Kategorie: Frans von Mieris

1. Frans von Mieris / Liebeskranke Frau

Je höher die Kunst im Volke geachtet wird, je reichlichere Existenzbedingungen dem Künstler gewährt werden, um so ungebundener wird er gemäss seiner der Konvention abgeneigten Natur leben, um so mehr wird sich seine Gesinnung den Anschauungen des Volkes mitteilen. So nimmt in Zeiten hoch entwickelter Kunst die allgemeine Moral mit wachsendem Ansehen der Künstler ab. Die holländischen Meister waren immer frei von Prüderie, die sich mit Ehrlichkeit undNaivetät nicht verträgt. Unanständige Darstellungen machen einen beträchtlichen Teil ihrer Genrebilder aus; im Werke jedes der grossen Maler Hollands kommen sie vor.

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts ist der offene, derbe Humor stärker als die sinnliche Tendenz. Allmählich werden die Bilder absichtsvoller; was dem flüchtigen Betrachter harmlos erscheint, ist zweideutig gemeint. In dieser Weise ist das auf der vorliegenden Zeichnung wiedergegebene Motiv der lieheskranken Frau von Nachfolgern des Jan Steen häufig geschildert worden. Steen seihst, der es vielleicht erfand, sagt deutlich, was er meint. Auf einem vom Doktor geschriebenen Zettelchen steht etwa:

Als ik my niet versint Is deze meid mit kint, oder: Daar helpt geen medecyn, want het is minnepyn.

Auch erzählt er mit mehr Humor. Die ganze Nachbarschaft ist herbeigekommen und ergeht sich in derben Witzen, während die nächsten Verwandten in sprechenden Gesten ihr moralisches Entsetzen kund tun. Bei Mieris hat die Szene schon an Frische verloren. Die Geschicklichkeit der Zeichnung und der Raumanordnung, die klare Komposition, in der die Figuren in einen nach hinten geöffneten, mit dem oberen Bildabschluss korrespondierenden Halbkreis gestellt sind, entschädigt für die inhaltliche Leere.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Frans von Mieris