Zu einer letzten Wirkung von Goethes Verhältnis zu den graphischen Künsten führen uns aber die genannten kleineren Aufträge Goethes an Weimarer Künstler: zu der Einrichtung und Förderung graphischer Anstalten in Weimar.

Schon im Jahre der Übersiedlung Goethes nach Weimar, 1775, wurde vornehmlich auf seine Anregung hin eine „Herzoglich Freie Zeichnenschule“ eröffnet, die unentgeltlichen Unterricht erteilte.110 Georg Melchior Kraus, der Goethe schon von Frankfurt her wohlbekannt, durch die Gräfin Werthern in Weimar eingeführt worden war, erhielt die Leitung der Schule, die zunächst im „Roten Schloß“ ihren Sitz hatte. Jährliche Ausstellungen mit Preisverteilungen eiferten die Schüler an. Über die erste Ausstellung schreibt Goethe 1779 an Frau von Stein: „Es ist schade, daß Sie nicht zugegen waren und die Ausstellung unseres kleinen Anfangs sahen. Jedermann hatte doch auf seine Art eine Freude daran, und es ist gewiß die unschuldigste Art der Aufmunterung, wenn doch jeder weiß, daß alle Jahr einmal öffentlich auf das was er im Stillen gearbeitet hat reflektiert, und sein Nähme in Ehren genannt wird. — Den Herzog hats vergnügt, daß er doch einmal was gesehen hat, das unter seinem Schatten gedeiht, und daß ihm Leute dafür danken, daß er ihnen zum Guten Gelegenheit giebt“ (4. September 1779).

Als Goethe nach der Rückkehr von Italien die Oberaufsicht über die wissenschaftlichen und künstlerischen Anstalten des Herzogtums übernahm, war es ihm vornehmlich auch darum zu tun, tüchtige Künstler und besonders Graphiker nach Weimar zu ziehen, um dort allmählich „eine artige Academie aufzustellen“, wie er an die Herzogin Anna Amalia nach Rom schreibt. Außer Meyer und Burg wünschte er vor allem Heinrich Lips, den er in Rom ja bei eigenen Aufträgen sehr schätzen gelernt hatte, nach Weimar zu ziehen. In einem ausführlichen Briefe legt er ihm die Vorteile einer Übersiedlung nach Weimar dar:

„Wir sind hier in Absicht auf Buchhändlerische Entreprisen, die in Deutschland gemacht werden, gleichsam im Mittelpunkt. Leipzig ist nahe, Gotha näher und die Betriebsamkeit einiger Gelehrten und Künstler, die weite Würckung der Litteratur Zeitung zu Jena und andere Vortheile setzen uns in den Stand manches zu unternehmen und an manchem Theil zu nehmen, wäre ein geschickter Kupferstecher hier am Orte; so könnte noch manches mehr geschehen. — Vorerst also soll ich Ihnen 150 rh jährlich anbieten, welche Durchl. der Herzog zahlen, wogegen nichts von Ihnen gefordert wird, als daß Sie einigen jungen Leuten, welche bisher sich im Kupferstechen ein wenig geübt haben und denen die sich in der Folge auf diese Kunst zu legen Lust hätten Anleitung gäben und überhaupt unsrer Zeichenschule nützlich zu seyn, mit bedacht wären, welches aber mit größter Schonung der Zeit geschehen kann. — Ghodowiecki wird alt und schwach. Schon jetzt wird manches sich ehe(r) an Sie und in der Folge alles an Sie wenden. — Vielleicht unternehmen wir einmal zusammen ein ernsteres Werck; ich habe viele Ideen die nach und nach reif werden“ (23. März 1789).

Zu Carl August äußerte er bald darauf (Mitte Mai 1789): „Von Lips verspreche ich mir viel.“ Lips nahm den Ruf nach Weimar an, freudig hieß ihn Goethe in einem Brief vom 1. Juni 1789 in Weimar willkommen. Freilich blieb er nur bis 1794 in Weimar und siedelte dann wieder in seine Vaterstadt Zürich über.

