(ca. 1477—1549)

EIN echtes, sinnenfrohes Künstlerblut, ungemein leicht schaffend, hoch begabt, das Auge mit lieblichen, von innen heraus gefühlten Idealgestalten zu entzücken, und darin ein echter Italiener, ln der traubensüssen Anmut seiner naiven Mädchen, seiner Jünglinge und Engelknaben, in der Art ihres Dastehens, in ihrem Wandeln und Sichwenden, in ihrem Lächeln und Schmachten waltet ein ähnlicher Geist wie in jenen weichen Serenaden, die dem deutschen Dichter nachklingen in seiner Sehnsucht nach Rom.

Wer würde sich nicht freuen an Menschenschönheit? Und warum sollte sie nicht auch ihre Stätte haben im Farbenreiche der Malerei? Wenn sie nur wahr, wenn sie nur natürlich ist und im Sinne dieser Kunst gebildet. Sodoma liebt sie, und der Genius steht ihm zur Seite, mit ihr beglückende Liebe zu wecken. Es kommt nur darauf an, wie er ihm dient. —

In seiner Heimat Vercelli, einem Städtchen zwischen Mailand und Turin, lernte er von 1490 bis 1497 bei dem Maler Martino Spanzotti, von dem wir keine Werke kennen, aber mit Bode anzunehmen Grund haben, dass er der Richtung Foppas angehörte. Er kam dann wohl nach Mailand und im Jahre 1501, vermutlich über Florenz, nach Siena, wo er sich nun ansiedelte. In Mailand erfuhr er offenbar den Einfluss Lionardos. Er verhält sich zu ihm ähnlich wie Luini, kommt ihm aber nicht so nahe. Solange die heimische Tradition in ihm vorhält, finden wir ihn auch häufiger auf dem Wege der Gediegenheit. —

In der Zeit von 1503 bis 1503 muss in Siena sein Bild der Kreuzabnahme entstanden sein. Mit gutem Erfolg strebt er hier nach plastischer Ausprägung der Gestalten und festem Zusammenschluss des Ganzen. Die malerischen Anläufe bleiben dagegen zurück. Der Gesamtplan des Aufbaues ist mit dem Kreuz und den Leitern gegeben. Die durch das Tragband, die haltenden Arme und den Toten selber hergestellte Verbindung der Figuren hat ihren unmittelbaren Grund in der Aktion, so dass sich die formale Harmonie mit dem inneren Sinn vollkommen decken muss. Der Spätling Annibale Caracci bewundert an diesem Bilde den „vollendeten Geschmack“. Besonders gut wird ihm auch der Leichnam Christi gefallen haben. Indessen das schwebende Liegen des Entseelten ist zu sehr auf Schönheit gewählt, und es leuchtet nicht ein, dass der Mann auf der linken Leiter (Nikodemus) ihn wirklich in dieser Stellung halten kann. Johannes ist eine statuarisch erhabne Gestalt, aber zu sehr posierter Akt, und sein emphatischer Ausdruck, der den Umschlag vom Schmerz in zärtliche Inbrunst bezeichnen soll, hat etwas leer Frohes, steht also in keinem Zusammenhang mit dem Vorgang. Ernst und wahrhaft empfunden, tragisch gross dagegen die zusammengebrochene Maria mit den beiden Frauen und die klagende Magdalena darüber. Der römische Wächter, der den Rücken bietet, gut modelliert, jedoch sein linker Fuss nicht standgemäss. Die wehenden Bänder und Röcke im Oberteil des Bildes machen sich zu spielerisch. Diese lombardischen Triller passen nicht hierher, und es nutzt nichts, dass die beruhigende Wirkung, die mit dem Horizontalbalken des Kreuzes hinzutritt, noch durch Lagerwolken vermehrt ist.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Giovanni Antonio Bazzi