Die Kraft ist „Fassade“, Deutschland ist schwach

„Die Fassade.“ „In Deutschland“, hat Briand gesagt, „enthüllen sich Schwächzeichen unterm Schein der Kraft“ Hinter der Fassade liegt in Deutschland schon das meiste auf der Erde herum. Eine der unzähligen Entente-Karikaturen, die ihr Volk durch das Aufsuggerieren falscher Voraussetzungen „ermutigen“, anders gesagt: betrügen, aus „Le Rire rouge“ (20. XI. 15).

Vom jämmerlichen deutschen Heer.

Kinder und Greise werden rekrutiert. Ein Hundertfach immer sich wiederholendes Karikaturen-Motiv.

Und außer den Kindern, Greisen und Krüppeln mit Vorliebe solche, die überhaupt keine Beine mehr haben und sich mit den Händen auf jener Sorte von Karren fortbewegen, die ein deutscher Leser hier erst kennen lernt, wenn er nicht etwa schon in Frankreich und sonst „drüben“ war. Denn in unserm Barbarenlande kennt man ja für solche Krüppel wohl Fahrstühle, diese Jammer-Vehikel aber überhaupt nicht.

Man sieht auf dem Bilde rechts unten: außer den Greisen, Kindern, Krüppeln rekrutieren die „Boches“ auch Frauen und schicken sie regimenterweis in die Schützengräben.

Der Rock ist zu eng, man kann die Arme nicht gut hochheben drin, wenn man sich ergeben will.

„Das Entsetzen vor den neuen Leviathans.“ (Von „keinem Geringem“ als Raemaekers.)

Wie bei den Bouches ihre Offiziere voran in Todesangst überlaufen.

Die Engländer machen’s, als Leute ruhigeren Geblütes, in diesem Punkte meist etwas weniger dumm und meist auf französische Quellen hin. Hier ein Bild aus „The Graphic“ vom 28. 11. 14: Sieben, die sich einem Heldenknaben prompt auf Anruf ergeben. Aber das selber erlebt zu haben, behaupten die Engländer doch lieber nicht; der Held war nach ihrer Angabe ein französischer „boy soldier“.

Wie stimmt das zum jämmerlichen Heer?

Man suche nach derartigem Massenaufgebot an Verleumdungen eines tapfern Feindes und an Betrug des eignen Volkes in Deutschland! Dabei bezeugen aber andre Bilder, daß man im stillen ganz anders über ihn dachte oder doch hätte denken müssen, wenn man überhaupt noch überlegte. Können es Feiglinge sein, die dastehn, wie der Deutsche und der Österreicher auf dem Fels, den hier die englisch-französische, dort die italienische, dort die russische Offensive anbrandet? Oder wer da zwischen den vier Angreifern steht? Oder ein Schwächling, wer, wie der Athlet da, fene vier Kugellasten heben will?

Ganz besonders lehrreich sowohl für die Technik der Karikatur überhaupt, als auch für den Mangel an Besonnenheit, mit dem die französische jetzt rechnet und augenscheinlich rechnen darf, ist dieses große Doppelbild aus den „Lectures pour tons“ vom August 1917. „Die menschliche Rasse gegen die deutsche“. „23 Völker gegen eins“. Trotzdem wir ausweislich von Hunderten und Tausenden feindlicher Spottbilder Feiglinge sind, halten sich Kaiser und Adler in ihrem kleinen Land. Kein Wunder, wenn es solche Riesen sind. Lassen wir aber die allegorischen Riesen weg, wie im nächsten Bild . . .

… so wird mit einem Schlage aus dem Hohnbild ein Bewunderungs-bild. Ganz derselbe Inhalt, nur die Einstellung des Beschauers ist anders. „23 Völker gegen eins“ — und das eine hält sich. Als ein Zeugnis wie unerträglichen Größenwahns würde diese Zeichnung hei der Entente behandelt werden, wenn sie von uns käme!

Siehe auch:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7

Abbildungen Die Weltkarikatur in der Völkerverhetzung


Kein Wunder also, wie schön der gute Samuel träumt, während er, russische Anleihe in der Hand, eingenickt ist. Da sieht er sich auf dem Dollarthrone der Welt, und um seine Krone funkeln Diamanten. Freilich, sie ist eigentlich nur sozusagen eine Krone, sie ist beinah ebensosehr eine Narrenkappe.

Tut nichts, derselbe Ohm Samuel, den wir von der Narrenkappen-Krone der Weltherrschaft auf dem Dollarthron träumen sehn, entzündet das Licht der Vernunft und hält es feierlich hoch, die Welt damit zu erleuchten. Auf seinem Schwerte steht plötzlich „Justice„ , „Gerechtigkeit“, und sein Angesicht strahlt nunmehr nichts als Edelsinn.

Nur, es gibt auch noch andere Leute in den U.S.A. „Eine Million Flinten für Rußland!“ Das ist doch mal was! Und statt zu 14 Dollar zu 27,50 das Stück! Das heißt Geschäft! Dem strahlenden Kriegsunternehrner malt sich das Dollarzeichen wie Fortunas Kugel in die Luft.

Aber entsetzlich — 188 Amerikaner sind mit der „Lusitania“ umgekommen, während die lumpigen 4000 Munitionskisten auf ihr doch höchstens für 100 000 Deutsche gereicht hätten und die 1000000 Flinten vom Bilde links ganz sicher keine 188 Germans töten können. Wie unfaßlich brutal sind diese Deutschen !

Amerika kann in seiner tiefen Sittlichkeit nicht so oberflächlich denken, wie einer, der meint: Waffenlieferungen helfen töten, und also ist es vielleicht verzeihlich, daß man im Notfall hundert Menschen gefährdet, um Zehntausende zu retten. Onkel Samuel sucht also durch das Studium der deutschen Antwortnote mit heiligem Ernst zu ergründen, wie der entsetzliche moralische Tiefstand der Deutschen möglich sei.

…freut sich aber auch wieder, wie prächtig er durch die Kriegsaufträge auf der Waage zunimmt, die keine andern Marken kennt, als Dollarzeichen…

… Ist er doch rein zum Sandwich-Mann vor Kriegsaufträgen geworden, durch welche drüben die deutschen Männer, Väter, Söhne hingemäht werden sollen, denen er mit christlicher Bruderliebe Bethlehem-Stahl für die Brust schickt . . .

Richtig, daß wir’s nicht vergessen: das „Licht der Vernunft!“ von vorhin. Richtig, die Menschlichkeit! Nachdem das amerikanische Volksgehirn durch ausschließliche englische Ernährung lange genug hergerichtet ist, um auf die Mache einzugehn, bekommt Onkel Samuel die große Begeisterung. „Verträge! Völkerrecht! Gerechtigkeit! Menschenrechte! Nationale Ehre!“ — Wie Schwerter hebt sich das alles aus dem Grund, und in heiligster Empörung wird die Fahne entrollt.

Vorher aber geht er noch einmal in die Kirche und betet auf den Knien: Gib uns Frieden! ,,Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ steht auf dem Glasfenster, und Onkel Sam, der ja nur aus Friedensliebe bisher Munition geliefert und jetzt den Krieg erklärt hat, ist auf das tiefste erschüttert.

In London dagegen sagt ein Weltkundiger im „Bystander“ (selbstverständlich nicht etwa zu Onkel Sam, denn „die Anwesenden sind immer ausgenommen“, sondern bei ganz, ganz anderer Gelegenheit): was wir auch reden, schreiben und spielen — Wir meinen Geschäft.

Abbildungen Die Weltkarikatur in der Völkerverhetzung