NICHT nur für Deutschland ist das XVII. Jahrhundert eine Zeit des tiefsten Verfalles, auch in Italien bietet das Leben einen recht unheimlichen Anblick. — Nur das befreite und freie Holland schwingt sich empor. — Der Kampf der Leidenschaften nimmt überall einen hinterlistigen, tückischen Charakter an; der grosse Zug, den die vergangenen Jahrhunderte selbst im gewalttätigen Eigennutz gezeigt hatten, ist verschwunden. Ein schwerer, dicker Nebel scheint auf dem geistigen Leben zu lasten. Es war nicht nur die Macht der Gegenreformation, die Inquisition, die in die intimsten Beziehungen der Menschen einzudringen sucht und selbst dem kühnsten Forscher das Wort der Wahrheit auf den Lippen ersterben machte, es ist auch der Einfluss des spanischen Regimes mit seiner Kälte und gefühllosen Grausamkeit, der in Italien diesen moralischen Verfall herbeigeführt hat.

Auf dem Gebiete der Kunst ist besonders charakteristisch die Form, die der Wettstreit der Personen annimmt. Die Zeit, in der ein Michelangelo fast mit Gewalt zur Ausführung riesenhafter Aufträge gedrängt werden musste, in der sich auch ein Wort tiefgefühlter Begeisterung des Künstlers für das Werk eines Genossen vernehmen lässt, sind vorüber. Die wilde Jagd nach den grossen Aufträgen, die fürstliche und kirchliche Gönner zu vergeben haben, erschöpft den besten Teil ihrer Kräfte. Alle Mittel der Verleumdung und hinterlistiger Gewalt sind gut, den Konkurrenten aus der Gunst des Herren, die allein gilt, zu verdrängen. Bezeichnend ist auch die abenteuerliche, vagabondierende Lebensweise vieler Künstler, ihre Sucht, mehr durch die bizarre Originalität der Persönlichkeit als durch ihre Arbeit Eindruck zu machen. Das Interesse am Stofflichen, am Romanhaften des Gegenstandes tritt noch viel stärker hervor als im XVI. Jahrhundert. Die Kunst, die nur danach strebt, durch neue, frappierende Effekte zu bestechen, den anspruchsvollen Auftraggeber schnell und billig zu bedienen, wird zum Virtuosentum. Staunenswert ist die technische Routine fast aller besseren Maler der Zeit. Es ist eine wilde, wechselvolle Flucht von Gestalten, die vor dem Beschauer über die Bühne eilen. Fast immer aber sind es dieselben Statisten, die als neue Figuren wieder auftreten. Das Gold, das dieser breite Strom mit sich führt, setzt sich nur selten in festeren Massen ab. Uns heute wird es schwer, unter den vielen Formeln die individuellen Formen herauszuerkennen. Die Nachwelt stellt sich dem Virtuosentum, das die Zeitgenossen entzückt, gleichgiltig, ja feindlich gegenüber, sie sucht, mit Recht anspruchsvoll, nur die Offenbarung aus der Naturanschauung des Genius.

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