Begreiflich ist nun das Interesse, das Goethe dem neu eingerichteten graphischen Institut in Dessau entgegenbrachte. Ein ausführlicher Brief darüber an Meyer vom 19. Januar 1797 ist uns erhalten: „In Dessau hat man ein Kupferstecher Institut unternommen, wovon die Folge erst zeigen muß, ob es bestehen kann. Man hat verschiedene Künstler hingezogen, die in schwarzer Kunst, Aqua tinta und punctierter Manier nach Zeichnungen und Copien arbeiten, welche man von weitem und nahem heranschafft.“ Er charakterisiert sodann die einzelnen dort wirkenden Künstler und faßt sein Urteil dahin zusammen: das Institut „mag sich heben und erhalten oder sinken und zu Grunde gehen, so ist es immer für den Künstler ein merkwürdiges

Phänomen und er kann hoffen, wenn es reüssiert, sich mit ernsthaften Arbeiten daran anzuschließen.“ Und in einer Besprechung der Veröffentlichung der „Chalko-graphischen Gesellschaft in Dessau“ in den „Propyläen“ (II, 1) schreibt er 1799:

„Die Sache spricht für sich selbst und jedermann wird einsehen müssen, wie bedeutend es für Maler und Kupferstecher sein müsse, wenn in einer Zeit, welche im ganzen die Künste so wenig begünstigt, sich ein Mittelpunkt feststellt, von da aus manches treffliche Werk, manche gute Arbeit gefördert werden kann.“

Die Einrichtung einer solchen Anstalt in Weimar ließ sich natürlich nicht so rasch verwirklichen. Doch entwickelte sich wenigstens die Zeichenschule sehr gut weiter, nachdem 1806 Heinrich Meyer an Stelle des verstorbenen Kraus Direktor geworden und 1808 das geräumige „Fürstenhaus“ der Schule zugewiesen worden war. Außer Meyer und Jagemann unterrichtete der Kupferstecher und Lithograph Franz Heinrich Müller. Dieser hatte in München die Kunst des Steindruckes erlernt. Schon 1809 (22. Februar) hatte Goethe an Aretin nach München geschrieben:

„Die mir übersendeten Nachrichten nebst den vortrefflichen Mustern des Steinabdruckes habe ich sogleich unserem gnädigen Herrn vorgezeigt, welcher diesem Unternehmen seinen entschiedenen Beyfall nicht versagen konnte, vielmehr sogleich sich entschloß, ein paar Subjekte nach München zu schicken um so zu manchem anderen Guten auch diese Kunst nach Weimar zu verpflanzen.“

Der Großherzog übergab 1819 die von Müller begründete „Lithographische Anstalt“ der besonderen Obhut Goethes. Hier wurde dann die „Weimarische Pinakothek“ veröffentlicht.

Bis zu seinem Tode hat Goethe mit lebhaftester Anteilnahme die Zeichenschule, deren größter Schüler Friedrich Preller war, gefördert und gerade auf den graphischen Unterricht ein Hauptgewicht gelegt. Noch 1831 macht er den Vorschlag, Schwerdtgeburth „ein paar junge Leute
contractmässig in die Lehre zu geben mit genauer Bestimmung des geforderten Unterrichts, welches wir jetzt auszuführen um so mehr im Falle sind, als wir durch Longhis Chalkographie mit der Technik dieser Kunst näher bekannt geworden“ (An Meyer, 24. September 1831).

Zu größeren Unternehmungen fehlten nun freilich in Weimar, wie Goethe selbst 1828 in einem Brief an Heinrich Müller bei dessen Berufung nach Karlsruhe es unumwunden ausspricht, die Mittel. Was dennoch, besonders auch dank dem Weitblick Carl Augusts, geleistet wurde, bleibt bewundernswert.

Schluß.

„So wird man vom Ganzen ins Einzelne und vom Einzelnen ins Ganze getrieben, man mag wollen oder nicht“

— mit diesen Worten beschließt Goethe einen seiner letzten Briefe an Sulpiz Boisseree. Sie dürfen auch am Schluß unserer Betrachtungen stehen, wie sie sich bei einer jeden Beschäftigung mit Goethe bewahrheiten. Ein weites Bereich künstlerischen Schauens und historischer Erkenntnis tat unsere scheinbar so nebensächliche Frage auf; und über den engen Kreis von Goethes Weimarer Tätigkeit hinaus sehen wir sein immer belebtes Verhältnis zu den graphischen Künsten fruchtbringend weiterwirken. Denn es ist nicht anders: im Kleinsten und Entlegendsten ist er groß und allumfassend gegenwärtig:

Immer wechselnd, fest sich haltend Nah und fern und fern und nah.

So gestaltend, umgestaltend —

Zum Erstaunen bin ich da.

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration

Goethe und die graphischen Künste

Die Wirkung des „ewigen lebendigen Tuns“ lag aber nicht einzig im ideellen Bereich. Als sichtbare Wirkung nach außen tritt sie uns da entgegen, wo Goethe zum Anreger graphischer Werke wird. Nun kann freilich hier nicht daran gedacht werden, die ganz unübersehbare Fülle der graphischen Schöpfungen zu umschreiben, die von dem Dichter Goethe inspiriert worden sind. Es sei vielmehr nur darauf hingewiesen, wie er durch Aufträge und Vorschläge für größere künstlerische Unternehmungen, nicht nur durch ermunterndes Urteil und gelegentliche Ankäufe, die graphischen Künstler seiner Umgebung förderte.

Daß Goethe der Illustration seiner Dichtungen nicht abgeneigt war, sobald nur der Illustrator in seiner Kunst die Seite der poetischen Materie brachte, welche die Dichtung selbst nicht bieten konnte, geht aus jener interessanten Stelle über Tischbein in der „Italienischen Reise“ hervor (Rom, 20. November 1786). Tischbein nahm offenbar an, daß es künstlerische Gegenstände gäbe, ie nur durch ein Bündnis von Poesie und bildender Kunst ganz bewältigt werden könnten — eine Auffassung, die doch wohl noch durch ästhetische Theorien aus der Zeit vor Lessings Laokoon beeinflußt ist. Goethe schreibt: ,,Da uns die Erfahrung genugsam belehrt, daß man zu Gedichten jeder Art Zeichnungen und Kupfer wünscht, ja, der Maler selbst seine ausführlichen Bilder der Stelle irgend eines Dichters widmet, so ist Tischbeins Gedanke höchst beifallswürdig, daß Dichter und Künstler Zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprünge herauf eine Einheit zu bilden. Die Schwierigkeit würde um vieles freilich vermindert, wenn es kleine Gedichte wären, die sich leicht übersehen und fördern ließen. Tischbein hatte auch hiezu sehr angenehme idyllische Gedanken, und es ist wirklich sonderbar, daß die Gegenstände, die er auf diese Weise bearbeitet wünschte, von der Art sind, daß weder dichtende noch bildende Kunst, jede für sich, zur Darstellung hinreichend wären. Er hat mir davon auf unseren Spaziergängen erzählt, um mir Lust zu machen, daß ich mich darauf einlassen möge. Das Titelkupfer zu unserem gemeinsamen Werk ist schon entworfen; fürchtete ich mich nicht, in etwas Neues einzugehen, so könnte ich mich wohl verführen lassen.“104 Erst sehr viel später, 1822, sollte der Wunsch Tischbeins in Erfüllung gehen, als der Aufsatz Goethes „Wilhelm Tischbeins Idyllen“ mit den anmutigen Versen erschien (Uber Kunst und Altertum III, 3).

Mit welcher Freude Goethe Neureuthers Randzeichnungen zu seinen Gedichten aufnahm, wissen wir schon. Überhaupt trug er jederzeit für eine künstlerische Ausstattung seiner Werke Sorge und überließ sie nicht dem Gutdünken des Verlegers; dies gab ihm vor allem Veranlassung zu Aufträgen an graphische Künstler. Der sehr tüchtige Kupferstecher Heinrich Lips, zur Zeit von Goethes Aufenthalt in Rom, später in Weimar, lieferte ihm die meisten Arbeiten dafür. Lips stach z. B. 1787

die zarte Zeichnung der Angelica Kauffmann zu Iphigenie für den V. Band der Ausgabe der gesammelten Schriften bei Göschen.

„Herr Lips hat bereits gestochen und schon im Probedruck verdient seine Arbeit allen Beyfall“ (An Göschen, Rom, 15. August 1787). In der ,, Italienischen Reise“ lesen wir dann (unter dem 3. November 1787): „Angelica hat ein Titelkupfer zu Egmont gezeichnet, Lips gestochen, das wenigstens in Deutschland nicht gezeichnet, nicht gestochen worden wäre.“ Dies ist wohl zu viel gesagt, doch hatte Goethe dabei besonders einen gewissen einheitlichen Stil der Ausstattung im Auge: „Die Kupfer zu den drey folgenden Bänden hoffe ich auch hier stechen zu lassen …. künftig will ich auch für die Titel-Vignetten hier sorgen lassen, damit alles mehr Einheit habe“ (An Göschen, Rom, 9. Februar 1788).

Die Erstausgabe seines „Römischen Karnevals“ (1789) ließ er durch zwanzig kolorierte Zeichnungen von Georg Schütz, die dann Melchior Kraus in Weimar stach, aufs reizvollste illustrieren: „ich habe diese Zeit her nichts zu Stande gebracht als eine Beschreibung des römischen Carnevals. Bertuch und Krause wollen es auf Ostern mit illuminierten Kupfern herausgeben“ (An F. H. Jakobi, 2. Februar 1789). Diese anmutige Veröffentlichung war das erste Buch, das Marianne von Willemer als Kind in die Hände bekam; wiederholt ist daher in dem Briefwechsel mit Marianne die Rede davon.105 — Von dem bedeutenden, erst in jüngster Zeit zur Ausführung1050 gebrachten Plan einer illustrierten Ausgabe der ganzen „Italienischen Reise“ haben wir einen ausführlichen Brief an Jakob Wilhelm Roux, einen in Jena, später in Heidelberg lebenden Künstler,106 der, selbst mit Studien über Farbentechnik beschäftigt, Goethe 1807 in seinen Arbeiten zur Farbenlehre unterstützte:

„Ew. Wohlgeboren danke zum schönsten, daß Sie mich so freundlich an das in Jena Besprochene erinnern; ich gebe hierüber folgende vorläufige Auskunft: soeben bin ich beschäftigt, die Papiere, welche sich auf meine italiänische Reise beziehen, zu sichten und zu redigieren. Hierbey seh ich nun freylich, daß dieser wörtlichen Darstellung sehr zum Vorteil gereichen müßte, wenn, aus meinen eigenen Skizzen sowohl, als denen der Freunde und Kunstgenossen, was bedeutend ist und erläutern könnte, in Kupfer gestochen, dem Werklein beygefügt würde. Es sollte mir angenehm seyn, wenn Ew. Wohlgeboren diese Arbeit übernehmen wollten, da alle dazu erforderlichen Eigenschaften sich bey Ihnen ja glücklich verbinden. In gedachter Rücksicht aber wird es nötig seyn, daß man eine strenge Auswahl treffe, damit ein Unternehmen, welches ohnehin weit aussehend ist, innerhalb seiner Gränzen bleibe. — Vor allen Dingen wäre ein Format festzusetzen, daß alle Platten von einer Größe würden. Klein Folio wäre hierzu das Schicklichste. —Brächte man auch mehrere Bilder auf eine Platte, so müßte man solche Gegenstände wählen, welche der Zeit, der Nachbarschaft oder dem Interesse nach zusammengehören. Sodann würde ich nach Maaßgabe des darzustellenden Gegenstandes, bald bloße Umrisse, bald mehr und weniger ausgeführte Blätter, vielleicht auch, wie es sich schicken will, Aqua tinta anbringen, und so dem Charakter dieser Sammlung am nächsten kommen und den Zweck auch am schnellsten erreichen“ (29. Januar 1795).

Dringend stellt er Cotta die Notwendigkeit, die italienische Reise zu illustrieren, dar. ,,Der erste Band der italiänischen Reise ist so gut als im Reinen. Es zeigt sich jedoch, daß man notwendig einen Heft Kupfer dazu geben müsse, da so vieles auf der Anschauung beruht. Sind Sie dies zufrieden, so lasse ich durch hiesige Künstler anfangen“ (An Cotta, 6. Dezember 1815). Leider wurde dieser schöne Plan damals doch nicht verwirklicht.

Ein kleiner, aber bemerkenswerter Zug in dem Freundschaftsverhältnis zwischen Goethe und Schiller scheint bisher übersehen worden zu sein: Goethe war ein treuer Ratgeber und Helfer Schillers bei der künstlerischen Ausstattung seiner Werke. Wohl war Schiller auch selbständig um einen würdigen künstlerischen Schmuck seiner Bücher bemüht, er hatte darin sein eigenes, sicheres Urteil und schätzte z. B. Johann Heinrich Rambergs Illustrationen sehr hoch, sowie Veit Hans Schnorr v. Carolsfeld, während er vor Arbeiten von Lips und Heinrich Meyer offenbar nicht immer in Goethes Lob eingestimmt hat.107 Trotzdem stand er aber den künstlerischen und vor allem den praktisch-technischen Fragen des Buchschmuckes viel ferner als Goethe, der ja reichste Erfahrung hatte und sie gerne in den Dienst des Freundes stellte. Die früheste Nachricht darüber haben wir in einem Briefe Schillers an Gottfried Körner vom 26. März 1790:

,,Lips ist jetzt in Weimar und bleibt auch da. Goethe hat eine Idee zu einem Titelkupfer für den ersten Teil meiner Memoires angegeben, die Lips gezeichnet hat und jetzt eben sticht. Idee und Zeichnung sind ganz vortrefflich.“ Der erste Band der „Allgemeinen Sammlung historischer Memoires vom zwölften Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten“, die Schiller 1790 herauszugeben begann, zeigt als Titelbild eine nicht eben sehr klare Allegorie. Eine thronende Frau — die Geschichte ? — gibt oder empfängt Bücher und Blätter, die ihr ein geflügelter Genius und zu Füßen des Thrones Gestalten in historischen Kostümen reichen.

Als sich Goethe und Schiller zu einem gemeinsamen Werk, dem „Xenienalmanach“, verbanden, war es ganz natürlich, daß Goethe die Ausstattung des schlichten Bändchens in die Hand nahm. Er schreibt am 16. August 1796 an Schiller:

„Eine Kupferplatte zum Deckel des Musenalmanach kann in 14 Tagen fertig seyn, nur die Zeichnung wird einige Schwierigkeit machen. Meyer hat einige die trefflich sind, ich weiß nicht zu was für Kalendern erfunden und stechen lassen; ich bringe sie mit. Am Ende komponieren wir selbst eine schickliche Bordüre, lassen das Mittelfeld frey, setzen vorn ein ernsthaftes, hinten ein lustiges Xenion drauf“ (An Schiller, 16. August 1796).

In der Tat entwarf Goethe, was bisher noch nicht beachtet worden, schließlich selbst die Deckelzeichnung. „Ich habe zuletzt noch selbst die Decke zeichnen müssen und das Titelkupfer von Bolt ist nichts weniger als gut geraten. Haben Sie deswegen die Güte uns sobald als möglich mit einer Zeichnung für beyde zum künftigen Almanach zu beglücken“ (An Meyer, 12. Oktober 1796).108 Der Aburteilung des süßlichen Kupfers von Bolt wird man unbedingt zustimmen, aber auch das Deckelblatt, eine schwerfällige und konventionelle Umrahmung des Titels, ist nicht sehr glücklich. Im folgenden Jahr wird Schiller wiederum beim Schmuck seines Almanachs von Goethe beraten. „Ich lege auch die Zeichnung für die Decke des Musenalmanachs bey, die Absicht ist freylich, daß das Kupfer auf bunt Papier gedruckt und die Lichter mit Gold gehöht werden sollten. Es ist zu wünschen, daß ein geschickter Kupferstecher mit Beurteilung bei der Arbeit verfahre, damit sie auch ohne jene Aufhöhung guten Effect tue“ (Goethe an Schiller, 3. Juni 1797).109 Auch wegen der Buchausstattung des Wallenstein schreibt er an Schiller:

„Mit Meyern will ich wegen der Kupfer zum Almanach und Wallenstein sprechen. Zu einem Portrait habe ich kein großes Zutrauen, es gehört so viel dazu um nur was leidliches hervorzubringen und noch besonders in diesem kleinen Format, und die Kupferstecher tractieren alles was zu einem Buche gehört so leicht und lose“ (2. Dezember 1797).

Aus dem Jahre 1799 sind uns ebenfalls verschiedene Aufträge an Lips für Schillers Werke erhalten.

Lange nach Schillers Tod, 1830, hat Goethe nochmals die graphischen Künste in den Dienst des Freundes gestellt, indem er den freilich etwas sonderbaren Schmuck der Übersetzung von Carlyles Schillerbiographie genau bis ins einzelne anordnete. Er schreibt in dieser Angelegenheit am 14. April 1830 an Heinrich Wilmans: „Beiliegende Zeichnungen stellen die Wohnung des Herrn Thomas Carlyle in der Nähe und Ferne dar, wo er, 30 englische Meilen südlich von Edinburg, in der Nähe von Dumfries sich aufhält. Die Absicht ist, die Übersetzung von Schillers Leben zu zieren und Veranlassung daher zu einem günstigen Vorworte zu nehmen. Beide Zeichnungen werden auf Eine Platte gestochen, wie beyliegendes Blatt aufweist, und stellen Titelkupfer und Titel vor. — Es wird freilich vorausgesetzt, daß sowohl Titelkupfer als Vignette so sauber und so kräftig zugleich als nur möglich in Kupfer gestochen werden, damit sie auch in England Gefallen erregen. Die Buchstaben des Titels sind leicht und höchst zierlich zu halten. An geschicktesten Künstlern jeder Art fehlt es in Frankfurt nicht, die für diese Arbeit wohl zu gewinnen seyn möchten.“ In dem Brief an den Kanzler v. Müller vom 12. Mai 1830 spricht er aber von Holzschnitten: ,,Zu den Holzstöcken für den Umschlag, welcher überhaupt sehr zierlich zu machen wäre, würde ich die Schillerische Wohnung in Weimar, welche sich zwischen den Bäumen der Allee noch ganz hübsch ausnimmt, vorschlagen. Zur Vignette aber der Rückseite, das für die beiden Freunde projectierte Denkmal. Zeichnungen dazu würden nachgesendet.“ Am 6. Juni 1830 endlich berichtet er an Thomas Carlyle selbst: „Sie finden ferner in dem Kästchen den Abschluß der Übersetzung Ihres Lebens Schillers, die Herausgabe hat sich verzögert, und ich wollte, dem Verleger sowie der Sache zu Nutz das Werklein eigens aufputzen; dem Publicum habe ich es gewiß recht gemacht, wenn Sie es nur verzeihen. Das Titelkupfer stellt Ihre Wohnung dar in der Nähe, die Titelvignette dasselbe in der Ferne. Nach den gesandten Zeichnungen, wie ich hoffe, so gestochen, daß es auch in England nicht mißfallen kann. Aussen auf dem Heft sieht man vorn Schillers Wohnung in Weimar, auf der Rückseite ein Gartenhäuschen [in Jena], das er sich selbst erbaute, um sich von seiner Familie, von aller Welt zu trennen. Wenn er sich daselbst befand, durfte niemand herantreten. Es war auch kaum für einen Schreibtisch Platz. Sehr leicht gebaut, drohte es in der Folge zu verfallen und ward abgetragen; versteht sich, nachdem er den Garten weggegeben und nach Weimar gezogen war.“

Von größeren graphischen Veröffentlichungen, die auf Goethes Veranlassung hin entstanden sind, nennen wir schließlich die Radierungsfolge Karl August Schwerdt-geburths nach Handzeichnungen Goethes (1821) mit dessen schönem Begleitwort (Über Kunst und Altertum III, 3); und aus der gleichen Zeit das schon erwähnte, von dem Weimarer Graphiker Heinrich Müller lithographierte Bilderwerk ,,Weimarische Pinakothek“, das trotz Goethes warmer Empfehlung in ,,Über Kunst und Altertum“ (III, 2, 1821) nicht weiter fortgeführt werden konnte.

Alle die vielen kleineren Aufträge, die namentlich Lips und Schwerdtgeburth von Goethe erhielten — naturwissenschaftliche Tafeln, Autographenblätter und Danksagungen mit Goethes Porträt usw. — brauchen wir im einzelnen nicht aufzuführen. Eine bedeutende künstlerische Tat war ja schließlich keine dieser durch Goethe veranlaßten Arbeiten; es war doch der Dichter, namentlich der Dichter des Faust, der die bildenden Künstler zu wahrhaft großen Schöpfungen begeisterte; man erinnere sich an Delacroix wild phantastische und an Peter Cornelius männlich kraftvolle Bilder zum Faust!

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration

Goethe und die graphischen Künste