Geboren 1387 bei Florenz Gestorben 1455 in Rom

aler und Miniator nicht minder als ein vorzüglicher Geistlicher ist der Ordensbruder Giovanni Angelico aus Fiesoie gewesen, mit seinem weltlichen Namen Guido genannt, und er verdient um des einen, wie um des anderen willen ein ehrenvolles Gedächtnis. Er hatte mit Gemächlichkeit im Laienstände leben und durch seine Kunst, in der er jung schon erfahren war, sich zu dem, was er besaß, noch so viel verdienen können, wie er nur wollte; als ein Mann von gutem und stillem Gemüt jedochbeschloß er zu seiner Befriedigung und Ruhe, und um seine Seele zu retten, in den Orden der Prädikantenmönche zu treten; denn obwohl man in jedem Beruf Gott dienen kann, meinen doch einige, sie vermöchten im Kloster besser als in der Welt für ihr Seelenheil zu sorgen. Den Guten gelingt dies leicht. Wer aber aus anderen Ursachen Geistlicher wird, bei dem ist es fürwahr ein elendes und Unglückliches Ding. In S. Marco in Florenz, dem Kloster Fra Giovannis, sind von ihm einige Chorbücher so schön in Miniatur gemalt, als man nur denken kann, und in S. Domenico zu Fiesoie einige andere den obigen ahnlich, mit unendlichem Fleiß ausgeführt. Bei diesen Büchern ließ er sich jedoch von seinem älteren Bruder helfen, der gleich ihm Miniaturmaler und in dieser Kunst sehr geübt war. Eines der ersten Malerwerke des guten Paters war eine Tafel in der Carthause von Florenz, für die Flauptkapelle bestimmt, die dem Kardinal Acciajuoli gehörte. Man sieht darauf die Madonna mit dem Kind auf dem Arme, zu ihren Füßen einige sehr schöne Engel, welche singen und spielen, zu seiten den heil. Lorenz, die heilige Maria Magdalena, die Heiligen Zenobius und Benediktus, auf der Staffel aber Begebenheiten aus dem Leben der genannten Heiligen, durch kleine Figuren dargestellt, die Giovanni mit unendlichem Fleiß ausführte. Sich selbst jedoch übertraf er und bewies am meisten Einsicht und Geschicklichkeit bei einer Tafel in der Kirche S. Domenico zu Fiesoie, neben der Türe linker Hand, wenn man eintritt. In dieser sieht man Christus, welcher die Madonna krönt inmitten eines Chores von Engeln, und darunter eine unendliche Menge von heiligen Männern und Frauen; diese sind aufs herrlichste vollendet, haben die mannigfaltigsten Stellungen und einen ganz verschiedenen Ausdruck der Köpfe, sodaß es eine unendliche Freude und Annehmlichkeit ist, sie zu betrachten, ja, es scheint, als könnten jene himmlischen Geister, wenn sie von körperlicher Gestalt umkleidet wären, nicht anders anzuschauen sein; denn alle jene Heiligen, Männer, Frauen haben nicht nur Leben und einen zarten und lieblichen Ausdruck, sondern auch das Kolorit des ganzen Werkes ist, als ob es von der Hand eines Heiligen oder eines Engels vollführt wäre, wie sie selbst sind. Deshalb wurde dieser wahrhaft gottesfürchtige Geistliche mit Recht Frate Giovanni Angelico, das heißt der engeb gleiche Bruder Giovanni, genannt. An der Staffel sind Begebenheiten aus dem Leben der Mutter Gottes und des heiligen Dominicus wunderbar schön gemalt, und was mich anbelangt, kann ich in Wahrheit sagen, daß dieses Werk, so oft ich es betrachte, mir immer wieder als neu erscheint, und ich mich nie daran satt sehen kann. In der Kapelle der Nunziata zu Florenz, die im Auftrag Cosimos von Medici aüsgebaut wurde, verzierte er die Tür des Silbergerätschrankes mit kleinen Figuren, die sehr fleißig gearbeitet sind, und malte außerdem eine solche Menge von Dingen, welche sich in den Häusern der florentinischen Bürger zerstreut finden, daß ich bisweilen erstaune, wie ein einziger Mensch, wenn auch in vielen Jahren, dieses alles zu Ende führen konnte. — Für die Tempelbrüder von Florenz malte er eine Tafel mit dem toten Christus, und in der Kirche der Mönche der Angeli das Paradies und die Hölle, lauter kleine Figuren, bei denen er mit richtigem Urteil die Seligen schön und jubilierend, die Verdammten aber, welche für die Qualen der Hölle bestimmt sind, mit trauriger Gebärde darstellte, sodaß sich in ihren Gesichtem das Bewußtsein des Unrechtes und der Schuld ausspricht. Die Seligen sieht man in himmlischen Tänzen zu den Pforten des Paradieses eingehen, die Verdammten werden von Teufeln zur ewigen Strafe fortgerissen. Dies Werk ist in der Kirche der Angeli rechter Hand, wenn man gegen den Hauptaltar geht, wo der Priester steht, wenn Messe gelesen wird. Für die Nonnen von S. Pietro Martire, die heutigen Tages im Kloster Santa Felice in Piazza wohnen, welches dem Camaldolenserorden ‚gehörte, stellte er auf einer Tafel die Madonna dar, St. Johannes den Täufer, St. Domh nicus, St. Thomas, St. Peter den Märtyrer und viele kleine Figuren. Eine andere Tafel von ihm sieht man im Mittelschiff von S. Maria Nuova.

Durch alle diese Arbeiten wurde der Name Fra Giovannis in ganz Italien berühmt, daher sandte Papst Nicolaus V. nach ihm und ließ ihn nach Rom kommen, woselbst er in der Kapelle des Palastes, in welcher der Papst Messe hört, eine Kreuzabnahme samt einigen schönen Bildern vom heiligen Laurentius ausführte, und ein paar sehr wohl gelungeneBücherinMiniaturmalte. In der Minerva ist von ihm die Tafel am Hauptaltar und eine Verkündigung, die jetzt an der Wand neben der großen Kapelle aufgehangen ist. Für den selben Papst verzierte er im Palast die Kapelle des Sakraments, welche Paul III. zerstörte, um die Treppe nach jener Seite zu führen, und hatte bei diesem in seiner Art herrlichen Werk in Fresko einige Begebenheiten aus dem Leben Jesu gemalt, wo er viele merkwürdige Personen jener Zeit nach der Natur darstellte. Diese Bildnisse würden heutigen Tages verloren sein, wenn nicht Giovio die folgenden für sein Museum hätte abzeichnen lassen: Papst Nicolaus V., Kaiser Friedrich, der zu jener Zeit nach Italien kam, den Mönch Antonin, der nachmals Erzbischof von Florenz wurde, den Biondi aus Forli und Ferrante aus Aragonien. Der Papst, welchem mit Recht schien, Fra Giovanni sei ein Mann von sehr heiligem Lebenswandel und friedlich und bescheiden, beschloß, das Erzbistum von Florenz, welches damals erledigt wurde, ihm, als einem Manne, den er dessen würdig erachtete, zu übertragen. Giovanni, der solches vernahm, bat Se. Heiligkeit dringend, es einem anderen zu übergeben, er fühle sich nicht geschickt, Völker zu beherrschen; in seinem Orden aber befinde sich ein Bruder, der gottesfürchtig, liebreich gegen Arme, erfahren in Führung von Geschäften und weit besser als er geeignet sei, jene Würde zu übernehmen. Der Papst erinnerte sich, daß wahr sei, was jener sagte, und erfüllte sein Begehren, indem er zum Erzbischof von Florenz den Frate Antonino vom Orden der Predigermönche ernannte, einen wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmten Mann, der vollkommen wert war, daß in unseren Tagen Fladrian VI. ihn kanonisierte.

Eine große Gutmütigkeit und fürwahr eine seltene Handlung war es, daß Fra Giovanni die Würden und Ehren und das bedeutende Amt, welches ein mächtiger Fürst ihm antrug, dem abtrat, welchem er mit richtigem Blick und offenem Herzen für deren würdiger achtete, als sich selbst. Möchten nur die Geistlichen unserer Tage von diesem heiligen Manne lernen, nicht Ämter an sich zu reißen, die sie nicht würdig versehen können, und sie denen überlassen, welche ihrer zumeist wert sind, ja wollte Gott, daß alle Geistlichen (das sei unbeschadet der Guten gesagt) ihre Zeit wie dieser wahrhaft engelgleiche Bruder im Dienste Gottes zu Nutzen der Welt und ihrer Mitmenschen hinbrächten. Was kann und darf man sich Größeres wünschen, als durch ein heiliges Leben die Seligkeit des Himmels, und durch sein Wirken dauernden Ruhm auf Erden zu erwerben?

Ein so hohes und seltenes Vermögen in der Kunst aber, als Giovanni besaß, konnte sich in Wahrheit nur bei einem Menschen von frommem Lebenswandel entfalten, denn wer geistliche und heilige Gegenstände darstellen will, muß geistlich und fromm gesinnt sein; werden dagegen solche Dinge von Menschen ausgeführt, welche wenig Glauben und Liebe zur Religion haben, so erwecken sie oft unziemliche Begierden und leichtfertige Neigungen, und dadurch geschieht, daß solche Werke wegen Mangels an Sittsamkeit Tadel finden, während man sie als Kunstwerke rühmt. Hierdurch will ich nicht veranlassen, daß jemand für heilig halten möge, was plump und ungeschickt ist, das Schöne und Gute aber für lasciv, wie einige tun, welche, sobald sie männliehe oder weibliche oder etwas jugendliche Gestalten sehen, die mit mehr als gewöhnlicher Schönheit geschmückt sind, solche gleich für schlüpfrig erklären und nicht bemerken, mit wie großem Unrecht sie die Einsicht des Malers verdammen, welche den Engeln und Heiligen, die dem Himmel ‚angehören, eine überirdische Anmut gab, gleich wie die Erde und alle irdischen Werke von der Herrlichkeit des Himmels überstrahlt werden. Ja, was schlimmer ist, solche Menschen geben die Verderbtheit ihres eignen Herzens kund, da sie in Dingen Übles finden und durch sie zu bösen Begierden gereizt werden, welche, wenn die Sittsamkeit in der Tat so von ihnen geehrt würde, wie sie in ihrem törichten Eifer gerne zeigen möchten, in ihrem Herzen nur Verlangen nach dem Himmel erwecken könnten und den Wunsch, sich in allen Dingen dem Schöpfer am genehm zu machen, der als das größte und vollkoim menste Wesen alles in Vollkommenheit und Schönheit erschaffen hat. Wenn solche Leute schon durch das bloße Abbild oder den Schatten der Schönheit sich also bewegt fühlen, was muß man glauben, daß sie tun würden, wenn sie lebendigen Schönheiten begegnen, deren Reiz durch leichtfertige Sitten, süße Worte, ans mutige Bewegungen und Blicke, welche unbeachtete Herzen hinzureißen vermögen, noch unwiderstehlicher wird? Doch möchte ich nicht, daß man glaubte, ich billige es, daß man in Kirchen fast ganz nackte Gestalten male; wer dies tut, zeigt, daß er keine Ehrfurcht vor dem Orte hat, für den er arbeitet. So sehr es für jeden nötig ist, an den Tag zu legen, was er vermag, so muß doch auf Umstände und Personen, auf Zeit und Raum überall Rücksicht genommen werden.

Fra Giovanni war ein Mann von so schlichtem Wesen und frommenSitten, daß einesTages, alsPapst Nikolaus V. ihm zu essen geben wollte, er sich ein Gewissen daraus machte, Fleisch ohne Erlaubnis seines Priors zu genießen, der Autorität des Papstes gar nicht gedenkend. Er verachtete alle weltlichen Dinge, lebte rein und fromm und war den Armen ein treuer Freund, weshalb ich denke, daß nun seine Seele ganz dem Himmel angehört. Um ausgesetzt übte er sich in der Malerei und wollte nie andere als heilige Gegenstände darstellen. Er hätte reich sein können, kümmerte sich aber nicht darum, sondern behauptete vielmehr, wahrhaft reich sei nur, wer sich mit wenigembegnüge. Er hätte viele beherrschen können, wollte es aber nicht, indem er sagte: Anderen gehorchen sei mit weniger Mühe und Gefahr verbunden. Es stand in seiner Willkür, unter seinen Ordensbrüdern und außerhalb Würden zu erlangen, er achtete ihrer jedoch nicht und sagte, er strebe nach nichts, als der Hölle zu entfliehen und sich dem Paradiese zu nähern. Welche Würde in Wahrheit aber läßt sich auch mit dieser vergleichen, nach der alle Geistlichen, ja alle Menschen streben sollten, die einzig in Gott und einem tugendhaften Leben gefunden wird? Er war menschenfreundlivh und mäßig, lebte keusch und fern von den Lockungen der Welt, indem er oft sagte, es solle, wer unsere Kunst übe, ruhig und ohne grübelnde Gedanken bleiben; wer die Werke Christi darstellen wolle, müsse immer bei Christo sein. Niemals ward er unter seinen Ordensbrüdern zornig gesehen, eine große Sache, die mir fast unglaublich scheint; seine Freunde pflegte er einfach und mit großer Freundlichkeit zu vermahnen. Mit größtem Wohlwollen sagte er jedem, der ein Werk von ihm wünschte, er solle den Prior darüber zufriedenstellen, dann werde er es sicher nicht fehlen lassen. Kurz, dieser niemals genug zu rühmende Ordensbruder war demütig und bescheiden in all seinem Tun und Reden, in seinen Malereien gewandt und andächtig, und die Heiligen, die er malte, haben mehr das Ansehen und die Ähnlichkeit von Heiligen, als die irgendeines anderen Meisters. Seine Gewohnheit war, das was er gemalt hatte, nie zu verbessern oder zu überarbeiten, sondern es stets zu lassen, wie es aufs erste Mal geworden war, weil er meinte, so habe Gott es gewollt. Einige sagen, Fra Giovanni habe nie den Pinsel in die Hand genommen, ohne vorher gebetet zu haben, und nie ein Kruzifix gemalt, ohne daß ihm die Tränen über die Wangen strömten; in den Angesichtern und Stellungen seiner Gestalten aber, erkennt man seinen redlichen und starken Christenglauben.

Er starb 1455 in seinem achtundsechzigsten Jahre.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello

Frate Giovanni da Fiesoie