Kategorie: Giovanni Lorenzo Bernini

DIE Reifezeit der italienischen Kunst ist das sechszehnte Jahrhundert. Der Glanz dieses Jahrhunderts war so stark, dass er die Kunst der Nachbarnationen überblendete und die Triebkraft ihrer einheimischen Kunstübung auf lange hinaus erstickte. Im siebzehnten Jahrhundert aber trat eine Wendung ein und fast ein Rückschlag: Spanien und die Niederlande brachten Künstler hervor, denen Italien bei aller immer noch grossen Fülle der Talente keine gleichwertigen entgegenzusetzen hatte bis auf einen. Bernini ist der einzige Italiener dieser Spätzeit, der mit Velazquez und Murillo, mit Rubens und Rembrandt in eine Linie gehört, und dies nicht nur, weil er überhaupt ein ebenbürtiger Genius war, sondern aus dem viel bestimmteren Grund, weil seine Kunst inmitten einer Umgebung, die epigonenhaft auf Raphael oder Correggio eingeschworen blieb, den Weg zu neuen Entdeckungen fand, wie sie ähnlich den spanischen und niederländischen Künstlern gelangen, Entdeckungen eines Kunstideals, das man „Illusionismus“ zu nennen sich gewöhnt hat.

Giovanni Lorenzo Bernini ist 1598 in Neapel geboren, aber zeitig nach Rom gekommen, wo er sein ganzes Leben lang gewirkt hat. Er fing als Bildhauer an, und seine frühen Skulpturen sieht man noch heute in den Sammlungen der Borghese und Ludovisi zu Rom, eben der Familien, die im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts den päpstlichen Stuhl nach einander inne hatten und die in ihren Nepotenlinien das Mäcenatentum als ein nobile officium übten. Von diesen beiden Familien übernahmen die Barberini die päpstliche Würde, und dem neuen Papst dieses Hauses, der sich Urban VIII. nannte, wird (da er immer schon ein Gönner des jungen Bernini gewesen war) die Aeusserung zugeschrieben: es sei ja wohl ein Glück für Bernini, dass sein Gönner Papst geworden sei, aber ein noch grösseres Glück erfahre sein Pontifikat, da es mit dem Leben Bernini’s Zusammenfalle. Eben dieser Papst drängte Bernini auf die Bahn des Architekten. (Was war das immer noch für eine Zeit, da sich so etwas befehlen liess!) Bernini war im Zug, die Fassade von St. Peter umzubauen, als Urban VIII. starb. Der Nachfolger war ihm anfänglich nicht gnädig gesinnt und nahm ihm die Würde eines Architekten von St. Peter. Bernini konnte ohne die Gunst des Papstes sein — in diesen Jahren der Ungnade ist das Altarrelief der heiligen Theresa für die Kirche S. Maria della Vittoria entstanden —, aber auf die Dauer erwies sich, dass das Papsttum nicht ohne Bernini sein konnte. Er hat nach Urban VIII. noch fünf Pontifikate erlebt, in allen mit grossen Aufgaben beschäftigt. Dazwischen ist er, schon ein Sechzigjähriger, nach Paris berufen worden, wo, von Ludwig XIV. angefangen, die ganze grosse Welt durch sein Atelier defilierte. Als er 1680 starb, hinterliess er Rom mit dem Stempel seines Geistes und seiner Kunst geprägt. Niemand kann sich Rom vorstellen, ohne des Petersplatzes zu gedenken. Wie ihn Bernini geschallen hat, ist er nicht ein Etwas, das der fertigen Kirche hinzugefügt wurde: erst durch diese Platzanlage und ihre Kolonnaden ist St. Peter fertig und in seinen Disharmonieen erträglich geworden.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Giovanni Lorenzo Bernini