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Frans Hals – Aletta Hanemann
Frans Hals – Cornella Voogt
Frans Hals – René Descartes
Frans Hals – Feyntje van Steenkiste, Frau von Lucas Leclerco
Frans Hals – Peter van der Morsch



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Frans Hals hat sein ungebunden heiteres Temperament schon als Porträtmaler in manchen Fällen nicht verheimlicht, um wieviel weniger in seinen sittenbildlich gefaßten Einzelfiguren von Volkstypen oder Gruppenbildern von Kindern. Das kam ihnen aber sehr zu statten. Denn wenn neben wenigen anderen nur er es wagen konnte, seine Bildnisse lachen zu lassen, ohne grimassierend zu wirken, so konnte er sich ungeniert seiner Laune im Genrebild hingeben, wo der vorübergehende Ausdruck augenblicklicher innerer Angeregtheit nicht nur erlaubt, sondern eigentlich gefordert ist. Bedauerlicherweise hat er Werke dieser Art nicht so viele geschaffen, als es seinem ausgesprochen dafür veranlagten Talent entsprochen hätte. An Bildnissen mit ans Genrehafte streifender Auffassung besitzt die Kasseler Galerie den bekannten» vielfach reproduzierten jungen Mann mit dem Schlapphut, eine köstlich lebenslustige, zum Mitlachen zwingende Erscheinung.
An eigentlichen Sittenbildern sind zwei vorhanden, der lustige Zecher, der seinen leergetrunkenen Krug zeigt, und die hier wiedergegebenen singenden Knaben. Sie, die ausgesprochenen Lieblinge der zahlreichen Besucher der Galerie, sind In aller Mund und Gedächtnis und ununterbrochen drängt sich vor ihrem Platze die Reihe der Maler, die der Nachfrage des Publikums nach Kopien zu genügen suchen. Und mit Recht. Entspricht doch dieses lebensvolle» von jugendlicher Frische erfüllte Werk in gleich hohem Maße dem nach einem lustigen Thema verlangenden Geschmack des Durchschnittsbeobachters, wie dem verwöhnten Auge des Kenners und Kunstfreundes, der das Hauptgewicht bei seiner Beurteilung auf geniale künstlerische Konzeption, auf pikante Technik legt. In solchen Darstellungen versteht es Frans Hals — und das ist ein seltener Fall und ein hohes Lob in der Kunst — im höchsten Sinne populär zu sein, ohne ins Triviale zu verfallen. Ob er das gesucht und mit Bewußtsein getan hat? Ich glaube nicht. Das Unbefangene, Ungesuchte einer hinreißenden, ich möchte sagen, ansteckenden Lustigkeit lag in seiner Natur. Weit mehr als in der Rembrandts. Dieser versuchte es wohl auch einmal, in einer solchen Laune sich zu zeigen. Jedermann kennt sein Selbstbildnis mit Saskia auf den Knieen in Dresden, voll Ausgelassenheit wenigstens in seinen Zügen. Und auch dieses genrehafte Werk erfreut sich ausgedehntester Popularität. Aber diese Art von Übermut steht trotzdem Rembrandt nicht gut zu Gesicht. Das Forcierte in dem Bilde ist ein ihm sonst fremder Zug, der unmöglich einem ernsten Verehrer Rembrandts gefallen kann. Um wieviel naiver lachen die Menschen in der Welt des Frans Hals. So auch unsere musizierenden Knaben. Sie sind ganz in ihr heiteres, harmloses Singen vertieft, trachten nicht nach der Teilnahme des Beschauers und haben sie unwillkürlich doch. Denn jedermann freut sich ihrer kerngesunden Erscheinung, ihrer eifrigen /ertiefung in die Noten die sie offenen Mundes, mitten im Singen begriffen, voll Lebendigkeit verfolgen. Die Entstehungszeit des Bildes liegt ziemlich frühe» etwa um 1630—35. Doch schon breit und kühn ist der Vortrag in den bekannten, ihrer Wirkung sicheren Strichen, die unvertrieben nebeneinander gesetzt, in der Nähe gesehen verwirrend und unfertig wirken, wenigstens in den Augen der Laien, bei richtigem Abstand aber ein in Zeichnung und I on vollendetes Meisterwerk bieten.

Alle Kunstgalerien Frans Hals 1580-1666

er Maler, der die holländische Bildnismalerei vom schlichten Abbild der Persönlichkeit in die Sphäre der großen Kunst erhob, ist der Haarlemer Patrizier Frans Hals. Zu seiner Zeit war er in seiner Vaterstadt ein geachteter Künstler, aber mußte doch in der öffentlichen Schätzung hinter Bildnismalern wie Miereveit, Honthorst, Moreelse und anderen zurückstehen; als er hochbetagt in einem Armenhause seiner Vaterstadt verstarb, war er schon lange aus der Mode, und seither ist er zwei Jahrhunderte lang fast vergessen gewesen. Erst seit einem Menschenalter sind seine Bildnisse wieder mehr und mehr beachtet, seit wenigen Jahren hat man auch seinen großen Genrefiguren volles Interesse geschenkt, so daß der Künstler heute mit Rembrandt an der Spitze der holländischen Malerei genannt wird und seine Werke so hoch wie die Bildnisse eines Rembrandt, Velazquez oder Tizian bezahlt werden.

Indes ist man kaum völlig im Recht, wenn man Frans Hals mit jenen Meistern, die das Höchste in der vollendet malerischen Wiedergabe der Persönlichkeit erreichten, auf eine Stufe stellt. In der Komposition hat er eine volle künstlerische Abrundung nicht einmal angestrebt, und seine Malweise, so genial sie ist, hat häufig die erdige Schwere und Körperlichkeit, die der Farbe als Stoff anhaften, nicht ganz überwunden. Er hat es nicht immer verstanden, der Farbe selbst ihre vollen Reize zu entlocken, da er den Ton zu stark vorherrschen läßt; eine Eigenschaft, die ihn vielleicht unseren modernen Künstlern und Kunstfreunden so nahe gebracht hat. Aber mit dieser Einschränkung, die nur in bezug auf seine Stellung zu den größten Malern der verschiedenen Nationen von Bedeutung ist, kann ihm der Ruhm nicht streitig gemacht werden, daß er der genialste holländische Künstler nächst Rembrandt war, und daß er auf die Entwickelung der ersten Periode der holländischen Malerei einen ähnlich bedeutenden Einfluß ausübte wie Rembrandt auf die folgende Zeit.

Die ältere Richtung der holländischen Malerei gipfelt in der Darstellung des Porträts, die gewissermaßen an die Stelle des Historienbildes tritt. In der Erbitterung des Kampfes um religiöse und politische Freiheit gegen das katholische Spanien hatte die reformierte Kirche jeden Pomp in der Ausstattung des Gotteshauses, selbst jede bildliche Darstellung abgelehnt und dadurch der kirchlichen und für längere Zeit selbst der religiösen Malerei die Wurzeln abgeschnitten. Gleichzeitig hatte sich aber gerade durch den Kampf die Eigenart und Bedeutung der einzelnen Persönlichkeit und damit zugleich das Selbstbewußtsein stark entwickelt. Die Bürger des jungen Freistaates fühlten sich als selbständige Persönlichkeiten wie als Mitglieder der zahlreichen Innungen, namentlich der Schützengilden, in denen die Wehrkraft gepflegt wurde; die Darstellung des Einzelnen und vor allem die der Vorstände jener zahlreichen Gilden und mannigfaltigen gemeinnützigen Genossenschaften erschien ihnen daher als die würdigste Aufgabe der Kunst, ihr wandten sich die tüchtigsten Künstler zu. Unter ihnen gebührt Frans Hals der Ruhm, die Porträtkunst zu voller Freiheit und die holländische Malerei darin zu ihrer ersten großen Blüte geführt zu haben.

Der Künstler hat in seinen Bildnissen und bildnisartigen Genrebildern, auf die seine Kunst beschränkt ist, eine so lebendige Frische, gibt die Persönlichkeit so sprechend, momentan wieder, wie kein anderer Künstler vor oder nach ihm. Die eigentümliche Mischung von stolzem Selbstbewußtsein und jovialer Lebenslust, die aus seinen Bildern spricht, war gewiß den Haarlemer Bürgern jener Zeit zueigen; aber hätte sie der Künstler nicht auch selbst besessen, so hätte er sie nicht so packend, so überwältigend fast jedem seiner Modelle auf die Stirne zu schreiben vermocht. Sicher haben wenige Maler Formen und Charakter in ihren Bildnissen so treu und treffend erfaßt, aber ihr eigenster Zauber ist doch der Reflex von des Künstlers Natur, von seiner heiteren Lebensanschauung, seinem unverwüstlichen Humor. Selbst im Porträt, wo höchste Objektivität geboten und in der Tat aus den Bildern zu sprechen scheint, liegt auch bei Frans Hals, wie bei allen großen Meistern, in dem, was der Künstler selbst hinzutut, das Belebende, das Große, das Dauernde.

Der ausgeprägte Individualismus seines Volkes, der Hals zum Bildnismaler machte, ist es zugleich, den der Meister in seinen Bildnissen zum vollsten Ausdruck bringt, den er treffender erfaßt und freier wiedergibt als irgend ein anderer. Er prägt ihnen seine Eigenart aufs stärkste auf, gibt ihnen aber zugleich den vollen Charakter ihrer Zeit und ihres Landes, ohne in kleinen Äußerlichkeiten die Porträtähnlichkeit zu suchen. Dadurch haben seine Bildnisse eine historische Bedeutung; sie geben die Persönlichkeit, zeigen uns ein Geschlecht von starken Leidenschaften und ausgeprägtem Egoismus, aber eingeschränkt und geleitet durch scharfen Verstand, gläubigen Sinn und Vaterlandsliebe. Jedem Charakter wird der Künstler im vollsten Maße gerecht: den kecken, hochmütigen Junker kennzeichnet er ebenso treffend wie den glaubensfesten, streitsüchtigen kal-vinistischen Prediger oder den würdevollen Haarlemer Patrizier; die junge Schöne in ihrer reichen Tracht ist ebenso anmutig und schelmisch geschildert wie die behäbige Alte in ihrer treuen Gutherzigkeit oder die Kinder in ihrer übermütiger Heiterkeit. In fast allen seinen außerordentlich mannigfaltigen, bald miniaturartig kleinen, bald dekorativ großen Einzelbildnissen kommt die Persönlichkeit in ebenso gesteigerter Lebendigkeit zum Ausdruck, wie gleichzeitig in den Bildnissen eines Rubens; aber diese äußert sich bei ihm nicht, wie bei jenem, in der erhöhten Lebenskraft und starken Bewegung, sondern in dem aufgeweckten humorvollen Ausdruck, der wie von außen angeregt erscheint und daher so unmittelbar zum Beschauer spricht.

Die fast aus jedem Einzelbildnis sprechende Fähigkeit des Künstlers, eine lebendige Beziehung des Dargestellten zu einem sup-ponierten Dritten herzustellen, machte Frans Hals besonders geeignet und gesucht als Maler von Gruppenporträts, in denen er jene gesteigerte geistige Beweglichkeit durch die Beziehung der einzelnen untereinander wie zum Beschauer in mannigfacher Weise zum Ausdruck bringen konnte. Die acht großen Schützen- und Regentenstücke, welche jetzt in einem Saale des Haarlemer Museums vereinigt sind, werden deshalb mit Recht als der höchste Ausdruck seiner Kunst bewundert. Der Künstler wählt das einfache Tageslicht als Beleuchtung, richtet nach der Kamation aber die Lokalfarben, selbst wenn die Tracht noch so farbig und bunt ist, und ordnet sie dem Ton unter, für den er in seinem malerischen Vortrag das wirkungsvollste Mittel zum Ausdruck seiner ganzen künstlerischen Empfindung findet. Daß gerade diese Seite seiner Kunst von jeher am stärksten in die Augen gefallen, am meisten bewundert wurde, zeigen die Worte, die Houbraken dem Anton van Dyck in bezug auf unsern Maler in den Mund legt: »Niemals habe er jemand gekannt, der den Pinsel so sehr in seiner Gewalt habe, daß er nach Anlage eines Porträts die wesentlichen Züge in den Lichtern und Schatten mit einem Pinselstrich, ohne zu verschmelzen oder zu ändern, am richtigen Platz wiederzugeben verstand; er legte seine Porträts fett und verschmolzen an und brachte erst dann die breiten Pinselstriche darin an, indem er sagte: jetzt muß noch die Handschrift des Malers hinein.«

Die Haarlemer Gruppenbilder erstrecken sich über die ganze lange Zeit seiner Tätigkeit, über mehr als ein halbes Jahrhundert, und bringen seine Entwickelung in allen Phasen, seine Zeichnung, Färbung und Technik in der anschaulichsten und wirkungsvollsten Weise zum Ausdruck. Denn, so ausgeprägt und eigenartig Hals’ ganze Kunstweise ist, so verschieden ist sie doch innerhalb dieses allgemeinen Typus in den verschiedenen Zeiten seiner langen künstlerischen Tätigkeit. Ist der Künstler anfangs kräftig in der Farbe, tief im Ton und sorgfältig in der Durchführung, so wird er in den zwanziger Jahren reich im Kolorit, breit und keck in der Behandlung, zerstreut im Licht, hell und kühl im Ton, bis unter Rembrandts vorübergehendem Einfluß die Lokalfarbe zurücktritt, die Beleuchtung konzentrierter wird, der Ton noch stärker ins Graue fällt Dieser grauliche Gesamtton, der für den Künstler von vornherein charakteristisch ist, hat anfangs einen tiefgoldigen Schein, dann fällt er ins Olivgrün, wird später mehr aschgrau und schließlich beinahe schwärzlich, bleibt aber in der Regel leuchtend und fett. Und wie der Künstler immer sparsamer mit der Farbe wird, so wird sein Vortrag immer breiter, immer skizzenhafter. Wenn wir vom Ton eines Bildes auf die Stimmung des Künstlers schließen dürfen, dann verrät uns die graue Färbung der letzten Bilder des Frans Hals traurige Tage und trübe Stimmung: eine Gestalt aus alter Zeit, von Freunden fast verlassen, im Innern ohne den nötigen Halt, sieht er die Welt nur in trüber Färbung, gönnt ihr nicht mehr ihre frischen Farben und kaum ihre natürliche Form. Wie seine Mitmenschen ihm selbst nur das Notdürftigste zum Fristen des Lebens verabreichten, so bewilligt der Greis den Gestalten in seinen letzten Bildern, namentlich in den berühmten Regentenbildern von 1664, die er mit 85 Jahren malte, auch gerade nur so viel Zeichnung, so viel Farbe, um sie als lebendige Menschen erscheinen zu lassen. Und doch, wie lebendig sind sie, wie gewaltig ist die Tatze, mit der sie auf die Leinwand gehauen sind!

Die Kraft des Persönlichen gibt der Kunst des Frans Hals eine überragende Stellung in seiner Zeit und macht sie zugleich zu einem Brennpunkt aller künstlerischen Bestrebungen, die damals im Bildnisse, wie vor allem im Genre ihren höchsten Ausdruck finden. Die Bedeutung des Künstlers als Genremaler aber kommt der des Porträtisten fast gleich. Schon seine Bildnisse wirken durch ihre lebendige Bewegung genrehaft, namentlich die Bildnisse kleinen Formats. Bei eigentlichen Genrefiguren, bei denen er nicht wie im Bildnis eine Gestalt so darzustellen braucht, wie sie sich dauernd zeigt, kann er seine Kunst, mit der er es versteht, den plötzlichen Wechsel in der Empfindung, jeden vorübergehenden Moment in der psychischen Erregung wiederzugeben, voll entfalten. Der Humor, der als ein Stück des eigenen Geistes aus allen Gemälden des Künstlers spricht, bildet für ihn den Grundton allen Ausdrucks. Die kleine Zahl der Charakterfiguren, auf welche Frans Hals sich beschränkt: das typische Völkchen von den Straßen Haarlems, wie die Fischermädchen, die Gassenbuben, der Rommelpotspieler, der buntgekleidete Ausrufer, dann wieder das ausgelassene Volk der Kneipen: die jungen Zecher, der lustige Fiedler, die derbe Dirne und die alte Kneipmutter: sie alle sind nur von dem einen Geiste beseelt, von der Lust am Leben, von einer Fröhlichkeit, die Hals in allen Stufen des Lachens, vom silberhellen Jubeln des Kindes und dem Schmunzeln der Schönen bis zum Aufjauchzen des weingeröteten Zechers und zum heiseren Krächzen der alten Matrosendirne in einer naiven Frische, in einer meisterhaften Sicherheit wiedergegeben hat, die auch den Beschauer unwiderstehlich zur Heiterkeit mit fortreißt Seine Charakterbilder aus dem Volksleben, die der Künstler freilich da, wo er mehrere Figuren zusammenstellt, noch nicht zum vollen Sittenbild abzurunden versteht, sind in ihrer Art Meisterwerke, die an Frische und Lebendigkeit der Auffassung, an individueller Darstellung, an malerischer Breite der Wiedergabe einzig und unübertroffen sind.

Kaum ein Vergleich ist geeigneter, die Bedeutung des Frans Hals als Oenremaler in das hellste Licht zu setzen, als der seiner Werke mit verwandten Darstellungen der Utrechter Sittenbildmaler wie Honthorst, Terbruggen oder Bylert. Die Spieler, Sänger und Dirnen dieser holländischen Nachfolger Caravaggios sind theatermäßig aufgeputzte Modelle, die keine rechte Heimat haben, denen kein warmes Blut durch die Adern rinnt. Die nüchterne, barocke Art der Auffassung, die meist reizlose Färbung und Behandlung lassen dies doppelt stark empfinden. Wie anders bei Frans Hals! Allzu tugendhaft ist das Völkchen, das er uns schildert, freilich nicht; aber jede seiner Figuren ist unmittelbar aus dem Leben gegriffen und uns mit solcher plastischen Bestimmtheit und solcher malerischen Wirkung vor Augen geführt, wie es nur der eine Velazquez gleich meisterhaft verstanden hat. Von dem Volksleben in Holland zur Zeit des dreißigjährigen Krieges geben alle jene figurenreichen Genrebilder der Utrechter Meister kein so vollständiges, kein so packendes Bild wie diese anspruchslosen Einzelfiguren des Frans Hals. Seine Bänkelsänger und Narren, seine Schankdimen und Kneipwirte, seine Fischermädchen und Heringsverkäufer, seine Rommelpotspieler und musizierenden Knaben sind die volkstümlichen Figuren der Straßen und Märkte, der Wirtshäuser uud öffentlichen Vergnügungsplätze Haarlems, die jeder Stadtbewohner bei ihrem Spitznamen kannte, und denen die harmlose Schar der ausgelassenen Jugend jubelnd oder höhnend folgte. Wie er sie täglich sah, so hat sie der Künstler in wenigen Stunden auf die Leinwand gebracht, treu und unverfälscht, aber mit einem naiven Humor und einer malerischen Meisterschaft, daß auch die Gestalt der garstigsten Dirne, des häßlichsten Trunkenboldes anziehend erscheint.

Aus dem Buch: Rembrandt und seine Zeitgenossen : Charakterbilder der grossen Meister der holländischen und flämischen Malerschule im siebzehnten Jahrhundert. Bucherscheinung im Jahr 1906.

Siehe auch, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 1, Rembrandt und seine Zeitgenossen Teil 2, Holländische Genremaler unter dem Einfluss von Rembrandt, Das Holländische Sittenbild, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Frans Hals, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN STEEN, Rembrandt und seine Zeitgenossen – GERARD TER BORCH, Rembrandt und seine Zeitgenossen – Die Landschaftsmalerei in Holland, Rembrandt und seine Zeitgenossen – HERCULES SEGERS, Rembrandt und seine Zeitgenossen – JAN VAN GOYEN UND SALOMON VAN RUYSDAEL, Rembrandt und seine Zeitgenossen – MEINDERT HOBBEMA.

Frans Hals 1580-1666 Rembrandt und seine Zeitgenossen

 

 

Die singenden Knaben

 


Frans Hals hat sein ungebunden heiteres Temperament schon als Porträtmaler in manchen Fällen nicht verheimlicht, um wieviel weniger in seinen sittenbildlich gefaßten Einzelfiguren von Volkstypen oder Gruppenbildern von Kindern. Das kam ihnen aber sehr zu statten. Denn wenn neben wenigen anderen nur er es wagen konnte, seine Bildnisse lachen zu lassen, ohne grimassierend zu wirken, so konnte er sich ungeniert seiner Laune im Genrebild hingeben, wo der vorübergehende Ausdruck augenblicklicher innerer Angeregtheit nicht nur erlaubt, sondern eigentlich gefordert ist. Bedauerlicherweise hat er Werke dieser Art nicht so viele geschaffen, als es seinem ausgesprochen dafür veranlagten Talent entsprochen hätte. An Bildnissen mit ans Genrehafte streifender Auffassung besitzt die Kasseler Galerie den bekannten» vielfach reproduzierten jungen Mann mit dem Schlapphut, eine köstlich lebenslustige, zum Mitlachen zwingende Erscheinung. An eigentlichen Sittenbildern sind zwei vorhanden, der lustige Zecher, der seinen leergetrunkenen Krug zeigt, und die hier wiedergegebenen singenden Knaben. Sie, die ausgesprochenen Lieblinge der zahlreichen Besucher der Galerie, sind In aller Mund und Gedächtnis und ununterbrochen drängt sich vor ihrem Platze die Reihe der Maler, die der Nachfrage des Publikums nach Kopien zu genügen suchen. Und mit Recht. Entspricht doch dieses lebensvolle» von jugendlicher Frische erfüllte Werk in gleich hohem Maße dem nach einem lustigen Thema verlangenden Geschmack des Durchschnittsbeobachters, wie dem verwöhnten Auge des Kenners und Kunstfreundes, der das Hauptgewicht bei seiner Beurteilung auf geniale künstlerische Konzeption, auf pikante Technik legt. In solchen Darstellungen versteht es Frans Hals — und das ist ein seltener Fall und ein hohes Lob in der Kunst — im höchsten Sinne populär zu sein, ohne ins Triviale zu verfallen. Ob er das gesucht und mit Bewußtsein getan hat? Ich glaube nicht. Das Unbefangene, Ungesuchte einer hinreißenden, ich möchte sagen, ansteckenden Lustigkeit lag in seiner Natur. Weit mehr als in der Rembrandts. Dieser versuchte es wohl auch einmal, in einer solchen Laune sich zu zeigen. Jedermann kennt sein Selbstbildnis mit Saskia auf den Knieen in Dresden, voll Ausgelassenheit wenigstens in seinen Zügen. Und auch dieses genrehafte Werk erfreut sich ausgedehntester Popularität. Aber diese Art von Übermut steht trotzdem Rembrandt nicht gut zu Gesicht. Das Forcierte in dem Bilde ist ein ihm sonst fremder Zug, der unmöglich einem ernsten Verehrer Rembrandts gefallen kann. Um wieviel naiver lachen die Menschen in der Welt des Frans Hals. So auch unsere musizierenden Knaben. Sie sind ganz in ihr heiteres, harmloses Singen vertieft, trachten nicht nach der Teilnahme des Beschauers und haben sie unwillkürlich doch. Denn jedermann freut sich ihrer kerngesunden Erscheinung, ihrer eifrigen /ertiefung in die Noten die sie offenen Mundes, mitten im Singen begriffen, voll Lebendigkeit verfolgen. Die Entstehungszeit des Bildes liegt ziemlich frühe» etwa um 1630—35. Doch schon breit und kühn ist der Vortrag in den bekannten, ihrer Wirkung sicheren Strichen, die> unvertrieben nebeneinander gesetzt, in der Nähe gesehen verwirrend und unfertig wirken, wenigstens in den Augen der Laien, bei richtigem Abstand aber ein in Zeichnung und I on vollendetes Meisterwerk bieten.

Der junge Mann mit dem Schlapphut


Neben Velazquez ist es hauptsächlich Frans Hals, der den ausgesprochen modernen Malern als Leitstern und höchstes Vorbild in Hinsicht auf die Technik ihrer Kunst dient. Sie suchen seinem breiten unvertriebenen Pinselstrich nachzueifern, indem sie diesen als das geeignetste Ausdrucksmittel des Impressionismus betrachten. Dabei vergessen sie aber zum Teil, daß diese Handschrift des Frans Hals nicht eine Handfertigkeit ist, die man aus den Bildern des großen Harlemer Meisters so ohne weiteres extrahieren und lernen kann, sondern daß seine Technik eine ganz individuelle, rein subjektive, speziell aus seiner Anlage, seinem Naturell heraus geborene Ausdrucksweise Ist, die mit seinem innersten Wesen so völlig verwachsen erscheint, daß man sie nicht nachahmen kann. Am gefährlichsten ist dieser Irrtum für die jüngere Künstlergeneration, für die heranwachsende Jugend unserer Malerzunft, die sich oft allzufrüh selbständig, reif und fertig dünkt. Sie pinselt mit dem vermeintlichen Rezept des Frans Hals in wirren, wüsten Strichen lustig darauf los und vermeint in ihren altklugen Bildern vorweg nehmen zu dürfen, was jener erst in langer organischer Entfaltung und Entwickelung seines Talentes als reifer Meister erreicht hat. Daher der berechtigte Widerwille des Publikums gegenüber den unreifen Pinselstrichen unserer jungen Herren. — Die Erstlingswerke des Frans Hals kennen wir leider nicht. Doch unter seinen bekannten und sicheren Gemälden sind die frühen, zum eil datierten, lange nicht so breit und kühn gemalt, wie seine späteren und spätesten, obgleich auch in jenen die Halsische Eigenart, die einzelnen Pinselstriche unverschmolzen nebeneinander zu setzen, schon bald sich regt. Man kann dies am besten in der einzig gearteten Sammlung Halsischer Meisterwerke im Rathaus zu Harlem verfolgen. Doch auch in Kassel ist Hals mit charakteristischen Werken vertreten, die seinen Entwickelungsgang, wenn auch nicht von Anfang bis zu Ende wie dort, so doch etwa von 1625 bis um 1660 erkennen lassen. Sein spätestes Werk in Kassel ist das hier wiedergegebene, der junge Mann mit dem Schlapphut. Hier hat er schon fast den Gipfel in denkbarst verwegener Breite des malerischen Vortrags erreicht. Das Bildnis dieses lebenslustigen Junkers ist, man kann kaum mehr sagen, gemalt, sondern förmlich hingehauen. Faßt man z. B. seine herabhängende rechte Hand ins Auge, so sieht man bei näherer Betrachtung nur einzelne hingefetzte Striche. Alle Zeichnung ist aufgelöst und erst bei weiterem Abstand sehen wir die uns geläufige Form einer menschlichen Hand sich runden. Und mehr oder weniger ist das ganze Bild so behandelt. Eine solche Art zu malen darf aber nur ein ganz fertiger großer Meister wagen, der seiner Ausdrucksweise völlig sicher ist und weiß, was er den Mitteln seiner Kunst und der Perzeptionsfähigkeit des Beschauers zumuten darf. Zuerst wird ja jeder Laie, der nicht gewöhnt ist, in die Werkstatt des Genies zu blicken, vor der Rücksichtslosigkeit des HalsischenPinsels erschrecken, er wird nicht ein Bild des Lebens, ein menschliches Porträt, sondern nur unverständlich krause, unerhört keck hingeschleuderte Farbenflecke erblicken. Aber sobald er mit der nötigen Bescheidenheit sich sagt, daß er es mit dem unanfechtbaren Meisterwerke eines der Geschichte angehörigen weltberühmten Meisters zu tun habe und daß es nur an seinem ungeschulten Auge und Geschmack liegen könne, wenn er es nicht verstehe, dann wird er allmählich zu sehen lernen, wird sich mit der Individualität des liebenswürdigen, lustigen Frans Hals vertraut machen und bei einiger Ausdauer und Liebe Zur Kunst zu der Erkenntnis kommen, daß er es hier mit einer der bewunderungswürdigsten Umschöpfungen der Natur —- denn nichts anderes ist das Werk des Genies —• zu tun habe, wie sie nur in der Seele eines großen Künstlers vor sich gehen und mit den Zügen einer Hand ausgeführt werden kann, deren geniale Striche allein imstande sind, den Gebilden »eines intuitiven Innern Ausdruck zu verleihen.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

Frans Hals 1580-1666