Aus „Gedichte zur Seeschlacht vor dem Skagerrak“, zusammengestellt vom Kommando der Hochseeflotte:

Derfflinger“ am Skagerrak.

Zu Gusow in heiliger Kirchengruft
Schläft Brandenburgs tapferster Degen;
Zuweilen, wenn nächtig die Glocke ruft,
Tut leise der Alte sich regen;
Man sieht einen Schimmel ihn dann sich zieh’n
Still aus seines Schlosses Stalle,
Der sprengt hinüber nach Fehrbellin
Ins Feld mit dem Feldmarschalle.*)

Doch diesmal ging weiter sein Geisterritt,
Es flogen des Rosses Hufen,
Vorbei an Stettin, um das er einst stritt,
An Rügens kreidigen Stufen,
Vorbei an dem Sund, vorbei an dem Belt,
Bis das Skagerrak er erreichte,
Wo feuriger Donner das Meer erhellt,
Wo Hornsriff das Land umdeichte.

Dort lag sein stolzkühnes Patenschiff
Mit Briten im wildesten Kampfe;
Ein Regen von Stahl es wütend umpfiff
Mit Schwaden von Pulverdampfe,

*) Nach einer alten, heut noch fortlebenden Dorfsage in Gusow.

Haushoch sprangen Säulen aus Wogengrund,
Es zitterten Luft rings und Himmel,
Doch furchtlos brach ein der „Eiserne Hund“*)
In der Seeschlacht grauses Gewimmel.

Er packte mit seinem Eisenzahn,
Was ihm kreuzte die jagdfrohe Fährte;
Breitseits die Geschütze machten ihm Bahn,
Wenn Beattys Geschwader ihm wehrte:
So pirschte er sich an die Kön’gin heran,
„Queen Mary“, die starke, die feine,
Der Feinde Schauschiff, das prahlend gewann
Für sich den Sieg schon alleine.

Er deckte sie mit den Granaten zu,
Durch Panzer und Schotten es dröhnte,
Ihr Riesenleib, erschreckt aus der Ruh,
Im Tode nun zuckte und stöhnte;
Hochauf schoß rötlicher Wolkenglanz,
Mittschiffs sich senkten die Masten,
Versank in der Flut und Glut des Brands
„Queen Mary“ mit Mannen und Lasten.

Doch „Derfflinger“ weiter nur drauf und dran,
Mit äußerster Kraft gefahren;
Es schürten das Feuer zur Weißglut an
Schweißtriefend der Heizer Scharen;
Auf seiner Brücke der Kommandant,
Der vom Sieg und Hurra umrauschte,
Als Führer des Kreuzergeschwaders stand,
Wie Hipper sein Flaggschiff tauschte.

*) „Eiserner Hund“ benannten die Engländer den „Derfflinger“.

Wohl spürte auch er manche Wunde in sich,
An Löchern und Ehrennarben,
Von seinen Helden doch keiner wich,
Viel lieber sie klaglos starben;
Sie taten oben und unten die Pflicht,
Am Rohr, an Maschinen, am Steuer
Und wie bei der Übung so ruhig und schlicht
Bedienten das Schiff sie und Feuer.

Da lachte dem Alten das Herze gar froh,
Wie er sah sein Schiff an der Spitze;
Er dachte des Tages von Rathenow,
Des Reiterstückleins voll Hitze,
Sein Name strahlte von Flankenwand,
Sein Ruhm stand in herrlicher Pflege,
Da rief er, als er im Nebel schwand:
„Hie Zollern guet allewege!“

Conrad Müller.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.
Betrachtungen über die Skagerrak-Schlacht.
Auszug aus den im Herbst 1918 im „London Magazine“ veröffentlichten Aufsätzen des englischen Marineministers Churchill.

Die zwei weissen Völker

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Vom ersten Tage des Krieges an hat die englische Marine die volle und unbestrittene Seeherrschaft ausgeübt. Die überlegene Schlachtflotte auf ihrer Station im Norden beherrscht alle offenen Weltmeere, so lange sie nicht herausgefordert und nicht geschlagen wird. Sie ist die alles beherrschende Vorbedingung für alle Unternehmungen des Verbandes auf jedem Kriegsschauplatz, das unbedingte Veto für jede Auslandsbetätigung des Feindes. Obgleich die Linienschiffsgeschwader der Großen Flotte erst ein einziges Mal für ein paar kostbare Augenblicke mit den deutschen Schiffen im Kampfe waren, obgleich ihnen jede Gelegenheit zur Entscheidungsschlacht versagt war, haben sie doch von Anfang an alle Früchte eines vollkommenen Sieges genossen. Hätte Deutschland niemals ein Großkampfschiff gebaut oder wären alle deutschen Großkampfschiffe versenkt, die alles leitende, gesetzmäßige Macht der englischen Marine hätte nicht wirksamer sein können. Auch ohne ein Trafalgar sind die vollständigen Folgen eines Trafalgar andauernd wirksam gewesen, und zwar mit einer unerhörten Strenge. Das gesamte ungeheure Geschäft des englischen und verbündeten Handelsund Transportverkehrs vollzieht sich ungehindert. Eine Versicherung von 1% deckt nicht nur die Kriegsgefahren, wie man sie vor dem Kriege verstand, sondern auch die Verluste infolge des ungesetzmäßigen und unmenschlichen Unterseekrieges gegen Handelsschilfe. Verbandsarmeen können, beschränkt nur durch den Umfang des verfügbaren Schiffsraumes, nach jedem Teile der Welt gesandt und an ihren Landestellen unterhalten werden. Das Vereinigte Königreich, seine Kolonien, Festungen, Schutzgebiete und die seiner Bundesgenossen liegen sicher und unberührt da. Dem Feinde jedoch ist jeder Besitz außerhalb der Linie seiner Festlandsarmeen genommen worden oder er wird ihm genommen; auf dem weiten Spiegel der offenen See kann er keinen Kiel schwimmen lassen. Ura einen Brief nach NewYork zu schicken, müssen die Deutschen tatsächlich ein eigenes Fahrzeug bauen, das unter Wasser fährt. Die diesige Luft der Nordsee, die finsteren und stürmischen Nächte, die ungeheuren Weiten der Meere und Ozeane sind kein Deckmantel, um vor der unaufhörlichen, allumfassenden Überwachung Schutz zu bieten, die jede deutsche Bewegung zu Wasser verbietet. Es liegt kein Grund dafür vor, daß dieser Stand der Dinge nicht unbegrenzt so weiter besteht. Der Glaube ist durchaus begründet, daß die unbegrenzte Fortdauer desselben — abgesehen von allen anderen Angriffs mittein — das Schicksal des Kampfes entscheiden wird. Wir sind berechtigt, mit dieser Lage völlig zufrieden zu sein. Die Kriegsaufgabe der englischen Marine wird unbedingt gründlich und erfolgreich erfüllt. Ohne eine Schlacht haben wir alles, was die siegreichste Schlacht uns geben könnte. Das ist der Ausgangspunkt für alle Betrachtungen über den Seekrieg. Wir sind zufrieden!

Wenn die Deutschen mit dem Stand der Dinge nicht ebenso zufrieden sind, so liegt das Abhilfsmittel auf der Hand. Um sie von jeder Unbequemlichkeit, unter der sie leiden, zu erlösen, brauchen sie nur die Große Flotte aufzusuchen und vernichtend zu schlagen. Ist das geschehen, so würden für Deutschland alle Schwierigkeiten beendet sein. Die englischen Armeen könnten nicht länger auf dem Festlande aufrecht erhalten werden; das Leben und die Industrie des Vereinigten Königreiches wäre gelähmt, die Munitionszufuhr abgeschnitten und das ganze Gebäude des Krieges, der Diplomatie und des Handels der Verbandsmächte würde mit einem Zauberschlage zusammenbrechen. Der Sieg in dem großen Kriege, der sichere, schnelle und endgültige Sieg, die Überwachung der Meere, die Beherrschung der Welt, die ganze Zukunft der Zivilisation liegt in ihrer Hand, wenn nur dieses erste Hindernis überwunden ist. Ihre Sache ist es zu handeln.

Die Betrachtung dieser einfachen Tatsachen wird dem Laienverstand deutlich machen, was so oft übersehen oder nicht begriffen worden ist, nämlich, daß die Handlungen der englischen Marine in Wirklichkeit offensiv und aggressiv sind. Wir haben die Initiative ergriffen und alle Vorteile geerntet; unser stiller Angriff auf die Lebensinteressen des Feindes geht ohne Aufhören weiter, Sommer und Winter, Tag und Nacht, jahrein, jahraus. Keine Kriegsverpflichtung verlangt von uns, weiter zu gehen. Der nächste Schachzug kommt den Deutschen zu. Es ist ein ganz einfacher und selbstverständlicher Zug. Wenn sie ihn unterlassen, so ist es, weil sie nicht stark genug dazu sind und es nicht wagen, ihn zu tun. Niemals war die Not größer oder das Abhilfsmittel offenkundiger.

Die obige Lage ist in sich vollständig und von unserem Standpunkt aus in sich durchaus befriedigend. Wenn wir zur Schlacht bei Jütland kommen, so treten neue und weitere Züge hinzu. Die Engländer hatten es überhaupt nicht nötig, jene Schlacht zu suchen. Ein strategischer Grund oder ein dahin wirkender Zwang, unsere Schlachtflotte in dänische Gewässer vorzuschieben, lag nicht vor. Wenn es uns beliebte, dahin zu gehen, so geschah es aus Eifer und dem Gefühl der Stärke. Ein heißer Wunsch, den vor uns hergetriebenen Feind in ein Gefecht zu verwickeln, und eine kühle Berechnung des weiten Spielraumes an Überlegenheit

rechtfertigten eine Bewegung, die aber keinerlei praktisches Bedürfnis notgedrungen verlangte. Was schadet es uns, wenn die deutsche Flotte einmal in See spazieren fährt? — Inwiefern würde eine solche Leistung die grimmige und tödliche Lage zur See ändern, aus der Deutschland ein Entkommen finden oder in der es umkommen muß? Wenn Deutschland das Glück wenden will, so muß seine Flotte nicht nur herauskommen; sie muß herauskommen und kämpfen bis zur endgültigen Entscheidung; es bleibt der englischen Flotte zur Entscheidung anheimgestellt, wo und unter welchen Bedingungen die Schlacht geschlagen werden soll.

Wenn wir demnach hören, daß Sir John Jellicoe über die Nordsee eilt, seine Schlachtflotte mit äußerster Fahrt den deutschen Küsten zusteuernd, Admiral Beatty und seine Schlachtkreuzer weit voraus; wenn wir sehen, wie diese großen Schiffe südostwärts dampfen, weißen Schaum vor dem Bug, schwarze Rauchsäulen über ihren Dreibeinmasten, dann müssen wir uns sofort sagen: „Was für eine Übermacht muß der in Händen haben!“ Sicherlich würde die englische Flotte nicht an der Küste des Feindes die Schlacht suchen, wenn sie sich nicht nur stark genug fühlte, ihn zu schlagen, sondern auch stark genug, um alle noch weiter damit verbundenen Gefahren zu laufen und die Nachteile auf sich zu nehmen, die mit einem Kampf weit von den eigenen Stützpunkten und in seinen gefährlichen Gewässern verbunden sind. Wir dürfen uns darauf verlassen, daß diese Entscheidung nur getroffen worden ist auf Grund der sorgsamsten (conservative) Stärkeberechnungen und mit einem wohlbegründeten Vertrauen. Angenommen z. B., wir hätten ein Dutzend unserer besten Schiffe verloren, so würden wir nicht imstande sein, noch weiter eine so abenteuerliche Politik zu verfolgen, sondern dann würden wir auf die sichere und weit stärkere Stellung zurückgehen, den Feind zu zwingen, geradezu nach unseren Küsten herüberzukommen, um die letzte Entscheidung zu suchen. So muß die Schlacht bei Jütland als ein kecker Versuch angesehen werden, den Feind zur Schlacht zu stellen, ein Versuch, der aus dem durch die Ereignisse völlig gerechtfertigten Bewußtsein einer überwältigenden Überlegenheit entsprang.

Die Bewegungen unserer Schlachtkreuzer und schnellen Linienschiffe dürfen mit Recht verwegener und unternehmungslustiger Art sein. Diese schnelldampfende Flotte ist zum mindesten dreimal so stark, wie die schnellen schweren Schiffe des Feindes. Sie kann von keiner Streitmacht, die stark genug wäre, um ihr gefährlich zu werden, eingeholt oder zur Schlacht gezwungen werden. Mit deutschen Linienschiffen braucht sie sich nie in den Kampf einzulassen. Sie kann sich der gesamten deutschen Flotte nähern, ohne der Unterstützung zu bedürfen, und kann ganz in der Nähe weit überlegener Streitkräfte bleiben, ohne sich bloßzustellen oder in einer entscheidenden Weise auf ein Gefecht einzulassen. Wenn Sir David Beatty 100 Seemeilen vor Sir John Jellicoe steht, so ist er weder außer Verbindung, noch außer Fühlung mit ihm. Die gegenseitigen Stellungen sind vollkommen gesichert und befriedigend. Beatty kann in jedem Augenblick zurückgehen, oder Jellicoe kann ihn zurückrufen. Der Verkehr ist ununterbrochen und die Lage völlig in ihrer Gewalt. Die einzige Gefahr liegt darin, daß ein einzelnes Schiff nicht mitkommen kann. Aber so hart es auch sein mag, einen Genossen im Stich zu lassen, so sollte man es doch nicht zulassen, daß dies an sich der Grund für eine allgemeine Schlacht mit der feindlichen Schlachtflotte würde. Unter diesem Vorbehalt sind die Bewegungen unserer schnellen Flotte gänzlich frei. Von einer Unbesonnenheit oder Überstürzung im Hinblick auf den weiten Abstand zwischen den schnellen Schiffen und der Großen Flotte im Augenblick des Schlachtbeginns kann gar nicht die Rede sein.

Die Schlacht wurde durch den Angriff von sechs englischen Schlachtkreuzern auf fünf deutsche eröffnet — wobei die englischen Schiffe an Geschoßgewicht weit überlegen waren. Der Feind zog sich erklärlicherweise auf seine eigene anmarschierende Schlachtflotte zurück. Während der Schlacht erhielten wir Verstärkung, erstens durch die vier schnellen Linienschiffe („Queen Elizabeths“) und zweitens durch Admiral Hoods drei ältere Schlachtkreuzer. Somit war, was die schnellen Streitkräfte der beiden Flotten anlangt, die englische Überlegenheit zahlenmäßig wie 13 zu 5 und an Geschützstärke mindestens wie 4 zu 1. — Als die deutsche Hochseeflotte auf dem Kampfplatze erschien, vermied Beatty mit Leichtigkeit eine allgemeine Schlacht mit ihr durch das einfache Mittel, daß er seine Geschwindigkeit steigerte und die deutschen Schlachtkreuzer zwang, mit ihm Schritt zu halten oder von ihm überflügelt (crossed) zu werden. So liefen die schnellen Schiffe von der deutschen Hochseeflotte weg, und nur die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse am Ende unserer Linie standen ernstlich mit den vordersten feindlichen Linienschiffen im Gefecht, wozu sie ja auch wohl geeignet waren. Alles dies scheint natürlich und befriedigend zu sein. Erstaunlich ist es jedoch, daß das Feuer der sehr überlegenen englischen Batterien in den drei Stunden der Schlacht keine entscheidenden Ergebnisse auf die feindlichen Schlachtkreuzer zuwege brachte. Die „Lützow“ wurde zum Sinken gebracht. „Seydlitz“ und „Derfflinger“ wurden schwer getroffen und die anderen beiden arg mitgenommen. Die wechselnden Dunstbänke gaben uns alles in allem das schlechtere Licht. Die Vernichtung dreier unserer Schiffe verminderte unsere Streitkräfte in einem kritischen Augenblick. Aber die Tatsache, daß vier von fünf der deutschen Schlachtkreuzer während des ganzen Zeitraumes der Schlacht andauernd dampften und feuerten und schließlich entkamen, ist bemerkenswert. Die leichteste Erklärung ist die, daß es dem viel schwereren Panzer zuzuschreiben ist, den diese sehr steifen Schiffe im Gegensatz zu unseren Schlachtkreuzern tragen. Auf alle Fälle hielten die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse, die am stärksten gepanzerten Schiffe der Welt, ein fürchterliches Schießen an Zahl überlegener deutscher Linienschiffe aus, ohne irgendeinen Verlust oder eine Einbuße an Gefechtskraft. Soweit es zur Zeit möglich ist, Lehren aus diesem Ereignis zu ziehen, scheint der Wert des starken Panzers erwiesen. Als die beiden Gros ins Gefecht kamen war die englische Feuerüberlegenheit fast sofort erkennbar, obwohl nur ein Teil der englischen Schlachtlinie im Gefecht lag. Die deutsche Flotte brach das Gefecht ab und zog sich in der diesigen Luft und der sinkenden Dämmerung zurück. In dem kurzen, aber denkwürdigen Treffen erlitt sie ernsthafte Beschädigungen. Unzweifelhaft war das einzelne Schiff der englischen Schlachtflotte dem Gegner an Leistung überlegen, Schiff gegen Schiff, von der Überzahl ganz abgesehen. Es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die Schlacht, hätte man sie fortgesetzt, nur zu einem Schluß geführt haben könnte, und dies wurde von dem Feinde erkannt und anerkannt.

Niemals hat eine Marine es nötiger gehabt, eine Schlacht zu schlagen und sich einen entscheidenden Sieg zu sichern, als die deutsche an jenem Tage. Nie konnte sie eine günstigere Gelegenheit erwarten. Ihr Gegner war bis vor ihre Tür gekommen. Er war weit entfernt von seinen Stützpunkten; er war in ihren eigenen gefährlichen Gewässern. Er ließ sich auf ein Verfolgungsgefecht ein, das den Deutschen alle erdenkliche Gelegenheit bot, ihn über Minenfelder und in den Hinterhalt von Unterseebooten zu leiten. Die geringe Sichtigkeit verhinderte ein Gefecht auf weite Entfernungen, gab ihnen gute Aussicht, ihre viel gepriesene Mittelartillerie zu verwenden, und begünstigte in jeder Weise die Grundsätze, nach denen ihre Flotte konstruiert und ausgebildet war. Und doch, trotz alledem, und obgleich sie einen Sieg so bitter nötig hatten, ließen sie sich auf die Probe nicht ein. So hoch schätzte die englische Flotte ihre Überlegenheit ein, daß sie jede Gefahr lief und sich stark genug fühlte, fast alle ihr zu Hilfe kommenden Vorteile aufzugeben, in der Hoffnung auf eine Entscheidung, die sie strategisch gar nicht nötig hatte. So tief war die Überzeugung von ihrer Unterlegenheit in den Köpfen der deutschen Befehlshaber, so tief bestärkte sie darin der Eindruck von der Berührung mit dem Feinde, daß sie trotz aller auf ihrer Seite liegenden Vorteile die Schlacht ablehnten, wo doch ein Sieg in der Schlacht Deutschland gerettet haben würde. Von Mangel an Mut bei den deutschen Besatzungen und Befehlshabern kann nicht die Rede sein. Das wird von allen frank und frei bezeugt. Hier handelt es sich um kühle und wissenschaftliche Berechnung der kriegerischen Stärke, und da ist das Urteil vollständig und ganz deutlich. Die Seekriegsgeschichte berichtet von keiner stolzeren Behauptung der Kampfüberlegenheit auf Seiten der stärkeren Flotte und von keinem mehr erniedrigenden Eingeständnis der Ohnmacht auf Seiten des Schwächeren, beides durch die Tatsachen und Ereignisse völlig gerechtfertigt, als von dieser Schlacht bei Jütland.

Daß der Torpedo verhältnismäßig wenig imstande war, den Lauf der allgemeinen Seeschlacht zu beeinflussen, ist ebenso klar und für uns ebenso befriedigend. Die stärkere Marine verläßt sich hauptsächlich auf die Stärke des schweren Geschützes in der Schlachtlinie. Darauf gründet sich unser ganzes System, unsere ganze Auffassung vom Seekriege. So ist es in der Vergangenheit immer gewesen und trotz aller Wandlungen, welche die fortschreitenden Erfindungen nötig gemacht haben, blieb es die Grundlage jeder Politik der Admiralität. Die erste Seemacht verläßt sich auf das Geschütz; die zweite muß ihre Hoffnungen auf den Torpedo setzen. Die Konstruktionspläne und der Bau deutscher Schiffe jeder Klasse, die Organisation ihrer Flotte entspricht in jeder Hinsicht diesem Grundsatz. Die englische Marineanschauung war, während sie dem Grundgedanken von der Macht des Geschützes treu blieb, in jüngster Zeit in wachsendem Maße von der Drohung der Torpedowaffe voreingenommen worden. Es schien tatsächlich schwierig, sie nicht als ein möglicherweise entscheidendes Kampfmittel zu behandeln. In der Schlacht bei Jütland aber haben wir 60 oder 70 große Schiffe der beiden Marinen während nahezu 20 Stunden, bei Tageslicht und in der Dunkelheit, sich in Gewässern bloßstellen sehen, die von fast 200 verwegen geführten Über- und Unterwasser-Torpedofahrzeugen verseucht waren. Auf englischer Seite wird nur ein einziges Schiff, die „Marlborough“, getroffen, ohne gezwungen zu sein, das Feuer einzustellen, während all die rücksichtslose Verwegenheit unserer eigenen Flottillen nicht mehr als drei oder vier Opfer einbrachte. Dies ist vielleicht die überraschendste und für uns eine der beruhigendsten Erscheinungen der Schlacht.

Es wird gefährlich sein, aus den Erfahrungen einer einzelnen Schlacht zu entscheidende Schlüsse zu ziehen oder anzunehmen, daß der lange und stets verschärfte Wettstreit zwischen der Kanone und dem Torpedo mit der unbestrittenen Herrschaft der ersteren geendet hat. Soweit aber diese Schlacht den Weg weisen kann, so deutet sie unweigerlich auf den Vorrang der Geschützkraft und weist dem Torpedo eine Nebenrolle zu, wenn es sich um die großen Entscheidungen handelt. Und hier sehen wir wiederum die harte Regel des Seekrieges unserer Zeit:

„Der stärksten Marine alles, der nächststärksten nichts.“ „Von dem aber, der nichts hat, wird auch das genommen werden, das er hat.“

Alles in allem ist es erstaunlich, daß die Folgen selbst einer mäßigen Überlegenheit zur See so vollständig und weitreichend sind. Nimm zwei Marinen, deren Stärke sich wie 16 zu 10 verhält. Haben sie an den Vorteilen der Seemacht in demselben Verhältnis Anteil? Überwacht die stärkere 16 Meeresteile und die schwächere zehn Teile? Überwacht die schwächere fünf Teile? Überwacht sie auch nur einen einzigen? Nein, wahrhaftig nicht. Die offene See kommt ganz und gar dem Stärkeren zu. Nichts bleibt dem Schwächeren — seine Ausgaben bringen nichts ein; seine Anstrengungen bleiben ohne Lohn. Es kann nicht einmal, wie in den alten Segelschiffstagen, ein verlängerter Kreuzerkrieg solange geführt werden, wie die schwächere Hauptflotte außerstande ist, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen. Die Vernichtung jedes Kreuzers oder jedes Handelsfahrzeuges unter seiner Flagge, ja jedes Stützpunktes und jeder Niederlassung im Auslande ist nur eine Frage der Zeit. Bei diesem Wettstreit gibt es keine Trostpreise.

Es ist merkwürdig, daß die öffentliche Meinung geneigt zu sein scheint, Unternehmungen zur See kritischer, ja befangener zu beurteilen, als Unternehmungen zu Lande. Zu Lande kamen große Verluste vor, zuweilen zwecklos, zuweilen mit sehr geringen und unzureichenden Ergebnissen. Mißwirtschaft, Unentschlossenheit, Halsstarrigkeit, Tollkühnheit spielen ihre Rolle und führen zu schrecklichen Ereignissen. Aber in der Rotglut des Kampfes läßt sich nichts genau unterscheiden. So vieles ist stets fraglich, so vieles ist dunkel, so viel Gelegenheiten sind da, das Bild zu verwirren und den Ausgang zu verwischen. Und durch alles hindurch schimmert die unermüdliche Tapferkeit der Truppen, ihr edelmütiges Opfer, die überragende Notwendigkeit, sie, und nicht den Feind zu ermutigen. Öffentliche Urteile über Ereignisse zu Lande sind deswegen entweder nachsichtig oder abwartend. Mit der Marine ist es ganz anders. Die See ist eben und klar. Auf ihrer Oberfläche ist jedes Fahrzeug zu sehen — ein genaues Ziel. Verliert man eins, so ist das ein Ereignis, worüber nicht zu streiten ist. Der einfachste Verstand kann die Tatsache beurteilen, daß es nicht mehr da ist. Verliert man auch nur ein einziges Schiff, so gilt das als ein Unglück, die Folge irgendeiner einfachen Ursache — Nachlässigkeit, Voreiligkeit, Unfähigkeit, für die irgendeiner getadelt oder bestraft werden muß! Und doch hat sicherlich ein Admiral größeren Anspruch auf die Großmut seiner Landsleute als ein General. Seine Kriegführung ist fast gänzlich neuartig. Kaum einer hatte überhaupt jemals irgendwelche Erfahrung im Seekampf gehabt. Alle hatten sie erst die fremdartigen, neuen und unberechneten, ja in Friedenszeiten meistenteils unberechenbaren Bedingungen zu lernen. Mögen auch Generale in hohen Kommandostellen, welche von ihren Fernsprechern in Schlössern meilenweit hinter der Front Befehle zu verzweifelten Angriffen zu geben haben, oft das Gefühl haben, daß es eine ungeheure Erleichterung wäre, sich für eine Weile auf das Gefechtsfeld zu begeben, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß ihnen dies durch die Bedingungen des Krieges heutzutage versagt ist. Aber der Admiral auf seiner Brücke, der seine Flotte oder sein Geschwader in eigener Person in die Schlacht führt, dessen stolz wehende Flagge das Ziel des vereinigten Feuers ist, der von Augenblick zu Augenblick fast mit einer Gebärde den Gang der größten und heftigsten Schlacht leitet, wie die Kriegerkönige und Paladine des Altertums, der ist eine Heldengestalt. Der gemeine Mann in der Flotte ist lange nicht solchen Gefahren ausgesetzt wie Jellicoe und Beatty. Kein höherer General, wie bewundernswert er auch sei, hat persönlich und unverzüglich, mitten im Donnersturm der Schlacht, den augenblicklichen Tod vor Augen, so wissenschaftliche, so gräßliche, so peinlich genaue Fragen zu lösen wie er. Mächtige Schiffe, jedes als Kriegsmittel mindestens einer ganzen Infanteriedivision gleichwertig, verschwinden in einer einzigen Explosion und hinterlassen nicht einmal eine Spur. Ein Drittel des Schlachtkreuzer-Geschwaders in ein paar Minuten vernichtet, Schiffe von größter Wichtigkeit dahin für immer, das Schicksal der Sache der Verbandsmächte, das Schicksal des englischen Reiches, der Ausgang des Weltringens, alles steht auf dem Spiel, hängt in der Schwebe, überall von dem Unbekannten verborgen! Sicherlich, von allen persönlichen Feuerproben des großen Krieges ist dies die höchste Prüfung, dies der wahre Ruhm.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.
Betrachtungen über die Skagerrak-Schlacht.

Die zwei weissen Völker

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Als am Morgen des 1. Juni die Sonne aufging, stand die deutsche Flotte auf der Höhe von Hornsriff, also auf dem selben Breitengrad, auf dem die dänische Stadt Esbjerg liegt. Als wir damals weit und breit vom Feinde nichts entdecken konnten, fiel mir in diesem Moment, ich gestehe es offen, ein Stein vom Herzen, denn mit unserem zerschossenen Schiff, besonders mit der dezimierten Artillerie, hätten wir keinen siegreichen Kampf mit einem an seiner Artillerie unbeschädigten Großkampfschiff bestehen können. Ich hatte auch schon fast die gesamte Munition der Türme „Anna“ und „Bertha“ verschossen, und an den Rest der Munition in den Türmen „Cäsar“ und „Dora“ war nicht heranzukommen, da die Türme noch ganz mit giftigen Gasen erfüllt und die Munitionskammern geflutet waren. Für unsere Flotte und für unser Vaterland bedauere ich es aber aus tiefstem Herzen, daß es damals nicht zum Endkampfe gekommen ist. Und sicher ist diese Tatsache ein großer Schmerz und eine getäuschte Hoffnung auch für unseren Flottenchef, den Admiral Scheer, gewesen. Dem Engländer wäre es ein leichtes gewesen, uns frühmorgens zur Schlacht zu stellen. Er hatte ja die ganze Nacht über durch seine Kreuzer und Torpedoboote Fühlung mit uns gehalten. Der englische Flottenchef war also dauernd funkentelegraphisch über jede unserer Bewegungen unterrichtet worden. Es wäre das größte Glück für unser Vaterland gewesen, wenn es damals bei Hornsriff, also nicht sehr weit von Helgoland entfernt, zur Schlacht gekommen wäre. Nach den Erfahrungen des 31. Mai zu schließen, wäre noch manch englisches Schiff restlos vernichtet worden, und es hätte eines ungeheuren Munitionsaufwandes bedurft, deutsche Großkampfschiffe völlig kampfunfähig zu machen. Hätte Jellicoe am 1. Juni bei Hornsriff die Entscheidung gesucht, so hätte Englands Flotte zweifellos ihren Platz als stärkste Flotte der Welt an Amerika abtreten müssen. Ich gebe gern zu, daß an eine völlige Vernichtung von Jellicoes Flotte am 1. Juni nicht zu denken war. Aber als genauer Kenner unserer Schiffe und unserer Schiffsartillerie sowie als guter Kenner der englischen Schiffe und ihrer Schiffsartillerie und auf Grund meiner artilleristischen Erfahrungen in der Skagerrak-Schlacht glaube ich mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß eine restlos durchgekämpfte Seeschlacht zwischen dem englischen und dem deutschen Linienschiffsgros dem Gegner eine sehr große Anzahl Großkampfschiffe gekostet hätte. Am 31. Mai war es Admiral Scheer nach seiner Rückwärtsbewegung aus den „Klauen des Löwen“ nicht möglich, noch vor Anbruch der Dämmerung die Flotte in eine neue, taktisch günstige Aufstellung zur Schlacht zu bringen. Und eine Nachtschlacht zwischen zwei so starken Flotten war ein Ding der Unmöglichkeit. Trotz aller für Nachtgefechte vorgesehenen Erkennungszeichen wäre eine wüste Melee, eine Zerfleischung von Schiff gegen Schiff, ohne Kenntnis ob Feind oder Freund, unvermeidlich gewesen. Aber selbst wenn wir als „kühne Hasardeure“ eine Nachtschlacht angestrebt hätten, — die englische Flotte mußte sie vermeiden! Sie hätte sich in der Nachtschlacht all der Vorteile ihrer zahlenmäßigen Übermacht, ihrer überlegenen Geschwindigkeit, ihrer weit-tragenden Geschütze begeben und alles dem blinden Zufall überlassen. Jellicoe handelte vollkommen richtig, daß er sich abends loslöste und seine Geschwader während der Nacht so geschickt irgendwohin führte, daß sie von unseren, die Umgebung des Schlachtfeldes planmäßig absuchenden Torpedobootsflottillen nicht gefunden wurden. Und Jellicoe handelte auch strategisch völlig richtig, indem er sich am 1. Juni überhaupt nicht wieder zur Schlacht stellte. Mit der Verwendung der englischen Flotte als „fleet in being“, also allein durch ihr Vorhandensein, hatte sie bisher die ihr gestellte Aufgabe restlos gelöst. Die Skagerrak-Schlacht unterbrach den von ihr als „fleet in being“ ausgeübten Druck nicht eine Minute. Hätte Jellicoe am 31. Mai die Skagerrak-Schlacht nicht angenommen und wäre, um seine Flotte unbeschädigt zu erhalten, statt dessen in seinen Ausfallhafen Scapa Flow zurückgegangen, so hätten wir die uns gestellte Aufgabe, Handelskrieg im Skagerrak und Kattegatt, durchführen können und hätten damit die Seeherrschaft in der Nordsee für eine Zeitlang besessen. Die Durchführung unserer Aufgabe wurde uns aber durch die Skagerrak-Schlacht vereitelt. Dadurch aber, daß Jellicoe am 1. Juni unsere den deutschen Minenfeldern und heimatlichen Häfen zusteuernde Flotte nicht angriff, gab er die Seeherrschaft keinen Augenblick preis. Wozu sollte er in diesem strategischen Schachspiel noch einen Figurenaustausch vornehmen, wo doch seine Stellung so war, daß ein Mattsetzen des Gegners auch so erfolgen mußte? Jellicoe ging zurück nach Scapa Flow. Er ließ sich, als er später Beatty als Flottenchef Platz machte und sein König ihn zum Lord machte, den Namen eines „Viscount of Scapa“ geben! Damals spöttelte manch einer in Deutschland und wohl auch in England, daß sich ein Admiral seinen Namen nach einem öden Platz geben ließ, an dem seine Flotte vier Jahre fast dauernd zu Anker gelegen hatte. Und doch hat dieses vierjährige Ankern der englischen Flotte entscheidend dazu beigetragen, daß jetzt unsere gesamte Kriegsflotte nach eben diesem Scapa Flow geführt werden mußte und daß sie jetzt auf dem Meeresgrund der Bucht von Scapa Flow liegt. Welcher Triumph für den „Viscount of Scapa“! Als nach der Skagerrak-Schlacht der englische Glaube an den Sieg schwer erschüttert war, veröffentlichte Churchill im Oktoberheft der Zeitschrift „London Magazine“ eine Reihe, von Aufsätzen über den Land- und Seekrieg. Das, was er darin über den Seekrieg und die Skagerrak-Schlacht gesagt hat, ist meiner Meinung nach richtig. Leider! Wir hätten damals daraus folgende Lehre ziehen müssen: Die englische Flotte stellt sich nur zur Schlacht außerhalb unserer Minenfelder und in gewisser respektvoller Entfernung von unseren U-Bootsbasen und Küstenbefestigungen. Eine Seeschlacht muß aber von uns trotzdem unbedingt angestrebt werden, wollen wir überhaupt nur den Versuch machen, uns dem eisernen Griff zu entziehen, mit dem England uns würgt. Also müssen wir die englische Flotte an ihrer eigenen Küste aufsuchen und dort bekämpfen.

Hiergegen ist angeführt worden, daß der U-Bootskrieg nur mit einer intakten Hochseeflotte durchzuführen gewesen sei, daß unsere Kriegshäfen hoffnungslos verblockt worden wären, wenn wir unsere Flotte verloren hätten. Dagegen ist zu sagen: Erstensmal war der Kampf mit der feindlichen Flotte nicht von vornherein gleichbedeutend mit dem Verlust unserer ganzen Flotte. Skagerrak dürfte dies bewiesen haben. Und zweitens hätten die uns auf jeden Fall verbleibenden Seestreitkräfte an Kreuzern, älteren Linienschiffen und Torpedobooten in Verbindung mit unseren U-Booten, Minenlegern, Minensuchern, Luftschiffen, Flugzeugen und den Küstenbefestigungen genügt, um den U-Bootskrieg durchzuführen. Auch stand uns ja immer noch das Kattegatt als Ausfallpforte für unsere U-Boote zur Verfügung. In Flandern ist der U-Bootskrieg unter viel schwierigeren Umständen ohne Flotte durchgeführt worden, als wir sie in der Nordsee hatten. Und eine entscheidende Hochseeschlacht sollte ja auch gerade den U-Bootskrieg unnötig machen, sollte den Krieg einem raschen Ende entgegenführen.

Ich will uns durch diese Betrachtungen nicht die Freude an unserem Teilsieg über die englische Flotte vor dem Skagerrak verderben. Aber diesem Sieg ist es ergangen, wie letzten Endes jedem einzelnen unserer Siege zu Wasser und zu Lande: Den Endsieg hat er dem deutschen Volke nicht erzwingen können. Aber er wirkte damals auf die Flotte wie ein Stahlbad, gab dem deutschen Volke neue Kraft und Vertrauen auf die Zukunft und hat viel zum Ansehen des deutschen Volkes beigetragen. Für England war es ein böser Tag, als wir 10000 englische Seeleute zusammen mit den stolzesten englischen Schiffen auf den Grund des Meeres sandten, während nur wenig mehr als 2000 deutsche Seeleute ihr Leben unter der siegreichen Flagge hinzugeben brauchten.

Der in einem Sonderabdruck der „Fremden Presse“ des Nachrichtenbureaus des Reichsmarineamtes abgedruckte Auszug aus den Aufsätzen Churchills im „London Magazine“ (Herbst 1916) ist im Anhang beigefügt. Ebenso ein Gedicht „Derfflinger am Skagerrak“ von Conrad Müller, das unmittelbar nach der Schlacht unter dem Eindruck persönlicher Schilderung von „Derfflinger“-Mannschaften entstanden ist.

Ich schließe meine Erzählungen von dem größten Tag zur See, den wir Deutsche erlebt haben, mit dem Wunsche, daß mein Büchlein und der Aufsatz Churchills für manchen Deutschen die Veranlassung sein möge, sich weiter Klarheit darüber zu verschaffen, welchen ungeheuren Einfluß die Seeherrschaft auf die Weltgeschichte gehabt hat und auch in Zukunft stets haben wird. Und ich spreche die Hoffnung aus, daß sich in kommenden Jahren noch mancher Deutsche, stolz darauf Deutscher und Seemann zu sein, wird Seewind um die Nase pfeifen lassen!

Wohl sind wir ein armes Volk geworden. Wohl sind wir in unserer nationalen Ehre schwer gedemütigt worden. Aber den Mut zu neuen Taten wollen wir uns deswegen nicht nehmen lassen. Denken wir an das Wort:

Geld verloren — Nichts verloren!

Ehre verloren — Viel verloren!

Mut verloren — Alles verloren!

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.

Die zwei weissen Völker

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Letztes Feuergefecht. Die Nachtgefechte. Untergang der „Pommern“.

Den gewaltigen Aufregungen unserer Fahrt „Ran an den Feind“ folgte eine Gefechtspause, die bis 10 Uhr 22 Minuten dauerte. Auf „Derfflinger“ trafen wir in dieser Zeit die Vorbereitungen für die Nacht. Fast alle Scheinwerfer waren zerstört worden. An Steuerbordseite hatten wir noch einen, an Backbordseite zwei. „Heinzelmännchen“ und seine Gehilfen hatten alle Hände voll zu tun, um allen Wünschen, die an sie herantraten, nur einigermaßen gerecht zu werden. Ich blieb auf der Kommandobrücke, in steter Erwartung, wieder auf den Feind zu stoßen. An jedem Sehrohr stand ein Mann, der den Horizont absuchte, alle Ferngläser waren in Tätigkeit.

Gegen 10 Uhr sichteten wir unser erstes Geschwader auf südlichem Kurse. Unser Kommandant, der zu dieser Zeit noch die Führung der Schlachtkreuzer hatte, führte unseren Verband auf die Spitze unseres Gros zu, um sich vorzusetzen. Ohne Signal folgten die übrigen Schlachtkreuzer dem „Derfflinger“. Als wir diese Bewegung ausführten, bekamen wir und das erste Geschwader plötzlich schweres Feuer aus Südosten. Es war schon dämmerig geworden. Die Diesigkeit hatte eher zu- als abgenommen. „Klar Schiff zum Gefecht!“ raste es wieder durch alle Räume, und nach wenigen Sekunden bereits hatte ich Turm „Anna“ auf das Ziel gebracht, und es wurde ein Schuß gefeuert. Turm „Bertha“ war bei der herrschenden Diesigkeit nicht mehr auf das Ziel zu bringen. Ich feuerte nun mit Turm „Anna“, so schnell es ging. Aber auch da entstand eine Pause. Ein schwerer Treffer streifte Turm „Anna“ und verbog eine Dichtungsschiene des Schwenkkranzes, so daß der Turm klemmte. Unsere letzte Waffe drohte unserer Hand zu entfallen!

Da lief kurz entschlossen der Stückmeister Weber aus dem Turm und entfernte mit Hilfe einiger Unteroffiziere und Geschützmannschaften mit Äxten und Beilen die verbogene Dichtungsschiene und machte dadurch den Turm wieder gefechtsklar. So konnte doch wenigstens ab und zu ein Schuß gefeuert werden. Ich schoß fast nur noch nach geschätzter Entfernung. Ganz selten gelang es einmal dem Bg-Messer, den Abstand von einem aufleuchtenden Mündungsfeuer zu messen. Ich schoß mit Entfernungen von 80 Hundert, 60 Hundert, 100 Hundert und ähnlichem. Eine Beobachtung der Aufschläge war unmöglich. Es war wieder einmal eine äußerst ungemütliche Situation. Da kam Hilfe von einer Seite, die wir am wenigsten erwartet hatten. Unser zweites Geschwader, die alten Schiffe der „Deutschland“-Klasse, hatten nach der Kehrtwendung der Flotte auf südlichen Kurs an der Spitze der Flotte gestanden. Jetzt hielt Admiral Scheer den Augenblick für geeignet, die Flotte so zu rangieren, wie es für den Marsch nach Süden taktisch richtig war. Das zweite Geschwader bekam infolgedessen Befehl, sich hinter die beiden modernen Geschwader zu setzen. Diesen Befehl führte der Geschwaderchef des zweiten Geschwaders jetzt gerade aus, indem er sein Geschwader östlich von der übrigen Flotte und auch von uns vorbeiführte. Damit kam er zwischen uns und den uns hart bedrängenden Feind. Der sah plötzlich sieben große Schiffe mit hoher Fahrt auf sich zustoßen. Gleichzeitig griffen wieder einmal unsere unermüdlichen Torpedoboote an. Das war ihm zuviel: Der Gegner drehte ab, verschwand in der Dämmerung. Auf Nimmerwiedersehen! Uns aber erfüllte eine große Freude, als wir so plötzlich entlastet wurden. Ich sah all die guten Freunde meines ehemaligen Geschwaders ankommen, die brave „Hessen“, auf der ich fünf Jahre gewesen war, die „Pommern“, die „Schleswig-Holstein“ und andere. Alle feuerten lebhaft und bekamen auch heftiges Feuer. Aber das dauerte nur kurze Zeit, dann hatte der Gegner genug. Wenn er geahnt hätte, was für Schiffe da ankamen, ich glaube, er hätte nicht kehrt gemacht! Waren es doch die berühmten deutschen „five-minutes-ships“, auf deren Erledigung der Engländer nicht mehr als fünf Minuten verwenden wollte. Jetzt wich er ihnen aber tapfer aus!

Um 10 Uhr 31 Minuten abends hat mein getreuer Chronist den letzten von „Derfflinger“ gefeuerten Schuß der schweren Artillerie bei einer Seitenstellung von 244° und einer Entfernung von 75 Hundert gebucht.

Der lange nordische Tag ging zu Ende. Die kurze Nacht, die nur von 11 Uhr bis 2 Uhr dauerte, begann.

Für die Nacht bekamen die Schlachtkreuzer den Befehl „An die Linie anhängen“. Wir hatten also die ehrenvolle Aufgabe, der Flotte auf ihrem Marsche nach Süden den Rücken zu decken. Ich weiß nicht, wo „Seydlitz“ und „Moltke“ in dieser Nacht gestanden haben. „Seydlitz“ hatte bereits schwer zu kämpfen, um das schwerhavarierte Schiff über Wasser zu halten. Nur unter größten Anstrengungen ist es der Besatzung des Schiffes unter seinem tatkräftigen Kommandanten, dem Kapitän zur See v. Egidy, und seinem ausgezeichneten ersten Offizier, dem Korvettenkapitän v. Alvensleben, gelungen, das Schiff zwei Tage nach der Schlacht nach Wilhelmshaven einzubringen.

Am Ende der Linie versammelten sich in dieser Nacht nur „Derfflinger“ und „von der Tann“. Für eine sehr geeignete Rückendeckung hielten wir uns allerdings selbst nicht mehr! Unsere Steuerbordseite war unsere schöne Seite. Da waren noch alle sechs 15 cm-Geschütze intakt. Aber ein einziger Scheinwerfer war etwas wenig. An Backbord waren nur noch zwei 15 cm-Geschütze feuerbereit. Also mußten wir die englischen Torpedoboote dringend ersuchen, möglichst nur an Steuerbord anzugreifen. Da konnte für kalte Abwaschung gesorgt werden!

Da der Himmel bedeckt war, wurde es schließlich doch noch eine dunkle Nacht. Wir Offiziere hatten jetzt den Kommandoturm verlassen und hielten uns auf der Kommandobrücke auf. Der Kommandant kam heraus. Er schüttelte mir herzlich die Hand, sagte: „Das haben Sie gut gemacht!“ Diese Worte waren mir mehr wert, als jede Anerkennung, die ich später noch gefunden habe. Als es anfing kühl zu werden, ließ er eine Flasche Portwein kommen, die Gläser wurden gefüllt, und wir Offiziere stießen auf den heutigen Tag an. Ich schickte meinen Burschen unter Deck in meine Kammer, er sollte nachsehen, wie es da aussähe und mir einen anderen Mantel holen. Hänel kam mit dem Mantel zurück und meldete freudestrahlend: „Herrn Kapitäns Kammer ist die einzige heile. Alle anderen Kammern sind völlig zerstört!“ Ich mußte bei seinem freudestrahlenden Gesicht an den Spruch denken:

„O heiliger Florian,

Beschütz’ mein Haus, zünd’ andre an!“

Da wir als vorletztes Schiff der langen Linie fuhren, war anzunehmen, daß wir von Torpedobootsangriffen, die fast immer von vorn angesetzt werden, verschont bleiben würden. Tatsächlich hat während der ganzen Nacht nur ein englischer Zerstörer den Weg bis zu uns gefunden. Alle übrigen Zerstörer wurden bereits von den vor uns stehenden Schiffen abgeschossen oder abgedrängt. Über diese Nachtgefechte kann ich wenig berichten, da wir ziemlich weit abstanden. Es wurde eigentlich die ganze Nacht hindurch fortgesetzt geschossen. Man muß gestehen: Die englischen Torpedoboote haben mit bewunderungswürdigem Schneid immer und immer wieder angegriffen. Und haben doch so gut wie nichts erreicht! Das einzige deutsche Schiff, das während der eigentlichen Nacht versenkt wurde, ist der kleine Kreuzer „Frauenlob“ gewesen. Und den haben nicht Torpedoboote versenkt, sondern ein englischer Kreuzer hat ihn mit Artillerie niedergekämpft und ihm dann auch noch einen Torpedo in die Seite gejagt. Erst in der Morgendämmerung ist den englischen Torpedobooten ein Erfolg beschieden gewesen: Auf große Entfernung ist es einem englischen Zerstörer gelungen, die „Pommern“ mit einem Torpedo zu treffen und zu vernichten.

Von unserer Stellung aus konnten wir uns die Gefechte, die sich zum Teil sehr weit von uns abspielten, in aller Ruhe betrachten. Scheinwerfer blitzten auf, beleuchteten mit höchster Fahrt anlaufende Torpedoboote. Die Schiffe und die Torpedoboote schossen mit Artillerie, haushohe Wassersäulen wurden beleuchtet, dicke Rauchwolken zogen an den Schiffen und Booten vorbei. Einzelheiten entgingen uns. Aber das Ergebnis der Kämpfe wurde uns doch klar, als jetzt ein brennendes, rotglühendes Fahrzeug nach dem anderen an uns vorbeitrieb. Ich mußte an die lebendigen Fackeln denken, die die Römer bei ihren Grausamkeitsorgien hatten brennend herumlaufen lassen. Alle Eisenteile waren rotglühend, die Boote sahen aus, wie eine besonders feine, rotgoldene Filigranarbeit. Daß sich das Feuer so schnell über die englischen Boote verbreitete, hatte seinen Grund darin, daß sie nur Ölfeuerung besaßen. Das in Brand geschossene Öl verbreitete sich in den stark schlingernden Booten schnell über alle Teile der Boote. Es mögen wohl zehn Boote und Schiffe gewesen sein, die so an uns vorübertrieben. Wir betrachteten sie mit gemischten Gefühlen. Denn ganz sicher waren wir uns doch nicht, ob nicht auch deutsche Boote dabei waren! Tatsächlich ist aber in dieser Nacht kein deutsches Boot abgeschossen worden. Unsere Boote waren auf der Streife zum Suchen der feindlichen Flotte. Merkwürdig und äußerst bedauerlich ist es, daß unsere Boote die ganze Nacht nach der großen englischen Flotte gesucht und sie nicht gefunden haben, obwohl doch ihr Abgangspunkt genau bekannt war.

Als das Schießen vorn etwas ruhiger geworden war, hörte ich, neben dem Kommandanten stehend, das Geräusch eines mit hoher Fahrt anlaufenden Turbinentorpedobootes. An Steuerbordseite. Und bald tauchte auch ein schwarzer Gegenstand etwa vier Strich an Steuerbord auf. Sollten wir unseren einzigen Scheinwerfer leuchten lassen und uns damit verraten? Oder lieber abwarten, bis der Zerstörer uns beleuchtete, um zur Abgabe seines Schusses unsere Lage festzustellen? Ich schlug dem Kommandanten rasch vor, nicht leuchten zu lassen. Er war einverstanden, und der Zerstörer sauste an uns vorüber. Er war ganz nahe, nur 3 bis 400 m ab, aber er leuchtete nicht, schoß auch weder mit Artillerie noch mit Torpedo. Unser Hintermann, die „von der Tann“, machte es genau so wie wir. Auch dort hatte man, erzählte mir später der Artillerieoffizier, gefürchtet, durch das Beleuchten mit den Scheinwerfern sich die ganze Meute von Torpedobooten auf den Hals zu locken. Ob man uns auf dem englischen Zerstörer nicht gesehen hatte? Hatte er seine Torpedos schon verschossen? War er vorn bereits unter so mächtigem Feuer gewesen, daß er jetzt an nichts anderes dachte, als „fort von hier“? Ich weiß es nicht! Ships that pass in the night!

So verging die Nacht, und der Morgen dämmerte. Um 2 Uhr 15 Minuten trieb ein brennendes Schiff an uns vorbei, wohl der englische Panzerkreuzer „Black Prince“. Das ganze Schiff eine Glut. Schon längst konnte da kein lebendes Wesen mehr an Bord sein. Um 3 Uhr 10 Minuten hörten wir an Backbord zwei große Detonationen, doch konnten wir nicht entdecken, was geschehen war. Oft mußten wir stoppen, weil die ganze Linie vor uns bei den vielen Torpedobootsangriffen in Unordnung kam. Schiffe fuhren beim Ausweichen vor den Angriffen und beim Hineinfahren in die feindlichen

Boote aus der Linie hinaus, schlugen Kreise und mußten sich dann an irgendeiner Stelle wieder einschieben. So war die „Nassau“, die ursprünglich an der zweiten Stelle der ganzen Linie gestanden hatte, allmählich das letzte Schiff in der Linie und damit unser Vordermann geworden. Es war für unseren Navigationsoffizier und den Wachoffizier keine kleine Aufgabe, das Schiff stets auf dem richtigen Abstand von der Linie zu halten, so daß wir sie nicht in der Dunkelheit verloren.

Als die erste Morgendämmerung begann, glaubten wir bestimmt, mit der ganzen englischen Flotte von neuem ins Gefecht zu kommen. Alle Vorbereitungen für die Tagschlacht waren getroffen. Die Richtungsweiseranlage des Turmes „Bertha“ war von „Heinzelmännchen“ und seinen Getreuen wieder in Ordnung gebracht worden.

So standen wir denn vorn auf der Kommandobrücke und spähten in die Nacht und in den beginnenden Morgen hinein. Die Torpedobootsangriffe schienen aufgehört zu haben. Plötzlich — es war um 3 Uhr 50 Minuten vormittags — hörten wir eine starke Detonation, und vor uns steigt eine riesige Feuersäule gen Himmel. Sie sieht von weitem aus, wie die Riesenfeuergarbe eines Brillantfeuerwerkes, das vor uns abgebrannt wird. Wir sehen, daß unsere beiden Vorderleute mit hart Ruder nach Backbord abdrehen. Was war da vorn vor sich gegangen? Welche Katastrophe hatte sich da abgespielt? Unser Schiff durchschnitt weiter die Fluten, wir hielten Kurs durch und passierten so die Stelle, wo das Gewaltige geschehen war. Wir sahen uns überall um, ob wir irgendwelche Schiffstrümmer oder Menschen im Wasser treiben sahen. Aber nichts war zu sehen! In dem Augenblick, als wir über die Steile der Katastrophe fuhren, konnten wir uns keine Vorstellung von dem machen, was hier geschehen war. Und doch war noch wenige Minuten vorher die „Pommern“, ein Linienschiff von 13000 Tonnen, hier gefahren! Ein englisches Torpedoboot hatte sich bis an die Grenze der Sichtigkeit herangeschlichen und die „Pommern“ torpediert. Das Schiff muß in Atome zerstoben sein, so daß wenige Minuten hinterher auch nicht die geringste Spur von ihm zu sehen war. Kein Mensch der gesamten Besatzung wurde gerettet. Mein lebensfroher Freund und Jahrgangskamerad Korvettenkapitän Elle fand auf der „Pommern“ den Heldentod. Er hatte als Artillerieoffizier immer so viel Ärger und Mühe mit dem torpedoschußsicheren Unterbringen der Munition gehabt, — nun hatte das alles doch nichts genützt. Denn offenkundig hatte der Torpedo gerade eine Munitionskammer getroffen. Daß es die „Pommern“ gewesen war, die hier in die Luft geflogen war, erfuhren wir erst tags darauf.

Um 4 Uhr 10 Minuten fing das vor uns stehende zweite Geschwader an zu schießen. Wir ließen „Klar Schiff zum Gefecht“ anschlagen, denn wir glaubten bestimmt, daß es nunmehr zur großen Entscheidungsschlacht kommen würde. Aber es ergab sich, daß es nur ein englischer Zerstörer war, der sich zu nahe herangewagt hatte und nun unter Feuer genommen wurde. Vielleicht war es derselbe, der kurz vorher die „Pommern“ torpediert hatte. Jedenfalls erging’s ihm jetzt übel: Der Zerstörer, der gar nicht weit von uns entfernt stand, wurde vor unseren Augen in Brand geschossen und schloß sich nun als letzter dem grausigen Zuge der lebenden Fakkeln an.

Mittlerweile war die Sonne aufgegangen. Hunderte von Doppelgläsern und Sehrohren suchten auf allen Schiffen den Horizont ab, aber nirgends war etwas vom Feinde zu entdecken. Die Flotte setzte ihren Marsch nach Süden fort und noch am Nachmittage des 1. Juni liefen wir in Wilhelmshaven ein. Unser Schiff war sehr stark zerschossen, an vielen Stellen waren ganze Abteilungen in wüste Trümmerhaufen verwandelt. Aber vitale Teile waren nicht getroffen, die Maschinen, die Kessel, die Steuereinrichtungen, die Schraubenwellen und fast sämtliche Hilfsmaschinen waren dank des starken Panzers unbeschädigt geblieben. Die Maschinenräume waren lange Zeit mit giftigen Gasen erfüllt gewesen, aber unter Benutzung der Gasmasken hatte das Maschinenpersonal — wenn auch unter Verlusten — Weiterarbeiten können. Das ganze Schiff war mit Tausenden von großen und kleinen Sprengstücken übersät. Unter den Sprengstücken fanden wir zwei fast unbeschädigte 38 cm-Geschoßkappen, mächtige Stücke von der Form von großen Kübeln, die später in der Kommandantenkajüte und in der Offiziersmesse als Sektkühler Verwendung fanden — wenn wir auch annehmen mußten, daß sie uns von unseren englischen Gegnern nicht zu diesem Zwecke an Bord geworfen waren. Der Gürtelpanzer war mehrmals durchschlagen worden, aber die Lecks hatten stets gedichtet oder das einströmende Wasser in kleineren Abteilungen lokalisiert werden können.

In Wilhelmshaven begruben wir unsere Toten, annähernd 200 vom „Derfflinger“, die jetzt auf dem dortigen Ehrenfriedhofe ruhen.

Am 4. Juni besichtigte der Kaiser unser Schiff und dann ging’s zur sechsmonatigen Ausbesserung in die Werft nach Kiel. Mit zahlreichen artilleristischen und sonstigen Verbesserungen ausgestattet, waren wir im Dezember 1916 wieder kampfbereit. Aber die Skagerrak-Schlacht ist das letzte Zusammentreffen unseres Schiffes mit unseren Feinden geblieben, wenigstens solange am Heck unseres Schiffes die Flagge geweht hat, der wir den Eid der Treue geschworen hattenl Jetzt ruht auch dieses stolze Schiff in der Bucht von Scapa Flow auf dem Grunde des Meeres.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)

Die zwei weissen Völker