische Patrioten waren ihm eher gram, da es eine gewisse Resignation der Fremdherrschaft gegenüber ausdrückte, sie verkannten den geistreichen Trotz gegen dieselbe, der vielfach darin liegen mochte. Freilich hatten die Villenreiche nichts politisch kampfbereites, was konventionell zur Nationalehre notwendig scheint, allein barbarisch streitbare Reiche hat es genug gegeben im Laufe der Geschichte und sie sind äußerst monoton in ihrer Geste.

Einzigartig ist die vollendete Beglückung, die platonischsozial auf friedlichem Weg in den italienischen Villen erlebt wurde. Sie bildeten im aufgeregten Meer der Zeit gleichsam einen Archipel von Inseln der Seligen, blumenduftend und voll unschuldig holder Spiele. Hier versuchte keiner das Glück nach dem Rezept eines Magisters utopisch zwangsweise einzulöffeln, sondern denjenigen, die sich als glücksfähig und würdig erwiesen, war es auf der Kunstprunkschüssel geboten als Aufbau von Früchten, nach denen der Weise mit Anstand und Mäßigkeit langte. Besonders deutlich erhellt die soziale Beglückungskunst der Villa aus den treuherzigen Aufzeichnungen des Alvise Cornaro, eines Venezianer Edelmanns, der ein Patriarchenalter erreichte und seinen Zeitgenossen

mäßige Lebensgewohnheiten und frohe Tätigkeit empfahl, um ein ebenso glückliches Alter zu genießen. Fast hundertjährig erfreute er sich an der von ihm gegründeten Villa inmitten einer Schar von Enkeln, gefeiert und gesegnet von seiner ländlichen Bevölkerung; die durch Entwässerung, welche Cornaro vorgenommen, und durch seine mannigfache Mühe in Garten- und Landbau ein überaus fruchtbares und gesundheitszuträgliches Ländchen bewohnte. Cornaro schildert, wie er selbst noch Musik treibt und sich an den Schalmeien und Flöten seines Arkadien belustigt. Staunenswert ist, daß jene patriarchalischen Villenreiche, jene zartesten sozialen Gebilde, die eigentlich auf nichts beruhten als auf Geschmack, Takt, Liebenswürdigkeit, den Gesetzen ästhetischen Gleichgewichts — sich durchaus nicht als kurzlebig erwiesen. Trotz der größten Fährlichkeiten erhielten sie sich in Glanz und großem Stil etwa ein Jahrhundert lang, in abnehmender Linie ein Inselchen nach dem andern unterspült und in das wilde Meer von politischer Bosheit, Gemeinheit und Torheit versinkend — noch bis knapp an die Neuzeit. Unwahrscheinlich lang fristeten sich Spuren ihres Märchenglücks im schönen Verhältnis gegenseitiger Schätzung, freundlichen Verkehrs und gern geteilten festlichen Vergnügens zwischen den Signori und ihren Untergebenen bis tief in das sozial verhängnisvolle 19. Jahrhundert. Ja, es erhielten sich einige vornehme Gärten, in denen Renaissanceschöngeister gewandelt, poetisch verwildert, die Quellen langsam weinend statt perlend zu lachen und die Moose und Flechten wie plumpe Sittenrichter eifrig bemüht die einst triumphierende Nacktheit der Göttergesellschaft zu kleiden und verkleiden.

Als Nachhall der großmütigen Gastfreundschaft der Vorfahren gestatteten neuzeitiche Besitzer tagweise den Fremden Eintritt. Die Villa Doria in Rom hielt noch lange eine alte Tradition aufrecht, wonach keine häßlichen, gewöhnlichen Gefährte die Villa verunzieren durften, sie öffnete sich nur dem herrschaftlichen Wagen und einem festlich anständig gekleideten Publikum — letzter leiser Nachhall des Schicklichkeitsgefühls gegenüber dem Schönen und vornehm Vollendeten fürstlicher Anlage, die mit entsprechender Verehrung und Zeremonie betreten und befahren werden sollte. In den Tagen großen Stils war dies Schicklichkeitsgefühl von Kind und Jugend auf allen Schichten als selbstverständlich eingeprägt, daß ein Bedürfnis nach Zierlichkeit in Manier und Gewand und naiver Kunstübung in allen ländlichen Kreisen Platz griff, die mit vornehmen Villen in Berührung kamen, und die pasto-ralen Träume der Dichter in Erfüllung traten.

Die Spätrenaissance genoß die von der älteren Generation angelegten Gärten und Bauten, vollendete und schuf neu, mit der neuen Empfindsamkeit, die bewußt Stimmung schaffen will und auf elegische Wirkung als ästhetisches Reizmittel sieht. Sie ging deshalb gern ein Bündnis ein mit römischen Altertümern und Ruinen. Das Einladende der Architektur sollte Zufälligkeit, zuweilen Grillenhaftigkeit erlauben, jedenfalls blieb die Formenwelt der Pflanzen der architektonischen Formenwelt untertan, denn le cose die si murano, debbono essere guida e superiori a quelle, che si piantano.

Der Antike nachempfunden, baut man mit Vorliebe Grotten und ziert sie mit Muscheln, Korallen, Marmorfragmenten und wo unter dem tropfenden Rinnsal die Grotte nicht schnell genug vermoost, bestellt der ungeduldige Besitzer von seinen Künstlern Moos aus grünem Wadis. Bezeichnend für die Spätrenaissance baut Sanmichele die Villa Soranza bei Pesaro, Alessi den Paradiso bei Genua, es entstehen die Villa Castello, Pratolino, la Rotonda bei Vicenza, Venedigs gefeierte Gärten, der Benacus spiegelt die herrlichsten Anlagen, Francesco Priulis Villa in Noale ist von klaren Gewässern umleuchtet; in seiner Gallerie, Apollon geweiht, versammelt er die gelehrten Mitglieder der Academia Pellegrina aus Venedig zu feinsten Genüssen der Tafel und des Geistes. Der Palast setzt sich fort im Lustgarten der Villa und dessen Zierlichkeit mündet in Obsthain, Gemüsepracht, in Olivenwald und Anger, würdig trautester Schäferei. Steineichen wölben sich wie ein Dom voll Kühle über den Häuptern der Damen, die sich unbeschadet der zarten Gesichtsfarbe, die durchaus nicht bäuerlich braun und verwittert sein durfte, plaudernd anmutig darunter ergehen auch an heißestem Sommertag. Und die schöngeschwungenen Marmorbänke kennen manches flüsternde Paar, das Bembos Asolani zitiert oder Petrarcas Sonette. Die zierlichen Steingötter lächeln ob manchen platonischen Kusses, der allzulang und süß die Lippen der Schwärmenden zum Schweigen bringt.

Auf die Wonne des Schlenderns, Rühens und Plauderns, des lässigen Violazupfens in geschützter Kühle ist alles gestimmt und berechnet, besonders jene Säle zu ebener Erde mit Marmorboden und Grotten, wo leise, leise Tropfen auf Tropfen über Muschelschmuck perlt. Säle über Säle, grüne Mauern über grüne Mauern trennen vom profanum vulgus, man genießt den heute so spurlos verklungenen Luxus, unendlich viel Platz, unendlich viel Zeit zu haben den langen, langen Sommer lang. Mit einer Geste vornehmer Verschwendung tun sich weite Terrassen auf, flach ansteigende Prunktreppen, in endloser Perspektive eine Flucht geräumiger Gelasse ohne Gedränge von Menschen und Gerät, nur Wände, Decken, Türen und Fenster in reichem Schmuck, hie und da ein bedeutender Marmor, der Kunstaltar eines figürlich behandelten Prunktisches und Kamins. Jeder Einzelne und jedes Einzelne kommt zu voller Geltung in also vollendetem Raum, stehend, wandelnd oder anmutig in einem Sessel ruhend, in einem jener Sessel, die schöne Bilder geben, wenn man sich darin niedergelassen.

In solchen Saal oder in den wohlgeflegten immergrünen Hainen gedieh das Reimspiel, geriet die Novelle. Uber tausend lyrische Dichter hat Tiraboschi zur Renaissancezeit gezählt. Ebensogut hätte er die Nachtigallen jener Zaubergärten zählen können oder vielmehr die Zikaden, deren süß monotoner Singsang den italienischen Sommer erfüllt. Die unzähligen Liebesreime, die von allen Lippen fließen, wollen nicht mehr sagen und bedeuten als jener Zikadengesang. Es handelt sich nicht um besondere Ansichten und Leidenschaften oder Behauptungen, es handelt sich bei diesem Reimen, das endlos mit Petrarcas Worten spielt, nur um Sommerglück und das ist eintönig und zart wehmütig wie jedes schöne Glück. Wie Signori und signore, reimen ihre famigliari, ihre Pagen und dienenden Frauen, ja selbst ihre Stallburschen und Pastetenbäcker. Hirte und Hirtin der glücklichen Villa sind auf dem Dudelsack nicht minder eifrig wie ihre Herrschaft auf Laute oder Geige und genießen den Schatten ihrer Reben und Oliven wie die Herrschaft ihre Rosenlauben und Ilexhaine.

Nicht umsonst ist Arkadien Mode, man braucht in Italien kaum zu stilisieren, Schäfer ui.d Schäferinnen, Nymphen und wohl auch übermütige Faune sind am Platz. Pastoralen und Sonette wollen gar keine erschütternden Kunstformen sein, sie sind dem Leben abgelauschte zarte Stimmungen einer frohen Sommergeselligkeit, Gastgeschenke, Huldigungen für Hausherrn und Hausfrau, verlängerte Komplimente, gestreute Rosen, hingewehte Grüße. So von ungefähr im Rahmen des Gesellschaftsspiels gedeiht eine Kunstgattung, die als Rosenwildling für das edelste Pfropfreis zu dienen bestimmt war, die Renaissancenovelle Italiens, der Shakespeare die Motive seiner herrlichsten Dichtungen entlehnt. Sie ist meist von der Liebe und für Liebende erdacht. Die vollroten Lippen der eleganten Kavaliere, ihre schönen dunklen Augen, wie wissen sie Schmachtendes und Glühendes auszudrücken, sie sind ja meist, wie Bandello meint, fieramente innamorati. Von Liebes-wünschen zittert die Luft. Nicht umsonst haben sich die Damen so wunderbar geschmückt, etwa eineViolante Borromeo, eine Camilla Gonzaga, eine Cecilia Gallerana, Contessa Bergamino, eine Ippolita Visconti. Bandello gibt ihnen gern den Titel ero’ina, was wohl soviel als Liebesherrin bedeutet, denn die Dämonen, die dem Planeten Venus dienen heißen heroes.

Zartgepflegte Schultern entsteigen bedeutender Spitze, vielsagender Brokat nimmt das goldene Spiel der Haare wieder auf. Schlanke Finger mit Ringen, die gleich Zauberringen gefaßt sind, schließen sich um den Elfenbeinstil des Fächers, der rund aus Straußenfedern gearbeitet, in der Mitte ein Spiegelchen hält, den Schönen erlaubt, ihre Schöne schnell mit liebkosendem Blick zu streifen. Welch äußerstes Auskosten gesättigter Freude, wenn die Paare mit Petrarcas Versen im Munde dahinwandeln am Ufer des Gardasees in Fregosos herrlichem Garten, wenn sie die Pifferari kommen lassen und zu ihren ländlichen Weisen einen angeblich ländlichen, in Wirklichkeit höchst stilisierten Tanz unter den duftenden Laubgängen ausführen. Die Damen versinken zu tiefen Komplimenten in die tiefen Falten des Kleides, die Herren lassen ihre Kunst sehen bei graziösem Pirouet-tieren, vielleicht sogar in keckem Luftsprung, wie große Tanzmeister bei den Figuren der Galliarde raten oder gebieten.

Erfrischungen werden aufgetragen, vornehm, lautlos und behende, was Bandello besonders preist, wie auch die Kunst von Fregosos wackerem Koch. Lebhaft lobend umringen ihn die Gäste, als er das Mahl besonders poetisch rüstet mit einem Aufwand von Fischen, die höchste Augenweide bieten. Zum Nachtisch gehörte es sich, wie zu Boccaccios Zeiten, und in bewußter Anlehnung an den verehrten Dichter, zu fabulieren. Eine spannende Geschichte er

zählen ist ein Gastgeschenk, das geschätzt wird. Dieselbe zierlich aufsetzen ist Bandellos Fall. Seine Widmung, die jede einzelne Novelle an Freund oder Freundin begleitet, ist Dank für Gastfreundschaft, nichts anderes als der Niederschlag graziöser Erzählungskunst, wie sie in gebildetem Kreis vorzüglich zu Ehren vornehmer Herrinnen gepflegt wurde, novellare hieß erzählen, wie Lautenschlagen und Sonettedrechseln gehörte es zur Bildung. Erfindungsgabe wurde nicht beansprucht, sondern nur anmutig eingekleideter Bericht, der für wahr gelten konnte — so hatten einst die Sänger langatmiger Rittergedichte kühn behauptet, wie sie sagten und sangen, hätten sich die Dinge wirklich zugetragen. Langatmige Epen waren zwar noch beliebt, doch machten ihnen schon kurzgefaßte Geschichtchen den Rang streitig, die oft einen leise prickelnden Beigeschmack von Skandal hatten, wenn sie in näherem Umkreis spielten. Weitläufige Autoren wie Bandello waren fortwährend auf Reisen und sammelten bei dieser Gelegenheit aller-wärts fleißig Geschichten, um goldklare, süße Novellen daraus zu destillieren für Loggia oder Lustgarten eines Sommersitzes.

Betrachtung oft ernster Art wird an jede Novelle geknüpft, man stimmt überein in der Ansicht, daß Liebe ein mystisches Erziehungsmittel sei und daß ihre Wirkung Niedriges adle, Wildes zähme und daß die Tugend platonischer Strenge den Frauen am höchsten angerechnet werde, wiewohl man gern den Schalk spielt und alles nicht Platonische deutlich mit genießender Schelmerei vorträgt.

Durchaus verurteilt wird gesprächsweise die in mancher Novelle auftretende Grausamkeit der Sippe, die unliebsame Ehen und Liebschaften mit dem Tode bestraft. Oft war die Ursache nicht nur gekränkter Adelsstolz, sondern Gier nach Gütern. Dies schien der Fall in der traurigen Geschichte der verwitweten Herzogin von Amalfi, einer Prinzessin von Aragon, deren Brüder sie grausam verfolgten, als sie ihren schönen Hofmarschall heiratete und mit seinem Mord endete diese Liebesheirat. Eine Zeitlang war der verfolgte junge Gatte gastfreundlich in Mailand aufgenommen, und mitleidige Zuhörerschaft sammelte sich um ihn, wenn er geschickt mit Lautenbegleitung die Geschichte seines Liebesleids in improvisierten Versen vortrug.

Im Kreis des Arztes und Dichters Fracastoro wurde zuerst die Geschichte von Romeo und Julia erzählt. Ein andermal war man mehr schelmisch als sentimental aufgelegt und verulkte den etwas feierlich gewordenen Bembo. Ein Maler, für seine Schnurren bekannt, kostümiert und schminkt sich, um einen alten ländlichen Onkel Bembos zu spielen, der höchst lächerlich in eine subtil gelehrte Konversation hineinplatzt und den hinwegzukomplimentieren durchaus nicht gelingen will. Unter Künstlern tobt sich die beffa, der Renaissanceübermut noch einmal aus mit einer Art elementarer Kraft. In Venedig ist die Künstlerwelt die eigentlich herrschende und sie wagt sogar dem Rat der Zehn mit Witzen zu begegnen. Anerkannt ist ihre Selbständigkeit, und die schönste Stadt der Welt ist während ihrer schönsten Zeit der Künstler unbestrittenes Reich.

