Geboren zu Castelfranco 1478, Gestorben in Venedig 1511.
Venezianische Schule

Unter den grossen Meistern der klassischen italienischen Kunst hat die Zeit keinem so :1 mitgespielt wie Giorgione. Schon von seinen Zeitgenossen als der grössten er anerkannt und seither stets unter ihnen genannt, ist Giorgione doch in den Werken, die auf uns gekommen sind, so spärlich und so umstritten, dass das Bild des Künstlers fast noch nebelhafter ist, als das Bild des Mannes, von dem uns viel von seinem Ruhm, aber fast nichts von seinem Leben erzählt wird. Nicht eines von allen Bildern, die seinen Namen führen, ist uns urkundlich beglaubigt. Unter denen, die von altcrsher ihm zugeschrieben werden, und an denen die Kritik nie gerüttelt hat, steht die thronende Madonna zwischen den Heiligen Franz und Liberale im Dom seines Heimatsorts Castelfranco obenan. „Eines der beiden vollendetsten Gemälde, die es überhaupt gibt; einzig in der Welt als bildliche Darstellung des Christentums mit einem Mönch und einem Ritter zu jeder Seite, so charakterisiert Ruskin das herrliche grosse Altarbild, das wahrscheinlich um 1504 für die Familie Costanzi in Castelfranco gemalt worden ist. Giorgione lag diese Auffassung des englischen Romantikers sicher völlig fern. Die Heiligen malte er, weil sie zu der Familie oder der Kirche in Beziehung standen und ihm aufgegeben wurden, und die Anordnung ist im wesentlichen noch die seines Lehrers Bellini, selbst in der Perspektive hat er noch den alten doppelten Augenpunkt: neu aber ist die Einführung in die Landschaft, und in welche Landschaft! Nicht nur durch die im hellen Morgenlicht eines italienischen Sommertages schimmernde Ferne, sondern vor allem dadurch, dass er in dieses Licht auch seine Figuren taucht, dass auch die prächtigen Farben, in denen der Höhepunkt der koloristischen Meisterschaft der italienischen Malerei schon nahezu erreicht ist, vom Licht durchdrungen erscheinen.

Giorgione da Castel Franco

Geboren zu Castelfranco 1478, Gestorben in Venedig 1511.
Venezianische Schule

Romantik! Wie oft wird dieses verlockende Schlagwort für ideale Regungen, getaucht in phantastische Träumereien, gesprochen! Und doch muss man fast noch zweifeln, ob der Name selbst für die am reichsten dazu veranlagte Kunst in der italienischen Renaissance, für die Malerei des Giorgione, am Platze ist. Antike und mittelalterliche Allegorie, Göttergeschichten und Heiligcnlegenden werden zur Darstellung gebracht, und da man sich hier frei von den Fesseln der Tradition fühlt, vermag die Phantasie reicher zu spenden. Gewiss hat man in unserem Bilde die Darstellung irgendeiner mystischen Geschichte, wie man sie am Ende des Quattrocento liebte, zu suchen. Auch dass die Dargestcllten selbst die Auftraggeber sind, und das „landschaftliche Genre“ in Wirklichkeit gestellt wurde, ist nicht unwahrscheinlich. Das Volk liebte Ereignisse aus dem Leben Christi szenisch darzustellen, während die Aristokratie sich mehr an die Märchengeschichten hielt. Man lebte in Glanz und Freude; ein Genussleben, wie es in der Zeit Louis XIV. dann imitiert wurde. So ist unser Bild als eine „féte champétre“ der Renaissance eines der ersten seiner Art. Im übrigen ergötzte sich aber das hohe Schönheitsgefühl des Malers mehr an der wirklich prachtvollen Erscheinung, den weichen, vollen Formen der wasserschöpfenden Gestalt, als dass es sich in phantastische Träumereien verlor. Die zu einem zugespitzten Dreieck nach unten hintereinander gestellten Beine und die verkürzte Brustpartie, sollen die überreiche Fülle der schwellenden Hüfte zur Geltung bringen. Das weiche Fleisch lockt den Maler zu ziemlich gleichmässiger Modellierung ohne scharfes Betonen der Einzelform auch bei der Flötenspielerin. Diesen hellen Fleischpartien gibt er die farbigen Gewänder der sitzenden Jünglinge, die gedämpften Töne ihrer beschatteten Gesichter zum Kontrast; aber nur koloristisch, denn in der Gruppierung ist Giorgione, wie immer, noch ungeschickt, unbedacht, fast nachlässig. Der Haupteffekt jedoch liegt in der kühnen landschaftlichen Staffage. Man kann nicht sagen, dass sie realistisch oder intim wäre. Sie hat unbedingt etwas Kulissenhaftes in dem harten Nebeneinander dunkler und heller Streifen, deren Linien sich im spitzen Winkel begegnen. Phantastisch die mächtige Baumgruppe, unter der vor hellem Durchblick der Schäfer erscheint, dazu links die vom Licht berührte Ruine auf hellem Berge, die dünnen Bäumchen und ein wogendes Meer flauer, dichter Schatten, aus dem dort ein Haus, da ein Berg emporragt. Zu kühn, zu effektvoll scheint das Ganze, wenn wir noch an Bellinis, Cimas getragene Landschaften denken. Aber der Sinn für grosse Wirkungen hatte sich damals in der bei wachsendem Reichtum auftauchenden Lust an Pomp und Pracht ungemein stark entwickelt. An all den prunkhaften Aufbauten und Szenerien bei Festlichkeiten mussten die Künstler, und zwar die ersten, mitarbeiten. Und endlich bei den glanzvollen Freskendekorationen, mit welchen die reichen Venezianer ihre Paläste innen und aussen schmücken Hessen, konnte sich das Gefühl für Effekte auf grosse Distanz glänzend ausbilden. „Konzert im Freien“ ist jedenfalls ein Bild aus Giorgiones letzter Zeit.

Giorgione da Castel Franco

Abbildungen Giorgione da Castel Franco Kunstdrucke

Geboren 1478 zu Castel Franco. Gestorben 1511 zu Venedig.

enedig wurde in der Zeit, da die Werke Lionardos der Stadt Florenz hohen Ruhm erwarben, durch die Kunst und Trefflichkeit eines seiner Mitbürger verherrlicht, welcher die hochgepriesenen Bellini, sowie alle anderen Meister, die bis dahin in jener Stadt gearbeitet hatten, weit übertraf. Dies war Giorgio, im Jahre 1478 zu Castel Franco im Trevisaner Gebiet geboren, in der Zeit gerade, als das Amt des Dogen von Giovan Mozenigo, dem Bruder des Dogen Piero bekleidet wurde. Man nannte ihn nachmals Giorgione, seiner körperlichen Gestalt, wie seines großen Geistes wegen. Obwohl von niedriger Abkunft, zeigte er sich doch immerdar liebenswert und von edlen Sitten.

In Venedig erzogen, fand er immer Gefallen an Liebesabenteuern, vergnügte sich gern auf der Laute und spielte und sang so wunderbar, daß er von vornehmen Leuten oft zu Musikfesten gebeten wurde. Er widmete sich mit vieler Liebe der Zeichenkunst, und die Natur war ihm hierin sehr günstig. Von Liebe zu ihrer Schönheit ergriffen, wollte er nichts in seine Werke aufnehmen, was er nicht nach ihr abgebildet hatte; er unterwarf sich ihr so und ahmte sie so eifrig nach, daß er nicht nur höher als Giovanni und Gentile Bellini, sondern mit den Meistern gleich gestellt wurde, die in Toskana Schöpfer des neuen Stils waren.

Giorgione hatte einige Arbeiten Lionardos gesehen, aufs Duftigste gemalt und mit Hilfe dunkler Schatten sehr hervortretend. Diese Manier gefiel ihm ausnehmend wohl, deshalb strebte er ihr nach, so lange er lebte, ganz besonders in der Ölmalerei. Da er gern gut arbeiten mochte, wählte er zu seinen Darstellungen immer das Schönste und Mannigfaltigste, was er finden konnte. Die Natur gab ihm einen glücklichen Geist, und erbereicherte die Kunst der öl, wie der Freskomalerei, durch mehr Leben, Weichheit, Einheit und zarte Übergänge in den Schatten; dies war Ursache, daß viele treffliche Meister jener Zeit bekannten: er sei geboren, den Gestalten Geist einzuhauchen, und die Frische des lebendigen Fleisches treuer nachzuahmen, als die venezianischen Maler, ja als die Meister dieses Berufes an allen Orten.

In seinerJugend verfertigte er zu Venedig viele Madonnenbilder und andere Gemälde nach der Natur sehr lebendig und schön. Viele andere herrliche Bildnisse dieses Meisters sind an verschiedenen Orten Italiens verstreut. Zu ihnen gehört eines von Lionardo Loredano, in der Zeit gemalt, als er Doge war; dies sah ich an einem Himmelfahrtstage ausgestellt, und glaubte wahrhaft, jenen edlen Fürsten lebend vor mir zu schauen.

Im Jahre 1504 brach zu Venedig im Tuchgewölbe der Deutschen auf Ponte del Rialto ein furchtbares Freuer aus; es wurde ganz dadurch zerstört, und alle Waren, welche dort vorrätig lagen, gingen in Flammen auf, zum großen Schaden der Kaufleute. Die Signoria von Vendig gab Befehl, daß man es neu erbaue, mehr geeignet mit Bequemlichkeit darin zu wohnen, als vordem, und es wurde reich, schön und prächtig in Schnelligkeit ausgeführt. Giorgione, dessen Ruf schnell gestiegen war, wurde dabei zu Rate gezogen und erhielt Auftrag, dies Gebäude mit bunten Farben in Fresco zu malen, ganz nach eignem Gefallen, wenn er nur seine Geschicklichkeit dabei kund gebe und an diesem besuchtesten und gesehensten Ort der Stadt ein treffliches Werk vollführe. Er legte Hand daran und malte, als Beweis seiner Kunst, lauter Phantasiegestalten; man findet weder eine Folgereihe von Bildern, noch einzelne Begebenheiten aus dem Leben berühmter Personen des Altertums oder der neueren Zeit; ich für meinen Teil habe nie den Sinn des ganzen verstehen können und auch niemand gefunden, der verstanden hätte, ihn mir zu erklären; hier ist ein Mann, dort eine Frau, die Stellungen verschiedenartig; neben dem einen sieht man ein Löwenhaupt, neben dem anderen einen Engel, dem Cupido ähnlich, sodaß man nicht weiß, wer es sein soll. Über der Türe, die auf die Marceria führt, ist eine Frau sitzend abgebildet, zu ihren Füßen ein Riesenhaupt, sodaß man sie fast für eine Judith halten könnte; sie hebt den Kopf mit dem Schwerte empor, und spricht zu einem Deutschen, der weiter nach unten steht. Weshalb diese Figur hier dargestellt ist, konnte ich nicht erfahren, wenn es nicht eine Germania sein soll. Im ganzen erkennt man sehr wohl, daß die Figuren gut beisammen sind, und daß Giorgione immer mehr Vorzüge erlangte. Köpfe und einzelne Glieder der Gestalten sind gut gezeichnet und sehr lebendig gemalt, auch mühte er sich überall, die Natur getreu nachzubilden, und man findet nirgends Nachahmung einer Manier. Dieses Gebäude ist in Venedig berühmt, nicht minder wegen der Malereien Giorgiones als wegen der Bequemlichkeit des Gebäudes für den Flandel und seines öffentlichen Nutzens.

Man erzählt sich, als Andrea Verrocchio zu Venedig das Bronzepferd arbeitete, sei Giorgione mit einigen Bildhauern in Unterredung gekommen, welche meinten, ihre Kunst übertreffe die Malerei, sie lasse zu bei einer einzigen Figur, wenn man um sie herumgehe, verschieb dene Stellungen und Ansichten zu sehen, während jene nur eine Seite zeigte. Dieser Meinung entgegen behauptete Giorgione: in einem Bilde könnten, ohne daß man nötig habe, den Standpunkt zu verändern, auf einen einzigen Blick alle möglichen Ansichten und Be wegungen menschlicher Gestalten vor Augen geführt werden; dies vermöge die Bildhauerei nicht, ohne den Betrachtenden seinen Platz wechseln zu lassen, und man habe daher nicht eine, sondern verschiedene Ansichten. Ja, mehr noch, er machte sich anheischig, eine Figur zu malen, bei der man die vordere und Rückseite und beide Profile sehen solle — ein Vorschlag, der jene außer sich brachte. Dies tat er in folgender Weise: er malte die nackte Gestalt eines Mannes mit dem Rücken dem Beschauer zugewendet, ihm zu Füßen einen klaren Quell, in dessen Wasser sich die vordere Seite abspiegelte; ein goldener Brustharnisch, den er abgelegt hatte, stand an seiner Seite, auf seiner glänzend polierten Fläche erkannte man deutlich das linke Profil, das rechte zeigte ein auf der anderen Seite hingestellter Spiegel. Durch diesen seitsamen Einfall wollte er mit der Tat beweisen: die Malerei sei kunstvoller und schwieriger und lasse auf einen Blick mehr überschauen, als die Bildhauerei; sein Werk wurde sehr gerühmt und als sinnreich und schön bewundert.

Während Giorgione dahin trachtete, sich und seinem Vaterlande Ehre zu erwerben, war er viel in Gesellschaft und suchte seine Freunde durch Musik zu vergnügen; hierbei verliebte er sich in eine Frau, und sie erfreuten sich lebhaft ihres Liebesbundes. Im jahre 1511 wurde seine Geliebte von der Pest ergriffen, und Giorgione, der es nicht wußte und wie gewöhnlich zu ihr ging, bekam diese Krankheit in so heftigem Grad, daß er nach kurzer Zeit, im vierunddreißigsten Jahre seines Alters zu einem anderen Leben überging, seinen Freunden, die ihn um seiner trefflichen Eigenschaften willen liebten, zum wahren Kummer, und der Weit zu großem Verlust.

Aus dem Buch: Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Architekten der Renaissance (1910), Author:Jaffé, Ernst.

Siehe auch:
Giovanni Cimabue
Niccolo und Giovanni aus Pisa
Giotto
Buonamico Buffalmacco
Jacopo della Quercia
Luca della Robbia
Lorenzo Ghiberti
Masaccio
Filippo Brunelleschi
Donatello
Frate Giovanni da Fiesoie (Fra Angelico)
Antonello da Messina
Fra Filippo Lippi
Jacopo, Giovanni und Gentile Bellini
Domenico Ghirlandajo
Sandro Botticelli
Andrea del Verrocchio
Andrea Mantegna
Leonardo da Vinci

Giorgione da Castel Franco