Geboren zu Paris am 16. April 1755, Gestorben Ebenda am 30. März 1842.
Französische Schule

Wie wir das schöne, in der ersten Serie von uns wiedergegebene Doppelbild des Louvre, in dem sich die Malerin mit ihrer jungen Tochter zusammen dargestellt hat, als die „Mutterliebe“ bezeichnen könnten, so Hesse sich dieses frühe Selbstporträt der Künstlerin in der Galerie der Uffizien zu Florenz passend als die „Unschuld“ betiteln. Es entspräche das durchaus dem Geschmacke der Zeit, in der die Bilder entstanden, und dem Sinne der Künstlerin, die ja eine Schülerin von Jean Baptiste Greuze war, welcher vorwiegend solche Motive malte. Bei der gefeierten Künstlerin trügen sie diese Bezeichnungen obenein mit mehr Recht, da Greuze solche rührenden Titel als dürftige Deckmäntelchen für eine recht greisenhaft sinnliche Auffassung seinen Bildern umhängt; Mme Vigee Lebrun ist dagegen in ihrer Auffassung durchaus dezent und liebenswürdig, wenn auch nicht ohne eine gewisse Koketterie, die ihr aber sehr gut steht. Hier hat sich die junge Malerin, die schon als halbes Kind durch ihren Liebreiz und ihr malerisches Talent alle Welt entzückte und bereits mit achtzehn Jahren als Mitglied in die Akademie in Paris aufgenommen wurde, an der Staffelei dargestellt, in heiterer Causerie das schöne Gesicht ihrem Modell zuwendend: nach den Zügen auf der Leinwand vor ihr die unglückliche Königin Marie Antoinette, die besondere Gönnerin der jungen Künstlerin.

Elisabeth Louise Vigeé Lebrun

Geboren zu Paris am 16. April 1755, Gestorben Ebenda am 30. März 1842.
Französische Schule

Ein entzückendes Stück für das Kabinett einer jungen Dame; eine schöne Frau hat es gemalt, und sie hat sich selbst gemalt. Aber die Damen könnten eifersüchtig werden, wenn das hier möglich wäre. Denn kaum dürften sie wohl darüber einig werden, ob die sinnlichen Reize ihrer schönen Formen oder das innere Glück der Mutter oder endlich die geistreiche Art der Malerei mehr zu beneiden sind. Nein, Neid ist nicht möglich, hier wo die ganze, volle Freude einer glückstrahlenden jungen Frau aus dem doppelten Paar feingeschnittener, grosser schöner Augen der Mutter und der jugendlichen Tochter entgegenleuchtet. Verführerisch lächelt es von den weichen Lippen des leicht geöffneten Mundes beider — feine, etwas zu straffe Oberlippen wissen sich nicht mit den vollen Unterlippen geschlossen zu halten und lassen die weissen Zähne durch-blicken. — Das Gesicht des lieblich ankosenden Kindes erscheint fast zu gross neben dem zierlichen Gesichtchen der Mutter, dem freilich dunkle, wellige Locken die Stirn bis zu den Augenbrauen übersprudelnd bedecken. Es gehört noch in das Jahrhundert des Rokoko, wenn auch manches, wie das Fehlen flatterhaften Beiwerks, der einfarbige Grund, die festen, ruhigen Linien, welche die Falten am dunklen Gewand über dem Knie und die schönen nackten Arme angeben, schon an späteres — etwa an David’s Madame de Recamier erinnern. Aber es ist in der liebenswürdigen Wiedergabe noch ganz in der Art der genrehaften Porträts, wie sie Greuze, Fragonard und besonders die Engländer Reynolds, Romney, Hoppner u. a. in zahllosen, immer wieder reizvollen Varianten schufen. Dieses einzige Selbstporträt hat genügt, die Vigee Le Brun zur weltberühmten Künstlerin zu machen. Wie der heitere Sonnenstrahl am hellen Frühlingstag überallhin leuchtend, alles entzückt, so sind diese süsse, natürliche Lieblichkeit der Frau und die Frische kindlicher Anmut, nicht in leerer Phrase der gelernten Pose, sondern in dem reizvollen mit einer fast ungeschickten Natürlichkeit gegebenen Kokettieren des Kindes zum Ausdruck gebracht. Ohne ernstere Bedenken sich gebend, vermag da die echte Einfalt des Weibes mehr, denn tiefernste Männerkraft und Tat. Es ist ein Bild, bei dem man gar nicht dazu kommt, über die „Bedeutung“ irgendwie nachzudenken, ebenso wie wir das nicht kritisieren, was uns lieb ist. Naive, reine Freude; das schöne Sein, nicht das Werden und Vergehen. Neben diesem Meisterstück kann das, was die tief hinein in das XIX. Jahrhundert tätige Künstlerin noch geschaffen, unbeachtet bleiben. Entstanden ist es um 1785, jedenfalls vor Ausbruch der Revolution, welche sie aus Paris vertrieb. Sie begab sich zu den auswärtigen Höfen, wo sie als berühmte Porträtistin — schon 1783 war sie Mitglied der Akademie geworden — die Schönheiten und Grössen auch anderer Länder malen durfte.

Elisabeth Louise Vigeé Lebrun