Goethe und die königliche Kunst

(Er wird Buch VII, Kap. 9 der Lehrjahre Wilhelm Meister eingehändigt. Nicht eigentlich für die Loge bestimmt, ist er doch ihren Zwecken sehr angemessen und wird z. B. von der Loge zu St. Gallen im Rituale des zweiten Grades verwendet.)

Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer, nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, der Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltener geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun, und redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, lind die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus derii wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister.

Grundsätze

(Dieser Abschnitt aus Wilhelm Meisters Wanderjahren, Buch III, Kap. 9, dürfte ebenfalls maurerischer Erwägung besonders wert erscheinen.)

Unsere Gesellschaft ist darauf gegründet, daß jeder in seinem Maße, nach seinen Zwecken aufgeklärt werde. Hat irgend einer ein Land im Sinne, wohin er seine Wünsche richtet, so suchen wir ihm das Einzelne deutlich zu machen, was im Ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte ; uns wechselseitig einen Überblick der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, höchst belohnende Unterhaltung.

In solchem Sinne nun dürfen wir uns in einem Weltbünde begriffen ansehen. Einfach groß ist der Gedanke, leicht die Ausführung durch Verstand und Kraft. Einheit 148 ist allmächtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter uns. Insofern wir Grundsätze haben, sind sie uns allen gemein. Der Mensch, so sagen wir, lerne, sich ohne dauernden äußeren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte nicht an den Umständen, sondern in sich selbst; dort wird er’s finden, mit Liebe hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, daß er überall zu Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht überall am sichersten zum Ziel; andere hingegen, das Höhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der einzelne ist sich nicht hinreichend; Gesellschaft bleibt eines wackeren Mannes höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht.

Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund geschlossen und gegründet sei. Niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmäßig seine Tätigkeit jeden Augenblick üben könnte, der nicht versichert wäre, daß er überall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn führen könnte, sich immer wohl empfohlen, aufgenommen und gefördert, ja von Unglücksfällen möglichst wiederhergestellt finden werde.

Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste übernommen : jeden Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo verfaßt; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie sämtlich eine zweckmäßige Tätigkeit fordern und befördern, innerhalb einer jeden uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu bemühen. Schließlich halten wir’s für Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und Strenge zu üben und zu fördern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt, welche aus den drei Ehrfurchten entsprießt, zu denen wir uns sämtlich bekennen, auch alle in diese höhere allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf, eingeweiht zu sein das Glück und die Freude haben. Dieses alles haben wir in der feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken, erklären, vernehmen und anerkennen, auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen.

Bleibe nicht am Boden heften,

Frisch gewagt und frisch hinaus I Kopf und Arm mit heitern Kräften Überall sind sie zu Haus;

Wo wir uns der Sonne freuen Sind wir jede Sorge los.

Daß wir uns in ihr zerstreuen,

Darum ist die Welt so groß.

B. LOGENLIEDER Bundeslied

(Das Lied, das wohl in allen Logen mit Freuden gesungen wird, war ursprünglich für ein Familienfest bestimmt. Es wurde am io. September 1775 bei der Vermählung des Predigers Ewald in Offenbach, dessen Goethe im 17. Buche von Dichtung und Wahrheit so freundlich gedenkt, von zwei anderen jungen Paaren gesungen.)

In allen guten Stunden,

Erhöht von Lieb’ und Wein,

Soll dieses Lied verbunden Von uns gesungen sein!

Uns hält der Gott zusammen,

Der uns hierher gebracht.

Erneuert unsre Flammen,

Er hat sie angefacht.

So glühet fröhlich heute,

Seid recht von Herzen eins!

Auf, trinkt erneuter Freude

Dies Glas des echten Weins!

Auf, in der holden Stunde Stoßt an,

und küsset treu,

Bei jedem neuen Bunde,

Die alten wieder neu!

Wer lebt in unserm Kreise, Und lebt nicht selig drin? Genießt die freie Weise Und treuen Brudersinn!

So bleibt durch alle Zeiten Herz Herzen zugekehrt;

Von keinen Kleinigkeiten Wird unser Bund gestört.

Uns hat ein Gott gesegnet Mit freiem Lebensblick,

Und alles, was begegnet, Erneuert unser Glück.

Durch Grillen nicht gedränget, Verknickt sich keine Lust; Durch Zieren nicht geenget, Schlägt freier unsre Brust.

Mit jedem Schritt wird weiter Die rasche Lebensbahn,

Und heiter, immer heiter Steigt unser Blick hinan.

Uns wird es nimmer bange, Wenn alles steigt und fällt; Wir bleiben lange, lange,

Auf ewig so gesellt.

Spruch

(Das kleine Lied, für vier Solostimmen komponiert von Bergt, wird im Liederbuch der Loge Amalia Goethe zugeschrieben, hat sich aber sonst nicht nachweisen lassen.)

Wo Lieb und Güte wohnet, ist gut weilen.

O Glück, wo Leid wie Lust die Edlen teilen!

Der Kindheit Paradies erwacht aufs neue,

Blüht schöner noch, wo Huld sich regt und Treue.

Ergo bibamus

(In einem kleinen Aufsatze der Weimarischen Zeitung vom 17. März 1905 macht Xanthippus (F. Sandvoß) darauf aufmerksam, daß bei dem „göttlichen Bildchen“ in der Schlußstrophe doch wahrlich nicht, wie Bielschowski (Goethe II, 384) meint, an die aus dem Risse der Wolken hervorblickende Gottheit gedacht werden kann, daß vielmehr anzunehmen ist, während des Gesanges sei durch Wegziehen eines Vorhangs wirklich ein Bildnis enthüllt worden. Da das Lied 1810 gedichtet ist, so vermutet er, es sei am 10. März zum Geburtstag der Königin Luise von Preußen in der Loge Amalia gesungen worden. Zu dieser Vermutung bieten die Logenakten gar keinen Anhalt. Wohl aber findet sich — von unbekanntem Verfasser — ein „Schwesternlied zur Feier der Vermählung der durchlauchtigen Prinzessin Caroline von Sachsen-Weimar am 1. Julius 1810, gesungen in der Loge Ämalia zu Weimar“. Weitere Nachricht über diese Feier fehlt; sie fiel in die Logenferien und wurde wohl deshalb nicht im Protokollbuche vermerkt. Die Vermutung liegt nahe, daß bei eben dieser Veranlassung auch das Lied von Goethe gesungen worden sei, daß also das enthüllte Bildchen das der jungen Braut war, der einzigen Tochter Karl Augusts, für die Goethe immer ein lebhaftes Interesse hatte, während sie ihn als „den Meister“ verehrte. Die aus dem Liede erklingende Heiterkeit entspricht der Vorstellung, welche Goethe von dem bei Logen-, insbesondere Schwesternfesten, herrschenden Tone gehabt zu haben scheint: vgl. oben S. 52.)

Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,

Drum, Brüderchen: Ergo bibamus.

Die Gläser sie klingen, Gespräche sie ruhn, Beherziget Ergo bibamus.

Das heißt noch ein altes, ein tüchtiges Wort:

Es passet zum ersten und passet so fort,

Und schallet ein Echo vom festlichen Ort,

Ein herrliches Ergo bibamus.

Ich hatte mein freundliches Liebchen gesehn,

Da dacht’ ich mir: Ergo bibamus.

Und nahte mich freundlich; da ließ sie mich stehn.

Ich half mir und dachte: Bibamus.

Und wenn sie versöhnet euch herzet und küßt,

Und wenn ihr das Herzen und Küssen vermißt,

So bleibet nur, bis ihr was Besseres wißt,

Beim tröstlichen Ergo bibamus.

Mich ruft mein Geschick von den Freunden hinweg;

Ihr Redlichen: Ergo bibamus.

Ich scheide von hinnen mit leichtem Gepäck;

Drum doppeltes Ergo bibamus.

Und was auch der Filz von dem Leibe sich schmorgt,

So bleibt für den Heitern doch immer gesorgt,

Weil immer dem Frohen der Fröhliche borgt;

Drum, Brüderchen! Ergo bibamus.

Was sollen wir sagen zum heutigen Tag?

Ich dächte nur: Ergo bibamus!

Er ist nun einmal von besonderem Schlag;

Drum immer aufs neue: Bibamus.

Er führet die Freude durchs offene Tor,

Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor,

Da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor;

Wir klingen und singen: Bibamus!

Symbolum

(Über Zeit und Veranlassung zu diesem Gedichte, „einem der ergreifendsten und wunderbarsten seines Genius“, wie R. Stern (Latomia 1860, S. 189) in seiner Betrachtung darüber sagt, scheinen bestimmte Nachrichten zu fehlen. Oben (S. 50) habe ich es wahrscheinlich zu machen versucht, daß es 1814 entstanden sei, als Goethe, das einzige Mal seit seiner Erhebung in den dritten Grad, einer Meisterloge beigewohnt hatte.)

Des Maurers Wandeln Es gleicht dem Leben,

Und sein Bestreben Es gleicht dem Handeln Der Menschen auf Erden.

Die Zukunft decket Schmerzen und Glücke Schrittweis dem Blicke;

Doch ungeschrecket Dringen wir vorwärts,

Und schwer und ferne Hängt eine Hülle,

Mit Ehrfurcht, stille Ruhn oben die Sterne Und unten die Gräber.

Betracht’ sie genauer Und siehe, so melden Im Busen der Helden Sich wandelnde Schauer Und ernste Gefühle.

Doch rufen von drüben Die Stimmen der Geister,

Die Stimmen der Meister:

Versäumt nicht zu üben Die Kräfte des Guten.

Hier winden sich Kronen In ewiger Stille,

Die sollen mit Fülle Den Tätigen lohnen!

Wir heißen euch hoffen.

Leuchtender Stern über Winkelwage, Blei und Zirkel

(Wie oben, S. 49, zu erwähnen war, gehörte die durch diese Verse erläuterte Zeichnung zu der Gruppe von acht allegorischen Bildern, mit denen Goethe 1825 bei Karl Augusts Regierungs- und seinem eigenen Staatsdienerjubiläum sein Haus geschmückt hatte. Die dazu verwendeten Kartons, nach Goethes Angaben von A. Heideloff entworfen, sind noch im Goethe-Museum in Weimar zu sehen; farbige Verkleinerungen davon finden sich in „Weimars Jubelfest am 3. September 1825“ (Weimar, bei Wilh. Hoffmann, 1825). Das Datum „März 1826“ besagt wohl, daß die lithographierte Nachbildung von Goethes Zeichnung nebst dem Faksimile seiner Verse damals an seine Freunde versandt wurde.)

Zum Beginnen, zum Vollenden Zirkel, Blei und Winkelwage;

Alles stockt und starrt in Händen,

Leuchtet nicht der Stern dem Tage.

Sterne werden immer scheinen,

Allgemein auch zum Gemeinen;

Aber gegen Maß und Kunst Richten sie die schönste Gunst.

Dank des Sängers

(Da das Gedicht das Datum trägt: Weimar, den 29. Dezember 1815, also drei Wochen nach August v. Goethes Aufnahme in die Loge verfaßt wurde, so ist kaum zu zweifeln, daß es eine poetische Ergänzung ist zu den Dankesworten, die der Sohn in der Januarloge im Namen des Vaters aussprach. S. oben S. 51.)

Von Sängern hat man viel erzählt,

Die in ein Schloß gekommen,

Wo nichts ermangelt, nichts gefehlt,

Sie haben Platz genommen.

Doch war wo, irgendwo ein Platz,

Vergleichbar diesem Brüder-Schatz,

Wo auch ich Platz genommen ?

Ihr fraget nicht, woher ich sei,

Wir alle sind von oben;

Doch singend wird der Freie frei

Und darf die Brüder loben.

Die Brust entlöse der Gesang!

Was außen eng, was außen bang,

Uns macht es nicht beklommen.

So hab’ ich euch denn schon den Dank,

Den ich gedacht, erwiesen,

Und euch mit Tönen, rein und schlank,

Als Würdige gepriesen.

Was bleibet übrig als der Schall,

Den wir so gerne hören,

Wenn überall, allüberall Im stillen wir uns vermehren!

Verschwiegenheit

(Es ist wohl das von Zelter unter dem io. November 1816 erwähnte „Bundes- oder Logenlied für den Kammerrat“, war also bestimmt, bei einer Tafelloge gesungen zu werden, im Anschluß an Augusts Beförderung in den Gesellengrad, am 28, Dezember.)

Wenn die Liebste zum Erwidern Blick auf Liebesblicke beut,

Singt ein Dichter gern in Liedern,

Wie ein solches Glück erfreut.

Aber Schweigen bringet Fülle Reicheren Vertrauns zurück.

Leise, leise! Stille, stille!

Das ist erst das wahre Glück.

Wenn den Krieger wild Getöse,

Trommel und Pauken aufgeregt,

Er den Feind, in aller Blöße,

Schmetternd über Länder schlägt;

Nimmt er wegen Siegsverheerung Gern den Ruhm, den lauten, an,

Wenn verheimlichte Verehrung Seiner Wohltat wohlgetan.

Heil uns! Wir verbundne Brüder Wissen doch, was keiner weiß.

Ja, sogar bekannte Lieder Hüllen sich in unsern Kreis.

Niemand soll und wird es schauen,

Was einander wir vertraut:

Denn auf Schweigen und Vertrauen Ist der Tempel auf gebaut.

Trauerloge

(Das Gedicht ist „der unvergeßlichen Prinzessin Caroline von Weimar-Eisenach, vermählten Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin gewidmet“, welche, seit dem i. Juli 1810 vermählt, am 20. Januar 1816 starb. Wie von der bei „Ergo bibamus“ erwähnten Vermählungsfeier unter Teilnahme der Schwestern die Logenprotokolle nichts enthalten, so ist auch von einer besonderen Trauerloge nichts zu ersehen. Jedoch wurde in der am 26. Januar zum Andenken verstorbener Brüder stattfindenden ritualmäßigen Trauerloge auch „an den großen Verlust erinnert, den unser erhabenes Fürstenhaus in der Kürze erfahren hat durch den Tod der einzigen Tochter, die in der Blüte ihrer Jahre zu einem höheren Erbe abgerufen, von allen Bewohnern der Mecklenburgischen, und hiesigen Lande beweint wird“.)

An dem öden Strand des Lebens,

Wo sich Dün’ auf Düne häuft,

Wo der Sturm im Finstern träuft,

Setze dir ein Ziel des Strebens.

Unter schon verloschnen Siegeln lausend Väter hingestreckt;

Achl von neuen frischen Hügeln Freund an Freunden überdeckt!

Hast du so dich abgefunden,

Werde Nacht und Äther klar,

Und der ew’gen Sterne Schar Deute dir belebte Stunden,

Wo du hier mit Ungetrübten,

Treulich wirkend, gern verweilst,

Und auch treulich den geliebten Ewigen entgegeneilst.

Dem Herzog Bernhard von Weimar. Am 15. September 1826 ,

Das Segel steigt! Das Segel schwillt!

Der Jüngling hat’s geträumt;

Nun ist des Mannes Wunsch erfüllt,

Noch ist ihm nichts versäumt.

So geht es in die Weite fort

Durch Wellenschaum und -Strauß.

Kaum sieht er sich am fremden Ort,

Und gleich ist er zu Haus.

Da summt es wie ein Bienenschwarm, Man baut, man trägt herein;

Des Morgens war es leer und arm,

Um abends reich zu sein.

Geregelt wird der Flüsse Lauf Durch kaum bewohntes Land;

Der Felsen steigt zur Wohnung auf, Als Garten blüht’s im Sand.

Der Reisefürst begrüßt sodann, Entschlossen und gelind,

Als Bruder jeden Ehrenmann,

Als Vater jedes Kind.

Empfindet, wie so schön es sei Im frischen Gottesreich;

Er fühlt sich mit dem Wackern frei Und sich dem Besten gleich.

Scharfsichtig Land und Städte so Weiß er sich zu beschaun;

Gesellig auch, im Tanze froh, Willkommen schönen Fraun;

Den Kriegern ist er zugewöhnt,

Mit Schlacht und Sieg vertraut;

Und ernst und ehrenvoll ertönt Kanonendonner laut.

Er fühlt des edlen Landes Glück,

Ihm eignet er sich an,

Und hat bis heute manchen Blick Hinüberwärts getan.

Dem aber sei nun, wie’s auch sei,

Er wohnt in unserm Schoß! —

Die Erde wird durch Liebe frei, Durch Taten wird sie groß.

Gegentoast der Schwestern

(Zum 24. Oktober 1820, dem Stiftungs- und Amalienfeste, von Augu9t v. Goethe bei der Tafel nach dem Schwesterntoaste vorgetragen und mit den Worten eingeleitet: „Es sei mir vergönnt, einige Worte im Namen der Schwestern freundlich zu erwidern. Die Worte selbst sendet mein Vater, indem er sich ihrer brüderlichen Liebe empfiehlt.“ — Den Grund zu dieser besonderen Aufmerksamkeit gab wohl Augusts Erhebung in den Meistergrad, am 26. Januar 1820.)

Unser Dank, und wenn auch trutzig,

Grüßend alle lieben Gäste,

Mache keinen Frohen stutzig:

Denn wir feiern eure Feste.

Sollten aber wir, die Frauen,

Dankbar solche Brüder preisen,

Die, ins Innere zu schauen,

Immer uns zur Seite weisen?

Doch Amalien, der hehren,

Die auch euch verklärt erscheinet,

Sprechend, singend ihr zu Ehren,

Sind wir doch mit euch vereinet.

Und indem wir eure Lieder Denken keineswegs zu stören,

Fragen alle sich die Brüder,

Was sie ohne Schwestern wären?

Zur Logenfeier des 3. Septembers 1825

(Zu der Logenfeier, die bei der 50. Wiederkehr von Karl Augusts Regierungsantritt stattfand, hatte Goethe — wie oben S. 54 erwähnt — drei Gesänge verfaßt. Der erste wurde „feierlich-anmutig“ bei Eröffnung der Loge vorgetragen; der Zwischengesang war zwischen die Ansprachen der Brüder v. Fritsch und v. Müller eingeschoben. Zum allgemeinen Verständnisse des „heitern Schlußgesangs“ wird im Festbericht bemerkt, „daß vor* ausgesetzt sei, die zur hohen Feierlichkeit im Stillen verbündeten Brüder werden auch teilnehmen an dem, was im Offenbaren geschieht und geschah. — Nur erst vor wenig Jahren erbaute Straßen sind nun mit Kränzen in langen architektonischen Reihen geziert; die zum Jubelfeste eingeweihte Bürgerschule steht als eine der ersten Zierden dieser feierlichen Epoche. Der Dichter führt sodann die Teilnehmenden zu den baumreichen zugänglichen Kunst- und Naturumgebungen der Stadt, erinnert an tägliche Freuden, welche alt und jung daselbst genossen, und endet in der Hauptanerkennung der so weit ausgreifenden als gründlichen Wirksamkeit des gefeierten Fürsten“.)

Einmal nur in unserm Leben,

Was auch sonst begegnen mag,

Ist das höchste Glück gegeben:

Einmal feiert solchen Tag!

Einen Tag, der froh erglänzend,

Bunten Schmucks der Nacht entsteigt,

Sich gesellig nun begrenzend,

Segensvoll zum Berge neigt.

Darum öffnet eure Pforten,

Laßt Vertrauteste herein;

Heute soll an allen Orten Liebe nah der Liebe sein!

1. Laßtfah-ren hin das All – zu-flüch-ti – ge; ihr sucht bei

2. Und so ge-winntsich das Le- ben- di – gedurchFolg’aus

3. Solöstsich je – ne gro-ße Fra – ge nach unserm

1. ihm ver-ge-bens Rat! In demVer-gang – nenlebtdas

2. Fol-ge neu-e Kraft; denn die Ge – sin – nung,die be-

3. zweiten Va-ter- land; denn das Be-stän-dige der ird’ sehe

1. Tüch-ti – ge, ver – e – wigt sich in schö-ner

2. stän – di – ge, sie macht den Men – sehen dau – er-

3. Ta – ge, ver- bürgt uns e – wi – gen Be

1. Tat, ver – e – wigt sich in schö-ner Tat.

2. haft, sie macht den Men-schen dau – er – haft.

3. stand, ver-bürgt uns e – wi – gen Be-stand.

Nun auf und laßt verlauten,

Ihr brüderlich Vertrauten,

Wie ihr geheim verehret:

Nach außen sei’s gekehret!

Nicht mehr in Sälen

Verhalle der Sang.

Wo wir ins Leere schauten,

Erscheinen edle Bauten,

Und Kranz an Kränzen Die Reihen entlang.

So äußeres Gebäude Verkündet inn’re Freude;

Der Schule Raum erheitert Zu lichtem Saal erweitert;

Die Kinder scheuen Nicht Moder noch Zwang.

Nun in die luft’gen Räume!

Wer pflanzte diese Bäume,

Ihr kinderfrohen Gatten?

Er pflegte diese Schatten,

Und Wälder umgrünen Die Hügel entlang.

Die Plage zu vergessen,

Das Gute zu ermessen,

So aufgeregt als treulich,

So treusam wie erfreulich,

Stimmet zusammen In herzlichem Sang!

Wie viel er ausgespendet,

Auch weit und breit vollendet,

Die Unzahl sicli verbündet,

Unsäglich Glück gegründet,

Das wiederholet Das Leben entlang.

Dem würdigen Bruderfeste

(Goethes Dank für seine Ernennung zum Ehrenmitgliede der Loge Amalia, bei seinem 50 jährigen Maurerjubiläum; s. oben S. 59. Den Text gibt die Beilage im Faksimile.)

ANHANG

FESTLIEDER VERSCHIEDENER VERFASSER

Tafellied bei der Einführung Wielands in Loge Amalia am 4. April 1809

Von Br. Zacharias Werner.

Ihr, der Menschheit treue Söhne,

Laßt uns heut ein Fest begehn!

Laßt der Maurer Freudentöne

Durch die stillen Hallen wehnl

Denn es ist zur guten Stunde

Der geschenket unserm Bunde,

Den zum Leiter unsrer Spur Schuf und weihte die Natur.

Was ertönt im Maurerliede,

Ist der Tugend stille Kraft,

Ist der Weisheit goldner Friede,

Der das Ewigschöne schafft.

Muß der Geist des Schönen-Guten

Heut nicht auf uns niederfluten?

Seines Tempels Hierophant

Hat uns Brüder ja genannt.

In des Liedes sanften Klängen Tönt nur schüchtern dessen Lob,

Der auf ewigen Gesängen Sich zum Helikon erhob.

Seine Scheitel zu umwinden,

Mag die Kunst den Lorbeer binden;

Hier, im Bunde, soll ihm blühn Treuer Achtung Immergrün.

Unser Bund, er pflanzet Blüten

Um der Menschheit Hochaltar;

Wird sie still und treulich hüten,

Bis die Frucht wird offenbar.

Darum halten wir umschlungen Den,

der Blüten, Frucht errungen;

In des Bundes Namen wir Singen,

Wieland, Jubel dir!

Brüder, jetzt das Glas erhoben!

Huldigt stolz der süßen Pflicht!

Strahlt uns, ob auch Stürme toben,

Nicht der Dioskuren Licht?

Wie den Kelch, erhebt die Geister:

Denn die beiden hohen Meister, Die dein Stolz, o Vaterland,

Halten unsrer Kette Band.

Zu der durchlauchtigsten Schwester Luise Geburtsfeste, am 7. F ebruar 1809

Von Br. Zacharias Werner.

Der alten Maurer freier Brüderorden,

Er hat der Schwestern Tugend stets geehrt;

Durch ihn ist es dem Erdkreis kund geworden,

Des Mannes Wesen und der Frauen Wert.

Nicht wie die wilden, regellosen Horden,

Wo jeder , tut, was sein Gelüst begehrt —

Wer Senkblei, Maß und Zirkel kann regieren,

Der kann den Tempel gründen und ihn zieren.

Drum freut’s mich, Brüder,
daß in diesen Hallen Ihr der erhabnen Schwester heut gedenkt,

Und fröhlich laß ich ihr mein Lob erschallen,

Ihr, die der Himmel euch und mir geschenkt.

Zwar wie des Pilgers ist mein Erdenwallen,

Und weiß ich nicht,

wohin mein Lauf sich lenkt;

Doch die mir sind verliehn,

die schwachen Töne,

Zoll ich zum Preis der geistig hohen Schöne.

Ihr wißt es, Brüder, daß in unsern Zeiten Sich offenbart jedwede Eigenschaft:

Wer fest auf sich nicht dasteht, der muß gleiten,

Und wer da standhaft, zeiget seine Kraft.

Der Meister hat uns wollen dies bereiten:

Die Zeit, die selber sich zusammenrafft,

Daß jeder, was er könne, lern’ erkennen,

Und was gediegen, von dem Eitlen trennen.

Und weil auf Weimar gnädig er geschauet,

(Wo vieles Gute lange war vereint;

Wo mancher treue Maurer hat erbauet,

Was staunenswert der fremden Welt erscheint,

Dieweil ihr, die dem Scheine nur vertrauet,

Nicht kund geworden, was das Wesen meint) —

Wollt’ er, verbundne Männer, euch entfalten,

Wie Frauenwert sich auch kann hoch gestalten.

Luisa, welcher ihr als Fürstin frönet,

Die ihr als Schwester liebt, als Heldin preist,

Des Mannes Tochter, der mit Ruhm gekrönet —

Denn wer kennt nicht der alten Katten Geist! —

Luisa, die das Schicksal euch versöhnet,

Das uns zum Ziel die Klippenpfade weist:

Wie die drei Lichter ewig glühn im Tempel,

So sei auch sie uns ewig ein Exempel!

Wir wissen;, daß durch Weisheit, Schönheit,

Stärke Der Bau fundiert, den keine Macht zersprengt;

Wir wissen, daß ein jedes seiner Werke Der Meister in die Drei hat eingezwängt;

Wir wollen es, daß es die Menschheit merke,

Die unberufen oft zum Bau sich drängt.

Drum müssen wir auf diese Drei sie weisen;

Drum müssen wir Luisens Tugend preisen.

Der Weisheit Keim entfaltet sich im stillen,

Bis er gereifet ist zur hohen Tat.

Es mag die Schönheit gerne sich verhüllen,

Weil immer ihr die Zucht zur Seite trat.

Die Stärke kennt nur eins: den reinen Willen,

Der in dem Donner wohnt, im Säuseln naht.

Und wer die Drei in Eines kann verweben,

Der schafft ein Werk, das ewiglich muß leben.

So hüllt Luisa in der stillen Ehre Des Weibes weislich ihren Fürstenruhm.

Der schönste Reiz der Göttin von Cythere,

Die Würde, ist ihr ewig Eigentum.

Ob auch die Zwietracht eine Welt zerstöre,

Die Starke bleibt in ihrem Heiligtum:

Das muß der Helden erster selbst erkennen Und, wie wir Glückliche, sie Schwester nennen.

Drum möge sie noch lange diesem Lande Die Mutter, und den Deutschen Muster seinl Ihr, die euch schützte an des Abgrunds Rande,

Ihr möget ihr des Dankes Opfer weihn.

Auch ich, der Fremdling von der Ostsee Strande, Kann freier mich in ihrem Glanz erfreun.

Wer deine Töchter höhnt, Germania,

Nenn ihm Luisen und Amalial

ZU GOETHES JUBELFEIER am 7. November 1825

Morgengruß der Ilm Von F. W. Riemer

Wallet, herzergoßne Wellen,

Wallet hin in vollem Drange,

Küßt des Liebsten traute Schwellen,

Bringt von mir ihm Gruß und Dank!

Heut ist der Tag, an dem der Götter Gunst Zuerst den Freund mir sandte, den getreuen, Unwandelbar mir liebend zugetan;

Dem ich des Lebens Glück und Frohgenuß, Des Namens Ruhm in weite Femen, Unsterblichkeit in alle Zukunft danke!

Wonne jenes ersten Tages,

Wonne schwellet mir die Brust!

Sag es, Herz, dir, allen sag es,

Dein Entzücken, deine Lust:

Liebe hat in frühen Stunden Frei und schön ihn dir verbunden;

Treue hat ihn treu erfunden;

Selig bist du dir’s bewußt.

Er kam! mir unvergeßlich lebt die Stunde: Aurora führt’ ihn mir heran,

Mit Götterschönheit angetan,

Im Auge Glut und Zauberton im Munde, Und aller Anmut, aller Gaben voll,

Ein Jüngling des Olympus, ein Apoll!

So war, dem königlichen Freund zu dienen, Er einst Admet in Hellas Tal erschienen,

Und in der neu verschönten Flur Ward offenbar des nahen Gottes Spur.

Schon umblühn mich Tempes Fluren,

Schon ergrünt mir Delphis Hain,

Und der Musen ew’ge Spuren Kündet Baum und kündet Stein.

Und in diesen sel’gen Räumen Wandl’ ich hin mit leisem Gang,

Hold umschwebt von goldnen Träumen,

Hold umtönt von Lustgesang.

Aber dann ist eine Stätte Wundervoll, entzückend schön,

Wie für einen Gott ersehn:

Rosenlauben, Lilienbeete,

Gleich des Abends Duft und Röte!

Und bezaubert bleib’ ich stehn.

Und das Lied, das hier erklungen,

Gilt der Liebe Huldigungen,

Gilt der Treue schönstem Pfand:

Durch die Welt hin schwebt’s getragen,

Und ich hör’ in fernsten Tagen Ewig mich mit ihm genannt!

Und er, dem ich Unsterblichkeit verdanke,

Er — o entzückender Gedanke! —

Er feiert heute seinen goldnen Tag,

Den goldensten des mir geweihten Lebens.

Heil mir! ich darf ihn stolz den Meinen nennen, Mich als die Seine dankesvoll bekennen!

Von nun an soll mein lauter Dank An jedem Morgen ihm erschallen,

Und noch am Abend mein Gesang Zu seiner Feier liebend wallen.

Tönt in meinen Preisgesang,

Du, Silvan, und ihr, Najaden! Hall’ ihn durch die Welt entlang, Echo samt den Oreaden!

Goethe zum goldenen Jubeltage

Von Friedrich v. Müller

Es strahlt der Tag, der neues Glück verkündet,

Dem ahnungsvoll das Herz entgegenschlug,

Der Tag, der einst dich Weimars Ruhm verbündet, Den unser Dank längst zu den Sternen trug,

Der Tag, der uns ein ewig Licht entzündet,

Zur Sonne rief des Adlers kühnen Flug;

Und, wie auf goldnem Fittich deiner Lieder,

Schwebt seligen Blickes die Erinnrung nieder.

Du schlangst den Schmuck, den ewig lorbeerfrischen, Um deines Fürsten ruhmbestrahltes Haupt,

Riefst Sternen zu, dem Eichkranz sich zu mischen, Der unsrer Fürstin heil’ges Bild umlaubt:

Den Mut des späten Enkels anzufrischen,

Der unerreichbar Heldengröße glaubt,

Zeigst du, in unvergänglich Erz gegraben,

Was wir verehrt, geliebt, besessen haben.

O goldner Tag, wo sie dir wiedergeben,

Den Kranz der lohnenden Unsterblichkeit!

Den Freund, den Sänger wollen sie umweben

Mit ihres Ruhmes heitrer Ewigkeit

Und ihn, vereint mit sich, der Nachwelt geben,

Ihn, der sein Leben ihrem Dienst geweiht!

Wohl konntest du nach höchsten Kränzen ringen, Doch solchen Dank nur solche Fürsten bringen!

Hauptgesang

Von Stephan Schütze

Herauf, Gesang, und gib uns Flügel, Hinauszuschweben fünfzig Jahr,

Wo dämmernd über Tal und Hügel Das Licht uns diesen Tag gebar.

Er kommt! durch Herbstesungestüm Entgegen ihm, entgegen ihm!

Wie trat die Stadt mit Schloß und Türmen So still, so ahnungsvoll hervor,

Wo Milde schon nach Kriegesstürmen Dem Lied ein Vaterland erkor!

Nun mächt’ger, wie vom Himmel, fiel Der volle Klang ins Saitenspiel.

Ein Zauber hat sein Herz getroffen,

Nicht mehr hält ihn das Vaterhaus;

Ein Sänger auch mit frohem Hoffen Streckt Freundesarme nach ihm aus.

Seht, wie der Mann, so reich begabt,

Sich nun am Jünglingsauge labt.

Gleichwie der Tau vom Strahl der Sonne,

So ist vom lebensvollen Bild,

Bei seinem Blick von Glut und Wonne,

Von Liebe ganz sein Herz erfüllt.

Das Licht, so fern auch seine Bahn,

Dem Lichte bleibt es zugetan.

Wie Stern an Stern auf weitem Meere,

Zog eine neue Welt herauf,

Und flammend durch des Himmels Heere Sucht’ ein Komet der Sonne‘ Lauf.

Da ward die Stadt, vom Glanz erhöht,

Ein Leuchtturm, der am Hafen steht.

Ein Reich der Schönheit ward gegründet, Das, mit der Wahrheit treu vermählt, Und mit Natur im Geist verbündet,

Des Himmels Vorbild nicht verfehlt.

Er ging voran, von Kraft belebt,

Und alles ringt, und alles strebt.

Heil uns, die solches Glück erfahren! Hell leuchtet uns sein Angesicht.

So lebe, Tag von fünfzig Jahren, ‚

Du ewig taggebärend Licht!

O Stadt, erhöht in seinem Glanz,

Reich dankbar ihm den Siegeskranz!

Zur Feier von Goethes fünfzigjährigem Hiersein

Von J. P. Eckermann

Lauter Jubel tönt von allen Zungen,

Helle Freude strahlt aus jedem Blick!

Ja, wer fühlt sich heute nicht durchdrungen Von des einz’gen Namens Stolz und Glück!

Seht umher in allen andern Reichen,

Jedes zeigt euch einen höchsten Mann;

Aber wo ein Beispiel seinesgleichen,

Daß ein Einzelner so viel getan?

Blicket um euch nach den großen Namen,

Dieser Lorbeer frisch umwunden hält:

Jeder zeigt euch in dem schönsten Rahmen, Scharf gesondert, eine eig’ne Welt.

Eine Welt des reichsten, tiefsten Lebens,

Die das Dasein sonnenklar erschließt;

Eine Welt des lautersten Bestrebens,

Die ihr Licht in dunkle Nächte gießt.

Doch was sinn’ ich? Nicht in tausend Weisen Säng’ ich seine Taten, seinen Wert;.

Und wie sollt’ ich einen Helden preisen,

Dem die Welt von Pol zu Pol gehört?

Mag man unsre Zeit yerschreiend schelten, Doch vor einem hat sie sich geschützt:

Daß sie, gleich dem Undank frührer Welten, Blind und dumpf, nicht weiß, was sie besitzt.

Einst Homer ging wenig nur geachtet, Shakespeare ward im Leben schlecht erkannt, Tasso lag vom Kerker feucht umnachtet,

Dante klagt vertrieben und verbannt.

Unser Dichter, früh geschätzt, bewundert, Wirkt zu seines Volkes Ruhm und Lust;

Mit ihm lebt ein lohnendes Jahrhundert,

Und es lebt, es herrscht ein Karl August!

Karl August, das Große früh erkennend,

Selbst ein Jüngling, führt den Jüngling ein. Karl August, für alles Edle brennend,

Nennt ihn heute fünfzig Jahre sein.

Er, der frühe schon das Große wollte,

Wie wir ihn so jung und kühn gesehn,

Hat’s auch hier getan, so wie er sollte,

Und für uns, für alle ist’s geschehn.

Glücklich Weimar, von den Städten allen Bist du kleine wunderbar bedacht!

Man wird stets zu deinen Toren wallen, Angezogen von der heil’gen Macht;

Und man wird nach großen Männern fragen, Die in schönen Zeiten hier gestrebt,

Und mit edlem Neid wird man beklagen,

Daß man mit den edlen nicht gelebt.

Glücklich wir drum, alle die wir leben,

Die zu des Geliebten Schwelle gehn,

Und, von Kraft und Jugendglanz umgeben, Still erfreut sein leuchtend Auge sehn;

Die wir seinen edlen Worten lauschen,

Deren Zauber wunderbar beglückt,

Blick mit ihm und Händedrücke tauschen, Lebend so vom Lebenden erquickt.

Ja vom Lebenden, des seltne Tugend Herrlich sich zum Glück der Welt erweist; Vom Lebend’gen, dessen Kraft und Jugend Noch ein langes Bleiben uns verheißt.

Ja, wir traun den waltenden Dämonen,

Die ihn schützten, uns zum höchsten Glück. Gab ein Gott ihn uns von höh’ren Thronen, Ruf’ ein Gott ihn spät von uns zurück!

Zum Doppelfeste in der Loge Amalia 3./15. S tember 1826

Von Friedrich Peucer

Strahlen, die aus Osten stammen,

Künden hell den Morgen an,

Und des Tages reine Flammen Schimmern von des Äthers Plan;

Alle Wesen heben heiter Zu der Sonn’ ihr Angesicht,

Und sie strahlt und ziehet weiter,

Ewig groß und ewig licht.

Also im beglückten Lande,

Glänzt der Waltende hinaus,

Und in reichem Frohbestande Blüht sein fürstlich hohes Haus: Und er schaut auf seine Lieben, Wie sie grünen und gedeihn; Allen ist er nah geblieben,

Alle sonnt sein milder Schein.

Ja, wir sehn ihn lebenskräftig Führen den geweihten Stab,

Den, fürs Ganze früh geschäftig, Ihm die weise Mutter gab;

Erst vor wenig kurzen Horen Brach ein neuer Tag ihm an. Heil! er ist uns unverloren,

Ewig leuchte seine Bahn!

Aber Einen zieht es ferne,

Einen vielgeliebten Sohn;

Und er folgt dem guten Sterne, Spricht den Elementen Hohn; Mitten unter fremden Zungen Strebt und forscht er allerwärts; Dort empfängt er Huldigungen, In der Heimat bleibt sein Herz.

Und er kommt, er kehret wieder, Maurersinn in Hand und Blick, Und er tritt in unsre Lieder, Tritt in unser Fest zurück:

Unsre Säulen, unsre Hallen, Dieses Raumes heil’ge Ruh,

Alles läßt ihm Hoch! erschallen, Alles ruft’Willkommen! zu.

So nun, alhumjubelt, schreiten Fürst und Fürstensohn herein;

Einer Kette Zauber weihten Sie wie uns zu Brüdern ein.

Folgen wir vereint dem Hammer,

Der uns mahnt an Bundespflicht:

Eine Kette, eine Klammer Knüpf’ uns fest und wanke nicht!

Zum maurerischen Jubelfeste des ehrwürdigen Bruders J. W. von Goethe I. 23. Juni 1830

Von Friedrich Peucer

Die goldne Kugel schimmre heut

Im allerreichsten Prangen;

Sein Bild sei für die Ewigkeit Bei Sternen aufgehangen;

Der ew’ge Lorbeer kränz’ es ein.

O möchten wir so wahr, so rein,

Wie er uns dem Lichte weihn!

Die Zeit hat Flügel, flüchtig schwebt Dahin die vielgestalt’ge;

Wer klug sie nützet, der nur lebt,

Der ist der Allgewalt’ge.

Er fand den echten Edelstein:

Wir wollen, fern von falschem Schein,

Wie er uns der Weisheit weihn!

Und was da wird, und was erscheint, Gestalten, Blumen, Töne,

In allen webt und blüht vereint Doch einzig nur das Schöne;

Nur Anmut gibt dem Trieb Gedeihn.

Wir wollen alle, groß und klein,

Wie er uns der Schönheit weihn!

Was klug ersonnen, schön vollbracht,

Nur Stärke bringt ihm Dauer;

Dem Bau verleiht nur Geistesmacht Den Grund, die feste Mauer.

Dann mögen Stürm’ und Wogen dräun, Das Werk steht fest; drum stimmet ein: Wir wollen wie er uns der Stärke weihnl

Ein Jubelmaurerfest wie dies,

Nach fünfzig Sonnenwenden,

Macht unsem Saal zum Paradies.

Auf! den Pokal zu Händen!

In seiner Sterne Frühlingsschein,

Laßt uns dies volle Glas mit Wein

Dem blühenden Meister der Meister weihn!

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE
GOETHE UND DAS MAURERTUM
Goethe und die königliche Kunst – ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG
Ridels und der früher heimgegangenen Brüder Kästner, Krumbholz, Slevoigt und Jagemann Totenfeier in der Loge Amalia, am 15. Juni 1821

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst