Seltsame Erscheinung: wie sehr man sich klar ist über die künstlerische Bedeutung Giorgiones, so wenig vermochte man sich über die Bilder, welche ihm angehören, zu einigen. Immer geringer ist die Zahl der Werke geworden, welche ihm einmütig zuerkannt werden. Wenn man aber bedenkt, dass die Dauer seines Lebens noch um 6 Jahre kürzer war als die Raffaels und dass Giorgione zudem noch Jahre lang damit beschäftigt war, in Venedig die Facaden von Palästen mit Fresken zu schmücken, welche die Witterung nach wenigen Jahrzehnten schon bis zur völligen Unkenntlichkeit zerstört hatte, so wird man nicht so sehr erstaunt sein, dass das „Werk“ Giorgiones heute kaum zwanzig Bilder umfasst.

Die Bedeutung des Meisters bleibt trotzdem uneingeschränkt; sein Ruhm ist vielleicht mit dem feineren Verständnis für sein wirkliches Wesen noch gewachsen. In der Geschichte der venezianischen Malerei ist er das Bindeglied zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert; er sprach nicht das letzte Wort, das einem Grösseren überlassen blieb, der zudem das Glück hatte, in einem Leben von fast übermenschlicher Dauer sich voll auszureifen, aber niemand möchte die wundervollen leisen Laute Gior-gioncs missen. Sein Lehrer Giovanni Bellini hatte dem strengen Kirchenbild, dem feierlichen Altarwerk hohe Vollendung gegeben: würdig thront die Madonna und würdig stehen neben ihr die Heiligen in der Apsis der Kirche, die auf dem Bild ideell erweitert erscheint. Giorgione durchbrach in dem Altarbild für seinen Geburtsort Castelfranco (um 1504) die Kirchenmauern und setzte an Stelle des mosaikprangenden Heiligtums die frische, blühende Natur, begrüsst vom ersten Morgensonnenstrahl.

Read More Giorgione 1478-1510

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Giorgione