DIE K. KUNSTGEWERBESCHULE UND DIE LEHR. UND VERSUCHSWERKSTÄTTE

Das seit dem Regierungsantritt König Wilhelms II. mit besonderer Energie einsetzende Bestreben, Stuttgart zu einer Kunststadt zu machen, mußte von selber dazu führen, daß auch dem Kunstgewerbe und damit der Kunstgewerbeschule neue Aufmerksamkeit zugewendet wurde. Davon konnte man gerade für Württemberg viel erhoffen. Nicht nur standen gewisse Zweige des Kunstgewerbes, wie das Buchgewerbe, die Möbelindustrie, die Edelmetallindustrie von alters her in Württemberg auf einer Höhe, die ihnen weithin Beachtung und Absatz verschaffte: es hatte auch das Vorgehen Darmstadts unter dem kunstverständigen Großherzog Ernst Ludwig gezeigt, daß es durch die Pflege des Kunstgewerbes leichter als durch die der freien Kunst möglich sei, einer Stadt von mittlerer Größe eine besondere Stellung in dem Kunstschaffen unseres Volkes zu geben.

Die Kunstgewerbeschule war unter der Leitung Kolbs eine unter ihren Schwesteranstalten hervorragende Schule geworden, der es nie an Schülern fehlte. Es lag aber in der Natur der ganzen Einrichtung dieser Kunstgewerbeschulen alten Schlags, daß sie wesentlich kunstgewerbliche Zeichner ausbildeten, die, in den Fabriken sehr gesucht, schließlich doch in einer solchen Zahl vorhanden waren, daß die Anstellungsbedingungen sich in kaum glaublicher Weise herabdrückten. Die handwerklich praktische Ausbildung, wie sie z. B. die Ziseleure erhielten, trat im ganzen gegen die allgemein künstlerische zurück, und diese schöpfte im wesentlichen aus einer Wiederholung alter Stilformen.

Dagegen hatte nun schon längst eine ziemlich energische Kritik eingesetzt, die sich noch steigerte, als auf einmal eine Reihe von Künstlern sich dem Kunstgewerbe zuwandte. Diese empfanden den Zusammenhang der Kunstformen mit der Natur des Materials und mit der handwerklichen Technik wie eine neue Offenbarung. Man strebte nach einer Wiedergeburt der Form aus der Technik und dem Zwecke. Auf diese Weise suchte man aus der sklavischen Abhängigkeit von den alten Stilen loszukommen und die Kunst aus dem Einfachen und Konstruktiven neu zu erzeugen. Es lag in der Luft, hier etwas Neues zu machen, und in München z. B. boten die sogenannten „Vereinigten Werkstätten“, zu denen sich Krüger, Pankok, Bruno Paul, Riemerschmid, Haustein und Rochga zusammengetan hatten, den Typus einer neuen kunstgewerblichen Ausbildung dar, die den Forderungen der Zeit entgegenkam.

Als daher Graf Kalckreuth und Grethe bei der Jahrhundertausstellung in Paris den von Pankok dorthin gelieferten, schönen Raum gesehen hatten, richteten sie an den Künstler die Frage, ob er nicht bereit wäre, nach Stuttgart überzusiedeln. Pankok, der damals das Haus Lange in Tübingen baute, schlug vor, da ein einzelner doch zu isoliert stände, die Münchener Vereinigten Werkstätten im ganzen nach Stuttgart zu überführen mit der Verpflichtung, jährlich eine Anzahl Schüler auszubilden; und nach kurzen Verhandlungen mit ihm und Krüger wurde dem Ministerium ein dahin gehender Plan vorgelegt. Das Ministerium erkannte seine Wichtigkeit, formte ihn in einer dem Schulzweck entsprechenden Weise um und legte ihn im Sommer 1901 der Kammer vor, die ihn genehmigte. Krüger und Pankok sollten gemeinsam die Schule leiten, da Krüger die halbe Woche in München tätig blieb; Bruno Paul, damals noch einer der eifrigsten Mitarbeiter des Simpli-zissimus. wagte man nicht zu übernehmen; Riemerschmid aus andern Gründen schied aus. Aber die Möbelwerkstätte wurde Ende 1901 in den Räumen des Zuchthauses, dessen vortreffliche Arbeitseinrichtungen der Anstalt zugute kamen, fertiggestellt und der Betrieb der ,,Kgl. Lehr- und Versuchswerkstätte“ Anfang 1902 aufgenommen. Das organische Statut gliederte sie als eine selbständig gestellte Abteilung an die Kunstgewerbeschule an. Sie sollte den Zweck haben, den Schülern, die eine künstlerische Allgemeinbildung schon besaßen, eine spezielle technische Ausbildung im Entwerfen, in der Ausarbeitung, Preisberechnung kunstgewerblicher Entwürfe zu geben, sodann sollte sie kunstgewerbliche Meisterkurse halten, endlich Kunstgewerbetreibenden künstlerische Entwürfe und Modelle gegen Entgelt liefern.

Die Doppelleitung an der Schule erwies sich bald als unhaltbar, und Krüger entschied sich schließlich für München. Vom August des Jahres 1903 an ist dann Pankok Vorstand. Nun setzte zunächst eine durch Jahre hindurch planmäßig fortgesetzte Tätigkeit zur weiteren Ausgestaltung der Anstalt ein, um diese ihrer Aufgabe immer vollkommener anzupassen. Durch den Hilfslehrer Berner, hatte man ganz in der Stille eine Metallwerkstätte einrichten lassen. Im Jahre 1903 wurde Rochga als Hilfslehrer für Flächenkunst berufen. Als er bald darauf Rufe nach Magdeburg und Düsseldorf ablehnte, bekam er dafür die Aussicht auf eine definitive Lehrstelle für Flächenkunst; und als Berner im Jahre 1905 aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niederlegte, wurde Haustein als Leiter der Metallwerkstätte aus Darmstadt hierhergeholt. Das Ausscheiden von Groß an der Kunstgewerbeschule, der dort Glasmalerei und Keramik vertreten hatte, benutzte Pankok, um eine keramische Werkstät,te einzurichten, deren Lehrstelle Hans von Heider übertragen wurde. Und endlich gab die Berufung von Joh. V. Cissarz und Ludwig Habich durch den Verein württembergischer Kunstfreunde Veranlassung, diese mit einem Aufwand von je 1000 Mark als Hilfslehrer für Buchkunst und Steinbildhauerei anzustellen. Von der Abteilung für Flächenkunst löste sich mit der Berufung von Paul Lang an die Kunstgewerbeschule ein Fachkurs für Textilarbeiten ab; und in kurzem hofft man daraus eine besondere Abteilung für Textilkunst zu schaffen. Endlich wurde mit der Einrichtung eines Unterrichts für naturwissenschaftliche Formenlehre begonnen, den zuerst der Sekretär der Handwerkskammer, Dr. Schaible, unentgeltlich erteilte und der nach dessen Tode von Professor Schuster übernommen und mehrfach erweitert wurde (Materialienkunde usf.); ein von dem Verwalter Schmid erteilter Unterricht in Preisberechnung, Buchführung, Wechsellehre, Gesetzeskunde für Gewerbewesen brachte vollends alles das in den Lehrplan herein, was die Schüler in den Stand setzen konnte, die Meisterprüfung zu erstehen. Den Unterricht in Kunstgeschichte erteilte am Anfang Dr. Franck-Oberaspach, später Dr. Baum, schließlich Dr. Diez. Eines der am meisten charakteristischen Organe der Lehr- und Versuchswerkstätte bilden die handwerklichen Lehrmeister, welche die Aufgabe haben, die Handgeschicklichkeit der Schüler auszubilden; in der Schreinerei war von Anfang an Lehrmeister Hupfer der eigentliche Handwerksmeister, in der Metallwerkstätte ist Berger, in der Töpferei Kluge als Lehrmeister tätig.

In der für die neuen Räume in Aussicht genommenen Neuordnung des ganzen Betriebs der Kunstgewerbeschule ist die volle Verschmelzung beider Anstalten vorgesehen. Die Anstalt wird dann in dieser Form einen ganz neuen Typus kunstgewerblicher Schulung repräsentieren und durch die enge Verbindung mit der Akademie den so überaus wünschenswerten Austausch der Talente zwischen den beiden Gebieten künstlerischer Betätigung, der freien Kunst und der angewandten Kunst, ermöglichen. Man darf hoffen, daß dadurch zweierlei erreicht wird: der Abfluß überschüssiger Talente aus der Malerei und Plastik in das Kunstgewerbe und eine Befruchtung des Kunstgewerbes durch die aus dem Betrieb der freien Kunst fließenden Anregungen.

Das Mißtrauen, mit dem man in den Kreisen der kunstgewerblichen Großindustrie der neuen Anstalt am Anfang begegnete, hatte, soweit das jetzt zu übersehen ist, wesentlich zwei Gründe. Einmal fürchtete man sich vor der künstlerischen Revolutionierung, die von einer die Tradition ablehnenden Gruppe rein künstlerisch interessierter Leute ausgehen konnte; sodann glaubte man auch eine Konkurrenz von der neuen Anstalt befürchten zu müssen, die dem an sich schon mit Schwierigkeiten kämpfenden Kunstgewerbe schädlich werden konnte.

Beide Befürchtungen haben sich als nicht gerechtfertigt erwiesen. Schon der Charakter der Anstalt als einer Schule schränkte die Arbeitsleistung der Lehr- und Versuchswerkstätte naturgemäß so weit ein, daß von einer ernstlichen Konkurrenz mit den Gewerbetreibenden keine Rede sein konnte. Größere künstlerische Aufträge, welche die Lehrer an der Werkstätte selbst bekamen, gingen im allgemeinen über die Leistungsfähigkeit der Schule hinaus. Sie wurden in der Regel durch hiesige Firmen ausgeführt, so das Pankok-sche Musikzimmer, das sich nun im Landesgewerbemuseum befindet, durch die Hofmöbelfabrik von Georg Schöttle, der Hausteinsaal in der Kgl. Gemäldegalerie durch die Firma Brauer & Wirth, die auch die Entwürfe für die beiden Bodenseedampfer ausführte. Kleinere Aufträge, wie die von einzelnen Zimmern, wurden an kleinere Geschäfte hier oder auf dem Lande vergeben, wobei die früheren Schüler der Anstalt vielseitige Berücksichtigung fanden. So zahlreich also verhältnismäßig auch die Aufträge waren, die in den Lehr- und Versuchswerkstätten erledigt wurden (in der Schreinerei seit Bestehen der Anstalt etwa 6000, in der Metallwerkstätte 700, in der keramischen Werkstätte 900 Einzelarbeiten), so hat der Umsatz der Werkstätten doch durchschnittlich nur etwa 16000 Mark im Jahre betragen, die an Schüler bezahlten Löhne etwa viereinhalbtausend Mark. Und wenn man 300 Arbeitstage für einen Vollarbeiter rechnet, so haben die Werkstätten durchschnittlich nur mit 3,1 Vollarbeitern gearbeitet.

So wenig nun also von einer ernsthaften Beeinträchtigung unserer großen kunstgewerblichen Betriebe durch die Arbeitsleistung der Lehr- und Versuchswerkstätten die Rede sein kann, so mannigfaltig haben sich andererseits die positiven Beziehungen gestaltet, welche die Anstalt mit dem gewerblichen Leben verbinden. Von einzelnen großen Aufträgen, die hiesige Möbelfabriken durch die Lehrer der Anstalt bekommen haben, ist schon die Rede gewesen. Als wichtig verdient außer den Arbeiten der Möbelbranche noch die prachtvolle Bowle hervorgehoben zu werden, die Haustein für Peter Bruckmann in Heilbronn entworfen hat, ein wahres Meisterwerk fein empfundener Edelmetallkunst. Eine besonders gemeinnützige Aufgabe anderer Art hat die keramische Werkstätte geleistet. Sie hat mit der Zeit fast sämtliche Tone des Landes durch Brennproben und Schlemmproben auf ihre Verwendbarkeit durchprobiert und den Töpfereien die nötigen Angaben über ihre sachgemäße Verbesserung und Behandlung gemacht.

Wenn von Entwürfen für größere Geschäfte, die ihre eigenen Zeichner haben, kaum die Rede ist, so ist dagegen in vielen Fällen der kleinere Geschäftsmann für solche dankbar. Frühere Schüler der Anstalt, die sich selbständig gemacht haben, bleiben in dauernder Verbindung mit ihr, holen sich in den Werkstätten neue Anregungen und Entwürfe und benützen gegen Entgelt zeitweise ihre Maschinen, an denen übrigens auch Arbeiter aus großen Fabriken je und je eingelernt werden. Diese Beziehungen zu dem kleineren Gewerbe können gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Aber auch manche größeren Firmen bleiben dauernd in Beziehungen zu der Anstalt durch wiederholte Schulwettbewerbe, mit denen sie sich neue Muster verschaffen.

In diesen Wettbewerben liegt ein besonders sicherer Maßstab für die in der Anstalt geleistete Arbeit. Mit der höchsten Regsamkeit und mit zahlreichen Erfolgen haben sich die Schüler von Anfang an an solchen Wettbewerben beteiligt. Um nur einige der wichtigsten anzuführen, so wurden Preise davongetragen z. 3. bei Entwürfen von Metallintarsien der Firma Erhard Söhne in Gmünd (erster und zweiter Preis), bei einem Preisausschreiben des Landesgewerbemuseums für Studentenkunst (4 Preise), für Entwürfe von Grabsteinen und Aschenurnen (Preisausschreiben des Kunstgewerbevereins Berlin) 5 Belobungen, für Schmuckgegenstände (Preisausschreiben der Goldschmiedezeitung) der erste Preis, für Bilderrahmen (Preisausschreiben des Kunstgewerbevereins Karlsruhe im Auftrag der Firma Maurer & Braun in Lahr) 2 Preise, für Abendmahls- und Taufgefäße (Verein für christliche Kunst in Stuttgart) erster Preis. Erste Preise erhielten Schüler der Anstalt ferner für die Mitgliedskarte des Württembergischen Schwarzwaldvereins, die zwei ersten Preise für die des Vereins Hütte, die drei ersten für das Diplom des Turnkreises Schwaben, den ersten Preis ferner für ein Speiseservice (Ausschreiben des Schlesischen Museums für Kunstgewerbe und Altertümer). Im ganzen notiert die Anstalt, soweit der Nachweis möglich ist, 38 erfolgreiche Beteiligungen ihrer Schüler an öffentlichen Wettbewerben. Dazu kommen noch 14 von Privaten veranstaltete Schulwettbewerbe: Fahnen, Plakate, Verpackungen, Briefköpfe, Wandplatten (Wettbewerb für Georg Bankei in Lauf bei Nürnberg), Türdrücker, Jacquard und Matratzendrell (Tangerding & Cie. in Bocholt, Westfalen), Sparbücher für die Stadt Stuttgart usw.

Wichtiger ist freilich zu wissen, was die Anstalt aus ihren Schülern gemacht hat, um daraus über die Ausrüstung zu urteilen, die sie ihnen mitzugeben in der Lage war. Hier ist nun zunächst anzuführen, daß sich seit Beginn der Anstalt von 463 Schülern 73 während ihrer Schulzeit der Meisterprüfung bei der Handwerkskammer Stuttgart unterzogen haben (45 Möbelschreiner, 23 Dekorationsmaler, 1 Gold- und Silberschmied, 2 Ziseleure, 1 Stahlgraveur und 1 Hafner). Die praktisch tätigen Handwerker, die die Schule besuchen, bleiben in fast allen Fällen ihrem Handwerk als ausübende Kräfte erhalten, sie werden nicht Möbelzeichner, wie es in der Kunstgewerbeschule die Regel ist, Aus der Schreinerei sind, soweit es sich feststellen läßt, 53 Schüler als selbständige Meister hervorgegangen, 25 als Werkführer tätig, 12 als Lehrer, 15 als Architekten (über 64 fehlt nähere Kunde); in der Abteilung für Flächenkunst finden wir neben 12 selbständigen Meistern 45 in (zum Teil leitender) Stellung, 21 als Lehrer tätig. Diese trockenen Zahlen geben ein recht anschauliches Bild von der Befruchtung, die das Kunstgewerbe durch die Tätigkeit der Lehr-und Versuchswerkstätten erhalten hat. Daß namentlich der selbständige Kleinmeister seine Bildung so vielfach in der Lehr- und Versuchswerkstätte holt, darf als besonders erfreulicher Umstand bezeichnet werden.

Auch die Furcht, daß sich die Lehrer der Anstalt durch extravagante, den praktischen Bedürfnissen fremde Leistungen im Kunstgewerbe die Beziehungen zu der Industrie verderben werden, eine Furcht, die den sich neuorientierenden künstlerischen Bestrebungen gegenüber nicht unberechtigt war, hat sich, soweit wir sehen können, kaum als berechtigt erwiesen. Haustein, von Heider, Rochga haben kaum jemals etwas geschaffen, was man seiner Form nach als extravagant bezeichnen könnte; bei Haustein gehört eine feinempfundene sach- und materialgemäße Art von schlichter Natürlichkeit von Anfang an sogar zu seinen eigensten Vorzügen; Hans von Heider geht sachte von der Bemalung überlieferter keramischer Formen zu einer plastischen Neubildung derselben vor, die als durchaus materialgemäß in Anspruch genommen werden darf; so hat auch Rochga, früher mehr zum Grauen neigend, jetzt wohl eine Neigung zur Starkfarbigkeit, zu komplementären Gegensätzen in der Farbe, die über das Übliche hinausgeht; er trifft aber dabei mit dem allgemeinen Zug der Zeit nach Steigerung der Farbe zusammen. Man hat vielfach die Säle, welche Pankok, Haustein und Rochga in der Gemäldegalerie eingerichtet haben, als Beweis für extravaganten Geschmack angeführt. Allein hier handelte es sich um etwas anderes. Nicht die Form an sich gab den Anstoß, sondern die Verwendung der Säle für einen Zweck, für den sie, wenn man es genau nimmt, ursprünglich nicht bestimmt waren. Zwei der Säle sind ursprünglich selbst Ausstellungsobjekte gewesen und haben so der einfacheren Form entbehrt, die man für eine Bildersammlung wohl allerdings als wünschenswert bezeichnen muß; die letzten beiden Säle sind bei aller festlichen Vornehmheit, die sie wohl haben dürfen, doch so weit vereinfacht, daß sie ernsterem Widerspruch nicht mehr begegnen können. Bei alledem soll nicht geleugnet werden, daß der Leiter der Schule, Pankok, in seinen Anfängen auch berechtigten Widerspruch herausgefordert hat und daß er eine Zeitlang brauchte, um auf den Weg zu kommen, der ihn zur vollen Entfaltung seines eigentümlichen Talents führte.

Bernhard Pankok. Daß Pankok ein ganz hervorragendes künstlerisches Talent besitzt, wird jetzt von niemand mehr geleugnet. Seine Malereien, die, wie wir sahen, schon in seiner Jugend eine eigentümliche Frische und seltenen Geschmack zeigen, haben in der letzten Zeit so allgemeinen Beifall bei der Künstlerschaft gefunden, daß die Künstler sich zu wundern pflegen, warum er sich überhaupt mit dem Kunstgewerbe abgibt. Dies muß bei dem natürlichen Zusammenhang aller künstlerischen Betätigungen ohne Zweifel zu der Ansicht führen, daß er auch in seinen kunstgewerblichen Leistungen nichts Talentloses machen kann; nur müssen in der Tat beim Kunstgewerbe auch außerkünstlerische Vorzüge vorhanden sein, wenn eine lückenlose Befriedigung entstehen soll. Pankok hat in der Tat in allem rein Künstlerischen da, wo sich sein hoch entwickelter dekorativer Sinn, seine lebhafte Formphantasie frei entfalten konnten, nie Geringes, nie Bedeutungsloses geschaffen. Aber da, wo es galt, das Einfache interessant zu gestalten, hat er in dem Bestreben, Neues zu geben, zuweilen das praktische Bedürfnis, das einfache Bedürfnis des Hauses vernachlässigt und auch je und je einmal unschöne Formen gewählt. Indes scheinen mir solche Entgleisungen mit einem Bestreben zusammenzuhängen, das gerade für den Leiter einer solchen Schule wesentlich ist. Pankok hat ein tiefes Gefühl dafür, daß diese neue Zeit mit ihren Eisenbahnen, Autodroschken usw. eine neue, ihr charakteristische Form verlangt, so wie sie etwa der Messelstil für die Warenhäuser geschaffen hat; sodann sucht er diese Formen aus der Maschine selbst und ihrer eigentümlichen Funktion zu erzeugen — zweifellos berechtigte und zweifellos schwer zu erfüllende Aufgaben. Wenn es nicht überall gelungen ist, sie zu erfüllen, so darf mar> doch nur an die vielbegehrten Bilderrahmen der Lehr-und Versuchswerkstätten, das eigenste Werk Pankoks, erinnern, um zu erkennen, welche wertvollen Anfänge hier gemacht sind.

Pankok ist das Glück zuteil geworden, in dem Haus Rosenfeld am Herdweg das Innere und Äußere eines schon bestehenden Gebäudes — von dem freilich wenig übriggeblieben ist — nach seinem durch keine Geldschranken eingeengten künstlerischen Geschmack umzugestalten. In einwandfreier Größe und Vornehmheit baut sich die Hauptfront des Hauses (gegen den Garten und die Stadt) auf, und im Innern folgt von dem originellen, frischgefärbten Entree mit seinen reizenden Farbenimprovisationen ein glänzend und reich gestalteter Raum auf den anderen: die Halle mit ihrem prachtvollen, wie aus der Idee des Lichtes geborenen Kronleuchter, der Gesellschaftsraum mit der seltenen Poesie seiner Farbenstimmung, eingeleitet durch einen Türsturz, der ein wahres Juwel eingelegter Arbeit ist, zuletzt die Schlaf- und Badezimmer, ebenso ausgezeichnet durch die praktische wie die dem einfachen Zweck entsprechende künstlerische Gestaltung usw. Hier ist zweifellos ein Juwel künstlerischer Innenarchitektur geschaffen, das zu den ersten Sehenswürdigkeiten unserer Residenz gehört. Ich habe früher gesagt, daß Pankok als Kunstgewerbler ein Poet ist.

Er schafft Träume. Seine Stärke liegt da, wo er die Phantasie frei walten lassen kann. Und keine Frage kann mehr darüber bestehen, daß er, wo er sich ungehemmt entfalten kann, auch im Kunstgewerbe ein schöpferischer Genius, ein Künstler in des Wortes verwegenster Bedeutung ist.

Paul Haustein. Pankok ist, abgesehen davon, daß er aus einer Handwerkerfamilie stammt, wie er selbst erzählt, als Maler auf das Kunstgewerbe gewiesen worden dadurch, daß er ein starkes Gefühl davon hatte, wie wenig doch eigentlich .ein Renaissance- oder Barockrahmen zu einem modern empfundenen Bild paßt; die Malerei selbst also hat ihn gewissermaßen zu dem Kunstgewerbe geführt. Bei Haustein weist schon die Vielseitigkeit seiner kunstgewerblichen Betätigung darauf hin, daß wir es mit einem Mann zu tun haben, der für dieses Zwischengebiet zwischen der reinen Kunst und dem Handwerk im eigentlichen Sinn geboren ist. Haustein ist jetzt der Vorstand der Metallwerkstätte an seiner Schule und arbeitet auf diesem Gebiet mit einer Vollendung, die es als sein eigenstes erscheinen läßt. Allein ebenso gute Sachen hat er auf dem Gebiet der Innenarchitektur, der Möbel, der Verglasung, der Keramik, der Stuckdekoration gemacht, selbst auf dem der Buchkunst; überall paßt er sich den verschiedenen Aufgaben, die die Natur des Materials mit sich bringt, mit einer Leichtigkeit und Beweglichkeit an, die bewunderungswürdig ist. Eine solche gleichmäßige Befähigung für die verschiedensten Seiten des Kunstgewerbes setzt ein Gleichgewicht praktischer und künstlerischer Interessen voraus, einen Handwerker sozusagen, der zugleich Künstler, odereinen Künstler, der zugleich Handwerker ist, es setzt neben dem Pathos für die künstlerische Form einen Sinn für die besonderen Reize der verschiedenen Materialien voraus — und aus diesem Gleichgewicht der konkurrierenden Interessen entspringt dann wohl die schöne Sachlichkeit und Materialgemäßheit, die schlichte Natürlichkeit, die dezente Form, die so ziemlich alles auszeichnet, was Haustein geschaffen hat. Ich habe früher darauf hingewiesen, daß Haustein gewissermaßen auf dem Gegenpol zu Pankok steht; daß das Moment der Gesetzmäßigkeit in seiner Formgebung ebenso entwickelt ist wie bei Pankok die Phantasie; Beweis: die Neigung Hausteins, miteinfachen Mitteln, mit dem Reiz des Parallelen, geometrischer Urgebilde, gerader oder eindeutig gekrümmter Linien zu arbeiten. Das soll nicht heißen, daß Haustein irgendwo nüchtern oder trocken sei; das ist er vielmehr nirgends; wohl aber soll damit gesagt sein, daß er eine der glücklichen Künstlernaturen ist, in denen eine gewisse Harmonie von Gesetzmäßigkeit und Freiheit, von Vernunft und Phantasie von Anfang an das Schaffen bestimmt. Zu seiner Lehrtätigkeit sei die bedeutungsvolle Tatsache notiert, daß er 1907 und 1908 zum Leiter der Meisterkurse des Bayrischen Landesgewerbemuseums in Nürnberg berufen und sich dort das Zeugnis verdiente, „daß schwerlich eine glücklichere Wahl hätte getroffen werden können“.

Rudolf Rochga. Rochga ist als produzierender Künstler auch vielseitig genug gewesen. Er hat für Bruckmann-Heilbronn Entwürfe für Edelmetallarbeiten mit der Absicht geliefert, der Maschinenarbeit entgegenzukommen; er hat Heizkörpergitter geschaffen und Zimmereinrichtungen, wie die beiden nach ihm benannten Säle der Gemäldegalerie in Stuttgart. Aber sein Gebiet liegt sowohl in der Schule als in seiner eigenen Produktion wohl am meisten in dem Gebiet der sogenannten Flächenkunst, die weniger geeignet ist, ein Ganzes für sich zu schaffen. So ist er als Künstler weniger hervorgetreten, hat aber um so mehr als Lehrer gewirkt. Seine Meisterkurse für Dekorationsmaler, wie überhaupt der ganze Unterricht, den er in der Flächenkunst an der Anstalt erteilt, dürfen wohl als Muster eines klug und sorgfältig ausgedachten Betriebs gelten. Man kann darüber manches aus den Veröffentlichungen entnehmen, die er teils selbständig erscheinen ließ („Form und Farbe im Flächenschmuck“, Stuttgart, Julius Hoffmann), teils von Zeit zu Zeit in den Fachzeitschriften („Der Maler“, „Die Mappe“, „Leipziger Malerzeitung“) bringt man arbeitet, des breiten und des spitzigen, sich in Form und Bewegung des Ornaments auswirkt, wie diese Formen gestaltet werden, um eine rasche, spielende Bewegung des Pinsels, deren Produkt mit der Tapete konkurrieren kann, zu erzielen, wie verschiedene Pinsel zugleich den Kammzug ausführen; wie Formen entstehen, indem der Pinsel auf der Fläche gedreht wird; wie die Modellierung der verschiedensten Pflanzenvorbilder aus zwei Farbentöpfen, einem helleren und einem dunkleren, erzielt wird; wie die Gestalt farbiger Vögel aus unschattierten einfachen Farbflächen zusammengesetzt, wie die Form der Natur stilisiert wird, dies ist alles überaus interessant zu sehen und illustriert so recht, wie nützlich und wichtig eine solche Verbindung von Kunst und Technik werden muß, wie sie in den Lehr- und Versuchswerkstätten gepflegt wird. Rochga hat mit seinen Schülern eine Reihe von Arbeiten in hiesigen Wohnhäusern ausgeführt; er veranstaltet immer von Zeit zu Zeit Ausstellungen von Arbeiten und Entwürfen seiner Schüler im Landesgewerbemuseum und entfaltet so eine fruchtbare und weithin reichende Tätigkeit. Daß er auch (mit Pankok zusammen) den Aktunterricht an der Schule leitet, darf zum Schluß noch besonders hervorgehoben werden.

Hans von Heider hat man in der letzten Zeit vielfach auch als Maler (der er ursprünglich war) hervortreten sehen, und es ist schon hervorgehoben worden, daß seine Landschaften, die er in seinen Anfängen naiv studierte und mit schlichten Lufttönen wiedergab, allmählich einen in das Große gehenden dekorativen Zug angenommen haben. Zur Keramik kam er infolge eines Zufalls durch einen seiner jungen Kollegen in München. Er widmete sich ihr mit Feuereifer und ruhte nicht, bis er in alle Einzelheiten der Technik bis zum Brennen eingedrungen war — mit ihm sein Vater und zwei Brüder. Dann verließ er die Keramik und kehrte zur freien Kunst zurück. Aber dieses Bilden aus dem wertlosen Material, dieses Schaffen von Werten aus dem Nichts, diese ganze reiche und komplizierte Technik hatten es ihm angetan, und so wandte er sich schließlich definitiv der Keramik zu. An der Kunstgewerbeschule in Magdeburg übte er (1901—1905) sie zuerst als Lehrer; dort traf ihn der Ruf hierher; und hier hat er nun in den Lehr- und Versuchswerkstätten eine Musterwerkstatt eingerichtet, die mehrfach auch große Aufträge, wie die Brunnenhalle in Wildbad, den prächtigen Brunnen im Wintergarten des Hauses Kommerell in Höfen u. a., zu erledigen imstande war. In der Gemäldegalerie sind die einfach-schönen Verdampfungsschalen jedermann vor Augen. Von den Untersuchungen des Töpfertons, die in der Werkstatt gemacht wurden, ist schon die Rede gewesen; aber auch ganze Töpfereieinrichtungen werden außerhalb Stuttgarts unter der Leitung Hans von Heiders gemacht und überhaupt der Töpferei im Lande jede Aufmerksamkeit erwiesen. Ein gewisser Ernst zeichnet alles aus, was von Heider macht. So sind auch seine Farben in der Keramik im ganzen ernst und kühl und passen vortrefflich zu dem Material, seine Formen schlicht und sachgemäß, ganz aus den Handgriffen der Technik heraus geboren. Im Unterricht läßt er zunächst einen einfachen Gegenstand ganz durcharbeiten, drehen, formen, glasieren, brennen und wieder brennen, ehe er die Schüler entwerfen läßt, damit sie die Bedingungen, unter denen das keramische Werk vollendet wird, vollständig kennen lernen. Dann wird die Dekoration entworfen, aber nicht auf dem Papier, sondern auf dem Gegenstand selbst, damit kein „Buchschmuck“ entstehe und die Wölbung des Materials von Anfang an mitspreche. Haider läßt mit den einfachsten Schmucktechniken der Urzeit, mit Einkratzen in das halbtrockene Material, beginnen und dann allmählich zu den komplizierteren Bildungen übergehen.

Unter den Werken des Künstlers verdient der Kirchhof in Holzheim besonders hervorgehoben zu werden, ein Auftrag, der aus dem einer Familiengrabstätte hervorwuchs. Mauer und Tor, Leichenhalle und Anlage der Gräber, Verteilung des Grüns und der Wege: das alles scheint hier in mustergültiger Weise gelöst zu sein. Obwohl es noch nicht gelungen ist, eine eigentliche Textilwerkstätte an der Anstalt einzurichten (was erst von dem Neubau zu erwarten ist), muß der künftige Vorstand derselben, Paul Lang, in der Reihe der Künstler der Lehr- und Versuchswerkstätten jetzt schon genannt werden. Denn wie die anderen Lehrer an der Schule ist er ein vielseitiger Kunstgewerbler von einer eigenen Art; ja auch als Maler hat er in der letzten Zeit mehrfach (z. B. durch die Blumenstilleben im neuen Hoftheater) die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seine Möbelformen haben etwas Schlichtes und Anheimelndes; er gibt ihnen gerade so viel Bewegung, als sie brauchen, um nicht langweilig zu werden: Schnitzereien und Einlagen beleben anmutig die Flächen. Von seinen übrigen kunstgewerblichen Arbeiten erinnere ich mich einer Ledermappe, auf der in einem zierlichen Rankenhag zwei stilisierte Vögel kauern, einer reizenden Erfindung. In besonderem Maße vertritt er unter seinen vorher genannten Kollegen den Charakter des Bürgerlich-Gediegenen.

Von J.V. Cissarz, dem neuernannten Vorstand der buchkünstlerischen Abteilung in den Lehr- und Versuchswerkstätten, möge es genügen, ein paar Worte zu sagen, da er neuerdings mehr nach der freien Kunst gravitiert und in ihrem Rahmen behandelt worden ist. Cissarz war ursprünglich in der Buchkunst ein Freund des Zierlich-Feinen. Mit der Zeit ist er zu kräftigeren Formen übergegangen, zugleich zur Einfachheit, und hat seine Wirkung in größeren zusammengehaltenen Massen gesucht; zugleich sind seine Farben kontrastreicher geworden, wie sich auch sonst in seiner Tätigkeit allmählich ein großer dekorativer Stil entwickelt hat, in dem sein schon auf der Schule hervorgetretenes vorzügliches Zeichentalent sich ausleben kann. Im Buchgewerbe ist sein Name durch ganz Deutschland berühmt und seine Bedeutung für die Entwicklung des edleren Buchschmucks allgemein anerkannt. Daß die Schule an ihm einen vortrefflichen Lehrer hat, liegt nicht nur in der starken künstlerischen Begabung des Meisters, sondern auch in seiner expansiven und suggestiven Natur und seiner außerordentlichen Mitteilungsfähigkeit begründet.

Blicken wir zurück auf die Energie, mit der die Anstalt von Stufe zu Stufe entwickelt worden ist, die rege und vielseitige Tätigkeit ihrer Schüler, die Ausbreitung dieser Schüler in den Kreisen des Kunstgewerbes in selbständigen Stellungen und ihre fortdauernde Verbindung mit der Schule, die ihnen ihre künstlerische Bildung gegeben hat, auf das rege und vielseitige künstlerische Schaffen ihrer Lehrerschaft, so können wir mit Sicherheit sagen, daß auch die Gründung der Lehr- und Versuchswerkstätten zu den Ruhmestiteln der Epoche gehört, die wir zu schildern haben, wenn sie auch gemäß den Schranken, die menschlichen Dingen gesetzt sind, etwa nicht alles erfüllen konnten, was ihre Begründer — mit mehr oder weniger Recht — von ihnen erwarteten.

Neben der Kgl. Kunstgewerbeschule in Stuttgart erfreuen sich auch die übrigen Kunstgewerbe-, Fach- und Frauenarbeitsschulen des Landes einer hohen Blüte. Fast an allen sind Lehrkräfte im Besitze tüchtiger künstlerischer Qualitäten tätig. Dies gilt besonders für die neuerrichtete und organisierte Kgl. Fachschule für Edelmetallindustrie in Gmünd, der als Direktor Walter Klein, geb. 1877 in Stuttgart, ein vortrefflicher Metallkünstler, vorsteht; unter ihren übrigen Lehrkräften sei der Maler Karl Purrmann erwähnt! Die Kunstgewerbeschule für Frauen, die der Stuttgarter Städtischen Gewerbeschule angegliedert ist, leitet Magdalene Schweizer, eine vielseitige Künstlerin, von deren Können das auf S. 279 abgebildete Kissen eine gute Vorstellung gewährt. Zu ihren Schülerinnen, zu denen fast alle früher genannten jüngeren Malerinnen zu rechnen sind, gehört auch Elisabeth Reischle, eine talentvolle Textilkünstlerin in Tübingen. Sie hat zumal auf dem Gebiete der Paramentik Gutes geleistet.

Über die zahlreichen selbständig und unabhängig auf dem Gebiete des Kunstgewerbes tätigen Künstler, deren Arbeit zum Teil einen solchen Umfang angenommen hat, daß man in Einzelfällen im Zweifel sein kann, ob man sie nicht den Kunstindustriellen zuzählen muß, können hier nur einige Andeutungen folgen. Auf dem Gebiete der Innenarchitektur sind außer den früher genannten Künstlern noch Adolf Fauser, Alfred Koch und Wilhelm Weigel tätig. Unter den zahlreichen Dekorationsmalern des Landes muß Christian Kämmerer an der ersten Stelle genannt werden. Die Ausschmückung katholischer Kirchen lassen sich der Architekt August Koch in Stuttgart und der Bildhauer Theodor Schnell in Ravensburg (vgl. den Abschnitt Bildnerei) angelegen sein. Die katholisch-kirchliche Goldschmiedekunst wird von Josef Ballmann in Stuttgart, geb. 1849 in Regensburg, gepflegt. Als Entwerferin von Silberschmucksachen ist Nina Brühlmann erfolgreich hervorgetreten. Die Teppichwebkunst betreibt Hermine Winkler, deren Hauptwerk, einen großen Wandteppich, man in den Pfullinger Hallen sieht; auch in der Stuttgarter Erlöserkirche finden sich vortreffliche Arbeiten von ihr. Alle Zweige weiblicher Handarbeit pflegt ebenso geschmackvoll wie erfolgreich Minna Lang-Kurz.

Daß auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes Schwaben eine Reihe seiner besten Künstler nach auswärts abgegeben hat, geht aus der Tatsache hervor, daß Friedrich Adler, an der Hamburger Kunstgewerbeschule als Lehrer für Innenarchitektur tätig, der vortreffliche Berliner Plakatzeichner Lucian Bernhard, der junge Metallkünstler Oskar Elsäßerin Pforzheim, Oskar Gußmann (vgl. Malerei) und der Architekt Emil Högg in Dresden und der vielseitige Hans Dietrich Leipheimer in Darmstadt gebürtige Würt-temberger sind.

BAUM

Text aus dem Buch: Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart (1913), Author: Baum Julius, Diez, Max.

Siehe auch:
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Vorwort
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Einleitung
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE GEMÄLDEGALERIE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE KUPFERSTICHSAMMLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE ALTERTÜMERSAMMLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DAS LANDESGEWERBEMUSEUM
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE HEIMISCHE SCHULE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE KÜNSTLER AUSSERHALB DER AKADEMIE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE LANDSCHAFTSMALER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE NACH STUTTGART BERUFENEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ADOLF HÖLZEL
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE HÖLZELSCHULE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – KARL SCHMOLL VON EISENWERTH
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Otterstedt, Pankok, Cissarz, Kerschensteiner, Gref und Reile
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE AUSWÄRTIGEN SCHWABEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DONNDORF UND DIE ÄLTERE HEIMISCHE ENTWICKLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – HABICH JANSSEN UND ANDERE NACH STUTTGART GEZOGENE KÜNSTLER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ULFERT JANSSEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ANDERE NACH STUTTGART GEZOGENE KÜNSTLER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE AUSWÄRTIGEN SCHWABEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE ARCHITEKTUR

Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart


Wie oft sind Malerei, Plastik und Architektur als drei innig gesellte, schwesterliche Frauenbilder dargestellt worden! Die Allegorie war natürlich nicht nur beliebt wegen der Dreizahl, die so fruchtbar an Motiven für Gruppenkompositionen ist, sie bezeichnete auch die enge Zusammengehörigkeit der drei Künste anschaulich. Anschaulich, aber nicht ganz richtig. Wenn Malerei und Plastik als freie Künste unbestreitbar Schwestern sind, so ist doch die Architektur, die ihnen überhaupt erst ein Heim schafft und der sie oft die höchsten und gewaltigsten Aufträge verdanken, keine ihnen Gleichbürtige, Freigeborene.

,,Die Baukunst bleibt für alle Zeit eine angewandte Kunst, wie sie es von je war.“

Die Freiheit erlangt sie erst in dem Streben des Architekten, seine Aufgaben so zu lösen, daß sie nicht nur der Forderung der Brauchbarkeit, sondern auch dem ästhetischen Gefühl genügen, daß mit dem Zweckmäßigen zugleich etwas in höherem Sinn Gesetzmäßiges, Harmonisches geschaffen wird. Immer wieder treten diesem Streben sachliche und menschliche Widerstände hemmend, verwirrend, lähmend entgegen. Es ist, wenigstens für unsere noch immer so kunst- und besonders architekturfremde Zeit, vielleicht keine zu starke Übertreibung, zu sagen, daß die wirklich zustande gekommenen Bauwerke, die ganz den Absichten ihrer Schöpfer und den gerechten Forderungen an Vollkommenheit entsprechen, sich über einer Massengruft erheben, in der die doppelte oder dreifache Anzahl von Arbeiten ruht, die, an sich nicht minder gut als jene, durch den Unverstand der Menschen oder die Ungunst der Verhältnisse dazu verurteilt wurden, über den Zustand des Entwurfs nicht hinauszukommen, sondern den Platz in der Wirklichkeit, der ihnen gebührt hätte, Schlechtem und Wertlosem zu überlassen. Aber wie schwer auch immer der Architektur das Ringen nach der Höhe des wahrhaft Künstlerischen gemacht wird, es ist ihre sittliche Pflicht, diesen Kampf immer wieder aufzunehmen und durchzuhalten. In dem äußeren Umfang und der inneren Bedeutung der Aufgaben, die ihr übertragen sind, liegt solche sittliche Verpflichtung begründet. Den Forderungen des Tages soll sie mit Arbeiten genügen, von denen die Dauer vieler Jahre, ja langer Jahrhunderte verlangt wird; von ihren Werken ist das landschaftliche und kulturelle Gesicht einzelner Landschaften und ganzer Länder mit abhängig. — Das für die Dauer Bestimmte so zu gestalten, daß es der Dauer auch wert ist, das Antlitz der Erde nicht zu entstellen, sondern ihm da, wo die Naturschönheit weichen muß, eine neue menschliche Schönheit zu geben, das sind die den innersten Kern der unmittelbaren Zweckforderungen bildenden höheren Aufgaben, in deren Dienst auch die Architektur eine freie Kunst wird.

Nichts kann die große Bedeutung der Architektur für das ganze Volksleben, die fast unübersehbare Weite ihres Arbeitsfeldes zu so klarer und ein drücklicher Anschauung bringen wie das Wachstum unserer modernen Großstädte. Baugeschichtliche Monographien, wie sie z. B. als Festgaben für die in den betreffenden Städten tagenden Versammlungen der deutschen Architekten und Ingenieure entstanden, sind wichtige Beiträge zur deutschen Bau- und Kulturgeschichte. Nicht eine solche Monographie von auch nur annähernder Vollständigkeit sollen die nachfolgenden Seiten bringen. Im Rahmen dieser ganzen Schrift kann es sich nur darum handeln, einen Begriff davon zu geben, wie dak heutige Stuttgart am allgemeinen deutschen Bauschaffen der Gegenwart teilnimmt, und anzudeuten, wie dieser Anteil bestimmt wird durch die örtlichen Bedingungen baugeschichtlicher und landschaftlicher Art. Nur eine Skizze also wird hier geboten, und von der Skizze wird niemand, der sich einen Begriff machen kann von der immer breiteren Entfaltung der Bautätigkeit in Stuttgart, von der stets wachsenden Zahl hier wirkender Architekten, die Vollständigkeit eines ausgeführten Bildes verlangen, für das an dieser Stelle weder der Raum noch der rechte Ort wäre. Auch die relativ zahlreichen Abbildungen bedeuten natürlich nur eine verschwindend kleine Auslese aus dem, was im Bilde vorgeführt zu werden verdiente; sie sollen vor allem die Mannigfaltigkeit der Aufgaben, die an den modernen Architekten herantreten, und seine Fähigkeit, sie künstlerisch zu lösen, illustrieren helfen.

Mit ein paar Zahlen läßt sich das rasche Wachstum Stuttgarts bezeichnen: Vor etwa hundert Jahren, beim Regierungsantritt König Wilhelms I., war es eine Stadt von einigen 20000 Einwohnern; 1864, als König Karl den Thron besteigt, sind es etwa 70000, und diese Zahl hob sich in den 27 Jahren seiner Regierungszeit gerade auf das Doppelte. Heute, nach der Einverleibung von Cannstatt, Untertürkheim, Degerloch usw., hat Groß-Stuttgart gegen 300000 Einwohner.

Aber ehe die neue Großstadt den Weg aus dem engen Nesenbachtal ins weite Neckartal fand, wo sie sich ungehemmt ausbreiten kann, ist sie an den steilen Hängen der Höhenzüge emporgeklommen, die sie von Ost und West einfassen, hat ihr Straßennetz über die von jenen Höhen in die Talsohle vorgeschobenen Hügel, über all die kleinen Täler und Schluchten des merkwürdig reich gegliederten Geländes hingebreitet. So kann sich keine andere deutsche Großstadt an Eigenart und Anmut der Lage mit Stuttgart vergleichen; aber freilich für eine werdende Großstadt hat diese Lage sehr viel Ungünstiges. Einen noch traulicheren, bildmäßigeren Anblick als heute bot gewiß die Stadt, als sie noch herzogliche Residenz war, oder in den ersten Zeiten ihrer Würde als Königssitz: die beherrschende Gruppe der fürstlichen Bauten, von ihr überragt und bewacht das Gassen-und Dächergewimmel der Altstadt, dem sich nach Süden und Westen zwei bescheidene kleine Vorstädte vorlagerten, die westliche, mit dem stolzen Beinamen die „Reiche“, auffallend durch die ganz schematische Anlage ihrer Häuserquadrate. Die neuen Teile diesem alten Kern organisch anzugliedern, die notwendig werdende Bebauung der Talwände so zu führen, daß die Baulinien sich möglichst natürlich und zwanglos dem Gelände anschmiegten und so unter Erfüllung der praktischen Forderungen zugleich geschlossene malerische Straßenbilder geschaffen würden — das wäre eine wundervolle Aufgabe für die Städtebaukunst gewesen. Aber gerade in den Jahrzehnten, als die Aufgabe gestellt wurde, war in Deutschland alle Tradition und jede tiefere Erkenntnis der Städtebaukunst verloren gegangen. Wie Etzels Neue Weinsteige, dies Meisterwerk schöner, naturgemäßer Straßenführung, innerhalb der Stadt keine Nachahmung fand, so scheint die köstliche Anlage des neuen Schloßplatzes, die wir Leins und Hackländer verdanken, mehr ein glücklicher Fund, ein genialer Einfall zu sein als die Frucht tiefer künstlerischer Einsicht. Denn dieselbe Zeit, die diesen Platz schuf und die neben ihm die älteren, nicht minder wertvollen Vorbilder des Marktplatzes und des Alten Schloßplatzes mit dem Schillerdenkmal hatte, verzettelte die Möglichkeit zur Schaffung einer neuen monumentalen Forumbildung in so bedauerlicher Weise, wie wir es heute in der Gegend um Hegelplatz und Gewerbehalle sehen. Derselbe natur- und kunstverlassene Geist hat auf dem Reißbrett die schönen geraden Linien der Stadterweiterung gezogen, die in der unebenen Wirklichkeit die zerrissenen Kreuzungspunkte, die allzu steil ansteigenden oder die künstlich geebneten, den Blick des Passanten ins leere Nichts führenden Straßen verschuldeten, unter denen das Stadtbild Stuttgarts an so vielen Stellen leidet. Und dazu kamen unselige baupolizeiliche Vorschriften im Verein mit sogenannt praktischen Rücksichten, die z. B. die Dächer — die Dächer einer Stadt, die dazu bestimmt scheint, von der Höhe betrachtet zu werden — verkrüppeln ließen, mit dem Zwang des Dreimeter-Bauwiches jede geschlossene Wirkung des Straßenbildes unmöglich machten und damit überhaupt den Sinn für einheitliche monumentale Baugestaltung auf Jahrzehnte unterbanden.

Es bedeutet keine Herabsetzung Stuttgarts, von alldem zu sprechen. Denn die Einsichtslosigkeit war in ganz Deutschland die gleiche, nur daß sie nicht überall so viel Schönes zu verderben oder im Keime zu ersticken fand, und wie anderswo ist es ja jetzt auch in Stuttgart besser geworden. Außerdem aber besaß Stuttgart seit den Tagen, die das Alte Schloß und das Lusthaus entstehen sahen, tüchtige, zum Teil geniale Baumeister und eine schlichte, aber gesunde Tradition auch im einfachen bürgerlichen Bau, der durchaus nicht die Verachtung verdiente, mit der man ihn zu betrachten anfing, als sich auf Befehl des ersten Königs die Wendung vom Fachwerk- zum Steinbau vollzog. Noch heute zeigt, auch außer den Bauten an der Westseite des Marktplatzes, gar manches breit und hoch aufragende Giebelhaus, daß diese gut bürgerliche, altschwäbische Architektur sogar monumentaler Wirkungen fähig war, und noch manche alte Gassen und winklige Plätzchen bewahren den malerischen und Stimmungsreiz einer Vergangenheit, die freilich von dem Verlangen der Gegenwart nach Luft und Licht, nach Weiträumigkeit und Hygiene noch nichts wußte. Das Werk „Alt-Stuttgarts Baukunst“ von Lambert und Stahl gewährt einen eindrucksreichen Überblick über diese anspruchslos bürgerliche Kunst, die, bei allem Festhalten am Überkommenen, Heimatlichen, doch mit der Zeit weiterzuschreiten, neue Anregungen aufzunehmen und sich anzupassen verstand, so daß die allgemeine Bauentwicklung von der Renaissance über Barock und Rokoko bis zum Klassizismus des Louis XVI. und bis zum Biedermeierstil sich in diesem still gleitenden Nebenfluß deutlich, wenn auch gedämpft widerspiegelt: von den Tagen Georg Beers und Heinrich Schickhardts bis auf die des Erbauers von Hohenheim, R. F. H. Fischer, und der schon überwiegend dem 19. Jahrhundert angehörenden Thouret, Groß, Gaab, Barth usw. Der Mann, der durch langes Leben und reiches Schaffen die Brücke von den ersten Jahrzehnten fast bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts schlug, ist Chr. Fr. Leins. In seiner baukünstlerischen Physiognomie weist er nicht mehr jene Einheitlichkeit auf, die auch noch die spätesten der Klassizisten, am meisten vielleicht den trefflichen G. Barth, auszeichnet. Als Leins selbständig zu schaffen begann, hatte der Eklektizismus, das Bauen nach älteren, willkürlich gewählten Stil Vorbildern, schon auf der ganzen Linie gesiegt, war er selbst doch Schüler Zanths, der die maurische Wilhelma baute, und entstand etwa gleichzeitig mit seinen eignen ersten, noch klassizistischen Werken das Münzgebäude (von Groß entworfen) ln dem romanischen Stil des Müncheners Gärtner, und gar ein venezianischer Palazzo (von Gaab), in dessen Nähe später Leins sich sein eigenes Haus, das spätere Palais Weimar (jetzt Urach) errichtete. Die anmutige Villa Berg in Formen der italienischen Renaissance, der Königsbau, dessen in sich un-versöhnbare Doppelbestimmung zum Basar und zum Saalbau er hinter der glänzenden Kulisse einer antiken Säulenhalle verbarg, die gotische Johanneskirche, für ihre bescheidenen Dimensionen im Äußern viel zu reich gegliedert und geschmückt — man braucht nur diese drei Bauten nebeneinander zu nennen, um festzustellen, daß Leins schon die ganze proteusartige Verwandlungsfähigkeit des modernen Stilarchitekten, dabei aber, wie all seine Zeitgenossen, noch nicht jene intimsten Kenntnisse der alten Stile sich angeeignet hatte, die erst die methodische Kunstwissenschaft erschloß. Dennoch blieb ihm, trotz dem Zuviel der Johanneskirche, über die man den köstlichen Kirchturm von Möhringen a. F. nicht vergessen darf, der Sinn fürs Liebenswürdige, Schlichte. Als älterer Mann hat er noch die Epidemie der neuen deutschen Renaissance erlebt, die alles Bedenkliche des historischen Vorbildes unbedenklich aufnahm und übertrieb, und in seinen letzten Jahren sah er auch noch den prunkvollen, schweren Dekorationsstil, den Wallot mit dem Reichstagsgebäude inaugurierte, bis in sein geliebtes Stuttgart Vordringen. Er durchschaute mit kühlem Blick das Übersteigerte und darum Unhaltbare dieser Richtungen und erhoffte von der Zukunft, die er nicht mehr erleben sollte, daß ,,die da und dort zum Vorschein kommende Überschwenglichkeit der Bauten im Geschmacke der deutschen Renaissance ruhigeren und ernsteren Formen wieder den Platz räumen werde“. Jedenfalls hat er durch seine Lehrtätigkeit wie durch sein praktisches Schaffen dazu beigetragen, daß die Stuttgarter Bauweise, soweit sie künstlerischen Intentionen folgte, sich viel von dem sympathischen und soliden Wesen erhielt, das ihn selbst charakterisiert.

Es ist ganz bezeichnend, daß ein moderner Bautypus, der sich in anderen Städten zum eigentlichen Vertreter des Protzentums in der Architektur herauswuchs: das Bankgebäude, in Stuttgart sich Maß und Reserve bewahrt hat, von dem vornehm kühlen Haus der Reichs-bänk, das Egle und Beyer in italienischer Renaissance erbauten, aus den siebziger Jahren, bis zu den neuesten Werken dieser Kategorie, z. B. Stahl & Federer, Kreditverein, die von L. Eisenlohr unter Mitwirkung von O. Pfennig errichtet wurden, und die bei sehr sparsamem Schmuck ihre repräsentative Wirkung vor allem durch die ruhige Gliederung und den streng betonten Steincharakter der klassizistisch gehaltenen Fassaden erzielen. Als eine Ausnahme fast, die aber doch die Grenze noch nicht überschreitet, erscheint Gnauths Vereinsbank (1884) mit ihren übergroßen Masken und Karyatiden.
Es kündigt sich hier der pathetische Überschwang an, der in Neckelmanns Landesgewerbemuseum (vollendet 1896) aufs lauteste durchbrach. Starkes, aber ungezügeltes Temperament, reiche Erfindung, die sich freilich mehr aus der Überfülle der Vorbilder als aus eigenstem innerem Schauen speist, kennzeichnen diesen Bau, der für Stuttgart in gewissem Sinne verhängnisvoll werden sollte. Mit seiner sich in unaufhörlichem Fortissimo ergehenden Formensprache hat er dem Publikum ganz falsche Begriffe von den Mitteln und Wirkungen monumentaler, repräsentativer Architektur beigebracht. Durch die großen Abmessungen der einzelnen Bauglieder sollte das Bauwerk stark und wuchtig, durch die gleichmäßig alles bedeckende Verschwendung des plastischen Schmucks sollte es lebhaft und reich wirken. Die Fachleute sind dieser stürmischen Eloquenz nie ganz erlegen, desto mehr die Laien, die wohl auch anfangs Bedenken hatten, dann aber dem „ungünstigen Platz“ die Schuld an allem gaben, was ihnen nicht behagen wollte. Aus den geringschätzigen Urteilen, die man über ältere einfache Bauten, wie die Alte Akademie, und über das jüngste der monumentalen Werke in Stuttgart, Theodor Fischers Kunstgebäude, oft genug fällen hören kann, klingt ein Geschmack heraus, der sich, bewußt oder unbewußt, an der Architektur des Landesgewerbemuseums gebildet, d. h. verbildet hat. Es ist ein wechselvoller und interessanter Abschnitt der modernen Entwicklung, den in Stuttgart das Landesgewerbemuseum und das Kunstgebäude als Endpunkte bezeichnen: der Entwicklung von der dekorativen zur sachlichen Bauweise, wie sie vielleicht am kürzesten zu benennen wäre. Mit solch knappen Formulierungen ist freilich immer die Gefahr verbunden, ungerecht zu sein oder mißverstanden zu werden. Man muß sich eben gegenwärtig halten, daß mit ihnen zunächst nur die Gesamttendenzen charakterisiert, nicht Einzelleistungen abgeschätzt werden sollen. Unter der Vorherrschaft der dekorativen Richtung, der historisierenden Stilarchitektur sind natürlich auch sachlich tüchtige Werke in Fülle geschaffen worden; und die Sachlichkeit, die wir heute erstreben, schließt anmutigen Schmuck und festliche Pracht nicht aus. Das Unsachliche jener heute — hoffentlich für immer — überwundenen Epoche aber lag im wesentlichen darin, daß man den Baugedanken nicht aus der Bauaufgabe selbst entwickelte, sondern aus den Schatzkammern der alten Stile diejenige Form hervorsuchte, die für den betreffenden Zweck die entsprechendste, am leichtesten dem heutigen Bedürfnis anzupassende schien. In diesem Sinne war die Architektur zur Dekorationskunst geworden und blieb es, bis, Hand in Hand wirkend, die fortschreitende geschichtlichästhetische Einsicht und das immer stärkere praktische Bedürfnis sie wieder als das erkennen lehrten, was sie wirklich ist: Raumkunst. In dem Wort Raum ist das Tiefste und Höchste der Architektur beschlossen; Räume zu schaffen, ist ihre ursprüngliche und ewige praktische Aufgabe; Raum zu gestalten ihr künstlerisches Wesen.

Mit dieser Erkenntnis ist der Bann der historischen Stile gebrochen. Wie der Dichter, dem die Sprache das lebende Kleid der Dinge und innerlich erlebter Besitz ist, altes, vergessenes Sprachgut wieder hervorholt, ohne zu altertümeln, Neues gestaltet, nicht weil es noch nie dagewesen, sondern weil es in ihm da war und erwuchs, so unbefangen steht nun der schöpferische Baukünstler den überlieferten architektonischen Formen gegenüber. Er wird sich ihrer bedienen, je nachdem er sie als raumbildende und stimmungschaffende Faktoren gebrauchen kann; aber er wird sich von ihnen nicht mehr unter das Joch einer sogenannten Stilrichtigkeit beugen lassen, sondern sie mit Neuem, von ihm selbst oder seiner Zeit Gefundenem in einer höher gefaßten Richtigkeit, der Harmonie des Ganzen, die ihm vorschwebt, vermählen und darin aufgehen lassen.

So anziehend und lehrreich es ist, diese Entwicklung, die in ihren Hauptlinien überall in Deutschland, hier schneller, dort langsamer, den gleichen Verlauf nimmt und nehmen muß, in den Straßen und der Umgebung Stuttgarts wie weiter draußen in Städten und Dörfern des Königreichs an Einzelbauten und architektonischen Gesamtbildern sich anschaulich zu machen, so schwer dürfte es sein, die so gewonnene Anschauung heute schon in knapper schriftlicher Darstellung zu fixieren. Nicht nur, daß wir den Dingen noch zu nahe stehen, um mit voller Sicherheit das Wichtige, Bleibende vom minder Wesentlichen und Vergänglichen unterscheiden zu können; nicht nur, daß uns manchmal jener starke psychologische Zwang: der Undank der Gegenwart gegen die unmittelbar vorausgehende Generation, unbewußt den Blick trüben mag — im Bauwesen selbst und ganz besonders im modernen Bauwesen liegt ein gewichtiges Moment, das die Aufgabe erschwert. Daraus, daß die Architektur im Grunde angewandte Kunst, Zweckkunst ist, folgt, daß sie weit weniger persönliche Kunst ist als Malerei und Plastik. Vielleicht gibt es kein einziges Bauwerk, in dem der Architekt nicht ein Stück seiner ursprünglichen Absicht — und damit wohl auch ein Stück seiner Persönlichkeit — dem praktischen Zweck oder gar nur einem besserwisserischen Laieneinfall des Bauherrn opfern mußte. Aber auch sein ganzes Schaffen wird von den materiellen Verhältnissen, den technischen Fortschritten, den geistigen Strömungen der Zeit meist noch stärker bedingt als durch die inneren Faktoren seiner Entwicklung; und wieder, wo diese dank einer günstigen Fügung mit dem Verlauf der allgemeinen Kulturideen und -forde-rungen in engem und harmonischem Zusammenhänge bleibt, geht sein Ich, gewissermaßen anonym werdend, in dem Ganzen seiner Umwelt unter. So ist die Zahl der Architekten, die allen Phasen der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten gefolgt sind, nicht gering, und es sind oft nicht die schlechtesten, die zu dieser Zahl gehören. Besonders gefördert wird aber dieser unpersönliche Zug durch die Intensität und Ausdehnung des heutigen Baubetriebs. Die Zahl und Mannigfaltigkeit der Aufträge, das Ineinandergreifen des Technischen und Künstlerischen, die geschäftliche Kompliziertheit der Verhältnisse machen oft den festen Zusammenschluß mehrerer Architekten zu einer Firma oder mehr gelegentliches Zusammenarbeiten zu einem bestimmten Zweck notwendig. Oder ein vielbeschäftigter Künstler umgibt sich mit einem ganzen Stab junger Fachgenossen, die nicht nur die eigentlichen Hilfsarbeiten auszuführen haben, sondern sehr oft auch zur künstlerischen Mitwirkung herangezogen werden. — Aus all diesen Gründen kann ein Stück moderner Baugeschichte nicht in dem strengen und eigentlichen Sinn wie andere Kapitel der Kunstgeschichte Individualitäten schildern und analysieren; und dem Blick, der nach Richtpunkten in diesem Werdegang sucht, stellen sich markante Werke, in denen zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise die Lösung der gleichen Aufgaben versucht wurde, zunächst als Illustrationen des allgemeinen Bauwillens und -geschmackes, erst in zweiter Linie als Dokumente für die Entwicklung der einzelnen Architekten dar.

Was der Stuttgarter Architektur immer eine gewisse, über das Lokale hinausgehende Bedeutung, einen festen Rückhalt gegeben hat, war neben und über der Stellung der Haupt- und Residenzstadt der Zusammenhang des praktischen Bauwesens mit der Technischen Hochschule (1829 als Gewerbeschule gegründet, 1840 zur Polytechnischen Schule, 1862 zur Hochschule erweitert). An ihr hat zum Beispiel Leins viele Jahrzehnte lang als Lehrer gewirkt und hat neben sich eine neue Generation von Professoren heranwachsen sehen, die zum Teil seine Schüler gewesen waren. Unter den heute noch lebenden Leinsschülern seien als die ältesten besonders Conrad Dollinger und Robert Reinhardt genannt.

Der erstere hat sich im Stadtbild mit der vieltürmigen Garni-sonskirche und der kleineren, mit ungünstigstem Terrain sich klug abfindenden Friedenskirche, beide in romanischem Stil, eingetragen und außer durch viele andere Bauschöpfungen sich besonders verdient gemacht durch Aufnahme und Rekonstruktion alter schwäbischer Architekturgebilde von geschichtlichem und rein künstlerischem Wert. Reinhardt hat u. a. das Marienhospital und die von Jobstsche Gedächtniskirche gebaut, die in der Verwendung der stilistischen Mittel der Gotik auf ihre Lage (sie bildet die Ecke eines Straßenblocks, der nur die Hauptfassade und eine Längsseite frei hervortreten läßt) mit richtigem Takt abgestimmt ist. Als Gelehrter beschäftigt sich Reinhardt ebenso intensiv wie erfolgreich mit Forschungen über den antiken Tempelbau.

Während Dollinger und Reinhardt jetzt im Ruhestand leben, wirkt ein anderer Leinsschüler, P. Lauser, zugleich Schüler der beiden eben Genannten, noch heute an der Hochschule als Lehrer für Ornamentik; außer in eigenartigen Studien über antike Bauschmuckformen hat er sich praktisch betätigt als künstlerischer Berater des Hüttenwerks Wasseralfingen und durch Privathausbauten in der reiche Verzierung liebenden Art der späteren Leinsschule, für die wir als ein gefälliges und bekanntes Beispiel in unseren Abbildungen das Eckdetail vom Neubau des Hotels Marquardt, einer Arbeit C. Weigles (damals in Firma Eisenlohr & Weigle) geben. Im übrigen kann man wohl sagen, daß fast die ganze ältere Architektengeneration Stuttgarts entweder direkt aus Leins’ Schule hervorgegangen oder doch aus dem Boden, den diese schuf, erwachsen ist.

Gar manche der älteren Leinsschüler, wie z. B. Heinrich Dolmetsch, der Erbauer der in frei behandeltem romanischem Stil erbauten Markuskirche, sind ihrem Lehrer schon im Tode nachgefolgt; aber eine stattliche Zahl steht noch in voller Rüstigkeit an der Arbeit und hat es ganz im Sinne ihres Meisters verstanden, mit der Zeit Schritt zu halten. Zu den Vertretern dieser Generation, die ihrem Lebensalter nach etwa in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückreicht, gehören zum Beispiel auch C. Weigle und L, Eisenlohr, A. Knoblauch, A. Lambert, W. Scholter, U. Pohlhammer, J. Cades. Die beiden an erster Stelle Genannten waren viele Jahrzehnte lang in einer Firma vereinigt, wobei sich jedoch jeder von ihnen die Selbständigkeit im eigentlich Künstlerischen wahrte. Von Weigles Arbeiten wurde schon der Anbau des Hotels Marquardt (der ältere Teil stammt von Beyer) als Beispiel für die reiche dekorative Art der neunziger Jahre genannt. Zahlreiche Stadthäuser (z. B. das der Schwanen-apotheke), Villen und Schlösser (wie das von Nußdorf) verzeichnet die Liste seiner Arbeiten, neben Gebäuden, die öffentlichen Zwecken dienen: dem stattlichen Haus der Lebensversicherungs- und Ersparnisbank, der in leichtem, zierlichem Stil gehaltenen Volksbibliothek mit dem in Stuttgart ungewöhnlichen Schmuck eines Dachgartens; dem besonders im Innern reich ausgestatteten Finanzministerium; dem Kgl. Interimstheater, das nach dem Brand des alten Hoftheaters 1902 in wenigen Monaten erstellt wurde und nun, nachdem es ein Jahrzehnt seine Aufgabe als Platzhalter aufs beste erfüllt hat, wieder verschwindet. Bald den, bald jenen Stil nach Zeitgeschmack und Bedarf der Aufgabe freier oder strenger anwendend, hat Weigle zum Beispiel des romanischen Stils sich mit viel Glück in der schönen Friedhofanlage von Göppingen bedient. — Auch in Ludwig Eisenlohrs Arbeiten aus den Jahren der gemeinsamen Tätigkeit mit C. Weigle läßt sich die Wandlung der Anschauungen und Forderungen des Geschmacks wie der Praxis jener Dezennien gut ablesen: das Landhaus Gießler (1896), die schön geschlossene Knospstraße, die Villen Simolin (1903) und Rosenfeld, das Wohnhaus Leicht in Vaihingen a. F. (1903/04) bezeichnen den Weg von der deutschen Renaissance über das sogenannte bürgerliche Barock zum Klassizismus. Das Marbacher Schillermuseum (1901 02) ist wohl einer der ersten bedeutenderen Bauten, die mit Bewußtsein und eindringendem Verständnis auch praktisch wieder an die Architektur der Zeit des Herzogs Karl anknüpfen — wenn irgendwo, war hier die Wahl des historischen Vorbilds durch die geistige Bestimmung des Gebäudes gerechtfertigt, wurde aber auch dessen praktischen Anforderungen vortrefflich angepaßt. Wie hier an die fürstliche, so knüpfte Eisenlohr in seinen Rathausbauten für Vaihingen a. F. (1906 07) und Feuerbach (1908 09) an die volkstümliche Bautradition der schwäbischen Vergangenheit mit Glück an. Beide Male bildet das Haus mit seinen im rechten Winkel aufeinanderstoßenden Flügeln eine Ecke des Platzes, der hübsche Brunnen und die Freitreppe führen den typischen Schmuck des alten deutschen Rathauses ohne aufdringliche Altertümelei ins Leben der Gegenwart zurück. Mit demselben sicheren Geschmack behandelt der Architekt aber auch spezifisch moderne Aufgaben: das große Geschäftshaus Breuninger (1901 02 und 1907/08), das sich nur allzu eng in seinen Altstadtwinkel hineindrücken muß; das vornehme Ausstellungshaus der Möbelfabrik Epple & Ege (1907 08), die schmale Fassade ganz auf durchgehende Vertikalen gestellt; die schon früher erwähnten Banken und die Baulichkeiten der Papierfabrik Scheufeien in Oberlenningen, bei denen der Baumeister in vorbildlicher Weise differenzierte: die Beamten- und Arbeiterwohnungen in ländlichem Stil, anheimelnd und behaglich; die eigentliche Fabrik streng sachlich und, unter völligem Verzicht auf die sonst so beliebten, unorganisch dem Nutzbau aufgeklebten Schmuckteile in Haustein, zu künstlerischer Wirkung erhoben allein durch die guten, großzügigen Verhältnisse in den bedeutenden Abmessungen und durch die kräftige Betonung der Vertikale. — In den letzten Jahren, in gemeinsamer Arbeit mit dem Fischerschüler 0. Pfennig, entstanden u. a. das Kurgartenhotel in Friedrichshafen, durchaus in der vornehmen Einfachheit unaufdringlichen Komforts gehalten, die heute für Gasthöfe ersten Ranges verlangt wird; das Gymnasium in Cannstatt, in ernstem, doch nicht kühlem Klassizismus; der Konzertsaal des Kgl. Konservatoriums in Stuttgart, dessen klare, ruhige Linienführung mit Recht darauf verzichtet, sich der überreichen französischen Renaissance des Hauptgebäudes anzupassen; die der Vollendung entgegengehende Heilandskirche nahe der Villa Berg, dem einstigen Wohnsitz der Stifterin, Herzogin Wera, auf deren Wunsch das nicht sehr umfangreiche Gotteshaus in französisch – romanischem Stil ausgeführt wurde; ein großes Geschäftshaus in Ulm.

Die alte Reichsstadt hat seit vorigem Jahr noch ein andres, von Eisenlohr allein entworfenes Werk aufzuweisen: die Donaubrücke nach Neu-Ulm hinüber, die in ihrer monumentalen Stattlichkeit so recht zum Ausdruck zu bringen scheint, wie die Ulmer sich einer rühmlichen Vergangenheit und der Pflichten, die sie für die Gegenwart auferlegt, bewußt sind. Ein Altersgenosse Eisenlohrs ist Andre Lambert, französischer Schweizer von Geburt, Schüler von Leins und Viollet le Duc. Die Firma Lambert & Stahl ist weit über Stuttgart hinaus bekannt geworden durch die von ihr herausgegebenen Tafelwerke (das Buch über Alt-Stuttgarts Baukunst wurde schon oben erwähnt); in Stuttgart selbst bleibt ihr Name mit mehreren großen Bauten wie dem Olgabau, dem Haus der Ersten Kammer und einer großen Reihe von Privatbauten verknüpft. Der französische Einschlag in Lamberts Wesen, der ihn nicht hindert, sich in die deutsche Architektur mit feinem Verständnis zu versenken, tritt in der Vorliebe für französisches Barock (Olgabau) und französischen Klassizismus hervor. Im Geiste dieses letzteren ist die repräsentative Erste Kammer, sind auch, mit stärkerer Betonung behaglicher Eleganz, Villen wie die des Dr. Stein gehalten. Gleich dem französischen Schweizer Lambert hat sich auch der Deutsch-Schweizer W. Scholter ganz in Stuttgart naturalisiert. Außer im Privatwohnbau hat er sich auch an einer ausgeprägt modernen Aufgabe der öffentlichen Baukunst betätigt: in dem Krematorium auf dem Stuttgarter Pragfriedhof, einem würdigen, maßvoll geschmückten Bau, der ohne laute Pathetik eine ernste Stimmung atmet.

Der gleichen Generation wie die eben Genannten gehören zwei Hauptvertreter des katholischen Kirchenbaus in Württemberg an: Ulrich Pohlhammer und Josef Cades. Pohlhammer, seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Schwaben tätig, hat in dieser Zeit an sechzig Landkirchen {darunter zwei protestantische) errichtet, nicht nur in den traditionellen Kirchenbaustilen, Romanisch und Gotisch, sondern auch in Spätbarock, und immer bereit, auch moderne Formen mit der Überlieferung in Einklang zu bringen. In Stuttgart selbst hat er die kleine und freundliche Nikolauskirche (im Übergangsstil) gebaut, die sich mit einer ähnlich ungünstigen Situation wie Dollingers Friedenskirche abfinden mußte und statt des Turmes sich mit einem schlanken Dachreiter begnügt. Cades gibt in seinen Kirchenbauten dem romanischen Backsteinbau überwiegend den Vorzug, so in Stuttgart bei der Elisabeth-, in Cannstatt bei der Liebfrauenkirche, die durch die kräftige Gliederung der Massen, die gute Silhouette des Turmes bekunden, daß ihr Erbauer zu dem von ihm gewählten Stil in wirklicher Wahlverwandtschaft steht. — Jüngere Vertreter des katholischen Sakralbaues sind Edmund Capitain, der sich besonders auch der Erstellung von klösterlichen Anlagen widmet (mit Kinderschulen verbundene Schwesternhäuser in Lautlingen, Bühlerzell u. a., Kirche und Ordenshaus für die Gesellschaft Jesu in Grazusw.), und August Koch, der vor allem die Einrichtung kirchlicher Innenräume pflegt; mit feinem Nachempfinden verwendet er dabei oft, wie in dem Saal für die Erzabtei Beuron, die strengen, edlen Formen frühchristlicher Kunst. — Dem Stand der katholischen Kirchenbaukunst in Württemberg im allgemeinen kommt es sicherlich zugute, daß der Bischof von Rottenburg, Dr. von Keppler, ein Mann voll persönlichen regen Kunstsinns und kunsthistorischer Bildung ist, der dem Kirchenbau niemals allzu beengende Schranken ziehen würde. Immerhin wird das Verhältnis zu den historischen Stilen wohl noch auf lange hinaus für den katholischen Kirchenbau ein anderes bleiben als für den protestantischen. Wenn nun aber jener, durch innere und äußere Gründe enger an die Tradition gebunden, mit den von dieser dargebotenen Schätzen in wirklich architektonischem, d. h. raumkünstlerischem Sinn schaltet, wird er ebenso — nicht mehr und nicht minder — wahrhaft sach- und zeitgemäß schaffen wie der protestantische Kirchenbau, wenn dieser sich ehrlich zu der größeren Schlichtheit und Schmucklosigkeit seines Kultus bekennt und diesen Geist sich seinen Körper bauen läßt in wachsender Unabhängigkeit von den mittelalterlichen Formen. Jedenfalls ist für den protestantischen Kirchenbau die Emanzipation von der Vormundschaft der früheren Stile eine äußerst wichtige Tatsache; er ist heute, besonders auch in Württemberg, in ein neues Stadium eingetreten, das mit den Daten dieser Entwicklung in enger Beziehung steht. Und so dürfen wir uns von hier aus dem Neuen zuwenden, das mit voller Entschiedenheit etwa seit Anfang des Jahrhunderts auch in unseren engeren Landesgrenzen sich Bahn brach und hier nicht minder gründlich wie im übrigen Deutschland durchgedrungen ist.

Wieviel es für die Architektur Stuttgarts bedeutet, daß die Stadt der Sitz einer Technischen Hochschule ist, das sollte sich aufs neue besonders klar bei der Berufung Theodor Fischers erweisen. Als Nachfolger Neckelmanns trat Fischer, bis dahin Bauamtmann der Stadt München, 1901 in den Lehrkörper der Stuttgarter Hochschule ein. Bis 1908 hat er hier gewirkt, um dann wieder nach München zurückzukehren. In den Jahren seiner Stuttgarter Wirksamkeit vollzog sich der entschiedene Anschluß der Stuttgarter Baukunst an den neuen Geist besonnenen Fortschritts und innerer Sammlung, der um die Jahrhundertwende, im wesentlichen von München ausgehend, sich in ganz Deutschland auszubreiten begann. Durch seine Lehrtätigkeit wie durch seine Werke, die er während seiner Stuttgarter Zeit innerhalb und außerhalb der württem-bergischen Grenzen und auch noch nach der Rückkehr nach München im Schwabenland ausführte, hat Fischer viel dazu beigetragen, daß jener Anschluß sich so rasch, mit klarer Orientierung und gründlich eingreifend vollzog. Er hat sich damit ein dauerndes Heimatrecht in Schwaben und in der schwäbischen Kunstgeschichte erworben. Das ist aber nur darum möglich geworden, weil sein Wesen der schwäbischen Art und speziell der volkstümlichen Baugesinnung des kleinen, aber von reicher und mannigfacher Kulturüberlieferung durchdrungenen Landes innerlichst verwandt war. Den Sohn der alten fränkischen Reichsstadt Schweinfurt, die nicht bloß in dem prächtigen Rathaus noch Spuren und Erinnerungen ihrer Vergangenheit trägt, mußte der klassische Boden alten Reichsstadtwesens von vornherein heimisch und vertraut anmuten, um so mehr, als es gerade die Sprache der Architektur ist, in der uns diese Städte am schönsten und eindringlichsten von ihrer Geschichte erzählen. Für sein wohlbedachtes Streben, zunächst vor allem die bürgerliche Baukunst wieder auf die Grundlage gesunder Volkstümlichkeit, ruhigen, wahrheitliebenden Selbstbewußtseins stellen zu helfen, fand Fischer in Schwaben und auch speziell in Stuttgart günstigere Vorbedingungen an den alten Architekturdenkmälern als in München, dessen heimatlicher Privatbau im Gegensatz zu den prächtigen Werken vornehmer Barock- und Rokokokunst in früheren Jahrhunderten keine hohe Stufe erreicht hatte. Das schwäbische Giebelhaus, Straßenaulagen und Stadtbilder — in allem traf er auf Grundbestandteile seines eignen künstlerischen Wollens. Es muß aber gerade in diesem Zusammenhang betont werden, daß dies Wollen mit dem oft mißbrauchten und darum verdächtig gewordenen Wort ,,Heimatkunst“ auch nicht annähernd umschrieben oder erschöpfend bezeichnet werden kann. Wer sich die Mühe nimmt, sich von den Arbeiten Fischers aus den bildlichen Veröffentlichungen eine zusammenfassende Anschauung, einen allgemeinen Überblick zu verschaffen, der muß, wenn er überhaupt für Architektonisches Blick hat und wenn ihm der Blick nicht durch Unsachliches getrübt ist, bald erkennen, daß hinter und über den jeweils wechselnden Formen, durch die Fischer die Beziehung seiner Bauten zu ihrer Umwelt und deren örtlichen und geschichtlichen Überlieferungen knüpft, ein fester, einheitlicher Formwille von einer fast abstrakten Klarheit und Bestimmtheit steht, dem es zunächst und vor allem um die ursprünglichsten, wesentlichen ünd unvergänglichen Elemente baukünstlerischen Schaffens zu tun ist. Das Bauwerk als dreidimensionales Gebilde durch die Verteilung der kubischen Massen, durch die Richtung der Flächen gegeneinander und ihre harmonische Binnengliederung, durch großen Umriß, Gleichgewicht der Maße zu einer lebendigen, zugleich anregenden und beruhigenden Bildvorstellung fürs Auge zu gestalten, dies etwa ist die künstlerische Tendenz Fischers in allgemeinster Formulierung. Aus der streng sachlichen Erfassung des praktischen Zwecks und aus der Rücksicht auf die architektonische und landschaftliche Umgebung erwachsen die Grundlinien der baumeisterlichen Konzeption; aus dem Streben, Massen und Flächen zu voller Wirkungsmöglichkeit sich ausleben zu lassen, ergibt sich die Notwendigkeit, au! allen rein äußerlich hinzugetanen Schmuck zu verzichten, nur die funktionell wichtigsten Bauteile, die an sich schon die Fläche unterbrechen, dekorativ zu betonen, desto stärkeren Nachdruck aber auf gute Proportionen zu legen, die so viel entscheidender sind für den ästhetischen Gesamteindruck als die reichste nachträgliche Dekoration. Monumentalität wird erreicht nicht durch große Abmessungen an sich, durch gleichmäßige Steigerung aller Bauglieder ins ..Überlebensgroße*‘, sondern gerade durch den Gegensatz zwischen den bescheidenen Abmessungen einzelner Teile und der Größe des Ganzen (Ulmer Garnisonskirche: der Bogen zwischen den beiden Türmen, unter der Glockenstube, würde nicht so gewaltig wirken, wenn nicht die fast lukenartig klein erscheinenden Fenster in den Türmen und die etwas größeren Öffnungen der Glockenstube sich als Maßstab darböten. Ähnlich wird die Wucht der breitgelagerten Fassade der Stuttgarter Heusteigschule veranschaulicht durch die relativ kleinen, zierlich gestalteten Korridorfenster im ersten und zweiten Stock des Mitteltrakts). Eindrucksvoller als durch strenge Symmetrie werden Baumassen gegliedert durch die Verbindung von symmetrischen und unsymmetrischen Teilen (Pfullinger Hallen: die dem Konzertsaal vorgelagerte Fassade symmetrisch, der Turnhallenflügel seitlich angefügt) oder durch Aufhebung der Symmetrie zugunsten eines freien Gleichgewichts (Heusteigschule: vorspringender Anbau am nördlichen, rücktretender am südlichen Flügel). Wie die Größe einer Mauerfläche durch wenige und kleine Öffnungen gesteigert wird, so wird sie innerlich belebt durch die Verteilung der Fenster, durch deren verschiedene Anzahl oder verschiedene Höhe in den einzelnen Stockwerken (Pfullinger Hallen, Konzertsaalfassade: ein dreifach gegliedertes Fenster im Giebelaufsatz, fünf große, fast quadratische Fenster im Ober-, sieben kleinere mit Bogenabschluß im Haupt-, neun kleine im Untergeschoß. Gartenfassade des Hauses Wilbrandt in Tübingen: über den Wölbungen des Untergeschosses Haupt- und Obergeschoß zu einer quadratischen Fläche zusammengefaßt; die sehr hohen Fenster des unteren, die niedrigeren des oberen Stockwerks ergeben einen lebhaften Gegensatz, eine Verjüngung, die auf den doppelt geschwungenen Giebel mit der dreigeteilten Loggia vorbereitet). Den Ausmaßen und Proportionen eines und desselben Baues muß immer eine Art durchgehender Maßeinheit, etwas wie ein gemeinsamer Schlüssel zugrunde liegen, und diese Grundnorm wieder bestimmt sein durch die einheitliche Richtungstendenz, die aufstrebend, vertikal, oder lagernd, horizontal, sein kann oder wohl auch beide Richtungen balanciert — eines der wichtigsten Gesetze: sehr oft werden wir, wenn trotz manchen sonstigen Vorzügen ein Gebäude der rechten Haltung und festen Physiognomie zu entbehren scheint, bei näherem Zusehen erkennen, daß dieser Mangel auf das Fehlen der bestimmten Richtungstendenz zurückzuführen ist (aufstrebende Tendenz z. B. Garnisonskirche Ulm, Haus Wilbrandt in Tübingen; lagernde Tendenz: Pful-linger Hallen, Erlöserkirche Stuttgart, Kunstgebäude; beide Tendenzen zu gegenseitiger Steigerung ausgeglichen an der Heusteigschule).

All diese Grundsätze jedoch sind von sehr allgemeiner, ja abstrakter Natur; sie reichen noch durchaus nicht hin, einem Bauwerk persönlichen Stil zu geben, und sie könnten leicht — worin überhaupt für den Künstler und für Künstlerschulen die Gefahr völlig klaren theoretischen Bewußtseins liegt — zu einer Schaffensart von akademischem, lehrhaft-nüchternem Charakter führen. Aber andererseits geben sie den verschiedenartigsten Persönlichkeiten Halt und Raum zum Ausleben ihres Wollens; ein so ausgesprochen moderner Architekt wie der Holländer Berlage bekennt sich in Wort und Werk ebenso zu ihnen wie Fischer, der seinerseits oft genug, in Erfüllung des französischen Satzes: ,,On est toujours le reactionnaire de quelqu’un“, für einen Konservativen oder Romantiker angesprochen wird. Wären es romantische Gefühlswerte, gegenwartfeindliche Stimmungen, die unseren deutschen Baumeister zu den Werken altheimischer Überlieferung hinziehen, so würde sich das verraten durch das nie zu verbergende Stigma alles Nachempfindens und Nachahmens, die äußerliche und die allzureichliche Herübernahme sekundärer Stileigentümlichkeiten und Zierformen. Nichts liegt der Art Fischers ferner als ein solches Zuviel; ist es doch gerade seine Einfachheit, sein sachlicher Ernst, was viele befremdet — die Abwesenheit alles rein Dekorativen, das noch immer von der Herrschaft der alten Stile her häufig genug so ungefähr als das eigentliche Wesen der Architektur angesehen wird. Das gefühlsmäßige Band zwischen Fischer und den kräftig volkstümlichen Werken deutscher Vergangenheit ist die Stammesgemeinschaft und -eigenart, also gerade das, was sozusagen das ewig Gegenwärtige in den verschiedenen Generationen eines Volkes ausmacht; die bewußte Einsicht stärkt dieses Band, weil sie in jenen Werken die Erzeugnisse eines vernünftigen, sachgemäßen, von innen heraus künstlerischen Schaffens erkennt. Weil aber die allgemeine Baugesinnung, das Elementare der nationalen Formensprache ihm das Wichtige ist, mußte es ihm auch ganz fern liegen, theoretisch oder praktisch eine bestimmte einzelne Stilphase der Vergangenheit als Ausgangspunkt einer neuen Tradition aufzustellen. Daß Fischer in seinen ersten Arbeiten sich an das damals in Flor stehende ,.süddeutsche bürgerliche Barock“ hielt, darin liegt kein theoretisches Glaubensbekenntnis, kein Faktum von programmatischer Wichtigkeit; er marschierte eben, ehe er den eigenen Weg gefunden hatte, rüstig und unbefangen in der Schar der anderen mit. Es ist nie die Art wirklich schöpferischer Menschen gewesen, das Drama ihrer Entwicklung mit einem Monolog zu eröffnen, in dem sie erklären, sie seien gewillt, Welterneuerer zu werden.

Als Fischer seine Wirksamkeit in Stuttgart begann, stand er längst in voller Reife und Eigenart; davon zeugt das lebendige Fortwirken seiner Lehre an der Hochschule und die vorbildliche Kraft seiner in diesen Jahren entstandenen Werke. Deren Zahl ist in Schwaben freilich nicht sehr groß; der imposante Entwurf für ein neues Waisenhaus, in gewissem Sinn ein Gegenstück zu der damals entstandenen Universität Jena, scheint für immer in jener Krypta der Architektur beigesetzt und verschollen zu sein, von der im Anfang dieses Kapitels die Rede war. Im Auftrag der Stadt Stuttgart, die er außerdem in Bebauungsfragen beraten hat, die Schule an der Heusteigstraße; für Heilbronn ein Stadttheater; im Auftrag der Krone das Kunstgebäude am Schloßplatz; drei Kirchenbauten — damit ist im wesentlichen die Liste der öffentlichen Aufträge erschöpft. Doch gab es eine gute Fügung, daß unter Fischers schwäbischen Bauten nahezu alle wichtigeren typischen Bauaufgaben der Gegenwart vertreten sind: neben dem Theater die Kirche, die große städtische (Heusteigschule) und die kleine ländliche Schule (Binsdorf, Höfen); Häuser, die der Pflege der Kunst und der Kulturerziehung des Volkes dienen sollen (Pfullinger Hallen; Gustav- Siegle – Haus, Kunstgebäude in Stuttgart) ; Einzelwohnhäuser, Miethäuser und Villen sowie eine ganze dörfliche Ansiedlung (die Arbeiterkolonie Gmindersdorf bei Reutlingen); ja auch ein Lagerhaus (in Ostheim) und ein Zeitungskiosk (der Wildtsche vor dem Wilhelmsbau). — Das Stadtwohnhaus des Chirurgen Zeller in Stuttgart ist die Fortbildung des altschwäbischen Giebelhauses ins Vornehme, Zierliche; der köstliche Erker und die Haustür mit plastischem und schmiedeeisernem Schmuck erinnern an das Prinzip: Sammlung des Dekorativen auf wenige bedeutsame Punkte. Die Miethäuser mit Kleinwohnungen an der Weberstraße, 1906 von dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen errichtet, schlugen den Ton an, der dann in dem umfangreichen Werk der Altstadtsanierung kräftig weiterklang. Mit der Heusteigschule hat Fischer die Reihe jener imposanten Schulhäuser, der Hauptwerke seiner ersten Münchener Zeit, fortgesetzt und als erster in Stuttgart gezeigt, welche Möglichkeiten monumentaler Baugestaltung den mächtigen Massen einer großen modernen Schule zu entlocken sind. — Die drei Kirchen greifen, wie schon die Schwabinger Erlöserkirche, nur in noch mehr vereinfachter und geschlossener Form, das Problem des protestantischen Sakralbaues vom entscheidenden Punkt aus an, der schon von den Architekten des 18. Jahrhunderts gefunden, in der Zeit der historischen Bauweisen aber wieder vergessen worden war: Fortlassen der Bauteile, die für den katholischen Kult nötig, für den protestantischen überflüssig sind, konsequente Ausbildung des Kirchenraums zum Predigt- und Betsaal. Damit fallen freilich viele äußeren Stützen für den Architekten, und er ist ganz auf sein eigenes inneres Verhältnis zu den Fragen des Innenlebens und zu den Kernfragen seiner Kunst angewiesen, wenn er dem Gotteshaus Größe, Würde und Feierlichkeit geben will. Das künstlerisch Entscheidende ist auch da wieder die Stärke des Raumgefühls, des raumschöpferischen Könnens, das unabhängig von den wirklichen Abmessungen durch seine Gebilde die Empfindung des Weiten, Erhebenden, Kraftvollen und Innigen hervorzurufen vermag. Die Gaggstadter Dorfkirche, die Erlöserkirche in Stuttgart und die Ulmer Garnisonskirche bedeuten in dieser Hinsicht vollkommene Lösungen. Hell und doch voll Stimmung in der Lichtzuführung, bescheiden im Maßstabe (wenigstens die beiden ersten), dabei aber von jener Harmonie der Verhältnisse, die dem Auge wohltut und die Brust unwillkürlich tiefer atmen läßt, sind sie eben doch, wie um eine von anderer Seite gewählte antitheti-scheFormulierungdes protestantischen und des katholischen Kirchenbaus zu entkräften , nicht nur Gemeindesäle, sondern Gotteshäuser. — Die schlichte und doch in kraftvoller Silhouette das freundliche Dorfbild beherrschende Kirche vonGaggstadt, mit der gleichen Anordnung der Glockenstube über großem Entlastungsbogen zwischen den Türmen, wie sie dann gesteigert sich in Ulm wiederholt, die Erlöserkirche, die sich mit ihrer geschlossenen Massigkeit gegen den steilen Hang, andern sie steht, zu stemmen scheint; endlich die Garnisonskirche in Ulm, die mit so weisem Bedacht jeden Anklang an die gewaltige Erscheinung des Münsters vermeidet und gerade dadurch neben diesem aus eigener Kraft zu bestehen vermag; reich an originellen Lösungen und Einzelzügen, das Innere mit der weiten Spannung der flachgewölbten Decke ein mächtiger Eindruck, trotzdem hier einige rein dekorative Einzelheiten im Maßstab vergriffen sind. — Handelte es sich bei diesen drei Werken um Festlegung und Ausgestaltung eines bestimmten, durch praktisch-geistige Zwecke geforderten Bautypus, so war in den weltlicher Erbauung und gemeinsamer Kulturpflege gewidmeten Bauten jedesmal eine durchaus eigene, neue Lösung zu finden, dem künftigen Gebrauch und dem Stifterwillen entsprechend. Die Pfullinger Hallen, eine großmütige Schenkung des kunstfreundlichen Privatiers Louis Laiblin an seine Vaterstadt, vereinigen einen Musik- und einen Turnsaal sowie einige kleinere Beratungsräume. Neben den Künstlern, die den Musiksaal mit großen, an anderer Stelle dieses Bandes besprochenen Wandmalereien schmückten, hat Eduard Pfennig Turnhalle und Vorräume anmutig dekoriert. Der Musiksaal, zugleich für kleine Bühnenaufführungen verwendbar, ist ein schon durch seine Maße und das seitliche Oberlicht feierlicher und festlicher Raum, dessen bauliche Harmonie auch die unter sich so verschiedenen, zum Teil noch kühn experimentierenden Wandbilder zu einem starken, reinen Akkord zusammenstimmt. Nicht mindere Beachtung verdient es, wie das Äußere des Hauses mit dem langgedehnten Hauptfirst und der Schrägung des Walmdachs sich den Bergen des Hintergrundes anpaßt, wie es in seiner ganzen heiter-ernsten Ruhe aus dem Wesen der lieblichen Alblandschaft heraus erwachsen scheint. In eine ganz anders geartete Umgebung war das Gustav-Siegle-Haus, eine Stiftung der Hinterbliebenen des bedeutenden Großindustriellen, einzufügen — hinter der altehrwürdigen Leonhardskirche, in einer Gegend der Altstadt, wo gute altbürgerliche und völlig gleichgültige neuere Bauweise in den Straßen Unvermitteltnebeneinander stehen. Den Grundton gab natürlich die Kirche an; vortrefflich stimmt zu ihr die schmale nördliche Fassade mit der überdachten zweiarmigen Freitreppe, die zugleich an alte Rathäuser und an das nur noch in wenigen Resten zu den Augen der Stuttgarter sprechende Lusthaus Georg Beers, eine der reichsten Schöpfungen der deutschen Renaissance, erinnert: eine Reminiszenz, die praktisch vollauf darin begründet ist, daß auch das Siegle-Haus seinen eigentlichen Kern- und Hauptinhalt, den großen Vortrags- und Musiksaal, im Obergeschoß birgt, was denn die Freitreppe sogleich schon jedem sich Nahenden ankündigt. Aber neben dem großen und kleinen Saal waren noch mancherlei ganz disparate Dinge im Haus unterzubringen: im Erdgeschoß ein großes Postamt, in den oberen Stockwerken, zum Teil im Dachgeschoß, gegen Süden und Westen zu, Vereinsund Bureaulokalitäten, Hausmeisterwohnung usw. Es widerstrebt Fischers Art durchaus, diese verschiedenen Zweckbestimmungen durch uniformierende Einzwängung in einen symmetrischen Baublock und hinter gleichmäßig durchgeführten Fassaden zu verbergen. Mit voller Konsequenz vom Innern heraus bauend, schuf er ein Werk von überraschender Mannigfaltigkeit und sachlicher Größe. Am imposantesten wirken ins Weite die beiden durch eine kleine Terrasse und Balustrade verbundenen hohen Giebel der Westseite, die über ein paar kleine alte Giebelhäuser in die Eberhardstraße hineinblicken. Den beiden Längsfassaden geben hohe, schlanke Fenster, die östlichen den großen Saal direkt, die westlichen einen ihm seitlich vorgelagerten, gapz in Weiß gehaltenen Vorraum und den kleinen Saal erhellend, etwas Repräsentatives, während andere, klein gehaltene Fenster, besonders hoch oben an der Südseite, die Mauerflächen mächtig groß wirken lassen. Der große Saal betont mit den Bogenstellungen und Fensterreihen der Längsseiten energisch die Richtung nach dem großen Podium hin, das auch für eine kleine Bühne Platz bietet, und wirkt sowohl durch diese stark ausgeprägte Richtungstendenz wie durch die reiche Gliederung und ruhige Farbigkeit der ornamentalen Bemalung (wieder von E. Pfennig ausgeführt).

Bleibt mit den Pfullinger Hallen der Name L. Laiblins ehrenvoll verknüpft, ist das Gustav-Siegle-Haus ein würdiges Denkmal des Mannes, dessen Namen es trägt, so bildet, zusammen mit dem gleichzeitig entstandenen Doppelbau der Kgl. Hoftheater, der großzügigsten aller modernen Theateranlagen, das Kunstgebäude am Schloßplatz ein architektonisch nicht minder wertvolles Zeugnis edlen königlichen Mäzenatentums. Heute erfreut sich das Werk Max Littmanns, imponierend schon als Gesamtanlage, in seiner Formensprache ohne weiteres verständlich, gehoben durch die einzige Gunst der schönen Umgebung, einer Popularität, wie sie in solchem Maße dem Kunstgebäude vielleicht nie zuteil werden wird. Trotzdem und trotz einzelnen Mängeln, die ihm anhaften, darf man die Prophezeiung wagen, daß auch dies viel — und oft unendlich töricht — geschmähte Haus immer mehr anerkannt werden wird als die wohldurchdachte, an glücklichen Baugedanken reiche Schöpfung eines ernsten und reifen Künstlers, der sich der Bedeutung wie der Schwierigkeiten seiner Aufgabe bewußt war, als der richtige Abschluß der den Schloßplatz umgebenden Gebäude, als würdiges Heim der bildenden Künste. — Es sei ohne weiteres zugegeben, daß das Bauwerk nicht in allem vollkommen ist (welches Gebilde von Menschenhand wäre das?); das schräge Dach, aus dem der Kuppelbau sich erhebt, bietet nicht von überall günstige Ansichten, die vielen kleinen Dachluken machen die Front nach der Theaterstraße unruhig. Aber diese Mängel kommen nicht ernsthaft in Betracht gegenüber all dem Feindurchdachten und Wohlgeglückten: die unübertreffliche Diskretion, mit der‘ die Bogenhalle am Schloßplatz in ihren Ausmaßen und Verhältnissen gegen Masse und Aufteilung des Residenzschlosses abgewogen ist; die schwingende Leichtigkeit der Säulen und Bogen dieser Ha’le, ihre edle Ruhe, die, auch wenn sie erst, wie es dem Architekten vorschwebte, durch statuarischen, Relief-und Bildschmuck belebt ist, doch immer in so feiner Unterordnung auf das reiche, zierliche Wesen des Schlosses vorbereitet, wie die Säulenreihe perspektivisch den Blick auf dieses als auf die architektonische Krönung und Seele des ganzen Platzes hinführt und wieder einen ausgleichenden Übergang schafft zwischen dem Schloß und dem Olgabau, der, ursprünglich auf das Hoftheater ausbalanciert, zu schwer wirken mußte, nachdem dieses niedergebrannt war. Sowohl die Grundrißanlage wie die Rücksicht auf das Gleichgewicht der Baumassen brachte es mit sich, daß die Kuppel ein nicht unbeträchtliches Stück hinter die Front zurücktritt; in ihrem schlanken Aufwärtsstreben bildet sie trotzdem die notwendige Ergänzung zu der breiten Lagerung der Halle und schließt sich eben durch diesen Kontrast mit ihr zur optischen Einheit zusammen. Die Abschlußmauer des großen Hofs nach den Anlagen zu wird mit ihrer anmutigen Brunnenecke, den (noch nicht ausgeführten) kleinen Reliefs und nicht zuletzt mit den zierlichen Proportionen, in denen die Flächen gegliedert sind, die Augen wenigstens einer späteren Generation erfreuen, die wieder empfänglich geworden sind für die Reize der Einfachheit. — Was das Innere betrifft, so hat der große Kuppelsaal sich als Festraum schon glänzend bewährt und wird sich, dank dem schönen, gleichmäßig milden Licht aus der großen Laterne, die zugleich den Anlaß zu höchst origineller und kühner Ausbildung der Decke gab, nicht minder als Ausstellungsraum bewähren. In angenehmem Wechsel von Raumgestaltung und Farbe gruppieren sich um dies Zentrum die übrigen für die Zwecke der Kunst bestimmten Säle und Kabinette. Die Restaurationsräume, die Klubzimmer des Künstlerbundes, durchweg von Stuttgarter Künstlern und Architekten (W. Weigel, Schmoll von Eisenwerth, Paul Lang, Eduard Pfennig, Oskar Pfennig, Pellegrini u. a.) ausgestaltet und geschmückt, sind ebenso vornehm wie intim; kleine Meisterschöpfungen des Baumeisters selbst endlich noch die beiden Höfe, jeder für sich von besonderem Stimmungsreiz und eigener Individualität.

Ohne daß unser Urteil von der Selbstzufriedenheit des Lokalpatrioten und Zeitgenossen bestochen wäre, dürfen wir sagen, daß Württemberg sich heute einer wirklichen Blüte seiner heimatlichen Baukunst erfreut. Nicht allein Werke einzelner Meister bezeichnen diese Blüte; das Niveau im ganzen hat sich beträchtlich gehoben. Wir haben einmal wieder etwas wie eine allgemeine architektonische Kultur in Schwaben; die Architektur ist Ausdruck und mitschaffender Faktor einer Zeitstimmung und einer Kulturtendenz geworden, die dem Einfach-Gediegenen, dem unaufdringlich Vornehmen zustreben, die dem, was Volkswohlstand und technische Vervollkommnung bieten, solche Form geben wollen, daß es mit‘ den Anforderungen gesunder Natürlichkeit und mit der Umwelt der heimatlichen Landschaft und Überlieferung ohne Zwang und ganz aus sich heraus harmoniere. In der Hauptstadt selbst, aber nicht minder in den anderen Städten und in den Dörfern des Landes, überall sind neue Bauten entstanden oder im Entstehen, die nicht sowohl bestimmte Stilarten mehr oder minder treu und glücklich nachahmen, als vielmehr selbst Stil haben, d. h. ein gewisses, der ganzen Zeit gemeinsames Empfinden in einer zweck- und kunstgemäßen, konkreten Art veranschaulichen. Dieser Stil hat nichts mit jener Übeln Heimatkunst zu tun, die etwa Bahnhöfe als Rittersitze oder als strohgedeckte Fischerhütten maskiert, wenn in der Nähe einmal ein Raubritternest oder ein Fischerdorf gestanden hat; aber ebensowenig mit jenem programmatischen „Jetztzeit“-Dünkel, der meint, weil wir im Zeitalter des alles verbindenden und nivellierenden Verkehrs stehen, dürfe oder müsse ein Bahnhof genau so aussehen wie der andere. Was die Welt schön macht, ist das, wodurch sich ein Land, eine Gegend von den anderen unterscheidet; und diese naturgeschaffene Schönheit im Vielartigen soll die Architektur achten und bewahren, nicht verwischen und zerstören. Der prächtige Sammelband von Gradmann und Schmohl, ,,Volkstümliche Kunst aus Schwaben“, gibt an den verschiedensten Beispielen aus fünf und mehr Jahrhunderten ein Gesamtbild schwäbischer Baukunst — und dies Bild ist bei allem individuellen Reichtum von überraschender Einheitlichkeit in den Grundzügen. Die verschiedenen historischen Stile liegen nur wie ein dünnes, einfaches, knapp geschnittenes Gewand auf dem Leib des Stiles schwäbischer Volks- und Landesart. Es ist dieser innerliche, bleibende Stil, den der von außerhalb der Landesgrenze kommende Th. Fischer in seiner Einheit erfaßte, persönlich weiterbildete und als Vorbild in das Bewußtsein seiner Fachgenossen zurückrief.

Hierfür war es eine günstige Konstellation, daß bei Fischers Eintritt in Schwaben die ganze Entwicklung schon in neuen Fluß gekommen war. Der wachsenden Großstadt stellte die Gegenwart neue Aufgaben auf gemeindlichem wie auf privatem Gebiet, die neue Mittel forderten. Wir sehen, wie z. B. beim Rathausneubau von Vollmer und Jassoy der künstlerische Bearbeiter, Heinrich Jassoy, noch auf die Gotik, als den für Rathäuser nun einmal sanktionierten Stil, zurückgreift, wie er aber, im Gegensatz etwa zu Hauber-risser bei seinem Münchener Rathaus, den historischen Stil durchaus den Gebrauchsbedürfnissen unterordnet und anpaßt und so einen Bau schafft, der durch gute Haltung und Zweckmäßigkeit für das entschädigt, was er durch Zerreißung des herrlichen alten Stadtbildes am Markt den ästhetischen Werten Stuttgarts rauben mußte. — Wie der aus Berlin berufene Jassoy gehört auch eine Reihe einheimischer Architekten, die etwa um die Mitte der neunziger Jahre selbständig hervortreten, zeitlich der gleichen Generation wie Fischer an: so Bihl und Woltz, Böklen und Feil, Karl Hengerer. Bihl und Woltz haben mit dem Friedrichsbau wohl zuerst jenen damals neuen Typus des ausschließlich für öffentliche Lokalitäten, Kontors und Bureaus bestimmten Cityhauses in Stuttgart erstellt, in den weit ausladenden, die Flächen auflockernden Formen des süddeutschen Barock, massig und stattlich als Ganzes; einige Jahre später für Tietz das erste große Warenhaus neuen Stils, mit dem die Umgestaltung der Königstraße in eine spezifisch moderne Geschäftsstraße begonnen hat. Das reich gotisierende Marienhospital, das Haus der Württem-berger Zeitung, das in freundlich ländlicher Art gehaltene Rathaus des aus der Asche neuerstandenen Binsdorf und das in den strengen, einfachen Linien des Klassizismus gehaltene Rathaus in Schramberg, das Kaufhaus Bletzinger am Stuttgarter Marktplatz, dem altertümlichen Milieu sich anpassend, und der Bahnhof Feuerbach — das sind einige Beispiele für die vielseitigen Leistungen der Baufirma und zugleich für die Vielartigkeit der Aufträge, die heute an einen und denselben Architekten herantreten. — Ein ebenso buntes Bild zeigt etwa auch das Schaffen Albert Eitels, der zunächst (seit 1899) hauptsächlich Villen in reicherer und einfacherer Haltung erbaute, von denen manche zu den besten Leistungen des Stuttgarter Eigenhausbaues gehören und vorbildlich gewirkt haben. In dem Wirtschaftsgebäude für den Kursaal Cannstatt und der Villa des Freiherrn von Gemmingen knüpfte er mit feinem Gefühl an den Klassizismus an, dort in der Form seines biedermeierischen Ausklingens, hier in der Vornehmheit des Louis XVI. Mit demselben sicheren Geschmack trat er dann an das Problem des modernen Geschäfts- und Kaufhauses heran: der Bau für die Württembergische Metallwarenfabrik in der Königstraße, der stärker, als es der Tietzbau getan, die Vertikale betont und so, zum Teil auch dank der echt materialgemäßen Behandlung des schönen Kalksteins der Fassade mit ihrem eng im Rahmen der Architektur sich haltenden Statuenschmuck von Wrba, eine monumentale Wirkung erzielt; das noch originellere Warenhaus Knopf in der Marienstraße mit der Kupferverkleidung der unteren Stockwerke, der Verblendung der oberen mit dunkel glasierten Backsteinen, das wieder mehr die Horizontale zur Geltung kommen läßt; endlich der Romingerbau, in hellem Haustein, dessen reichverzierte Fassade gleichfalls, aber nicht ganz mit derselben glücklichen Wirkung, mit horizontaler Tendenz ausgebildet ist. Wie die beiden letztgenannten aus der Firma Eitel & Steigleder hervorgingen, zu der sich Eitel mit Eugen Steigleder zusammengeschlossen hatte, so auch der wohlgegliederte, mit seinen einfach verzierten Verputzfassaden freundlich wirkende Neubau des Karl-Olga-Kranken-hauses an der Hackstraße und — wieder eine ganz heterogene Aufgabe — das Stuttgarter Schauspielhaus, das, im Gegensatz zu der imposanten Weiträumigkeit der neuen Hoftheater, einen Rekord an ökonomischer Ausnutzung eines für den Zweck äußerst knapp bemessenen Raumes in meisterhafter Grundrißlösung darstellt. Der eigentliche Theaterbau tritt an die Straße nur mit dem Foyer hervor, dessen elliptisch geschwungene Fassade darum durch reichen plastischen Schmuck (von Bredow) stark betont wurde. — Doch um die einzelnen Architekten oder Baufirmen nach ihren Leistungen durchzugehen und zu charakterisieren, dazu wäre ein breiterer Raum nötig, als hier zur Verfügung steht. Seien hier einige genannt, deren Arbeiten, verschiedenen Gebieten angehörig, wir dann bei einem mehr allgemein gehaltenen Überblick wieder begegnen werden: so CI. Hummel & E. Förstner, P. Schmohl & G. Staehelin, Richard Dollinger, H. Schlösser & H. Weirether, F. E. Scholer, P. Irion, H. Henes, E. Suter & E. Liedecke. Ihnen schließt sich zeitlich, teils in gleichem Alter mit den letztgenannten, teils einer um weniges jüngeren Generation zugehörig, der Kreis der Fischerschüler an: Paul Bonatz, Fischers Nachfolger an der Technischen Hochschule, Hans Daiber, Martin Elsäßer, W. Fuchs, W. Klatte & R. Weigle, Alfred Fischer, jetzt Direktor der Kunstgewerbeschule in Essen, der bei dem Wettbewerb um das rheinische Bismarckdenkmal den zweiten Preis davontrug, Oskar Pfennig, der schon als künstlerischer Mitarbeiter Ludwig Eisenlohrs genannt wurde, und andere, die teilweise noch zu nennen sind.

Es ist diese jetzt in voller Schaffenskraft stehende Generation, die in den künstlerisch ernsten — oder, wie der heute vielgebrauchte Ausdruck lautet: anständigen — Arbeiten der unmittelbaren Gegenwart zu Worte kommt und dieser die bezeichnende Marke aufdrückt. Man könnte von ihnen wohl sagen: es sind vielerlei Gaben, aber es ist ein Geist; und wenn dabei das Vielerlei der Gaben auch stark zu betonen wäre, eine gewisse Einheitlichkeit des Geistes ist nicht minder sicher festzustellen. Wir finden ihn täglich in den besseren Leistungen des städtischen Miethausbaues, der den gewohnten Typus: im Erdgeschoß Laden, Restaurant und dergleichen, in den oberen Stockwerken Wohnungen, zu erstellen fortfährt; und wir erkennen ihn hier schon aus der geschmackvoll ruhigen Fassade, die entweder schöne Hausteinverkleidung mit sparsam angebrachter, technisch vortrefflicher Schmuckplastik oder kräftig behandeltem Verputz, breite, aber nicht plumpe Erker und Giebelaufbauten trägt, während die ödfarbigen Verblendbacksteine, die protzig sinnlose Abwechslung des Backsteins mit Werkstein, die rein dekorativ aufgepappten Kulissenerker und -giebel und anderer Stilfirlefanz immer seltener werden. Als Beispiel dieses neuen, erfreulichen Typus mag das hier abgebildete Miethaus von Friedrich Mößner dienen, der den gleichen guten Geschmack wie bei derartigen Etagenhäusern, so auch bei vornehmen Einzelwohnhäusern betätigt. Außerordentlich zugute kommt es dem Stadthausbau, daß die neue Bauordnung manche schädigende Bestimmung, wie den Bauwichzwang, aufgehoben hat, so daß nun endlich wieder die Straßenwände als einheitliche, große Flächen wirken können und besonders dann auch so ausgebildet werden, wenn künstlerisch zugängliche Unternehmer ein größeres Terrain gleichzeitig bebauen. — Der Fortschritt ist noch deutlicher sichtbar und kommt, in höchst wohltuender Wirkung, noch stärker der anmutigen Umgebung Stuttgarts zugute in der Architektur des Einzelwohnhauses, der einfacheren wie der luxuriöseren Villa. Einige Leistungen dieser Art wie von Eisenlohr & Pfennig (von letzterem allein rührt z. B. das Haus Abt in Schorndorf her), von Eitel & Steigleder sind schon genannt worden. Eine naturgemäß nicht geringe Anzahl Architekten wendet dieser dankbaren Spezialität ihre Haupttätigkeit zu: CI. Hummel & Ernst Förstner, die außerdem z. B. das große, gleichzeitig Geschäfts-, Wohnungs- und Vereinszwecken dienende Haus der „Bauhütte“ und den geräumigen, freundlichen Bau der Heilanstalt Kennenburg geschaffen haben, geben mit Vorliebe ihren Villenbauten etwas Ländlich-Behäbiges, der umgebenden Natur sich Anschmiegendes, Schlösser & Weirether den ihren eine straffe, zurückhaltende Eleganz, die teils an Messel erinnert (Villen Hatt, G. von Müller), teils an die fürstliche Architektur der Herzog-Karl-Zeit anknüpft, so in dem Palais der Freifrau von Reitzenstein, das wuchtig von der Höhe der Heinestraße ins Tal blickt. Wie dies Palais mit seinen kleineren Vor- und Nebenbauten ganz an die Schloßanlagen des 18. Jahrhunderts erinnert, so haben auch wieder umfangreiche Villen in besonderen Einzelheiten an jene Tradition angeknüpft. An die Villa von Gemmingen haben Eitel & Steigleder eine große Wandelhalle in Gestalt eines Säulenganges angeschlossen, im Garten der von Gnauth erbauten, für seine Art und Zeit besonders bezeichnenden Villa Siegle ein im Grundriß höchst originelles Teehaus, das zugleich als Gartenwohnhaus dienen kann, errichtet. In dem Park seiner Villa Weißenburg hat dann Geheimrat von Sieglin einen organisch verbundenen Komplex von Gartenbaulichkeiten anlegen lassen: ein elliptischer, kuppelgekrönter Pavillon mit Umgang spiegelt sich in einem großen, als Schwimmbassin benutzbaren Wasserbecken, auf der anderen, dem Tal zugewandten Seite ist ihm eine Terrasse mit Tennisplatz vorgelagert, unter der ein großer kühler Gartensaal sich öffnet. Freitreppen, Statuen, Reliefe und eine große freistehende Säule vervollständigen die ganze Anlage, deren Schöpfer Heinrich Henes damit auch in Stuttgart, wo er als Professor an der Baugewerkschule tätig ist, als Architekt hervortritt, während er auswärts, z. B. in der pfälzischen Stadt Frankenthal, schon größere Aufgaben (Kreismuseum, Friedhofsbauten, Rathaus) mit viel Glück gelöst hat. Von der großen Zahl Villen, die Schmohl &Staehelin gebaut haben, seien nur das Haus Leins in Stuttgart und das burgartige, von hohem Aussichtsturm überragte Haus Junghans in Schramberg genannt. Wie sich Eitel, Förstner, Hummel selbst ihre Häuser gebaut, so z. B. auch Fritz H ornberger das seine in Korntal, mit dem er durch die echt baumeisterliche, dabei schlicht anheimelnde Art, wie das Eingeschossige des Hauses betont und ausgebildet ist, sich als trefflicher Schüler Th. Fischers ausweist; Paul Bonatz, der auch in seinem eigenen Heim das Streben nach Großzügigkeit und Eleganz glücklich zum Ausdruck bringt; Martin Elsäßer, der sich und dem Maler Weise ein unendlich anheimelndes, prächtig in der Landschaft stehendes Haus gebaut hat. R. Gebhardt & K. Eberhard, Paul Irion, Georg Martz, F. E. Scholer, Jos. Steiner & J. Beutinger, Ernst Wagner, W. Weigel, Emil Weippert mögen noch hervorgehoben sein. Sie alle (einige finden sich unter unseren Abbildungen vertreten) arbeiten daran mit, dem modernen süddeutschen Einfamilienhaus und Villenbau eine gewissermaßen typische Form zu schaffen: ruhige kubische Wirkung, die durch Vorsprünge und Anbauten wohl belebt, aber nicht zerrissen wird; Erker, Baikone, Loggien als praktische Bauglieder betont, Verzicht auf stark hervortretenden Schmuck und laute Ornamentik. Wie diese neue Art der Villa, bei der außerdem bequeme Grundfißlösung und praktischer Komfort als Unerläßlichkeiten angesehen werden, im Vergleich zu der früheren Bauweise sich viel harmonischer der Natur einfügt und zu ruhig wirkenden Baugruppen zusammenschließen läßt, das drängt sich jedem empfänglichen Auge auf, das daraufhin die Villengegenden Stuttgarts durchmustert. Die Durchdringung unseres modernen Lebens mit einer möglichst einheitlichen architektonischen Kultur wäre aber sehr unvollständig, wenn diese sich darauf beschränken wollte, Heimstätten für Menschen zu schaffen und nicht auch Handel, Industrie und Technik sich eroberte, nicht auch ins gemeindliche und staatliche Bauwesen siegreich einzöge.

Wir haben schon gesehen, wie auch in Stuttgart das moderne Geschäftsund Kaufhaus erstand. Immer zahlreicher werden die Kauf-und Kontorhäuser: nicht weit vom Hause der ,,W. M. F.“ erhebt sich das ,,Salamander“-Haus von Schlösser & Weirether, um ein beträchtliches breiter, so daß auch die Höhenentwicklung noch stärker betont und so ein sehr stattlicher Effekt erzielt werden konnte; auf der anderen Seite der Königstraße z. B. ein Geschäftshaus, das Schmohl & Staehelin erbauten, in den oberen Stockwerken sehr zierlich und reich belebt durch die erkerartige Ausbildung der Fenster. Andere Beispiele: von K. und F. Scheu das Geschäftshaus Hanke & Kurtz, von Heim & Früh der Schillerbau in der Eberhard-, von Storz & Lang der Hansabau in der Paulinenstraße. — Das gute Vorbild, das L. Eisenlohr in Oberlenningen für den Fabrikbau gegeben hatte, ist nicht unbeachtet geblieben; mitten in der Stadt Stuttgart können wir uns an zwei Fabriken erfreuen, die bei aller Sachlichkeit doch fast als Schmuckbauten wirken: die Teufelsche Fabrik, von Schmohl & Staehelin, in großen Massen gegliedert, in der ganzen Erscheinung ein wenig an gute neue Schulhäuser erinnernd, und der mächtige Block der Fabrik von R. Bosch, von Heim & Früh, die streng vertikal aufgeteilten Fassaden mit dunkel irisierenden Glasurziegeln verblendet.

Aber auch die Stadt Stuttgart folgt dem hier von kunstfreundlichen Privaten gegebenen Beispiel: die große neue Schlachthofanlage in Gaisburg (von Mayer) mit den hübschen, an alte Stadtbilder erinnernden Verwaltungsgebäuden (wie Schlachthofanlagen bei größter Einfachheit und Sachlichkeit durch gute Gruppierung und gefällige Proportionen dem Orts- und Landschaftsbild glücklich eingegliedert werden können, hat an einer ganzen Reihe solcher Baulichkeiten inner- und außerhalb Württembergs Jos. Hennings gezeigt, von dem auch manche hübsche Schul- und Lehrerhäuser stammen); die Neubauten der städtischen Gasfabrik (von Pantle), in streng sachlicher Großzügigkeit; die Städtische Sparkasse von Suter & Liedecke, ein schwerer, wuchtiger Bau, der im Äußern durch die einspringende, brunnengezierte Ecke, im Innern besonders durch das freundliche Treppenhaus eine wärmere Note erhält; die der Vollendung entgegengehende mächtige neue Markthalle, die ihr Erbauer, Martin Elsäßer, in wohlüberlegter Abweichung von dem schon traditionell gewordenen Glas-Eisen-Typus mit Fassaden aus festem Mauerwerk umschloß, die sie der altertümlichen Umgebung aufs beste ein-fügen — all das bezeugt, daß auch unsere Gemeinwesen es als ein nobile officium anerkennen, „anständig“ und vornehm zu bauen. Dies Streben betätigt sich am sichtbarsten an den Schulhäusern; wie aus Fischers Heusteigschule spricht es aus der Lerchenrainschule im südlichen Stadtviertel, die, von Bonatz erbaut, auf stattlichem Unterbau ihre langgestreckte Fassade dicht am Waldrand erhebt,“ und in der prächtigen, aus drei Gebäuden, zwei parallel stehenden Schulhäusern und der sie verbindenden Turnhalle, gebildeten Gruppe, die Pantle an der Schickardstraße auf mächtigen Substruktionen errichtet hat: ein wirklich imposantes architektonisches Gesamtbild, das sich stark und klar aus großen Massen komponiert. — Der Ehrgeiz, stattliche Schulhäuser zu besitzen, ist aber nicht allein der Hauptstadt eigen. Die jüngste, aber nicht kleinste Stadt des Königreichs, Feuerbach, hat sich durch Bonatz & Scholer ein großes Schulhaus und eine Turnhalle bauen lassen, die zusammen eine prächtige, ungemein schmucke Platzanlage bilden, auf deren nichts weniger als kleinstädtischen Eindruck das Eisenlohrsche Rathaus trefflich vorbereitet. Besonders die Turnhalle (deren Decke W. Weigel mit schönen ornamentalen Malereien verziert hat) ist in ihren eleganten Verhältnissen und lichten Farben ein sehr charakteristisches Beispiel für Bonatz’ künstlerisches Wollen, wie es sich mit mehr monumentalen Mitteln auch in dem Neubau der Tübinger Universitätsbibliothek ausspricht, der trotz der geringen Höhe des nach der Straße liegenden Flügels ungemein groß und nobel wirkt. In Tübingen ist ein anderer Fischerschüler, Elsäßer, mit dem Bau der Oberrealschule vertreten, einem seiner ersten Werke, das sich noch eng, aber auch mit feinem Verständnis an das Vorbild des Lehrers hält. Unterdes ist Elsäßer weit selbständiger geworden; trotzdem kann man dieses Schulhaus und das Biblio-thekgebäude von Bonatz als gerade in ihrer Verschiedenheit höchst charakteristische Beispiele für die Art der beiden Architekten hervorheben. Etwa der gleichen Entwicklungsstufe wie Elsäßer.s Tübinger Schule gehörten Bonatz’ große Erweiterungsbauten des Martinsspitals in Straßburg i. E. an; aber von diesem Punkt aus hat Bonatz, teilweise mitbestimmt durch die Art seiner Aufgaben (z.B. Sektkellereigebäude von Henkell bei Wiesbaden, großes Geschäftshaus in Köln), sich immer mehr zu einer weltmännisch eleganten, anstatt der örtlichen Überlieferung das Modern-Großstädtische betonenden Auffassung und Formsprache mit stark klassizistischem Einschlag und dekorativen Tendenzen weitergebildet, während Elsäßer gerade im Anschluß an die alte lokale Bauweise die Forderungen der Gegenwart, denen er gleichfalls volles Verständnis entgegenbringt, in der Weise erfüllt, daß doch immer ein Hauch des Genius loci, freundlich anheimelnde Stimmung weckend, darüber schwebt. — Richard Dollinger, von dem in Stuttgart, gegenüber der Stöckach-schule, das neue Reformrealgymnasium, ein streng symmetrischer, spätklassizistischer Bau mit zwei giebelgekrönten Seitenflügeln in klaren und ruhigen, fast nüchternen Verhältnissen, herrührt, hatte einige Jahre vorher in Schorndorf, dem Gesamtcharakter der alten Stadt sich anpassend, eine Realschule in der malerischen Gruppierung und der formalen Stimmung deutscher Renaissance errichtet. Im allgemeinen ist die lockere Kompositionsweise, wie dieser Bau sie zeigt, jetzt aufgegeben zugunsten der strafferen, die das Ganze zu einem geschlossenen Komplex zusammenfaßt, diesen aber durch Risalite und Terrassen, durch Giebelaufbauten und reiche Durchbildung des Dachgeschosses lebendig gestaltet und reißbrettmäßige Trockenheit fernhält; dafür ist, neben den früher genannten, Scholers Städtische Mädchenschule in Göppingen ein ganz vortreffliches Beispiel. — Aber auch die dörflichen Gemeinden wollen mit schmucken stattlichen Schulhäusern, mit würdigen Rat- und Gemeindehäusern etwas vorstellen; nicht mehr durch Anleihen bei einer nüchternen Bureaukratenarchi-tektur, von der sie sich in den Jahrzehnten des Tiefstandes die abscheulichen, linealgemäß ordentlichen Backsteinkästen vor die Nase setzen ließen, sondern mit Häusern, die dem ganzen Ort so gut anstehen, wie einem tüchtigen, gerade gewachsenen Bauern seine schöne alte Volkstracht. Man merkt zunächst an den Schulhäusern, daß hier ein einheitlicher Geist überall im Lande mit am Werk ist: die Oberschulbehörden Württembergs haben einen bautechnischen Berater beigezogen in der Person des Baurats A. Knoblauch, Professor an der Stuttgarter Baugewerkschule, der selbst eine große Reihe von Schulen teils entworfen, teils in eigener Bauleitung ausgeführt hat, in Material und Art sich jeweils den örtlichen Bedingungen anschließend, oft ganz einfach und anspruchslos, andere Male wieder (wie bei der in Haustein gehaltenen Schule in Auingen, OA. Münsingen) reicher und stattlicher. Diese Vereinigung von Stattlichkeit mit ruhiger Schlichtheit ist ferner ein Merkmal für die aus Fischers Schule hervorgegangenen Architekten W.Klatte & R.Weigle: die Schule in Bernhausen, bei der Schulhaus und Lehrerhaus eine Einheit bilden durch den pergolaartigen Umgang des zwischen ihnen liegenden Spielplatzes, trägt dies Merkmal ebenso wie die zum Teil sehr stattlichen Rathäuser (z. B. Gönningen) und die meist in großer Einfachheit gehaltenen Gemeindehäuser und andere Baulichkeiten (Soldatenheim in Ludwigsburg), die aus ihrer gemeinsamen Tätigkeit hervorgegangen sind.

Markanter noch als die Schulhäuser treten die Kirchen im Ortsbild hervor; sie sind vielfach ausschlaggebend für ein ganzes Landschaftsbild, das sie oft von erhöhter Lage aus oder wenigstens mit dem die Umgebung überragenden Turm beherrschen. Für die Architektur wie für die landschaftliche und kulturelle Physiognomie des ganzen Landes ist es darum recht wesentlich, daß der protestantische Kirchenbau, der nach der konfessionellen Zusammensetzung der Bevölkerung der quantitativ weit stärkere ist, in das erfreuliche und fruchtbare Stadium der Selbstbesinnung auf die ihm vom Kultus gestellte Aufgabe eingetreten ist, das schon früher gekennzeichnet wurde. Die große Vereinfachung des Grundrisses, die der protestantische Gottesdienst gestattet, ja eigentlich verlangt, kommt in ganz besonderem Maß dem ländlichen Kirchenbau zugute, denn sie bietet die Basis für schlichte Gesamthaltung der kirchlichen Architektur und trägt so dazu bei, daß Gotteshäuser entstehen, die wirklich aus dem dörflichen Boden hervorgewachsen erscheinen, während gar manche, die sich in akademischer Strenge an einen historischen Stil halten, so wirken, als seien sie gar nicht am Ort entstanden, sondern aus der Stadt geliehen. Daß die Vergangenheit diesen pseudostädtischen Kirchenbau auf dem Lande nicht kannte, sondern neben den ,,großen“ Stilen her einen eigenen, natürlich sehr biegsamen Typus der Dorfkirche geschaffen hatte, können wir noch heute überall sehen, wo nicht gar zu vandalisch restauriert und renoviert wurde, und in dem schon zitierten Werk „Volkstümliche Kunst aus Schwaben“ kann auch der, dem die große amtliche Publikation über die Kunst- und Altertumsdenkmäler Württembergs nicht zugänglich ist, anziehende, liebenswerte Beispiele alter Dorfkirchen in Fülle beisammen finden. Eine ähnlich fruchtbare Wirksamkeit, wie auf katholischer Seite U. Pohlhammer und J. Cades, entfalten im protestantischen Kirchenbau des Landes die zu gemeinsamem Schaffen verbundenen Architekten R. Böklen & C. Feil, die im übrigen auch auf dem Gebiet des Profanbaues vielseitig tätig sind. Eine ihrer ersten Kirchen ist wohl die Lutherkirche in Cannstatt (1900); die späteren Neubauten und eingreifende Umbauten sind unstreitig viel frischer und eigenartiger. Wir geben eine Abbildung der Kirche in Conweiler als ein Beispiel auch für das Bestreben der Erbauer, ihr Werk aus der örtlichen Situation heraus zu entwickeln. Diesen Vorzug teilt auch der demnächst zur Ausführung gelangende Entwurf für die Kirche in Aich von P. Irion, deren ganzer Aufbau mit dem schlank aufstrebenden Turm gut auf die erhöhte Lage berechnet ist. — Felix S ch u s te r, seit 1907 Teilhaber der Firma Dolmetsch & Schuster, hat, neben zahlreichen Wohnbauten verschiedenster Art, eine Reihe kirchlicher Bauten ausgeführt, unter denen Umbau und Erneuerung der schönen gotischen Stadtkirche inSchorndorf hierangeführt sei. Eine bei aller Einfachheit stimmungsvolle Arbeit ist die Friedhofanlage in Lorch, mit dem frühromanisch anklingenden Gebäude. Endlich muß

auch in diesem Zusammenhang der ebenso vielseitige wie erfolgreiche M. Elsäßer genannt werden; aus der schon beträchtlichen Zahl seiner Kirchenbauten und -umbauten, meist kleinen Umfangs, ragt nicht nur als umfangreichstes, sondern auch als besonders schön gelungenes Werk die Gaisburger Kirche hervor. Auf der Kuppe eines Hügelvorsprungs, der, seitlich über dem städtischen Schlachthof gelegen, weit ins Neckartal blickt, erhebt sich auf hohen Unterbauten leicht und doch festgegründet und -Umrissen die Kirche mit schönem Turm, in der Formsprache sich an protestantische Sakralbauten des 18. Jahrhunderts anschließend; innen ist die eigenartig wirkende elliptische Anlage, die sich öfter im Spätbarock findet, bemerkenswert. — Sei neben diesem imposanten Haus als Gegenstück noch das Kirchlein von Höfen (bei Winnenden) genannt, das ein anderer Fischerschüler, K. Oelkrug, gebaut hat; es könnte nicht einfacher sein und hat doch Stimmung und Würde. Auch in anderen Bauten, z. B. dem des Pfarrhauses in Waldsee, übt Oelkrug diese Tugend der Einfachheit in sehr sympathischer Weise.

Auch der Staat, wo er als Bauherr auftritt, zeigt sich immer mehr bemüht, seinen Bürgern mit gutem Beispiel voranzugehen. An staatlichen Bauten wurden im Lauf dieser Schilderung z. B. die Erste Kammer in Stuttgart, die Universitätsbibliothek in Tübingen genannt. Es seien hier aus dem reichen Material nur noch einige Bahnhofhauten hervorgehoben; hat doch früher der Bahnhof eine ähnliche verhängnisvolle Rolle im Landschaftsbild gespielt wie einst das Schulhaus im Dorfbild, ein korrekter Backsteinkasten nach Schema F, bei dem, lange ehe von Ruskin viel die Rede war in Deutschland, eines seiner seltsamsten Postulate: Bahnhöfe müßten möglichst unscheinbar und häßlich gebaut werden, da sich ja doch niemand lange in ihnen aufhalte, noch aufhalten solle, oft aufs treulichste unbewußt erfüllt worden war; die Halle vorm Stuttgarter Bahnhof war ein vielbewunderter Ausnahmefall. Jetzt verraten z. B. die Bahnhofbauten in Plochingen, durchaus auf den Blick von der Landschaft, nicht von den Gleisen her angelegt, Theodor Fischers Hand; einer seiner Schüler, Willy Fuchs, hat das vortrefflich wirkende Empfangsgebäude des Bahnhofs Balingen entworfen. Kleine Bahnhöfe, deren Verkehr durch die unmittelbare Nähe Stuttgarts in den letzten Jahren rapid gewachsen war, wurden beträchtlich erweitert und machen jetzt einen freien, großzügigen Eindruck, so der von Untertürkheim und der, als von Bihl & Woltz herrührend, schon genannte von Feuerbach. Und nun rückt auch der Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs immer näher: der bei der ausgeschriebenen Konkurrenz siegreiche Entwurf von Bonatz & Scholer ist jetzt in endgültiger Fassung angenommen, und das neue Empfangsgebäude wird mit seinen hohen, vornehmen Hallen im Innern, der mächtigen Pfeilervorhalle und dem wuchtigen Turm nach der Stadt zu dereinst den Ankömmlingen in imposanter Weise die Honneurs der Residenz und des Königreichs machen.

Tiefeinschneidende Umwälzungen im Gesamtbild des Stadtteils nördlich vom Schloßplatz sind mit dem Bahnhofumbau verbunden. Es erwachsen da aufs neue städtebauliche Aufgaben großen Umfangs und von entscheidender Wichtigkeit für das Äußere der Hauptstadt, und es muß sich zeigen, ob das Großkapital, das das neugebildete Areal an der Königstraße zu bebauen übernommen hat, sich der ästhetischen und sittlichen Verpflichtungen, die hier den Bauherrn treffen, bewußt ist und fähig, sie zu erfüllen. Bei der Bebauung des gleichfalls von auswärtigem Großkapital übernommenen Areals der früheren Legionskaserne ist nicht das Höchste, wirklich Mustergültige geleistet worden. Besser hat sich in Stuttgart in anderen Fällen, wo es gleichfalls galt, große Baublöcke in ganz neuer Gestalt erstehen zu lassen, der korporative Gemeinsinn bewährt. Der „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ unter seinem tatkräftigen Leiter E. von Pfeiffer, der schon seit Jahrzehnten sich durch die Errichtung von Kleinwohnungskolonien an der Peripherie der Stadt (Ostheim, Südheim, Westheim) verdient gemacht hatte, unternahm es, in das malerische, aber sehr unhygienische Gassengewirr der Altstadt zwischen Rathaus und Leonhardstraße Licht und Luft zu bringen. In drei Jahren, von 1906—1909, wurden 26 Häuser niedergerissen und unter Beibehaltung der alten, jetzt wesentlich verbreiterten Straßen 18 neue gebaut. Die architektonische Oberleitung hatte Karl Hengerer, einer der meistbeschäftigten Privatarchitekten Stuttgarts, der schon bei manchen Gelegenheiten, bei denen es darauf ankam, Neues zu schaffen, ohne das Alte ganz zu zerstören, der Stadt durch praktischen Rat und rasches Handeln gute Dienste geleistet hatte und der in eigener Unternehmung z. B. die hübsche Villenkolonie Birkenhöhe erstellt hat (ähnliche Villenanlagen z. B. von A. Schiller am Hohengeren, von Klatte & Weigle in Degerloch). Die künstlerische Bearbeitung der „Altstadtsanierung“ hatte Hengerer in die Hände von Heinrich Mehlin gelegt, mit dem technischen Teil der Aufgabe K. Reißing betraut; außerdem rühren einzelne Häuser noch von Eisenlohr & Weigle, Bonatz, Bihl & Woltz, R. Dollinger, G. Martz her. Die sanierte Altstadt ist eine Sehenswürdigkeit von Stuttgart geworden, ein in einheitlicher Konzeption geschaffenes und doch überaus abwechslungsreiches, anheimelndes Idyll, wie aus einer alten Reichsstadt heraufbeschworen mit den hohen Giebeln, behäbigen Erkern, dem umgitterten „Hans im Glück“ – Brunnen, plastischem und malerischem Schmuck der überwiegend verputzten Fassaden (von Joseph Zeitler, Robert Haug u. a.). Verbindung und Trennung zugleich zwischen der Altstadt und der modernen Großstadt bilden die nach der Eberhardstraße zu vorgelegten hohen, massiven Häuser, die der mächtige, dreigiebelige Eberhardsbau mit charaktervoll kräftigem Turm, ein modernes Geschäftshaus großen Stils, beherrscht. Mag man im einzelnen manche praktischen oder ästhetischen Bedenken haben — z. B. ob das Schmuckhafte, nicht an den einzelnen, nieüberladenenFassaden, aber in der Gesamtheit des so eng zusammengedrängten Komplexes, nicht doch ein wenig zu sehr hervortritt —; ist vor allem auch zu wünschen, daß der glückliche Einzelfall nicht Nachahmungen an unangebrachter Stelle hervorrufe — als Einzelfall, als einschneidende und doch pietätvolle Umgestaltung eines alten Stadtbildes bleibt diese „Sanierung“ eine köstliche architektonische Leistung, ein neues, freundliches Wahrzeichen Stuttgarts. Daß der Verein selbst und die für ihn arbeitenden Architekten nicht daran denken, sich auf diesen Typus festzulegen, zeigt seine neueste große Schöpfung: die Ostenau, gegen Gaisburg zu gelegen, ein von drei Straßen umgebenes, von einer geschwungenen, in der Mitte sich zum Platz erweiternden Straße durchschnittenes Quartier dreistöckiger, einheitlich durchgeführter Häuser von durchaus großstädtisch-sachlichem, dabei doch sehr anheimelndem Charakter. Die Anlage der in große, freie Komplexe zusammengefaßten Höfe, die geschmackvolle Durchbildung der Hinterfassaden (die im älteren Stuttgart eine partie honteuse des Architekturbildes sind), der hübsche Platz, für dessen leider etwas konventionell geratenen gärtnerischen Schmuck der seitliche Blick auf die Gaisburger Kirche mit den Fellbacher Bergen entschädigt — das alles ist sehr erfreulich. Auch hier war Hengerer der Bauleiter, Mehlin der künstlerische, Reißing der technische Bearbeiter. — Der Zug nach solchen einheitlich angelegten Siedlungen ergibt sich aus unseren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen und wächst darum mit einer Art Naturnotwendigkeit. England ist mit den Arbeiterkolonien und Gartenstädten vorangegangen; heute hat Deutschland schon manches aufzuweisen, was dem englischen Vorbild gleichwertig ist. So in unserem engeren Vaterland die Arbeiterkolonie Gmindersdorf bei Reutlingen, von Theodor Fischer für den Fabrikanten Gminder ausgeführt, ein wirkliches Dorf, scheinbar nicht „gegründet“, sondern „gewachsen“ und doch aufs feinste und liebevollste in der Gesamtanlage, der Gruppierung und Ausführung des einzelnen durchgearbeitet. Eine gleichfalls nach künstlerisch praktischen Gesichtspunkten einheitlich komponierte Gartenstadt erhält Württemberg jetzt bei Obereßlingen; sie wird im Auftrag einer gemeinnützigen Baugenossenschaft vonJ.Goettel erbaut. Goettel hat, wie z. B. auch Fischer es in München für die Terraingesellschaft Neuwestend getan, die Kleinhäuser fast durchweg in geschlossenen Reihen angeordnet, mit architektonisch betonten Eck- und Endbauten und einem stattlichen Gemeindehaus als beherrschendem Akzent. Auch der Staat hat, relativ schon recht früh, ähnliches in Angriff genommen, woran das Stuttgarter „Postdörfle“ erinnern mag; neuen Datums ist die Beamten- und Arbeiterhäuserkolonie der Saline Wilhelmshall, deren außerordentlich ansprechende künstlerische Bearbeitung der Regierungsbaumeister Hans Daiber, ein Schüler Fischers, ausgeführt hat, der auch als Beauftragter der Kgl. Hofkammer die Bauausführung des Kunstgebäudes in trefflicher Weise leitete.

Überhaupt aber beweist der Staat volles, tatkräftiges Verständnis für die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der Architektur im gesamten Leben der Gegenwart. Diesem Verständnis verdankt Württemberg als besonders wichtige Institution die relativ früh (1905) ins Leben gerufene und nach außerordentlich praktischen, gesunden Grundsätzen arbeitende Bauberatungsstelle, deren besondere und höchst segensreiche Eigenart darin besteht, daß sie ihren Rat nicht privaten Baulustigen, sondern den Angehörigen des Baugewerbes erteilt, diesen also keine Konkurrenz macht oder sich schulmeisternd zwischen Publikum und Bauhandwerk drängt, sondern auf letzteres erzieherisch und im Sinne einer einheitlich vorwärts strebenden Baukultur einwirkt. An der Spitze steht ein praktischer Architekt, auf dessen private Leistungen schon mehrfach auf diesen Seiten hingewiesen wurde: PaulSchmohl, ein Mann voll kräftiger Energie und klaren Zielbewußtseins. Er ist zugleich Direktor der Kgl. Baugewerkschule, und diese Personalunion, die nicht organischer Natur ist, bürgt, wie die Namen anderer neben ihm als Lehrer tätiger Architekten, zugleich dafür, daß auch diese für das praktische Baugewerbe so wichtige Lehranstalt heute in einem zugleich praktischen und künstlerischen, für die Forderungen der Gegenwart erschlossenen Geist wirkt. Der gleiche Geist lebt auch an der Hochbauabteilung der Technischen Hochschule; und so mag der ferneren Entwicklung der württembergischen Baukunst die Wahrheit des oft zitierten Wortes zugute kommen: „Wer die Schule hat, hat die Zukunft.“

KEYSSNER

Text aus dem Buch: Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart (1913), Author: Baum Julius, Diez, Max.

Siehe auch:
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Vorwort
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Einleitung
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE GEMÄLDEGALERIE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE KUPFERSTICHSAMMLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE ALTERTÜMERSAMMLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DAS LANDESGEWERBEMUSEUM
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE HEIMISCHE SCHULE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE KÜNSTLER AUSSERHALB DER AKADEMIE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE LANDSCHAFTSMALER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE NACH STUTTGART BERUFENEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ADOLF HÖLZEL
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE HÖLZELSCHULE
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – KARL SCHMOLL VON EISENWERTH
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – Otterstedt, Pankok, Cissarz, Kerschensteiner, Gref und Reile
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE AUSWÄRTIGEN SCHWABEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DONNDORF UND DIE ÄLTERE HEIMISCHE ENTWICKLUNG
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – HABICH JANSSEN UND ANDERE NACH STUTTGART GEZOGENE KÜNSTLER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ULFERT JANSSEN
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – ANDERE NACH STUTTGART GEZOGENE KÜNSTLER
Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart – DIE AUSWÄRTIGEN SCHWABEN

Die Stuttgarter Kunst der Gegenwart