Venedig kann nicht anders als lachen, wie seine zarten Wellen nicht anders als hüpfen können. Es ist das Lachen selbst. Ehe er die Venezianer im Lachen stört, scheint der Tod zu halten, an ihrer Schwelle stützt er sich wie zur Rast auf die Sense und hat mehr Geduld wie anderswo. Die Venezianer beweisen, wie hygienisch ihr freudvolles Dasein ist, indem sie sehr alt werden. Sie leben ebenso gern als lang, fast hundertjährig freut sich Tizian noch der schönen Welt, wie ein Alvise Cornaro.

Man wünscht keine Veränderung des Zustands, nur eine Verlängerung in himmlischen Sphären, denn Venedigs Schlaraffenland ist nicht so grob und schwerfällig, wie jenes von Roms Hochrenaissance. Es verklärt und hebt sich zu viel zarterem, ja fast zu einem himmlischen Märchen, wie der Anblick Venedigs ein himmlisches Jerusalem auf die Erde zaubert. Sind seine Wasserstraßen im Abendschein nicht gepflastert mit Perlen wie jene des himmlischen Jerusalem, seine Paläste wie dessen fromm geträumte Bauten leuchtend gleich Beryll und Amethyst, Opal und Karfunkel? Sind es nicht Engelchöre, die da singen und spielen, Engelsangesichter, milchweiß mit goldblonden Locken, die da grüßen? Täuschend wird der Himmel auf Erden gemalt. Vielhundertjährige Tradition allgemeiner Wohlhabenheit und Zufriedenheit ermöglicht diesen in der Geschichte Europas vollkommensten und erhabensten Glückrausch. Seine Grundbedingung war, daß lange Wohlfahrt den Venezianer nicht übermütig hochfahrend, sondern gutmütig gemacht hat, ihn mit lässiger Grazie begabte, die selig zu spielen wußte, wie es nur in seligen Gefilden holder Brauch. Armut, Sorge, Unzufriedenheit, Mißgunst waren fast unbekannt. Friedsam, tüchtig und froh, wie der Landarbeiter auf dem Festland, schaffte der Handwerker in Venedigs Industrie. Gondolier und Schiffsarbeiter sind auf ihre Art ebenso vergnügt wie der Nobile, schmuckvoll ist ihr Haus, poetisch ihr Dasein von Fest zu Fest. Der liebenswürdige Taumel, den Venedig im 18. Jahrhundert erlebte, war nur Nachklang einer gewaltigen Symphonie des Sinnenzaubers in Venedigs Cinquecento. War es Heidentum, das also beglückte, so war es ein naiv frommes Heidentum, nicht unheimlich teuflisch raunt die Lust dir zu, sie ist aufrichtig und stolz, wie Venus, die Göttin voll Feierlichkeit und Majestät.

Sie spiegelt sich unendlich in allen Farben und Formen, wie Venedig selbst, schöne bunte Negerknaben knien vor ihr mit Körben von Granatäpfeln, mit Gefäßen vollÄWeihrauch, — Vinegia, wie die Mundart Venedig liebreizend nennt, die schöne Stadt schafft, wertet und bevorzugt den Glasspiegel, der Spiegel gehört zu ihrer Schönheit und eigentümlichen Lebensphilosophie.

Wie sichern Venedig alles schillernd spiegelt und darum aus der Wirklichkeit erlöst wird in den Traum, soll auch der Festsaal und das traute Gelaß des Palastes erlöst sein aus der Wirklichkeit und in lauter Märchen münden. Daher Spiegel und abermals Spiegel an der Wand von Purpurdamast und Sammet, Spiegel in wunderherrlichen Rahmen, vielgestaltig allüberall, Spiegel, die jeder Schönen künden, sie sei die Schönste, Spiegel, die Verräter spielen und Gelegenheitsmacher. Das ist Venedigs Emblem und die Devise, die alles in den Traum erlöst. Wirklichkeit ist spiegelbesessen, bezaubert, so wahr und so unwahr wie Spiegelgefecht und das Spiegelgemach der großen Curtisane nimmt alle Märdien zu Hilfe, um dich zu wiegen, sie ist Dichterin, Scheherazade, Priesterin, und was sie an Geschenken empfängt, ist gleichsam poetische Opfergabe am Altar der cythe-räischen Venus.

Ihre lieben Töchter nennt die Republik nostre bene-merite cortegiane, denn sie hätten sich um Venedig verdient gemacht und ruft sie zurück, als Moralisten sie vertrieben, denn wie die zarteste unter ihnen, Ve-ronica Franco singt:

Data e dal ciel la feminin bellezza Perch’ella sia felicitate in terra Di qualunque uom conosce gentilezza.

Ein Himmelsgeschenk ist die Schönheit der Frauen, jeden zur Seligkeit zu berufen, der Edelsinn besitzt Veronicas Salon ist ein feiner Musetfhof, zierlich empfiehlt sie ihren jungen Freunden, dem platonischen Ideal und den buone lettere treu zu sein.

Flüsternd nur wird der Regierung Venedigs gedacht, man nennt den Rat der Zehn, der keinen Störenfried und Hetzer duldet, respektvoll, zuversichtlich und ein wenig bang quei in alto. Der Doge ist nur maitre de plqisir für Dekoration und glänzende Empfänge von Fürstlichkeiten, wie bei jenem denkwürdigen Heinrichs III., wo Venedigs Galatafel alles und jedes aus Zuckerwerk bot, und der traumhaft großartigen Feier der Schlacht von Lepanto. Während der Türkenkriege wurde es Brauch, politische und Handelsnachrichten an bestimmten Plätzen mündlich, dann schriftlich zu bringen; man kaufte die Nachricht um ein Geldstückchen, das gazzetta hieß. Daher bekam die Zeitung ursprünglich den Namen gazzetta (gazette).

Der Rat der Zehn ist der Absolutismus Venedigs, denn am Anfang des 16. Jahrhunderts hat sich alles einem solchen als dem sichersten politischen Zustand einmütig untergeordnet. Doch nimmt er Venedigs Lokalfarbe an. Die Zehn sind gewiegte, klug vorsichtige Männer, das Geheimnis, in dem sie sich verhüllen — möglicherweise nicht ohne Augurenlächeln — ist eine überhöhende Fopperei. Damit drohen sie erfolgreich, wie man übermütigen Kindern mit dem schwarzen Mann droht.

Öffentliche Exekutionen, die Sensationslust und Blutgier der Menge reizen und außerdem Kritik und Gegenschlag herausfordern, sind mehr und mehr verpönt. Man spart viel Blut und Unruhe mit dem stilvollen Geheimnis. Im Vergleich zu dem übrigen Europa mit seinen Scheiterhaufen, Blutbädern und Körben voll geköpfter Häupter ist Venedigs Geheimjustiz äußerst mild. Auf der Seufzerbrücke seufzt es manchmal ein wenig — nächtlicherweile — die Welle teilt und schließt sich wieder — man geht über zu Tagesordnung, zu Tageslachen. Wunderbar, so selbstsicher ist Venedigs Regierung, daß sie den Vater der Presse, Aretino, nicht scheut, ihn, vor dessen Zunge ein Kaiser und manche Könige und Fürsten zittern und dessen Nachsicht sie mit manchem Tribut an goldenen Ketten und Gewändern erkaufen. Für Venedig ist er ein gehorsamer Sohn, nie hat er ein Wort der Kritik, nur Worte der Rührung und poetischen Ekstase, wenn er vom

Fenster oder Altan des Palazzo Bollani auf den Canal grande blickt und die große Verschwendung an Silber und Gold, Rubinen und Demant bewundert, die das Abendrot auf die schwelgende Stadt ergießt. Sang und Klang und Bechern ist unablässig in seinen Sälen, der Gastherr preist unermüdlich, mit aufrichtiger Liebe und Geschäftssinn zugleich der kosmopolitischen Gästeschar Venedigs Schätze: Seht diese Pfirsiche, Speroni, der Dichter hat sie mir soeben gespendet. Wäre nicht ein solcher Pfirsich eher als ein schnöder Apfel würdig, als Schönheitspreis von Paris einer Göttin geboten zu werden? Und ist nicht unsere Freundin Zafferina hier seiner wert?… Soeben malt mein Freund Tizian, der Meister aller Meister von Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, an einem Venusbild, das ihren Reizen abgelauscht ist. Solch ein Werk solltet Ihr euch bestellen. Ist es zu teuer, so nehmt doch ein kleines Andenken an das allerherrlichste Venedig mit, vielwerte fremde Herren, Prälaten und Potentaten. Etwa diese Medaille von Leone Leoni — eine ähnliche vollendet er soeben für seine Heiligkeit, für Cäsar eine andere. Ich trenne ein Stück Traube für Euch ab, sie ist zu groß, nicht wahr, kaum trügen sie die Männer aus Canaan, wies in der Bibel steht. Ihr bewundert die Schere, die mir dazu dient? Seht, ein Triumphzug ist darauf golden eingelassen. Ähnliche herrliche Arbeit zeigt jener Degenknauf. Ja. gewiß, Ihr könnt ihn erwerben. Doch mein gelehrter Freund hier wird das neueste Werk, das bei Manutius erschienen ist, vorziehen, mit Einband nach einer Idee von mir versehen in Purpur und Gold… Dank für Zutrunk, Ihr da drüben ! Was sagt ihr zu dem Pokal aus Murano? Giovanni d Udine hat die Nymphen darauf nach meiner Angabe gezeichnet. Ist er nicht göttlich? Und göttlich dieses Kartenspiel mit sonderlichen Figuren, ein hoch zu preisendes Geschenk, das ich soeben erhalten. Doch ich liebe Euch so sehr, daß ich willens bin, es Euch abzutreten, wenn Ihr mir die Zeichnung Michelangelos verschaffen wollt, nach der ich schon lange fahnde. Der Mann läßt gar nicht mit sich reden… Wer jene zwei lieblichen Nymphen sind? — Meine Töchterlein, „die mir Gott und die Natur geschenkt“. Sie heißen Adria und Austria, da ich hoffe, daß für eine unsere teure Republik, für die andere unser teuerer Cäsar [der Kaiser] die Mitgift auf-bringt in Anerkennung meiner unvergleichlichen Verdienste:*).

Aretinos göttlich unverschämtes Selbstlob und unermüdliches Lob der Künstler, die sich ihm anvertraut, war die wirksamste Reklame, wie seine Geselligkeit zwanglos die großartigste Kunstbörse der Zeit darstellt. Er vertrat nicht nur die Interessen seiner Gevattern com-pari, Sansovino und Titian, die mit ihm das Triumvirat herrschender Kunst gebildet, sondern auch jene einer Reihe hervorragender Kleinkünstler und Kunstgewerbler. Sie boten ihm Geschenke zum Lohn für die Publizität, die er ihren Erzeugnissen gab. Mit entsprechender kunstkritischer Ekstase verschenkte er diese Geschenke an Gönner und Gönnerinnen in der großen Welt und erwartete dafür entsprechende Gegengeschenke von der gewöhnlichen goldenen Ehrenkette, ja selbst von einem Geschenk, aus Wildpret und Früchten bestehend, an  bis zur Höhe einer Mitgift für seine natürlichen Tochter Adria und Austria.

*) Aus verschiedenen Briefstellen Aretinos zusammengestellt.

In diesem Kreis würde man magere asketische Fratzen nicht als Kunst ansprechen. Der Venezianer nennt Kunst seliges Genießen, da seliges Genießen als Kunst gilt.

Er schlendert mit Freunden und Fremden in der mer-ceria, am Rialto, wo ein Giorgione, Pordenone, ein Lorenzo Lotto, Rocco, Marconi, Bonifacio, Bordone Bassano, Tintoretto ihre Meisterwerke ausstellen. Ein Palma malt, den Honig seltenster Pfirsiche noch auf den Lippen, den Pfirsichpflaum seiner Violante, die triumphierend, hocherhobenen Armes ihre Prunkschüssel voll herrlichster Früchte bietet, sonnensüß wie sie selbst im Kreis festlich Versammelter.

Der freudige Stolz der Renaissancegeselligkeit, die sich traut, himmlische Gäste einzuladen, daß sie sich freuen mögen an dem von ihnen gestifteten Glück, spricht sich endgültig aus im seligen Pomp der Hochzeit von Kana — wie sie Veronese malte — an der Jesus teilnimmt und wohlwollend lächelt ob der Scherze, die man treibt an der Prunktafel Venezianer Nobili und Künstler.

So wurde bei Tizian, so wurde bei Sansovino, so wurde bei den reichen Patriziern gefestet, im Aug die Herrlichkeit der Lagune, im Ohr die Süßigkeit der Liebes-weisen, die aus allen Gondeln klangen. Kinderlieb, wie je ein Italiener, soll Aretino reizende Kinderfeste gegeben und sich innig gefreut haben am Schmausen und Plaudern der allerliebsten Bambini, Vorbildern für Pinsel und Meißel all seiner großen Freunde, deren kraft- und glückstrotzende putti noch heute lächeln in Farbe und Stein, mit Tänzen und Spielen, die nie ausgetanzt und nie ausgespielt. Das Volkstümliche des Totentanzes im Norden beweist, wie di« gotische Todesmode nördlich der Alpen noch herrschte, indes der Süden diese Mode als veraltet von sich geworfen.

Italiens Renaissance hat viele trionfi gefeiert und all diese Trionfi bedeuten im Grund nichts anderes als den großen Triumph des Lebens, das trotz allem Recht behält.

Ihre heroische Lebenslust offenbart sich symbolisch im putto, dem nackten Kind, halb Liebesgott, halb Engelchen, halb verwöhnter Liebling, der mit seinen artigen und unartigen Spielen den Renaissancetriumph umspielt, umtanzt, umkränzt, seine lebenstrotzenden Gliederchen fest allem irdisch Schönen und Reichen verbunden, eine rührende und kecke Bejahung des Lebens und schnippische Erwiderung auf die Drohungen des Knochenmanns, eine lachende Versicherung:

Das Leben ist Mode!

Am lachendsten, am verwegensten und längsten versicherte es Venedig. Von der Melodie des irdischen Lebens gedenkt man sacht in die Melodie des himmlischen überzugehen, ja Venedigs irdische Lust ist so mächtig, als gehöre sie dazu, die Seligkeiten höchster Himmel vollends zu vollenden. (Calmo.) Certo la melodia del vivere e un bei che: ella e si fatta che aggiunge quasi al piacere, che si gusta in celi ce-larum.–

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT
Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII)
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – EINUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt

VIERTER TEIL
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EUROPAS WESTEN UND DIE SPÄTRENAISSANCE

ZWEIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Renaissance und Barock — Die Pleiade — Antike Mahnung- — Quintessenz der Liebe — Unter der Mondsichel — Dianas Zauberwald — Der zahme Lowe — Wandelgänge — Die Maitressen der Könige — Dichter am Hof — Maria Stuarts lateinische Rede — Drei Margareten — Politischer Gimpelfang — Tanz und Begrüßung — Montaigne in Paris — Magenweisheit — Kleine Wichtigkeiten — Die Gabel — Tellerkragen und Serviette — Die Zeit der Valois und ihr Ende — Das letzte Turnier — Philosophie des gesunden Menschenverstandes.

Gegen das kosmopolitisch häretische und sich revolutionär gebärdende Lyon tritt allmählich Paris mit starker Gegenströmung auf und erringt das Übergewicht. Es ist ein noch gar nicht gewürdigter Augenblick der philosophischen Sittengeschichte, daß die französische Renaissance den Lockungen des von allen Seiten lauernden Barock Stirn zu bieten suchte, gleichzeitig den spanischen, deutschen, jüdischen und dekadent italienischen Einfluß bekämpfte und der barocken Ausladung antike Wohlgestalt entgegensetzte, gesunden Verstand dem Schwulst, Pazifismus dem Fanatismus. Danach strebte die Pleiade nicht ohne heroische Mühe, eine Gesellschaft von sieben Dichtern und Schriftstellern, die sich zuerst bei Lazare de Baif zusammenfand, in dem Haus, das er sich in Paris gekauft und mit allerlei antiken Bruchstücken und Inschriften geschmückt als Wahrzeichen humanistischer Gesinnung. Als früherer Botschafter in Venedig hatte Baif bei Aldus solche genießend gekostet. Die Pleiade vereinigt sich mit dem Musiker Thibault de Courville, um eine Akademie oder Liebhabergesellschaft*) zu gründen, die sowohl Künstler als Publikum liefern sollte für die neuerstrebte Musik, nach antikem Versmaß zu deklamieren, wie es ähnlich in Deutschland und Italien versucht wurde. Baif behauptet von sich:

*) Im Jahr 1545 nie des fosses St. Victor. Die Pleiade bestand aus Dorat, Lehrer von BaTfs natürlichem Sohn, Ronsard, du Bellay, Pontus de Tyard, Jodelle, Remy, Belleau, später schlossen sich verschiedene Freunde an.

Maitre en Fart de bien chanter Qui me fit pour l’art de musique Reformer á la mode antique Les vers mesures inventer*) und verspricht, die Zuhörer der neuen Musikübung zu Höherem zu leiten und von Barbarei zu purgieren. Der französische Humanismus greift freilich nicht so andächtig wie der italienische nach den Schätzen des Altertums. Im Aufruf du Beilays heißt es keck, die Söhne der alten Gallier, deren Vorfahren unter Brennus Delphi geplündert, sollten ideale Beute heimführen aus klassischen Stätten, und es geschah in der Tat des öfteren nicht ohne Plumpheit, was die Pleiade später als pedantisch in Verruf gebracht hat, es geschah jedoch mehr naiv als pedantisch, im Vergleich zu den von ihr bekämpften Geistesrichtungen war sie jugendlich frisch und lebensvoll. Wie knabenhaft anmutig klang die Begeisterung, die Jodelle umjubelte, als man der Meinung war, er habe eine Tragödie in echt antiker Art hervorgebracht und ihn pseudodionysisch feierte, nicht nur mit Evoerufen und geschwungenen Pokalen, sondern man fing einen lebendigen Ziegenbock, bekränzte ihn und führte ihn triumphierend in einem sich antik jubelvoll gebärdenden Zug, was von griesgrämigen Leuten sofort als ketzerisch verdächtig verklatscht wurde. Jodelles Tragödie Cleopätre spielten der Autor und seine Freunde im Hotel de Rheims als Liebhabervorstellung bei Anwesenheit des Hofs.

*) Meister in der Kunst des Wohlsingens, die mich nach Art der Antike Verbesserung suchen ließ, indem ich die Musik nach dem Maß der Verse maß.

Die leidenschaftliche Stellungsnahme der Pleiade gegen alles, was soeben noch für einzig richtig und elegant gegolten, machte ihr Feinde genug, und es bleibt merkwürdig, daß es ihrem Führer Ronsard dennoch gelang, sich zu behaupten und fast fünfzig Jahre lang als prince des poetes und poete des princes gefeiert zu sein, obwohl er rücksichtslos Fürsten, Juden, Katholiken, Hugenotten, Sektierer und Schwarmgeister jeder Art angegriffen. Mit feurig keckem Strich zog er den Bogen und seine Geige übertönte heiß sinnlich das übersinnliche Harfenzupfen, das so lange Stil gewesen. Nicht mehr bescheiden zierlich streut er Blumen zu Füßen der Herrin, wie ein Clement Marot, er bringt Blumen, doch mit der antiken Mahnung, diese taufrischen Blüten müßten bald welken, ebenso wie die Reize der Holden, und darum müsse sie Huld gewähren, ehe es zu spät sei: Le temps s’en va, le temps s’en va, ma DameI Las, le temps non, mais nous nous en allons Et tot serons etendu sous la lame. Et ces amours, des-quels nous parlons Lorsque serons morts nen sera plus nouvelle. Pour ce, aimez-moi — cependant quetes belle !*)

*) Die Stunden fliehen, Herrin, und es flieht die Zeit,

Ach! nicht die Zeit ist’s, die verfliegt, wir selber schwinden,

Zu bald deckt unsern Tag die Scholle, schwer und breit.

Der Minne, die wir heute noch in Worte binden,

Wird keiner denken, sind wir stumm, des Todes Beute,

Darum, weil heut noch schon, seid, Herrin, hold noch heute !

*) Rabelais á l´esprit de la Reyne de Navarre (1545):

Esprit abstraict, ravy et ecstatic–

Voudrais-tu point faire quelque sortie De ton manoir divin, perpetuel . . .

Et ca-bas voir une tierce partie Des faits joyeux du bon Pantagruel?

(Erhabener, in höchsten Regionen schwebender Geist, willst du nicht dein himmlisches Schloß ein wenig verlassen, um hienieden den dritten Teil der lustigen Taten des guten Pantagruel zu betrachten ?)

**) Und noch ein andrer, der die Erde verachtet, begibt sich in den dritten Himmel und kündet dessen Geheimnisse, behauptet, sich in höherer Liebe zu baden und zieht daraus eine Quintessenz…

Als kühner Spötter wagt er die Platonisierenden anzugreifen: aimer lesprit, Madame, c’est aimer la sot-tise, und Boistuau erklärt die modische Liebe als Geisteskrankheit peinlicher Art, — man höre die Kranken wimmern und sie ließen Worte fallen wie Alabaster, Rosen, Sternenmächte. Die Gegner des Hoflebens rügen, daß die Damen am Hof den Vorrang genießen, Vhomme a la femme y rend obeissance, während Rabelais das Haupt spirituellen Minnedienstes, Margarete mit seinen geistreichen und frechen Ausführungen über das Wesen des Weibes zu bekehren sucht*) und du Bellay reimt grimmig über die Quintessenz der Liebe, denn er ist frisch zu neuer Richtung bekehrt.

Quelqu’autre encor la terre dedaignant Va du troisieme ciel les secrets enseignant Et de Tamour oü il va se baignant Tire une quinte-essence …**)

Was zu Kritik und Kampf herausfordert, ist vor allem der Schwulst, den Leone Ebreo verbreitet. Wehmütig leidenschaftlich setzt ihm Ronsard sein carpe diem entgegen, und Rabelais’ schallendes Lob des Lachens bekämpft nicht ohne Erfolg alexandrinische Haarspaltereien wie zerknirschte Buße und unbeugsamen Fanatismus des Psalmisten. Einen Augenblick siegt die Mythologie über das alte Testament in den vornehmen Kreisen.

In dieser Spanne neoheidnischer Reaktion gelang es Diane de Poitiers, Heinrichs II. fromme Anwandlungen wettzumachen und ein mythologisches Reich zu gründen, indem sie sich selbst zur Göttin erhebt. Sie stammt aus dem Geschlecht der Lusignan und es ist, als habe sie den Zauber der fabelhaften Ahnfrau, der schönen Melusine, geerbt und ein Märchen um ihren minnenden Ritter, den König Heinrich II. gewoben, ihn Jahrzehnt über Jahrzehnt zu beherrschen. Man munkelte, daß Zauberbäder in flüssigem Gold ihre Schönheit ewig jung erhielten. — Mit 15 Jahren turnierte Heinrich zum erstenmal ihr zu Ehren und von da an trug er Dianens Farben bis zu seinem Tod.

Alles, was in Frankreich für elegant gelten wollte, war in die Farben der Zauberin eingekleidet, ihr König nahm sich in der Rolle des ewig Schmachtenden durchaus ernst und reimte:

Plus ferme foy ne fut oncques juree A nouveau prince, 6 ma belle princesse!

Que mon amoury qui vous sera sans cesse Contre le temps et la mort assuree.

De fosses creux ou de tour bien muree Renaissance 32

N’a pas besoin de mon cceur la fortresse,

Dont je vous fis dame, reine et maitresse,

Parce quelle est d’eternelle duree*).

Poetisch überschwänglich war Diana verehrt gleich der Göttin, mit der sie sich in ernstem Spiel identifizierte, und sie wußte das Spiel ohne Ende weiter zu spielen. Ihr Geist, ihr Geschmack, ihre Grazie ermöglichten ihr, Armidagärten zu schaffen in Schloß Anet (um 1548) und Chenonceaux, mit Genüssen fesselnd, die gleich Verzauberung wirkten. Diana ist grausam wie ihre Göttin, kühn und mit ihren Pfeilen unwiderstehlich, von jagdfreudigen Nymphen umgeben, und im Gemüt des Minnenden herrscht ein olympischer Lenz. Der Herrin idealisiertes Bild und ihr poetisches Sinnbild, die Mondsichel, leuchtet dem Verliebten allüberall entgegen, umblüht von königlichen Lilien. So herrlich wissen ihre Künstler sie darzustellen, daß Pinsel und Meißel von ihrer Göttlichkeit überzeugen wie das huldigende Wort der Dichter. Wunderbare Ornamente sollen den Gedanken aufzwingen, daß Heinrich und Diana durch mystische Bestimmung einander gehören. In Dianas Gemach zu Anet zeigt das Deckengewölbe ein himmlisches nachtblaues Feld, umkränzt von vier

*) Frei übertragen:

Fester war die Treue nie geschworen,

O schone Herrin, einem neuen Herrn

Als meine Liebe, die Euch nah und fern

Versichert sei als ewigkeitsgeboren.

Nicht tiefer Graben, Türme nicht mit Toren

Des Herzens Veste braucht, in deren Kern

Ich immer Euch als meiner Liebe Stern

Zur Dame, Herrin, Königin erkoren.

Mondsicheln, gegrüßt von himmelan blühenden Lilien und immerdar wiederholt sich die liebliche Verschlungen-heit H und D im Spiel der Ornamente.

Jean Goujons Meißel stellt die Huldin dar als Diana, die einen mythologischen Hirsch umarmt, tausend Allegorien feiern die Zusammengehörigkeit des Liebespaares, mit holden Märchen huldigen die ergebenen Städte, wie ein Amadis schreitet Heinrich dank Dianas Künsten von Wunder zu Wunder. Nichts fehlt zum Wunderland, nicht einmal der zahme Löwe, der sich der Göttin neigt. Man höre nur: In einen Zauberwald geführt, begegnet der König Herden von zahmen Hirschen und Rehen, sowie reizenden Nymphen, deren Köcher voll goldener Pfeile sind. Sie halten ihre Meute an seidenen Schnüren in Dianas Farben. Ihre Anführerin ruft einen zahmen Löwen herbei, der freundlich spielt, wirft ihm einen Zügel in Dianas Farben über und führt ihn dem hohen Paar zu mit huldigenden Reimen als ein Geschenk Lyons*), Dianas Nachbarstadt, denn sie ist Herzogin von Valentinois.

Lyon läßt sich auch angelegen sein, dem König und Diana zu Ehren die erste Aufführung der Calandra zu veranstalten in herrlich dazu geschmücktem Raum und bei dieser Vorstellung wird der Olymp täuschend auf die Erde gezaubert.

*) Et ainsi qu’clles aper$urent Ie roy un Hon sortit du bois, qui estoit prive et fait de longue main ä cela, que se vint jester aux pieds de la deesse lui faisant face, la quelle, le voyant ainsi doux et prive le prit avec un gros cordon de soie argent et noire et le presenta au roy — luy offrit ce Hon par un dixain en rime ce Hon doux et gracieux luy offrait la ville de Hon. (Brantome.)

Man erfreut sich der ersten Operneffekte, Aurora erscheint singend auf einem Wagen, der von Hahnen gezogen wird, sternbesät singt die Nacht ebenfalls auf ihrem Wagen. Alle Szenerien, Kostüme und Tänze werden von hervorragenden Künstlern besorgt. (La cour admira une nouvelle mode et non encore usitee aux recitements de comedies, qui füt quelle commenga par Ladvenement de Laube, qui vint traversant la place et chantant sur son char traine par deux cocqs, et aussi par la survenue de la nuit, couverte cLestoiles et chantant sur son chariot.)

Diana war eine Beschützerin einheimischer Künstler, eines Philibert Delormes, eines Jean Goujon, eines Jean Cousin, des Meisters farbigen Glases aus Limousin, die in graziös mächtiger Beherrschung der Menschen-, Tier-, Götter- und Pflanzenwelt die italienischen Meister, die Franz I. berufen hatte, seine Schlösser zu schmücken, einen Rosso und Primaticcio, bald mit tausend eigenartigen Schönheiten übertrafen.

Ursprünglich ist die französische Renaissance von der italienischen angeregt und erscheint oft mit ihr verschlungen, doch sie sank niemals zu ihrem bloßen Abklatsch herab, sie schaffte selbständig, indem sie oft ältere gotische Formen beibehielt und neubelebte; zum Beispiel war im Schloß von Blois noch mancher Saal mit Teppichmalereien geziert, die an die einstige Gepflogenheit erinnerten, die Fenster mit Teppichen zu verhängen, wenn auch die Fenster bereits mit Scheiben prangten, denen mit Demant Liebesverse einzuritzen ein Sport der jungen Hofwelt war. Viele Decken haben noch ihre gemalten gotischen Balken.

Doch dem neuen Bedürfnis der Renaissance nach Geselligkeit beim Lustwandeln in anregend schöner Umgebung wird Rechnung getragen durch prachtvolle Wandelgänge, gedeckte Galeries und promenoirs im Freien, die auf die schöne Flußlandschaft der Loire oder des Cher oder auf Wälder Ausblick haben, die Jagdfreude versprechen. Zur Entfaltung der reichen, breiten Kleiderpracht, zum Aufmarsch des ungeheueren Gefolges*) sind Prachttreppen erforderlich, wie jenes Treppenhaus (le grand escalier) zu Blois, wo Franz I. Wappentier, der gekrönte Salamander, als überall wiederkehrendes Motiv schier märchenhaft jeden Schritt begleitet, unerschöpflich phantastisch und kühn, denn der Salamander lebt laut der Sage im Feuer und gebietet über unnennbare Schätze.

Wie immer die Stellung der Frau theoretisch gewertet sein mag, praktisch zeigte sie sich in einigen glänzenden Dezennien Frankreichs politisch und gesellschaftlich mit durchgehender Überlegenheit. Der Fiktion eines erlaubten, ja für einen hohen Herrn wünschenswerten Minnelebens verdanken die Geliebten der Valoiskönige, die Herzogin von Etampes, Diane de Poitiers, Gabrielle d’Estrees ehrenvolle Stellung; die konventionelle Annahme, daß es sich so gehöre, machte es den legitimen Königinnen, wie einer Katharina von Medici möglich, scheinbar freundschaftlich mit der illegitimen Herrin Frankreichs in gesellschaftlichem Verkehr zu bleiben. Die Geliebten der Könige geberden sich durchaus stolz als Minneherrinnen und nehmen die Rolle ernst, den Geliebten in geistigem Streben wachzuhalten. Zahllose Widmungen von Gelehrten und Dichtern, Werke bedeutender Künstler legen Zeugnis davon ab, daß sie mit dem Prestige der idealen Gebieterin einen Teil ihrer Rolle feierlich übernahmen.

*) Zum Hofstaat Franz I. gehörten 27 maitres d’hotel, 33 panetiers, 20 echansons, 15 valets tranchants, aus den ersten Adelshäusern des Landes.

Diane wählte stolze Devisen wie Omnium victorem vici. Brantöme lobt sie, daß sie denselben treu geblieben sei und ihren minnenden König stets zu choses hautes et genereuses begeistert habe, indes freilich ein feindlicher Satiriker Heinrich mahnte:

Sire, si vous laissez, comme Charles desire Comme Diane fait par trop vous gouvernez Fondre, petrir, mollir, refondre, retourner Sire, vous netes plus vous, netes plus que cire

(Wachs)*).

Allein die meisten spielten in Heinrichs Märchen, wie die Stadt Lyon, gerne mit. Das Geschlecht der Valois war durchaus phantastisch und romantisch, für alle Kunstgenüsse leidenschaftlich eingenommen, mit Dichtergabe beschenkt seit ihrem Ahnherrn, jenem Louis d’Orleans, dem Gemahl der Valentina Visconti und dessen Sohn, dem Dichter Charles d’Orleans, die gotischen Glanz und Schöngeistigkeit in Frankreich vertraten. Prinzen und Prinzessinnen des Hauses schätzten und schützten die Lyrik, wie es ihr seit den Tagen der Minnesänger nicht widerfahren. Nirgends durfte wie am Hof der Valois der Dichter mit dem König gehen und ebenso der Künstler und Musiker. Ronsard riet den Dichtern, die großen Herren zu umgeben, den Hof und die Prinzen, wo der Geschmack am feinsten ausgebildet sei.

*) Sire, wenn Ihr, wie es Diana wünscht und Karl (von Lothringen, der Oheim Maria Stuarts), Euch ummodeln, biegen und schmelzen laßt, dann seid Ihr in deren Händen nichts als Wachs. (Wortspiel zwischen Sire und cire.)

Berückend und schmeichelnd durchflechten Reimspiel und Tanzspiel die Renaissancegeselligkeit der Valois, sie wiegt sich tändelnd, sie schwebt majestätisch auf leis wehmütiger Melodie. Wie ein altes Schloß von weißen Tauben umflattert wird, denen Wohngelegen-heit daselbst gegeben und denen die Herrschaft gerne Körner streut, wird das Königshaus Valois umflattert von Dichtern, die Recht auf Wohnung haben und denen sich die fürstliche Hand spendend auftut. Sie girren und Schnäbeln und machen niedlich verliebte Komplimente, sie sind Pagen und Kämmerlinge der Prinzen und Prinzessinnen und keiner der verschiedenen Hofstaaten wäre vollendet ohne den Hofdichter, zu dessen Obliegenheiten es gehört, alle wichtigen Vorkommnisse des Hauses entsprechend pomphaft oder zierlich zu besingen, Hochzeiten, Einzüge berühmter Gäste, Trauerfälle, Friedensschlüsse, die oft um den Preis einer Prinzessin gehen, so daß sich deren Verlobung mit derselben Schalmei flöten läßt. Freilich, ein Zeichen der Zeit, sogar in diesen Gelegenheitsversen werden die Hofdichter im Lauf des Jahrhunderts immer selbständiger, selbstbewußter, ja sogar selbstherrlich pedantisch, indem sie ihren Einfluß und ihre Wichtigkeit wachsen fühlen. Jean Marot und auch noch sein Sohn Clöment reimten harmlos bescheidene Huldigungen, ihre Nachfolger nehmen jedoch den Ton eines Mentor und Zensor an und ihre Huldigungsoden sind Ermahnungen oder politische Programme.

Ihr eigentliches Verdienst lag jedoch gerade in den preziösen Wortspielereien, die man später mit mitleidigem Achselzucken abfertigte. Sie entsprangen zumeist graziösem Gesellschaftsspiel und trugen wahrscheinlich nicht wenig dazu bei, die französische Sprache so fein, treffsicher und geschmeidig zu machen, daß sie alles verschweigend alles sagen konnte, alles sagend alles verschwieg, daß ihre neckische Behendigkeit schließlich die langsame Pracht des Latein und des ihm ergeben gebliebenen Italienisch entthronte, daß Französisch die Sprache eleganter Konversation, klugen Briefes, unbesieg-barerDiplomatie wurde und als solche einMachtinstrument, das besser als seine Waffen Frankreichs langandauernde Vorherrschaft in Europa gründete und pflegte. Demnach war es politischer wie künstlerischer Instinkt der Valois, dem Amt und Talent des Versemachens so große Liebhaberei zuzuwenden, daß es von eleganter Geselligkeit unzertrennlich schien. Sie waren selbst meist begabte Reimkünstler, es dichteten Franz I. und seine Schwester Margarete, es dichteten sein Sohn und seine Tochter, die zweite schöngeistige Margarete, ein Patenkind der ersten, in Savoyen vermählt, jene feine Prinzessin, von der es hieß, sie habe Urbino nach Turin verpflanzt und sei la bonte du monde gewesen. Es dichtet Franz I. Enkel, Karl IX., mit entschiedenem Talent. Er widmete seinem Hofpoeten Ronsard Verse, die den Versen des Gefeierten ebenbürtig, das Amt des Königs dem dts Dichters gegenüberstellen. Sie schließen mit dem Wort:

Je peux donner la mort — et toi limmortalite. (Ich kann den Tod, du die Unsterblichkeit geben.) Es dichtet die Enkelin Franz I. die dritte Margarete, die Gattin Heinrichs IV. wurde. Die lieblichste Dichterin am Hof der Valois war die noch kindliche Maria Stuart, von deren Talent zu improvisieren Brantome fast gerührt berichtet: Elle usait de fort doux, mignard et agreable langage — eile composait promptement, comme je /’ay vue souvent comme eile se retirait en son cabinet, et sortait aussitöt pour nous montrer ses vers*). In feierlicher lateinischer Rede verteidigte sie als junges Mädchen vor dem versammelten Hof das Recht der Damen auf Bildung, denn es steht der Frau gut an, Wissenschaften und freie Künste zu beherrschen und sah dabei allerliebst aus. Maria wußte sich so geschmackvoll zu kleiden, daß sie sogar der barbarischen Tracht Schottlands Grazie verlieh, wenn sie dieselbe anlegte, wie sie das schottische so zart sprach, daß diese wilde Sprache dadurch lieblich anmutete**).

In den drei Generationen, von einer Margarete zur anderen sieht man die Wandlung der Prinzessin und den Geist der ihr eigenen Zeit. Die erste noch Minneherrin im idealen Sinn, doch nicht ohne derbe Schelmerei, die zweite empfindsam, durchaus zart und mystisch, die dritte aufrichtig derb sinnlich, neoheidnisch: es ist die von Brantöme vielgerühmte Spätrenaissanceprinzessin Margot, die sich dessen merkwürdige Auslegung des einstigen Ideals zurechtgemacht hat: Ce qui est beau est plus approchant ä dieu, qui est tout beau, que le laid qui appartient au diable*). Einer schönen Prinzessin ist nicht nur erlaubt, sondern geboten ihre Huld warm auszustrahlen, indes gewöhnliche Frauen gewöhnliche Treue zu pflegen haben. (Teiles dames moyennez faut que soient fermes et constantes comme les estoiles fixes.) Je vornehmer eine Dame war, desto mehr Freiheit mochte sie genießen, freilich unter dem Schatten eines schönen Anstands (ombrages d’une belle modestie). Nach den Schilderungen des Hofmanns sind von dem reizenden Liebesspiel ferngehalten alle Herren perdus, esbahis et fachez (wie verloren, entrückt und grimmigen Humors).

*) Sie gebrauchte höchst süße, zierliche und liebreiche Art zu reden und wußte behende zu dichten, denn oft sah ich sie, wie sie sich in ihr Gemach zurückzog und sofort wieder erschien, die eben ersonnenen Verse zu zeigen.

**) Brantome erzählt: Estant en Tage de 13 ä 14 ans eile declama devant le roy Henry, la Reyne et toute la cour, publiquement en la salle du Louvre une oraison en latin, qu’elle avait faite, soutenant et deffendant contre Topinion commune, qu’il estait bien sceant aux femmes de scavoir les lettres et arts liberaux.

Es heißt von Margot, daß sie die Herzen der um ihretwillen getöteten Liebhaber einbalsamieren und in eigens dazu angebrachten Taschen kostbar eingearbeitet in ihr weitausladendes Vertugadin — gebauschter Oberrock — einnähen ließ. Wie dem auch sei, sie balsamierte jede der unglücklich geendeten Lieben in äußerst zierliche Verse ein — diese letzte Valois zeigt noch immer, wenn auch leicht karikiert, die Merkmale der Rasse, Phantasie, die sich romantisch auslebt, raffinierten Geschmack und das Talent schönfließender Verse, mit dem sich fast alle Mitglieder des Hauses manche Stunde geschmückt.

*) Was schön ist, kommt jedenfalls Gott nahe, der durchaus Schönheit ist, das Häßliche gehört dem Teufel.

Ein boshafter Chronist behauptet zwar, einige der letzten Valois hätten sich nur bei sehr schlechtem Wetter schöngeistig beschäftigt, ansonsten allerlei Sport und Spiel getrieben, oft recht wild und ausgelassen, Schneeballwerfen und Balgereien, wobei es die Umgebung nicht gut hatte. Daher stammt der berüchtigte Ausdruck für dummes und grausames Spiel: jeux de princes. Diese Kritik geht wohl hauptsächlich gegen den jungen Orleans, Franz I. dritten und Lieblingssohn, der infolge seines Leichtsinns starb, eben als der lange Kampf um Mailand dahin entschieden war, daß es der Linie Orleans zufallen solle. Noch ausgelassener war Karl IX., der mit seinen jungen Hofherrn das sogenannte vau-rienner einführte*), die Unsitte mit tollen Streichen umherzuziehen. Unter anderem entbot er einmal heimlich die Spitzbuben von Paris, um eine bei ihm geladene Gesellschaft geschickt auszurauben, die enfants de la matte, wie damals die Apachen hießen, hatten mit solcher Büberei großen Erfolg.

Irreleitend ist die Annahme, daß Katharina den italienischen Einfluß nach Frankreich gebracht habe. Weil dieser Einfluß groß und herrschend war, wurde sie erwählt. Ohne dem Prestige, das den Begriff Renaissance mit dem Namen Medici verknüpfte, wäre die Tochter des reichen Bankhauses nicht in die hochmütige Königsfamilie geraten und Mutter dreier franzö-sicher Könige geworden.

*) Vaurienner = Nichtsnutzigkeiten, Spitzbübereien treiben, von vaurien = Nichtsnutz.

Freilich bemühte sie sich, diesen Einfluß dauernd zu befestigen vornehmlich durch alle Künste raffinierter Geselligkeit, die nach italienischem Vorbild in den Dienst der Politik gestellt wurden. Ihre Hoffräulein sind nicht mehr steif und sittsam wie jene der Anne de Bretagne, ihr escadron volant von reizenden Huldinnen, 300 an der Zahl, muß wie das Gefolge der Beatrice und Isabella d’Este mit tausend neckischen Künsten politischen Gimpelfang treiben. Alle Fräuleins haben Boccaccio gelesen und plaudern italienisch, sie sind in jeder Toilettenkunst hocherfahren, und Brantöme behauptet, sie seien in ihrem großen Staat, grandes livrees so glänzend aufgetreten, daß alle Beschreibungen des Amadis davon übertroffen seien. Toute beaute y abondait, toute majeste, toute gentillesse, toute bonne gräce — toute bastantes pour mettre le feu par tout le monde*).

Brantome rühmt die zwanglose Art des Empfangs bei Katharina sa compagnie et sa cour estait un vray paradis. Die Damen zeichneten sich aus in Konversation, Sport und Musik, vor allem in der Kunst des Tanzes, die nunmehr von italienischen Tanzmeistern ausgehend in Frankreich die höchste Ausbildung erfuhr und auf Jahrhunderte den Vorrang behauptet. Zu Ehren von Gästen, wie bei Gelegenheit der polnischen Gesandtschaft, fanden ausgezeichnete Schautänze statt allegorischen Inhalts in strahlendem Kostüm. Sieur Balthazar de Beaujoyeux war Balletmeister und führte^tanzende Paare an, sogar am Abend nach der Bartholomäusnacht in den neuerbauten Tuilerien-sälen.

*) Alle Schönheit war da in Fülle, alle Majestät, alle Anmut, alle feine Art — es reichte hin, um die Welt in Flammen zu setzen.

der Bartholomäusnacht in den neuerbauten Tuilerien-sälen.

Katharinas Sohn Heinrich III. und ihre Tochter Margarete gaben das Schauspiel künstlerischer Vollendung im Tanz, namentlich in jener majestätischen Pavane, bei der das schwer prächtige, fürwahr pfauenhafte Kostüm recht zur Geltung kommen mochte*). Danse ou la belle gräce et majeste font une belle representation — ores, en marchant avec un port et geste grave, ores les coulant seulement, et ores en y faisant de fort beaux et graves et gentils passages**).

Wie feine Prälaten sich für jede Kunst der Geselligkeit interessierten, waren es vor allem Prälaten, die den Tanz als Kunst theoretisch behandelten, besonders der Domherr Jean Tabourot, der in seinem 1588 erschienenen Werk Orchesographie den Tanz philosophisch ernst behandelte und systematisch zu lehren gedachte. Das Manuskript der vorhergehenden ersten theoretisch zusammenfassenden Tanzlehre stammt aus dem Besitz der Margarete von Österreich, Tochter Philipps des Schönen und Statthalterin der Niederlande. Es enthält das Buch der niedrigen oder schleifenden Tänze (livre des basses danses) der vornehmen Welt, wobei man sich nicht hüpfend erheben durfte.

Wie bei den gotischen entremets erschienen die Tänzer im Saal hoch zu goldenem Wagen. Der Meister des  ballet comique de la reynef der stets auf Neues sann, Baltazzarino Beaujoyeux erhob den Anspruch mit seinen mimischen Vorstellungen echt antike Tänze wieder zu erwecken, wie die Pleiade meinte, echt antike Musik zu bringen.

*) Se pavaner heißt noch heute pfauenmäßig stolzieren.

**) Ein Tanz, bei dem hohe Grazie und Würde sich trefflich darstellen lassen, jetzt indem man mit majestätischer Miene ernst schreitet, jetzt indem ein Schweben entsteht, jetzt indem anmutreiche und gewichtig höfliche Figuren eingeflochten werden.

Eng verbunden mit der Wertung des Tanzes als Kunst ist jene der Anstandslehre, die um diese Zeit ihre feierlichsten und genauesten Regeln erhielt, besonders die Form der Begrüßung accolade. Verschiedene Anstandsbücher erschienen. Wie sie zu Herzen genommen wurden, lehrt der Anblick von Porträts der Zeit. Es galt, zum Beispiel, für elegant, die Augen etwas zuzukneifen und den Mund zu spitzen wie zum Küssen oder zum Pfeifen, die Hände aufeinanderzustemmen wie um einen Degenknauf und scheinbar nur auf einem Bein festzustehen. Calviac rät: Ayant flechi le genou et oste le könnet de la main droite t ou le tiendra bas en la gauche et la main droite au bas de Festomacy avec les gans ou autrement, car de tenir le könnet ou diapeau sous Vaisseile en saluant est chose rustique*). Pomphafte, gleichsam vergötternde Begrüßung war nicht Schmeichelei, sondern gehörte zum konventionellen Tanzschritt der Gesellschaft, wo immer die Begegnung stattfand**). Die accolade oder salut de rencontre war

*) Nachdem man das Knie gebeugt hat und die Kappe mit der rechten Hand abgenommen, hält man die Kappe in der Linken und die Rechte hält man mit Handschuhon oder anders in der Höhe des Magens. Den Hut oder die Kappe unter dem Arm zu behalten, indem man grüßt, ist eine ländliche Sache.

**) Die strenge Anstandslehre mündet in die große höfische Zeremonie, deren Riten fortan bis ins kleinste das Leben fürstlicher Personen in Anspruch nahmen. Ihr Dasein wurde zu einer fort-

streng nach Rang geordnet. Ist der einem Begegnende höheren Ranges als man selbst, umarmt man ihn unter den Armen, et autant plus grand il sera (je höher er steht), d’autant plus bas on Vembrassera, jusquaux cuisses memes. S’il est son pareil ou moindre on Vembrassera d}un bras dessus Vune epaule d’iceluy, et Vautre dessous Vautre aisselle*).

Über diesen seltsamen Brauch bemerkt Henri Estienne, daß man es früher komisch und unschicklich gefunden habe, sich beim Begegnen Verbeugungen zu machen approchant de Vadoration, aber jetzt sei es Mode und ginge jusqu’ä baiser la cuisse et le genou. Diese Übertriebenheiten und die mit ihnen zusammenhängenden Komplimente waren nicht nur bezeichnend für die Hofgesellschaft, die große Bourgeoisie ahmte sie nach wie die meisten auffallenden Gebräuche, nicht anders verfuhr die hohe Juristerei, das ist die zu vornehmem Ansehen gelangende noblesse de la robe.

Ebenso ahmt jedoch die Bürgerschaft alle Kunstliebhabereien nach, sogar kleinere Bourgeois wie der Apotheker Nicolas Hamei, sind eifrige Sammler und Schöngeister. Als defenseurs du tröne, als grands prevots und echevins treten majestätisch auf die Miron, Seguier, Lemoignon, de Tillet, Pasquier, Mole, Goix, währenden, komplizierten Kulthandlung. Schon ergreift die Öffentlichkeit so sehr von ihnen Besitz, daß jene naiv grausamen Indiskretionen Sitte werden bei fürstlichem Beilager und der Geburt fürstlicher Kinder.

*) Und je höher er steht, um desto tiefer wird man ihn umfassen, gegebenenfalls bis zur Hüfte. Ist er im gleichen Rang oder niedriger stehend, umarmt man ‚ihn so, daß man einen Arm auf seine Schulter legt und den andern unter seinen Arm führt.

Amauld, Lecoigneux und die Geselligkeit dieser Kreise zierte Paris für den Kenner feiner Daseinsformen, wie jene der Hofgesellschaft.

Schöne Bauten und Anlagen hoben das Bild der Stadt, ihre Blumenliebhaberei war so groß, daß sie jährlich für 150000 Dukaten Blumen brauchte. Bald preist sie Montaigne, von seinen Reisen zurückgekehrt, ähnlich warm wie sie zur Zeit ihrer geistigen Herrschaft im Mittelalter von Gelehrten gepriesen war: Paris hat mein Herz und es ist mir ergangen, wie es mit ausgezeichneten Dingen geht. Je mehr ich andere schone Städte sah, desto mehr vermochte und gewann die Schönheit oon Paris über meine Liebe. Ich liebe ihr eigen Wesen mehr als wenn sie mich mit fremdem Pomp übersättigte. Ich liebe zärtlich sogar ihre Schönheitsfehler undWarzen. Ich bin Franzose nur dank der Größe dieser Stadt, die groß ist durch ihr Volk, groß durch die Vorzüge ihrer Lage, groß vor allem durch die Mannigfaltigkeit und Bequemlichkeit, der Ruhm Frankreichs und ein Schmuckstück der Welt Ich fürchte für sie nur sie selbst. Originelle Typen wimmelten in der Hauptstadt, so der große Koch, der in italienischer Lehre gestanden, doch seine Meister übertroffen hat. Montaigne machte sich lustig über dessen Wichtigtuerei, obwohl er selbst einen guten Bissen liebte. Er hielt mir einen Vortrag über die Wichtigkeit des Essens — erzählt Montaigne, mit einer Gravität und Magistermiene, als rede er über einen großen Punkt der Theologie. (R me fait un dis-cours de cette Science de gueule avec une gravite et contenance magistrale, comme syil meust parle ae qud-que grandpoint de theologie.) Der Meisterkoch erklärte die verschiedenen Grade und Schattierungen des Appetits, jenen, den man nüchtern empfindet, jenen, der nach dem zweiten und dritten Gang noch wach ist und welche Möglichkeiten gesetzt sind, ihn zu wecken und reizen, die Lehre von der Sauce im allgemeinen sowie deren einzelne Bestandteile und Einzelwirkung, die Anwendung der Salate, ob warm, ob kalt und wie sie dem Auge angenehm gemacht werden gleich dem Geschmack. Danach ging er auf wichtige Betrachtungen über, was die Ordnung der Speisefolge betrifft. Et tout cela est enfle de riches et magnifiques paroles et celles mes-mes quon employe ä traiter du gouvernement cTun empire. (Und das alles mit so hochtönenden Schmuckworten, denselben Wendungen, als handle es sich um die Beherrschung eines Weltreichs.)

Weniger belustigt zeigte sich der Philosoph Bodin über tant de sauces, de hachis, de pasticeries, de toute sorte de salmigondies, et d’autres diversites de bigarrure und klagte erbost, daß jedermann zu derartigen feinen diners einlüde. Was immer Moralisten bespötteln und beanstanden mögen, die französische Kochkunst setzt ihre aus gotischer Zeit stammende Tradition fort, Italiens Stilgefühl veredelt sie und ihre Gebilde stimmen in Form, Farbe und Erlesenheit versilbert, vergoldet, figürlich aufgebaut, in Schnörkel ausladend zu den Prunkgeraten feinster Arbeit in Email, Gold und Edelstein. Ihr Wichtigtun überzeugt von ihrer Wichtigkeit, und sie gehört von nun an zu Frankreichs Regierungskünsten, wie Anstandslehre und Tanz. Im Verein mit diesen entthront sie langsam Spaniens schwere Übermacht, die Europa allein zu beherrschen meinte.

Der strenge Kanzler Michel de l’Hópital, von dessen Catonismus und weißem Bart Brantöme berichtet, suchte dem Luxus der Science de gueule (Magenweisheit, vom italienischen gola, Gefräßigkeit) durch strenge Gesetze zu steuern, die sogar mit Gefängnis und Verbannung bedrohten, doch ohne allen Erfolg. Die großen Pariser Restaurants — unter Karl IX. um 1574 waren es Le More, Sanson, Innocent und Havart, deren Besitzer l’Höpital ministre de voluptes nennt — behielten nach wie vor elegante Klientel. Der Connetable de Mont-morency und der Marschall St. Andre wie die Prinzen gaben das Beispiel lukullischer Erfindungsgabe. Heinrich, Katharinas jüngster Sohn, einer der größten Feinschmecker und der manierierteste Tänzer in Paris, fühlte sich gar nicht wohl, als er, zu Polens König gewählt, dort eintraf. Auf der Rückfahrt von seinem eher lächerlichen Abenteuer inWarschau, lächerlich wegen der gegenseitigen Enttäuschung von Polen und Franzosen, berührte der nunmehr als Heinrich III. König von Frankreich Gewordene Venedig, wurde dort außerordentlich gefeiert und brachte von den Lagunen nach Paris die beste Errungenschaft und die dauernde Gabe seiner Regierung mit — den Gebrauch der Gabel. Derselbe erscheint wie der Gebrauch des langstieligen statt des kurzstieligen Löffels, den Katharina einführte, höchst wünschenswert wegen der Mode feiner Halskrausen und Spitzenkragen, die der Elegante eigens in Flandern stärken ließ, um den nötigen Grad von Vollkommenheit zu erreichen, und welche beim Essen und Trinken stets in ihrer Reinheit gefährdet waren. Wohl hatte man als Schutzvorrichtung die um den 514 Hals gebundene Serviette (wegen zunehmenden Umfangs des Tellerkragens sind ihre Enden schwer zu knüpfen, daher die Redensart: difficile de joindre les deux bouts), allein bei festlicher Tafel ist der Anblick dadurch eher possierlich, sowie auch das Auf- und Zubinden unästhetisch wirkt. Daher der Siegeslauf der Gabel, deren Verwendung allerdings anfangs auf Schwierigkeiten stieß und von den Anhängern des guten Alten verspottet wurde, wie auch von den politischen Feinden des kühnen Neuerers. Es sei gar nicht der Mühe wert, meinen sie, die Hände vor und nach Tisch feierlich zu waschen, wenn man verschmäht, die Finger zum Essen zu brauchen*).

Ebenso wurde das fein plissierte Tischtuch beanstandet und der Gebrauch, Speisen und Getränk in Schnee oder Eis zu kühlen**). Die meisten Einführungen Heinrichs, die in der Satire Isle des Hermaphrodites wütenden Angriff erlitten, erweisen sich heute berechtigt wie die Gabel. Der Satiriker wendete sich gegen das Verlassen althergebrachter Sitte, wie Spatzen angereiht auf einer Bank Platz zu nehmen und für die Vornehmsten in steifer Würde auf Hochsitzen zu thronen. Heinrich brachte sogenannte chaises volantes und pliants  in Mode, leichte zusammenklappbare Stühle, die man hin- und herschieben und tragen konnte, um dadurch zwanglose, plaudernde Gruppen zu erzielen.

*) II y avait aussi quelque plats de salade, elles etaient dans de grands plats esmaillez qui estaient tous faits par petites nich.es, ils la prenaient avec des fourchettes, car il est deffendu dans ce pays-la de toucher la viande avec les mains, quelque difficile ä prendre quelle soit. (Arthur Thomas Pierre d’Endry, Isle des Hermaphrodites.)

**) On apporte de la neige et de la glace dans des assiettes. Le Hermaphrodite prenait tantot de Tune, tantot de l’autre pour mettre dans son vin. (Isle des Hermaphr.)

Jedoch die Luft war so schwül an diesem Hof, daß die harmlosesten Neuerungen giftige Kritik fanden. Allerdings gab es bei Heinrich auch manche Geschmacklosigkeit, Ahnung des tragischen Endes scheint die leichtsinnigsten der Valois mitten in ihren schönsten Festen verfolgt zu haben, und manche Ausgelassenheit, die Moralisten der Zeit streng aufgriffen, manche Schellen und Klappern der Narretei dienten vielleicht dazu, die Bangigkeit zu betäuben. Wenn er mystisch überspannte Stimmungen hatte, umgab sich Heinrich III. mit Schädeln, trug Totenköpfe als Schmuck und eine modische Bonbonniere in Form eines Schädelchens.

Die Valois starben meist jung und tragisch, bei einigen riet man auf Gift. Franz I. hatte 3 Söhne, Franz den Dauphin, eine Hamleterscheinung, stets in schwarz gekleidet, und melancholisch an dem bunten, lustigen Hof. Er trank nur Wasser und starb nach Genuß eines Glases Wasser. Der zweite Sohn war Heinrich II., Gemahl der Katharina von Medici und Liebhaber Dianas, der dritte Ludwig von Orleans, der in eines Pestkranken Bett geraten, den Tod fand. Heinrich II. endet würdig seiner romantischen Träume. Bei der Doppelhochzeit seiner Tochter Elisabeth (mit Philipp II. von Spanien) und seiner Schwester Margarete gab es großartige Turniere. Der König brach alle Lanzen und voll Feuer des Erfolgs drang er am dritten Abend des Spiels in den Grafen Montgomery, mit ihm noch einen Gang zu tun. Der Graf, heimlich Calvinist — er kämpfte später unter Coligny — schlug ab, gab jedoch schließlich dem Drängen nach und verwundete den König zu Tod, worauf er floh. Katharina aber reckte sich neben dem Sterbebett und verbot dem so lange märchenhaft glücklichen Liebespaar den letzten Abschied. Ihre Astrologen triumphierten, denn sie hatten, Nostradamus an der Spitze, den Tod des Königs im Turnier geweissagt. Nach diesem tragischen Hochzeitsfest kamen die scharfen Turniere außer Gebrauch nach jahrhundertelanger Übung, man kämpfte von da ab nur mehr zu Schein und Scherz. Auch Heinrich II. hatte 3 Söhne. Der Älteste, Franz II., war mit 16 Jahren Gemahl der noch jüngeren Maria Stuart. Er starb nach kurzer Scheinregierung und minderjährig wurde der zweite, Karl IX., unter Katharinas Vormundschaft König. Geheimnisvoll starb Karl, man sagt an Gift oder an Grauen über die verübten Bluttaten, mit 24 Jahren und sein Bruder, Heinrich III., der kurze Zeit in Polen ungern die Krone getragen, kehrte eilig heim. Der Dolch eines Dominikaners machte diesem letzten Herrscher des Hauses Valois ein Ende. Heinrich IV. wird Herr von Paris und Frankreich. Der erste Bourbon, denn seine Mutter, Jeanne d’Albret, war mit Antoine de Bourbon, dem Haupt der jüngeren Linie, vermählt. Sie hatte als Lieblingsnichte Franz I. diese Liebesheirat eigensinnig durchgesetzt und war ihrem Ländchen Navarra, wie Margarete, segensreich Königin gewesen. So glücklich fiel die Ehe aus, daß Jeanne ihren Sohn Heinrich heroisch singend zur Welt gebracht haben soll, und heroisch humorvoll wurde der Prinz, der bestimmt war, Frankreich aus grausamen Wirren zu retten.

Heinrich IV. brachte neues Blut, neue Zeit. Die Philosophie des gesunden Menschenverstandes und Humors, die Rabelais und Montaigne gepredigt, die Erasmus den Geschmacklosigkeiten des Fanatismus gegenüber vertreten hatte, führte Heinrich IV. in das praktische Leben der Politik ein. Seine Glaubensgenossen sind alle, die zu den tüchtigen Leuten gehören, zum peuple des braves gens. Es dünkt ihm wichtiger, sich um das Huhn im Topf seiner Untertanen zu kümmern, als um ihre Fasson, selig zu werden. In denkwürdigem Gespräch mit Sully vertrat er das freudige Recht eines gesunden Luxus und setzte die Einführung der Seidenzucht durch. Allein unnötigen Hofschranzen, die nur Intriguen veranstalten, rät er gesundes Landleben und schickt sie auf ihre Güter. Er verschmäht im Sinne Montaignes gewisse Eitelkeiten und Pedanterien, ist kein Spaßverderber und läßt seine Freundin Gabrielle d’Estrees schöne Künste und Gewerbe beschützen, doch, was er für seine Person an Geselligkeit liebt und treibt, hat den kräftigen Beigeschmack des Soldatischen oder Ländlichen. Mancher Schönen sagt er Ronsards feurige Worte ins Ohr.

Andere Moralisten, ein Bodin in seiner Republique, ein de Thou, ein Thavannes, ein Michel de l’Höpital schalten polternd ihre Zeitgenossen und wollten sie nach Calvins Art kleinlich disziplinieren. Montaigne verwarf solche Engherzigkeit, sein gelassenes Lächeln ergänzt Rabelais* tolerantes Lachen und strahlt über die Gefilde, die dank der Einsicht des neuen Monarchen bald üppig und heiter blühten. Er verteidigt honnetes passetemps et comedies, denn la societe est Vamities’en augmentent, Freundschaft und Geselligkeit gewinnen dabei. Er kritisiert l’Hopital, daß derselbe ich weiß nicht, welche kleinliche Maßnahmen der Reform mit Chikanen gegenüber dem Anzug, der Küche und dergleichen aushecke. Das sind nur Possen, mit denen man unzufriedenes Volk kirrt, daß es meine, seine Angelegenheiten seien nicht vergessen.

Ebenso abgeschmackt ist, sich lang damit aufzuhalten, was gespielt, geplaudert und getanzt werden mag. Nur • mit dem verrückten Modenwechsel bei seinen Landsleuten war Montaigne durchaus nicht einverstanden und hielt ihnen vor: Keiner unter uns, der sich schlau dünkt, ist vor der ansteckenden Äfferei bewahrt, als wäre sein inneres Schauen wie das äußere vor Blendung toll. Die Monarchen sollen nicht schlechtes Beispiel geben, indem sie sich einbilden, es gehöre zu ihrem Staat und Ansehen, ungeheuerlichen Aufwand zu treiben, sondern sich stolz genug fühlen, derlei zu entbehren.

Solchem Irrtum verfiel Heinrich IV. nicht. Er war der Meinung des Philosophen und liebte zwanglose Unterhaltung, am liebsten warf er die eigene Jagdbeute auf den Tisch oder brachte sie in die Küche zum Braten und bestellte sich sein Lieblingsgericht vorher, Salat aus Melonen.

Der Puder von den Lieblingen Heinrichs des Dritten und ihre süßlichen Gewohnheiten verfliegen, Margaretens Enkel will Frankreich beherrschen, wie jene Fürstin in Navarra zu herrschen verstand, einfach, volkstümlich, liebreich, vernünftig, und blieb sein Leben lang dem Vorsatz treu.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT
Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII)
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT
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Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – EINUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt

VIERTER TEIL
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EUROPAS WESTEN UND DIE SPÄTRENAISSANCE

EINUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Im goldenen Zelt — Barbarische Pracht — Der sacco di Roma — Mystische Strömung in den Salons — Die Psalmenmode — Verflachter Platonismus — Leone Ebreos Weltanschauung — Im Beginn des Barock — Neapels Salons — Papst Paul III. und Vittoria Colonna — Lucrezia Borgias Witwenschaft — Tasso am Hof — Ferrara, Lyon und Genf — Erster Mai und Buchdruckerstreik — Gargantua und Pantagruel — Salons in Poitiers — Rabelais als Tischgast — Ein Gelehrtendiner in Paris — Todesurteile und Literaten — Das Bild hinter dem Vorhang — Die Hausfrau der Bluthochzeit.

Glänzende Feste im Dienst der Politik sind Losung der französischen wie der italienischen Renaissance. Besonders ausführlich erzählen die Chronisten jene, die zu Ehren der Königin Claude stattfanden, und jene zu Ehren Franz des Ersten zweiter Gemahlin, Eleanor von Portugal, für die spanischer Mode entsprechend in Frankreich die erste bergerie in großem Stil aufgeführt wurde. Berühmtheit erlangte die Zusammenkunft Franz 1. mit Heinrich VIII. von England (1520) im Camp du drap d’or, wo die französischen Zelte in Goldstoff prangten, die fürstlichen aus Glasbauten bestanden, ein unerhörter, neckischer Luxus, und später die reichen Feste, die Franz als ehemaliger Gefangener Karls V. diesem bot, nicht ohne feurige Kohlen auf dessen Haupt zu sammeln, als der Kaiser sein Schwager und Gastfreund geworden.

Den Prunksinn des Königs hatte aber sein mächtigster Vasall Karl Connetable von Bourbon zu überbieten getrachtet bei Gelegenheit der Taufe seines Erben, zu der Franz als Pate geladen war. Sie fand in Moulins statt und zwar mit so aufdringlicher, ärgerlicher Protzerei — unter anderem waren die Tribünen, die man für die Damen beim Turnier errichtete, aus kostbaren, wohlriechenden Hölzern mit Edelsteinen inkrustiert —, daß die Gäste eher verletzt als beglückt schieden. Jene, denen offiziell das bis zur Barbarei prächtige Fest gegolten, die junge Mutter Suzanne de Bourbon und der kleine Erbe starben nach Ablauf des letzten Feuerwerks.

Nun begab es sich, daß Karl V., gesonnen, mit Franz um die Weltherrschaft zu kämpfen, den ehrgeizigen Karl von Bourbon zum Verrat zu bewegen suchte, indem er dem eben Verwitweten die Hand seiner Schwester Eleonore, der verwitweten Königin von Portugal, an-bot, mit dem Versprechen, ihm zum Besitz Südfrankreichs zu verhelfen. Der Gegensatz zwischen Süd und Nord, Lyon und Paris war stark ausgesprochen und lockte zur Teilung. Eine merkwürdige, nie vollkommen aufgeklärte Liebesgeschichte gab letzten Anstoß zu Karls Verrat. Offiziell hatte er sich um die Hand der Renee de France beworben, einer häßlichen, intriganten Prinzessin, dem spätgeborenen Kind Ludwig XII. und der Anne de Bretagne. Sie wurde in ihren Hoffnungen auf den schönen Connetable getäuscht, denn des Königs Mutter, Louise von Savoyen, ließ ihm ihre Hand bieten. Louise hatte stets heimlich für ihn geschwärmt, ihn mit Gunstbezeugungen von ihrem Sohn überhäufen lassen und bot ihm jetzt Frankreichs Stiefvaterschaft. Mit 40 Jahren war sie immer noch sehr schön und es erscheint rätselhaft, daß der Connetable nicht nur die gebotene Hand ausschlug, sondern Spott und Hohn auf die mächtige Mutter seines Königs häufte, sowie grobe Verleumdungen. Er reizte die Gekränkte zu unkluger Rache. Als Verwandte der Bourbons machte sie ihm einen erfolgreichen Prozeß um die von Suzanne geerbten Güter. Dies gab dem Ehrgeizigen willkommenen Vorwand, der Lockung Kaiser Karls V. zu folgen mit einer condotta, die aus Frankreichs ärgstem Gesindel aller Stände bestand. Ihr gesellte sich schlimmes Gesindel aus Spanien, Deutschland und Italien, lawinengleich sich ballend und wälzte sich nach Rom, dessen Schätze die Abenteurer lockten.

Karl V. tut, als ob die Expedition nicht von ihm genehmigt sei, indes sie ihm höchst willkommen ist, da ihm daran liegt, Papst Clemens VII. zu demütigen, der sich durch die heilige Liga mit Frankreich verbunden hatte.

Des Verräters Bourbon Gier nach dem römischen Gold blieb unbefriedigt, er fiel auf der Mauer, die er in maßlosem Ehrgeiz erklommen, seine Scharen drängten nach brüderlich mit den ebenso räuberischen Spaniern und deutschen Landsknechten. Die Herrlichkeit der römischen Hochrenaissance war an der Gurgel gepackt und gewürgt von den Raubtierkrallen der Feinde. Ein häßliches Frohlocken erhob sich in deren Lager und ihre Gegner bereiteten sich grimmig vor zum Gegenschlag. Indes Bourbons und Frundsbergs Söldnerscharen auf entsetzliche Weise ihren neuen Glauben oder vielmehr den Tod des alten Glaubens feierten, war in vornehmen Kreisen eine große Wendung vollzogen.

Unter der Herrschaft tonangebender Damen beschäftigten sich verschiedene bedeutende Zirkel Frankreichs und Italiens bald im Ernst, bald in modischem Sinn mit der neuen Geistesrichtung und suchten dieselbe irgendwie mit den platonischen Sitten und neuartiger Eleganz zu verbinden.

Als Haupt dieser Bewegung erscheint Margarete von Navarra und wird international gefeiert. Deshalb schrieb ihr Vittoria Colonna huldigend, obwohl Margarete die Schwester jenes Monarchen war, dem Vittorias ewig betrauerter Gemahl Marchese von Pescara in der Schlacht von Pavia gegenüberstand. Flandrische Teppiche, die ihr Kaiser Karl V. zum Andenken an den Sieg Pes-caras geschenkt, schmückten Vittorias Kastell in Ischia und mußten sie daran erinnern. Allein sie wendete sich mehr und mehr von weltlichen Dingen ab im Kreis ebenso gerichteter Freunde und Freundinnen, die an eine mögliche Heilung der kranken Kirche und Welt glaubten und arbeiteten.

Ähnlich verehrt wie von Vittorias Kreis in Neapel wurde die Königin von Navarra in England. Die drei Schwestern Seymour, von denen sich eine, Johanna, nur ungern von ihren humanistischen Studien losriß, als Heinrich VIII. sie zur Königin wählte, widmeten ihr begeisterte Verse. Einen Augenblick durfte Margarete hoffen, ihren friedlichen Einfluß in Dingen der Religionspolitik triumphieren zu sehen, denn Franz I. nahm huldvoll Marots Widmung der Psalmenübersetzung an und — wunderbar genug — am französischen Hof wie in allen schöngeistigen Kreisen Europas wurden die Psalmen zum leidenschaftlich verehrten Modebuch.

Als Villemedon an den Hof kam, fand er den damaligen Dauphin (Heinrich II.), der als Rekonvaleszent gerade besonders fromm fühlte, in Fontainebleau damit beschäftigt, die Psalmen zu Instrumentalmusik zu singen, und wurde eingeladen, mitzutun wie in calvi-nistischer Gemeinde. Jedes Mitglied der Hofgesellschaft wählte einen Lieblingspsalm und versuchte ihn zu komponieren oder nach bekannter Weise zu singen. Katharina von Medici erkor den Psalm Ne veuillez pas, ö Sire für sich und setzte ihn auf die populäre Melodie der Bouffons, Diane de Poitiers den Psalm Du fond de ma pensee und der Dauphin Bien heureux est qui-conque. Die schöne Diana trug statt dem Stundenbuch eine französische Bibelübersetzung am Gürtel, die vom Bischof Senlis herrührte. So trotzte man der Sorbonne und widmete sich den Schönheiten des alten Testaments. Der Erfolg des mächtigen hebräischen Lyrikers ist unbeschreiblich, in Spanien wurde der Psalmist von Luis de Leon übertragen, in Italien meisterhaft von Marco Antonio Flaminio, einem Freund Vittoria Colonnas, in Deutschland von Luther, in Polen von Kochanowski, in England von mehreren Dichtern — und überall dieselbe ekstatische Begeisterung.

Alle Künste hatte die Kirche zu ihren Zwecken gebraucht, eindringlich durch Malerei, Bildnerei und Architektur gewirkt; alles lockte zur Hingabe, zu einem Aufgehen in einer Art Polyphonie, zum Überliefern des so oft unbequemen Ichgefühls an ihre Autorität. Damit stand sie aber schließlich in Gegensatz zum Geist der Renaissance, der gerade zu einer wenn auch schmerzlich heroischen Bejahung des Ichgefühls drängte, auf daß die einzelne Seele durch eigene Anstrengung und ohne Dazwischentreten von Kulthandlungen, durch sich selbst Schönheit erringen und Gottesgemeinschaft gewinnen könne. Ohne Schönheit jedoch kein Gewinnen der Schönheit, sie kann sich ja wie die Flamme nur an sich selbst entzünden. So brauchte auch die Reform Schönheit und trat in Bund mit dem Nationalismus, indem sie Schönheit und Wert der verschiedenen Sprachen entdeckte und für ihre Zwecke ausbeutete. Gerade im Augenblick des größten Triumphes der alten Sprachen wurde ihnen plötzlich und unerwartet das Szepter im Reich der Geister entwunden; allerorts übersetzte man die wichtigsten Schriften in die Nationalsprachen und verbreitete sie durch Druck, womit ihr Bildungsschatz in die Breite floß. Durch Übersetzung und Nachdichtung des Erbes an Poesie, das lateinisch, griechisch und hebräisch gemünzt war, erhalten die neuen Sprachen eine Kraft und einen Gehalt, die ihnen unbekannt waren. Auffallend tritt dies in Erscheinung durch Luthers Übersetzungen, Calvins starkgebautes Französisch, durch den Einfluß, den sein merkwürdiger Gegenspieler Aretino mit theologischen Schriften in prachtvollem Italienisch gewann*). Die Psalmen wurden zum literarischen, politischen und religiösen Ereignis und eine — mondäne Begebenheit. Sich mit der eigenen Seele zu beschäftigen, sie zu bespiegeln, im Freundeskreis darüber  Unterhaltung zu pflegen und den Gefühlsüberschwang in Vers und Ton ausströmen zu lassen, war zu jener Zeit Herzensbedürfnis und Mode.

*) So unglaublich es den Nachfahren klingen mag, Aretino war ein wirkungsvoller Erbauungsschriftsteller mit seinen Werken: Vumanita di Cristo, la vita di Maria Vergine und eine Psalmenübersetzung.

David verdrängte Petrarca oder mischte sich seltsam mit platonisch mystischer Empfindsamkeit. Die Renaissance hatte alle menschlichen Sinne im Dienst des irdischen Eros zu feinster Genußfähigkeit erzogen. Unter den Feinempfindenden entstand jedoch ein allgemein sittliches Unbehagen, und sie fingen an, von Sinneseindrücken übersättigt, nach Übersinnlichem zu schmachten. Seit jeder Geck und jede Courtisane einen Petrarchino in der Hand trugen und ihn zitierten, war die platonische Religion verflacht und süßlich geworden. Aus aller Herren Länder pilgerte man nach Arquä, bestaunte daselbst Petrarcas ausgestopfte Katze und schnitt zum Andenken Stoffstückchen seines Lehnsessels ab, allein dem Geist des Humanismus, den Petrarca vertreten, waren die eitlen Touristen fremd geworden.

Idealisten sind meist zu gutgläubig oder vertrauen naiv eitel den schnell und oberflächlich Bekehrten, die sich scharenweis in das Heiligtum drängen, bis es herabgewürdigt ist, voll Kram und lächerlichen Angebinden. Dann werden sie irre an der eigenen Andacht und suchen neue Stätten. Daß die Weisen umsonst zum Einhalten von Maß und Ziel auffordern, ist das Verhängnis alles Menschlichen. In jeder Art des Denkens, Fühlens und Benehmens, kommt es bald zu Überschwang und Fratze. In Moden, Sitten und Gebräuchen, in der mit ihnen zusammenhängenden Kunst ist diese grausame Gesetzlichkeit besonders augenfällig. Sobald der einmal genommene Antrieb das feierliche Maß der Mitte um das kleinste überschreitet, schwingt es beängstigend immer weiter bis zu grellster Übertreibung, der einmal verlorene Zügel ist nicht zu ergreifen, und hilflos sehen wir zu, wie sich ein ursprünglich Schönes und Vernünftiges in groteske Narretei verläuft.

Nicht durch ihren Schönheitskult hat die Renaissance irregeleitet, Platon hat nicht versagt, Petrarca nicht verführt, sondern die Mißversteher, welche diese Andacht wie jede andere mißdeuteten, sobald sie aus kleiner, exklusiver Gemeinde heraustrat. Der Mensch pflanzt für Beständigkeit, indes ihn seine eigene und der Dinge Unbeständigkeit verlachen. Was er zierlich in die Welt setzt, wird übermächtig groß, nimmt ihm Luft und Sonne, was er gewaltig plante, verzwergt. Der Sterbliche macht lieber Affensprünge statt erhaben zu tanzen, wie Euphorion, der Schönheit Kind. Weise hüpfen am Narrenseil und Narren machen plötzlich die klügsten Gesichter—

Die erlittene Enttäuschung war Ursache, nicht die Tätigkeit einzelner Reformatoren, daß ein vollständiger Umschwung Platz griff in der philosophischen Einstellung der vornehmen Gesellschaft, die von Platons Symposion eilends aufstand und sich Israels Gesang ergab. Langsam durch allerlei Zeichen hatte sich die Verwandlung angekündet und vorbereitet. Aufgezählt unter den bestimmenden Faktoren wurde bis jetzt kaum der jedenfalls wichtige Einfluß jüdischer Philosophie. Die Bibel und zwar vorzüglich das alte Testament nimmt nicht plötzlich, sondern allmählich das Hauptinteresse der Gebildeten in Anspruch, nachdem jüdische Philosophie jene der Griechen dadurch ersetzt hatte, daß sie sie zersetzte und durchsetzte. Einerseits wurde hebräisches Studium eifrig getrieben, andererseits machten sich jüdische Gelehrte mit klassischen Überlieferungen vertraut und interpretierten dieselben mit dem Gepräge ihres eigentümlichen Genius. Namentlich die Blasierten und die unverstandenen schönen oder eben noch schön gewesenen Frauen reizten sie durch Geheimnis und Ekstase. Überall bildeten sich kleine Gemeinschaften von solchen, die sich eingeweiht dünkten und durch verschroben verschnörkelteSprachevomprofanumvulgus unterschieden. Den stärksten Einfluß in dieser Richtung nahm ein schöngeistiges Brevier der Spätrenaissance dia-loghi d’amore von Leone Ebreo (zuerst erschienen 1502), einem portugiesischen Juden aus gelehrtem Rabbinergeschlecht. Er mischte griechischer Weisheit schwülen orientalischen Zauberduft bei, der die Sinne gefangen nimmt und in Träume wiegt — genau wie einst die alex-andrinisch jüdischen Gelehrten mit dem Platonismus der letzten antiken Philosophenschule verfuhren. Die dia-loghi d’amore sind nicht zu verwechseln mit den immer harmloseren Paraphrasen und Popularisierungen des platonischen Glaubens, wie derselbe von Marsilio Ficino an in gewähltem Kreis gepflegt worden war*), zuletzt sogar von einer berühmten Kurtisane, Tullia d’Aragona,  einer Tochter des Kardinals von Aragon, die, sich der Gespräche über diesen beliebtesten Gegenstand in ihrem Salon erinnernd, eine geistreiche Betrachtung über spirituale Liebe De infinitä d’amore verfaßte.

*) Mario Equicola veröffentlichte Natura d’amore, ähnlich ließ sich Francesco de Catani vernehmen, Benedetto Varchi brachte lezioni 4 sopra alcune questioni d’amore, Bettusi einen Dialog amoroso, Veri ardor d’amore, Gottefredi Specchio d’amore, ferner erschienen gleichartige Betrachtungen fior d’amore, scala del perfetto amore, gloria d’amore u. a. m.

Der geniale Rabbinersohn Leone brachte einen neuen fremdartigen und gerade darum reizvollen Einschlag in seinen Dialoghi d’amore. In alle Sprachen übersetzt, verwischten sie durch ihre Schwärmerei bei den begeisterten Lesern die Erinnerung an die einst so einfach und klar von Lorenzo aufgenommene platonische Formel: Liebe ist Sehnsucht nach Schönheit, die den geistigen Baustil der Renaissance bestimmt hatte, und beglückt durch ihre freundliche Verständlichkeit. Die Dialoge des portugiesischen Juden führen zum Barock in Poesie, Philosophie und Modephilosophie, wie sie im schöngeistigen Salon gepflegt wurde, lange ehe die bildende Kunst barock erschien. Schwulst, Manier und Überladung bildeten sich als Ausläufer dieser Richtung, denn Leone fand Nachahmer, die hauptsächlich seine Unarten ausarbeiteten, einer der merkwürdigsten war Maurice Sceve in Lyon, der in seiner alexandri-nisch anmutenden Delie*) mathematische Spielereien, kabalistische Geheimtuerei und einen mit großem Aufwand von Kunst überladenen Stil brachte, der auch in Konversation und Briefstil der schöngeistigen Zirkel von Lyon maßgebend wurde. Sie zogen Kreise und meinten in ihrer weitherzigen Schwärmerei zusammen  fließen zu können mit den Bestrebungen eines Calvin, eines Luther, wobei sie allerdings Enttäuschungen erlitten, und versanken schließlich in katholisch fromme Romantik, die dem Barock entgegenkam.

*) Objet de plus haute vertu im Untertitel. Ihre typographische Ordnung war zu allegorischen Figuren wie etwa Einhorn, Sirene, Löwe verbildet, was Rabelais verspottet mit der typographischmystischen Figur der göttlichen Flasche dive bouteille, einer Ver-ulkung der Zahlen- und Wortgeheimnisse der Kabala.

In allen seinen Äußerungen war dieser neue Stil ein Geschenk der iberischen Halbinsel, alle Barockmoden gingen ursprünglich von dort aus und verwandelten die italienische Renaissance, als Italien den Fremden politisch wie geistig verfiel, ebenso erging es der mit ihr verschwisterten französischen Renaissance. Lyon war damals Metropole eines höchst eklektischen Mystizismus. Bald schwärmte man für Luther, bald für Calvin, bald für Leone Ebreo, und Pietro Aretino bekam durch seine merkwürdigen hagiographischen Schriften eine große Partei, wie ihm sein enthusiastischer Verehrer Vauzelles bombastisch schrieb*). Eine dieser Schriften, die Aretin verfaßte, der großen Mode zu huldigen, widmete er kühn Margarete von Navarra. Ähnlich wie in Lyon bildete sich ein elegant frommer Zirkel in Neapel um den Mystiker Juan de Valdez. Er galt zwar für einen vornehmen Spanier, jedoch eine interessante Entgegnung Castigliones auf eine Schrift des Valdez, die den sacco di Roma pries mit alt-testamentarischem Grimm, nannte den einflußreichen Mann als spanischen Juden, und diese Annahme eines Zeitgenossen erscheint nicht unbegründet, wenn man Wirkung und Auftreten des Schwärmers näher ins Auge

*) Vauzelles, Prior von Montrottier, an Aretin: Io giuro a V. S. che non vado in luoco, ch’io non trovi Vopre di Lei sopra le tavole e non pdrlo con huomo che non mi demandi del Divino Aretino.

faßt, ja der Zauber, den er namentlich auf die Damenwelt ausübte, erinnert an die Bezauberung, die in uns näher liegenden Tagen von dem schönen und kraftvoll begeisterten Lassalle ausging*). Valdez’ besondere Jüngerinnen, die in seinem schönen Garten zusammentrafen, waren die berühmte Giulia Gonzaga, Witwe des Vespasiano Colonna, geliebt von Kardinal Hippo-lito Medici, der in ihren Armen geheimnisvoll vergiftet gestorben war — eine sentimentale Dichterin, ferner Costanza d’Avalos, die Herzogin von Amalfi, Isabella Maniquez von Birsegna. Celio Secundo Curione, einer der aufrichtigsten Anhänger reformatorischer Ideen in Italien, bezeichnet Valdez’ Tätigkeit, die an die spätere, erlesen fromme Tätigkeit des Port royal erinnert und ebenso Verfolgung erfuhr:

Er hielt sich in Neapel auf, wo er durch die Süßigkeit seiner Lehre viele Schüler gewann, namentlich unter Edelleuten und Rittern und einigen großen Damen, die auf jede Weise des höchsten Lobes würdig waren. Es schien, als wäre er von Gott zum Lehrer oder Hirten vornehmer und erlauchter Personen bestimmt.

Seinen Jüngerinnen legte er statt Boccaccios hundert Novellen, die ansonsten deren Lieblingslektüre gebildet, Psalmenübersetzungen in die schonen Hände oder Cento e dieci divine considerazioni, die von der wahren Liebe, Umarmungen und Küssen, die dem heiligen Geist verdankt werden, handeln. Wahrscheinlich hat Valdez auch bei Vittoria Colonna  verkehrt, als sie sich abwechselnd in Marino und Ischia aufhielt und im Gespräch mit Reformfreunden sich gedankenvoll erging, erwägend wie ihre mystische Sehnsucht, ihr töchterlicher Gehorsam für die Kirche, der platonische Glaube, den sie in ihrer Jugend bei den Verwandten in Urbino kennen gelernt, irgend in Einklang zu bringen seien.

*) Die spanische Reformbewegung lag großenteils im Judentum, deshalb wurde der Ketzerei dort so grausamer Haß entgegengebracht.

In Vittorias Umgebung schwärmte man gläubig von einer allgemeinen Erneuerung in wahrhaft christlichem Geist, der Gegensätze und Feindschaften überbrücke. So ernst war man in dem einst frivol lebenslustigen Neapel geworden. Die bedeutendsten Vertreter dieser Richtung, Reginald Pole, ein Verwandter Heinrichs VIII., Gasparo Conta-rini, ein vornehmer Venezianer, versuchten sie in den praktischen Welthandel zu übertragen. Contarini, von Paul III., vielleicht auf Ansinnen Vittoria Colonnas oder Margaretes, mit denen sich dieser Papst lang und ernstlich über die Lage unterhielt, zum Kardinal ernannt, bemühte sich in Regensburg mit der traditionellen feinen Diplomatie der Venezianer um den Religionsfrieden. Eine Zusammenkunft des Papstes Paul III. mit Margarete (1538) in Nizza bei den Franziskanern erzählt Sante Lancrio: Und der Papst versäumte nicht, sehr freundlich zu tun mit der Königin von Navarra, der äußerst gelehrten und frommen Dame, so daß Seine Heiligkeit sie am eigenen Tisch haben wollte, um sich mit ihr und den Kardinälen Sadolet und Contarini über die heilige Schrift zu unterhalten, ein seltenes Ereignis.

In Regensburg wollte Contarini Gedankenfreiheit und soziale Ordnung ermöglichen, allein er hatte mit seiner elegant mondänen Auffassung eine viel zu milde Medizin für die Seuche des Fanatismus, die Europa verpestete. Sie wurde ihm wie anderen mild und ärztlich Gesinnten roh aus der Hand geschlagen.

Ein Land nach dem anderen schüttelt das Fieber des religiösen Kampfes mit seinem zerstörungslustigen Delirium, Italien erlebt es in der mildesten Form. Mehr und mehr wird überall die Partei der friedfertigen Häretiker an die Wand gedrückt, es befehden sich einerseits Sektirer, Fanatiker, soziale Umstürzler, anderseits kurzsichtige, egoistische Konservative, die brutal materielles Ausleben und Unterdrücken wollen. Die leidenschaftlichen Fehden um grammatikalische Spitzfindigkeiten für und wider Cicero und dergleichen hatten die Gemüter nur zu gut vorbereitet auf leidenschaftlichen Streit um theologische Haarspaltereien. Sie entbrannten in allen geistig regsamen Zentren auf einmal, wie an allen Ecken entzündet. In vornehmer Geselligkeit sind die Reden geblümt, der Tanzschritt geziert, die Handschuhe parfümiert, aber es riecht schon bedenklich nach Scheiterhaufen.

So wurde zwar in Ferrara bei der Herzogin Witwe Lucrezia Borgia noch wie in alter Zeit harmlos eifrig musiziert, allein ihre Schwiegertochter Renee de France hielt bald unter dem Vorwand geselliger Vereinigung geistliche Konventikel ab mit dem Vorsitz Calvins, der sich unter dem falschen Namen Charles de Heppeville (1535) bei ihr aufhielt. Sie umgab sich am liebsten mit Franzosen, kehrte die französische Königstochter heraus und gefiel sich in Sensationsbedürfnis. Ihr Gatte fand wenig Freude an der vornehmen Allianz, denn politische, religiöse und liebeslüsterne Intrigen trieb die unschöne, hochmütige Frau, der Herzog bemächtigte sich ihrer Liebesbriefe an Monsieur de Pons, um sie ihr vorzuhalten, wenn sie zu erhaben fromm tat. Auf seinem Sterbebett mußte sie dem Gatten schwören, den Verkehr mit Calvin abzubrechen — allein der Genfer Reformator enthob sie dieses Schwurs, wie er sie der Trauer um ihren von der calvinistischen Partei ermordeten Schwiegersohn Guise enthob. Dieser Fanatismus lockerte schließlich Calvins Einfluß in Ferrara. Ren6es Kinder, Alfonso, Leonore, Isabella wendeten sich von ihm ab und versuchten einen Renaissancehof in früherem Begriff mit liebenswürdiger Schöngeistigkeit zu bilden.

An diesen Hof geriet Tasso und wurde zuerst unaussprechlich gefeiert als Dichter der Pastorale Aminta, deren Leitmotiv heißt: Perduto e tutto il tempo, che in amor non si spende (Jeder Augenblick ist verloren, der sich nicht in Liebe ergießt). Bernardo Tasso und sein Sohn Torquato waren arme Edelleute, den alten Ideen vollkommen ergeben. Torquatos Genie erlaubte ihm die ritterlich romantische Poesie, die vor dem Spott eines Berni und Folengo geflohen war, im Triumph zurückzuführen. Jedoch, wie Don Quixote in pathetischem Widerspruch mit seiner eigenen Zeit muß er in Wahnsinn enden, sein Gemüt verwirrt sich, die Prinzessin seiner Träume versagt, und die dunkle Mystik, die den genußsüchtigen Hof umbrandet, flutet über sein Haupt. Er fällt in religiösen Wahn aus Furcht, nicht christlich tadellos genug in seiner Dichtung gewesen zu sein, und will seine Heldinnen vernichten, weil sie irdisch verliebt waren. So wehmütig endet Ferraras Renaissance; Geisterspuk verfolgt den letzten seiner Dichter, und wenn auch in Belriguardo oder Mesola gejagt und getäfelt wird wie einst, die unbefangene Lust kommt nicht mehr auf, man glaubt sich von Gespenstern umringt und sucht die Sensation der übersinnlichen Welt*). Die Geister erscheinun gen und Geisterchen waren höchst modern, kein Fest, kein Diner, bei dem man nicht mit irgend einem Spuk überrascht wurde.

Ferrara, Lyon und Genf scheinen seit Renee eng verbunden durch mystische Bestrebungen. In Ferrara bildet sich die Reaktion, in Lyon und Genf verbindet sich die Schwarmgeisterei mit Sozialrevolutionären Elementen. Als Genf sich gegen die Oberherrschaft seines Bischofs und Savoyens erhob, wirkten nicht nur religiöse Reizungen, auch gesellschaftliche Kränkung war bestimmend. Denn Beatrice von Portugal, die Gattin Karls III. von Savoyen, hatte die Huldigungsfeste der Stadt hochmütig und teilnahmslos entgegengenommen.

Zuerst machte sich der Groll Luft durch eine denkwürdige, satyrische Vorstellung der Liebhabergesellschaft Enfants du bon temps. Monsieur Bontemps, der darin auftritt, ist so ziemlich der einzige Typus aus dem reichen Chor damals modischer allegorischer Figuren, der im französischen Sprachgebrauch übrig blieb.

*) Le apparizioni ed i folletti erano cose di moda, e non v* era festa o pranzo in cui non si facessero singolari sorpresi di spiritelli.

Die Genfer Revolution, eine soziale Revolution, wenn auch religiös gefärbt, war anfangs von literarisch gesellschaftlichen Kreisen in Szene gesetzt wie alle nachfolgenden Revolutionen, ihre Parteigänger nannten sich Eidgenossen oder Genoien, woraus der Name Hugenotten aus Korruption entstanden sein soll. Er be-zeichnete zunächst mehr eine sozialpolitisch feindliche Richtung als eine religiöse, und erst später floß beides zusammen. Die Buchdrucker Lyons fühlten sich so solidarisch mit jenen Genfs, weil sie dieselben Schriften druckten, daß sie sich ihnen anschlossen — 500 an der Zahl — Genfs Bewegung zu unterstützen, die mit der Aufrichtung einer viel strengeren Herrschaft endete, als jene Savoyens gewesen, in der Theokratie Calvins.

Alle im Buchdruckergewerbe Beschäftigten dünkten sich gelehrt, da sie die Buchstaben so vieler gelehrter Werke beherrschten und die gelehrtesten Herren Autoren selbst Korrektoren und Verleger spielten. Man mischte alttestamentarische Flüche auf die Reichen und antike Freiheitsdeklamationen seltsam durcheinander und gebärdete sich aufständisch. Drucker und Setzer feiern zuerst harmlos den 1. Mai — und setzen dann den ersten modernen Streik ins Werk, der jedoch mißlingt, da die Meister drohen, Lyon zu verlassen. König und Stadt legen sich ins Mittel. Eine der ersten Taten Calvins war es, die enfants du bon temps, die seine Erhebung durch kühne, politisch religiöse Satire auf ihrem Liebhabertheater vorbereitet, aufzulösen und jede Art theatralischer Vorstellung und freier Schöngeisterei zu verbieten. Seine Republik hatte so viel, was des Belächelns wert gewesen wäre, daß sie Humor nicht dulden konnte und denselben mit Stumpf und Stil ausrottete.

Dies läßt sich Frankreich trotz der großen Anhängerschaft, die Calvin daselbst gewonnen, nicht gefallen, Rabelais tritt auf den Plan, um die Stellung des Humors in der Gesellschaft mit grandioser Geste zu verteidigen. Er ist kein bitterer Satiriker, sondern der jovialste Mann Frankreichs, der liebenswürdigste Gesellschafter und als freundlicher Arzt überzeugt, daß Lachen zur Gesundheit des Leibes und der Seele unerläßlich sei. Gargantua und Pantagruel ist nichts als der Niederschlag der schelmischen Erzählungen, mit denen er seine Patienten aufzuheitern liebte und Tischgäste erfreute. Gastronom und Weinkenner war der einstige Mönch, nunmehr Leibarzt des lustigen Kardinals du Bellay, Arzt am ersten Spital Lyons, später vergnügter Pfarr-herr zu Meudon. Rabelais weise Mahnung lautet: Vrai est quici peu de perfection Vous apprendrez sinon en cas de rire.

Gerade in der Stadt, deren Schöngeister die raffinierteste Quintessenz destillierten und mit seltsamsten Tönen den Mond anbellten, mußte es besonders ergötzlich wirken, als Rabelais die derb vergnügte Sekte der Pantagruelisten triumphierend einsetzte mit der Lehre, die guten Dinge der Welt nicht zu verachten; als Universalheilmittel empfahl er: une certaine gatte d’esprit confite au mepris des choses fortuites*).

*) eine gewisse Heiterkeit, eingemacht in überlegene Verachtung der Zufalle des Daseins.

Es war Brauch, in Lyon lustige Wallfahrten zu unternehmen in bunt ausgeschlagenen Barken die Loire hinunter zu irgend einem Heiligen, der ein echter Rabelaisheiliger war; dabei holte man sich Appetit und Durst, es wurde geschmaust und pokuliert in einer Art, die den Dichter angeregt haben mag zu seinen feierlich komischen Beschreibungen der Fahrten Pantagruels in das Reich des Bauchkönigs Gaster, den er maitre es arts — Erfinder aller menschlichen Künste nennt, denn hängen nicht alle Künste des Kriegs und Friedens letzten Endes mit seinen unabweisbaren und vergnügten Geboten zusammen und sind dem Bauch untertan? Gasters Priester sind die gastrolätres, die ihn unablässig füttern mit einer Speisenfolge, die Lyons kulinarische Größe gewiß treffend spiegelt. Fasttag und Fleischtag bieten eine unübersehbare Fülle leckerer Dinge, die Rabelais pfiffig schmunzelnd, behäbig großartig breitet und türmt, so daß seine Patienten unbedingt Appetit davon bekommen mußten.

Ihnen ist ja eingestandenermaßen das närrisch weise Buch des größten Arztes seiner Zeit gewidmet, sie zu erheitern strebte vor allem der originelle Menschenfreund, wenn er unermüdlich fabelte von den guten Lyoner Spezialitäten, den beaux, gras et joyeux jam-bons, belles, grosses et joyeuses langues fumees, die angenehm Durst erregen, so daß man sich der Weisheit der dive bouteille gerne fügt, wenn sie orakelt: Trinkhl (Ein deutsches Wort, von dem trinquer — zutrinken kommt.) Rabelais zählt hunderte von Leckerbissen auf, die fetten soupes lyonaises, langues de veau sinapisees de poudre gingiberine, coustelettes de porc ä Voignonnade, Krautsorten, soeben aus den Niederlanden eingeführt, Artischocken, die er selbst aus Rom mitgebracht, 100 verschiedene Salate, 78 Arten von süße/t Leckereien, das alles wird hinuntergespült mit dem vin de Beaume oder de Grave, der gaillard et voltigeant*) ist, denn so lautet die Lehre im Tempel der göttlichen Flasche de vin — on devient — divin.**) Mit solchem kecken Wortspiel rennt er die Wortexperimente der verschiedenen Philosophenschulen um und ebenso tollkühn weiß er mit Hanswurstkapriolen über die Häupter der Inquisition zu hüpfen trotz der Wut, die ihn angeifert. Gegen die kläffenden Mönche hatte er den Schutz freundlicher Prälaten wie jenes Kardinal du Bellay, der ihn als Mann zu allen Stunden pries***), wie jenes Bischofs Geoffroy d’Estissac, auf dessen Landgut Lugige er schöne Gastfreundschaft genoß. Gastfreundlich waren ihm Ardillon und Tiraqueau in Fontenoy-le-Comte, dessen Kloster er spöttisch Valet gesagt.

In Poitiers besuchte er Jean Bouchet und soll daselbst am Liebhabertheater mitgewirkt haben avec ce quil y avait de mieux dans cette province, wahrscheinlich vertrug er sich gut mit den Damen der führenden Salons in Poitiers, den Dichterinnen Madeleine und Catherine des Roches, Mutter und Tochter, die beide derben Spässen nicht abgeneigt waren, denn sie ließen sich’s gern gefallen, daß der Kreis ihnen ergebener Dichter als Flohsänger chantepuces komisch feierlich auftrat, um das Glück eines Flohs wetteifernd zu besingen, der Catherines weißen Busen besuchte und von Etienne  Pasquier, ihrem Verehrer, mit Eifersucht entdeckt worden war. Im übrigen ergriff Catherine Partei für das Recht der Damen auf Gelehrsamkeit, und das mag mit Rabelais, der die Weiblichkeit gern verulkte, ergötzliche Wortgefechte gesetzt haben.

*) Lebensmutig- und hüpfend.

**) Von Wein wird man g-otterhaft.

***) Rabelaesum domi fovis tamquam omniura horarum hominem.

Er ist weit und breit beliebt als Tischgast, denn sein Witz ist unerschöpflich und unterstützt von enzyklopädischer Gelehrsamkeit, die ihm erlaubt, den komischen Figuren in allen Fakultäten ein Schnippchen zu schlagen. Zuweilen ist er Kauz genug, wenn er merkt, daß man ihn nur aus Neugier eingeladen, die Gesellschaft zu enttäuschen, indem er sich’s versagt, seine Schnurren von sich zu geben, nur gewaltig ißt und trinkt und, nachdem er sich feierlich den Mund gewischt, feierlich wieder geht.

In kongenialer Gesellschaft muß er von einzigartiger Drolligkeit gewesen sein. So bei Gölegenheit eines Essens, das seinem Verleger Estienne Dolet*) zu Ehren gegeben wurde, als dieser von Franz I. begnadigt war, nachdem er einen Feind, der ihn überfallen, in Notwehr erschlagen. Dolet berichtete über das Fest: Der Augenblick naht für ein Bankett, das meine weisen Brüder in Apoll vorbereitet, unter ihnen alle jene, die man mit gutem Recht die Leuchten Frankreichs nennt. Unter anderen Bude, der bedeutendste von allen, ein Mann voll enzyklopädischen Ruhms, Berault, dessen leichte Beredsamkeit beneidet ist, Danes, der sich in allen Zweigen der Literatur auszeichnet, Tusanus, der aus gerechtem Mund gepriesen wird als „bibliotheque parlante“, Macrinius, dieser Liebling des Phöbus, in  allen Rhythmen wohlgeübt, Dampierre und neben ihm der junge Vultejus, der in gelehrter Welt große Hoffnungen erweckt, Marot, der französische Vergil, Rabelais, dieser ruhmgekrönte Arzt, der die Kranken selbst aus Plutos Reich zurückzuführen imstande. Dolet war der Verleger Marots und Rabelais*. An allen Enden entspinnt sich eine weit ausgreifende Konversation. Man halt Umschau unter den Gefährten in der Weisheit, den zeitgenössischen Größen an fremden Gestaden, Erasmus, Melanchthon, Bembo, Sadolet, Vida, Sanna-zaro (der neapolitanische Dichter und Nestor), sind diejenigen, die zu höchst gepriesen werden.

*) Dolet wurde im Jahr 1546 wegen Ketzerei in Paris hingerichtet

Aus dieser Aufzählung ersieht man, welch kosmopolitisches Empfinden diese Gelehrten und Dichter einte und wie eine allgemeine Verständigung auf Grund des Humanismus möglich erschien. Welcher Groll tobte unter ihnen in ganz Europa bei Dolets Gefangennahme und Hinrichtung wenige Jahre später, als dieser sich unvorsichtig häretisch benommen hatte in zu starkem Vertrauen auf des Königs Gunst!

Im zeitgenössischen England machte man wenig Aufhebens, wenn auch edelste Köpfe fielen, Elisabeth handelte in dieser Beziehung ebenso energisch wie ihr Vater und ihre Schwester Maria. Allerdings weinte sie laut über die Notwendigkeit, sich ihrer Feinde also zu erwehren, indes Katharina von Medici, erbost über die Anteilnahme der Literaten bei ihr notwendig dünkenden Exekutionen ungeduldig bemerkt haben soll: II y a eu malheureusement ä toutes les epoques des ecrivains hypocrites preis ä pleurer quelques coquins tues apropos. (Unglücklicherweise gibt es zu allen Zeiten heuchlerische Schriftsteller, bereit zu klagen, wenn einige Spitzbuben rechtzeitig erledigt werden.)

Das natürliche Mitleid mit der Leidensgeschichte der Hugenotten hat die Tatsache gänzlich ins Dunkel gerückt, daß die dem Katholizismus feindliche Partei nicht nur aus Idealisten bestand, die mit freier Religionsübung zufrieden gewesen wären, wie der Kreis um Margarete, Vittoria Colonna und Erasmus. Politische Abenteurer jeder Art und in deren Gefolge gemeingefährliches Gesindel hatte sich den geistigen Neuerern angehängt, führte die Fehde mit allen Mitteln und schob die Friedfertigen einfach beiseite.

Der grenzenlose Hohn auf die alte Religion, der beim sacco di Roma zuerst verübt wurde und den nicht wenige beifällig begrüßten, der Bildersturm in Basel, der Erasmus und seine feine Tafelrunde vertrieb, die Taten der Wiedertäufer in Münster und Verwüstungen ähnlicher Barbarei in Südfrankreich, ferner die Schändung der Kathedrale in Antwerpen (1566) mußten die Philosophen und versöhnlich Gesinnten, die sich anfangs enthusiastisch mit Reformgedanken beschäftigt, entfremden, so daß nur die Parteien der Fanatiker auf beiden Seiten laut blieben.

Nicht genug mit jenen Schändungen, die der Kirche weltlich oder geistlich feindliche Partei neckte und reizte ihre Gegner mit der furchtbaren Waffe der Lächerlichkeit bis in jedes Detail des Privat- und Gesellschaftslebens. Dienerschaft, selbst Hofnarren wurden dazu bestochen, es regnete, schneite und hagelte Pamphlete und Pasquillen, die Damen stickten politisch satirisch, wie politisch satirisch gepfiffen, gesungen und gespielt wurde. Die Kunstliebe der Guise und Medici wurde benützt, um sie blutig zu verhöhnen, da Bestochene den Kunstwerken edler Meister sogenannte tableaux satiriques unterschoben, Verhöhnung ihrer Sitten oder der Kirche darstellend. Da kostbare Gemälde meist hinter einem Vorhang blieben und dieser Vorhang nur zurückgezogen wurde, um erlesenen Gästen die Freude des Anblicks zu gönnen, konnte auf diese Weise fürchterliche Fopperei getrieben werden. Als der Kardinal von Lothringen bei einem Diner zur Krone des Genusses seinen Gästen eine neuerworbene Madonna aus Lucca zeigen wollte und den Vorhang lächelnd zurückzog, prallte er, prallten die Geladenen entsetzt zurück vor dem Gemälde, das ein feindlicher Künstler substituiert.

Ähnlich erging es Katharina, abgesehen von den Anfeindungen, die sie als Frau, Mutter und Regentin täglich erfuhr. Bis zur Raserei gereizt wurde die ursprünglich als eine Tochter des Hauses Medici der Versöhnung durchaus geneigte Fürstin zu jener grausigen Hausfrau der Bluthochzeit, als welche sie — ein unheimliches Gespenst— durch die Geschichte schreitet. Spät oder früh hält die Geschichte ihre Antworten bereit. Die Bartholomäusnacht war schreckliche Antwort auf den Sacco di Roma.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT
Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII)
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWANZIGSTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt