Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

Drittes BUCH

II. DIE KOMPOSITION

DIE HEIMLICHE ROMANTIK

Eugène Carrière

Eugène Carrière ist das malerische Extrem dieser Tendenz. Er ersetzte darin das klassische Ideal, das bei den Vorgängern wie durch einen feinmaschigen Vorhang durchschimmert, durch Velasquez. Auch ihm schwebt das Runde als Ziel vor, eine volle Form, die vor den Axthieben der Degasschule sicher ist. Er erreicht es mit einem breiten Pinsel, der die dunkle Farbe wie schwere Flechten um seine Lichter windet und dabei eine seltene Tonkunst entwickelt.

In den frühen Werken, zum Beispiel dem Porträt Roger Marx und den beiden Kindern aus den Jahren 1883 und 1885, die ich photographieren durfte, zeichnet er nicht nur das Fleisch, sondern malt es in einer Blondheit, die einen verklärten Rembrandt vor die Augen ruft. Nur in seinen letzten Sachen hat er diese Tonfeinheit der Jugend wieder erreicht. Auch er ist einer der Stillen, die im Schatten träumen, ja er verhüllt zuweilen mehr als nötig, was wir sehen möchten. Daher gibt auch ihm die Lithographie die geeignete Technik. Carrière war selten schöner als in den Porträts der Goncourt, Verlaine u. s. w., die er auf den Stein malte oder in den wunderbaren Illustrationen der weiblichen Geste — u. a. bei Vollard —, die unter seiner geschmeidigen Hand zu wahren Formenpoesien der Mystik werden.

Die Lithographie gibt auch das natürliche Format für diese Kunst, und es scheint fast bedauerlich, dag es nicht dabei geblieben ist. Carrières große Bilder, die, je umfangreicher sie werden, um so mehr die Farbe einbüßen, fehlen gegen den weisen Takt Fantins, der sicher ähnlichen Versuchungen, sich ins Dunkel zu verlieren, ausgesetzt war, aber ihnen durch seinen künstlerischen Kompromiß zuvorzukommen wußte. Dieser Mangel, den eine begeisterte Kritik verzückter Feuilletonisten vielleicht noch vertiefte, hat aus  Carrière eine parodoxe Erscheinung gemacht, die fast bei uns, im Lande der Schwärmer, gewachsen sein könnte. Sie liefert dem Aberglauben von der Gemütlosigkeit der Pariser eine unverhoffte Widerlegung. Man ginge leichten Herzens über sie hinweg, wenn man in der Schönheit, die sich mutwillig das Antlitz schwärzt, nicht so viel Reize vermutete.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Ersteses Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes
Der Schatten Rembrandts
Adolphe Monticelli
Henri Fantin-Latour

Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst Eugène Carrière