Goethe und die königliche Kunst

(Er wird Buch VII, Kap. 9 der Lehrjahre Wilhelm Meister eingehändigt. Nicht eigentlich für die Loge bestimmt, ist er doch ihren Zwecken sehr angemessen und wird z. B. von der Loge zu St. Gallen im Rituale des zweiten Grades verwendet.)

Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer, nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, der Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltener geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun, und redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, lind die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus derii wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.

Grundsätze

(Dieser Abschnitt aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, Buch III, Kap. 9, dürfte ebenfalls maurerischer Erwägung besonders wert erscheinen.)

Unsere Gesellschaft ist darauf gegründet, daß jeder in seinem Maße, nach seinen Zwecken aufgeklärt werde. Hat irgend einer ein Land im Sinne, wohin er seine Wünsche richtet, so suchen wir ihm das Einzelne deutlich zu machen, was im Ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte ; uns wechselseitig einen Überblick der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, höchst belohnende Unterhaltung.

In solchem Sinne nun dürfen wir uns in einem Weltbünde begriffen ansehen. Einfach groß ist der Gedanke, leicht die Ausführung durch Verstand und Kraft. Einheit 148 ist allmächtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter uns. Insofern wir Grundsätze haben, sind sie uns allen gemein. Der Mensch, so sagen wir, lerne, sich ohne dauernden äußeren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte nicht an den Umständen, sondern in sich selbst; dort wird er’s finden, mit Liebe hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, daß er überall zu Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht überall am sichersten zum Ziel; andere hingegen, das Höhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der einzelne ist sich nicht hinreichend; Gesellschaft bleibt eines wackeren Mannes höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht.

Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund geschlossen und gegründet sei. Niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmäßig seine Tätigkeit jeden Augenblick üben könnte, der nicht versichert wäre, daß er überall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn führen könnte, sich immer wohl empfohlen, aufgenommen und gefördert, ja von Unglücksfällen möglichst wiederhergestellt finden werde.

Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste übernommen : jeden Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo verfaßt; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie sämtlich eine zweckmäßige Tätigkeit fordern und befördern, innerhalb einer jeden uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu bemühen. Schließlich halten wir’s für Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und Strenge zu üben und zu fördern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt, welche aus den drei Ehrfurchten entsprießt, zu denen wir uns sämtlich bekennen, auch alle in diese höhere allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf, eingeweiht zu sein das Glück und die Freude haben. Dieses alles haben wir in der feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken, erklären, vernehmen und anerkennen, auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen.

Bleibe nicht am Boden heften,

Frisch gewagt und frisch hinaus I Kopf und Arm mit heitern Kräften Überall sind sie zu Haus;

Wo wir uns der Sonne freuen Sind wir jede Sorge los.

Daß wir uns in ihr zerstreuen,

Darum ist die Welt so groß.

B. LOGENLIEDER Bundeslied

(Das Lied, das wohl in allen Logen mit Freuden gesungen wird, war ursprünglich für ein Familienfest bestimmt. Es wurde am io. September 1775 bei der Vermählung des Predigers Ewald in Offenbach, dessen Goethe im 17. Buche von Dichtung und Wahrheit so freundlich gedenkt, von zwei anderen jungen Paaren gesungen.)

In allen guten Stunden,

Erhöht von Lieb’ und Wein,

Soll dieses Lied verbunden Von uns gesungen sein!

Uns hält der Gott zusammen,

Der uns hierher gebracht.

Erneuert unsre Flammen,

Er hat sie angefacht.

So glühet fröhlich heute,

Seid recht von Herzen eins!

Auf, trinkt erneuter Freude

Dies Glas des echten Weins!

Auf, in der holden Stunde Stoßt an,

und küsset treu,

Bei jedem neuen Bunde,

Die alten wieder neu!

Wer lebt in unserm Kreise, Und lebt nicht selig drin? Genießt die freie Weise Und treuen Brudersinn!

So bleibt durch alle Zeiten Herz Herzen zugekehrt;

Von keinen Kleinigkeiten Wird unser Bund gestört.

Uns hat ein Gott gesegnet Mit freiem Lebensblick,

Und alles, was begegnet, Erneuert unser Glück.

Durch Grillen nicht gedränget, Verknickt sich keine Lust; Durch Zieren nicht geenget, Schlägt freier unsre Brust.

Mit jedem Schritt wird weiter Die rasche Lebensbahn,

Und heiter, immer heiter Steigt unser Blick hinan.

Uns wird es nimmer bange, Wenn alles steigt und fällt; Wir bleiben lange, lange,

Auf ewig so gesellt.

Spruch

(Das kleine Lied, für vier Solostimmen komponiert von Bergt, wird im Liederbuch der Loge Amalia Goethe zugeschrieben, hat sich aber sonst nicht nachweisen lassen.)

Wo Lieb und Güte wohnet, ist gut weilen.

O Glück, wo Leid wie Lust die Edlen teilen!

Der Kindheit Paradies erwacht aufs neue,

Blüht schöner noch, wo Huld sich regt und Treue.

Ergo bibamus

(In einem kleinen Aufsatze der Weimarischen Zeitung vom 17. März 1905 macht Xanthippus (F. Sandvoß) darauf aufmerksam, daß bei dem „göttlichen Bildchen“ in der Schlußstrophe doch wahrlich nicht, wie Bielschowski (Goethe II, 384) meint, an die aus dem Risse der Wolken hervorblickende Gottheit gedacht werden kann, daß vielmehr anzunehmen ist, während des Gesanges sei durch Wegziehen eines Vorhangs wirklich ein Bildnis enthüllt worden. Da das Lied 1810 gedichtet ist, so vermutet er, es sei am 10. März zum Geburtstag der Königin Luise von Preußen in der Loge Amalia gesungen worden. Zu dieser Vermutung bieten die Logenakten gar keinen Anhalt. Wohl aber findet sich — von unbekanntem Verfasser — ein „Schwesternlied zur Feier der Vermählung der durchlauchtigen Prinzessin Caroline von Sachsen-Weimar am 1. Julius 1810, gesungen in der Loge Ämalia zu Weimar“. Weitere Nachricht über diese Feier fehlt; sie fiel in die Logenferien und wurde wohl deshalb nicht im Protokollbuche vermerkt. Die Vermutung liegt nahe, daß bei eben dieser Veranlassung auch das Lied von Goethe gesungen worden sei, daß also das enthüllte Bildchen das der jungen Braut war, der einzigen Tochter Karl Augusts, für die Goethe immer ein lebhaftes Interesse hatte, während sie ihn als „den Meister“ verehrte. Die aus dem Liede erklingende Heiterkeit entspricht der Vorstellung, welche Goethe von dem bei Logen-, insbesondere Schwesternfesten, herrschenden Tone gehabt zu haben scheint: vgl. oben S. 52.)

Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,

Drum, Brüderchen: Ergo bibamus.

Die Gläser sie klingen, Gespräche sie ruhn, Beherziget Ergo bibamus.

Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort:

Es passet zum ersten und passet so fort,

Und schallet ein Echo vom festlichen Ort,

Ein herrliches Ergo bibamus.

Ich hatte mein freundliches Liebchen gesehn,

Da dacht’ ich mir: Ergo bibamus.

Und nahte mich freundlich; da ließ sie mich stehn.

Ich half mir und dachte: Bibamus.

Und wenn sie versöhnet euch herzet und küßt,

Und wenn ihr das Herzen und Küssen vermißt,

So bleibet nur, bis ihr was Besseres wißt,

Beim tröstlichen Ergo bibamus.

Mich ruft mein Geschick von den Freunden hinweg;

Ihr Redlichen: Ergo bibamus.

Ich scheide von hinnen mit leichtem Gepäck;

Drum doppeltes Ergo bibamus.

Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorgt,

So bleibt für den Heitern doch immer gesorgt,

Weil immer dem Frohen der Fröhliche borgt;

Drum, Brüderchen! Ergo bibamus.

Was sollen wir sagen zum heutigen Tag?

Ich dächte nur: Ergo bibamus!

Er ist nun einmal von besonderem Schlag;

Drum immer aufs neue: Bibamus.

Er führet die Freude durchs offene Tor,

Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor,

Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor;

Wir klingen und singen: Bibamus!

Symbolum

(Über Zeit und Veranlassung zu diesem Gedichte, „einem der ergreifendsten und wunderbarsten seines Genius“, wie R. Stern (Latomia 1860, S. 189) in seiner Betrachtung darüber sagt, scheinen bestimmte Nachrichten zu fehlen. Oben (S. 50) habe ich es wahrscheinlich zu machen versucht, daß es 1814 entstanden sei, als Goethe, das einzige Mal seit seiner Erhebung in den dritten Grad, einer Meisterloge beigewohnt hatte.)

Des Maurers Wandeln Es gleicht dem Leben,

Und sein Bestreben Es gleicht dem Handeln Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket Schmerzen und Glücke Schrittweis dem Blicke;

Doch ungeschrecket Dringen wir vorwärts,

Und schwer und ferne Hängt eine Hülle,

Mit Ehrfurcht, stille Ruhn oben die Sterne Und unten die Gräber.

Betracht’ sie genauer Und siehe, so melden Im Busen der Helden Sich wandelnde Schauer Und ernste Gefühle.

Doch rufen von drüben Die Stimmen der Geister,

Die Stimmen der Meister:

Versäumt nicht zu üben Die Kräfte des Guten.

Hier winden sich Kronen In ewiger Stille,

Die sollen mit Fülle Den Tätigen lohnen!

Wir heißen euch hoffen.

Leuchtender Stern über Winkelwage, Blei und Zirkel

(Wie oben, S. 49, zu erwähnen war, gehörte die durch diese Verse erläuterte Zeichnung zu der Gruppe von acht allegorischen Bildern, mit denen Goethe 1825 bei Karl Augusts Regierungs- und seinem eigenen Staatsdienerjubiläum sein Haus geschmückt hatte. Die dazu verwendeten Kartons, nach Goethes Angaben von A. Heideloff entworfen, sind noch im Goethe-Museum in Weimar zu sehen; farbige Verkleinerungen davon finden sich in „Weimars Jubelfest am 3. September 1825“ (Weimar, bei Wilh. Hoffmann, 1825). Das Datum „März 1826“ besagt wohl, daß die lithographierte Nachbildung von Goethes Zeichnung nebst dem Faksimile seiner Verse damals an seine Freunde versandt wurde.)

Zum Beginnen, zum Vollenden Zirkel, Blei und Winkelwage;

Alles stockt und starrt in Händen,

Leuchtet nicht der Stern dem Tage.

Sterne werden immer scheinen,

Allgemein auch zum Gemeinen;

Aber gegen Maß und Kunst Richten sie die schönste Gunst.

Dank des Sängers

(Da das Gedicht das Datum trägt: Weimar, den 29. Dezember 1815, also drei Wochen nach August v. Goethes Aufnahme in die Loge verfaßt wurde, so ist kaum zu zweifeln, daß es eine poetische Ergänzung ist zu den Dankesworten, die der Sohn in der Januarloge im Namen des Vaters aussprach. S. oben S. 51.)

Von Sängern hat man viel erzählt,

Die in ein Schloß gekommen,

Wo nichts ermangelt, nichts gefehlt,

Sie haben Platz genommen.

Doch war wo, irgendwo ein Platz,

Vergleichbar diesem Brüder-Schatz,

Wo auch ich Platz genommen ?

Ihr fraget nicht, woher ich sei,

Wir alle sind von oben;

Doch singend wird der Freie frei

Und darf die Brüder loben.

Die Brust entlöse der Gesang!

Was außen eng, was außen bang,

Uns macht es nicht beklommen.

So hab’ ich euch denn schon den Dank,

Den ich gedacht, erwiesen,

Und euch mit Tönen, rein und schlank,

Als Würdige gepriesen.

Was bleibet übrig als der Schall,

Den wir so gerne hören,

Wenn überall, allüberall Im stillen wir uns vermehren!

Verschwiegenheit

(Es ist wohl das von Zelter unter dem io. November 1816 erwähnte „Bundes- oder Logenlied für den Kammerrat“, war also bestimmt, bei einer Tafelloge gesungen zu werden, im Anschluß an Augusts Beförderung in den Gesellengrad, am 28, Dezember.)

Wenn die Liebste zum Erwidern Blick auf Liebesblicke beut,

Singt ein Dichter gern in Liedern,

Wie ein solches Glück erfreut.

Aber Schweigen bringet Fülle Reicheren Vertrauns zurück.

Leise, leise! Stille, stille!

Das ist erst das wahre Glück.

Wenn den Krieger wild Getöse,

Trommel und Pauken aufgeregt,

Er den Feind, in aller Blöße,

Schmetternd über Länder schlägt;

Nimmt er wegen Siegsverheerung Gern den Ruhm, den lauten, an,

Wenn verheimlichte Verehrung Seiner Wohltat wohlgetan.

Heil uns! Wir verbundne Brüder Wissen doch, was keiner weiß.

Ja, sogar bekannte Lieder Hüllen sich in unsern Kreis.

Niemand soll und wird es schauen,

Was einander wir vertraut:

Denn auf Schweigen und Vertrauen Ist der Tempel auf gebaut.

Trauerloge

(Das Gedicht ist „der unvergeßlichen Prinzessin Caroline von Weimar-Eisenach, vermählten Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin gewidmet“, welche, seit dem i. Juli 1810 vermählt, am 20. Januar 1816 starb. Wie von der bei „Ergo bibamus“ erwähnten Vermählungsfeier unter Teilnahme der Schwestern die Logenprotokolle nichts enthalten, so ist auch von einer besonderen Trauerloge nichts zu ersehen. Jedoch wurde in der am 26. Januar zum Andenken verstorbener Brüder stattfindenden ritualmäßigen Trauerloge auch „an den großen Verlust erinnert, den unser erhabenes Fürstenhaus in der Kürze erfahren hat durch den Tod der einzigen Tochter, die in der Blüte ihrer Jahre zu einem höheren Erbe abgerufen, von allen Bewohnern der Mecklenburgischen, und hiesigen Lande beweint wird“.)

An dem öden Strand des Lebens,

Wo sich Dün’ auf Düne häuft,

Wo der Sturm im Finstern träuft,

Setze dir ein Ziel des Strebens.

Unter schon verloschnen Siegeln lausend Väter hingestreckt;

Achl von neuen frischen Hügeln Freund an Freunden überdeckt!

Hast du so dich abgefunden,

Werde Nacht und Äther klar,

Und der ew’gen Sterne Schar Deute dir belebte Stunden,

Wo du hier mit Ungetrübten,

Treulich wirkend, gern verweilst,

Und auch treulich den geliebten Ewigen entgegeneilst.

Dem Herzog Bernhard von Weimar. Am 15. September 1826 ,

Das Segel steigt! Das Segel schwillt!

Der Jüngling hat’s geträumt;

Nun ist des Mannes Wunsch erfüllt,

Noch ist ihm nichts versäumt.

So geht es in die Weite fort

Durch Wellenschaum und -Strauß.

Kaum sieht er sich am fremden Ort,

Und gleich ist er zu Haus.

Da summt es wie ein Bienenschwarm, Man baut, man trägt herein;

Des Morgens war es leer und arm,

Um abends reich zu sein.

Geregelt wird der Flüsse Lauf Durch kaum bewohntes Land;

Der Felsen steigt zur Wohnung auf, Als Garten blüht’s im Sand.

Der Reisefürst begrüßt sodann, Entschlossen und gelind,

Als Bruder jeden Ehrenmann,

Als Vater jedes Kind.

Empfindet, wie so schön es sei Im frischen Gottesreich;

Er fühlt sich mit dem Wackern frei Und sich dem Besten gleich.

Scharfsichtig Land und Städte so Weiß er sich zu beschaun;

Gesellig auch, im Tanze froh, Willkommen schönen Fraun;

Den Kriegern ist er zugewöhnt,

Mit Schlacht und Sieg vertraut;

Und ernst und ehrenvoll ertönt Kanonendonner laut.

Er fühlt des edlen Landes Glück,

Ihm eignet er sich an,

Und hat bis heute manchen Blick Hinüberwärts getan.

Dem aber sei nun, wie’s auch sei,

Er wohnt in unserm Schoß! —

Die Erde wird durch Liebe frei, Durch Taten wird sie groß.

Gegentoast der Schwestern

(Zum 24. Oktober 1820, dem Stiftungs- und Amalienfeste, von Augu9t v. Goethe bei der Tafel nach dem Schwesterntoaste vorgetragen und mit den Worten eingeleitet: „Es sei mir vergönnt, einige Worte im Namen der Schwestern freundlich zu erwidern. Die Worte selbst sendet mein Vater, indem er sich ihrer brüderlichen Liebe empfiehlt.“ — Den Grund zu dieser besonderen Aufmerksamkeit gab wohl Augusts Erhebung in den Meistergrad, am 26. Januar 1820.)

Unser Dank, und wenn auch trutzig,

Grüßend alle lieben Gäste,

Mache keinen Frohen stutzig:

Denn wir feiern eure Feste.

Sollten aber wir, die Frauen,

Dankbar solche Brüder preisen,

Die, ins Innere zu schauen,

Immer uns zur Seite weisen?

Doch Amalien, der hehren,

Die auch euch verklärt erscheinet,

Sprechend, singend ihr zu Ehren,

Sind wir doch mit euch vereinet.

Und indem wir eure Lieder Denken keineswegs zu stören,

Fragen alle sich die Brüder,

Was sie ohne Schwestern wären?

Zur Logenfeier des 3. Septembers 1825

(Zu der Logenfeier, die bei der 50. Wiederkehr von Karl Augusts Regierungsantritt stattfand, hatte Goethe — wie oben S. 54 erwähnt — drei Gesänge verfaßt. Der erste wurde „feierlich-anmutig“ bei Eröffnung der Loge vorgetragen; der Zwischengesang war zwischen die Ansprachen der Brüder v. Fritsch und v. Müller eingeschoben. Zum allgemeinen Verständnisse des „heitern Schlußgesangs“ wird im Festbericht bemerkt, „daß vor* ausgesetzt sei, die zur hohen Feierlichkeit im Stillen verbündeten Brüder werden auch teilnehmen an dem, was im Offenbaren geschieht und geschah. — Nur erst vor wenig Jahren erbaute Straßen sind nun mit Kränzen in langen architektonischen Reihen geziert; die zum Jubelfeste eingeweihte Bürgerschule steht als eine der ersten Zierden dieser feierlichen Epoche. Der Dichter führt sodann die Teilnehmenden zu den baumreichen zugänglichen Kunst- und Naturumgebungen der Stadt, erinnert an tägliche Freuden, welche alt und jung daselbst genossen, und endet in der Hauptanerkennung der so weit ausgreifenden als gründlichen Wirksamkeit des gefeierten Fürsten“.)

Einmal nur in unserm Leben,

Was auch sonst begegnen mag,

Ist das höchste Glück gegeben:

Einmal feiert solchen Tag!

Einen Tag, der froh erglänzend,

Bunten Schmucks der Nacht entsteigt,

Sich gesellig nun begrenzend,

Segensvoll zum Berge neigt.

Darum öffnet eure Pforten,

Laßt Vertrauteste herein;

Heute soll an allen Orten Liebe nah der Liebe sein!

1. Laßtfah-ren hin das All – zu-flüch-ti – ge; ihr sucht bei

2. Und so ge-winntsich das Le- ben- di – gedurchFolg’aus

3. Solöstsich je – ne gro-ße Fra – ge nach unserm

1. ihm ver-ge-bens Rat! In demVer-gang – nenlebtdas

2. Fol-ge neu-e Kraft; denn die Ge – sin – nung,die be-

3. zweiten Va-ter- land; denn das Be-stän-dige der ird’ sehe

1. Tüch-ti – ge, ver – e – wigt sich in schö-ner

2. stän – di – ge, sie macht den Men – sehen dau – er-

3. Ta – ge, ver- bürgt uns e – wi – gen Be

1. Tat, ver – e – wigt sich in schö-ner Tat.

2. haft, sie macht den Men-schen dau – er – haft.

3. stand, ver-bürgt uns e – wi – gen Be-stand.

Nun auf und laßt verlauten,

Ihr brüderlich Vertrauten,

Wie ihr geheim verehret:

Nach außen sei’s gekehret!

Nicht mehr in Sälen

Verhalle der Sang.

Wo wir ins Leere schauten,

Erscheinen edle Bauten,

Und Kranz an Kränzen Die Reihen entlang.

So äußeres Gebäude Verkündet inn’re Freude;

Der Schule Raum erheitert Zu lichtem Saal erweitert;

Die Kinder scheuen Nicht Moder noch Zwang.

Nun in die luft’gen Räume!

Wer pflanzte diese Bäume,

Ihr kinderfrohen Gatten?

Er pflegte diese Schatten,

Und Wälder umgrünen Die Hügel entlang.

Die Plage zu vergessen,

Das Gute zu ermessen,

So aufgeregt als treulich,

So treusam wie erfreulich,

Stimmet zusammen In herzlichem Sang!

Wie viel er ausgespendet,

Auch weit und breit vollendet,

Die Unzahl sicli verbündet,

Unsäglich Glück gegründet,

Das wiederholet Das Leben entlang.

Dem würdigen Bruderfeste

(Goethes Dank für seine Ernennung zum Ehrenmitgliede der Loge Amalia, bei seinem 50 jährigen Maurerjubiläum; s. oben S. 59. Den Text gibt die Beilage im Faksimile.)

ANHANG

FESTLIEDER VERSCHIEDENER VERFASSER

Tafellied bei der Einführung Wielands in Loge Amalia am 4. April 1809

Von Br. Zacharias Werner.

Ihr, der Menschheit treue Söhne,

Laßt uns heut ein Fest begehn!

Laßt der Maurer Freudentöne

Durch die stillen Hallen wehnl

Denn es ist zur guten Stunde

Der geschenket unserm Bunde,

Den zum Leiter unsrer Spur Schuf und weihte die Natur.

Was ertönt im Maurerliede,

Ist der Tugend stille Kraft,

Ist der Weisheit goldner Friede,

Der das Ewigschöne schafft.

Muß der Geist des Schönen-Guten

Heut nicht auf uns niederfluten?

Seines Tempels Hierophant

Hat uns Brüder ja genannt.

In des Liedes sanften Klängen Tönt nur schüchtern dessen Lob,

Der auf ewigen Gesängen Sich zum Helikon erhob.

Seine Scheitel zu umwinden,

Mag die Kunst den Lorbeer binden;

Hier, im Bunde, soll ihm blühn Treuer Achtung Immergrün.

Unser Bund, er pflanzet Blüten

Um der Menschheit Hochaltar;

Wird sie still und treulich hüten,

Bis die Frucht wird offenbar.

Darum halten wir umschlungen Den,

der Blüten, Frucht errungen;

In des Bundes Namen wir Singen,

Wieland, Jubel dir!

Brüder, jetzt das Glas erhoben!

Huldigt stolz der süßen Pflicht!

Strahlt uns, ob auch Stürme toben,

Nicht der Dioskuren Licht?

Wie den Kelch, erhebt die Geister:

Denn die beiden hohen Meister, Die dein Stolz, o Vaterland,

Halten unsrer Kette Band.

Zu der durchlauchtigsten Schwester Luise Geburtsfeste, am 7. F ebruar 1809

Von Br. Zacharias Werner.

Der alten Maurer freier Brüderorden,

Er hat der Schwestern Tugend stets geehrt;

Durch ihn ist es dem Erdkreis kund geworden,

Des Mannes Wesen und der Frauen Wert.

Nicht wie die wilden, regellosen Horden,

Wo jeder , tut, was sein Gelüst begehrt —

Wer Senkblei, Maß und Zirkel kann regieren,

Der kann den Tempel gründen und ihn zieren.

Drum freut’s mich, Brüder,
daß in diesen Hallen Ihr der erhabnen Schwester heut gedenkt,

Und fröhlich laß ich ihr mein Lob erschallen,

Ihr, die der Himmel euch und mir geschenkt.

Zwar wie des Pilgers ist mein Erdenwallen,

Und weiß ich nicht,

wohin mein Lauf sich lenkt;

Doch die mir sind verliehn,

die schwachen Töne,

Zoll ich zum Preis der geistig hohen Schöne.

Ihr wißt es, Brüder, daß in unsern Zeiten Sich offenbart jedwede Eigenschaft:

Wer fest auf sich nicht dasteht, der muß gleiten,

Und wer da standhaft, zeiget seine Kraft.

Der Meister hat uns wollen dies bereiten:

Die Zeit, die selber sich zusammenrafft,

Daß jeder, was er könne, lern’ erkennen,

Und was gediegen, von dem Eitlen trennen.

Und weil auf Weimar gnädig er geschauet,

(Wo vieles Gute lange war vereint;

Wo mancher treue Maurer hat erbauet,

Was staunenswert der fremden Welt erscheint,

Dieweil ihr, die dem Scheine nur vertrauet,

Nicht kund geworden, was das Wesen meint) —

Wollt’ er, verbundne Männer, euch entfalten,

Wie Frauenwert sich auch kann hoch gestalten.

Luisa, welcher ihr als Fürstin frönet,

Die ihr als Schwester liebt, als Heldin preist,

Des Mannes Tochter, der mit Ruhm gekrönet —

Denn wer kennt nicht der alten Katten Geist! —

Luisa, die das Schicksal euch versöhnet,

Das uns zum Ziel die Klippenpfade weist:

Wie die drei Lichter ewig glühn im Tempel,

So sei auch sie uns ewig ein Exempel!

Wir wissen;, daß durch Weisheit, Schönheit,

Stärke Der Bau fundiert, den keine Macht zersprengt;

Wir wissen, daß ein jedes seiner Werke Der Meister in die Drei hat eingezwängt;

Wir wollen es, daß es die Menschheit merke,

Die unberufen oft zum Bau sich drängt.

Drum müssen wir auf diese Drei sie weisen;

Drum müssen wir Luisens Tugend preisen.

Der Weisheit Keim entfaltet sich im stillen,

Bis er gereifet ist zur hohen Tat.

Es mag die Schönheit gerne sich verhüllen,

Weil immer ihr die Zucht zur Seite trat.

Die Stärke kennt nur eins: den reinen Willen,

Der in dem Donner wohnt, im Säuseln naht.

Und wer die Drei in Eines kann verweben,

Der schafft ein Werk, das ewiglich muß leben.

So hüllt Luisa in der stillen Ehre Des Weibes weislich ihren Fürstenruhm.

Der schönste Reiz der Göttin von Cythere,

Die Würde, ist ihr ewig Eigentum.

Ob auch die Zwietracht eine Welt zerstöre,

Die Starke bleibt in ihrem Heiligtum:

Das muß der Helden erster selbst erkennen Und, wie wir Glückliche, sie Schwester nennen.

Drum möge sie noch lange diesem Lande Die Mutter, und den Deutschen Muster seinl Ihr, die euch schützte an des Abgrunds Rande,

Ihr möget ihr des Dankes Opfer weihn.

Auch ich, der Fremdling von der Ostsee Strande, Kann freier mich in ihrem Glanz erfreun.

Wer deine Töchter höhnt, Germania,

Nenn ihm Luisen und Amalial

ZU GOETHES JUBELFEIER am 7. November 1825

Morgengruß der Ilm Von F. W. Riemer

Wallet, herzergoßne Wellen,

Wallet hin in vollem Drange,

Küßt des Liebsten traute Schwellen,

Bringt von mir ihm Gruß und Dank!

Heut ist der Tag, an dem der Götter Gunst Zuerst den Freund mir sandte, den getreuen, Unwandelbar mir liebend zugetan;

Dem ich des Lebens Glück und Frohgenuß, Des Namens Ruhm in weite Femen, Unsterblichkeit in alle Zukunft danke!

Wonne jenes ersten Tages,

Wonne schwellet mir die Brust!

Sag es, Herz, dir, allen sag es,

Dein Entzücken, deine Lust:

Liebe hat in frühen Stunden Frei und schön ihn dir verbunden;

Treue hat ihn treu erfunden;

Selig bist du dir’s bewußt.

Er kam! mir unvergeßlich lebt die Stunde: Aurora führt’ ihn mir heran,

Mit Götterschönheit angetan,

Im Auge Glut und Zauberton im Munde, Und aller Anmut, aller Gaben voll,

Ein Jüngling des Olympus, ein Apoll!

So war, dem königlichen Freund zu dienen, Er einst Admet in Hellas Tal erschienen,

Und in der neu verschönten Flur Ward offenbar des nahen Gottes Spur.

Schon umblühn mich Tempes Fluren,

Schon ergrünt mir Delphis Hain,

Und der Musen ew’ge Spuren Kündet Baum und kündet Stein.

Und in diesen sel’gen Räumen Wandl’ ich hin mit leisem Gang,

Hold umschwebt von goldnen Träumen,

Hold umtönt von Lustgesang.

Aber dann ist eine Stätte Wundervoll, entzückend schön,

Wie für einen Gott ersehn:

Rosenlauben, Lilienbeete,

Gleich des Abends Duft und Röte!

Und bezaubert bleib’ ich stehn.

Und das Lied, das hier erklungen,

Gilt der Liebe Huldigungen,

Gilt der Treue schönstem Pfand:

Durch die Welt hin schwebt’s getragen,

Und ich hör’ in fernsten Tagen Ewig mich mit ihm genannt!

Und er, dem ich Unsterblichkeit verdanke,

Er — o entzückender Gedanke! —

Er feiert heute seinen goldnen Tag,

Den goldensten des mir geweihten Lebens.

Heil mir! ich darf ihn stolz den Meinen nennen, Mich als die Seine dankesvoll bekennen!

Von nun an soll mein lauter Dank An jedem Morgen ihm erschallen,

Und noch am Abend mein Gesang Zu seiner Feier liebend wallen.

Tönt in meinen Preisgesang,

Du, Silvan, und ihr, Najaden! Hall’ ihn durch die Welt entlang, Echo samt den Oreaden!

Goethe zum goldenen Jubeltage

Von Friedrich v. Müller

Es strahlt der Tag, der neues Glück verkündet,

Dem ahnungsvoll das Herz entgegenschlug,

Der Tag, der einst dich Weimars Ruhm verbündet, Den unser Dank längst zu den Sternen trug,

Der Tag, der uns ein ewig Licht entzündet,

Zur Sonne rief des Adlers kühnen Flug;

Und, wie auf goldnem Fittich deiner Lieder,

Schwebt seligen Blickes die Erinnrung nieder.

Du schlangst den Schmuck, den ewig lorbeerfrischen, Um deines Fürsten ruhmbestrahltes Haupt,

Riefst Sternen zu, dem Eichkranz sich zu mischen, Der unsrer Fürstin heil’ges Bild umlaubt:

Den Mut des späten Enkels anzufrischen,

Der unerreichbar Heldengröße glaubt,

Zeigst du, in unvergänglich Erz gegraben,

Was wir verehrt, geliebt, besessen haben.

O goldner Tag, wo sie dir wiedergeben,

Den Kranz der lohnenden Unsterblichkeit!

Den Freund, den Sänger wollen sie umweben

Mit ihres Ruhmes heitrer Ewigkeit

Und ihn, vereint mit sich, der Nachwelt geben,

Ihn, der sein Leben ihrem Dienst geweiht!

Wohl konntest du nach höchsten Kränzen ringen, Doch solchen Dank nur solche Fürsten bringen!

Hauptgesang

Von Stephan Schütze

Herauf, Gesang, und gib uns Flügel, Hinauszuschweben fünfzig Jahr,

Wo dämmernd über Tal und Hügel Das Licht uns diesen Tag gebar.

Er kommt! durch Herbstesungestüm Entgegen ihm, entgegen ihm!

Wie trat die Stadt mit Schloß und Türmen So still, so ahnungsvoll hervor,

Wo Milde schon nach Kriegesstürmen Dem Lied ein Vaterland erkor!

Nun mächt’ger, wie vom Himmel, fiel Der volle Klang ins Saitenspiel.

Ein Zauber hat sein Herz getroffen,

Nicht mehr hält ihn das Vaterhaus;

Ein Sänger auch mit frohem Hoffen Streckt Freundesarme nach ihm aus.

Seht, wie der Mann, so reich begabt,

Sich nun am Jünglingsauge labt.

Gleichwie der Tau vom Strahl der Sonne,

So ist vom lebensvollen Bild,

Bei seinem Blick von Glut und Wonne,

Von Liebe ganz sein Herz erfüllt.

Das Licht, so fern auch seine Bahn,

Dem Lichte bleibt es zugetan.

Wie Stern an Stern auf weitem Meere,

Zog eine neue Welt herauf,

Und flammend durch des Himmels Heere Sucht’ ein Komet der Sonne‘ Lauf.

Da ward die Stadt, vom Glanz erhöht,

Ein Leuchtturm, der am Hafen steht.

Ein Reich der Schönheit ward gegründet, Das, mit der Wahrheit treu vermählt, Und mit Natur im Geist verbündet,

Des Himmels Vorbild nicht verfehlt.

Er ging voran, von Kraft belebt,

Und alles ringt, und alles strebt.

Heil uns, die solches Glück erfahren! Hell leuchtet uns sein Angesicht.

So lebe, Tag von fünfzig Jahren, ‚

Du ewig taggebärend Licht!

O Stadt, erhöht in seinem Glanz,

Reich dankbar ihm den Siegeskranz!

Zur Feier von Goethes fünfzigjährigem Hiersein

Von J. P. Eckermann

Lauter Jubel tönt von allen Zungen,

Helle Freude strahlt aus jedem Blick!

Ja, wer fühlt sich heute nicht durchdrungen Von des einz’gen Namens Stolz und Glück!

Seht umher in allen andern Reichen,

Jedes zeigt euch einen höchsten Mann;

Aber wo ein Beispiel seinesgleichen,

Daß ein Einzelner so viel getan?

Blicket um euch nach den großen Namen,

Dieser Lorbeer frisch umwunden hält:

Jeder zeigt euch in dem schönsten Rahmen, Scharf gesondert, eine eig’ne Welt.

Eine Welt des reichsten, tiefsten Lebens,

Die das Dasein sonnenklar erschließt;

Eine Welt des lautersten Bestrebens,

Die ihr Licht in dunkle Nächte gießt.

Doch was sinn’ ich? Nicht in tausend Weisen Säng’ ich seine Taten, seinen Wert;.

Und wie sollt’ ich einen Helden preisen,

Dem die Welt von Pol zu Pol gehört?

Mag man unsre Zeit yerschreiend schelten, Doch vor einem hat sie sich geschützt:

Daß sie, gleich dem Undank frührer Welten, Blind und dumpf, nicht weiß, was sie besitzt.

Einst Homer ging wenig nur geachtet, Shakespeare ward im Leben schlecht erkannt, Tasso lag vom Kerker feucht umnachtet,

Dante klagt vertrieben und verbannt.

Unser Dichter, früh geschätzt, bewundert, Wirkt zu seines Volkes Ruhm und Lust;

Mit ihm lebt ein lohnendes Jahrhundert,

Und es lebt, es herrscht ein Karl August!

Karl August, das Große früh erkennend,

Selbst ein Jüngling, führt den Jüngling ein. Karl August, für alles Edle brennend,

Nennt ihn heute fünfzig Jahre sein.

Er, der frühe schon das Große wollte,

Wie wir ihn so jung und kühn gesehn,

Hat’s auch hier getan, so wie er sollte,

Und für uns, für alle ist’s geschehn.

Glücklich Weimar, von den Städten allen Bist du kleine wunderbar bedacht!

Man wird stets zu deinen Toren wallen, Angezogen von der heil’gen Macht;

Und man wird nach großen Männern fragen, Die in schönen Zeiten hier gestrebt,

Und mit edlem Neid wird man beklagen,

Daß man mit den edlen nicht gelebt.

Glücklich wir drum, alle die wir leben,

Die zu des Geliebten Schwelle gehn,

Und, von Kraft und Jugendglanz umgeben, Still erfreut sein leuchtend Auge sehn;

Die wir seinen edlen Worten lauschen,

Deren Zauber wunderbar beglückt,

Blick mit ihm und Händedrücke tauschen, Lebend so vom Lebenden erquickt.

Ja vom Lebenden, des seltne Tugend Herrlich sich zum Glück der Welt erweist; Vom Lebend’gen, dessen Kraft und Jugend Noch ein langes Bleiben uns verheißt.

Ja, wir traun den waltenden Dämonen,

Die ihn schützten, uns zum höchsten Glück. Gab ein Gott ihn uns von höh’ren Thronen, Ruf’ ein Gott ihn spät von uns zurück!

Zum Doppelfeste in der Loge Amalia 3./15. S tember 1826

Von Friedrich Peucer

Strahlen, die aus Osten stammen,

Künden hell den Morgen an,

Und des Tages reine Flammen Schimmern von des Äthers Plan;

Alle Wesen heben heiter Zu der Sonn’ ihr Angesicht,

Und sie strahlt und ziehet weiter,

Ewig groß und ewig licht.

Also im beglückten Lande,

Glänzt der Waltende hinaus,

Und in reichem Frohbestande Blüht sein fürstlich hohes Haus: Und er schaut auf seine Lieben, Wie sie grünen und gedeihn; Allen ist er nah geblieben,

Alle sonnt sein milder Schein.

Ja, wir sehn ihn lebenskräftig Führen den geweihten Stab,

Den, fürs Ganze früh geschäftig, Ihm die weise Mutter gab;

Erst vor wenig kurzen Horen Brach ein neuer Tag ihm an. Heil! er ist uns unverloren,

Ewig leuchte seine Bahn!

Aber Einen zieht es ferne,

Einen vielgeliebten Sohn;

Und er folgt dem guten Sterne, Spricht den Elementen Hohn; Mitten unter fremden Zungen Strebt und forscht er allerwärts; Dort empfängt er Huldigungen, In der Heimat bleibt sein Herz.

Und er kommt, er kehret wieder, Maurersinn in Hand und Blick, Und er tritt in unsre Lieder, Tritt in unser Fest zurück:

Unsre Säulen, unsre Hallen, Dieses Raumes heil’ge Ruh,

Alles läßt ihm Hoch! erschallen, Alles ruft’Willkommen! zu.

So nun, alhumjubelt, schreiten Fürst und Fürstensohn herein;

Einer Kette Zauber weihten Sie wie uns zu Brüdern ein.

Folgen wir vereint dem Hammer,

Der uns mahnt an Bundespflicht:

Eine Kette, eine Klammer Knüpf’ uns fest und wanke nicht!

Zum maurerischen Jubelfeste des ehrwürdigen Bruders J. W. von Goethe I. 23. Juni 1830

Von Friedrich Peucer

Die goldne Kugel schimmre heut

Im allerreichsten Prangen;

Sein Bild sei für die Ewigkeit Bei Sternen aufgehangen;

Der ew’ge Lorbeer kränz’ es ein.

O möchten wir so wahr, so rein,

Wie er uns dem Lichte weihn!

Die Zeit hat Flügel, flüchtig schwebt Dahin die vielgestalt’ge;

Wer klug sie nützet, der nur lebt,

Der ist der Allgewalt’ge.

Er fand den echten Edelstein:

Wir wollen, fern von falschem Schein,

Wie er uns der Weisheit weihn!

Und was da wird, und was erscheint, Gestalten, Blumen, Töne,

In allen webt und blüht vereint Doch einzig nur das Schöne;

Nur Anmut gibt dem Trieb Gedeihn.

Wir wollen alle, groß und klein,

Wie er uns der Schönheit weihn!

Was klug ersonnen, schön vollbracht,

Nur Stärke bringt ihm Dauer;

Dem Bau verleiht nur Geistesmacht Den Grund, die feste Mauer.

Dann mögen Stürm’ und Wogen dräun, Das Werk steht fest; drum stimmet ein: Wir wollen wie er uns der Stärke weihnl

Ein Jubelmaurerfest wie dies,

Nach fünfzig Sonnenwenden,

Macht unsem Saal zum Paradies.

Auf! den Pokal zu Händen!

In seiner Sterne Frühlingsschein,

Laßt uns dies volle Glas mit Wein

Dem blühenden Meister der Meister weihn!

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

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Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE
GOETHE UND DAS MAURERTUM
Goethe und die königliche Kunst – ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG
Ridels und der früher heimgegangenen Brüder Kästner, Krumbholz, Slevoigt und Jagemann Totenfeier in der Loge Amalia, am 15. Juni 1821

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst

(Die darein aufgenommenen Lebensskizzen der genannten Brüder sind hier weggelassen, da sie nicht von Goethe herrühren.

Die Betrachtung, die sich uns nur zu sehr aufdrängt: daß der Tod alles gleich mache, ist ernst, aber traurig und ohne Seufzer kaum auszusprechen; herzerhebend, erfreulich aber ist es, an einen Bund zu denken, der die Lebenden gleich macht, und zwar in dem Sinne, daß er sie zu vereintem Wirken aufruft, deshalb jeden zuerst auf sich selbst zurückweist und sodann auf das Ganze hinleitet.

Betrachten wir also die von uns abgeschiedenen Brüder, als wenn sie noch unter uns wären Auch sind sie noch unter uns, denn wir haben wechselseitig aufeinander gewirkt und, indem daraus grenzenlose Folgen sich entwickeln, deutet es auf ein ewiges Zusammensein.

Unser Bund hat viel Eigenes, wovon gegenwärtig nur das eine herausgehoben werden mag, daß, sobald wir uns versammeln, die entschiedenste Art von Gleichheit entsteht: denn nicht nur alle Vorzüge von Rang, Stand und Alter, Vermögen, Talenten treten zurück und verlieren sich in der Einheit, sondern auch die Individualität muß zurücktreten. Jeder sieht sich an der ihm angewiesenen Stelle gehalten. Dienender Bruder, Lehrling, Geselle, Meister, Beamte, alles fügt sich dem zugeteilten Platz und erwartet mit Aufopferung die Winke des Meisters vom Stuhl; man hört keinen Titel, die notwendigen Unterscheidungszeichen der Menschen im gemeinen Leben sind verschollen. Aber auch nichts wird berührt, was dem Menschen sonst am nächsten liegt, wovon er am liebsten hört und spricht; man vernimmt nichts von seinem Herkommen, nicht, ob er ledig oder verheiratet, vater- oder kinderlos, zu Hause glücklich oder unglücklich sei; von allem diesem wird nichts erwähnt, sondern jeder bescheidet sich, in würdiger Gesellschaft, in Betracht höherer, allgemeiner Zwecke, auf alles Besondere Verzicht zu tun.

Höchst bedeutend ist daher die Anstalt einer Trauerloge: hier ist es, wo die Individualität zum ersten Male hervortreten darf, hier lernen wir erst einander als Einzelne kennen; hier ist es, wo das bedeutende wie das unbedeutende Leben in seinen Eigenheiten erscheint, wo wir uns in dem Vergangenen bespiegeln, um auf unseren gegenwärtigen, lebendigen Wandel aufmerksam zu werden.

Wenige allgemeine Betrachtungen über die uns dargestellten Lebensereignisse von vier Brüdern, deren jeder in seiner Art unserem Bunde Ehre macht, wird man wohl hier erwarten dürfen. Der erste, in Armut und Niedrigkeit geboren, höhere Eigenschaften in sich fühlend, mit entschiedenem Willen die Ausbildung derselben erstrebend, einen mäßigen Zustand erreichend und in demselben selbständig, sich selbst beherrschend, seinen Vorsätzen, seiner Pflicht getreu, ein ruhiges Leben in Mittelmäßigkeit führend, gibt uns das schönste Beispiel eines aus sich selbst entwickelten, im engen Kreise tätigen, der Gesellschaft nützlichen, und kaum bemerkt vorübergehenden Mannes. Gerade dies sind Eigenschaften und Schicksale, die sich in der bürgerlichen Welt sehr oft wiederholen und überall, wo sie erscheinen, ein segenvolles Beispiel hinterlassen.

Der zweite, in einen leidlichen Zustand eintretend, fühlt schon in den Knabenjahren, daß es schwer sei, für sich selbst zu bestehen, daß vielmehr derjenige wohltut, der sich bald entschließt, zu eigener Erhaltung anderen zu dienen, um bei fortgesetztem guten Betragen sich an das Glück mehrbegünstigter Weltbürger mit angereiht zu sehen. Hier gelangt er denn über wenige Stufen in den Dienst einer vortrefflichen Fürstin, genießt den Vorteil ihrer Nähe zu den schönsten Zeiten, schließt zuletzt seine Laufbahn als dienender Bruder des hohen Bundes, und fühlt sich in die würdigste Einheit verschlungen: ein günstiges Schicksal, das er sich durch lebenslängliche Dienstfertigkeit wohl verdient hat.

Der dritte, im mittleren bürgerlichen Leben einen bequemen Weg geführt, findet zuletzt angemessene Stellen im Staate; er versieht sie mit Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und des Fürsten und hält sich gleichmäßig aus bis ans Ende. Aber die ihm obliegenden Geschäfte füllen seine Tätigkeit nicht aus, eine mäßige Einnahme reicht zu seinen Bedürfnissen nicht hin, und so bemüht er sich im weltbürgerlichen Sinne, durch Vieltätigkeit anderen zu dienen und vielleicht dadurch sich selbst zu nützen: aber keines von beiden gelingt in dem Grade, daß die doppelte Absicht erfüllt würde; wir bemerken seine Wirkung nach außen oft unterbrochen, gelähmt, und sehen ihn aus einer sorgenvollen Lage hinscheiden.

Der vierte gibt uns gleichfalls Anlaß zu ernsten Betrachtungen. Er war von Jugend auf durch Natur und Umstände begünstigt; als Knabe schön gebildet, Liebe und Neigung sich von früh auf erwerbend; aus dem Jünglinge entwickelte sich ein treffliches Künstlertalent; er lebte als treuer, heiterer Freund unter seinen Gesellen, zeigte sich als wackerer, kriegerischer Bürger, und in allen diesen Zuständen sieht er sich gefördert, jeden Wunsch erreicht, jeden Vorsatz begünstigt.

Betrachten wir ihn nun als Maurer, so fällt auch hier: jede Bemerkung zu seinen und unseren Gunsten. Mit Leidenschaft schloß er sich an unseren Bund; denn er fühlte darin die Ahnung dessen, was ihm sein Leben durch gefehlt hatte, dessen, was er bei dem besten Willen aus sich selbst zu entwickeln, bei sich selbst festzustellen nicht vermochte, einen gewissen Halt nämlich, ein Regulativ, woran er sich als Künstler messen, als Mensch, Freund und Liebender prüfen könnte. In unserem Bunde erschien ihm zum ersten Male das Ehrwürdige, das uns selbst Würde gibt, die alles umschlingende, aus lebenden Elementen geflochtene Kette, der Ernst einfacher, immer wiederkehrender und doch immer genügender und hinreichender Formen.

Dieser Eindruck auf das empfängliche Gemüt war so groß, daß er unseren Arbeiten niemals ohne Aufregung beiwohnen, ihrer niemals ohne Rührung gedenken konnte ; daß er in denselben Sitte, Gesetz, Religion zu fühlen und vorzuempfinden glaubte, und zwar in dem Grade, daß er in seinen letzten Augenblicken als höchste Beruhigung empfand, einem Bruder die Hand zu drücken und den übrigen Verbundenen einen traurig-dankbaren Gruß zu senden. Ja man kann überzeugt sein, daß, wäre er früher in unsere Verbindung getreten, ihm dasjenige geworden wäre, was man an ihm zu vermissen hatte.

Und hiermit lasset uns zum Schlüsse eilen; denn sowohl über ihn als sonstige Abgeschiedene eigentlich Gericht zu halten, möchte niemals der Billigkeit gemäß] sein. Wir leiden alle am‘ Leben; wer will uns, außer Gott, zur Rechenschaft ziehen? Tadeln darf man keinen Abgeschiedenen; nicht was sie gefehlt und gelitten, sondern was sie geleistet und getan, beschäftige die Hinterbliebenen. An den Fehlern erkennt man den Menschen, an den Vorzügen den einzelnen; Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

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Goethe und die königliche Kunst – ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG

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Goethe und die königliche Kunst

2. ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG

A. LOGENREDEN

Zu brüderlichem Andenken Wielands Eine in der Trauerloge gehaltene Rede

(Über die vor der Trauerfeier gepflogenen Verhandlungen zwischen Goethe und Ridel ist auf S. 45 berichtet worden.)

Durchlauchtigster Protektor, sehr ehrwürdiger Meister, verehrungswürdigste Anwesende!

Ob es gleich dem einzelnen unter keiner Bedingung geziemen will, alten ehrwürdigen Gebräuchen sich entgegenzustellen und das, was unsere weisen Vorfahren beliebt und angeordnet, eigenwillig zu verändern, so würde ich doch, stände mir der Zauberstab wirklich zu Gebote, den die Muse unserem abgeschiedenen Freunde geistig anvertraut, ich würde diese ganze düstere Umgebung augenblicklich in eine heitere verwandeln: dieses Finstere müßte sich gleich vor Ihren Augen erhellen, und ein festlich geschmückter Saal mit bunten Teppichen und munteren Kränzen, so froh und klar als das Leben unseres Freundes, sollte vor Ihnen erscheinen. Da möchten die Schöpfungen seiner blühenden Phantasie Ihre Augen, Ihren Geist anziehen, der Olymp mit seinen Göttern, eingeführt durch die Musen, geschmückt durch die Grazien, sollte zum lebendigen Zeugnis dienen, daß derjenige, der in so heiterer Umgebung gelebt und dieser Heiterkeit gemäß auch von uns geschieden, unter die glücklichsten Menschen zu zählen und keineswegs mit Klage, sondern mit Ausdruck der Freude und des Jubels zu bestatten sei.

Was ich jedoch den äußeren Sinnen nicht darstellen kann, sei den inneren dargebracht. Achtzig Jahre — wie viel in wenigen Silben! Wer von uns wagt es, in der Geschwindigkeit zu durchlaufen und sich zu vergegenwärtigen, was so viele Jahre, wohl angewandt, bedeuten ? Wer von uns möchte behaupten, daß er den Wert eines in jedem Betracht vollständigen Lebens sogleich zu ermessen und zu schätzen wisse?

Begleiten wir unsem Freund auf dem Stufengange seiner Tage, sehen wir ihn als Knaben, Jüngling, Mann und Greis, so finden wir, daß ihm das ungemeine Glück zuteil ward, die Blüte einer jeden dieser Jahreszeiten zu pflücken; denn auch das hohe Alter hat seine Blüte, und auch dieser auf das heiterste sich zu erfreuen war ihm gegönnt. Nur wenig Monate sind es, als die verbundenen Brüder ihre geheimnisvolle Sphinx für ihn mit Rosen bekränzten, um auszudrücken, daß wenn Anakreon, der Greis, seine erhöhte Sinnlichkeit mit leichten Rosenzweigen zu schmücken unternahm, die sittliche Sinnlichkeit, die gemäßigte, geistreiche Lebensfreude unseres Edlen einen reichen, gedrängt gewundenen Kranz verdiene.

Wenige Wochen sind es, daß dieser treffliche Freund noch unseren Zusammenkünften nicht nur beiwohnte, sondern auch in ihnen tätig wirkte. Er hat seinen Ausgang aus dem Irdischen durch unseren Kreis ^hindurch genommen; wir waren ihm auch noch zuletzt die Nächsten, und wenn das Vaterland, sowie das Ausland, sein Andenken feiert, wo sollte dies früher und kräftiger geschehen als bei uns!

Den ehrwürdigen Geboten unserer Meister habe ich mich daher nicht entziehen dürfen, und spreche in dieser angesehenen Versammlung zu seinem Andenken um so lieber einige Worte, als sie flüchtige. Vorläufer sein können dessen, was künftig die Welt, was unsere Verbrüderung für ihn tun wird. Diese Gesinnung ist’s, diese Absicht, um derentwillen ich mir einiges Gehör erbitten darf; und wenn dasjenige, was ich mehr aus einer fast vierzig Jahre geprüften Neigung, als aus rednerischer Überlegung, keineswegs in gehöriger Verbindung, sondern vielmehr in kurzen Sätzen, ja sprungweise vortrage, weder des Gefeierten, noch der Feiernden würdig erscheinen dürfte, so muß ich bemerken, daß hier nur eine Vorarbeit, ein Entwurf, ja nur der Inhalt und, wenn man will, Marginalien eines künftigen Werkes zu erwarten seien. Und so werde denn, ohne weiteres Zaudern, zu dem uns so lieben, werten, ja heiligen Gegenstand geschritten!

Wieland war in der Nähe von Biberach, einer kleinen Reichsstadt in Schwaben, 1733 geboren. Sein Vater, ein evangelischer Geistlicher, gab ihm eine sorgfältige Erziehung und legte bei ihm den ersten Grund der Schulkenntnisse. Hierauf ward er nach Kloster Bergen an der Elbe gesendet, wo eine Erziehungs- und Lehranstalt, unter der Aufsicht des wahrhaft frommen Abtes Steinmetz, in gutem Rufe stand. Von da begab er sich auf die Universität zu Tübingen; sodann lebte er einige Zeit als Hauslehrer in Bern, ward aber bald nach Zürich zu Bodmern gezogen, den man in Süddeutschland, wie Gleimen nachher in Norddeutschland, die Hebamme des Genies nennen konnte. Dort überließ er sich ganz der Lust, welche das Selbsthervorbringen der Jugend verschafft, wenn das Talent unter freundlicher Anleitung sich ausbildet, ohne daß die höheren Forderungen der Kritik dabei zur Sprache kommen. Doch entwuchs er bald jenen Verhältnissen, kehrte in seine Vaterstadt zurück und ward von nun an sein eigener Lehrer und Bildner, indem er auf das rastloseste seine literarisch poetische Neigung fortsetzte. Die mechanischen Amtsgeschäfte eines Vorstehers der Kanzlei raubten ihm zwar Zeit, aber nicht Lust und Mut, und damit ja sein Geist in so engen Verhältnissen nicht verkümmerte, wurde er dem in der Nähe begüterten Grafen Stadion, kurfürstlich Mainzischem Minister, bekannt. In diesem angesehenen, wohleingerichteten Hause wehte ihn zuerst die Welt- und Hofluft an; innere und äußere Staatsverhältnisse blieben ihm nicht fremd, und ein Gönner für das ganze Leben ward ihm der Graf. Hierdurch blieb er dem Kurfürsten von Mainz nicht unbekannt, und als unter Emmerich Joseph die Akademie zu Erfurt wieder belebt werden sollte, so berief man unsern Freund dahin und betätigte dadurch die duldsamen Gesinnungen, welche sich über alle christlichen Religionsverwandten, ja über die ganze Menschheit, vom Anfänge des Jahrhunderts her verbreitet.

Er konnte nicht lange in Erfurt wirken, ohne der Herzogin Regentin von Weimar bekannt zu werden, wo ihn der für alles Gute so tätige Karl von Dalberg einzuführen nicht ermangelte. Ein auslangend bildender Unterricht ihrer fürstlichen Söhne war das Hauptaugenmerk einer zärtlichen, selbst höchst gebildeten Mutter, und so ward er herüberberufen, damit er seine literarischen Talente, seine sittlichen Vorzüge zum Besten des fürstlichen Hauses, zu unserm Wohl und zum JVohl des Ganzen verwendete. Die ihm nach Vollendung des Erziehungsgeschäftes zugesagte Ruhe wurde ihm sogleich gegeben, und als ihm eine mehr als zugesagte Erleichterung seiner häuslichen Umstände zuteil ward, führte er seit beinahe vierzig Jahren ein seiner Natur und seinen Wünschen völlig gemäßes Leben.

Die Wirkungen Wielands auf das Publikum waren ununterbrochen und dauernd. Er hat sein Zeitalter sich zugebildet, dem Geschmack seiner Jahresgenossen sowie ihrem Urteil eine entschiedene Richtung gegeben, dergestalt, daß seine Verdienste schon genugsam erkannt, geschätzt, ja geschildert sind. In manchem Werke über deutsche Literatur ist so ehrenvoll als sinnig über ihn gesprochen; ich gedenke nur dessen, was Küttner, Eschenburg, Manso, Eichhorn von ihm gerühmt haben.

Und woher kam die große Wirkung, welche er auf die Deutschen ausübte? Sie war eine Folge der Tüchtigkeit und der Offenheit seines Wesens. Mensch und Schriftsteller hatten sich in ihm ganz durchdrungen, er dichtete als ein Lebender und lebte dichtend. In Versen und Prosa verhehlte er niemals, was ihm augenblicklich zu Sinne, wie es ihm jedesmal zumute sei, und so schrieb er auch urteilend und urteilte schreibend. Aus der Fruchtbarkeit seines Geistes entquoll die Fruchtbarkeit seiner Feder.

Ich bediene mich des Ausdrucks Feder nicht als einer rednerischen Phrase; er gilt hier ganz eigentümlich, und wenn eine fromme Verehrung manchem Schriftsteller dadurch huldigte, daß sie sich eines Kiels, womit er seine Werke gebildet, zu bemächtigen suchte, so dürfte der Kiel, dessen sich Wieland bediente, gewiß vor vielen dieser Auszeichnung würdig sein. Denn daß er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, daß er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja, nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Faßliche, das Natürlichelegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere, geniale Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann.

Diese sorgfältige Bearbeitung seiner Schriften entsprang aus einer frohen Überzeugung, welche zu Ende seines schweizerischen Aufenthaltes in ihm mag hervorgetreten sein, als die Ungeduld des Hervorbringens sich in etwas legte, und der Wunsch, ein Vollendetes dem Gemeinwesen darzubringen, entschiedener und deutlicher rege ward.

Da nun bei ihm der Mann und der Dichter eine Person ausmachten, so werden wir, wenn wir von jenem reden, auch diesen zugleich schildern. Reizbarkeit und Beweglichkeit, Begleiterinnen dichterischer und rednerischer Talente, beherrschten ihn in einem hohen Grade; aber eine mehr angebildete als angeborene Mäßigung hielt ihnen das Gleichgewicht. Unser Freund war des Enthusiasmus im höchsten Grade fähig, und in der Jugend gab er sich ihm ganz hin, und dieses um so lebhafter und anhaltender, als jene schöne Zeit, in welcher der Jüngling den Wert und die Würde des Vortrefflichsten, es sei erreichbar oder unerreichbar, in sich fühlt, für ihn sich durch mehrere Jahre verlängerte.

Jene frohen, reinen Gefilde der goldenen Zeit, jene Paradiese der Unschuld, bewohnte er länger als andere. Sein Geburtshaus, wo ein gebildeter Geistlicher als Vater waltete, das uralte, an den Ufern der Elbe lindenumgebene Kloster Bergen, wo ein frommer Lehrer patriarchalisch wirkte, das in seinen Grundformen noch klösterliche Tübingen, jene einfachen Schweizerwohnungen, umrauscht von Bächen, bespült von Seen, umschlossen von Felsen — überall fand er sein Delphi wieder; überall die Plaine, in denen er, als ein schon erwachsener gebildeter Jüngling, noch immer schwelgte. Dort zogen ihn die Denkmale mächtig an, die uns von der männlichen Unschuld der Griechen hinterlassen sind. Cyrus, Araspes und Panthea und gleich hohe Gestalten lebten in ihm auf, er fühlte den platonischen Geist in sich wehen, er fühlte, daß er dessen bedurfte, um jene Bilder für sich und für andere wiederherzustellen, und dieses um so eher, als er nicht sowohl dichterische Schattenbilder hervorrufen, sondern vielmehr wirklichen Wesen einen sittlichen Einfluß zu verschaffen hoffte. Aber gerade daß er so lange in diesen höheren Regionen zu verweilen das Glück hatte, daß er alles, was er dachte, fühlte, in sich bildete, träumte, wähnte, lange Zeit für die vollkommenste Wirklichkeit halten durfte, eben dieses verbitterte ihm die Frucht, die er von dem Baum des Erkenntnisses zu pflücken endlich genötigt ward.

Wer kann dem Konflikt mit der Außenwelt entgehen? Auch unser Freund wird in diesen Streit hineingezogen; ungern läßt er sich durch Erfahrung und Leben widersprechen, und da ihm nach langem Sträuben nicht gelingen will, jene herrlichen Gestalten mit denen der gemeinen Welt, jenes hohe Wollen mit den Bedürfnissen des Tages zu vereinigen, entschließt er sich, das Wirkliche für das Notwendige gelten zu lassen, und erklärt das ihm bisher Wahrgeschienene für Phantasterei.

Aber auch hier zeigt sich die Eigentümlichkeit, die Energie seines Geistes bewundernswürdig. Bei aller Lebensfülle, bei so starker Lebenslust, bei herrlichen inneren Anlagen, bei redlichen geistigen Wünschen und Absichten, fühlt er sich von der Welt verletzt und um seine größten Schätze bevorteilt. Nirgends kann er nunmehr in der Erfahrung wiederfinden, was so viele Jahre sein Glück gemacht hatte, ja der innigste Bestand seines Lebens gewesen war; aber er verzehrt sich nicht in eitlen Klagen, deren wir in Prosa und Versen von andern so viele kennen, sondern er entschließt sich zur Gegenwirkung. Er kündigt allem, was sich in der Wirklichkeit nicht immer nachweisen läßt, den Krieg an, zuvörderst also der platonischen Liebe, sodann aller dogmatisierenden Philosophie, besonders den beiden Extremen, der stoischen und pythagoreischen. Unversöhnlich arbeitet er ferner dem religiösen Fanatismus und allem, was dem Verstände exzentrisch erscheint, entgegen.

Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, er möge zu weit gehen, er möge selbst phantastisch handeln, und nun beginnt er zugleich einen Kampf gegen die gemeine Wirklichkeit. Er lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterei, kleinstädtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falsche Sprödigkeit, platte Behaglichkeit, anmaßliche Würde, und wie diese Ungeister, deren Name Legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen. Hierbei verfährt er durchaus genialisch, ohne Vorsatz und Selbstbewußtsein. Er findet sich in der Klemme zwischen dem Denkbaren und dem Wirklichen, und indem er beide zu gewältigen oder zu verbinden Mäßigung an-raten muß, so muß er selbst an sich halten, und, indem er gerecht sein will, vielseitig werden.

Die verständige, reine Rechtlichkeit edler Engländer und ihre Wirkung in der sittlichen Welt, eines Addison, eines Steele, hatten ihn schon längst angezogen; nun findet er aber in dieser Genossenschaft einen Mann, dessen Sinnesart ihm weit gemäßer ist. Shaftesbury, den ich nur zu nennen brauche, um jedem Gebildeten einen trefflichen Denker ins Gedächtnis zu rufen. Shaftesbury lebte zu einer Zeit, wo in der Religion seines Vaterlandes manche Bewegung vorging; wo die herrschende Kirche mit Gewalt die Andersgesinnten zu bezähmen dachte. Auch den Staat, die Sitten bedrohte manches, was einen Verständigen, Wohldenkenden in Sorge setzen muß. Gegen alles dieses, glaubte er, sei am besten durch Frohsinn zu wirken; nur das, was man mit Heiterkeit ansehe, werde man recht sehen, war seine Meinung. Wer mit Heiterkeit in seinen eigenen Busen schauen könne, müsse ein guter Mann sein. Darauf komme alles an, und alles übrige Gute entspringe daher. Geist, Witz, Humor seien die echten Organe, womit ein solches Gemüt die Welt anfasse. Alle Gegenstände, selbst die ernstesten, müßten eine solche Klarheit und Freiheit vertragen, wenn sie nicht mit einer nur anmaßlichen Würde prunkten, sondern einen echten, die Probe nicht scheuenden Wert in sich selbst enthielten. Bei diesem geistreichen Versuch, die Gegenstände zu gewältigen, konnte man nicht umhin, sich nach entscheidenden Behörden umzusehen, und so ward einerseits der Menschenverstand über den Inhalt und der Geschmack über die Art des Vortrages zum Richter gesetzt.

An einem solchen Manne fand nun unser Wieland nicht einen Vorgänger, dem er folgen, nicht einen Genossen, mit dem er arbeiten sollte, sondern einen wahrhaften älteren Zwillingsbruder im Geiste, dem er vollkommen glich, ohne nach ihm gebildet zu sein; wie man denn von Menächmen nicht sagen könnte, welcher das Original und welcher die Kopie sei.

Was jener, in einem höheren Stande geboren, an zeitlichen Mitteln mehr begabt, durch Reisen, Ämter, Weltumsicht mehr begünstigt, in einem weiteren Kreise, zu einer ernsteren Zeit, in dem meerumflossenen England leistete, eben dieses bewirkte unser Freund von einem anfangs sehr beschränkten Punkte aus, durch eine beharrliche Tätigkeit, durch ein stetiges Wirken in seinem, überall von Land und Bergen umgrenzten Vaterlande, und das Resultat davon war, damit wir uns bei unserm gedrängten Vortrage eines kurzen, aber allgemein verständlichen Wortes bedienen, jene Popularphilosophie, wodurch ein praktisch geübter Sinn zum Urteil über den moralischen Wert der Dinge sowie über ihren ästhetischen zum Richter bestellt wird. Diese, in England vorbereitet und auch in Deutschland durch Umstände gefordert, ward also durch dichterische und gelehrte Werke, ja durchs Leben selbst, von unserem Freunde in Gesellschaft von unzähligen Wohlgesinnten verbreitet.

Haben wir jedoch, insofern von Ansicht, Gesinnung, Übersicht die Rede sein kann, Shaftesbury und Wieland vollkommen ähnlich gefunden, so war doch dieser jenem an Talent weit überlegen; denn was der Engländer verständig lehrt und wünscht, das weiß der Deutsche, in Versen und Prosa, dichterisch und rednerisch auszuführen.

Zu dieser Ausführung aber mußte ihm die französische Behandlungsweise am meisten Zusagen. Heiterkeit, Witz, Geist, Eleganz ist in Frankreich schon vorhanden: seine blühende Einbildungskraft, welche sich jetzt nur mit leichten und frohen Gegenständen beschäftigen will, wendet sich nach den Feen- und Rittermärchen, welche ihm die größte Freiheit gewähren. Auch hier reicht ihm Frankreich in der Tausend und einen Nacht, in der Romanbibliothek schon halb verarbeitete, zugerichtete Stoffe, indessen die alten Schätze dieses Fachs, welche Deutschland besitzt, noch roh und ungenießbar dalagen.

Gerade diese Gedichte sind es, welche Wielands Ruhm am meisten verbreiteten und bestätigten. Ihre Munterkeit fand bei jedermann Eingang, und selbst die ernstesten Deutschen ließen sie sich gefallen: denn alle diese Werke traten wirklich zur rechten und günstigen Zeit hervor. Sie waren alle in dem Sinne geschrieben, den wir oben entwickelt haben. Oft unternahm der glückliche Dichter das Kunststück, ganz gleichgültigen Stoffen durch die Bearbeitung einen hohen Wert zu geben; und wenn es nicht zu leugnen ist, daß er bald den Verstand über die höheren Kräfte, bald die Sinnlichkeit über die sittlichen triumphieren läßt, so muß man doch auch gestehen, daß am rechten Ort alles, was schöne Seelen nur zieren mag, die Oberhand behalte.

Früher, wo nicht als alle, doch als die meisten dieser Arbeiten, war die Übersetzung Shakespeares. Wieland fürchtete nicht, durch Studien seiner Originalität Eintrag zu tun, ja schon früh war er überzeugt, daß, wie durch Bearbeitung schon bekannter Stoffe, so auch durch Übersetzung vorhandener Werke, ein lebhafter reicher Geist die beste Erquickung fände. Shakespeare zu übersetzen, war in jenen Tagen ein kühner Gedanke, weil selbst gebildete Literatoren die Möglichkeit leugneten, daß ein solches Unternehmen gelingen könne. Wieland übersetzte mit Freiheit, erhaschte den Sinn seines Autors, ließ beiseite, was ihm nicht übertragbar schien, und so gab er seiner Nation einen allgemeinen Begriff von den herrlichsten Werken einer anderen, seinem Zeitalter die Einsicht in die hohe Bildung vergangener Jahrhunderte. Diese Übersetzung, so eine große Wirkung sie in Deutschland hervorbrachte, schien auf Wieland selbst wenig Einfluß gehabt zu haben. Er stand mit seinem Autor allzusehr in Widerstreit, wie man genugsam erkennt aus den übergangenen und ausgelassenen Stellen, mehr noch aus den hinzugefügten Noten, aus welchen die französische Sinnesart hervorblickt.

Andrerseits aber sind ihm die Griechen, in ihrer Mäßigung und Reinheit, höchst schätzbare Muster. Er fühlt sich mit ihnen durch Geschmack verbunden; Religion, Sitten, Verfassung, alles gibt ihm Anlaß, seine Vielseitigkeit zu üben, und da weder die Götter noch die Philosophen, weder das Volk noch die Völker, so wenig als die Staats- und Kriegsleute sich untereinander vertragen, so findet er überall die erwünschteste Gelegenheit, indem er zu zweifeln und zu scherzen scheint, seine billige, duldsame, menschliche Lehre wiederholt einzuschärfen.

Zugleich gefällt er sich, problematische Charaktere darzustellen, und es macht ihm z. B. Vergnügen, ohne Rücksicht auf weibliche Keuschheit, das Liebenswürdige einer Musarion, Lais und Phryne hervorzuheben, und ihre Lebensweisheit über die Schulweisheit der Philosophen zu erhöhen.

Aber auch unter diesen findet er einen Mann, den er als Repräsentanten seiner Gesinnungen ausbilden und darstellen kann, ich meine Aristippen. Hier sind Philosophie und Weltgenuß durch eine kluge Begrenzung so heiter und wünschenswert verbunden, daßi man sich als Mitlebender in einem so schönen Lande, in so guter Gesellschaft zu finden wünscht. Man tritt so gern mit diesen unterrichteten, wohldenkenden, gebildeten, frohen Menschen in Verbindung, ja man glaubt, solange man in Gedanken unter ihnen wandelt, auch wie sie gesinnt zu sein, wie sie zu denken. In diesen Bezirken erhielt sich unser Freund durch sorgfältige Vorübungen, welche dem Übersetzer noch mehr als dem Dichter notwendig sind; und so entstand der deutsche Lucian, der uns den griechischen um desto lebhafter darstellen mußte, als Verfasser und Übersetzer für wahrhafte Geistesverwandte gelten können.

Ein Mann von solchen Talenten aber, predige er auch noch so sehr das Gebührende, wird sich doch manchmal versucht fühlen, die Linie des Anständigen und Schicklichen zu überschreiten, da von jeher das Genie solche Wagstücke unter seine Gerechtsame gezählt hat. Diesen Trieb befriedigte Wieland, indem er sich dem kühnen, außerordentlichen Aristophanes anzugleichen suchte, und die ebenso verwegenen als geistreichen Scherze durch eigene angeborene Grazie gemildert überzutragen wußte.

Freilich war zu allen diesen Darstellungen auch eine Einsicht in ‚die höhere bildende Kunst nötig, und da unserm Freund niemals das Anschauen jener überbliebenen alten Meisterwerke gegönnt ward, so suchte er durch den Gedanken sich zu ihnen zu erheben, sie durch die Einbildungskraft zu vergegenwärtigen, dergestalt, daß man bewundern muß, wie der vorzügliche Geist sich auch von dem Entfernten einen Begriff zu machen weiß; ja es würde ihm vollkommen gelungen sein, hätte ihn nicht eben seine lobenswerte Behutsamkeit abgehalten, entschiedene Schritte zu tun: denn die Kunst überhaupt, besonders aber die der Alten, läßt sich ohne Enthusiasmus weder fassen noch begreifen. Wer nicht mit Erstaunen und Bewunderung anfangen will, der findet nicht den Zugang in das innere Heiligtum. Unser Freund aber war viel zu bedächtig, und wie hätte er auch in diesem einzigen Falle eine Ausnahme von seiner allgemeinen Lebensregel machen sollen ?

War er jedoch mit den Griechen durch Geschmack nahe verwandt, so war er es mit den Römern noch mehr durch Gesinnung. Nicht daß er sich durch republikanischen oder patriotischen Eifer hätte hinreißen lassen, sondern er findet, wie er sich den Griechen gewissermaßen nur andichtete, unter den Dichtern wirklich seinesgleichen. Horaz hat viel Ähnliches von ihm; selbst kunstreich, selbst Hof- und Weltmann ist er ein verständiger Beurteiler des Lebens und der Kunst; Cicero Philosoph, Redner, Staatsmann, tätiger Bürger, und beide aus unscheinbaren Anfängen zu großen Würden und Ehren gelangt.

Wie gern mag sich unser Freund, indem er sich mit den Werken dieser beiden Männer beschäftigt, in ihr Jahrhundert, in ihre Umgebungen, zu ihren Zeitgenossen versetzen, um uns ein anschauliches Bild jener Vergangenheit zu übertragen, und es gelingt ihm zum Erstaunen. Vielleicht könnte man im ganzen mehr Wohlwollen gegen die Menschen verlangen, mit denen er sich beschäftigt; aber er fürchtet sich so sehr vor der Parteilichkeit, daß er lieber gegen sie als für sie Partei nehmen mag.

Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, daß der Autor einer fremden Nation zu uns herübergebracht werde, dergestalt, daß wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wir uns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allen gebildeten Menschen genugsam bekannt. Unser Freund, der auch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden bemüht; doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack in zweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.

Niemand hat vielleicht so innig empfunden, welch verwickeltes Geschäft eine Übersetzung sei, als er. Wie tief war er überzeugt, daß nicht das Wort, sondern der Sinn belebe. Man betrachte, wie er in seinen Einleitungen uns erst in die Zeit zu versetzen und mit den Personen vertraut zu machen bemüht ist, wie er alsdann seinen Autor auf eine uns schon bekannte, unserem Sinn und Ohr verwandte Weise sprechen läßt, und zuletzt noch manche Einzelheit, welche dunkel bleiben, Zweifel erregen, anstößig werden könnte, in Noten auszulegen und zu beseitigen sucht. Durch diese dreifache Bemühung, sieht man recht wohl, hat er sich erst seines Gegenstandes bemächtigt, und so gibt er sich denn auch die redlichste Mühe, uns in den Fall zu setzen, daß seine Einsicht uns mitgeteilt werde, auf daß wir auch den Genuß mit ihm teilen.

Ob er nun gleich mehrerer Sprachen mächtig war, so hielt er sich doch fest an die beiden, in denen uns der Wert und die Würde der Vorwelt am reinsten überliefert ist. Denn so wenig wir leugnen wollen, daß aus den Fundgruben anderer alten Literaturen mancher Schatz gefördert worden und noch zu fördern ist, so wenig wird man uns widersprechen, wenn wir behaupten, die Sprache der Griechen und Römer habe uns bis auf den heutigen Tag köstliche Gaben überliefert, die an Gehalt dem übrigen Besten gleich, der Form nach allem andern vorzuziehen sind.

Die deutsche Reichsverfassung, welche so viele kleine Staaten in sich begriff, ähnlichte darin der griechischen.

Die geringste, unscheinbare, ja unsichtbare Stadt, weil sie ein eigenes Interesse hatte, mußte solches in sich hegen, erhalten und gegen die Nachbarn verteidigen. Daher war ihre Jugend frühzeitig aufgeweckt und aufgefordert, über Staats Verhältnisse nachzudenken. Und so war auch Wieland, als Kanzleiverweser einer der kleinsten Reichsstädte, in dem Fall, Patriot und im besseren Sinne Demagog zu sein, wie er denn einmal über einen solchen Gegenstand die zeitige Ungnade des benachbarten Grafen Stadion, seines Gönners, lieber auf sich zu ziehen als unpatriotisch nachzugeben die Entschließung faßte.

Schon sein Agathon belehrt uns, daß er auch in diesem Fach geregelten Gesinnungen den Vorzug gab; indes gewann er doch Gegenständen so viel Anteil ab, daß alle seine Beschäftigungen und Neigungen in der Folge ihn nicht hinderten, über dieselben zu denken. Besonders fühlte er sich aufs neue dazu aufgefordert, als er sich einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung hoffnungsvoller Fürsten versprechen durfte.

Aus allen den Werken, die er in dieser Art geliefert, tritt ein weltbürgerlicher Sinn hervor, und da sie in einer Zeit geschrieben sind, wo die Macht der Alleinherrschaft noch nicht erschüttert war, so ist sein Hauptgeschäft, den Machthabern ihre Pflichten dringend vorzustellen und sie auf das Glück hinzuweisen, das sie in dem Glück der Ihrigen finden sollten. Nun aber trat die Epoche ein, in der eine aufgeregte Nation alles bisher Bestandene niederriß und die Geister aller Erdbewohner zu einer allgemeinen Gesetzgebung zu berufen schien. Auch hierüber erklärt er sich mit umsichtiger Bescheidenheit und sucht durch verständige Vorstellungen, die er unter mancherlei Formen verkleidet, irgend ein Gleichgewicht in der bewegten Menge hervorzubringen. Da aber der Tumult der Anarchie immer heftiger wird, und eine freiwillige Vereinigung der Masse undenkbar erscheint, so ist er der erste, der die Einherrschaft wieder anrät und den Mann bezeichnet, der das Wunder der Wiederherstellung vollbringen werde.

Bedenkt man nun hierbei, daß unser Freund über diese Gegenstände nicht etwa hinterdrein, sondern gleichzeitig geschrieben, und als Herausgeber eines vielgelesenen Journals Gelegenheit hatte, ja genötigt war, sich monatlich aus dem Stegreife vernehmen zu lassen, so wird derjenige, der seinem Lebensgange chronologisch zu folgen berufen ist, nicht ohne Bewunderung gewahr werden, mit welcher Aufmerksamkeit er den raschen Begebenheiten des Tages folgte, und mit welcher Klugheit er sich als ein Deutscher und als ein denkender teilnehmender Mann durchaus benommen hat. Und hier ist es der Ort, der für Deutschland so wichtigen Zeitschrift, des Teutschen Merkurs, zu gedenken. Dieses Unternehmen war nicht das erste in seiner Art, aber doch zu jener Zeit neu und bedeutend. Ihm verschaffte sogleich der Name des Herausgebers ein großes Zutrauen: denn daß ein Mann, der selbst dichtete, auch die Gedichte anderer in die Welt einzuführen versprach, daß ein Schriftsteller, dem man so herrliche Werke verdankte, selbst urteilen, seine Meinung öffentlich bekennen wollte, dies erregte die größten Hoffnungen. Auch versammelten sich wertvolle Männer bald um ihn her, und dieser Verein vorzüglicher Literatoren wirkte so viel, daß man durch mehrere Jahre hin sich des Merkurs als Leitfadens in unserer Literar-geschichte bedienen kann. Auf das Publikum überhaupt war die Wirkung groß und bedeutend; denn wenn auf der einen Seite das Lesen und Urteilen über eine größere Masse sich verbreitete, so ward auch die Lust, sich augenblicklich mitzuteilen, bei einem jeden rege, der irgend etwas zu geben hatte. Mehr als er erwartete und verlangte, floß dem. Herausgeber zu; sein Glück weckte Nachahmer; ähnliche Zeitschriften entstanden, die erst monatlich, dann wochen- und tageweise sich ins Publikum drängten und endlich jene babylonische Verwirrung hervorbrachten, von der wir Zeuge waren und sind, und die eigentlich daher entspringt, daß jedermann reden und niemand hören will.

Was den Wert und die Würde des Teutschen Merkurs viele Jahre hindurch erhielt, war die dem Herausgeber desselben angeborene Liberalität. Wieland war nicht zum Parteihaupt geschaffen; wer die Mäßigung als Hauptmaxime anerkennt, darf sich keiner Einseitigkeit schuldig machen. Was seinen regen Geist aufreizte, suchte er durch Menschenverstand und Geschmack bei sich selbst ins Gleiche zu bringen, und so behandelte er auch seine Mitarbeiter, für die er sich keineswegs enthusiasmierte; und wie er die von ihm so hoch geachteten alten Autoren, indem er sie mit Sorgfalt übersetzte, doch öfters in den Noten zu bekriegen pflegte, so machte er auch oft geschätzte, ja geliebte Mitarbeiter durch mißbilligende Noten verdrießlich, ja sogar abwendig.

Schon früher hatte unser Freund wegen größerer und kleinerer Schriften gar manche Anfeindung leiden müssen; um so weniger konnte es ihm als Herausgeber einer Zeitschrift an literarischen Fehden ermangeln. Aber auch hier beweist er sich als immer derselbe. Ein solcher Federkrieg darf ihm niemals lange dauern, und wie sich’s einigermaßen in die Länge ziehen will, so läßt er dem Gegner das letzte Wort und geht seines gewohnten Pfades.

Ausländer haben scharfsinnig bemerkt, daß deutsche Schriftsteller weniger als die Autoren anderer Nationen auf das Publikum Rücksicht nehmen, und daß man daher in ihren Schriften den Menschen, der sich selbst ausbildet, den Menschen, der sich selbst etwas zu Danke machen will, und folglich den Charakter desselben, gar bald abnehmen könne. Diese Eigenschaft haben wir schon oben Wieland besonders zugeschrieben, und es wird um so interessanter sein, seine Schriften wie sein Leben in diesem Sinne zu reihen und zu verfolgen, als man früher und später den Charakter unseres Freundes aus eben diesen Schriften verdächtig zu machen suchte. Gar viele Menschen sind noch jetzt an ihm irre, weil sie sich vorstellen, der Vielseitige müsse gleichgültig und der Bewegliche wankelmütig sein. Man bedenkt nicht, daß der Charakter sich nur durchaus aufs Praktische beziehe. Nur in dem, was der Mensch tut, zu tun fortfährt, worauf er beharrt, darin zeigt er Charakter, und in diesem Sinne hat es keinen festeren, sich selbst immer gleicheren Mann gegeben als Wieland. Wenn er sich der Mannigfaltigkeit seiner Empfindungen, der Beweglichkeit seiner Gedanken überließ, keinem einzelnen Eindruck Herrschaft über sich erlauben wollte, so zeigte er eben dadurch die Festigkeit und Sicherheit seines Sinnes. Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen, aber — ich kann alle Mitlebenden als Zeugen auffordern — niemals mit seinen Gesinnungen. Und so erwarb er sich viele Freunde und erhielt sie. Daß er irgend einen entschiedenen Feind gehabt, ist mir nicht bekannt geworden. v Im Genuß seiner dichterischen Arbeiten lebte er viele Jahre in städtischer, bürgerlicher, freundlich-geselliger Umgebung und erreichte die Auszeichnung eines vollständigen Abdrucks seiner sorgfältig durchgesehenen Werke, ja einer Prachtausgabe derselben.

Aber er sollte noch im Herbst seiner Jahre den Einfluß des Zeitgeistes empfinden und auf eine nicht vorzusehende Weise ein neues Leben, eine neue Jugend beginnen. Der Segen des holden Friedens hatte lange Zeit über Deutschland gewaltet, äußere allgemeine Sicherheit und Ruhe traf mit den inneren, menschlichen, weltbürgerlichen Gesinnungen gar schön zusammen. Der friedliche Städter schien seiner Mauern nicht mehr zu bedürfen, man entzog sich ihnen, man sehnte sich aufs Land. Die Sicherheit des Grundbesitzers gab jedermann Vertrauen, das freie Naturleben zog jedermann an; und wie der gesellig geborene Mensch sich öfters den süßen Trug vorbilden kann, als lebe er besser, bequemer, froher in der Abgesondertheit, so schien auch Wieland, dem bereits die höchste literarische Muße gegönnt war, sich nach einem noch musenhaft ruhigeren Aufenthalt umzusehen; und als er gerade in der Nähe von Weimar sich ein Landgut zuzueignen Gelegenheit und Kräfte fand, faßte er den Entschluß, daselbst den Rest seines Lebens zuzubringen. Und hier mögen die, welche ihn öfters besucht, welche mit ihm gelebt, umständlich erzählen, wie er gerade hier in seiner ganzen Liebenswürdigkeit erschien, als Hausund Familienvater, als Freund und Gatte, besonders aber, weil er sich den Menschen wohl entziehen, die Menschen ihn aber nicht entbehren konnten, wie er als gastfreier Wirt seine geselligen Tugenden am anmutigsten entwickelte.

Indes ich nun jüngere Freunde zu dieser idyllischen Darstellung auffordere, so muß ich nur kurz und teilnehmend gedenken, wie diese ländliche Heiterkeit durch das Hinscheiden einer teuern mitwohnenden Freundin und dann durch den Tod seiner werten, sorgsamen Lebensgefährtin getrübt worden. Er legt diese teueren Reste auf eigenem Grund und Boden nieder, und indem er sich entschließt, die für ihn allzusehr verflochtene landwirtschaftliche Besorgung aufzugeben, und sich des einige Jahre froh genossenen Örundbesitzes zu entäußem, so behält er sich doch den Platz, den Raum zwischen beiden Geliebten vor, um dort auch seine ruhige Stätte zu finden.

Und dorthin haben denn die verehrten Brüder ihn begleitet, ja gebracht, und dadurch seinen schönen und anmutigen Willen erfüllt, daß die Nachkommen seinen Grabhügel in einem lebendigen Haine besuchen und heiter verehren sollten.

Nicht ohne höhere Veranlassung aber kehrte der Freund nach der Stadt zurück; denn das Verhältnis zu seiner großen Gönnerin, der Herzogin Mutter, hatte ihm jenen ländlichen Aufenthalt mehr als einmal verdüstert. Er fühlte nur zu sehr, was es ihm koste, von ihr entfernt zu sein. Er konnte ihren Umgang nicht entbehren, und desselben doch nur mit Unbequemlichkeit und Unstatten genießen. Und so, nachdem er seine Familie bald erweitert, bald verengt, bald vermehrt, bald vermindert, bald versammelt, bald zerstreut gesehen, zieht die erhabene Fürstin ihn in ihren nächsten Kreis. Er kehrt zurück, bezieht eine Wohnung ganz nahe der fürstlichen, nimmt teil an dem Sommeraufenthalt in Tiefurt, und betrachtet sich nun als Glied des Hauses und Hofes.

Wieland war ganz eigentlich für die größere Gesellschaft geboren, ja die größte würde sein eigentliches Element gewesen sein; denn weil er nirgends obenan stehen, wohl aber gern an allem teilnehmen wollte, und über alles mit Mäßigung sich zu äußern geneigt war, so mußte er notwendig als. angenehmer Gesellschafter erscheinen, ja er wäre es unter einer leichteren, nicht jede Unterhaltung allzu ernst nehmenden Nation noch mehr gewesen. Denn sein dichterisches sowie sein literarisches Streben war unmittelbar aufs Leben gerichtet, und wenn er auch nicht gerade immer einen praktischen Zweck suchte, ein praktisches Ziel hatte er doch immer nah oder fern vor Augen. Daher waren seine Gedanken beständig klar, sein Ausdruck deutlich, gemeinfaßlich, und da er, bei ausgebreiteten Kenntnissen, stets an dem Interesse des Tages festhielt, demselben folgte, sich geistreich damit beschäftigte, so war auch seine Unterhaltung durchaus mannigfaltig und belebend; wie ich denn auch nicht leicht jemand gekannt habe, welcher das, was von anderen Glückliches in die Mitte gebracht wurde, mit mehr Freudigkeit aufgenommen und mit mehr Lebendigkeit erwidert hätte.

Bei dieser Art zu denken, sich und andere zu unterhalten, bei der redlichen Absicht, auf sein Zeitalter zu wirken, verargt man ihm nun wohl nicht, daß er gegen die neueren philosophischen Schulen einen Widerwillen faßte. Wenn früher Kant in kleinen Schriften nur von seinen größeren Ansichten präludierte, und in heiteren Formen selbst über die wichtigsten Gegenstände sich problematisch zu äußern schien, da stand er unserm Freunde noch nahe genug; als aber das ungeheure Lehrgebäude errichtet war, so mußten alle die, welche sich bisher in freiem Leben, dichtend sowie philosophierend ergangen hatten, sie mußten eine Drohburg, eine Zwingfeste daran erblicken, von woher ihre heiteren Streifzüge über das Feld der Erfahrung beschränkt werden sollten.

Aber nicht allein für den Philosophen, auch für den Dichter war bei der neuen Geistesrichtung, sobald eine große Masse sich von ihr hinziehen ließ, viel, ja alles zu befürchten. Denn ob es gleich im Anfang scheinen wollte, als wäre die Absicht überhaupt nur auf Wissenschaft, sodann auf Sittenlehre und was hiervon zunächst abhängig ist, gerichtet, so war doch leicht einzusehen, daß wenn man jene wichtigen Angelegenheiten des höheren Wissens und des sittlichen Handelns, fester als bisher geschehen, zu begründen dachte, wenn man dort ein strengeres, in sich mehr zusammenhängendes, aus den Tiefen der Menschheit entwickeltes Urteil verlangte, daß man, sage ich, den Geschmack auch bald auf solche Grundsätze hinweisen und deshalb suchen würde, individuelles Gefallen, zufällige Bildung, Volkseigenheiten durchaus zu beseitigen, und ein allgemeineres Gesetz zur Entscheidungsnorm hervorzurufen.

Dies geschah auch wirklich, und in der Poesie tat sich eine neue Epoche hervor, welche mit unserem Freunde, so wie er mit ihr in Widerspruch stehen mußte. Von dieser Zeit an erlebte er manches unbillige Urteil, ohne jedoch sehr davon gerührt zu werden; und ich erwähne dieses Umstandes hier ausdrücklich, weil der daraus in der deutschen Literatur entstandene Konflikt noch keineswegs beruhigt und ausgeglichen ist, und weil ein Wohlwollender, wenn er Wielands Verdienst schätzen und sein Andenken kräftig aufrecht erhalten will, von der Lage der Dinge, von dem Herankommen sowie der Folge der Meinungen, von dem Charakter, den Talenten der mitwirkenden Personen genau unterrichtet sein müßte, die Kräfte, die Verdienste beider Teile wohl kennen und, um unparteiisch zu wirken, beiden Parteien gewissermaßen angehören.

Doch von jenen hieraus entsprungenen, kleineren oder größeren Fehden zieht mich eine ernste Betrachtung ab, der wir uns nunmehr zu überlassen haben.

Die zwischen unsern Bergen und Hügeln, in unseren anmutig bewässerten Tälern viele Jahre glücklich angesiedelte Ruhe war schon längst durch Kriegszüge wo nicht verscheucht, doch bedroht. Als der folgenreiche Tag anbrach, der uns in Erstaunen und Schrecken setzte, da das Schicksal der Welt in unseren Spaziergängen entschieden ward, auch in diesen schrecklichen Stunden, denen unser Freund sorglos entgegenlebte, verließ ihn das Glück nicht; denn er ward, erst durch die Vorsorge eines jungen entschlossenen Freundes, dann durch die Aufmerksamkeit der französischen Gewalthaber gerettet, die in ihm den

verdienten weltberühmten Schriftsteller und zugleich ein Mitglied ihres großen wissenschaftlichen Instituts verehrten.

Er hatte bald hierauf mit uns allen den schmerzlichen Verlust Amaliens zu ertragen. Hof und Stadt waren eifrig bemüht, ihm jeden Ersatz zu reichen, und bald darauf ward er von zwei Kaisern mit Ehrenzeichen begnadet, dergleichen er in seinem langen Leben nicht gesucht, ja nicht einmal erwartet hatte.

Aber so wie am trüben, so auch am heiteren Tage war er sich selbst gleich, und er betätigt hierdurch den Vorzug zartgebildeter Naturen, deren mittlere Empfänglichkeit dem guten wie dem bösen Geschick mäßig zu begegnen versteht.

Am bewunderungswürdigsten jedoch erschien er,, körperlich und geistig betrachtet, nach dem harten Unfall, der ihn in so hohen Jahren betraf, als er durch den Sturz des Wagens zugleich mit einer geliebten Tochter höchlich verletzt ward. Die schmerzlichen Folgen des Falles, die Langeweile der Genesung ertrug er mit dem größten Gleichmut, und tröstete mehr seine Freunde als sich selbst durch die Äußerung: es sei ihm niemals ein dergleichen Unglück begegnet, und es möge den Göttern wohl billig geschienen haben, daß er auch auf diese Weise die Schuld der Menschheit abtrage. Nim genas er auch bald, indem sich seine Natur wie die eines Jünglings schnell wiederherstellte, und ward uns dadurch zum Zeugnis, wie der Zartheit und Reinheit auch eine hohe physische Kraft verliehen sei.

Wie sich nun seine Lebensphilosophie auch bei dieser Prüfung bewährte, so brachte ein solcher Unfall keine Veränderung in der Gesinnung noch in seiner Lebensweise hervor. Nach seiner Genesung gesellig wie vorher, nahm er teil an den herkömmlichen Unterhaltungen des umgänglichen Hof- und Stadtlebens, mit wahrer Neigung und anhaltendem Bemühen an den Arbeiten der verbundenen Brüder. So sehr auch jederzeit sein Blick auf das Irdische, auf die Erkenntnis, die Benutzung desselben gerichtet schien — des Außerweltlichen, des Übersinnlichen konnte er doch, als ein vorzüglich begabter Mann, keineswegs entbehren. Auch hier trat jener Konflikt, den wir oben umständlich zu schildern für Pflicht gehalten, merkwürdig hervor; denn indem er alles abzulehnen schien, was außer den Grenzen der allgemeinen Erkenntnisse liegt, außer dem Kreise dessen, was sich durch Erfahrung betätigen läßt, so konnte er sich doch niemals enthalten, gleichsam versuchsweise, über die so scharf gezogenen Linien wo nicht hinauszuschreiten, doch hinüberzublicken und sich eine außerweltliche Welt, einen Zustand, von dem uns alle angeborenen Seelenkräfte keine Kenntnis geben können, nach seiner Weise aufzuerbauen und darzustellen.

Einzelne Züge seiner Schriften geben hierzu mannigfaltige Belege; besonders aber darf ich mich auf seinen Agathodämon, auf seine Euthanasie berufen, ja auf jene schönen, so verständigen als herzlichen Äußerungen, die er noch vor kurzem offen und unbewunden dieser Versammlung mitteilen mögen. Denn zu unserem Brüderverein hatte sich in ihm eine vertrauensvolle Neigung aufgetan. Schon als Jüngling mit demjenigen bekannt, was uns von den Mysterien der Alten historisch überliefert worden, floh er zwar nach seiner heiteren klaren Sinnesart jene trüben Geheimnisse, aber verleugnete sich nicht, daß gerade unter diesen, vielleicht seltsamen Hüllen zuerst unter die rohen und sinnlichen Menschen höhere Begriffe eingeführt, durch ahnungsvolle Symbole mächtige, leuchtende Ideen erweckt, der Glaube an einen über alles waltenden Gott eingeleitet, die Tugend wünschenswerter dargestellt, und die Hoffnung auf die Fortdauer unseres Daseins sowohl von frischen Schrecknissen eines trüben Aberglaubens, als von den ebenso falschen Forderungen einer lebenslustigen Sinnlichkeit gereinigt worden.

Nun als Greis von so vielen werten Freunden und Zeitgenossen auf der Erde zurückgelassen, sich in manchem Sinne einsam fühlend, näherte er sich unserem teuren Bunde. Wie froh er in denselben getreten, wie anhaltend er unsere Versammlungen besucht, unseren Angelegenheiten seine Aufmerksamkeit gegönnt, sich der Aufnahme vorzüglicher junger Männer erfreut, unsern ehrbaren Gastmahlen beigewohnt und sich nicht enthalten, über manche wichtige Angelegenheit seine Gedanken zu eröffnen, davon sind wir alle Zeugen, wir haben es freundlich und dankbar anerkannt. Ja wenn dieser altgegründete und nach manchem Zeitwechsel oft wiederhergestellte Bund eines Zeugnisses bedürfte, so würde hier das vollkommenste bereit sein, indem ein talentreicher Mann, verständig, vorsichtig, umsichtig, erfahren, wohldenkend und mäßig, bei uns seinesgleichen zu finden glaubte, sich bei uns in einer Gesellschaft fühlte, die er, der besten gewohnt, als Vollendung seiner menschlichen und geselligen Wünsche so gern anerkannte.

Vor dieser so merkwürdigen und hochgeschätzten Versammlung, obgleich von unseren Meistern aufgefordert, über den Abgeschiedenen wenige Worte zu sprechen, würde ich wohl haben ablehnen dürfen, in der Betrachtung, daß nicht eine flüchtige Stunde, leichte, unzusammenhängende Blätter, sondern ganze Jahre, ja manche wohl überdachte und geordnete Bände nötig sind, um sein Andenken rühmlich zu feiern, neben dem Monumente, das er sich selbst in seinen Werken und Wirkungen würdig errichtet hat. Auch übernahm ich diese schöne Pflicht nur in der Betrachtung: es könne das von mir Vorgetragene dem zur Einleitung dienen, was künftig, bei wiederholter Feier seines Andenkens, von andern besser zu leisten wäre. Wird es unseren verehrten Meistern gefallen, mit diesem Aufsatz in ihre Lade alles dasjenige niederzulegen, was öffentlich über unseren Freund erscheinen wird, noch mehr aber dasjenige, was unsere Brüder, auf die er am meisten und am eigensten gewirkt, welche eines ununterbrochenen näheren Umgangs mit ihm genossen, vertraulich äußern und mitteilen möchten, so würde hierdurch ein Schatz von Tatsachen, Nachrichten und Urteilen gesammelt, welcher wohl einzig in seiner Art sein dürfte, und woraus denn unsere Nachkommen schöpfen könnten, um mit standhafter Neigung ein so würdiges Andenken immerfort zu beschützen, zu erhalten und zu verklären.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE
GOETHE UND DAS MAURERTUM

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst