1. Govert Flinck / Näherin

Es ist der Nachwelt leichter als der Mitwelt, das Mittelmässige vom Bedeutenden, die Nachahmung vom Originalen zu unterscheiden, vielleicht, weil der Betrachter vor Werken seiner Zeit so sehr mitempfindet, dass er nicht mehr trennen kann, was er unbewusst hinzutut und was in dem Bilde liegt. Man kann es den Zeitgenossen Remhrandts nicht zu sehr zum Vorwurf machen, wenn sie bisweilen die Schüler, die mehr auf das Helle und Prächtige der Erscheinung gingen, höher einschätzten als den Meister. Es war ja auch nicht das Schlimmste, was sie taten, wenn sie Künstler, die, misst man sie nicht gerade an ihrem Vorbild, noch bedeutend genug waren, über die Massen ehrten.

Rembrandt ist es merkwürdig mit Flinck ergangen. Der Schüler hatte ein seltenes Anpassungsvermögen ; da er zu einer Zeit bei Rembrandt war, als dessen Ruhm im Zenit stand, so übernahm er zugleich mit der Kunst auch einen Teil des Ansehens seines Lehrers. Als schwächere, aber leichtbewegliche Natur machte er schneller als dieser den plötzlichen Wechsel des Geschmackes mit, der statt der dunklen, braunen Töne hellere, lichte Farben verlangte, und da er die Schroffheiten der Kunst Remhrandts nicht hesass, so galt er im Ansehen der Öffentlichkeit bald ebensoviel, wenn nicht mehr, als sein Vorbild. Er erhielt Aufträge, die jenem gebührt hätten. Den grössten 1659, die Galerie im neuen Rathaus in Amsterdam mit Wandgemälden zu schmücken. Mussten nicht in Rembrandt eigene Gedanken aufsteigen, als er sah, dass ihm einer seiner Schüler die Möglichkeit, sich umfassend zu betätigen, nahm7 Das Geschick gewährte ihm vorübergehend Sühne. Flinck starb, ehe er die Werke ausführen konnte, plötzlich am Fieber, 44 Jahre alt. Ob Rembrandt den Auftrag nun gern übernahm, als man sich in der Not an ihn wandte? Er führte ein erstes Gemälde (die Verschwörung des Claudius Civilis) aus. Als die Stadtherren Änderungen wünschten, liess er sie reden, ohne sich mehr darum zu kümmern. Ein anderer Schüler machte sich an die Ausführung der übrigen Werke.

Schon einige der Gemälde Flincks vom Anfang der vierziger Jahre (in den dreissiger war er in der Lehre) entfernen sich vom Stile Remhrandts. Noch mehr die Zeichnungen. Sie sind eigenartiger als die Historienbilder, wenn auch, besonders die Akte, etwas akademisch. Einzelne, wie die Knabenstudien, erinnern an Terborch; Blätter, wie das vorliegende, fallen durch die Helligkeit des Tones auf, durch den lichten Grund, durch ein freilich nicht ganz geglücktes Bemühen, fast ohne Modellierung plastisch zu wirken. Diese Beleuchtungsart, die Rembrandt ganz fremd ist, findet sich bei mehreren seiner Schüler, ausser bei Flinck bei Karel Fabritius und dessen Schüler

Jan Vermeer. Wenn diese Maler genau entgegengesetzte Wege als der Lehrer gingen, so mag der Grund in der überwältigenden Persönlichkeit des Meisters gelegen haben. Es gab da verschiedene Möglichkeiten für die Richtung, welche die Jüngeren einschlagen konnten: entweder gaben sie im Nachahmen des Lehrers ihre Individualität völlig auf oder sie wichen in, vielleicht unbewusster, Opposition in ganz andere Bahnen aus.

Eine dritte Möglichkeit ergibt die Entwicklung des Meisters der beiden folgenden Zeichnungen: Nicolaes Maes. Zu Lebzeiten Rembrandts schloss er sich eng an seine Kunst an, dann begann er in völlig anderer Auffassung von vorne. Der Bruch ist so gross, dass man eine Zeitlang glaubte, zwei Künstler vor sich zu haben.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

Govert Flinck