Geboren nahe bei Bologna 1575, Gestorben zu Bologna 1642.
Bolognesische Schule

Die Meister der eklektischen Schulen Italiens im siebzehnten Jahrhundert, die bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts der grossen klassischen Kunst zugerechnet wurden, sind seither so jäh und gründlich entthront worden, dass man jetzt fast mit dem gleichen Recht von einer Unterschätzung wie früher von einer Überschätzung sprechen könnte. Aber der Schönheitssinn und das Stilgefühl dieser Maler findet gelegentlich doch einen edlen künstlerischen Ausdruck; sie haben namentlich als Landschaftsmaler und in ihren Fresken Tüchtiges und selbst Eigenartiges geleistet. Auch in ihren Tafelbildern haben sie ihre Berechtigung, wenn der Gegenstand der Darstellung ihrer Begabung entspricht. Berühmt sind noch heute die Bilder der Ekstase, die ein Guido Reni gemalt hat, seine Darstellung der Maria als Schmerzensmutter und des Christus als Ecce Homo. In diesen Bildern des Duldens und der stillen Klage sucht der Künstler die regelmässigen, schönen Formen, für welche ihm Raphael als Vorbild dient, mit dem vergeistigten, schwärmerischen Ausdruck eines Correggio zu verbinden, und erzielt dadurch in seiner Absicht auf andächtige Stimmung regelmässig eine achtungswertc Wirkung.

GUIDO RENI 1575-1642

(1575—1642)
Seide, 290×204 cm

Die neuere Zeit steht den Leistungen der Bologneser Schule mit Recht sehr skeptisch gegenüber. War auch das Programm der Caracci im ganzen gesünder als jenes der manieristischcn Nachtreter der einzelnen großen Cinquecentisten, so haftet doch auch jenes in zu unselbständiger und auch zu äußerlicher Weise an den kombinierten Vorbildern, statt die eigene Individualität zur Geltung zu bringen. Kommen daher auch keine eigentlichen Genies, wie gleichzeitig in den Niederlanden und in Spanien, zum Durchbruch, und krankt auch das italienische Seicento dem überschöpferischen, vorausgegangenen Jahrhundert gegenüber an einer gewissen Erschöpfung, so begegnen uns doch auch in dieser Zeit noch tüchtige Talente, von welchen Annibale Caracci und Guido Reni in erster, Domenichino und Guercino in zweiter Reihe eine immerhin achtungswerte Stelle fernerhin beanspruchen können. Mog man auch in Renis Himmelfahrt Mariä das Kalligraphische der Zeichnung, das Akademische der Komposition und die Leerheit der Körperformen fühlen, so bleibt doch dem Ganzen ein empfindungsvoller Inhalt, ein dithyrambischer Schwung und ein Hauch von Idealität und Poesie, die uns selbst in der Gegenwart nicht kalt lassen, soweit sich auch die modernen Anschauungen davon entfernt haben. Es ist ein wirkliches Emporschweben in weichem Linienspiel und eine ausdrucksvolle verzückte Seligkeit, die den unleugbaren Akademismus verklärt und entschuldigt und über manche leere Formel wie über die koloristischen Schwächen hinweghilft. Freilich wirkt der Zauber mehr auf die Massen als auf den Kenner, doch kann auch dieser sich dem Effekt kaum verschließen. Und obwohl Renis Himmelfahrt Mariä unter jener des Correggio in der Domkuppel zu Parma steht, so klingt sie doch an die letztere an in ihrer Bewegung Luftigkeit und sonnigen Verklärung. Als das Bild mit dem Brautschatz der Maria Loisia von Medici, der Gemahlin des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, zugleich mit Raffaels Madonna Canigiani und Sartos herrlicher heiligen Familie nach Düsseldorf gelangte, erfreute es sich mit den letzteren gleicher Wertung, es erscheint daher jedenfalls geboten, dieser Überschätzung keine allzuschroffe Unter-senätzung gegenüberzustellen. Das Bild gelangte 1806 aus der Düsseldorfer Galerie nach München.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München GUIDO RENI 1575-1642

 

 

Christuskopf mit der Dornenkrone


Die von den Caracci in Bologna begründete Schule, gegen die Caravaggio und Ribera auftraten, wollte die in Routine und Manier verfallene Malerei ihrer Zeit durch strenge Schulung nach den Mustern der Hochrenaissance wieder aufrichten und wies ihre Schüler hauptsächlich auf Raffael, Correggio und einzelne Venezianer hin. Zu der äußeren Formschönheit und einer sehr korrekten Zeichnung fügte sie neue Reizmittel, verstärkte Bewegung, geräuschvolles Pathos oder auch einen weichmütigen Gefühlsausdruck, und diese Richtung, die das Hohe mit dem Zarten auf das innigste zu verschmelzen schien, behauptete sich nicht nur zu ihrer Zeit gegenüber der anderen, naturalistischen, sondern sie blieb sogar bis in das vorige Jahrhundert hinein die herrschende. Der heutigen Kunstanschauung gilt sie bei aller Anerkennung ihrer Formvorzüge für ein akademisches Treibhausgewächs. Guidos Kunst ist die bedeutendste Erscheinung dieser Nachblüte. Er ist mehr als ein bloßer Nachahmer. Was er durch Studium und Auswahl zustande gebracht hat, ist von keinem Italiener nach ihm mehr erreicht worden. Seine Fresken, die den großen Zug der klassischen Zeit haben und fast alle seine umfänglichen Altartafeln sind in Italien geblieben. Außerdem pflegten die Bolognesen noch eine in dem spätem Italien besonders beliebte kleinere Gattung, die früher nur bei den Venezianern und den Lombarden, nicht bei den Florentinern, vorkommt: das für die Hausandacht bestimmte Bild einer einzelnen Halbfigur. Der Kopf mußte dann die ganze Charakteristik auf sich nehmen, und die Gesichter wurden sinnend, schwermütig, sehnsuchtsvoll oder in Augenblicken des Leidens dargestellt. Der Ausdruck ist manchmal nicht ohne Raffinement, die Ausführung oft von der äußersten Vollendung. Von dieser Art sind die vielen Magdalenen Guidos, sowie einzelne Apostel und Heilige, endlich unser Christuskopf, der büstenartig auf einem nur kurzen Brustausschnitt sitzt, eine Abkürzung des so oft in der Kunst dargestellten Ecce-homo. Dieser schmerzerfüllte und dabei edel geformte Kopf, der übrigens ohne den antiken Laokoon schwerlich entstanden wäre, wie ja auch die Niobiden zu dem Typus der Mater dolorosa beigesteuert haben, ist ohne Frage eine der glücklichsten Leistungen der spätitalienischen Malerei. Guido hat das Bild öfter gemalt. Das Dresdener Exemplar, ein Geschenk des Papstes Innoccnz XII. an August II., ist das beste.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

GUIDO RENI 1575-1642