9. Gedichte.

So vorwiegend die neuere Mystik sich mit Fragen der Erkenntniss beschäftigte, so ruhte doch auch bei ihr die Speculation so ganz auf der Mystik des Gemüths, dass es zu verwundern wäre, wenn hier nicht gleichfalls der Gedanke hie und da einen dichterischen Ausdruck gewonnen hätte. Eckhart selbst hat seine Lehre in Rythmus und Reim zu fassen gesucht. Wir haben ein solches Beispiel in den Reimen vom „Ueberschall“. Das in dunkler Kürze zusammengedrängte erläutert er dann selbst in ausführender prosaischer Rede. „Eine andere Lehre von Meister Eckhart’s Gedicht“, so fand sich in einer der zu Grunde gegangenen Strassburger Handschriften eine Erläuterung über die 8 Seligkeiten überschrieben. Auch von Schülern Eckhart’s haben wir eine Anzahl von Gedichten. Im Gedichte dürfen wir erwarten, dass das zum Ausdruck gekommen sei, was als das Charakteristische einer Richtung hervorgetreten ist und vorherrschend die Gemüther beschäftigt hat. Und so tragen denn auch jene Gedichte die Merkmale an sich, welche wir im Eingänge als die unterscheidenden der neueren Mystik hervorgehoben haben, und die ihnen ein Gepräge verleihen, das sie von den dichterischen Erzeugnissen der älteren Schule bestimmt unterscheidet.

Da mag nun vor allen andern das Lied einer Dominikanernonne Erwähnung finden, das die beiden grossen Meister, welche die neue Richtung der Mystik begründeten, mit Namen preist und in ihnen eine ungewöhnliche Erscheinung begrüsst. Uns kommen Prediger, so verkündet die Nonne in der ersten Strophe ihres Lieds, des freuet sich mein Muth; sie sagen uns gute Wort, sie wollen uns erschliessen den himmlischen Hort. Drei Meister sind es, welche sie rühmt: „Der werthe Lesemeister“, den sie nicht nennt, der also wolil die Schule der Dominikaner in ihrer Stadt leitet, dann Dietrich und Eckhart. Von dem Ungenannten erwähnt sie die feurige Fürbitte seiner Minne. Der zweite ist der „hohe Meister“ Dietrich. „Er spricht lauterlich all in principio; des Adlers Flug will er uns machen kund, die Seele will er versenken in den Grund ohne Grund“. Der dritte ist der „weise Meister“ Eckhart. „Vom Nicht will er sagen — wer es nicht versteht, mag es Gotte klagen, in den hat nicht geleuchtet der himmlische Schein“. Sie selbst vermag es nicht zu deuten, aber mit dem Meister mahnet sie: „Ihr sollt euch gar vernichten in der Geschaffenheit, geht in das Ungeschaffne, verliert euch selber gar; allda hat sich ein Gaffen (verwundertes Schauen) all in das Wesen gar“. Eine jede der 4 Strophen endet mit dem Refrän:

Scheidet abe gar,

Nehmet Gottes in euch wahr.

Senket euch in Einigkeit,

So werdet ihrs gewahr.

Von der Einigkeit, dem Nicht des göttlichen Wesens und der Vereinigung mit demselben durch Ausgehen von sich und aller Creatürlichkeit handeln mehr oder weniger auch die andern Gedichte aus der eckhartischen Schule, welche bis jetzt bekannt sind. Die sechs dem Tauler zugeschriebenen Cantilenen sind sicher nicht von ihm, wie ihre Sprache zeigt; aber sie tragen mit Ausnahme des letzten das Gepräge der eckhartischen Richtung. Sie sind wohl schwerlich alle von dem gleichen Verfasser und haben verschiedenen Werth. Ihr Text ist uns nur schlecht überliefert. Von dem ,, Entwerden“, dem Ausgelien von sich selbst, handelt das erste Gedicht, aus dem ich einige Strophen hervorheben will:

Ich will von Blossheit singen neuen Sang;

Denn rechte Lauterkeit ist ohn Gedank.

Gedanken mögen da nicht sein,

Wo ich verloren hab das Mein’:

Ich bin entworden.

Mich irret nimmer mein Ungeleich:

Ich bin gleich gerne arm und reich,

Mit Bilden mag ich nicht umgehn,

Mein selber muss ich ledig stehn:

Ich bin entworden.

Wollt ihr wissen, wie ich von Bilden kam?

