Kategorie: Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und deutsches Kapital heisst eine Schrift von Orestes W. Daskaljuk, die auf Veranlassung der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft im Verlage von Georg Stilke, Berlin NW. 7, erschienen ist. . Nach einem I. Teil, in dem die volkswirtschaftliche Bedeutung der Ukraine kurz skizziert wird, wird im II. Teil die Frage erörtert, was deutsches Kapital und deutsche Technik beim wirtschaftlichen Wiederaufbau der Ukraine leisten könnte. Die „Wiederherstellung des Transportwesens“, die „Ausbeutung der natürlichen Bodenschätze“ und die „industrielle Betätigung“ heissen die drei grossen Abschnitte, die dem Leser eine Fülle von Anregungen und Ratschlägen bieten. Alle Industrien, die dank dem Voikommen von Kohle, Eisen, Eidöl, Salz. Graphit nsw. vorhanden sind oder entstehen können, werden besprochen, ebenso die Aussichten für eine Entwicklung der Zucker-, Tabak-, Mühlen- und anderer landwirtschaftlicher Industrien. Den Schluss der Broschü-e bildet ein reichhaltiges statistisches Material über die Produktion der bisher in der Ukraine arbeitenden Industrien. Das Buch erweist sich demnach als ein vorzüglicher Wegweiser für die deutsche Technik und das deutsche Kapital, soweit es sich für die wirtschaftlichen Probleme Osteuropas interessiert.

Vorwort.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen im Augenblick der Wiederaufnahme der deutsch-östlichen Wirtschaftsbeziehungen das Interesse für eine möglichst weitgehende Betätigung deutschen Kapitals und Unternehmergeistes in der Ukraine wecken und die allgemeinen Bedingungen für eine solche aufstellen, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Die dargelegten Vorschläge beruhen nicht nur auf theoretischen Erwägungen, sondern vielmehr auf praktischen Erfahrungen, die ihre Durchführbarkeit gewährleisten. Den deutschen Industrie- und Handelskreisen, die neue Betätigungsgebiete suchen, sollen Wege gewiesen werden, die zu einer innigen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Ukraine führen.

An dieser Stelle möchte ich einem der eifrigsten Förderer der deutsch-ukrainischen Beziehungen, Herrn Generaldirektor Josef Fonfe, der auch uro das Zustandekommen dieser Broschüre sich hervorragend verdient gemacht hat, meinen besten Dank aussprechen.

November 1921.

Orestes Daskaljuk.

I Teil
I. Zweck und Inhalt.

Zweck dieser Flugschrift ist, dem deutschen Kapital und Unternehmungsgeist in grossen Zügen die Betätigungsmöglichkeiten in der Ukraine und die Bedingungen ihrer Realisierung] darzustellcn. Indem sie ferner die wirtschaftliche und nationalstaatliche Entwicklungstendenz dieses Landes beleuchtet, wird sie gleichzeitig, die Wege für ein erfolgreiches und dauerndest Eindringen deutscher finanzieller und industrieller Kreise in die ukrainische Volkswirtschaft abzustecken versuchen. Damit wird sie jedoch im allgemeinen keine politischen Ziele verfolgen, — insoweit nicht Volkswirtschaft selbst mit Politik identisch ist.

Die Intensität einerseits, mit der amerikanische, englische, französische und andere Gruppen Vorbereitungen zur wirtschaftlichen Erschliessung und Ausbeutung der Ukraine treffen, andererseits aber die Zurückhaltung deutscher Kreise hinsichtlich Südrusslands, sowie ihr einseitiges geschäftliches Engagement in Nordrussland sind bei der Abfassung dieser Schrift) mittelbar massgebend gewesen. Es soll dadurch das Augenmerk der führenden deutschen Wirtschaftspolitiker auf das für Deutschland wertvollere und ergiebigere Gebiet der Ukraine gelenkt werden.

Der Inhalt der vorgebrachten Ausführungen machte eine Gliederung des Materials nach zwei Gesichtspunkten notwendig. Demgemäss wird der erste Teil die durch die Entwicklung der letzten Jahre im Osten geschallenen Voraussetzungen behandeln, die für eine künftige Betätigung in der Ukraine in Betracht kommen, der zweite die praktischen Betätigungsmöglichkeiten selbst auf den wichtigsten der in Frage kommenden. Gebiete ausführen. Zum Schlüsse sollen Anlagen mit knappen Beschreibungen und ziffernmässigen Darstellungen der einzelnen ukrainischen Produktionszweige zur Erläuterung angeschlossen werden.

II. Bedeutung der Ukraine.

Vor dem Kriege war die Ukraine in Deutschland im grossen und ganzen als Lieferant von Getreide und landwirtschaftlichen Produkten, ferner von gewissen in der deutschen Industrie verwerteten Rohstoffen bekannt, während man von ihr wusste, dass sie als typisches Agrarland an dem Verbrauch der aus Deutschland stammenden russischen Einfuhrwaren mehr oder weniger beteiligt war.

War schon diese Anschauung an sich primitiv und unvollständig, so erschöpfte sie nicht einmal den Kern und die (Bedeutung dieses einen Gebiets der vorkriegszeitlichen deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen. Dies wird insbesondere aus folgenden Betrachtungen ersichtlich:

Deutsche Waren gelangten in die Ukraine und ukrainische nach Deutschland zumeist über Polen und die baltischen Häfen, was statistisch zur Folge hatte, dass dieselben in den Warenverkehr Nordrusslands, resp. Polens statt der Ukraine eingerechnet wurden. Da überdies die Geschäftsabschlüsse hinsichtlich Lieferungen nach und von der Ukraine hauptsächlich mit Moskauer und Petersburger Firmen getroffen wurden, die ihrerseits in der Ukraine ein Netz von Vertretungen besassen, und da auch die geldlichen Verrechnungen zumeist in Moskau oder Petersburg erfolgten, weil die grossen Bankinstitute in diesen Städten konzentriert waren, — so ergab sich dadurch von selbst eine Unterschätzung der Bedeutung des ukrainischen Marktes für Deutschland, die einerseits in einer Verkennung der Methoden seiner Gewinnung und dauernden Erhaltung (z. B. nach dem Brest-Litowsker Frieden) Ausdruck fand, andererseits die Zukunft der Wechselbeziehungen zwischen beiden Ländern zu belasten geeignet ist. Anhaltspunkte für die überragende Bedeutung des ukrainischenlWirtschaftsgebietes lassen sich jedoch ohne Schwierigkeiten schaffen, wenn man etwa die Stellung der Ukraine im Rahmen des früheren Russlands einer Prüfung unterzieht Es sollen hier nur einige ganz allgemeine Angaben gemacht werden.

Das Territorium der russischen Ukraine (d. h. ohne Ostgalizien, Nordbukowina und die ungarischen Teile) machte nur 3 % des gesamten und 11% des europäischen Russlands aus. Der Anteil der Ukraine an dem allgemeinen Einnahmebudget des russischen Staates betrug im Rechnungsjahr 1913/14 700 Mill. Goldrubel oder 22 % der Staatseinnahmen. Zur selben Zeit verwendete der russische Staat für die (ukrainischen Bedürfnisse nur etwa 360—380 Millionen Goldrubel, oder rund 12% des allgemeinen Budgets. Die Differenzen von 10% (d. h. etwa 300 Millionen Goldrubel oder 44% der ukrainischen Einnahmen) wurden für die allgemeinen staatlichen Bedürfnisse, zur Entwicklung der grossrussischen Industrie und zur Deckung des Defizits des russischen Staates verwendet. .Was die Handelsbilanz der Ukraine betrifft, so findet man die gleiche Erscheinung. Im Jahre 1912 betrug ihre Aktivität rund 27 %; einer Ausfuhr von etwa 700 Millionen Goldrubel stand eine Einfuhr von etwa 500 Millionen gegenüber.

Diese Zahlen sollen nur einen rohen Begriff über die wirtschaftliche Potenz der Ukraine vor dem Kriege vermitteln. Es ist selbstverständlich, dass sie deren volle Leistungsfähigkeit nicht erfassen und vor allem über ihre künftige Entwicklungstendenz keinen Aufschluss geben. Es wird im Verlaufe dieser Ausführungen noch darauf hingewiesen werden, inwiefern und nach welcher Richtung die wirtschaftliche Bedeutung, der Ukraine in der Zukunft eine gewaltige Steigerung erfahren wird, die eine finanzielle und industrielle Betätigung des Auslands in der Ukraine unvergleichlich zukunftsreicher und aussichtsvoller zu gestalten bestimmt ist, als dies bisher der Fall war. Diesbezüglich möge an dieser Stelle nur folgendes angeführt werden:

Die zukünftige Ukraine wird sich von der vergangenen in wirtschaftlicher Hinsicht vor allem dadurch unterscheiden, dass in ihr das industrielle Motiv bedeutend mehr Geltung erlangen und damit den wirtschaftlichen Charakter des Landes massgebender als bisher bestimmen wird. Zwei Momente begründen diese Anschauung:

1. Die stetig fortschreitende Erschliessung gewaltiger Rohstofflager — in erster Linie der Grundelemente industrieller Tätigkeit, nämlich Kohle und Eisen —, die automatisch die Verarbeitungsindustrie, soweit sie mit ukrainischen Rohstoffen gespeist wurde, von ihrem bisherigen russischen, an sich willkürlichen Standort weg und an die ukrainischen Rohstoffquellen — heranziehen wird.

2. Der durch die Revolution besiegelte (jedoch keineswegs hervorgerufene!) Zusammenbruch des früheren wirtschaftlichen Zentralismus in Russland, der — mag sich die politische Entwicklung im Osten wie auch immer vollziehen — als eine bleibende Tatsache mit allen ihren Konsequenzen zu werten ist.

Diese Wandlung der wirtschaftlichen Struktur und damit der wirtschaftlichen Bedeutung der Ukraine zeigte sich unzweideutig bereits vor dem Kriege an, sie wurde durch den; Krieg (namentlich durch das Forcieren der ukrainischen industriellen Leistungsfähigkeit, durch die Notwendigkeit rationellster Verwendung der Rohstoffe an Ort und Stelle, durch die Evakuierung grosser industrieller Betriebe aus den westlichen Randstaaten ins Innere Russlands und der Ukraine usw.) gefördert, sie gewann nach der Revolution durch den Zusammenbruch des russischen Verwaltungsapparates, des Transportwesens und der russischen Wirtschaftsorganisation überhaupt, ferner durch den staatlichen Zerfall Russlands und schliesslich durch die sowjetische Wirtschaftspolitik an Durchschlagskraft und sie wird unabweislich in der Zukunft durch die Wucht der natürlichen Gegebenheiten ihren vollen Sieg erringen. Ihr Resultat wird aber unter anderem sein: die Verschiebung des industriellen Mittelpunktes im Osten Europas von Moskau, dessen Industrie ein mehr oder weniger künstliches Produkt war — aus politischen Gründen treibhausmässig gezüchtet, weit entfernt von den Rohstoff -und Kraftquellen —, nach dem Süden, wohin er zufolge des gewaltigem Rohstoff- und Kraftreservoirs dieses Landes, seiner günstigen geographischen und klimatischen Verhältnisse, seines beinahe vollkommenen Ineinandergreifens von Agrar- und Industrieinteressen gehört.

Es ist nur eine Frage der Zeit und der Konsolidierung der national-staatlichen Wirtschaftspolitik im Osten, wann diese Verschiebung vollzogen sein wird. Es ist !mögüch, dass sie ihren vollen Abschluss erlangt haben wiHdi, wenn die gewaltigen; bisher erst durch geologische Untersuchungen erforschten Eisen-und Kohlenvorkommen im Kursk Woronischer Gebiet, die wahrscheinlich zu den grössten in ganz Europa gehören, einer Ausbeutung unterzogen sein werden.

Das ist in knappsten Strichen das wirtschaftliche Bild der künftigen Ukraine, die in den nächsten Jahrzehnten aller Voraussicht nach .von allen Ländern des europäischen Ostens die grössten Betätigungsmöglichkeiten dem ausländischen Kapital und dem ausländischen Unternehmungsgeist zu bieten imstande sein wird. Die neue Ukraine wird dadurch der Schlüssel zur wirtschaftlichen Erschliessung Osteuropas werden. Von der Ukraine aus, die alle natürlichen Vorbedingungen für ein intensives, in sich gefügtes und selbständiges Wirtschaftsleben, für das Aufblühen einer mächtigen Industrie sowohl, wie einer äusserst leistungsfähigen Agrarwirtschaft hat, wird man wirtschaftlich auch den russischen Norden beeinflussen, nicht umgekehrt. Von der Ukraine wird die wirtschaftliche Gesundung und Konsolidierung des Ostens ausgehen, und das Tempo und die Entschiedenheit ihres.Wiederaufbaues wird den Aufbau des übrigen Russlands im gleichen Verhältnis bestimmen.

Was die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine betrifft, so werden sie durch zwei Gruppen von Interessen festgelegt werden; es wird zunächst eine Kräftigung und Vertiefung des vorkriegszeitlichen Handelsverkehrs zu erstreben sein und es wird weiter die Lösung grosszügiger industrieller Aufgaben in der Ukraine, die sich aus ihrer neuen politischen und wirtschaftlichen Stellung ergeben werden, in Angriff genommen werden müssen. Beide Aufgaben sind nur im vollen Einverständnis mit der nationalstaatlichen Entwicklung in der Ukraine durchzuführen und darin liegt der Ausgangspunkt des künftigen wirtschaftlichen Engagements Deutschlands in der Ukraine.

Im Besonderen mögen hier noch folgende Erwägungen Raum finden:

Man kann sich schwerlich zwei Länder vorstellen, die wirtschaftlich besser aufeinander abgestimmt wären und sich vollkommener ergänzen würden, als eben Deutschland und die Ukraine. Von den ukrainischen Exportartikeln hat fast jeder für die deutsche Wirtschaft hohes Interesse. Ebenso ist die Ukraine ein Abnehmer für einen jeden deutschen Industrieartikel. Die Wiederherstellung, und der Ausbau dieses wechselseitigen Warenverkehrs ist daher die natürlichste Forderung, sie gewänne für Deutschland übrigens auch eine soziale Bedeutung, weil die deutschen Ausfuhrerzeugnisse solcher Art sind, dass sie einen beträchtlichen Arbeitslohn in sich bergen, woraus der deutsche Arbeiter ebenso wie der deutsche Industrielle und Händler Vorteile ziehen wird.

Ebenso bedeutungsvoll und für die Zukunft noch wertvoller wird eine industrielle Tätigkeit in der Ukraine selbst sein, von der in weiteren Kapiteln ausführlicher die Rede sein wird. Von Wichtigkeit ist dabei, dass das ausländische Kapital nach der Zertrümmerung des Privatkapitals in der Ukraine durch den Bolschewismus, der Lähmung der früheren Unternehmungstätigkeit und überhaupt nach der Zerstörung des alten Wirtschaftsapparates gewissermassen auf einem wirtschaftlicher. Neuland zu arbeiten haben wird, wo es vom Anfang au ohne ernstliche nationale Konkurrenz dastehen, ein aufnahmefähiges Arbeitsgebiet vorfinden und ohne Widerstände seine Organisation durchführen würde.

Ueber diese zwei Betätigungsgebiete hinaus bedingen die natürlichen Hilfsmittel der Ukraine, ihre Lage an der Schwelle Zentral- und Vorderasiens, ihre Eigenschaft als unmittelbares Hinterland des Schwarzen Meeres für sie eine Transithandelsstellung, mit welcher diejenige eines anderen Nachfolgestaates des ehemaligen Russlands sich gar nicht messen kann.

Diese Bedeutung der Ukraine für Deutschland: als hervorragendes Aus- und Einfuhrgebiet; als Land reicher industrieller Ausbeutungsmöglichkeiten und als Brücke für eine Wirtschaftliche Erfassung Mittel- und Vorderasiens wird immer bestehen bleiben, mögen sich die politischen Verhältnisse im Osten wie immer gestalten und mag insbesondere die Ukraine ihre Selbständigkeit in einem früheren oder späteren Zeitpunkt durchsetzen.

III. Ukraine und Russland.

Die Ukraine hat im Weltkriege als erstes der ehemaligen russischen Randgebiete ihre nationalstaatliche Selbständigkeit und ihre politische und wirtschaftliche Trennung von Russland proklamiert. Sie hat sich als „Ukrainische Volksrepublik“ konstituiert und als solche mit Erfolg ihre staatliche Konsolidierung in Angriff genommen. In den darauffolgenden Kämpfen mit Russland, die sie mit wechselnden Ergebnissen führte und die übrigens noch heute trotz Besetzung des Landes durch starke Sowjetarmeen in Form von elementaren Aufstandsbewegungen forfdauem, vermochte sie ihre Loslösung von Russland noch nicht zum Abschluss zu bringen. Dadurch fand die Wertung dieser Tatsache und die ihr innewohnende historische Bedeutung im Auslande nicht volle Würdigung, — zumal gleichzeitig eine Ueberschätzung der augenblicklichen durch den Bolschewismus bestimmten Konstellation im Osten Platz griff und das Urteil einseitig beeinflusste.

Dennoch ist das Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland jetzt und in der Zukunft durch diesen Akt der ukrainischen Selbständigkeitserk ärung prinzipiell festgelegt. Beweis dessen ist, dass die nationalstaatliche Bewegung in der Ukraine an Intensität nichts verloren hat, dass sie im Gegenteil eine ständige Verbreiterung ihrer Basis erfahren und dadurch erst ihre elementare Kraft bewiesen hat. Ihre unmittelbare Wirkung äusserte sich selbst nach dem vorläufigen Misslingen des Kampfes gegen Russland zunächst in der Erzwingung der Anerkennung der selbständigen ukrainischen Sowjetrepublik durch Moskau.

Die Loslösung der Ukraine von Russland geschah naturnotwendig als Folge tiefbegründeter nationaler, politischer und wirtschaftlicher Motive. Sie hat schon das letzte Jahrzehnt vor Kriegsausbruch, als z. B. die südrussischen Wirtschaftspolitiker zum Schutze der von Moskau gehemmten Entwicklung Ides Südens immer dringender die Forderung nach Dezentralisier rung und wirtschaftlicher Autonomisierung der Ukraine aufstellten und damit den nationalen Bestrebungen unerwartete Helfer wurden, sich klar herausgebildet und durch den Zuh sammenbruch des alten Russlands nur einen präziser geformten Ausdruck gefunden. Es soll hier die nationale Seite des Kampfes zwischen der Ukraine und Russland, trotzdem sie für die Selbständigkeitsbewegung in den letzten drei Jahren eine ungeahnte Bedeutung erlangt hat, aus den Betrachtungen ausgeschaltet und bloss eine knappe Darlegung seiner hervorstechendsten wirtschaftlichen Argumente gegeben werden.

Folgende Umstände sind es demnach, die die ukrainischen Separationsbestrebungen begründen und ihnen früher oder später zum Durchbruch, verhelfen müssen.

1. Die Ausbeutung der Ukraine durch Nordrussland.

Die russische Wirtschaftspolitik ging, um Moskau als Zentrum des gewaltigen Reiches zu behaupten, hinsichtlich der Ukraine mit allen Mitteln darauf aus, dieselbe — entgegen ihrer natürlichen wirtschaftlichen Bestimmung und der zur teilweisen Industrialisierung des Landes drängenden Entwicklung — als blosses Rohstoffreservoir zu erhalten, um einerseits mit ihren überreichen Naturschätzen die zentralrussische, au sich künstliche und von den Randgebieten abhängige Industrie zu speisen, andererseits in der Ukraine jederzeit einen leistungsfähigen und kaufkräftigen Absatzmarkt für russische Fabrikate zu haben.

Dieser Zustand, dass die Ukraine Kohle und Erz produzierte, um eine Konkurrenzindustrie damit zu versorgen; dass die Ukraine ihre mannigfachen Rohstoffe viele tausend Kilometer verschicken musste, trotzdem im Lande alle natürlichen Vorbedingungen zu ihrer Verarbeitung vorhanden waren; dass die Ukraine gezwungen wurde, die teuren und minderwertigen russischen Industrieerzeugnisse aufzunehmen; dass sie ihre überschüssige Landbevölkerung abwandern lassen musste, da eine heimische Industrie, die sie hätte aufnehmen können, von Moskau hintertrieben wurde; dass sie darum ein armes und kulturell rückständiges Bauernland blieb, trotzdem sie mit ihrem Reichtum an Naturschätzen ein viel grösseres Land versorgte, — dieser Zustand ist unnatürlich und widerspricht den Gesetzen der wirtschaftlichen Vernunft. Er liegt weder im Interesse der ukrainischen Bevölkerung, noch in jenem der industriellen, finanziellen und Handelskreise (ohne Unterschied der Nation) in der Ukraine. Er lässt sich fendgültig durch Kompromisse (wie Autonomie, Föderation, Union usw.) nicht aus der Welt schaffen und kann nicht anders, als durch vollständige Trennung deb ukrainischen vom übrigen russischen Wirtschaftsgebiet beseitigt werden.

2. Die Verschiedenheit der Interessen Russlands und der Ukraine im Auslande:

Während die wirtschaftlich erstarkende Ukraine ein Interesse daran haben wird, ihre Produkte nach den zahlungs- und leistungsfähigsten Ländern abzusetzen, um dadurch ihren Eigenbedarf an Importwaren zu decken, ihre Handelsbilanz zu verbessern, ihr politisches und wirtschaftliches Leben wieder aufzubauen, würde sie bei einem Verbleib im Gefüge des russischen Staates gezwungen werden, ihre Exportpolitik entgegen den, drängenden Bedürfnissen des eigenen Landes dem Diktat ihres natürlichen wirtschaftlichen Gegners, Moskau, unterzuordnen, ihre wichtigsten Produkte ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung für den heimischen Bedarf in das zahlungsschwache Nordrussland zu verschicken und sich dadurch bewusst ihrer wirtschaftlichen Aktiven zu berauben, um eventuell dafür gegen unverhältnismässig hohe Preise die unzulänglichen Erzeugnisse der Moskauer Industrie zu beziehen.

Hingegen würde eine wirtschaftlich selbständige Ukraine z. B. ihre überschüssigen Erze und Roheisen statt nach Zentralrussland, nach dem Ausland exportieren (und dabei ihre Kohle zur Versorgung der inländischen Industrie im Lande behalten), ihren Zucker, statt ihn zu einem Mindestpreise nach Norden zu schicken, nach dem Westen absetzen (und dadurch einen etwa viermal grösseren Zuckerexport erzielen), ebenso ihr Getreide, ihre landwirtschaftlichen Nebenprodukte usw. nach freiem Ermessen, d. h. entsprechend ihren nationalwirtschaftlichen Interessen verwalten.

3. Der Mangel an jenen Momenten, die eine wirtschaftliche Ergänzung und damit wirtschaftliche Bereicherung der beiden Länder bedingen würden:

Während Russland jene Produkte, die das Fundament der ukrainischen Industrie hätten bilden sollen, der Ukraine rücksichtslos entzog, war es andererseits nicht im entferntesten imstande, die für die Ukraine entbehrlichen Exportgüter (in erster Linie landwirtschaftlicher Gattung) aufzunehmen und zu konsumieren. Russland trat daher für den Absatz und Vertrieb dieser Artikel als parasitärer Zwischenhändler auf, der die Vorteile ihres Exportes für seine eigenen politischen und wirtschaftlichen Ziele ausnützte, hingegen der Ukraine die Gegenleistung vorenthielt, indem es ihre wirtschaftlichen Bedürfnisse, die durch die Ausfuhr dieser Produkte hätten vollauf gedeckt werden können, zum geringsten Teile befriedigte, die im Austausch eingeführten Waren durch seine Zoll- und Tarifpolitik für die Ukraine im Preise hinauftrieb und damit den materiellen Wert der ukrainischen Exportgüter unter ihr Wertniveau herabdrückte.

Bestand dieser Zustand bereits vor dem Kriege: wie sollte er bei einem verarmten und ruinierten Russland, das mehr noch als bisher sich auf Kosten seiner ihm verbliebenen reicheren Randgebiete wird aufrichten wollen, anders werden? Ein Ausweg für die Ukraine ist nur in dem Erringen einer selbständigen Wirtschafts- und Exportpolitik gegeben.

4. Die Gegensätzlichkeit der Interessen beim wirtschaftlichen Wiederaufbau beider Länder.

Die an Rohstoffen und Kraftquellen reiche, dabei infolge ihres agraren Charakters von Krieg und Revolution weniger tief heimgesuchte Ukraine wird bei dem kommenden Wiederaufbau ungleich günstiger dastehen, als das an Rohstoffen arme, seiner Produktionsmittel beraubte und in seinem industriellen Apparat durch Krieg und Revolution stärker getroffene Russland. Letzteres würde daher schon durch die Macht der Tatsachen das alte System der Exploitation der Ukraine erneut in Anwendung zu bringen genötigt sein, wobei es die im Auslande begehrten ukrainischen Exportgüter ohne Rücksicht auf die Entblössung der Ukraine ausführen würde, hingegen die früher in Zentralrussland verarbeiteten Rohstoffe und die nicht marktgängigen Erzeugnisse der Ukraine infolge Zerstörung seines Verarbeitungsapparates brach liegen liesse. Es müsste, um die für seinen Wiederaufbau notwendigen ausländischen Maschinen, Industrieartikel, Kredite usw. zu erhalten, die Ausfuhr der ukrainischen Rohstoffe und landwirtschaftlichen Produkte forcieren, dadurch an der ukrainischen Volkswirtschaft und Bevölkerung Raubpolitik treiben und die Entwicklung einer ukrainischen Industrie im Interesse der Erhaltung seiner Rohstoff-Vorratskammer bekämpfen.

So wäre die Ukraine als der wirtschaftlich stärkere an den wirtschaftlich schwächeren Organismus gefesselt, der als furchtbarer Ballast an ihr hängen, ihren Wiederaufbau erschweren und ihre natürliche Entwicklung hemmen würde, — was zu unaufhörlichen, ständig sich verschärfenden Kämpfen zwischen dem Süden und Norden Russlands führen müsste, so lange bis eben die Trennung der beiden durchgesetzt wäre.

Diese Argumente sind von zwingender Folgerichtigkeit und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, sie der Fiktion des alten „unteilbaren“ Russlands zuliebe zu übersehen. Sie sind unabhängig von Idem sozialen, politischen und nationalen Charakter der Regierungen, die über die Ukraine herrschen werde|n. Darum werden sie jede von ihnen nach der Richtung; der .wirtschaftlichen (und damit politischen) Trennung der Ukraine von Russland beeinflussen. Beweis dafür ist, dass sich auf diesem Hintergrund bereits seit Monaten im Schosse der Moskauer und Charkower Regierungen tiefgehende Differenzen bemerkbar machen, da selbst die ukrainische Sowjetregierung der exploitatorischen Wirtschaftspolitik Moskaus Widerstand entgegensetzen muss. Wie der Kampf um die Selbständigkeit der, Ukraine auch enden wird, gewiss ist: dass die wirtschaftliche Emanzipierung Südrusslands nicht mehr rückgängig zu machen ist, dass das bisherige System der Ausbeutung des Südens durch den Norden nicht mehr denkbar ist, und dass die Besitzer von Bergwerken, Ländereien, Fabriken usw. in der Ukraine, mögen sie welcher nationalen und politischen Richtung auch immer angehöjren, sich die einmal erworbene Befreiung von Moskau nicht mehr kampflos aus der Hand schlagen lassen werden.

Diese Gründe waren auch für England massgebend, das während der Verhandlungen mit Krassin die ukrainische Staatsidee hervorzukehren verstand, als es galt, Sowjetrussland gefügig zu machen. Es ist auch kein Geheimnis, dass gerade England auf die offizielle Anerkennung der ukrainischen Sowjetrepublik durch Moskau drängte, und dass es die Entsendung einer besonderen ukrainischen Mission nach London verlangte, die die Abmachungen betreffend den Handelsverkehr auf dem ukrainischen Territorium gegenzeichnen sollte. Das ist der Vorteil der englischen Ostpolitik gegenüber jener Deutschlands, dass England stets die feinere Witterung besass und über der Gegenwart nicht die grossen Linien der Zukunft aus den Augen verlor.

Trotzdem sind weder England, noch Amerika, noch Frankreich imstande, mit noch so gut durchdachten politischen und wirtschaftlichen Massnahmen die natürlichen Vorteile der geographischen Lage und der gegenseitigen ökonomischen Ergänzung, die zwischen der Uukraine und Deutschland besteht, die automatische Fortwirkung der früheren deutsch-russischep Handelsbeziehungen und die besseren geschäftlichen Fähigkeiten, über die Deutschland verfügt, wettzumachen. Es wird nur an Deutschlands Verständnis und Geschick liegen, diese Möglichkeiten im Interesse beider Länder zu erfassen und auszubauen.

IV. Sowjetukraine und Ukrainische Volksrepublik

Wenn man die Anschauung, dass die Loslösung der Ukraine von Russland trotz aller Hemmnisse und Widerstände sich unaufhaltsam bis zum völligen Abschluss entwickeln muss, folgerichtig weiter führt, so ist damit auch schon der Weg tin die Zukunft der deutsch-ukrainischen Wirtschaftsbeziehungen gekennzeichnet: er kann nicht über Moskau gehen, weder über das gegenwärtige sowjetische noch das kommende bürgerliche, linker oder rechter Prägung. Das politische und wirtschaftliche Uebergewicht des Moskauer Zentrums ist für alle Randgebiete, soweit sie nicht nur ihre Selbständigkeit erklärt haben, sondern auch die natürlichen Voraussetzungen ihrer Behauptung besitzen, endgültig vorbei. Wohl wird der Kampf zwischen der Ukraine und Russland noch eine Zeitlang weitergehen, aber es ist nicht zweifelhaft, zu wessen Gunsten er schliesslich entschieden werden wird. Diese Tatsache muss mit allem Nachdruck betont werden, denn sic ist für die Wertung der gegenwärtigen und zukünftigen politischen Geschehnisse in der Ukraine von massgebender Bedeutung.

Sie gestattet auch die Beantwortung der zweiten Frage, die in der Gegenüberstellung: Sowjetukraine oder Ukrainische Volksrepublik enthalten ist.

Es wurde bereits erwähnt, dass die Anerkennung der selbstständigen Sowjetukraine durch Moskau — nach der Besetzung des Landes durch russische Sowjetarmeen — feine durch die Verhältnisse erzwungene Konzession des letzteren an das national-staatliche Verlangen des ukrainischen Volkes darstellt. Ihre vornehmste Aufgabe war, als Mittel zu dienen zur Bekämpfung der nationalen ukrainischen Volksrepublik und den auf die Loslösung, gerichteten Willen des ukrainischen Volkes durch scheinbares Eingehen unschädlich zu machen. Es bedeutete also die ukrainische Sowjetrepublik als solche von vornherein eine Negation, sie war kein Endzweck, keine Schöpfung aus innerster Notwendigkeit und Folgerichtigkeit, kein Ereignis, das wenigstens jene historische und moralische Berechtigung hatte, wie sie die Moskauer Sowjetrepublik für sich in Anspruch nehmen kann. Sie ist ein Produkt der Sowjetpolitik, die Imperialismus mit Selbstbestimmungsrecht zu vereinigen bemüht ist, und sie steht und fällt ideell mit dem Bolschewismus überhaupt, real mit dem Erstarken des nationalukrainischen Widerstandes. Sie ist ein verzerrtes Erzeugnis der wider Spruchs-vollen Gegenwart, — im Gegensatz zu der aus einer organischen Entwicklung naturgemäss entstandenen nationalen Ukrainischen Volksrepublik, der vielleicht nicht der Augenblick, aber unzweifelhaft die Zukunft gehört.

Es spielt innerhalb dieser grossen Zusammenhänge, die immer ausgeprägtere Formen anzunehmen beginnen, keine grosse Rolle, dass die Ukrainische Volksrepublik im Augenblick nur im geringen Grade den deutschen wirtschaftlichen Bedürfnissen wird entsprechen können. Auch die glücklichere Lage der Sowjetregierung, die schon jetzt Abmachungen über eine wirtschaftliche Betätigung in der Ukraine zu treffen gestattet, verliert unter diesem Gesichtswinkel an Bedeutung. Denn diese Abmachungen, die sich nur auf eng begrenzte Gebiete beziehen können und zeitlich an die Dauer des Sowjetregimes gebunden sind, sind für Deutschlands Volkswirtschaft von keinem wesentlichen Belang. Sehr wichtig für letztere ist es aber, dass zwischen ihr und der Ukraine ein dauerndes Verhältnis hergestellt wird, das seine innere Begründung aus den beiderseitigen Interessen schöpft.

Diese Erwägungen sollen für den deutschen Kaufmann und Industriellen, die in der Ukraine arbeiten wollen, massgebend sein. Eine neue erwerbstätige Schichte ist in der Ukraine in Bildung begriffen, die im ukrainischen Bauern- und Mittelstand wurzelt und neue kommerzielle und wirtschaftliche Gewohnheiten aufbringen wird. Mit dieser, deren politischer Repräsentant die Ukrainische Volksrepublik ist, wird es die deutsche Geschäftswelt in Zukunft zu tun haben. Die ukrainischen politischen Gruppen, die dieser Schichte nachstehen, die ukrainischen wirtschaftlichen Institutionen, die aus ihrer Mitte entstanden sind, die vielfachen, heute noch gebundenen Kräfte, die aus ihrem Schosse geboren werden, verdienen die volle Beachtung der deutschen Geschäftswelt. Nicht die Sowjetregierung in Charkow und noch weniger die in Moskau kann letzterer hinsichtlich des ukrainischen Territoriums das bieten, ,was sie für die Auswirkung ihrer Kräfte im Osten braucht. Nicht sie besitzt die landwirtschaftlichen Produkte, die die Grundlage des deutsch-ukrainischen Warenverkehrs bilden werden, weil sie das ukrainische Dorf, den Besitzer dieser Güter, nicht beherrscht; nicht sie kann die ungestörte industrielle Betätigung, die ruhige Arbeit in Fabriken, Bergwerken, Werkstätten usw. garantieren, wenn diese nicht direkt im militärischen Machtbereich der Sowjetbehörde gelegen sind. Der ukrainische Bauer ist zum Bewusstsein seines Eigentumsrechtes an den Naturschätzen seines Landes gekommen und ist entschlossen, dieses Recht zu verteidigen. Der grosse Anwalt dieser seiner Ansprüche ist aber die Ukrainische Volksrepublik.

Die deutschen Kaufleute und Industriellen müssen daher, wenn sie den ukrainischen Markt an sich ziehen wollen, ihre Bemühungen richtig orientieren und nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, weil die Regierung der Ukrainischen Volksrepublik ihnen augenblicklich keine konkreten Anträge machen kann. Sie müssen dessen eingedenk sein, dass die ukrainische Sowjetregierung nur eine Etappe zur nationalen Regierung darstellt, und dass als dauernder Kontrahent, als leistungsfähiger Partner nur diese Geltung haben kann. Sie müssen sich daran gewöhnen, dass die alten Zeiten in Russland und die alten Machtverhältnisse daselbst unwiderruflich vorbei sind, und dass nun andere Faktoren entscheidend werden, auf die es sich beizeiten einstellen heisst.

V. Folgerungen.

Diesen Tatsachen im gegenwärtigen Verhältnis zwischen der Sowjetukraine und der Ukrainischen Volksrepublik, im zukünftigen Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland, muss der deutsche Unternehmer, der in der Ukraine Fuss fassen will, beizeiten Rechnung tragen.

Es ist Sache persönlicher Anschauung, ob man gegenwärtig dem russischen Einheitsstaat das Wort redet oder seine Karten auf die Emanzipation der Randstaaten setzt. Da die deutsche wirtschaftliche Bindung in der Ukraine aber über die Ereignisse der Gegenwart hinaus dauern soll, so muss deutscherseits bei der Einleitung der wirtschaftlichen Betätigung auf ukrainischem Boden eine Taktik eingeschlagen werden, die allen Entwicklungsmöglichkeiten gewachsen ist und sich nicht vorzeitig nach der aussichtslosen Seite festlegt.

Eine solche erfolgversprechende Bindung, die Dauer hält, ist nur unter folgenden Bedingungen erreichbar:

1. Es muss zunächst an der einmal von Deutschland formell anerkannten Selbständigkeit der Ukrainischen Volksrepublik, selbst wenn diese gegenwärtig infolge des Kriegszustandes mit Sowjetrussland sich in einer Krise befindet, unter allen Umständen festgehalten werden. Denn dies gestattet, Abmachungen bezüglich der Ukraine mit einem dazu berechtigten Kontrahenten zu treffen, es schafft die Verbindung mit den ständig an Macht gewinnenden nationalen Gruppen und es kommt endlich den Bestrebungen jener nicht-ukrainischen Kreise entgegen, die an dem Ausbau der ukrainischen Unabhängigkeit Interesse haben. In der Praxis wird diese Forderung darauf hinauslaufen, dass — sobald die Gewähr tatsächlicher Betätigungsmöglichkeit im Osten gegeben ist —, Verhandlungen über wirtschaftliche Verträge, Handelsabschlüsse, Konzessionen und Lizenzen, die sich auf das ukrainische Territorium beziehen, nicht mit der Moskauer Sowjetregierung, sondern mit den bevollmächtigten Vertretern der Ukrainischen Volksrepublik zu führen sind.

2. Es muss daneben unverzüglich die Fühlung mit den national-ukrainischen Kreisen und Wirtschaftsorganisationen aufgenommen und aufrecht erhalten werden, — zumindest dort, wo diese die Möglichkeit der Betätigung im Lande selbst haben und wo die in Aussicht genommenen Aktionen in die Sphäre der Landwirtschaft fallen.

3. Es müssen Vereinbarungen mit der russischen Sowjetregierung über grössere finanzielle und industrielle Transaktionen in der Ukraine, die sich auf Jahre erstrecken sollen und die tief in das Wirtschaftsleben der künftigen Ukraine eingreifen, vermieden werden (zumal die Garantie ihrer Durchführbarkeit auf ukrainischem Boden in keiner Weise von der Sowjetregierung geleistet werden kann). Dies bezieht sich nicht auf kurzfristige Handelsoperationen. Doch auch bei diesen ist, sobald eine Gegenleistung im Bereiche des ukrainischen Territoriums vorgesehen ist, eine Zusammenarbeit mit national-ukrainischen Institutionen im Lande anzustreben.

In diesem Zusammenhang möge insbesondere auf die ukrainische Genossenschaftsorganisation hingewiesen werden, die «n wirtschaftlichen Leben der Ukraine bereits heute eine bedeutende Rolle spielt und die ungeachtet der gegenwärtigen Ereignisse ihren Arbeitsapparat und im gewissen Masse auch ihre Kapitalien ziemlich unversehrt aufzubewahren verstand.

Ein Bild des ukrainischen Genossenschaftswesens gibt Anlage Nr. 16.

Eine Ausschaltung der ukrainischen Genossenschaften, besonders bei einer Konsolidierung des Warenverkehrs mit der Ukraine, wird um so weniger möglich sein, je mehr die Ukraine zum System des freien Handels zurückkehren wird, und je mehr der deutsche Erzeuger sich auf die Massen der (gegenwärtig stark im nationalen Sinn organisierten) ukrainischen Bauernschaft als Konsumenten seiner Waren einstellt. Gewisse Artikel werden mit Erfolg auf den ukrainischen Märkten nur dann abgesetzt werden können, wenn die Mitwirkung der ukrainischen Genossenschaften gewonnen ist. Der Handel wird sich dann in der Praxis durch Vermittlung der bis ins kleinste Dorf verzweigten Genossenschaften abwickeln, die das Vertrauen der Bevölkerung haben und wieder von ihnen die zum Export bestimmten landwirtschaftlichen Produkte und Rohstoffe bekommen können.

In richtiger Würdigung dieser Sachlage sind daher auch englische, amerikanische und japanische industrielle Kreise bemüht, mit den russischen und ukrainischen Genossenschaften in enge Arbeitsgemeinschaft zu treten. Die Verbindung der ukrainischen Genossenschaften mit Deutschland wird sich für den Anfang am besten durch eine parallele deutsche Organisation herstellen lassen.

Gewiss haben die nationalen ukrainischen Genossenschaften in der sowjetistischen Ukraine noch einen schweren Stand und namentlich ihre im Ausland wirkenden Vertreter sind augenblicklich zur Untätigkeit verurteilt. Aber gerade hier liesse sich deutscherseits eine dankbare Aufgabe lösen dadurch, dass bei Verhandlungen mit der russischen Sowjetregierung die Freiheit des Handels mit den in der Ukraine wirksamen Genossenschaften ausbedungen wird. Damit wäre bei aller Rücksichtnahme auf die Sowjetinteressen der Kontakt mit den ukrainischen wirtschaftlichen Organisationen und der durch sie repräsentierten ukrainischen Bevölkerung hergestellt.

Aber auch sonst müsste das nationale Moment psychologisch geschickter erfasst werden. Es muss neben den erprobten Methoden des deutschen Unternehmers im Osten noch die Mitarbeit zeitpolitisch orientierter, landes- und ortskundiger Vertreter gewonnen werden, die als Verbindungsglieder fungieren würden, nach beiden Seiten die nötigen Anregungen und Aufklärungen zu geben imstande wären und überhaupt die unmittelbare Fühlungnahme mit der Bevölkerung im Lande zu besorgen hätten. Die Werbearbeit von Person zu Person, der Kontakt mit der geschäftlich tätigen Bevölkerung bzw. ihren Organisationen ist bei der eingetretenen Entfremdung der deutschen Industrie zu ihren ehemaligen südrussischen Kunden unbedingt notwendig.

VI. Zusammenfassung.

Die vorgebrachten Ausführungen lassen sich in folgenden Vorschlägen zusammenfassen:

1. Deutsches Kapital und Unternehmertum muss, damit es im Osten wirtschaftlich Wurzel fassen kann, sich dem ukrainischen Wirtschaftsgebiet als dem zukunftsreicheren, für den europäischen Osten bedeutungsvolleren und wirtschaftlich universelleren zuwenden.

2. Es muss eine grosszügige Wirtschaftsaktion zur Exploitierung der Naturschätze und der industriellen Möglichkeiten der Ukraine in die Wege leiten durch den Erwerb von Konzessionen, Kauf oder Pachtung von Rohstofflagern, Kraftquellen, industriellen, Anlagen usw., die eine Produktion im Lande selbst ermöglichen, so bald die Voraussetzungen gegeben sind.

3. Ausgehend von der Tatsache des Zerfalls des wirtschaftlichen und politischen Zentralismus im ehemaligen Russland, ferner der Prokiamierung der selbständigen Ukrainischen Volksrepublik und der immer breiter fundierten wirtschaftlichen Loslösung der Ukraine von Russland muss es bei sämtlichen wirtschaftlichen Vereinbarungen, das ukrainische Territorium betreffend, die Ukrainische Volksrepublik als den einzig- berechtigten Kontrahenten betrachten. Es muss zugleich zu den nationalukrainischen und ukrainophilen Elementen in wirtschaftliche Beziehungen treten, den Kontakt mit der Bevölkerung durch Vermittlung der ukrainischen ,Wirtschaftsorganitionen aufrecht erhalten und den Bestrebungen nach Erringung völliger Selbständigkeit der Ukraine weder durch gegenteilige Vereinbarungen mit der russischen Regierung, noch die Art seiner (Tätigkeit überhaupt entgegentreten.

Im besonderen ist für die Einleitung einer grosszügigen wirtschaftlichen Betätigung in der Ukraine folgendes zu empfehlen:

a) Neben den bereits bestehenden deutsch-russischen Wirtschaftsorganisationen besondere deutsch-ukrainische Wirtschafts-Vereinigungen zu gründen, deren Aufgabe zunächst die detaillierte Bearbeitung der nachstehenden Anregungen, die Vornahme der nötigen geschäftsmässigen Vorarbeiten und schliesslich die praktische Durchführung der in Aussicht genommenen Aktionen wäre.

b) Im gegebenen Augenblick eine Kommission von Fachleuten nach dem ukrainischen Wirtschaftsgebiet zu entsenden, welche an Ort und Stelle Erhebungen über die geplanten Unternehmungen zu pflegen, Kalkulationen anzustellen und Vorverträge abzuschliessen hätte.

c) Gleichzeitig die Bildung eines auf breitester Grundlage gegründeten Konzerns der in Betracht kommenden finanziellen und industriellen deutschen Unternehmungen zur wirtschaftlichen Exploitierung der Ukraine in Angriff zu nehmen, der unverzüglich an die Realisierung der von der Kommission vorgeschlagenen Unternehmungen schreiten soll.

Es ist selbstverständlich, dass eine planvolle und für die deutsche Volkswirtschaft bedeutungsvolle Auswertung der wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten in der Ukraine von einer einzelnen Unternehmergruppe nicht durchgeführt werden kann, und dass sie nur als grossangelegte gemeinsame Aktion einer Vereinigung von kapitalkräftigen Gesellschaften im vollen Umfange erfolgversprechend ist. Auch sind Operationen von längerer Dauer zu entwerfen, die im vorgesehenen Augenblick eine Steigerung gestatten.

II. Teil
I. Art und Form der Betätigung.

Die Aufgaben und die Art der wirtschaftlichen Betätigung in der Ukraine ergeben sich ihrem Wesen nach aus den Problemen des wirtschaftlichen Wieder- und Neuaufbaues des Landes. Es ist zunächst als Richtlinie festzuhalten: ein unmittelbarer, direkter Güteraustausch zwischen der Ukraine und Deutschland, der den wirtschaftlichen Beziehungen dieser beiden Länder neue Lebenskraft zuführen soll, ist augenblicklich wohl kaum in nennenswertem Umfang durchzuführen. Denn abgesehen von der gänzlichen Zerrüttung des Verkehrswesens i§t der gesamte Produktionsapparat der Ukraine so erschöpft, dass nur wenige Exportgüter erfasst und nach den Grenzstellen befördert werden können. Die Bargeldvorräte, über die .die Ukraine verfügt, und die durch die Sowjetherrschaft sehr zusammengeschmolzen sind, würden nur einen verschwindenden Teil der ukrainischen Bedürfnisse zu decken imstande sein; sie kommen daher auf die Dauer als Zahlungsmittel nicht in Betracht. Ein auf dem reinen Tauschverkehr ruhender regelmässiger Handel ist somit für die nächsten Jahre nur in sehr beschränktem Masse möglich.

Dies schliesst natürlich nicht aus, dass einzelne geschäftliche Transaktionen jederzeit durchgeführt werden können, zumal der Ukraine selbst in Zeiten stärkster Zerrüttung eine gewisse Rekompensationsfähigkeit nicht abgesprochen werden kann.

Die Tätigkeit des ausländischen Kapitals in der Ukraine müsste also zunächst darauf ausgehen, die Vorbedingungen für die allgemeine wirtschaftliche Gesundung, für die erneuerte Gütererzeugung, für die Ermöglichung der Rohstoffausfuhr, für die Hebung der Kauffähigkeit im Lande selbst zu schaffen. Die Aufgabe läuft im Wesen auf eine Wiederherstellung der Kauf- und Tauschfähigkeit der Ukraine hinaus, die erst die Grundlage für grossangelegte wirtschaftliche Wechselbeziehungen zwischen ihr und dem Ausland schaffen soll. Sie wird selbsttätig jede ukrainische Regierung auf eine Heranziehung der ausländischen Hilfsmittel und zwar auf dem Wege der Konzessionserteilung drängen.

Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass die wirtschaftliche Exploitierung der Ukraine ausschliesslich dem fremden Kapital übertragen werden wird. Wohl aber werden folgende zwei Möglichkeiten in Betracht kommen:

a) Eine Konzession mit Beteiligung des Staates oder besonders bevollmächtigter privater Organisationen (oder beider zugleich);

b) Eine gewöhnliche Konzession, aber unter gewissen Reservatrechten des Staates.

Für die Ukraine sind von der nationalen Regierung zweierlei Konzessionen ins Auge gefasst:

1. Konzessionen auf die Ausbeutung der natürlichen Bodenreichtümer, d. h. auf die Gewinnung solcher Rohstoffe, welche nach dem Ausland ausgeführt werden können;

2. Konzessionen auf die Errichtung oder Wiederinstandsetzung von Fabriken zur Herstellung von Gegenständen, die für den Verbrauch in der Ukraine bestimmt sind.

Daneben wird die Konzessionierung grosser getreidebauender Kolonien erwogen, wobei den fremden Kolonisten eine Art wirtschaftlicher Autonomie zugestanden werden soll.

Dieser Weg der industriellen Tätigkeit im Lande selbst hat fürs erste am meisten Aussicht für eine unmittelbare finanzielle und industrielle Betätigung Deutschlands in der Ukraine. Es soll darauf verwiesen werden, dass er bereits von englischen und amerikanischen Finanzgruppen erfolgreich besehritten wird, indem diese nach Erwerb von Konzessionen bei der Sowjetregierung leerstehende Fabrikanlagen aufkaufen und dort die Erzeugung von verschiedenen Waren und Bedarfsgegenständen in Angriff nehmen. Da viele Zechen, Werke, Fabriken usw. Stillstehen, würden sie unter Umständen leicht und billig gekauft (oder gepachtet), instandgesetzt, mit Maschinen und Geräten versehen und mit qualifizierten Arbeitern versorgt werden können. Rohstoffe, Kohle und gewöhnliche Arbeiter würden dann im Lande aufgetrieben werden.

Zusammenfassend soll gesagt werden: die auf die Gewinnung der Bodenschätze und damit verbundene Instandsetzung der heimischen Industrie gerichtete Tätigkeit im Lande selbst bietet in der nächsten Zukunft gegenüber dem einfachen Handel, d. h. der Ausnützung und Befriedigung des ukrainischen .Warenhungers viel ergiebigere und grosszügigere [Möglichkeiten. Nur auf diesem Wege kann das deutsche Kapital und Unternehmertum massgebenden Einfluss auf das Wirtschaftsleben der Ukraine gewinnen und den ukrainischen Markt ausschliesslich, d. h. mit Ausschaltung ernstlicher Konkurrenz beherrschen.

II. Betätigungsgebiete.

Für die Betätigung des deutschen Kapitals und Unternehmergeistes in der Ukraine kommen demnach ausser dem allgemeinen handelswirtschaftlichen Verkehr, folgende industrielle Möglichkeiten in Betracht:

1. Die Wiederherstellung des Transport- und Produktionsapparates;

2. die Ausbeutung der natürlichen Bodenschätze;

3. Industrielle Betätigung (Ausbau bestehender oder Schaffung neuer Industriezweige).

In folgendem sollen jene Wirtschaftsgebiete in grossen Zügen angeführt werden, ki denen eine Betätigung voraussichtlich die sichersten und grössten Gewinnchancen zeitigen würde. Es wird dabei das Material nach Iden Gesichtspunkten der Unmittelbarkeit der Betätigungsmöglichkeit, der Wichtigkeit für das ukrainische Wirtschaftsleben und der Bedeutung für die deutschen Interessen geordnet werden.

1. Wiederherstellung des Transportwesens.

A) Eisenbahnwesen.

Die Wiederherstellung des Transportwesens in der Ukraine steht mit Rücksicht darauf, dass sie die Voraussetzung für die Wiederbelebung des ukrainischen Handels und der Produktion und damit für den wirtschaftlichen Wechselverkehr zwischen der Ukraine und dem Auslande bildet, im Vordergrund und es ist natürlich, dass jede ukrainische Regierung, ihr das grösste Augenmerk zuwenden wird. Hierbei wird sich in der Praxis zunächst eine gewisse Reihenfolge der Arbeiten ergeben, entsprechend den allgemeinen Bedingungen der wirtschaftlichen Lage in der Ukraine, indem in erster Linie die Auffüllung und Ausbesserung des Lokomotiv- und Waggonparkes vorzunehmen sein wird, in zweiter die Instandsetzung (und maschinelle Ausrüstung) der heimischen Reparatur- und Waggonbauwerkstätten, in dritter die Wiederherstellung der Hoch- und Kunstbauten, in vierter die Restaurierung des Oberbaues.

Die beiden letzten Kategorien von Arbeiten können gegenständlich erst nach Beendigung des Kriegszustandes in der Ukraine werden. Eine grosszügigere Betätigung deutschen Kapitals wird erst nach der allgemeinen Inangriffnahme der Ausgestaltung des ukrainischen Eisenbahnnetzes einsetzen können. Die vor und während des Krieges ausgearbeiteten Projekte sehen hierbei voraus:

a) die Vollendung bereits angefangener oder fertigprojektierter Magistrat und Verbindungslinien;

b) die Verdichtung und Ausgestaltung des Verkehrs in den Industrierayons (besonders im Donezgebiet, ferner in den Gouvernements Katerinoslaw und Cherson) durch den Bau von zunächst mindestens 1600 Kilometer Eisenbahnen, die den besseren Anschluss der Erz- und Kohlenreviere untereinander und mit dem Hauptbahnnetz bewerkstelligen soll;

c) den Bau neuer Linien, insbesondere einer leistungsfähigen W.O.-Linie als direkte Eisenbahnverbindung zwischen Mitteleuropa und Kaukasien einerseits, Zentralasien andererseits.

Hinsichtlich der Rentabilität solcher Unternehmungen ist zunächst darauf hinzuweisen, dass die Eisenbahnen in der Ukraine vor dem Kriege eine der ergiebigsten Einnahmequellen Grossrusslands bildeten. Alle ukrainischen Eisenbahnlinien warfen bedeutende Gewinne ab (insbesondere die sog. Südwestbahnen, die Katharinen- und die Südbahn). Bei der Rückständigkeit der übrigen Kommunikationsmittel, vor allem der Wasserstrassen und Chausseen, bei der Weitmaschigkeit und völligen Unzulänglichkeit des vorhandenen Eisenbahnnetzes, bei der ständigen Erweiterung des ukrainischen Export- und Importverkehres, bei der fortschreitenden Ausbeutung der ukrainischen Naturschätze — ist die Rentabilität von Eisenbahnanlagen in der Ukraine auf Jahrzehnte hinaus gesichert.

In diesem Zusammenhänge soll eines Planes Erwähnung getan werden, die Konzessionäre unter anderem durch Rohstoffe, die in der Nähe der Eisenbahnstrecken erfassbar sind, zu entschädigen. In Betracht kämen Getreide, Erze, Zucker und landwirtschaftliche Produkte.

B) Wasserstrassen.

Neben dem Eisenbahnwesen wird in der Ukraine auch die Ausnützung und der Ausbau der Wasserstrassen Gegenstand industrieller Betätigung sein. Die natürlichen Voraussetzungen dazu sind in weitestem Ausmass gegeben. Die Flussysteme des Dniepr, des Bug, Donez und Dniestr ergeben .Wasserstrassen von mindestens 5000 km Länge, wobei nur die bereits erforschten Teile in Betracht gezogen werden, welche ohne Schwierigkeiten und ohne grosse Unkosten für den Transport in Gebrauch genommen werden können. Eine entsprechende Ausnützung derselben würde für das deutsche Kapital noch grosszügige Nebenwirkungen auslösen, indem sie das Wirtschaftsleben und die Produktionsverhältnisse der Ufergebiete stark beeinflussen würde, und zwar durch Bildung neuer, durch billige Kraftquellen und Verkehrswege sichergestellter Industriegebiete in Gegenden, die bisher zumeist agrarischen Charakter trugen.

Besonders das Flussystem des Dniepr hat Bedeutung als Hauptteil der projektierten Wasserstrasse zwischen dem baltischen und Schwarzen Meere. Die Lösung dieses Projektes würde bekanntlich den kürzesten und billigsten Weg vom Norden nach Kleinasien darstellen und von ausserordentlicher Bedeutung für die gesamte Industrie und den Handel Europas sein.

Für die Inangriffnahme solcher Arbeiten ist ferner von Bedeutung, dass eine Reihe von Flüssen Stromschnellen und Wasserfälle aufweist, deren Energie ohne besondere kostspielige Vorarbeiten ausgenützt werden kann. Die Zahl der vorhandenen Energien, die allein aus den natürlichen Stromschnellen des Dniepr gewonnen werden können, beläuft sich nach vorsichtigen Berechnungen auf eine halbe Million HP. Selbst bei halber Ausnützung würde damit das gesamte Industriegebiet von Katerinoslaw in einem Umkreis von 100 bis 120 km von den Schnellen mit elektrischer Kraft versorgt werden können.

Diese billigen Kraftquellen, wie das billige Verkehrsmittel würden es der deutschen Industrie ermöglichen, in absehbarer Zeit in der Gegend der Stromschnellen ein neues Industriezentrum zu schaffen mit dem Zweck der Verarbeitung der im Umkreis gewonnenen Rohstoffe und Bodenschätze.

Neben der Kanalisierung und Schiffbarmachung der Hauptflüsse ergäbe sich als Nebenaufgabe die Organisierung des Wassertransportes. Dazu gehört:

a) die Beistellung neuer und die Ausbesserung, Modernisierung und Ausrüstung älterer Schiffahrzeuge (insbesondere müssten die alten, mit primitiver Kohlen- oder Naphthaheizung versehenen Dampfer durch Motorkähne mit Explosionsmotoren ersetzt werden, die natürlich den besonderen Navigationsverhältnissen der ukrainischen Flüsse anzupassen wären);

b) die Anlage von Verladeplätzen, Hafenanlagen, Brennstoffstationen, Lagerhäusern usw.

c) die Anlage von Werften und maschinellen Reparaturwerkstätten. (Als Hauptplatz käme dafür neben den bestehenden Anlagen am Dniepr etwa die Stadt Tscherkassy infolge ihrer zentralen Lage in der Nähe von Kohlen-, Holz- und Eisenproduktionsstätten in Betracht.)

Durch den Bau und die Ausrüstung der Wasserstrassen würde unmittelbar die Möglichkeit geschaffen werden, Getreide, Erz, Zucker und andere Rohstoffe zu den Hafenplätzen zu befördern. Auch in diesem Falle sollen die Konzessionäre durch eben diese Produkte, soweit sie in der Nähe der Wasserstrassen auftreibbar sind, entschädigt werden.

Für die deutschen Maschinen- und Motorfabriken ergäbe sich bei Inangriffnahme dieser Arbeiten eine Reihe besonderer Aufgaben, deren Durchführung die Absatzmöglichkeit der deutschen Maschiiienindustrie in der Ukraine bedeutend heben würde.

C) Strassenbahnwesen.

Das Chausseenetz in der Ukraine war vor dem Kriege äussersi mangelhaft ausgebaut. Das grosse Land hatte kaum 1800 km richtiger Chausseen. Der Krieg und die Revolution haben weitere Zerstörungen derselben im Gefolge gehabt. Die natürlichen Bedingungen für den .Wiederaufbau und den Neu-ausbau des Strassennetzes sind sehr günstig, aber ihre Inangriffnahme wild wohl bei der Dringlichkeit anderer Arbeiten eine Zeitlang zurückgestellt werden müssen.

2. Ausbeutung der natürlichen Bodenschätze.

Die Wiederherstellung des Transportwesens schafft erst die Voraussetzung für die wirtschaftliche Tätigkeit in der Ukraine überhaupt. Sie bedeutet daher an sich noch nicht die Exploitation der industriellen Möglichkeiten schlechthin. Die Intensität der ökonomischen Durchdringung der Ukraine wird abhängen von der Stärke des industriellen und finanziellen Engagements in jenen Zweigen der ukrainischen Volkswirtschaft, die ihre wichtigste und einflussreichste Seite darstellen: das ist in der Eisen- und Kohlenproduktion einerseits, in der landwirtschaftlichen Produktion andererseits.

A) Kohlen- und Koksproduktion.

Die statistischen Ziffern der vorkriegszeitlichen Kohlenwirtschaft Russlands zeigen folgendes Bild: Kohlenarmut des Nordens und Zentralrusslands (d. h. des eigentlichen Russlands), Kohlenreichtum in den asiatischen Besitzungen (Ural, Sibirien, Turkestan) und maximale Kohlenproduktion in den südlichen Randgebieten (Ukraine und Dongebiet).

Das erläuternde Zahlenmaterial befindet sich in der Anlage Nr. 1.

Berücksichtigt man: dass die gesamte Abbaufläche der Kohle im Donezbassin vor dem Kriege nur 15—30 % der vorhandenen Abbaufläche betrug; dass die Leistungsfähigkeit der technischen Einrichtungen in den Gruben selbst in den Jahren der intensivsten Produktion nur bis 70—75 % ausgenützt wurde; dass von der Gesamtzahl der etwa 521)0 vorhandenen Koksöfen kaum 25—27 % mit den zur Verk&lmng notwendigen Einrichtungen ausgestattet waren; dass die Anthrazitgewinnung weit hinter der Koksgewinnung zurückstand und überdies durch technische Rückständigkeit gehemmt wurde; dass die Verwertung des gewonnenen Materials vollkommen unrationell vor sich ging, (es wurde z. B. die Verwertung des Kohlenstaubes in Eorm von Brikettierung fast gar nicht oder nur ganz unzulänglich durchgeführt); dass die Gewinnung der Nebenprodukte, wie Teer, Schweröl, Benzol und ammoniakalischer Verbindungen erst in den Anfängen steckte (da z. B. im Jahre 1913 nur 16 % der Oefen sich damit befasste), — so ergeben sich für den deutschen Unternehmungsgeist bereits aus jedem dieser Momente Anhaltspunkte für eine industrielle Betätigung im grossen Masstabe.

Durch die Revolution ist der Kohlenbergbau des Donez-gebietes ziemlich hart getroffen worden. (Die gegenwärtige Produktion beträgt kaum 15 bis 17 % der normalen Produktion.) Die Wiederinstandsetzung der Bergwerke wird unbedingt ausländischem Kapital übertragen werden müssen. Die teilweise Enteignung und Nationalisierung der Bergwerke während der Sowjetherrschaft schaffte überdies zum Teil völlig neue Besitzverhältnisse, die das deutsche Kapital bei geschicktem Vorgehen für sich ausnützen könnte.

Neben der Betätigung in bereits bestehenden Bergwerken kommt ferner eine solche in neu zu erschliessenden in Betracht. In der letzten Zeit wurden ziemlich reichhaltige Lager gefunden (z. B. Rayon Hrischinskyj und Kramatorskyj), deren gesamte Ausbeute ausländischen Interessenten überlassen werden soll.

Neben der Donezer Steinkohle spielten bisher die zahlreichen Braunkohlenvorkommen eine geringere Rolle. Die starken Verwüstungen im Donezer Steinkohlenrevier, die Holzarmut der Ukraine, die schwierige Zufuhr von flüssigen Brennstoffen und die leichtere Wiederaufbaumöglichkeit der Braunkohlengruben dürfte aber schliesslich doch zu einer geregelten Ausbeutung und Verwertung der Braunkohle (etwa in Brikettform) führen.

Das Interesse deutscher Unternehmer hätte sich aber nicht nur auf die reine Ausbeutung der Kohlenlager zu1 beziehen, sondern auch auf die technische Ausgestaltung des Kohlenbergbaues überhaupt. Zur vollen Ausnutzung der Reichtümer des Donezbeckens ist z. B. der Bau von Zentralkraftstationen notwendig, (geplant wurden solche bisher in den Rayons von Slawianoserbsk und Hryschyn). Durch den Bau von Verbindungsbahnen (siehe Seite 28) könnte weiter die Kohlenförderung um beinahe das Doppelte gesteigert werden.

Während des Krieges entstanden ausführliche Pläne für die Hebung des Donezgebietes, und zwar von New-Yorker Finanzinstituten, die namhafte amerikanische Kapitalien in süd-russischen industriellen Unternehmungen anzlulegen beabsichtigten, um durch die mit der Ausbeutung der natürlichen Reich-tümer parallel einhergehende Hebung der Kaufkraft der Bevölkerung die Ausfuhr amerikanischer Manufakturwaren nach der Ukraine zu steigern.

Das deutsche Kapital könnte durch entschlossenes Zugreifen sich in der Ukraine Vorrechte sichern, die ihm später eine überragende Stellung in der wirtschaftlichen Entwicklung dieses Landes einräumen würden.

B) Eisenindustrie.

Auf Grund der reichen Vorkommen von Eisenerzen und verkokbarer Kohle hatte sich in der Ukraine bereits Jahrzehnte vor dem Kriege ein bedeutendes Eisenhüttenwesen entwickelt.

Das einschlägige Ziffernmaterial ist in der Anlage Nr. 2 niedergelegt.

Es veranschaulicht die gewaltig ansteigende Entwicklung der ukrainischen Eisenindustrie, ihre überragende Bedeutung für die Industrie des ganzen Ostens und zeigt zugleich, dass sich die Mitwirkung des ausländischen Kapitals im Prinzip nach zwei Richtungen vollziehen wird:

a) Wiederherstellung und Steigerung der Erzausbeute;

b) Verwertung des gewonnenen Erzes im Lande zur Haibund Fertigfabrikaterzeugung.

Für deutsche Unternehmer wird eine dankbare Aufgabe darin bestehen, die Ukraine instand zu setzen, dass sic in eigenen Hochöfen ihr Erz schmelzen und Halbfabrikate daraus erzeugen kann. Es ist dann nicht zu zweifeln, dass bei der fast amern kanisch anmutenden Entwicklungsintcnsität der ukrainischen Hüttenindustrie diese Periode rasch durchschritten sein wird und dass dann der Aufbau einer leistungsfähigen Fertigwarenindustrie einsetzen wird. Vor dem Kriege bestand zwar in der Ukraine eine Anzahl von Maschinenfabriken, doch waren sie zumeist für die Bedürfnisse der heimischen Montanindustrie tätig. An .Werken z. B. für den eigentlichen Grossmaschinenbau fehlte es fast ganz. Eine der Bedingungen für den Aufschwung dieser Industrie wäre der Bezug normalisierter, in anderen Fabriken hergestellter Zwischenfabrikate. Solche Lieferungen können aber fast nur aus Deutschland kommen.

Wenn auch Weltkrieg, Revolution und bolschewistische Wirtschaftsmethoden die ukrainische Hüttenindustrie zum grossen Teile brach gelegt haben, so wird gerade die Dringlichkeit ihrer Wiederaufrichtung und die finanzielle Ohnmacht der ukrainischen Regierungen in den nächsten Jahren zu einer starken Inanspruchnahme ausländischen Kapitals und Unternehmertums führen müssen. Dazu kommt, dass speziell Erze (und einige andere Rohstoffe der Montanindustrie) verhältnismässig am raschesten zur Ausfuhr werden bereitgestellt werden können, da ihre Ausbeute bei weitem ihre Verwendung in der Ukraine übertrifft. Während z. B. Kohle wohl kaum entbehrlich werden wird, werden Erze und Mangan usw. vorwiegend als Kompensationsobjekt und Zahlungsmittel bald ausfuhrbereit sein können, soweit natürlich ihre Verfrachtung ermöglicht wird.

Als natürliches Verbrauchsgebiet für das ukrainische Exporterz wird die oberschlesische Montanindustrie zu gelten haben. Freilich ist dann die Frage ihrer Zufuhr zu lösen, die in erster Zeit wohl auch politisch zu behandeln sein wird. Zur Erfassung der ukrainischen Exportüberschüsse wird es sich empfehlen, in Deutschland ein finanzkräftiges Kaufsyndikat zu bilden, das den Erwerb der Erze und ihre Verteilung auf die deutschen Werke zu übernehmen hätte.

Neben der Inbetriebsetzung früherer Schächte wird auch die Erschliessung neuer Erzvorkommen, die wissenschaftlich festgestellt, bisher aber noch nicht in Angriff genommen wurde, in Betracht kommen. In dieser Richtung ist besonders wichtig die Ausbeutung der Magnesitlager im Kursk-Woronescher Gebiet, die einmal eine völlige Verschiebung der industriellen Verhältnisse nicht nur in Osteuropa, sondern wahrscheinlich auch in Mitteleuropa zu bewerkstelligen berufen sind. Die Erschliessung dieser Vorkommen hängt allerdings mit der verkehrstechnischen Erschliessung dieses Gebietes und der Sicherstellung genügender Kokskohle zusammen. Beide Aufgaben bieten indessen keine allzu grossen Schwierigkeiten, wenn die Mitwirkung kapitalkräftiger Interessenten gewonnen ist.

Berücksichtigt man, dass die ukrainische Erzausbeute im Verein mit der Kohlenproduktion die Grundlage der industriellen Tätigkeit nicht nur im Süden, sondern zum grossen Teil auch im Norden Russlands bildete und dass sie auch bei dem Wiederaufbau der ukrainischen (und teilweise russischen) Volkswirtschaft eine hervorragende Rolle zu spielen berufen ist, so wird es ohne weiteres klar, dass dem Beherrscher dieses Produktes automatisch auch die Herrschaft über einen bedeutenden Teil der Industrie des Ostens überhaupt zufallen muss.

Ein stärkeres Engagement Deutschlands auf diesem Gebiete würde ihm, zumal sein eigenes Erzgebiet durch den Ausgang des Weltkrieges wesentlich geschmälert wurde, auch die Möglichkeit bieten, bedeutende Mengen dieses Materials aus der Ukraine zu beziehen. Durch den Verlust Lothringens und Luxemburgs ist der Anteil Deutschlands an den Eisenerzvorräten Europas bekanntlich von 32,5 % auf 10,8 % gesunken. Deutschland, das bereits vor dem Kriege namentlich Manganerze aus der Ukraine einführte, wird sich hier einen Rohstoffmarkt sichern können, der nach und nach seinen Erzbedarf voll zu decken imstande sein wird.

C) Quecksilberproduktion.

Die ukrainischen Zinnobergruben von Mykytowka versorgten ganz Russland mit Quecksilber.

Einige Angaben befinden sich in der Anlage Nr. 3.

Die Quecksilbergewinnung der Ukraine hat durch die Revolution und die Sowjetherrschaft stark gelitten. Ihre Wiederherstellung ist nur mit fremdem Kapital zu erzielen. Dann aber würde sie bei entsprechender Steigerung der Förderung Bedeutung erlangen, nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für den Export nach dem Westen.

D) Graphitproduktion.

Angaben darüber befinden sich in der Anlage Nr. 4.

Die ukrainische Graphitproduktion ist sehr ausbaufähig und wird namentlich nach gründlicher Erforschung der verschiedenen Fundstätten unzweifelhaft ein gewinnbringendes Arbeitsfeld abgeben.

E) Salzproduktion.

Bezüglich der ausländischen Betätigung auf dem Gebiete der ukrainischen Salzproduktion gilt in sinngemässer Anwendung das in den allgemeinen Kapiteln über die Betätigungsarten Gesagte. Zu erwähnen wären besonders die reichen Arbeitsmöglichkeiten in den Salzlagern des Donezbeckens, die noch ihrer Aufschliessung und Verwertung harren.

Nähere Angaben finden sich in der Anlage Nr. 5.

F) Erdölproduktion.

Ausser den bekannten ostgalizischen Erdölrevieren im Borys-lawer und Drohobytscher Gebiet, deren Bedeutung für Deutschland bereits oftmals gewürdigt wurde, sind innerhalb des ukrainischen ethnographischen Gebietes noch zwei reiche Erdöllager vorhanden, Grosny und Maikop am Nordhang des Kaukasus. Das Zahlenmaterial ist in der Anlage Nr. 6 angeführt.

Für das deutsche Kapital bieten sich insbesondere in Grosny reiche Betätigungsmöglichkeiten, zumal sowohl die verfehlte Produktionspolitik der Sowjetregierung, wie die Ausbeutungs-politik des Ententekapitals das Verlangen nach deutschen Unternehmern weckte. Grosny steht erst in den Anfängen seiner Entwicklung. Ueberdies hat der besonders im Kriege zutage getretene Oclreichtum der Nachbarreviere Raum für weitere Beteiligungen ausländischen Kapitals gelassen.

Die deutsche Betätigung hätte ausser einer direkten Beteiligung an der Erdölgewinnung noch die Wiederinstandsetzung, technische Ausgestaltung und Organisierung der im staatlichen Besitze befindlichen Quellen zu umfassen. Allein der Bedarf an Tankwagen, Reservoiren, Maschinen, Bohrmaterial’, Rohren und anderen Geräten ist gewaltig. Bei der grossen Entwicklungsfähigkeit Grosnys wird auch die Durchführung der bereits seit einiger Zeit ins Auge gefassten ausgedehnten Rohrleitungen (von Grosny nach Zarizyn und Noworossysk, nach einem anderen Plane nach Astrachan) immer dringender werden. Auch hier soll die Entschädigung der Konzessionäre teilweise durch Petroleum erfolgen. (Für das letzte Projekt soll bereits in Schweden Interesse geweckt worden sein).

Der Krieg und die Revolution, ferner die durch Elementarschäden (Feuerbrünste im Jahre 1919 und 1920) verursachten Produktionskrisen werden die ukrainischen Regierungen zu einer intensiven Heranziehung fremder Kapitalien nötigen, zumal der Bedarf der Ukraine und Russlands an Heizölen schon mit Rücksicht auf ihr teilweise auf Oelfeuerung umgestelltes Eisenbahnwesen ständig wachsen wird. Bezüglich Grosnys suchen sich auch amerikanische und englische Firmen Vorrechte zu sichern. Deutsches Kapital müsste sich daher auf eine scharfe Konkurrenz gefasst machen.

G) Torfindustrie.

Die ausgedehnten Torflager der Ukraine stellten bisher ein ziemlich brachliegendes Kapital vor. Die durchschnittliche jährliche Verwertung von etwa 100 000 t stand in keinem Verhältnis zu den verfügbaren gewaltigen Vorräten. Erst kurz vor dem Kriege entstanden (zumeist von Ausländern) mehrere Pläne zu ihrer Ausnützung, die jedoch fast durchgchends nicht ausgeführt wurden. Während der Revolution, als das Brennmaterial überall knapp war, wurden die alten Projekte nacheinander von den verschiedenen Regierungen aufgegriffen, ohne dass diese Versuche zu praktischen Ergebnissen geführt hätten.

Für das deutsche Kapital käme ausser den üblichen Verwertungsmethoden namentlich noch die Verwirklichung jener Projekte in Betracht, die die Ausnützung der Torflager zur Versorgung von elektrischen Kraftstationen mit Brennstoff betreffen. Hierbei handelt es sich zunächst um die bekannten Irdyn,-Moore bei Tscherkassy, die Irpenj-Moore bei Kiew, die Torflager am Pripjet und an der Desna, sowie bei Proskurow. Diese Betätigung würde einen Teil des Betätigungsprogramms deutschen Kapitals bei der allgemeinen Elektrisierung der Ukraine bilden und wird noch in einem späteren Kapitel behandelt werden.

H) Andere Bodenschätze.

Die Ukraine birgt noch eine Menge von natürlichen Bodenschätzen, zu deren Ausbeutung bisher entweder noch gar nicht geschritten worden ist (Graphit, Glimmer, Brom, Jod, Bernstein usw.) oder deren Gewinnung und Verarbeitung schwach entwickelt ist (Kaolin, Ton, Mergel, Phosphorit, lithographischer Stein, Feldspat, Bimstein usw.).

In den folgenden Kapiteln wird die Auswertung der wichtigsten von ihnen im Rahmen der industriellen Betätigung kurz behandelt werden. Es soll nur hier darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihre Ausbeutung im Lande ohne grossen Kapital- und Arbeitsaufwand zur Schaffung leistungsfähiger Industriezweige mit starkem Absatz führen würde.

Die ukrainischen Regierungen würden sich zur Konzessionserteilung um so leichter verstehen, als diese Zweige bisher bei der Fülle anderer Betätigungsmöglichkeiten in der Ukraine geringe Beachtung fanden. Besonders in Verbindung mit der Auswertung von Kohlenlagern, von Elektrizitätswerken, der Anlage von Wasserstrassen usw. wäre die Gründung solcher Industrien gewissermassen im Nebenbetrieb zu empfehlen, namentlich auch darum, weil dieselben in den nächsten Jahren, wo die Transport-und allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse die Einfuhr von Waren ihrer Branche erschweren, würden, fast konkurrenzlos arbeiten könnten.

3. Industrielle Betätigung.

Die Gewinnung der natürlichen Bodenschätze in der Ukraine hat zur Voraussetzung die Anlage immerhin bedeutender Kapitalien. Wenngleich die Rentabilität von Unternehmungen dieser Gattung ausser Zweifel ist, so macht sie eine Bindung des Kapitals auf längere Zeit hinaus notwendig. Für Deutschland, das einen raschen Umlauf seiner für die Auslandsbetätigung verfügbaren finanziellen Mittel anstreben muss, wird in der nächsten Zukunft eine rein (industrielle Tätigkeit, die Bindungen von geringerer Dauer, ein geringeres Anlagekapital, raschere Amortisation und raschere Gewinnmöglichkeiten bietet, vielleicht die zweckmässigere und leichter durchführbare sein.

Im folgenden sollen jene Industrien und Industriegruppen in knappen Strichen behandelt werden, deren Inangriffnahme für den deutschen Unternehmer, sowohl was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Deutschlands, als auch was die allgemeinen Rentabilitätsvoraussetzungen betrifft, von besonderem Interesse wäre.

A) Zuckerindustrie.

Die Zuckerindustrie bildete in der Ukraine einen der wichtigsten .Wirtschaftsfaktoren, der bereits im Frieden das finanzielle, soziale und wirtschaftliche Leben Südrusslands massgebend bestimmte.

Einige erläuternde Angaben befinden sich in der Anlage Nr. 7.

Durch derf Krieg und die Revolution ist die Zuckerproduktion gegenwärtig auf etwa 17 % der Friedensmenge herabgesunken. Sowohl die nationale, wie die Sowjetregierung machten mehrfach Anstrengungen, um sie wieder herzustellen, da beide Regierungen ihre Warenimporte auf Zucker basieren wollten.

Seit einiger Zeit zeigen besonders englische und amerikanische Konsortien für den ukrainischen Zucker reges Interesse. Die Berichte ihrer Spezialkommissionen stimmen damit überein, dass die ukrainische Zuckerindustrie mit relativ geringem Aufwand in den Sattel gehoben werden könnte und der ukrainische Zucker dann rasch eine bedeutsame Rolle im Weltverkehr spielen würde. (Bericht der britischen Handelsmission bei der Regierung Wrangels).

Für die deutsche Industrie ergäbe sich eine dankbare Aufgabe, den Wiederaufbau der Zuckerindustrie in die Hand zu nehmen und zwar:

a) durch Kauf oder Pachtung leistungsfähiger Fabriken, die mit deutschen Kapitalien, Maschinen, technischem Personal in Betrieb zu setzen wären;

b) durch Ausrüstung staatlicher Fabriken mit Maschinen und Apparaten;

c) durch den Bau neuer, vorteilhaft gelegener und modern ausgestatteter Anlagen.

Die Ergiebigkeit der Produktion Iiesse sich durch eine entsprechende Intensivierung des Betriebes, durch die Einführung geeigneter technischer Methoden, wie sie in Deutschland längst im Gebrauch sind, und eine rationellere Verwertung der Nebenprodukte leicht um das Anderthalbfache steigern.

Gewisse Schwierigkeiten, die in der ersten Zeit auftreten werden, infolge der Unsicherheit der Rübenbelieferung und der Mangelhaftigkeit der Kohlenzufuhr, werden nach Lösung des Transportproblems und Klärung der allgemein politischen und .wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes von selbst schwinden, zumal jede Regierung.an ihrer Beseitigung im eigenen Interesse mitarbeiten wird.

Die Zuckerindustrie bildet einen Pfeiler des ukrainischen Wirtschaftsfundaments. Sie wird auch von staatswegen kräftig gefördert werden, und darin liegt mit ein Teii der Vorteile1 einer ausländischen Betätigung auf diesem Gebiete.

B) Textilindustrie.

Es soll hier vorausgeschickt werden: eine leistungsfähige ukrainische Textilindustrie soll erst auf den vorhandenen Anlagen mit ausländischer Unterstützung geschaffen werden.

Bis zum Kriege wurden von der Ukraine Textilwaren nur im Werte von etwa 20 Millionen Goldrubel erzeugt, trotzdem die Ukraine jährlich 12 bis 18 mal grössere Werte an Rohstoffen, vornehmlich Wolle, nach Nord- und Zentralrussland verschickte. Die Entwicklung der ukrainischen Textilindustrie wurde widern Kriege durch die russische Wirtschaftspolitik unterbunden, die darauf ausging, den russischen Fabriken im Moskauer Textilzentrum die ukrainischen Rohstoffe und zugleich den russischen Fertigwaren den Absatz in der Ukraine zu sichern.

Die Vorbedingungen für den Ausbau der ukrainischen Textilindustrie sind besonders günstig. Sowohl Rohstoffe, in erster Linie natürlich Wolle (Baumwolle könnte leicht aus Zentralasien oder Üebersee eingeführt werden), wie Kohle und Absatzmöglichkeiten sind reichlich vorhanden. Die besten Aussichtenbieten die Bergbaugouvernements Katerinoslaw und Charkow, weil die Textilindustrie die Frauen der in den Bergwerken und in der Eisenindustrie beschäftigten Männer in Arbeit! nehmen könnte.

Dieselben günstigen Bedingungen sind auch für eine starke Flachs-, Hanf- und Juteindustrie vorhanden. (Siehe Anlage Nr. 8). Da der Bedarf an Textilwaren in der Ukraine ein sehr bedeutender ist, Russland und Polen aber ihn auf lange Zeit hinaus nicht annähernd decken können, so würde sonst dieser wichtige Markt der amerikanischen und englischen Textilindustrie zufallen, zumal Deutschland in den nächsten Jahren wohl kaum mit den anderen Staaten in Konkurrenz treten könnte. Der Ausbau einer eigenen ukrainischen Textilindustrie mit deutscher technischer, finanzieller und organisatorischer Mitwirkung würde in kurzer Zeit Importe nach der Ukraine überflüssig machen und neben der Versorgung Südrusslands mit Fertigwaren überdies noch gewisse Rohstoffexporte nach Deutschland ermöglichen.

C) Chemische Industrie.

Die chemische Industrie im weitesten Sinne entwickelte sich in der Ukraine (wie auch in Russland) namentlich unter dem Druck des Krieges, erreichte aber in kurzer Zeit sehr schöne Erfolge und wird in Zukunft einen Weiteren starken Ausbau erfahren. Doch auch hier wirkte die Tendenz Russlands, ihr Emporkommen zu unterbinden, um erstens die Ukraine als Absatzmarkt, zweitens als Rohstofflieferanten zu behaupten, hemmend auf ihre volle Entfaltung. (Das Beispiel des raschen Aufblühens der chemischen Industrie in der Ukraine ist übrigens bezeichnend dafür, wie bei einer tatkräftigen Initiative und planvoller Organisation allein auf der Grundlage der manig-fachen Naturreichtümer des Landes gewissermassen über Nacht Industriezweige geschaffen werden können, die den Unternehmern reichen Gewinn, dem Lande wirtschaftliche und soziale Vorteile bringen würden).

Em detailliertes Eingehen auf die einzelnen Zweige der chemischen Industrien ist im Rahmen dieser Flugschrift nicht beabsichtigt. Hier sollen nur einige der wichtigeren herausgehoben werden, insoweit sie für den Anfang der deutschukrainischen Wechselbeziehungen von Bedeutung sind.

Kurze Angaben befinden sich in der Anlage Nr. 9.

Was die deutsche Betätigung auf diesem Gebiete anlangt, so hätte sie sich zunächst darauf einzustellen, die durch die Revolution zerstörte Erzeugung dort, wo sie sich vielversprechend zu entwickeln begonnen hatte, wieder aufzunehmen. Speziell deutsche Unternehmer wären infolge ihrer durchgreifenden wissenschaftlichen Schulung und ihrer praktischen Erfahrungen dazu wie kaum jemand geeignet. Die Voraussetzungen einer, erfolgreichen Entwicklung gewisser Zweige dieser Industric, und zwar insbesondere Rohstoffe, Kohle, und starke Nachfrage, sind in reichem Masse vorhanden.

Ausser dem Wiederaufbau wäre noch der planmässige Weiterbau eine dankbare Aufgabe; der gegenwärtige Stand der chemischen Industrie ist, wie jener der meisten anderen, ziemlich katastrophal.

Von den Säure- und Benzolfabriken steht der Hauptteil augenblicklich still. Die Schwefelsäurcfabriken sind durch das Fehlen von Rohstoffzufuhren (aus Kertsch, dem Ural und den anderen Gebieten) ebenfalls zum Stillstand gekommen, Benzolfabriken durch den Mangel an Koks. Im Augenblick fehlen also: Transportmittel, Heizmaterial, Schmieröl und Fachpersonal. Die Art der deutschen Betätigung ergibt sich nach1 Behebung dieser grundlegenden Hemmnisse dann von selbst.

Eine spezielle Bedeutung für die ukrainische Landwirtschaft haben chemische Düngemittel, vor allem Kalisalze, deren Bedarf in den letzten Jahren gewachsen ist. Die Forschungen nach neuen Kaliquellen in der Ukraine ergaben solche in der Krim, sowie in der Bucht von Odessa (Chadj schibejskyj und Kujalnizkyj Liman). Versuche haben hier und besonders in den wegen des hohen Bromgehaltes bekannten und teilweise bereits ausgebeuteten Solen des Sakisees in der Krim die Möglichkeit der Gewinnung hochwertiger (bis 30%) Kalisalze ergeben. Die an sich primitive Förderung wurde durch die Revolution fast vollkommen unterbrochen.

Interesse für deutsches Kapital böte ferner die Ausbeute der Phosphoritlager in der Ukraine, die bisher völlig unzulänglich durch Tagbau oder Duckein erfolgte. Eine Darstellung der Phosphoritproduktion gibt Anlage 10.

Der Gehalt der Phosphorite an Kalziumphosphat ist in manchen Lagern sehr erheblich. Nicht ausgewertete reiche Ablagerungen befinden sich an mehreren Stellen der Zentralukraine und ihrer Grenzgebiete Kursk und Woronesch. Eine organisierte Exploitation dieser Fundstätten würde deutschen Unternehmern gute Gewinnmöglichkeiten schaffen und die ukrainische Phosphatindustrie von dem Bezug überseeischer Rohmaterialien unabhängig machen. Darüber hinaus würde sie Deutschland gestatten, seine Vormacht auf dem Gebiete der chemischen Düngerwirtschaft auszubauen und zu verstärken.

Daneben behalten die in den vorhergegangenen Kapiteln angeführten anderen Betätigungsmöglichkeiten (Kauf, Pachtung, Instandsetzung von Fabriken, Ausbeutung von Rohstofflagern usw.) ihre Geltung auch hier.

D) Keramische Industrie.

In der Ukraine sind verschiedene Arten von Porzellanerde (Kaolin), Töpferton, feuerbeständiger Ton usw. von ausserordentlicher Güte und Widerstandsfähigkeit und in gewaltigen Mengen vorhanden. (Vergleiche Anlage Nr. 11.)

Ihre industrielle Auswertung (namentlich für die Erzeugung besserer keramischer Waren) war trotzdem sehr wenig entwickelt. Leistungsfähige Fabriken, besonders für Terrakotta-und Majolikawaren hätten daher sehr guten Absatz. Besondere Nachfrage herrschte bereits vor dem Kriege nach Porzellan-Artikeln für Laboratorien, Krankenhäuser und die Elektrotechnik.

Die deutsche Betätigung könnte mit dem Erwerb von Fabriken, ihrer Inbetriebsetzung und Modernisierung einsetzen. Die weiteren Aufgaben würden sich auf Grund der steigenden Bedürfnisse des inländischen Marktes von selbst ergeben. Als Absatzgebiet kämen auch der weitere Osten, besonders die östlichen Schwarzmeerländer, in Betracht.

E) Glasindustrie.

Die natürlichen Vorbedingungen für eine leistungsfähige Glasfafcrikation: Sand, Soda, schwefelsaures Salz, Pottasche, Tonerde, Kieselerde, Spat, Alabaster usw. sind in der Ukraine überreichlich vorhanden. Dennoch wiesen vor dem Kriege die ukrainischen Glashütten (mit zwei Ausnahmen) nur eine unbedeutende Produktion auf. (Vergl. Anlage Nr. 12.)

Mit Rücksicht auf den gewaltigen Bedarf an Glaswaren aller Art in der Ukraine und überhaupt im Osten, der bei den voraussichtlich längere Zeit währenden Transportschwierigkeiten nur unvollständig aus dem Auslande wird gedeckt werden können, und mit Rücksicht auf die billig zu beschaffenden Rohmaterialien würde der Erwerb und Ausbau von bestehenden Glashütten oder die Neuanlage durch deutsche Unternehmer sich rasch und sicher bezahlt machen.

F) Zementindustrie.

Obwohl die Ukraine Uebcrfluss an erstklassigem Ton und Kalkstein hat, ist die Ausbeute und Verwertung derselben bisher ziemlich unbedeutend gewesen. (Vergl. Anlage Nr. 13.)

Der Mangel an Brennmaterial, Bohrgerät, Maschinen usw. hat gegenwärtig im Verein mit den anderen Krisen die Zementherstellung fast gänzlich lahmgelegt. Angesichts der Dringlichkeit von Wiederaufbauarbeiten und angesichts des Umstandes, dass die vorhandene Zementerzeugung in der Ukraine bereits vor dem Kriege den wachsenden heimischen Bedarf nicht zu decken imstande war, würde eine von deutschen Unternehmern betriebene Zementfabrikation unbedingt sehr lohnend sein.

G) Holzindustrie.

Die Holzindustrie bewegte sich wegen der günstigen allgemeinen industriellen Bedingungen und der wachsenden Bedürfnisse im Lande vor dem Kriege in aufsteigender Linie!, trotzdem Holz nur in wenigen Gouvernements in hinreichender Menge vorhanden war und Zufuhren aus den russischen Gouvernements notwendig wurden. (Vergl. Anlage Nr. 14.)

Die deutsche Betätigung hätte sich neben der reinen Holzbearbeitung vor allem den mittelbar mit der Holzverwertung, zusammenhängenden Industriezweigen zuzuwenden, unter anderem namentlich der Fabrikation von Papier und verwandter Artikel, die schon im Frieden in grossen Mengen nach der Ukraine eingeführt wurden. Die Holzindustrie hat besonders im Anschluss an die kommende industrielle und verkehrstechnische Erschliessung des Dnieprgebietes und den Ausbau der .Wasserstrassen grosse Aussichten, weil dann Spezialverarbeitungen des Holzes notwendig würden, die bisher in der Ukraine nur wenig verbreitet waren.

H) Tabakindustrie.

Die Klima- und Terrain Verhältnisse sind für die Entwicklung einer blühenden Tabakindustrie in der Ukraine besonders günstig. (Vergl. Anlage Nr. 15.)

Der ständig wachsende Tabakbedarf bewirkte bereits vor dem Kriege eine rasche Ausbreitung der Tabakindustrie, die stellenweise mit modernen Mitteln arbeitete. Nach der Ansicht hervorragender ukrainischer Volkswirtschaftler hat sie bedeutende Zukunftsaussichten und wird bald im Aussenhandel der Ukraine hinter der Zuckerindustrie rangieren. Ihre Entwicklung ist weder nach der Quantität noch der Qualität der Erzeugung erschöpft, weshalb ein Engagement deutscher Unternehmer in diesem Zweige sehr erfolgreich wäre. Die Erwerbung, Renovierung und Inbetriebstellung von Tabakfabriken ist daher besonders zu empfehlen.

Von den etwa 90 Fabriken der Vorkriegszeit steht gegenwärtig der weitaus überwiegende Teil zumeist wegen Kohlen-und Betriebsmittelmangels still. Grössere Schwierigkeiten bietet die im Gefolge der Revolution üblich gewordene Bepflanzung der Tabakplantagen mit Getreide, doch würden die ukrainischen Regierungen den Konzessionären die nötigen Areale verpachten und die Belieferung der Fabriken mit Rohmaterialien nach jeder Richtung fördern.

4. Landwirtschaftliche Industrien.

Neben der reinen landwirtschaftlichen Produktion und dem marktmässigen Vertrieb von Rohstoffen spielte bisher in der Ukraine infolge Fehlens eines weitausgreifenden Unternehmungsgeistes und infolge der besonderen politischen Verhältnisse der Vorkriegszeit die industrielle Verwertung der Agrarerzeugnisse trotz überaus günstiger Vorbedingungen nur eine untergeordnete Rdlle. Bei dem Zusammentreffen einer ganzen Reihe von glücklichen Umständen, die schon in der vorrevolutionären Ukraine wirksam waren und mehr noch in der kommenden Geltung erlangen werden, ist jedoch nicht zu zweifeln, dass gerade auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Industrie ein gewaltiger Aufschwung zu erwarten ist und dass besonders bei Mitwirkung ausländischer Kräfte in nicht allzuferner Zeit eine Art Amerikanisierung der Ukraine herbeigeführt werden könnte, wodurch auch die Lebensmittelversorgung Ost- und Mitteleuropas grundlegend beeinflusst werden würde. Man denke nur an die Perspektiven einer grosszügigen Gefrierfleisch- und Konservenerzeugung, einer plänmässigen Butter-, Eier-, Käseproduktion usw., die bei der leistungsfähigen ukrainischen Vieh- und Geflügelzucht ohne besonderen Arbeits und Kapitalaufwand, in den meisten Fällen durch Erfassung der gegebenen Mittel und Organisierung der bisherigen Erzeugung in Angriff genommen werden könnte. Ein Beispiel dafür, was sich aus dem Vorhandenen durch eine verständige und initia-torische Unternehmertätigkeit erreichen Hesse, bietet die ukrainische Zuckerindustrie, die sich aus bescheidenen Anfängen in einem steilen Aufstieg zu einem der wichtigsten Faktoren im Wirtschaftsleben der Ukraine herausbildete.

Aufgabe deutschen Kapitals und Geschäftsgeistes wäre es, diese Möglichkeiten auszunützen und ihre Realisierung sowohl finanziell und technisch, wie ideell-initiatorisch in die Hand zu nehmen. Die Vorteile für den deutschen Unternehmer wären: dass dem Charakter solcher Unternehmungen entsprechend in den meisten Fällen nicht allzugrosse Kapitals anlagen auf einmal notwendig würden; dass ein rasches Rotieren des Betriebskapitals gesichert wäre; dass zumeist mit einem einfachen technischen Verfahren das Auslangen gefunden werden könnte; dass eine Betriebserweiterung nach und nach, entsprechend der Steigerung des Absatzes, der wirtschaftlichen Potenz des Unternehmers und der fortschreitenden Gesundung des ukrainischen Wirtschaftslebens ermöglicht wäre; dass eine Reihe deutscher Industrien der Maschinen-, Werkzeuge-, chemischen und anderen Branchen, durch Belieferung solcher Fabriken Arbeit und Absatz fände; dass Deutschland sich in seiner Lebensmittelversorgung immer mehr von überseeischen Importen freimachen könnte; dass Deutschland, wenn es sich erst auf dem Gebiete der ukrainischen Landwirtschaft festgesetzt hat, den Kontakt mit dem Gros der ukrainischen Bevölkerung hergestellt und die Industrialisierung auf diesem, den Ukrainern vertrauten Boden in Angriff genommen hat, von da aus immer intensiver die gesamte wirtschaftliche Produktion der Ukraine beeinflussen könnte.

In Betracht kommen zunächst drei Kategorien landwirtschaftlich-industrieller Betätigung:

a) eine solche, die nicht marktgängige Rohprodukte in Marktprodukte umwandelt; hierher gehört nach den in der Ukraine gegebenen Bedingungen die Anlage von Kartoffelbranntwein-Brennereien, Kartoffeltrocknereien, Stärkefabriken, Trockenfutter-, Zichorienkaffeefabriken usw., endlich von Molkereien ;

b) eine solche, die die Verarbeitung marktgängiger Produkte zu höherwertigen Erzeugnissen zum Ziele hat: Brennereien, Brauereien, Spiritusraffinerien, Malz-, Presshefe-, Stärkezucker-, Stärkezuckersyrup-, Zuckercouleurfabriken usw.

ln der Ukraine waren nur wenige und dazu unvollkommene Anlagen dieser Art vorhanden. Besondere Aussichten hätte eine Tätigkeit, die neben der Versorgung des Inlandsmarktes namentlich auch den Export nach dem .Westen ins Auge fasst.

Hierher gehören ferner Konservenfabriken zur Verarbeitung, tierischer und Gartenprodukte, Obst- und Gemüsedarren, Milchkonserven- und Kunstbutterfabriken;

c) eine solche, die auf die Verwertung mineralischer oder sonstiger nur mittelbar mit der Landwirtschaft zusammenhängender Produkte gerichtet ist: Kalköfen, Steinbrüche, Kunststeinfabriken, Torffabriken, Knochenmühlen, Kunstfutter- und Kunstdüngerfabriken usw., ferner Korb- und Strohflechtereien usw., endlich Oel- und Mahlmühlen.

Für sämtliche hier angeführten Industrien sind die Bedingungen in der Ukraine sehr günstig. In einzelnen Fällen könnten bereits bestehende Anlagen angekauft und nach entsprechender Instandsetzung und Modernisierung in Verwendung genommen werden. Für die Verwertung tierischer Produkte müssten zumeist Neuanlagen (Schlachthäuser, Gefrieranlagen, Konservenfabriken) hergestellt werden, die erst den Rahmen für den Aufschwung dieses Industriezweiges abgeben sollen.

Als Standort für die Gründung solcher Industrien käme vor allem das Industriegebiet von Katerinoslaw und Cherson, ferner Charkow und Poltawa in Betracht. Da der Absatz der Erzeugnisse zum grossen Teil nach dem Ausland gerichtet wäre, so ist die Nähe eines Hafens oder eines leistungsfähigen Wasserweges wertvoll.

Dieses Gebiet wirtschaftlicher Betätigung ist deutschen Interessenten, die in der Ukraine mit verhältnismässig geringen Mitteln rasche und durchgreifende Erfolge erzielen wollen, besonders anzuempfehlen.

5. Organisation des Getreide-Ausfuhrhandels.

Im Zusammenhang mit der Erörterung deutscher Betätigungsmöglichkeiten auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Industrie in der Ukraine soll einer Anregung Raum gegeben werden, die darauf zielt, dass ein Syndikat deutscher Handelsgesellschaften zusammen mit der ukrainischen Regierung und den ukrainischen Genossenschaften die Organisierung des ukrainischen Getreideausfuhrhandels (zumal in der Uebergangszeit) übernehmen und den Güteraustausch zwischen der Ukraine und dem Ausland regeln soll. Natürlich dürften die Handelsgesellschaften oder das Syndikat keine Monopolstellung beanspruchen; dennoch hätten sie ein gewaltiges Arbeitsfeld, selbst bei Zulassung gewisser Freiheit des Ausfuhrhandels, das ständig an Bedeutung gewänne, schon mit Rücksicht auf den Ausbau des deutsch-ukrainischen Warenverkehrs und die Möglichkeit einer gewissen Kontrolle fremder Wirtschaftsein-flüsse.

Der Getreidehandel in der Ukraine litt auch früher unter dem Mangel einer grosszügigen Organisation, wodurch zahlreiche kommerzielle und soziale Nachteile sich herausgebildet hatten. Während des Krieges und der Revolution ist der frühere russische Aussenhandelsapparat gänzlich zugrunde gegangen.

Der Verfall der heimischen Hilfsmittel wird die Mitwirkung ausländischer Gesellschaften, die leistungsfähig sind und organisatorische Arbeit durchzuführen verstehen, um so erwünschter erscheinen lassen, als die Handelsbeziehungen der Ukraine mit dem Ausland naturgemäss durch die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte eingeleitet werden müssen. Die technische Seite dieses Planes hängt zunächst (neben der Lösung des Transportproblems) mit der Errichtung eines Netzes von Elevatoren und Getreidelagerhäusern zusammen. Nach den Berechnungen von Fachmännern muss die Ukraine in den nächsten Jahren Elevatoren für mindestens 1,2 bis 1,5 Millionen Tonnen bauen. Sowohl die zarische, wie die nationale und die Sowjetregierung haben dieser Sache stets grosse Aufmerksamkeit gewidmet und zahlreiche Projekte ausgearbeitet, die ihrer Durchführung harren. Den Konzessionären soll unter anderem das freie Verfügungsrecht über einen Teil der erfassten Getreidemengen eingeräumt werden.

Die geschäftliche Seite würde sich durch eine enge Arbeitsgemeinschaft mit den ukrainischen Genossenschaften lösen lassen, derart etwa, dass letztere die Erfassung, der für die Ausfuhr bestimmten Mengen bei der Dorfbevölkerung, besorgen (der ehemalige Getreidehauptlieferant, der Grossgrundbesitzer, scheidet wohl für die Zukunft aus), die deutschen Unternehmer hingegen ihre Verfrachtung zu den Sammel- und Umschlagplätzen, ihre Einlagerung, Sortierung usw. und ihre .Weiterbeförderung ins Ausland auf sich nehmen. Die Ausgestaltung, der Arbeitsteilung würde sich übrigens in der Praxis nach einiger Zeit von selbst ergeben.

Besondere Aktualität würde dieses Projekt in Verbindung mit der Verwertung landwirtschaftlicher Konzessionen in der Ukraine gewinnen, wie sie von der Regierung der ukrainischen Volksrepublik geplant werden. Es braucht nicht besonders betont zu werden, welche Bedeutung für Deutschland auch nur eine teilweise Durchführung dieser Anregung hätte.

6. Elektrisierungsprojekte,

Sowohl die bürgerlich-nationale wie die Sowjetregierung legten seit dem Bestehen der national-staatlichen Wirtschaftspolitik der Ukraine jederzeit besonderes Gewicht auf die Elektrisierung der heimischen Produktion und der Produktionsmittel. Zwecks Vereinheitlichung aller Bestrebungen auf diesem Gebiete wurde seinerzeit eine besondere staatliche Elektrisierungskommission gebildet, die eine Reihe von gross angelegten Projekten ausgearbeitet hat, zu deren Realisierung nun das ausländische Kapital in bedeutendem Masse herangezogen werden soll.

Die bisher ausgefertigten Pläne, die ihre Vollendung unter der Sowjetherrschaft erfuhren, umfassen die Ausnützung und Erweiterung der vorhandenen Elektrizitätswerke und die Anlage neuer Werke, und zwar als hydroelektrische, Kohlen-, Torf- oder kombinierte Anlagen. Für die Ukraine sind im Entwurf vorgesehen: die Errichtung einer Ueberlandzentrale am Don (hydro-elektr.), um das Gebiet von Zarizyn, das als zukünftiges Industriezentrum gedacht ist, mit elektrischer Kraft zu speisen; die Pläne für die Elektrifizierung des Donezbeckens (Energiequelle: Kohle); die Pläne für die Ausnützung der Dnieprschnellen. (Zurzeit ist ein Kraftwerk am Dniepr zwischen Katerinoslaw und Alexandrowsk im Entstehen begriffen. Der Mangel an Wasserturbinen macht sich jedoch hier wie bei allen Wasserkraftanlagen sehr störend bemerkbar.)

Weitere Pläne umfassen die Elektrisierung des Transportwesens, besonders im Donezbecken und in den Katerinoslawer und Chersoner Industrierayons. Die Elektrifizierung der wichtigsten Magistrallinien, d. h. jener Fernbahnen, die das Rückgrat des gesamten zukünftigen Eisenbahnnetzes zu bilden bestimmt sind, so der Katherinen-und Südbahn; ferner die Elektrisierung der metallurgischen, holzverarbeitenden. chemischen und Lebensmittelindustrie. Es sei hier noch erwähnt, dass sich zur hydro-elektrischen Auswertung ausser dem Dniepr noch eignen würden: Bug (ungefähr 10000 HP.), Rosj, Teterjew, Desna.

Ebenso würde die Ausnützung der grossen ukrainischen Torflager eine ganze Reihe von Kraftstationen mit Brennstoffmaterial auf lange Jahre hinaus versehen. Speziell die Anlage solcher auf Torf beruhender Kraftwerke .würde sich wegen der geringen Betriebskosten sehr aussichtsreich gestalten, und es würde eine praktische Initiative der deutscher: Unternehmerschaft warm begrüsst werden.

III. Schlussbetrachtungen.

Wenn auch der Krieg, Revolution und bolschewistische Wirtschaftsmethoden im Bereiche der ukrainischen Volkswirtschaft arge Verheerungen angerichtet haben, so bieten doch die natürlichen Reichtümer des Landes und seine allgemeinen, der wirtschaftlichen Entfaltung besonders günstigen Bedingungen die Gewähr, dass die Ukraine — nach Eintritt normaler Verhältnisse im Osten und Regelung ihrer national-staatlichen Wirtschaftspolitik — von allen Staaten des Ostens als erste ihre alte Leistungsfähigkeit und Bedeutung erlangen wird. Denn getroffen ist durch die Ereignisse der letzten Jahre nicht die wirtschaftliche Potenz der Ukraine an sich, nicht die unersetzlichen Teile ihres Wirtschaftskörperß, sondern nur ihr äusserer Rahmen, nur das, was wieder aufgerichtet werden kann. Der Boden ist reich an Schätzen geblieben, die nun einer erneuten Ausbeutung unterzogen werden müssen. Die Produktions- und Konsumptionsfähigkeit des Landes ist unversehrt, die natürlichen Hilfsmittel müssen bloss plangemäss ausgewertet werden.

In diesem Sinne sollte diese Schrift nur Anregungen geben und eine Vorstellung der reichen Betätigungsmöglichkeiten vermitteln. Allgemein ist in der Ukraine die Ueberzeugung, dass beim Wiederaufbau des Landes auswärtige Unterstützung nicht entbehrt werden kann, und dass man dieselbe selbst unter Preisgabe eigener nationalwirtschaftlicher Forderungen zu gewinnen streben muss. Der psychologische Untergrund für eine enge Arbeitsgemeinschaft mit dem Ausland ist also gegenwärtig mehr denn je gegeben. Besonders günstig ist diese Stimmung deutschen Unternehmern gegenüber, denen man allein die Fähigkeit ünd den Willen zutraut, als Mitarbeiter und nicht allein als Ausbeuter aufzutreten. Was der Ukraine nottut, sind nicht Kapitalien allein (worüber Ententeunternehmer ja ebenfalls verfügen), sondern kräftiger Unternehmungsgeist, Initiative und Unterweisung, ferner die moralische Fähigkeit der ausländischen Mitarbeiter, ihre Unternehmungen in den Rahmen der ukrainischen Wirtschaftspolitik1 und zu deren Nutzen einzufügen. Die vorkriegszeitliche Tätigkeit der deutschen Unternehmer im Osten bietet Gewähr dafür, dass diese den ukrainischen Bedürfnissen am besten zu entsprechen vermögen.

Verfasser: Daskaljuk, Orestes W.

Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital