Botticellis „Geburt der Venus“ ist die Wiedergeburt der Liebesgöttin in der italienischen Kunst, ja der Beginn der Darstellungen des weiblichen Körpers überhaupt,- gewiß hatte nian schon vorher die Mutter Eva und die Frauen der heiligen Legenden halb bekleidet oder ganz ausgezogen gemalt,- aber doch nur so weit es die Fabel verlangte, nie aus Freude an der Schönheit des weiblichen Körpers. Vor Botticelli, also vor der Mitte des 15, Jahrhunderts, wäre das auch kaum möglich gewesen. Die Kirche beherrschte die Vorstellung und duldete nur eine Frau und ihr heiliges Gesinde: die Mutter Gottes,- sie war das Abbild aller weiblichen Vollkommenheit und die Kunst wird nicht müde, sie wie einen ewigen Frühlingstag zu preisen,- kein anderer Vorwurf ist so oft und unerschöpflich mannigfaltig dargestellt und mit Schwärmerei und Andacht abgewandelt worden. Tausend Altäre und die Gläubigen aller Jahrhunderte verlangten nach der Madonna, dem Ideal der reinen, unberührten, unsinnlichen Frau,-sie herrschte unbeschränkt solange die Zeit kirchlich gebunden war.

Aber um die Mitte des 15. Jahrhunderts bereitete sich der Umschwung vor,- das Mittelalter hatte abgeblüht, Unruhe und weltliche Gesinnung erwachten, Sehnsucht nach Lebensfreude drängte ans Licht, und mit ihr ein Sinn für das Zarte, Verfeinerte und sinnlich Heitere. Man sammelte und studierte die Reste der antiken Kunst und Dichtung und wähnte den ewig blauen Himmel Arkadiens herabholen zu können. — Auch Botticelli wurde von diesem Geiste ergriffen,-und ging nach seiner Romreise von christlichen zu antiken Stoffen über,- seine „Geburt der Venus“ ist das erste wirkliche Venusbild: Weiche Winde wehen die Liebesgöttin gleich einem sanft geschwellten Segel vom offenen Meer daher, auf einer Muschel stehend, leicht vorwärts geneigt, bereit zum ersten Schritt,- Blüten umspielen sie wie Schmetterlinge, eine Grazie im blumigen Gewand ist bereit, den Mantel um den feinen überschlanken Körper zu hüllen,- über der mädchenhaften, unerweckten Gestalt und in den stillen Augen liegt ein weher, fremder Zug, eine süße Traurigkeit, die schon Botticellis Madonnenbilder haben,- es sind die Züge der bewunderten Simonetta, der Freundin Giulianos de Medici, die ihm zu einem Schönheitsideal wurde. — Fast eine Wiederholung der Gestalt ist die Venus in Berlin,- nur das Haar ist dort nicht windverweht und der Körper hebt sich von dem dunklen Grund statuenhaft und scharf umrissen ab. — Aber die Wendung zur Kultur der Antike und zu heiterem Lebensgenuß erfaßt doch nicht sein ganzes Wesen und bleibt mehr Wunsch und Sehnsucht, die nicht in Fleisch und Blut übergehen. Wie unfroh und unfrei tanzen die Grazien auf dem Frühlingsbild ihren Reigen, trotz aller Frühlingspracht, die sie umgibt. Und wie elegisch, fast reuig blichen die Augen der Venus, welche Abwesenheit in Blich und Haltung, wie fremd dem eigenen schönen Körper. Ist sie im Grunde eine andere als eine seiner früheren Madonnen, die demütig in zarter Mädchenhaftigkeit den Sohn, ein wenig fremd, auf dem Schoße halten, in süßer Versonnenheit zögernd dem suchenden Kinde das Gewand über der Brust öffnen. Die Nacktheit seiner Venus hat noch nichts Selbstverständliches, etwas von Schuldbewußtsein liegt über ihr. Man wollte hellenisch sein und war doch noch befangen,- die Zeit war noch nicht da, die die Venus arkadisch frei, ihres Körpers froh gestalten konnte. Es ist bezeichnend, daß Botticelli später einen „Triumph der Keuschheit“ malte,- die Büßpredigten Savonarolas führten ihn und seine Zeitgenossen in den christlich-asketischen Bannkreis zurück. — Das gleiche Schicksal ereilte seine jüngeren Zeitgenossen Piero di Cosimo und Lorenzo di Credi. Audi Cosimo hatte die schöne Simonetta gemalt, in brennenden Farben mit nachten Brüsten, von einer grünen Schlange kleopatrahaft umringelt. — Sein Bild „Venus und Mars“ ist ein Idyll, fast gemütlich in heiterer Seelandsdiaft mit spielenden Putten und allerlei Getier,- das Bein werk der Venus ist schwach und die Lage des Mars recht verzwickt. — Von Credi ist die Venus in den Uffizien erhalten, während er seine Aktstudien nach einer Büßpredigt Savonarolas verbrannte,- sie ist derb und gesund, in leicht phlegmatischer Fülle steht sie auf nicht gerade einwandfreien Füßen hell gegen den dunklen Grund,- vom antiken Geist oder Schönheitssehnsucht, wie bei Botticelli, keine Spur,- eine nicht unsympathische, recht leicht bekleidete florentinische Bürgerstochter. — So erstickte der finstere Büßergeist Savonarolas mit dem heiteren Florentiner Leben auch die erste Nachblüte heidnischen Lebensgefühles in der italienischen Kunst. Credi widmete sich ganz einer milden Marienmalerei, Cosimo malte harte, strenge Kirchenbilder und Botticelli, der Qberempfindsame und Größte von ihnen, kehrte mit der leidenschaftlichen Reue des Bekehrten in den Schatten der fanatisierten Kirche zurück.

Aber die Zeit Savonarolas war doch nur ein Rückfall, eine christlich-asketische Depression. Dasselbe Jahr 1452, das den dämonischen Kämpfer für christlich-mittelalterliche Askese gebar, ist auch das Geburtsjahr Lionardo da Vincis. Aus dem Bild Savonarolas sprechen brutale Energie, verhaltene Sinnlichkeit und Ehrgeiz, während das Selbstbildnis Lionardos, mit dem langen blonden Bart, den harmonisch-schönen, von göttlicher Heiterkeit erfüllten Menschen ahnen läßt, der das Leben und die Welt liebte. Lionardo befreite die Kunst und gab ihr die Freude am Diesseits wieder, die die ganze Welt der Erscheinungen liebend umfaßt,- seine Kunst kennt keine Entsagung, Schmerz, Leiden und Verfall. Nichts ist mehr hart, eckig, unvermittelt; alles ist befreit, in wellige vermittelnde Linien und gerundete Formen aufgelöst. Die Gewänder sind weich und fließend, den atmenden Körper umschreibend. Seine Heiligen haben nichts Weltfremdes, Entsagendes: Der Johannes im Louvre ist sinnlicher als die Venus des Botticelli. Sein Einfluß war außerordentlich und überall spürbar. Sinnenfreude und Lebensgefühl kehrten zurück und mit ihnen die vertriebenen Götter Griechenlands. Die Verkörperung dieses neu erweckten, vom Eros erfüllten Lebensgefühls war die Venus, jetzt erst war die Venusdarstellung möglich; ihr eigentlicher Boden war Venedig.

Schon Bellini hatte im Alter zu Beginn des neuen Jahrhunderts Bilder gemalt, die den neuen Geist ahnen lassen, allegorisch verbrämte Darstellungen des unverhüllten Frauenkörpers. Der erste leidenschaftliche Verkünder der neuen Kunst wurde der junge Giorgione, der die Malerei aus dem Schatten der Kirche in die Welt führte. Schon über seiner Madonna von Castelfranco liegt eine träumerische Sinnlichkeit. Fraglos hat er die für die Zeit unerhörten Zeichnungen Lionardos mit ihrem weichen, zärtlichen und doch so bestimmten Strich gesehen, die ihm eine neue, gelöste, sinnlich warme Welt erschlossen. In seinen Bildern lebt eine traumverlorene Hingabe an das Dasein: ein balladenhaftes, glückliches Hirtenleben, ländliche Liebesfeste vom Hauch des Unwirklichen umwittert, Ritter im Dienste der Minne,- seine Venus ist eine erste restlose Verkörperung dieses Schönheitsideals: auf weichem Pfühl, den adeligen Körper groß und frei ausgestreckt, ein Hymnus auf weibliche Schönheit — trotz aller Weichheit von vornehmer Haltung,- hier verkörpert sich ein unendlich feines, fast ehrfürchtiges Nadifühlen des weichen Linienflusses eines vollendeten Körpers als einer sinnvoll gefügten Einheit. Giorgiones Stern erlosch jäh noch ehe er seine Höhe und volle Leuchtkraft erreicht hatte/ er starb mit dreiunddreißig Jahren,-seine Venus wurde vollendet von dem königlichen Künstler, der das Streben seiner Zeit zusammenfassen und verkörpern sollte, von Tizian. — Neben dem Bildnis steht das Venusbild im Mittelpunkt seines Schaffens alle Venusdarstellungen vor ihm erscheinen nur als Vorbereitung und Versuch, alles nach ihm die Auseinandersetzung der Erben und allmählicher Abstieg. Durch ihn wird zum ersten Male die Venus neugeboren. Kein zaghaftes Suchen, keine Unsicherheit, kein Gegensatz zu seiner Umwelt. Getragen vom Geist und Wollen seiner Zeit, ihr eigentlicher Verkünder und Vollender, schuf er jene lange Reihe ausgereifter Venusbilder, die seitdem als schlechthin klassisch empfunden werden. Ruhig und mächtig wie Gebirge hingelagert, in großem, weichem Fluß und Rhythmus der Glieder, das harmonische Ganze als Ganzes empfunden, eine geschlossene, ruhende, in sich ruhende Welt,-vornehm, ja feierlich bei großer Natürlichkeit, warm und lebenswahr doch nahezu unpersönlich, ohne Gier und Leidenschaft, die ausgereiften voll erblühten Geschöpfe eines vollblütigen Geschlechtes und eines reifen Mannes und Meisters. Diese mächtig dahingestreckten Leiber, in edler Lässigkeit die Wonne des Daseins fühlend, ohne Scham und Reue wie früher, ohne Absicht, Pose oder Lüsternheit wie später, waren die Erfüllung einer alten Sehnsucht und der Ausdruck einer reifen, würdevollen Zeit. Zum ersten Male waren Geist und Fühlen der Alten schlackenlos und selbst* herrlich verkörpert worden,- nidit in leidenschaftlichem Anlauf, sondern in einem hundertjährigen wie die Natur ruhig-rastlos schaffenden Leben.

Zu den Meistern um Tizian gehört Palma Vecchio,- seine Venus ist eines jener wenigen Venus* bilder, das ein typisches Schönheitsideal im Sinne der Zeit anstrebt, in heiterer Hügellandschaft liegt sie auf blumiger Wiese, frei, natürlich, ein wenig gefällig, den Beschauer jungmädchenhaft anblickend.

Von nun an tritt die ruhende, absichtslose Venusgestalt zurück und Nebendinge und=Gedanken überwuchern. Das Bild Bronzinos ist kunstgewerblich gefüllt mit allen möglichen und unmög* liehen Gestalten, Formen und Füllstüdcen — trotz der strengen Zeichnung glatt und lüstern. — Palma Giovine gibt mit seinem stark bewegten sinnlichvollen Frauenkörper ein Stüde derbzupackender Malerei, dem die sehnigen, wie kämpfenden Schmiede ein erregter Hintergrund sind. In vollem Gegensatz zu ihm steht die Venus seines jüngeren Zeitgenossen Guido Reni: eine höhere Tochter, die etwas erleben möchte,- leicht schwärmerisdi greifen die preziösen Finger in anmutiger Pose nach Amors Pfeil, wie nach zerbrechlichem Teegebäck,- ein Vorwand liebliche Nacktheit zu zeigen. — Auf Giordanos dekorativem Gemälde stellen Venus und Adonis ein lebendes Bild im Geiste Makarts, während Beltucci eine mollige Schöne ein Täubchen füttern läßt dieser Meister kann aber auch anders, wie seine merkwürdig rassige Venus in München zeigt, in der etwas Französisch-Klassizistisches anklingt. — Ein hübsches Genrebild ist die Venus Domenichinos, die von Faunen belauscht wird,- hier herrscht die Landschaft vollkommen,- auf dem Hintergrund dunkel*bewegter Baummassen, eine helle Gestalt, anmutig halbverhüllt, von plötzlichen Lichtern und malerischem Halbdunkel umflossen/ das allerliebste Figürchen könnte durch eine Susanna oder sonst ein bibfisch*mythologisches Frauenzimmer ersetzt werden, durch ein Götterbild, eine graue Urne,- es könnte auch ganz verschwinden, die Landschaft lebt für sich. — Botticellis Venusbilder waren der erste wundervolle, zaghafte Versuch,- noch war er abhängig von antiken Vorbildern, noch kennt er kein selbsterworbenes Ideal des nadcten weiblichen Körpers,- in ihm und seinen Zeitgenossen verkörpert sich die Neigung der Frührenaissance zur herben, eckigen, jugendlichen Schönheit, die Freude am Vielfältigen im Bilde, an Buntheit an reizvollen Einzelheiten,- das Nebensächliche spricht vorlaut mit und wird im Nebeneinander mit gleicher Liebe gestaltet wie das Wesentliche, — Seit Lionardo ist das Starre der Form gelöst, alles wird weicher, natürlicher, das Organische der Gestalt wird erfaßt, die Einzelheiten zurückgedrängt, die Form ruhiger, einfacher. Giorgiones Venus verkörpert zum ersten Male das Weib auf der Höhe der Entwicklung,- die reife, voll erblühte Frau wird zum Ideal der Zeit,-große Formen, ruhige Flächen, einfache gedämpfte Hintergründe, malerische Behandlung in tiefen Farben,- die ganze Aufmerksamkeit gilt der Gestalt. In Tizian erreicht die Venusdarstellung ihren mächtigen Gipfel. Kultur und Gesinnung der Alten sind nicht wie in der Frührenaissance Gegenstand des Sammelns und Forschens, ihre Lebensfreude wird nicht nur ersehnt, sondern sie lebt und gestaltet unmittelbar. Alles nach Tizians Epoche hat nicht mehr die gesammelte Kraft und die gültige Form. Die späteren Venusbilder sind das Abbild zwiespältiger oder schwacher Geschlechter, oder von Zeiten, die in anderer Richtung schöpferisch waren, man blieb im äußerlich Anmutigen, Gefälligen und rein Dekorativen stecken, oder im Erotischen und Lüsternen. Man hatte und verkörperte kein Schönheitsideal und gestaltete nicht mehr von der Mitte aus.

Walter Weichardt

Text aus dem Buch: Die Venus in der italienischen Malerei (1900), Author: Weichardt, Walter.



























Bildverzeichnis:
Venus – Antonio Allegri da Correggio
Venus – Bronzino
Venus – Francesco Bissolo
Venus – Giacomo Palma d. J.
Venus – Giacomo Palma Vecchio
Venus – Giorgione II
Venus – Giorgione
Venus – Guido Reni
Venus – Lorenzo Costa
Venus – Lorenzo di Credi
Venus – Palma Vecchio
Venus – Piero de Cosimo
Venus – Sandro Botticelli II
Venus – Sandro Botticelli III
Venus – Sandro Botticelli
Venus – Tiziano Vecelli II
Venus – Tiziano Vecelli III
Venus – Tiziano Vecelli IIII
Venus – Tiziano Vecelli V
Venus – Tiziano Vecelli VI
Venus – Tiziano Vecelli VII
Venus – Tiziano Vecelli VIII
Venus – Tiziano Vecelli VIIII
Venus – Tiziano Vecelli X
Venus – Tiziano Vecelli
Venus mit Muschel – Sandro Botticelli II

Siehe auch:
Das Weib in der antiken Kunst – Vorwort
Das Weib in der antiken Kunst – I. Ägypten
Das Weib in der antiken Kunst – II. Die KRETISCH-MYKENISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – III. DIE GRIECHISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ARCHAISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE VASENMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DER APHRODISISCHE KREIS
Das Weib in der antiken Kunst – DAS DIONYSISCHE ELEMENT
Das Weib in der antiken Kunst – MYTHOLOGISCHE UND ANDERE DARSTELLUNGEN
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS III
Das Weib in der antiken Kunst – Parthenonskulpturen
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES VIERTEN JAHRHUNDERTS UND DER HELLENISTISCHEN EPOCHE
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE RÖMISCH-KAMPANISCHE WANDMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ETRUSKISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – Die Römische Porträt Kunst

Die Venus in der italienischen Malerei