Da ich die Einigkeit in mir vernahm.

Da ist rechte Einigkeit,

Wenn mich entsetzt nicht Lieb noch Leid:

Ich bin entworden.

Wollt ihr wissen, wie ich von Geiste kam?

Da ich nicht dies noch das in mir vernahm,

Nur blosse Gottheit ungegründet;

Da mocht ich länger schweigen nicht, ich musste künden:

Ich bin entworden.

Seit ich also verloren bin in den Abgrunde,

Da mocht ich länger reden nicht, ich ward ein Stummer:

Also hat mich die Gottheit klar

In sich verschlungen–

Ich bin entsetzet.

Die in den tiefen Abgrund des Wesens genommen sind, so sagt das zweite Gedicht, die erkennen Unterschied, von Bildern und Formen bloss. Da Bich das bildlose Bild in sein selbst Bild grüsst? (grutz), da in dem Eingusse und Ausflusse sind die Dinge mit Unterschied und bleiben doch in Einigkeit ohne alle Ausgegangenheit. Eines in allem und alles in Einem erkennen, ist ein reicher Fund; die dies in der Wahrheit (erkennend) sind, denen ist rechte Freude kund. Die stille Wüste, da weder Wort noch Weise innen steht, so heisst der Abgrund des göttlichen Wesens in dem dritten Gedichte; hier wird dem Geiste, der sich da hat ergangen, die ungeschaffene Seligkeit kund. Schau in den Spiegel, so mahnt das vierte Lied, da gebiert sich wahre Minne und leuchtet die Dreifaltigkeit:

Die wonniglich Dreifaltigkeit Die leuchtet in der Inwendigkeit,

Und senkt sich ein zu Grunde.

Gott der ist so wunniglich,

So wer ihn liebt, ist freudenreich,

Findt ihn zu allen Stunden.

Der Grund da, der ist namenlos,

Und ist auch bloss von Bilden,

Da wird der Geist auch formelos All in der Gottheit wilde.

O der minnigliche Blick!

Da wird der Geist so eingerückt,

Dass er sein aelbst geht unter.

Gott der ist so wunniglich,

So wer ihn liebt, ist freudenreich,

Findt ihn zu allen Stunden.

Auch in den vier Gedichten einer Strassburger Handschrift1 wird die göttliche Natur gepriesen, die im Innersten der Seele sich knnd-gibt, und in der wir als in einem Spiegel die Dreieinigkeit und die ‚ himmlischen Ordnungen schauen.

So beginnt das erste dieser Gedichte:

Wer die Nahheit minnet, dem ist ein Fernes bei (nahe),

Höret was er gewinnet: die Namen alle drei!

Gott der ist mir näher, denn ich mir selber sei.

Er ist offenbare der Seele die ist frei.

Was ist Nahheit? Minne! Minne ist Ewigkeit,

Das Keich das ist da inne, darin die Seele geht.

Wäre ich meinem Nächsten näher! So klagt die zweite Strophe. Doch ein Licht scheint mir, das mich zu Gotte leitet über meine Natur, und mich scheidet von allem was nicht Minne ist. 0 edle Seele, halte dich gerne lauter: die Minne ist dir bereit.–

Höret Wunder alle was die Minne thut — da der reiche König Mensch wollte sein, annehmen unser Bilde in einer Magde fein: in göttlicher Minne ward ein Kindelein.

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,

Der ist dazu erkoren, dass er ist unser Leben.

Jesus, süsse Blume, du bist so übergut,

Aus der Minne Strome floss aus der Minne Fluth.

Die Bäche die sind süsse: und so sind sie geflossen

Von Händen und von Füssen — dass Minn’ dies Schloss erschlossen.

Der süsse Wein von Engaddin (Cant. 1, 14.), der Wein der feinen Minne, fliesst durch den Spiegel all in die Seele mein. Gott selbst ist meiner Natur viel hohes Adelthum. Höre auf (tritt zurück vor mir) Herr Seraph, viel höher bin ich geboren. Hoher, reicher Minner, du hast mich umfangen, ich bin in Gott gegangen, ich blühe in der Minne und stehe ewig!

Verbum caro factum cst: das dünket mich so gut, das Wort in dem Vater ward Fleisch und Blut. Wunder unergründlich! dass die Gottheit Gott blieb unverwundet, da Christ vergoss sein Blut: das ist unempfunden (vnder funden?) in seiner Ewigkeit; Christ empfing die Wunden, der Gottheit Hüll und Kleid.

Gott der ist ein Reich, das niemand kann verstau,

Ueber alle gleichen, ohn irgend zu empfahn.

In allen Creaturen ein Leben ohne Wahn.

In sich selber einig: (doch) da ist er mir entgän.

Die Einheit die ich meine ist ewig, ohne Grund,

In sich selber einig, da ist sie niemand kund.

Doch ist Gott gemeine, damit, dass er ward wund,

Die drei Personen, einig, sind mir ein reicher Fund,

Sonder Grund gefunden. Hier bleiben ist so gut,

Da werden wir verschlungen in seiner Minne Gluth.

Grundlose Minne, wohin bist du mir entgangen? Dich kann niemand finden, wenn nicht mit dir selber. Steh als Untergrund, gewaltig Wort! Als unser Mund mache uns deine Minne kund!

Das zweite der Gedichte „von alledem, das nieder ist, bin ich entladen“, hat wenig Schwung; doch gehört auch es der eckhartischen Richtung zu. Das Wesen zu schauen, das die Seraphim schauen und doch nicht erkennen, das ist „mein Wesen“ (mein bestes Sein). Die „Gottheit“ die erhöhet mich, seine „Unbekanntheit“ scheint auf mich; der Vater zücket das Herze mein mit seiner Minne.

Mit mehr Antheil des Gcmüths und zugleich mit leichterer Handhabung der Form ist das dritte Gedicht verfasst, das in einfacher schlichter Weise Weg und Ziel der Mystik in der Sprache der neueren Schule zum Ausdruck bringt.

Die da wollen minnen Das grundlose Gut,

Sollen treten über die Sinne:

Das machet feinen Mnth.

O weiselose Weise,

Du bist so recht fein.

Du schwebest ob den Sinnen,

Da ist die Stätte dein.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein!

Und ich mag nicht genesen.

Ich sei von allem frei.

Die hohe Kraft der Minne Die hat mich unterst&n,

Geführt in eine Stille,

Einförmig muss ich gän.

Wen die edel Minne Begreifet zu einer Stund,

Geführt in eine Stille,

Also gethane Minne Ward mir ein wenig kund

Die mich also verschlinget In ihren tiefsten Grund.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein!

Und ich mag wohl genesen,

Ich steh in Gotte frei.

Die Minne hat mich geführet In ein Verlorenheit,

Allda ward ich umkleidet Ganz mit Seinesheit.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein;

Und ich mag wohl genesen,

Ich steh in Gotte frei.

Das vierte der Gedichte: „Ich will von der Minne singen, die in des Vaters Herzen brann“ sagt von der Geburt des Sohnes, von der vollen Offenbarung des Vaters in ihm, von dem Blicken und Wiederblicken in Gott u. 8. w. Es sind die durch Eckhart geläufigen Redeformen, nur in Reime gefasst.

Es mag sein, dass bedeutendere Gedichte der eckhartischen Schule noch verborgen liegen. Von den hier angeführten reicht keines an den Ernst, die Sinnigkeit und Schönheit des im ersten Bande mitge-theilten Liedes aus dem Ende des 13. Jahrhunderts.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Schule Eckhart’s.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 1. Johann von Sterngassen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 2. Heinrich von Egwint.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 3. Bruder Kraft.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 4. Bruder Arnold der Rothe.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 5. Johann von Weissenburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Heinrich von Löwen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 7. Hartmann von Kronenberg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Sprüche.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

6. Sprüche.

Von dem gewöhnlichen Spruche, welcher eine Vemunftwahrheit oder eine sittliche Wahrheit in leicht behaltbarer, prägnanter Form ausdrückt, können wir als besondere Art den Sinnspruch unterscheiden, in welchem ein Gedanke zuerst in auffallender, paradoxer Weise oder wie ein Räthsel ausgesprochen wird, um dann nach einigen folgenden erläuternden Sätzen als evident zu erscheinen. Die Vorliebe für diese Form der Lehre im Mittelalter erklärt sich aus der sinnigen Weise des Volkes, und es ist bei der Natur der Mystik begreiflich, dass sie selbst vor allem davon Gebrauch macht. Schon Eckhart erscheint als ein Meister solcher Spruchweisheit, insbesondere auch des Sinnspruchs. So nennt er unter den sechs Tugenden, die ein vollkommener Mensch haben soll, neben einer stillen Frage, einer friedsamen Ruhe eine schlafende Wachbarkeit, eine nüchterne Trunkenheit. Der summarischen Aufzählung folgt dann die Erläuterung, der Aufschluss. In den „12 Meistern zu Paris“ (s. vor. Abschn.) schliesst Eckhart die Reihe der Sprechenden. Es sind Wahrheiten religiös praktischer Natur, welche in dieser Zusammenstellung von den meist ungenannten Meistern vorgetragen werden. Der erste und siebente Meister meinen, es sei besser, Sünde lassen als Sünde büssen oder wider Gottes Wort sich für das Reich Gottes opfern wollen. Wie die Sünde von Gott entferne, die Tugend ihm nahe bringe, davon reden der achte und zweite Meister. Von der Wichtigkeit des Leidens für die Heiligung handeln der vierte und fünfte, von der inneren Selbstverläugnung als dem grössten Werke der dritte, zehnte (Albrecht) und zwölfte Meister (Eckhart). Wie Gott der mit Andacht und Innigkeit sich erhebenden Seele mit sich selbst, dem ungeschaffenen Gute lohne, das spricht der sechste Meister, wie er sich vollkommen in die lautere Seele gebe, der elfte (Kronenberg), wie er sein Wort da gebäre, der neunte Meister aus.

Für den unbenannten sechsten Meister bietet die Züricher Handschrift den Namen an einer andern Stelle, wo derselbe Spruch ausführlicher als ein Spruch des Bruders Johann von Hasla mitgetheilt ist. Es ist ohne Zweifel Johann von Hasslach gemeint, den der Nekrolog der Freiburger Dominikaner (zum 9. März) als früheren Lesemeister bezeichnet.

„Herr“, so schliesst der Spruch, „halt inne mit der Welt (von der du mir so viel gegeben hast); ich habe auch mit dir zu rechnen. Ich gab dir in jener Welt (die Erde ist gemeint) ein Paternoster zu kaufen, das hast du mir wenig vergolten. Du weisst wohl, dass ich empfangen habe der Dinge, die du geschaffen hast; das weisst du wohl, dass mir damit mein Paternoster nicht vergolten mag werden: gib mir Herr dich selber und vergilt (so) deine Schuld.“

Der unbenannte vierte Meister ist in B IX, 15 genannt, wo der Spruch, dass der viel seliger sei, den Gott tritt mit den Füssen, als der, welchen er küsset mit dem Munde lachend, dahin weiter ergänzt wird, dass der Mensch alles vermöge mit Leiden und Schweigen, mit Leiden und Sterben. Der Verfasser heisst da der „von Sachs“.1 Es ist wohl Nikolaus von Sax (Saxen), der Lesemeister zu Basel, welcher von dem Chronisten Meyer in die Zeit um 1343—1345 gesetzt wird.

Von den „Sprüchen deutscher Mystiker“, welche von Pfeiffer in der Germania mitgetheilt sind, verdient ausser den schon bezeichneten kaum einer der besonderen Hervorhebung. Eine grosse Menge von meist namenlosen Sprüchen, die zu einem guten Theil den Geist der neueren Mystik vermerken lassen, hat noch im 14. Jahrhundert Bruder Eberhard von Ebrach gesammelt Die Münchener Bibliothek bewahrt zwei Exemplare dieser wie es scheint beliebten Sammlung.3 Unter den nicht mit Namen bezeichneten sind manche von Eckhart und Suso; doch ist Eckhart auch zuweilen genannt; neben seinem und Dietrich’s Namen begegnen noch die des „Flemit“, des „Ruhit“, des Hermann von Linz. Der „Flemit“ meint:

„Gott minnet den Menschen nicht, wie er ist, sondern wie er begehrt zu sein“.

Eine Bemerkung des Ruhit (der Rauhe?) lautet: Gott gebe sich in ein jegliches Leiden, wie er sich im Sacramente gebe. Nur weil wir zuweilen das Leiden als Leiden und nicht als Gabe nehmen, wie sie der Freund dem Freunde gibt, darum empfangen wir nicht so viel Gutes in dem Leiden wie im Sacramente. Es liegt der Mystik nahe, die Heilsgnade auch unabhängig von Wort und Sacrament sich wirksam zu denken. Man könnte hier eine solche Meinung vermuthen, wenn nicht, was mir wahrscheinlich ist, nur ein möglichst starker Ausdruck gebraucht w ird, um den grossen Segen anzudeuten, den Leiden bringen kann. Mit dem Leiden beschäftigt sich überhaupt eine grosse Zahl der Sprüche. Es ist der Weg der Menschheit Christi, den die neuere Schule vor allem gehen heisst, um in die Gottheit zu gelangen. „Es sassen sechs Lesemeister“, so beginnt ein anderes Stück, „und wurden zu Rede, was Gott aller-löblichst wäre und dem Menschen allernutzbarst“. Sie alle sprechen: geduldig leiden, und ein jeder begründet das auf seine Weise. „Geduldig leiden“, spricht der fünfte, ist also gut, dass Gott selber spricht, niemand mag mit keiner Art Gutem sich meiner Gottheit mehr gleichen und seine Menschheit mengen mit mir in meiner göttlichen Lauterkeit als mit willigem geduldigem Leiden, und solchem Menschen will ich geben das allerhöchste Gut, das ist mich selbst. Ein Schmähwort geduldig ertragen um Gottes willen, so schliesst der sechste, bringt mehr,Lohnes, als mit St. Paulo verzückt werden in den dritten Himmel.

Sinnig und volksthümlich drückt die Mahnung zum willigen Leiden der Reimspruch aus :

„Neig dich in Leiden“: das lass sein Dein’n Schrein;

Und „minne die Feinde“

Das leg darein;

„Meid dein’ Freund“

Das leg dazu;

„Sei geduldig in Widerwärtigkeit“,

Und schliess wieder zu!

Aber nicht bloss das Leiden willig zu ertragen, sondern es auch aufzusuchen, wird angerathen.

„Ein Lehrer spricht: Minne Armuth und suche Leiden und begehre Schmachheit: so darfst du weder bitten noch flehen; denn das Himmelreich ist in dir.“

Wir wissen, wie unter vielen andern auch Meister Eckhart’s geistliche Tochter Katrei nach diesem Rathe handelt. Auch Suso folgt ihm lange Zeit. Es ist eine gefährliche Mahnung, und Meister Eckhart selbst hat einen solchen Rath nie als allgemein für alle, die nach dem Höchsten streben, hinstellen wollen. „Und also“, so hatte er gesagt, „achte ich das besser als alle Dinge, dass sich der Mensch Gott lasse grösslich, wenn er auf ihn etwas werfen will, es sei was Leidens das sei, dass er es mit Freude und Dank nehme und lasse sich Gott mehr führen, denn dass sich der Mensch selber darein setze“ (563). Auch Suso hält es für gut, dem Eifer, wie er in der Zeit lag, Schranken zu ziehen und Warnungen folgen zu lassen. Bezeichnend ist, wie er seiner geistlichen Tochter Elisabeth Stagel abräth, in selbsterwähltem Leiden es ihm nachthun zu wollen. „Luge allein ein jeder Mensch auf sich selbst und merke, was Gott von ihm haben wolle, und sei dem genug, und lasse alle anderen Dinge bleiben. Der Rath Suso’s für Elisabeth ist es Gott zu überlassen, mit welchem Kreuz er sie üben wolle.

„Gott hat mancherlei Kreuz, womit er seine Freunde kasteit. Ich versehe mich des, dass dir Gott ein anderlei Kreuz wolle auf deinen Rücken laden, das dir noch peinlicher wird; das Kreuz empfahe geduldiglich, so es dir kommt (Vita 37).“

Auch Tauler warnt vor eignen Aufsätzen: Nicht was wir wählen, sondern was Gott wählt, und das hinnehmen und sich seiner selbst gänzlich verziehen, in allen Weisen, im Haben und im Hangeln, das bereitet besser, um in den Grund der Wahrheit eingeführt zu werden, als wenn der Mensch Steine und Dornen ässe, ob es anders die Natur erleiden möchte:

„Erkenneten die geistlichen Menschen den grossen gefährlichen Schaden, den sie sich selber thun mit ihren eigenen Aufsätzen: ihr Mark in ihrem Gebein dorrete und ihr Blut schwände in ihrem Leibe“ (Pr. 33).

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Schule Eckhart’s.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 1. Johann von Sterngassen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 2. Heinrich von Egwint.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 3. Bruder Kraft.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 4. Bruder Arnold der Rothe.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 5. Johann von Weissenburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Heinrich von Löwen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 7. Hartmann von Kronenberg.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter