VORWORT

Erst nach der Drucklegung der beiden hier zusammengestellten Aufsätze, die zuerst im Pan erschienen sind, lernte ich Gildemeisters inhaltreiche Rede auf Bürgermeister Johann Smidt von Bremen kennen (Essays, 2. Band). Obschon sie an der Hand der Charakteristik des grossen hanseatischen Staatsmannes zunächst bremische Dinge beleuchtet, hat sie für den, der die Probleme der wundersamen Geschichte der Hansestädte in unserem Jahrhundert kennen lernen will, die grösste Wichtigkeit, und ich wüsste keinen besseren Weg, eine Anschauung von dem geschichtlichen Wesen der modernen Hansestädte zu bekommen, als die Vertiefung in dieses knappe Werk. — Die Studie über Hamburg ist für den Wiederabdruck in verschiedenen Abschnitten überarbeitet und erweitert.

A. L.

. . . Aber will jemand es bestreiten, dass die Macht des deutschen Handels und der deutschen Industrie, welche sich nunmehr stark genug zeigt, um die Gesetzgebung und die Verwaltung nach den Bedürfnissen des Verkehrs zu lenken, solche Stärke gewonnen hätte, ohne die Impulse, welche fünfzig Jahre lang unablässig von den Hansestädten ausgingen, ohne den Sporn ihres Beispiels, ohne den Neid, den ihre Freiheit — mit Recht — erweckte, ohne die Hülfe ihrer Kapitalkraft, ohne jenen Kranz kaufmännischer Kolonien, mit welchen sie alle Küsten der Erde umsäumten?

Gildemeister, Rede auf Johann Smidt.

EINLEITUNG: NIEDERSACHSEN

— 1895 —

Der preussische Gesandte bei den Hansestädten und den Höfen Mecklenburg und Oldenburg hat, seinen Sitz in Hamburg, was zugleich die zentrale Lage und die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der jüngst entwickelten unter den drei letzten Hansestädten beleuchtet. In der That bildet Hamburg noch heute in mancher Beziehung den Mittelpunkt für das ganze Gebiet, den es im vergangenen Jahrhundert, wo es kulturell wohl die erste Stadt Deutschlands war, für einen noch weiteren Umkreis ausgemacht hat.

Trotz grosser Selbständigkeit der einzelnen Provinzen hat dieser diplomatisch zusammengelegte Nordwest doch einen einheitlichen Charakter sowohl durch die Gleichartigkeit des Volkstums wie durch die verwandten sozialen Charakterzüge.

Überall liegt das niedersächsische Volkstum zu Grunde. Doch wird es an den drei äusseren Enden im Osten, Westen und Norden durch fremde Einflüsse deutlich gefärbt. Im Osten, in Mecklenburg, das durch die Niedersachsen kultiviert und dem plattdeutschen Sprachgebiet gewonnen wurde, spürt man die Beimischung westslavischen Blutes. Der Mecklenburger ist lebhaft und von allen Plattdeutschen der sprachgewandteste, er ist namentlich ein hochbegabter Erzähler und Schilderen Fritz Reuter stellt den Idealtypus dieses scharfcharakterisierten Volksschlages dar. Der Schleswig-Holsteiner vermittelt uns skandinavisches Wesen, obwohl er bis auf die Grenzbewohner ein guter Niedersachse ist. Im Westen spricht das friesische und holländische Element bereits sehr stark mit. Schon in Bremen lassen sich holländische Züge wahrnehmen.

Hamburg nimmt eine Stellung für sich ein. Der früher mächtige englische Einfluss hat sehr abgenommen. In vielen einflussreichen Hamburger Familien macht sich in neuerer Zeit durch die Beziehungen zu Südamerika die Beimischung spanischen Blutes und spanischen Wesens sehr fühlbar, und hier allein im ganzen Nordwest giebt es altansässige Judenfamilien, die, in Leben und Anschauung Hanseaten geworden, auf das öffentliche Leben erheblichen Einfluss ausüben.

Das ist der Untergrund des Volkstums. Die alte einheimische Kultur stammt aus niederländischer Wurzel und hat hie und da eigenartige lokale Schösslinge getrieben, deren Zusammenhang mit dem Mutterstock jedoch immer fühlbar bleibt. Niedersächsisch ist das überall durch die Fürstenzeit des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gerettete freiheitliche Wesen des Bauern und Bürgers, in Mecklenburg wenigstens der Städte und des Adels. Nirgend hat in Stadt und Land der Fürst jemals alle Kräfte sich dienstbar machen können. Niedersachsen ist etwas wie die Schweiz Norddeutschlands.

Derselbe Umstand hat auch verhindert, dass dies niedersächsische Gebiet zu irgend einer Zeit für eine gemeinsame Kulturarbeit zusammengefasst worden wäre. Auch die Hansa hatte wesentlich eine politische Funktion. In Kunst und Litteratur hat sich der Nordwest noch nicht ausgegeben.

Diese bäuerische und städtische Atomisierung der Volkskraft äussert sich am deutlichsten im Verhältnis zur höheren Bildung. Es giebt auf dem ganzen Gebiet keine Malerakademien und polytechnischen Hochschulen, Universitäten nur in Kiel und Rostock.

Auch die ökonomischen Verhältnisse sind sehr gleichartig. Zahlreiche Seestädte mit reichentwickelten Handelsbeziehungen sitzen in einer ackerbauenden Bevölkerung des Landes und der Landstädte. Residenzen von beherrschender Stellung giebt es nicht, und die Fabrikthätigkeit ist sehr jung. Hier kommt ausser Hamburg, das mit Altona und Harburg in der letzten Generation, ehe es sich dessen recht versehen, eine sehr bedeutende Fabrikstadt geworden ist, kein Platz in Betracht. Städte wie Neumünster mit seiner grossen Tuchindustrie bilden eine seltene Ausnahme. Der Landmann, der Kaufmann, der Seefahrer, der Fischer, das sind die Berufstypen des Volkes.

Da die Fürsten keine übermächtige Stellung besessen haben, sind andere historische Bauten als Kirchen und Rathäuser auf dem ganzen Gebiete sehr selten. Charakteristischer Weise wirken diese Gebäude und die Bauernhöfe monumentaler, als selbst die Schlösser und Patrizierhäuser. Alten Kunstbesitz hat ausser der Kirche und einzelnen Rathäusern nur der Schweriner Hof in unser Jahrhundert gerettet Kirchen, Rat- und Bauernhäuser waren die wesentlichen Quellen, aus denen die an allen Orten errichteten historischen Sammlungen und Gewerbemuseen, die man wohl schon unter einer Rubrik aufzählen darf, Denkmäler einheimischer Kunst und Kultur schöpfen konnten. Was der Adel, was die Patrizier bewahrt hatten, war meist nur ein kostbares Einzelstück. Ihr einst sehr reicher Besitz an Gemälden, Kunstsachen und Hausrat ist zerstreut.

In Schwerin bildet denn auch die Grossherzogliche Sammlung die Grundlage der Staatsmuseen, vor allem die wichtige Gemäldegalerie, an alten Meistern die hervorragendste im Nordwest. Die Oldenburger Galerie alter Meister ist jung, erst seit Anfang dieses Jahrhunderts ausgebildet, aber sie enthält eine Anzahl ausgezeichneter Gemälde. Noch jünger ist die Galerie alter Meister in der Hamburger Kunsthalle. Sie ist aus den letzten Resten des einst unermesslichen Privatbesitzes an alten, namentlich holländischen Meistern zusammen geflossen. Die ansehnliche Sammlung Hamburgischer Meister seit dem fünfzehnten Jahrhundert ist erst vor einigen Jahren gegründet worden. Kleinere Sammlungen alter Meister werden noch in den Museen von Bremen und Lübeck und in der Universität zu Kiel aufbewahrt Lübeck besitzt in seinen alten Kirchen eine hochbedeutende Sammlung von Bildern des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, und überall finden sich in den Kirchen einzelne wichtige Kunstwerke.

Privatsammlungen alter Meister sind recht selten geworden. Manches steckt noch in den Mecklenburger Schlössern, Lübeck und Bremen haben noch einige Sammlungen aus älterer Zeit. In Hamburg sind die umfangreiche Galerie des Konsuls Weber und die Sammlung des verstorbenen Hauptpastors Glitza am bekanntesten.

Kupferstichkabinette von Bedeutung sind die zu Bremen — Kleinmeister, Handzeichnungen von Dürer — und Hamburg — alte Italiener, Deutsche, Holländer etc., Handzeichnungen aller Schulen, moderne Radierungen —.

Die Gewerbemuseen, unter denen das von Justus Brinckmann gegründete und geleitete in Hamburg einen Weltruf besitzt, finden sich fast überall in rationeller Weise mit den historischen Museen vereinigt. Sammlungen kunstgewerblicher Gegenstände von erheblichem Wert dürften im Privatbesitz nur in Hamburg und Bremen vorhanden sein.

Für neuere Kunst ist bisher nur in den grösseren Zentren etwas geschehen. Fast überall war naturgemäss die Sorge für die Erhaltung und das Verständnis der Reste alter Kunst der Ausgangspunkt, nur das unhistorisch fühlende Hamburg hat schon in den zwanziger Jahren mit der Pflege der lebenden Kunst eingesetzt Es steht jetzt mit seiner Gemäldegalerie, seiner Skulpturensammlung, der modernen Abteilung seines Kupferstichskabinetts im Nordwest voran. In Oldenburg hat sich Grossherzog Peter als ein feinsinniger Freund und Sammler lebender deutscher Meister bewährt; in Schwerin ist der Grund einer modernen Galerie gelegt, ebenso in Bremen, Lübeck und Kiel. Privatgalerien lebender Meister muss man in Hamburg [Behrens, Amsinck, Pini, Berkefeld, Antoine-Feill, Weber, Freiherr von Westenholz, Dr. A. Wolffson, Kalkmann] und Bremen suchen. In Kiel besitzt Prof. Hänel eine kleine, aber höchst gewählte Sammlung lebender Meister. Die Freude an modernen Originalradierungen lebt eben wieder auf. Den bedeutendsten Sammler hat Bremen in Dr. H. H. Meier aufzuweisen. — Als Handzeichnungssammler hat sich Arnold Otto Meyer in Hamburg einen Namen gemacht durch die Umsicht und Einsicht, mit der er die deutschen Künstler der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts studiert hat Neben ihm ist A. Glüenstein zu nennen.

Museumsbauten sind in Bremen (am frühesten), Hamburg, Oldenburg, Schwerin, Kiel und Lübeck errichtet, jedesmal nach einem neuen und eigenartigen Plan, der weder von dem Berliner noch von dem Münchener Typus abhängig ist.

Die Gründer der öffentlichen Sammlungen sind entweder, wie in Mecklenburg und Oldenburg, die Fürsten oder, wie in Hamburg und Bremen, die Kunstvereine, hie und da auch historische Vereine oder, wie in Lübeck, die Gemeinnützige Gesellschaft. In Kiel pflegt die Universität die Sammlungsinteressen. Wenig haben die Staaten und Städte bisher aus öffentlichen Mitteln zu thun gefunden. Nur in Hamburg sorgt der Staat für die Ausbildung des Museums für Kunst und Gewerbe und des Kupferstichkabinetts der Kunsthalle.

So weit die Sammlungen.

Was den ganzen Nordwesten von den übrigen deutschen Kulturgebieten unterscheidet, ist die mangelnde Fürsorge für die Erziehung der höheren künstlerischen Begabungen. Handwerkerschulen, Gewerbeschulen, Bauschulen giebt es überall. Aber es kann keins der zwischen Oldenburg, Schwerin und Flensburg auf keimenden wirklichen Talente sich als Bildhauer, als Maler, als Architekt auf dem Boden der Heimat seine volle Ausbildung verschaffen.

Die Folgen dieser Gleichgültigkeit gegen das in der Volkswirtschaft unschätzbare Produkt, das Talent, liegen klar zu Tage.

Zunächst ist es eine grosse Armut an hervorragenden Malern, Bildhauern und Architekten. Die Sehnsucht aller Talente ist: hinaus! Nach Berlin, nach München, nach Paris 1 Bei der allgemeinen Wohlhabenheit, der grossen Mildthätigkeit sind auch die Unbemittelten leicht in der Lage, Stipendien zu erhalten. Wer in den Kunststädten Anschluss findet, kehrt nicht so leicht wieder, und das sind naturgemäss nicht gerade immer die schwächeren Begabungen. Dagegen kommen zurück, die daran verzweifeln mussten, sich draussen eine Existenz zu schaffen, oder denen ihre äusseren Verhältnisse keine Wahl lassen. Seltener kommt es vor, dass die Liebe zur Heimat der wirkliche Grund der Rückkehr war. Unter der Schar dieser dem Heimatboden gegen ihren Wunsch Wiedergegebener sind verhältnismässig Wenige auch nur mit dem bescheidenen Mass von Können ausgerüstet, das sich auf den deutschen Akademien bisher erwerben liess. Die Meisten haben nur eine ganz oberflächliche Schulung. So ist es kein Wunder, dass Rückbildung und Versumpfung eher die Regel als die Ausnahme bilden. Viele kämpfen lange Jahre mit unzulänglichen Mitteln in einer Umgebung, die sie nicht versteht, unter beständiger Sehnsucht nach draussen, bis sie mit sich und der Welt zerfallen sind und erlahmen. Andere ergeben sich schneller. Sehr Wenige haben die Kraft, sich durchzuringen.

Und da in diesem wohlhabenden Gebiete doch mancherlei Aussicht auf Erwerb winkt, bildet es die Zuflucht von reisenden Künstlern, die die scharfe Konkurrenz in den Kunststädten nicht aushalten können. Dass sie nicht durch ernste Leistungen, die ihnen auch in den Kunstzentren eine Stellung sichern würden, ihren Weg machen, sondern eher durch Anpassung an den Durchschnittsgeschmack vorankommen, versteht sich von selbst.

An allen Ecken und Enden hört man, dass im Nordwesten die Künstler zur Zeit ihrer stärksten Empfänglichkeit dem Heimatboden entfremdet und den zufällig wechselnden Einflüssen der Akademiestädte ausgesetzt waren. Dass das Bodenwüchsige, der Erdgeruch ihren Produkten fehlt, ist fast die Regel.

In der Gesellschaft spielt der Künstler als solcher keine Rolle. Hie und da kommt es vor, dass sich einem Einzelnen aus irgend welchen Ursachen die Thüren des Salons öffnen, Künstlerschaft an sich macht nicht gesellschaftsfähig. So kommt es, dass der persönliche Einfluss der wenigen bedeutenden und dabei gebildeten Künstler sich auf ganz enge Kreise beschränkt. Breiten Schichten der vornehmen Gesellschaft ist völlig unbekannt, wie viel Anregung der Verkehr mit Künstlern bieten kann, und das ist wiederum ein Hemmschuh am Wagen, der die neuen Ideen bringt.

Nun wird aber nicht allein sehr wenig wirklich bedeutende Kunst im Nordwesten geschaffen, es gelangt auch von Aussen wenig dahin. Denn Kunsthandel und Ausstellungswesen liegen darnieder.

In der vergangenen Generation wirkten z. B. in Hamburg noch die bedeutendsten Kunsthändler, wie Harzen, Commeter, Christian Meyer, gelehrte Kenner ihres Faches, von deutschem, sogar europäischem Rufe. Sie haben weder auf dem Gebiete der alten noch auf dem der neuen Kunst ebenbürtige Nachfolger gefunden. Berliner, Münchener, Pariser, holländische Kunsthändler liefern die teuren Bilder, aus Wien und München kommt in ungeheuren Massen die Schleuderware, die einheimischen Kunsthändler — sehr gering an Zahl — haben schwer zu kämpfen. Von der führenden Thätigkeit nach Art der Pariser, Londoner und Dresdener Kunsthändler, die in einem anziehend entwickelten Ausstellungswesen einen so ausserordentlich starken Einfluss auf das Publikum üben, ist in Niedersachsen noch nicht viel zu merken.

In Hamburg waren noch in den fünfziger Jahren die Ausstellungen des Kunstvereins die mannigfaltigsten Deutschlands. Fast ein Jahrzehnt hatten sie jetzt ganz aufgehört, und das gerade zu der Zeit, wo München die phänomenale Entwickelung als Kunstmarkt durchmachte. Von dem Besten, was in Deutschland entstand, kam in der letzten Generation das Wenigste nach Nordwestdeutschland.

Eine Reaktion bereitet sich vor. In Hamburg bemüht sich der Kunstverein — im Bunde mit dem Künstlerverein und der Kunsthalle —, seine grossen Ausstellungen zur alten Bedeutung zu erheben, in Bremen und Kiel haben sich die jüngeren Künstler zu-sammengethan, um ihre eigenen Werke zur Ausstellung zu bringen, in Lübeck hat ein junger Kunsthändler den Mut gehabt, Klingers Kreuzigung auszustellen.

Diese Bestrebungen müssten zuerst den einheimischen Künstlern zu gute kommen, denn gesunde Zustände können nicht erreicht werden, wenn nicht der eigene Boden bestellt wird. Nirgends in Deutschland haben bisher die einheimischen Künstler so schwer zu kämpfen gehabt wie in Nordwest, sie hatten nicht einmal die letzte Zuflucht des Kunsthandels. Der Nordwesten verhielt sich zu seinen Talenten wie ein Landstrich, der edelsten Wein bauen könnte, aber diesen Stoff von aussen bezieht.

Über den Stand der künstlerischen Produktion ist nicht viel Allgemeines zu sagen. Ihre Schwäche geht aus den eben dargelegten Umständen hervor. Malerei, Architektur, Kunstgewerbe tragen im allgemeinen den Stempel des Importierten.

Die Architektur hat keinen selbständigen Charakter mehr. Jene eigenartige und oft höchst liebenswürdige, hie und da sogar grossartige Weiterentwickelung holländischer Baugedanken, die bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts währte und auf dem Lande heute erst zu verdorren droht, wurde in den Städten unter dem Flugsande des Klassizismus begraben. Dann kämpften Berliner Klassizismus und Münchener Romantik, denen sich für Hamburg Pariser und Londoner Einflüsse zugesellten, bis schliesslich Berliner Neurenaissance, Neubarock und Neurokoko sich mit der Backsteingotik Hannovers, der nächstgelegenen Fachschule, den Rang streitig machen. Hie und da wirken einzelne Talente, aber im ganzen Nordwesten entspricht weder die öffentliche noch die private Architektur der Wohlhabenheit und Bildung der Bewohner, und ganz ausnahmsweise knüpft sie mit Bewusstsein bei der lokalen Vergangenheit an.

Auf den Kunstausstellungen erscheint die Architektur nicht mehr, und es ist ein Zeichen der Zeit, dass der Vorstand eines grossen Architektenvereins im Nordwesten beschlossen hat, von der Beteiligung abzusehen, da sich das Publikum doch nicht dafür interessiere.

In der Malerei herrscht, wie überall, der Kampf zwischen den Alten und den Jungen, und wird mit denselben Mitteln geführt. Aber ein höchst wichtiges Symptom zeigt sich überall: die Jugend will den Boden nicht mehr dauernd verlassen. In Bremen haben sich die Leute von Worpswede zusammen-gethan, die Künstlerschaft in Schleswig-Holstein ist geeinigt und stellt in Kiel aus, und die jüngsten Hamburger sind wenigstens darin einig, dass sie sich die Darstellung der Heimat wieder als Ziel erwählt haben. Hiermit thun sie den Schritt in ein unerschöpfliches Gebiet, denn kein anderer Landstrich in Deutschland ist malerisch, an Fülle und Mannigfaltigkeit der Motive und Stimmungen der Landschaft sowie an malerischer Vielgestaltigkeit des Lebens, dem Nordwesten auch nur annähernd zu vergleichen, der zugleich an der weichen tonigen Natur der Nordsee und der harten koloristischen der Ostsee Teil hat. — Auf die Architektur und das Kunstgewerbe ist die Malerei ohne Einfluss.

Sehr schlecht geht es überall der Skulptur. Sie hat im Bürgerhause keine Sympathie. Die wenigen Talente laufen Gefahr, von den Architekten und Maurermeistern ruiniert zu werden, denen sie die wüste Ornamentik für die Stuckfassaden zu modellieren haben.

Die Gartenbaukunst siecht unter der einseitigen Herrschaft der verkommenen englischen Tradition dahin. Von einer Rückkehr zu architektonischen Prinzipien findet sich auf dem ganzen Gebiet kaum eine Spur, der Aufwand aber, der überall mit dem Garten getrieben wird, ist ganz enorm, und wenn ein Teil davon dereinst einer Kunst des Gartenbaus dienstbar gemacht wird, brechen herrliche Zeiten an.

Das Kunstgewerbe hat dieselbe Entwickelung durchgemacht wie im übrigen Deutschland. Es hat im ganzen nicht mehr Eigenart als die Architektur, wenn auch einzelne Zweige eine selbständige Entwickelung aufweisen. Der lebenden Kunst steht es fern.

Was an den künstlerischen Zuständen im Nordwesten unzulänglich ist, ergiebt sich im letzten Grunde aus der verkehrten Einrichtung des Bildungswesens. Überall sorgen Staat und Gemeinde für die niedere Bildung in bester Absicht, überall vernachlässigen sie die höhere. Es ist nicht möglich, auf diesem Wege Kultur zu schaffen. Die weiteste Verbreitung von Elementarkenntnissen im Handwerkerstand wiegt die Bedeutung eines wirklich produktiven malerischen Genies, eines kultivierten, originellen Architekten nicht auf, wenn sie in der Heimat ihr Wirkungsgebiet finden. Es kommt immer darauf an, dass das Höchste geleistet werde, nur dann hebt sich das Niveau auch des Niedrigsten. Wenn im Nordwesten die leitenden Mächte nicht einsehen, dass ihre Sorge sein muss, den künstlerischen Begabungen auf dem Boden der Heimat die höchste Ausbildung und Bildung zu geben, so werden wir binnen kurzem das alte Kulturgebiet zu einem Brachacker werden sehen, auf den alle Unkräuter der Fremde einwandern.

Schutz vor dem lahmlegenden Import von Ideen und Erzeugnissen von aussen gewährt nur die höchste Entwickelung der eigenen Produktion.

HAMBURG

Von allen deutschen Grossstädten ist keine nach ihrer Erscheinung und ihrem Wesen so unbekannt wie Hamburg. Die meisten Vorstellungen, die man sich im Reich von der Stadt und ihren Bewohnern macht, sind schief oder falsch.

Hamburg ist kein Reiseziel, man pflegt es nur flüchtig auf einer Rundreise zu berühren. Denn von dem, was der gebildete deutsche Durchschnittsreisende zu suchen gewohnt ist, alte malerische oder romantische Architektur, Sammlungen alter Kunst und ein leichtes, anheimelndes öffentliches Leben der Gesellschaft, besitzt Hamburg nicht viel, und der Genuss dessen, was es zu bieten hat, erfordert Zeit, Ruhe und den Willen, sich zu vertiefen, Dinge, die nicht mit auf die Reise zu nehmen pflegt, wer eine moderne Stadt besucht.

Nirgends auch fallt es dem Reisenden so schwer, sich zu orientieren und den Eindruck von markanten Linien eines festumrissenen Charakterbildes mitzunehmen. Nur einzelne auffallende Züge, die unter sich nicht recht in Verbindung zu bringen sind, pflegen haften zu bleiben. Wie in Berlin, Dresden oder München der Einheimische lebt und denkt, davon kann auch der Reisende eine Vorstellung gewinnen; wie der Hamburger sein Dasein einrichtet, erfahrt erst, wer es eine Zeitlang geteilt hat.

Und während die Malerei und die Litteratur der letzten Generation in dem Münchener und Berliner Leben reichen Stoff zu gestalten fand und Menschen und Milieu im Lichte der Kunst anzuschauen unser ganzes Volk gewöhnt hat, während Tageszeitungen, illustrierte Blätter, Witzblätter, Wochen- und Monatsschriften dort über alle Ereignisse und Vorgänge berichten, giebt es nur erst die Anfänge einer Ham-burgischen Litteratur, hat die bildende Kunst die unerschöpflich reichen und vielseitigen Stoffe, die das mannigfaltige Leben und die wundervolle Hamburger Landschaft ihr bieten könnten, noch so gut wie unberührt gelassen, und keine illustrierten Blätter, Wochen- oder Monatsschriften erscheinen in Hamburg, die das Reich mit dem, was dort vorgeht, bekannt machen könnten.

I.

Auch für Hamburg, die am spätesten entwickelte unter den drei übrig gebliebenen Hansestädten, gilt die Erfahrung, dass sich aus dem Stadtplan Charakter und Gang der Entwickelung ablesen lässt.

Aus seiner heutigen Gestalt allein ist die Geschichte der Stadt allerdings nicht deutbar. Denn es giebt keine deutsche Stadt, vielleicht überhaupt keine, deren Strassennetz und deren Wasseradern im Laufe der letzten Jahrhunderte so ungeheure Veränderungen erfahren hätten.

Wie Lübeck und Bremen, war Hamburg ursprünglich ein Bischofssitz gewesen, in welchem die Bürgerschaft sehr früh die Macht des weltgeistlichen Fürsten bei Seite gedrängt hatte.

Während aber im Stadtplan der beiden Schwesterstädte die Spur der Bischofsperiode noch deutlich erkennbar geblieben ist, in Bremen mit Dom und Domplatz, in Lübeck mit der stillen bischöflichen Dominsel, die von den Wogen des bürgerlichen Lebens noch heute nur von fern umspült wird, ist der ehrwürdige Dom in Hamburg dem Erdboden gleich gemacht, und nur die Domstrasse erinnert durch ihren Namen an die Bedeutung der Stätte, aus der ein kühner Traum einmal das Zentrum eines nordischen Rom hatte schaffen wollen.

Und während in Lübeck und Bremen Rathaus, Rathausmarkt und Bürgerkirche ihre ursprünglichen Plätze inne haben, wird die Regierung von Hamburg im eben vollendeten Rathause an der vierten, wahrscheinlich sogar an der fünften Stelle tagen. Wo sich das erste erhob, weiss niemand zu sagen; auch die Stätte des zweiten ist streitig-, das dritte wurde vom Brand verwüstet, das vierte soll in diesem Jahre aufgegeben werden. Nur die alte Bürgerkirche von St. Peter ragt wie einst auf dem höchsten Punkt der ältesten Stadt empor, aber als Neubau unseres Jahrhunderts. Von den mittelalterlichen Kirchen stehen nur noch zwei, alle Kapellen und Klöster sind verschwunden.

Unübersehbar sind die Veränderungen der grossen und kleinen Wasserläufe. Die Alster wurde zu einem Landsee aufgestaut, der jetzt mitten in der Stadt liegt Zweimal wurde dann durch quer hindurchgelegte Dämme die ursprüngliche Einheit dieser weiten Wasserfläche geteilt.

Zuerst durch den Jungfemstieg, der ursprünglich auf beiden Seiten von Wasser begrenzt war und als schmaler Damm Gänsemarkt und Bergstrasse verband. Durch Befestigungen, an deren Vorhandensein die Strassennamen Alter Wall und Neuer Wall erinnern, wurde das innere Bassin, das ursprünglich sehr grosse Dimensionen hatte, zum grossen Teil zugeschüttet. Bei der Regulierung nach dem Brande von 1842 schrumpfte der noch vorhandene ansehnliche Rest zu dem Bassin der kleinen Alster zusammen.

Ein weiteres Stück wurde von der grossen Alsterfläche durch die querdurchgelegten Befestigungen des dreissigjährigen Krieges abgeschnitten. Das ist die heutige Binnenalster.

Auch in der inneren Stadt hat die Verteilung von Land und Wasser sich seit Menschengedenken wesentlich verändert. Flussschiffe ankerten, wo jetzt die weite Fläche des Rathausmarktes sich dehnt; wo die Sitzungssäle des Senats und der Bürgerschaft liegen, flössen Fleete. Die zahllosen Kanäle, die als Abflüsse der Alster die Stadt durchziehen, hat mit zwei oder drei Ausnahmen die Hand des Menschen gegraben. Ebenso ist der Lauf des anderen Nebenflusses der Elbe, der durch Hamburg fliesst, der Bille, zu Wasserflächen aufgestaut und in ein Netz von Kanälen verwandelt. Eine Industriestadt hat sich dort gebildet, wo noch vor einer Generation an stillem Gewässer die Sommersitze aus dem achtzehnten Jahrhundert lagen.

Wie die Becken und Kanalsysteme der Alster und Bille künstliche Gewässer sind, so ist auch der Arm des Elbstroms, der die Häfen bildet, von den Hamburgern durch kunstreiche Wasserbauten an die Stadt herangeholt worden. Bis ins Mittelalter lassen sich die Kämpfe des Ingenieurs, denen dipomatische und kriegerische Aktionen mit den Nachbarstaaten parallel gingen, zurückverfolgen.

Im heutigen Hafengebiet sind die Umänderungen gewaltig und unübersehbar. Wo in meiner Jugend die stolzen Barockpaläste der Patrizier und die malerischen Wohnhäuser der Arbeiter sich erhoben, strömt heute die Flut durch breite Kanäle; elektrische Bahnen schiessen dahin, wo damals noch Schiffe unter Bäumen am Quai lagen; Rinderherden grasten, wo jetzt in den seeartigen Becken der neuen Hafenanlagen die Handelsflotten liegen, und es kommt mehr als einmal vor, dass sich seit einem Menschenalter an derselben Stelle die dritte Brücke über den Kanal spannt.

Mehr noch: der Elbstrom, über dessen unzulängliche Tiefe in früheren Jahrhunderten die Besitzer der Segelschiffe geringen Tiefgangs wiederholt Klage führten, trägt infolge ungeheurer Regulierungsarbeiten heute die schwimmenden Städte der grössten transozeanischen Dampfer bis in die neuen Häfen, eine Aufgabe, an deren Lösung unter den schwierigsten Bedingungen Jahrhunderte gearbeitet haben, und weitere Arbeiten sind im Gange, die auf eine Vertiefung der Fahrrinne hinzielen und sie gegen die wechselvollen Einflüsse von Flut, Strom und Ostwind sichern sollen.

So ist der ursprüngliche Zustand des Erdbodens und der Wasserläufe, so ist das Bild der historischen Entwickelung des Stadtbildes verwischt. Es lässt sich nicht sagen, ob in Hamburg das Wasser oder das Land sich als das weniger stabile Element erwiesen hat.

Die alte Stadt innerhalb der Festungswälle des siebzehnten Jahrhunderts wurde in drei Etappen gebildet Auf dem Hügel an der Alster, der den Übergang der alten Heerstrasse von Lauenburg nach Holstein beherrscht, lag, weit vom Elbstrom entfernt, die älteste Stadt. Petrikirche und Johanneum bilden noch heute etwas wie eine Akropolis. Im Alsterdelta zu ihren Füssen entstand selbständig im dreizehnten Jahrhundert die Neustadt mit eigenem Recht und eigener Verwaltung. Nach der Vereinigung der beiden Städte erhob sich das gemeinsame Rathaus vor der Brücke, die sie verband — eine Anlage, die auch anderswo vorkommt, wenn zwei Stadtkerne verschmelzen. Die Befestigungen des dreissigjährigen Krieges zogen den riesigen Komplex der Gärten vor dem Thore in das Weichbild, und noch im siebzehnten Jahrhundert wurden die Feldwege darin zu Strassen. Das ist der Ursprung des Gängeviertels mit seinen schmalen Gassen und seinen grossen Gärten im Kern der unregelmässigen Baublöcke.

Aus der Urzeit ist nur ein Strassenzug in seinem alten Verlauf erhalten, die grosse Heerstrasse, die schon in vorgeschichtlicher Zeit über die Furt der Alster führte. Man sieht ihren Krümmungen heute noch an, wie sie einst sich der Gestalt des Terrains anschmiegte.

Die Natur des Bodens und die Bedürfnisse des Handels bestimmten schon im Mittelalter den Typus der städtischen Bebauung. Es wurden nicht, wie in den holländischen Städten, Kanäle von Strassen eingefasst — das Grachtensystem —, sondern es erhoben sich an den Ufern der „Fleete“ die langen Reihen der Speicher, deren Grundmauern tief unter das Wasser hinabreichen.

Man wird in diesen Fleeten an Venedig erinnert. Aber es sind nicht die Paläste und Wohnhäuser, die ihre zierliche oder grossartige Architektur im Wasser spiegeln, sondern die schlichten Nutzbauten der Speicher, deren einziger Reiz in den roten Ziegeldächern und den weissgestrichenen Fensterrahmen im roten Mauerwerk besteht.

Wer vom Fleet durch den Speicher geht, gelangt nicht gleich auf die Strasse, sondern auf einen schmalen Hof und erreicht sie von dort erst durch das Wohnhaus. Dieser Komplex von Wohnhaus und Speicher, die durch einen schmalen Flügel an der einen Seite des dazwischen liegenden Hofes verbunden sind und von der Fahrstrasse und dem Kanal begrenzt werden, bildet die typische Anlage eines alten Hamburgischen Kaufmannshauses.

Erst im siebzehnten Jahrhundert hat das holländische Vorbild der Grachtenanlage zu wirken begonnen, aber der Holländische Brook war fast das einzige Gebilde dieser Art. Bei den grossartigen Speicheranlagen im neuen Freihafengebiet ist man zu dem praktischeren einheimischen Typus zurückgekehrt, nur dass jetzt bei dem Speicher das Wohnhaus fehlt.

Drei grosse Ereignisse haben seit fünfzig Jahren das Bild der alten Stadt vollständig umgestaltet: der grosse Brand von 1842, der Zollanschluss und die neuen Hafenanlagen, die das Seeschiff, den Flusskahn und die Eisenbahn am Quai zusammenführen. Der Brand vernichtete den Kern der Stadt. Beim Wiederaufbau wurde mit grossem Raumgefühl ein neues Stadtzentrum gebildet um die durch ein Wunder erhaltene Börse, das neue Rathaus und die mit monumentalen Quais, wundervollen Wassertreppen — den schönsten, die ich kenne — und zierlichen Arkaden ausgestattete Kleine Alster.

Rathaus und Börse, durch Zwischenbauten verbunden, bilden jetzt einen einzigen Baukomplex, das Herz der Stadt Diese Vereinigung des Rathauses , das in Hamburg wesentlich nur den Sitz des Senats und der Bürgerschaft bildet, also des Regierungspalastes mit der Börse ist vielfach aufgefallen, auch wohl als unwürdig bemängelt worden, war aber Ausdruck thatsächlicher Verhältnisse. Die Hamburgische Verfassung rechnet für die Verwaltung des Gemeinwesens mit der freiwilligen Teilnahme des Kaufmannes. Männer, die an der Börse jeden Mittag Zusammenkommen, um ihre Geschäfte zu verhandeln, gehören als Mitglieder der Bürgerschaft den sogenannten Deputationen an, die als Ministerien Finanz, Bauwesen, Unterrichtswesen u. s. w. verwalten. Sollen sie dauernd in der Lage sein, den Sitzungen beizuwohnen, gebietet sich die möglichste Konzentration von Börse und Regierungs -palast von selbst. Im Inlande darf man bei der Beurteilung dieses eigenartigen Baukörpers nicht vergessen, welche hohe und angesehene Stellung die Hamburger Börse seit Jahrhunderten im Gemeinwesen einnimmt.

Auch äusserlich zwingt sich die Bedeutung dieses jüngsten Stadtkerns, dessen eine Hälfte vor fünfzig Jahren eine Wasserfläche war, unmittelbar der Anschauung auf. Nahezu sämtliche elektrischen Strasscn-bahnen führen über den Rathausmarkt, eine Anlage, die keine andere Grossstadt kennt.

Für den Freihafen wurde der vornehmste und malerischste Teil der alten Stadt niedergelegt, der bis vor dreissig Jahren im Winter von der Aristokratie bewohnt wurde. Was für Veränderungen die ebenfalls im Freihafengebiet liegenden Quais und Bassins der neuen Hafenanlagen mit sich gebracht haben, lässt sich am besten aus dem Vergleich der Pläne von 1860 und 1896 ermessen.

Aus dieser Übersicht ergiebt sich, dass bei der Anlage der Stadt Jahrhunderte hindurch ausschliesslich die Forderungen des praktischen Lebens massgebend gewesen sind.

Nirgend hat das künstlerische oder das repräsentative Bedürfnis des Fürsten einen öffentlichen Platz gestaltet, eine Perspektive durchgesetzt, einen Strassenzug bestimmt. Und der Senat hat von je her vermieden, durch äussere Repräsentation zu glänzen.

Das Leben der Gesellschaft hat nur wenig Spuren im Stadtbilde hinterlassen, am ehesten noch in der Grossen Allee in der Vorstadt St. Georg, die am Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Art Korso war, und deren grossräumige Anlage heute wie ein Rätsel erscheint. Nach künstlerischen Erwägungen hat erst unser Jahrhundert öffentliche Anlagen geschaffen. Zuerst in der langen Reihe von — später mannigfach dezimierten — Parks, die auf den niedergelegten Festungswällen angelegt wurden, dann beim Aufbau des Stadtkerns nach dem grossen Feuer von 1842 und zuletzt bei der Umgestaltung der Ufer der Aussenalster und bei den Entwürfen für den neuen Bebauungsplan.

Bei den Wallanlagen und der Umgestaltung der Alsterufer herrschte unumschränkt der sogenannte englische Gartenstil, ausserhalb dessen wir uns eine grosse Gartenanlage selbst mitten in der Stadt kaum vorstellen können. Bei den Anlagen an der äusseren Alster zeigt sich in den Ausstattungsstücken an Brücken, Bänken, Wartehäusern überall der Einfluss der hannoverschen Gotik.

Monumental gedacht und nicht nur in ihrer Zeit — der Mitte unseres Jahrhunderts — ein Wunder an Vornehmheit der Anlage sind die Quais und Treppen der Binnenalster und der Kleinen Alster.

II.

Es muss ein wertvoller Fleck Erde sein, auf dessen Umgestaltung seit Jahrhunderten solch unberechenbare Summen von Intelligenz, Arbeit und Geld, so viele diplomatische und kriegerische Kämpfe von den Bewohnern aufgewandt worden sind, und den sie im siebzehnten Jahrhundert, als der grosse Krieg ausgebrochen war, durch die stärksten damals denkbaren und noch dazu auf ungünstigem Boden angelegten Festungswerke schützten, mit Wällen wie Hügelreihen, hinter denen Türme verschwanden, und Stadtgräben gleich tiefen Thälern.

Im neuen Hafen liegt neben dem weiten Becken des Segelschiffhafens das Bassin für die langen Oberländer Kähne; Hamburg ist der Ort, den die flachen Kähne aus Sachsen und Österreich vom Wellengang ungefährdet erreichen können, und bis zu dem die Flutwelle die Seeschiffe heraufträgt. Alle Anstrengung war seit Jahrhunderten darauf gerichtet, die Qualität des Hafens als Ort der Umladung vom See- ins Flussschiff intakt zu erhalten und zu steigern. Dass es bis heute trotz der wachsenden Ansprüche gelang, ist ein halbes Wunder. Hätte eine einzige Generation die Kraft erlahmen lassen, so wäre die Verbindung auf immer zerrissen.

Dies ist auch die wichtigste Ursache, dass Konkurrenzstädte am unteren Elbstrom sich nicht entwickeln konnten, und dass Hamburg bisher noch nicht genötigt war, sich selbst eine Konkurrenz-stadt zu gründen wie Bremen in Bremerhaven. Hamburg ist einer der wenigen Häfen der kurzen ozeanischen Küstenstrecke eines mächtigen Reiches, der zugleich als einer der Häfen Österreichs und sogar Russlands zu gelten hat Für Österreich übersteigt die Bedeutung des Hamburger Hafens die von Triest.

Wenn man überblickt, was die Bürger im Laufe der Jahrhunderte unternommen haben, um ihrer Stadt den Boden zu sichern, den sie zur Entwickelung nötig hatte, so wäre man fast geneigt, einen Instinkt anzunehmen, der die Bedürfnisse der Zukunft voraus empfindet. Auf grossen Gebietserwerb konnte man nicht ausgehen, denn der Schutz hätte einen bedeutenden Teil der Kraft absorbiert, und der Umfang die Begehrlichkeit der benachbarten Fürsten gereizt. Dafür wurde um so energischer erkämpft und festgehalten, was für die Ausdehnung und Sicherung des Handels nötig erschien: das schon vor fünfhundert Jahren eroberte Kap der Elbe, wo jetzt Cuxhaven zu einer neuen Hafenstadt ausgebaut wird, die Elbinseln vor der Stadt, auf denen ein Teil des Freihafens liegt, und lange Strecken Uferlandes die Elbe, Alster und Bille hinauf. An der Altonaer Seite, wo das hohe Elbufer sich unmittelbar aus dem Strom erhebt, verzichtete man auf Gebietserweiterung: und hier konnte ein Konkurrenzhamburg entstehen, seinem Ursprünge nach bezeichnender Weise nicht eine Rivalin der Handelsstadt — das ist sie innerhalb der durch die Natur gegebenen Grenzen erst seit einem Menschenalter geworden —, sondern eine Karte, die gegen den Hamburger Gewerbestand ausgespielt wurde. Die flachen Elbinseln Altona gegenüber gehören weit den Strom hinab wieder zu Hamburg, ein Raumvorrat für die künftige Entwickelung des Hafens.

Das Geheimnis der Zähigkeit, mit der durch die Jahrhunderte hindurch dieselben politischen Grundsätze verfochten und dieselben Ziele angestrebt wurden, dürfte in der Stellung und Organisation des Senates liegen. Seine Mitglieder werden durch ein sehr kompliziertes Wahlsystem auf Lebenszeit gewählt, wodurch sich innerhalb des Körpers, der die Souverainetät des Staates vertritt, eine feste Tradition in der Auffassung und Behandlung der wichtigsten Fragen bilden kann, und wodurch die Stellung des Senates und seiner einzelnen Mitglieder nach innen und aussen ihren Charakter erhält.

Vor hundert Jahren war Deutschlands direkter Anteil am überseeischen Handel sehr gering. Die Hamburger hatten eben begonnen, direkte Verbindungen mit Nordamerika anzuknüpfen, wo ihnen die politische Konstellation während des Unabhängigkeitskrieges und nachher günstig gewesen war.

Heute ist die Dampferflotte der Hamburger Rhederei an Transportfahigkeit so gross wie die von ganz Frankreich, und es scheint, als ob sie noch in diesem Jahre darüber hinauswachsen würde.

Diese gewaltigen Umwälzungen hat auf dem eng begrenzten, von Menschenhand tausendfach umgemodelten Fleck Erde die Arbeit dreier Generationen der Bewohner eines kleinen, auf sich selbst gestellten Staatswesens vollbracht, ohne Subventionen eines grossen Reiches, wie sie den französischen Rhedereien so reichlich zur Verfügung standen. Die grössten Fortschritte hat die letzte Generation gesehen. Bis 1865 musste sich Hamburg mit der alten offenen Rhede behelfen, wo die Schiffe mitten im Fluss an starken Pfählen (Duc d’alben genannt) befestigt waren. Erst von dieser Epoche ab beginnt die neue Zeit mit den unendlichen Hülfsmitteln für Löschen und Laden, die die modernen Quais bieten.

Von den vier grössten Dampfschiffslinien der Welt besitzt Deutschland zwei. Die bedeutendste, die es giebt, die „Packetfahrt“, ist in Hamburg beheimatet, die dritte ist der Bremer Lloyd. Die englische P- und O-Linie hat ihre führende Stellung der grossen Hamburger Gesellschaft abtreten müssen, während die bedeutendste französische Linie, die Messagerie, erst an vierter Stelle steht.

Seit 1890—1891 hat die „Packetfahrt“ die stärksten Impulse gegeben. Wie überwältigend rasch die Entwickelung geht, lässt sich aus der Geschichte ihrer Flotte des D-Typus ersehen. Das Vorbild bot 1890 —1891 die Dania, von der alle nach demselben Typus erbauten Schiffe der Gesellschaft einen mit D anfangenden Namen tragen. Es war die erste Flotte von Doppelschraubendampfem. Sie haben eine Transportfähigkeit von 5 — 6000 Tons und verbrauchen 50—55 Tons Kohlen täglich. Ihr Wert lag in der grossen Transportfähigkeit bei verhältnismässig geringem Kohlenverbrauch, und sie galten, als die Dania gebaut wurde, auf lange Zeit als das denkbar Vollkommenste.

Heute sind sie veraltet. Die Packetfahrtgesell-schaft hat sie aus der Nordamerikalinie entfernt und lässt die ganze D-Flotte von Genua nach Argentinien laufen.

An die Stelle des D-Typus ist der P-Typus getreten, nach der Persia benannt, der bei 9—12000 Tons Transportfähigkeit nur 75—95 Tons Kohlen den Tag verbraucht. Das auf der Werft von Blohm und Voss in Hamburg im Bau befindliche Schwesterschiff der Pensylvania hat von allen Schiffen der Welt die grösste Wasserverdrängung. Man darf jedoch nicht denken, dass die Schiffe des P-Typus besonders langsamer als die Schnelldampfer fahren, der Unterschied beträgt nur etwa drei Tage.

Auch im Bau der Segelschiffe hat die jüngste Epoche gewaltige Neuerungen eingefiihrt Das grösste Segelschiff der Welt, die Potosi der Firma Laeisz in Hamburg, hat 6000 Tons Transportfähigkeit und braucht zur Reise nach Chili mit Einschluss des Lösch- und Ladeaufenthaltes im fremden Hafen nur sechs Monate, also kaum mehr als ein Dampfer.

Dass sich ähnliche Steigerungen auch bei dem Bau der Flusskähne geltend machen, versteht sich eigentlich von selbst. Gegen das grösste Kaliber von heute mit seinen 1200 Tons sind die grössten Flusskähne der vergangenen Epoche, die über 200 nicht hinausgingen, Zwerge zu nennen.

Die gegenwärtige Situation wird durch die Thatsache charakterisiert, dass Hamburg das grösste Dampfschiff, das grösste Segelschiff und — in der Werft von Blohm und Voss — das grösste und besteingerichtete Dock der Welt besitzt.

Dass diese Leistung nicht ohne den Hintergrund und die Beihülfe, die der Arbeit der letzten Generation das Reich bot, vollbracht werden konnte, sieht ein Kind. Aber sie kam nicht nur Hamburg zu gute, sondern ebensosehr dem Reich. Von den einzelnen Thaten, aus denen sich das mächtige Facit ergiebt, erfährt die Welt kaum oder nur vage. Die Namen der Männer, deren Gedanken und Werke die grossen Fortschritte bestimmen, kennt und nennt im Reich selten jemand. Dass Energie, Talent und sogar Genie auch hinter dieser nationalen Grossthat stecken, wird oft übersehen. Nur wenn eine neue Staffel erstiegen ist, meldet es vielleicht eine Notiz unter den vermischten Nachrichten als eine schwer zu kontrollierende Thatsache, etwa dass der „Hamburger Handel nunmehr auch den von Liverpool“ überflügelt habe.

Wie die politische und ökonomische Geschichte Hamburgs, so ist auch der Ausbau des Stadtbildes von einer einzigen Macht beherrscht, den Bedürfnissen des Handels. Und wie er Land und Wasser umgeformt hat, so dient ihm das Leben der staatlichen Gemeinschaft und des Individuums. Der Hafen ist der Herr der Stadt. Alle Bildungen im Stadtplan, die nicht von den Erfordernissen des Handels und der Industrie vorgeschrieben, waren dem Zufall und der Willkür überlassen, kein Fürstenschloss, kein Schlossgarten, kein Wildpark bildete den Kern einer grossräuraigen Stadtanlage, und heute erst werden Anstrengungen gemacht, einen allgemeinen Bebauungsplan durchzusetzen.

Da ist es fast ein Wunder, dass die Stadt so schön geblieben ist. Sie verdankt es dem Naturgefuhl des niedersächsischen Stammes, der ihn bewohnt. Hamburg erscheint, vom Luftballon aus gesehen, immer noch wie ein grosser Park mit Häusern darin. Es ist mit seinen Wasserflächen, Wiesen, Parks und Gärten mitten im Strassennetz so weitläufig gebaut, dass es vor einigen Jahren mehr Strassenlaternen brauchte als Berlin.

Die Sehnsucht jedes Einzelnen seit Jahrhunderten ist Haus und Garten. Der Garten ist immer noch der einzige Luxus grossen Stils, den sich im allgemeinen der Hamburger gönnt. Er hat seine Gärten noch immer in der eigentlichen Wohnstadt in Pöseldorf und Harvestehude, auf der Uhlenhorst, in Borgfelde und Hamm.

Die oberste Schicht hat an der Gewohnheit des Winterhauses in der Stadt und des Sommerhauses in der nächsten Umgebung bis heute festgehalten. Es giebt ein Winterhamburg und ein Sommerhamburg. Dieses erstreckt sich im weiten Bogen um den alten Kern. Wer am einen Ende der Peripherie des grossen Halbkreises wohnt, hat im Sommer unter Umständen Stunden zu fahren, wenn er auf der anderen Seite zum Diner geladen ist.

Die Vorliebe der Gesellschaft für das Einzelhaus giebt dem öffentlichen Leben den Charakter, man möchte fast sagen: sie löscht es aus. Haus und Garten haben die Tendenz, die Familie wie den Einzelnen der Öffentlichkeit zu entziehen. Nach Promenaden, Stadtpark oder Korso besteht kein Bedürfnis. Hamburg hat mitten in der Stadt zahllose kleinere und grössere Parks und Wiesenflächen, aber es fehlt ein Park, in dem sich Alle begegnen. Die Equipagen gehören, wie man in Hamburg übertreibend zu sagen pflegt, der Kategorie der Lastfuhrwerke an. Wer Aufwand damit treiben wollte, der fände keine Gelegenheit, ihn zu zeigen. An ihre Stelle tritt bis zu einem gewissen Grade der Luxus der Segelyacht und eines eleganten Ruderbootes. Es ist für Hamburg charakteristisch, dass abendliche Zusammenkünfte der Gesellschaft im Freien nur zu Wasser stattfinden, beim Wasserkorso vor dem Fährhaus auf der Uhlenhorst. Jeden Abend kommen dort in den Sommermonaten die Damen der umliegenden Villengelände in ihren zierlichen Booten zusammen, oft liegen dort Hunderte von Fahrzeugen, während die männliche Jugend, die sich für die Regatta trainiert, in langen Ruderbooten vorüberschiesst oder es sich unter den weissen Segeln der langsam vor den Baummassen der Ufer dahingleitenden Kutter bequem gemacht hat. Der Zoologische Garten wird von der Gesellschaft nur wenig, die populäre Vergnügungsstadt St. Pauli nie besucht.

Alles Leben spielt sich in Haus und Garten ab. Es giebt kein Kneipen* und Klubleben. Eine Ausnahme macht das sehr alte, sehr entwickelte und sehr volkstümliche Sportsleben auf den Spielplätzen, in den Ruder-, Yachtklubs und Rennklubs. Die Sportfeste bilden die Höhepunkte des sommerlichen Lebens. Ein grossartigeres Schauspiel von Volksleben in so unvergleichlichem Rahmen, wie die Regatten auf der Alster, dürfte der Kontinent kaum bieten. Nur wenige Restaurants werden von der Gesellschaft und in Begleitung von Damen besucht. Selbst nach Schluss der Konzerte und Theater pflegt alles nach Haus zu streben. Im Sommer und Winter sieht man nach neun auf dem Jungfernstieg nur Fremde.

Die weiten Entfernungen, die durch die weitläufige Bauart und die halbkreisförmige Gestalt des Stadtplanes bedingt sind, und die unzulängliche Entwickelung der peripherischen Verbindungen — bei ganz vorzüglichen radialen — erschweren jeden Verkehr. Mit diesen Zuständen hängt es zusammen, dass auf den Strassen fast gar kein Luxus zu sehen ist. Nichts Einfacheres als die Strassentoilette der Damen. Die Hamburgerinnen tragen Uniform, heisst es in Berlin. Dass kein Hof in Hamburg die Leichtigkeit der Verkehrsformen entwickelt hat, spürt man im geselligen Verkehr und in dem abgeschlossenen Wesen des Einzelnen, das von Fremden als Unzugänglichkeit empfunden wird.

Der Grosshandel beherrscht auch das Leben des Einzelnen und lässt ihn von dem Tage, wo er als halber Knabe den Fuss ins Comptoir gesetzt hat, bis zu seinem Tode nicht los. Es ist nicht Sitte, sich vom Geschäft zurückzuziehen, so lange die Kräfte reichen. Der Rentier ist ein unbekannter Begriff. Alles arbeitet. Nicht selten kommt es vor, dass auf demselben Comptoir drei Generationen derselben Familie thätig sind.

So wächst die Jugend in engster Berührung mit der älteren Generation heran, deren Einsicht ihr unmittelbar zu gute kommt, und das Alter, das die Erfahrung besitzt, hat die Jugend neben sich, in deren Wesen die Initiative überwiegt. Der Lebenswunsch des französischen Kaufmannes, die Million und der Ruhestand vom fünfzigsten Jahre ab, ist dem hanseatischen Kaufmann unbekannt. Als seine Lebensaufgabe sieht er die Konsolidierung und Entwickelung seiner Firma an und die sachgemässe Schulung seines Nachfolgers. Nach altem Ham-burgischen Recht steht er mit allem, was er hat und ist, für sein Thun und Lassen ein. So hart es im einzelnen Falle einmal treffen mag, kennen Sitte und Recht keinerlei Festlegung von Kapitalien für die Sicherstellung der Familie, die dem amerikanischen und englischen Kaufmanne einen festen Rückhalt giebt. Bei allem, was er unternimmt, hat der hanseatische Kaufmann zu bedenken, dass sogar das mitgebrachte Gut seiner Frau verloren ist, wenn er sich verrechnet hat

Auch der Bildungsgang des Kaufmannes weicht durchaus ab von dem, was man im übrigen Deutschland gewohnt ist Nicht Gymnasium und Realgymnasium, sondern in sehr vielen Fällen eine Privatschule giebt die Grundlagen. Der „Einjährige“ ist das auch im übrigen Deutschland verständliche Bildungsziel der Mehrheit. Die Schule wird früh verlassen, meist um das 16. Lebensjahr herum. Dann folgen drei Jahre Lehrzeit — Jeder muss von der Pike an dienen — das Dienstjahr und ein längerer Aufenthalt in England, Frankreich und, je nach den Geschäftsverbindungen, in irgend einem überseeischen Weltteil, meist mit einer Reise um die Welt verbunden.

Von den umfassenden Kenntnissen eines Hanseatischen Grosskaufmannes macht man sich im Inlande nur schwer einen Begriff. An Quantität des zu verarbeitenden Stoffes, von dessen richtiger Beurteilung, was nicht zu vergessen, Ehre und Existenz abhangen, an Umfang und Vielseitigkeit des Gebietes, das nicht nur gekannt, sondern beherrscht sein muss, kommen ihm wenige Gelehrte gleich.

Die Sitte, hinauszugehen, besteht nicht nur für die weniger bemittelte Klasse, die ihren Weg erst machen will, sondern sie ist ebenso verbindlich für die Söhne der wohlhabenden und reichen Familien. Und man geht nicht nur auf eine kurze Orientierungsfahrt über den Ozean, sondern meist auf Jahre. Das Lebensalter von 20—30 ist in einer Hamburger Gesellschaft selten zu treffen, ln vielen grossen Häusern pflegt seit Generationen einer der Söhne durch ein Jahrzehnt die Filiale an einem überseeischen Handelsplätze zu leiten. Der Hamburger Kaufmannsstand verdankt dieser Gewohnheit seine innige Vertrautheit mit den Bedürfnissen und Zuständen aller überseeischen Länder der Welt, sowie eine umfassende und eingehende Personenkenntnis. Diese hat für den Hamburger Handel eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist die Basis der eigenartigen, auf persönlichem Vertrauen beruhenden Kreditverhältnisse, durch die die Hamburger Firmen auf die emporstrebenden Länder, mit denen sie in Verbindung stehen, einen so ausserordentlichen Einfluss ausüben. Ein beträchtlicher Teil ihres Erfolges im Kampfe mit der englischen und französischen Kaufmannswelt beruht auf diesem Vertrauensverhältnis. — Dass oft endlose Entbehrungen und grosse Gefahren mit dem Leben im Auslande verknüpft sind, darf nicht übersehen werden. In allen Familien lassen sich Opfer zählen, die das mörderische Tropenklima gefordert hat, und wer zurückkehrt, hat oft jahrelang mit den Leiden zu kämpfen, denen unsere Konstitution in den heissen Zonen ausgesetzt ist. Auf diesem Schlachtfelde sind im letzten Jahrhundert zahllose Pioniere Deutschlands aus Hamburger Familien gefallen, und dass der kleine Freistaat an der Elbe den Handelsmächten des Auslandes gegenüber aus eigener Kraft sich hat behaupten können, das dankt er nicht in letzter Linie dieser sang- und klanglos dahingesunkenen Schar. Bestände die Sitte, die Namen der im ökonomischen Kampfe Gebliebenen auf Gedächl-nistafeln der Nachwelt aufzubewahren, die Wände aller Kirchen der Stadt würden nicht Platz genug bieten, sie unterzubringen.

Bis gegen das vierzigste Jahr pflegt das Geschäft den Mann ausschliesslich in Anspruch zu nehmen. Wer dann noch Lust und Kraft in sich fühlt und das besondere Vertrauen seiner Mitbürger geniesst, tritt in die Staatsverwaltung und Regierung als ein Mann von gereifter Erfahrung. Auch hier dient er von unten auf. Wer das höchste Ziel anstrebt, den Sitz im Senat, lernt als Mitglied der Bürgerschaft und eines der Ministerien (Baudeputation, Finanzdeputation) die Verwaltung des Staates praktisch kennen.

Durch die Gemeinsamkeit der Interessen und die gemeinsame Thätigkeit in Verwaltung und Regierung ist der Juristenstand mit dem des Kaufmannes enger als anderswo verbunden. Und zwar sind es nicht die juristischen Beamten, sondern die Anwälte, die den grössten Einfluss ausüben. Aus ihrer Mitte, nicht aus den Beamten, pflegen die juristischen Senatoren erwählt zu werden, und aus diesem Teil des Senates gehen fast ausnahmslos die regierenden Bürgermeister hervor.

Juristen und Kaufleute haben auch in der Hamburger Gesellschaft die Vorherrschaft. Seltener begegnet man darin dem Vertreter der Wissenschaft, noch seltener dem Künstler und fast nie dem Schriftsteller. In den letzten fünfzig Jahren hat sich das Leben des Kaufmannes vollständig neu aufgebaut.

Bis gegen 1840 war seine Thätigkeit intermittierend und liess ihm viel Müsse zur Pflege geistiger Interessen. An den Posttagen steigerte sich die Thätigkeit. Im übrigen gab es Ruhe. Der Kaufmann war Besitzer seiner Waren, er kaufte, lagerte und verkaufte.

Mit dem Aufkommen des Dampfschiffes, der Eisenbahn und des Telegraphen änderte sich die Lage von Grund aus. Neben dem Kaufherrn alten Stils erhob sich der neue Typus des Spediteurs, der die Waren nicht mehr besitzt. Nun wurde jeder Tag zum Posttag. Mit verhältnismässig geringen Mitteln musste der Konkurrenz Englands und Frankreichs begegnet werden, deren Kaufmannschaft unerschöpfliche Hülfsquellen im Nationalvermögen zur Verfügung hatte. Was in Hamburg an Mitteln fehlte, musste durch Mehrarbeit eingebracht werden. Auf diesem Wege und durch die vorübergehende Auswanderung der besten Elemente wurde u. a. der Handel der spanischen Kolonien in Amerika für Deutschland gewonnen. Und weil daheim der Tag vom frühen Morgen bis in die Nacht — manche arbeiteten bis nach zehn Uhr — dem Geschäft gehörte und drüben die Möglichkeit der Pflege künstlerischer Interessen gering war, ging die Kraft und Intelligenz dieser Generation der deutschen Kulturarbeit scheinbar verloren.

Ein äusseres Zeichen für den Wandel der Zeiten: Bis gegen 1860 war fast der gesamte durch Generationen gepflegte und vermehrte Hamburgische Kunstbesitz an Bildern alter Meister unter den Hammer gekommen und in alle Winde geweht. Nach Hunderten zählten die Auktionen.

Man hat den Hamburgern dieser Generation vom Inlande aus oft den Vorwurf materieller Gesinnung gemacht. Wie so vieles, das über Hamburg gesagt wurde, beruht auch dieses Urteil auf Unkenntnis oder Verkennen der Sachlage. Die bürgerliche Gesellschaft des Inlandes war — und ist noch — um kein Haar idealistischer gesonnen, nur dass ihr Materialismus andere Formen hat. Und wenn man überschaut, was das Bürgertum Hamburgs im letzten Jahrhundert aus sich heraus für die Förderung des öffentlichen Wohles geleistet hat, so fragt sich sehr, ob es irgend eine deutsche Stadt giebt, die auf den Vortritt Anspruch machen könnte.

Was in den übrigen deutschen Staaten für Kunst und Wissenschaft geschehen ist, ging vom Fürsten aus, war ein Ausbau von Grundlagen, die er gelegt hatte, oder geschah unter der Ägide der Organe des Staates, der die Erbschaft des absoluten Fürsten-tumes angetreten hatte.

In Hamburg hatten bis vor ganz kurzer Zeit die Organe des Staates in Kulturdingen keine Initiative. Für den Staat trat der Bürger ein. Auf allen Gebieten war der Hergang derselbe. Stellte sich irgendwo ein Bedürfnis heraus oder liess es sich voraussehen, so trat ein einflussreicher Mann mit seinen Freunden zu einem festgefügten Verein oder zu einem loser verbundenen Komitee zusammen, warb um Mittel, gründete das Institut, organisierte die Verwaltung, führte sie so lange weiter, wie es mit Privatmitteln möglich war, und übergab sie dann dem Staate.

Dieser Weg mag seine Schattenseiten haben, aber man wird ihn nicht geringachtend behandeln dürfen. Wo könnten Beamte des Staates so frei und unakademisch die Form für das Neue finden wie die unabhängigen, durch keine Rücksichten gehinderten Bürger! Was verfehlt oder nicht recht lebensfähig war, ging spurlos zu Grunde und brauchte nicht, wie eine Gründung des Staates, Generationen hindurch künstlich erhalten zu werden.

Diese Form der Neubildung ist so typisch für Hamburg, dass die wichtigste der vielen Gesellschaften, die sich gemeinnützige Aufgaben gestellt hatten, mehr als ein Jahrhundert lang Hamburg geradezu regiert hat. Es gab Zeiten, in denen ihr Einfluss ^tatsächlich weiter reichte als irgend ein Organ des Staates.

Freilich lebte sie im Grunde nur in einer umgewechselten Dekoration: in ihrem Vorstande sassen dieselben Männer, die im Senat und in der Bürgerschaft durch die starren Formen des Verfassungslebens am freieren Wirken behindert wurden. Von 1765, ihrem Gründungsjahre, bis gegen 1870 w-ar die Gesellschaft zur Förderung der Künste und nützlichen Gewerbe etwas wie ein freiwilliges Kultusministerium, das zugleich die Funktionen eines Parlaments ausübte. Bis 1859 boten ihre Versammlungen die einzige Möglichkeit, Hamburgische Angelegenheiten öffentlich zu besprechen. Die Sitzungen der Erbgesessenen Bürgerschaft fanden unter dem Siegel des Amtsgeheimnisses statt, und es wurden nur ihre Beschlüsse veröffentlicht. — Beim Wiederaufbau der Stadt überliess der Staat der Gesellschaft den Platz, an dem das Rathaus gestanden hatte, zur Errichtung ihres Klubhauses, und bis zur Vollendung des neuen Rathauses tagt die Bürgerschaft in den Räumen des „Patriotischen Hauses“.

Dies zeugt von dem unbegrenzten Ansehen und Vertrauen, dessen die Gesellschaft sich erfreute. Von den Behörden, denen in anderen Staaten ihre Thätigkeit obliegt, unterscheidet sie sich durch ihre Organisation, die nicht auf die Verwaltung, sondern auf die Initiative gestellt ist.

Was die „Patriotische Gesellschaft“, wie der Volksmund sie in ehrender Kürze nennt, geleistet hat, lässt sich nicht leicht überblicken. Von ihr sind beinahe alle Unternehmungen zur Förderung der kulturellen und ökonomischen Wohlfahrt ausgegangen. Sie gründete die gewerblichen Lehranstalten und leitete sie ein Jahrhundert hindurch, bis der Staat sie in die Gewerbeschule umwandelte, deren Organisation für die Berliner Anstalten das Vorbild abgab; zu einer Zeit, wo die neuen Gedanken sich langsamer verbreiteten und die moderne Konkurrenz noch nicht erwacht war, machte sie alle Verbesserungen im Landbau, Gartenbau, in der Schiffahrt und Industrie bekannt, und wo immer sich ein Bedürfnis zeigte, erliess sie Preisausschreiben für Lösungsvorschläge; sie hat das Armenwesen reorganisiert, gründete die ersten Rettungsanstalten für Schiffbrüchige, die allgemeine Versorgungsanstalt, die Kreditkasse für den Grundbesitz, sorgte für die Verbesserung des Adressbuches, gründete die Stadtpost, richtete öffentliche Badeanstalten ein — die ersten in Deutschland —, gründete das erste Seebad, die erste Komdampfmühle, entwarf die Pläne für die Navigationsschule und die Sternwarte, erliess am Anfänge unseres Jahrhunderts ein Preisausschreiben für die Kanalverbindung zwischen Elbe und Weser, gründete eine Bibliothek, ein Leseinstitut, den Bildungsverein für Arbeiter und ist bei der Gründung des botanischen Gartens, der Kunsthalle, des Museums für Kunst und Gewerbe beteiligt, wie sie auch das Ausstellungswesen in Hamburg begründet hat.

Gegen 1870 hatte der Staat fast alle ihre Institute übernommen. Dann trat sie begreiflicher Weise eine Zeit lang vom Schauplatz ab, bis sie in jüngster Zeit auf sozialem Gebiete neue Aufgaben gefunden hat. Sie hat eine Anstalt für Arbeitsnachweis gegründet und einen Ausschuss für Arbeiterwohlfahrt eingesetzt, der namentlich die Wohnungsfrage prüfen soll. Sodann hat sie sich die Einrichtung von öffentlichen, über Stadt und Vororte verteilten Bibliotheken und Lesehallen vorgenommen und sucht die Blumenpflege in der Familie des weniger Bemittelten zu fördern. Für das Jubelfest der Einweihung ihres Hauses, das in diesem Jahre bevorsteht, verheisst sie die langersehnte geschichtliche Darstellung ihrer Wirksamkeit in den hundertzweiunddreissig Jahren ihres Bestehens.

Die lebende Generation konnte sich nur schwer ein Bild von ihrer umfangreichen Thätigkeit machen und von dem angeregten Leben, das sie zur Zeit ihrer Blüte entfaltete. Wer heute den Organismus einer solchen Gesellschaft am lebendigen Körper studieren will, muss nach Lübeck gehen, wo die Gemeinnützige Gesellschaft aus Privatmitteln noch fast alle von ihr ins Leben gerufenen Anstalten verwaltet, Neugründungen unternimmt und zugleich den Mittelpunkt eines überaus regen geistigen geselligen Lebens bildet Es wäre eine nützliche Aufgabe für einen Nationalökonomen, die Wirksamkeit dieser Gesellschaften einmal in einer lebendigen Schilderung darzustellen.

Die Patriotische Gesellschaft stellt in Hamburg den höchstentwickelten Typus der Vereinigung privater Kräfte für die Förderung des öffentlichen Wohles dar. Neben ihr wirken zahlreiche Vereine und Gesellschaften für besondere Zwecke, und darüber hinaus bemüht sich der Gemeinsinn des Einzelnen, erkannten Bedürfnissen abzuhelfen. Zahllos ist die Reihe der milden Stiftungen, die allen denkbaren Zwecken dienen und zum Teil in ferne Epochen zurückreichen. Es ist bezeichnend, dass die Paläste der milden Stiftungen aller Art, die hie und da ganzen Stadtvierteln den Charakter aufdrücken, eines der Hauptgebiete der monumentalen Baukunst in Hamburg ausmachen.

III.

Was in Hamburg für die Pflege der bildenden Kunst geschehen ist, geht in letzter Linie ebenfalls auf die Initiative von Privatleuten zurück. Fast ein Jahrhundert solcher Bestrebungen liegt nun hinter uns, von Generation zu Generation wurde das Begonnene weitergeführt und Neues geschaffen, denn stetig thaten sich neue Ziele auf, deren logische Reihenfolge freilich erst heute dem rückschauenden Blicke sinnfällig wird.

Im ersten Jahrzehnt erschien dem Genius des Ph. O. Runge der Boden günstig für die Entwickelung der neuen Kunst, die er voräussagen konnte, weil er sie in sich trug. Er wollte keine Akademie gründen, sondern eine grosse Werkstatt, in der alle künstlerischen Aufgaben bis zu Tapeten und Nadelarbeiten ausgefuhrt werden sollten. Die Kriegszeiten und sein früher Tod — 1810 — verhinderten die Ausführung.

Im Jahre 1818 hatte sich die Stadt so weit erholt, dass Kunstfreunde zu gegenseitiger Anregung und Belehrung unter Harzens Ägide den ersten Kunstverein begründeten.

Von 1822 an trat dieser Kunstverein in eine öffentliche Wirksamkeit ein. Ausstellungen, Verlosungen und die Herstellung von Vereinsblättem bildeten seine ersten Ziele. Gegen 1840 wurde das Kupferstichkabinett, gegen 1850 die Gemäldegalerie gegründet. Kaum zehn Jahre später geschahen die ersten Schritte zum Bau eines öffentlichen Museums, das die gesammelten Schätze aufnehmen sollte, und wieder zehn Jahre später, 1869, wurde die Kunsthalle eröffnet, zu deren Erbauung nun schon der Staat einen Beitrag gewährt hatte, und deren Verwaltung er übernahm.

Das war ein Ziel, dessen Erreichung den Begründern des Kunstvereins, die doch zu alledem den Grund gelegt hatten, wie ein Märchen erschienen wäre. Als das neue Gebäude bezogen wurde, gründeten patriotische Männer den Verein von Kunstfreunden von 1870, eine Fortsetzung des seit mehr als einem Jahrzehnt vorher thätigen Privatvereins von Kunstfreunden, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Mittel für die Stiftung hervorragender Gemälde und Skulpturen zum Geschenk an das Museum zu sammeln. Erst fünfundzwanzig Jahre später wurde in Berlin ein ähnlicher Verein zur Förderung der Ziele des Museums alter Kunst gegründet, und es gehörte dort die Autorität eines Mannes wie Bode dazu, dies Resultat zu erreichen.

So war in Hamburg von weitsichtigen Privatleuten das Museum der Stadt begründet und entwickelt. Wie immer, wenn ein Ziel erreicht ist, trat eine Verlangsamung des Fortschrittes ein. Aber diesmal nur für kurze Zeit. Was nach den zehnjährigen Etappen um 1870 zu erwarten gewesen wäre, trat 1886 ein, die Reorganisation des neuen Institutes.

Es wurde von der Verwaltung eng an den heimischen Boden angeschlossen. Eine Sammlung älterer Hamburgischer Meister wurde begründet und zu ansehnlicher Bedeutung entwickelt, eine Sammlung Hamburgischer Meister des neunzehnten Jahrhunderts, die jetzt mehr als hundertfünfzig Bilder umfasst, erschloss einen Blick in eine von der Kunstgeschichte bisher gänzlich vernachlässigte Provinz der deutschen Kunst; eine dritte Galerie, die Sammlung von Bildern aus Hamburg, ebenfalls zu stattlichem Umfange herangewachsen, umfasst die Werke hervorragender Künstler, die nach Hamburg eingeladen waren, um Land und Leben zu malen.

Diese Sammlung wurde 1889 von einem Komitee von Kunstfreunden begründet, das nacheinander Max Liebermann, Gotthard Kühl, Skarbina, Hans Herrmann, Leopold Graf von Kalckreuth d. J., Hans Olde, Ludwig Dettmann, Momme Nissen, Schönleber, Zügel u. a., sowie die Hamburgischen Künstler Thomas Herbst, Ascan Lutteroth, Carl Rodeck, Valentin Ruths zum Studium Hamburgs und seiner Umgebung eingeladen hat. Als höchstes Ziel hat sich dieses Komitee die Pflege des monumentalen Bildnisses gestellt.

Die Sammlung hat bereits in der kurzen Zeit ihrer Existenz unverkennbare Wirkungen auf die ältere und die heranwachsende Künstlergeneration Hamburgs ausgeübt und fängt auch an, in der Stimmung des Publikums, das bis dahin den Motiven aus der Heimat nicht denselben Geschmack ab-gcwinncn konnte wie der Romantik der deutschen Berge und der Sonne Italiens, einen Umschwung zu Gunsten der Heimat hervorgerufen.

Was zuerst mit ungläubigem Lächeln angehört wurde, ist die Überzeugung der Jugend geworden: dass das Leben des Volkes und der Gesellschaft, dass der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Landschaft in Hamburg und seiner nächsten Umgebung, die Eigenart und malerische Kraft der Luft-und Lichtstimmungen, die abwechselnd den tonigen Charakter der Nordsee- und den koloristischen der Ostseeatmosphäre tragen, der Malerei das köstlichste Studienfeld bieten.

Seit die Sammlung von Bildern aus Hamburg besteht, hat sich im Anschluss daran eine Schule junger Künstler entwickelt, die entschlossen ist, den heimischen Boden nicht zu verlassen und ihre Kraft der Darstellung Hamburgs zu widmen. Damit ist ein Programm aufgenommen, das in den dreissiger Jahren der neugegründete Künstlerverein zuerst aufgestellt hat: Hamburgs Wesen durch die Kunst auszudrücken.

Es will scheinen, als ob sie für ihre Bestrebungen ein tieferes Verständnis finden als ihre Vorfahren. Die Oberschulbehörde hat ihnen eine Aktklasse eingerichtet, die Kunsthalle hat eine Kupferdruckpresse für sie aufgestellt, um ihnen das Drucken ihrer Radierungen zu ermöglichen, die Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde erwirbt ihre Platten und giebt die Abdrucke an Hamburgische Sammler ab, und es hat sich bereits eine Gruppe von Sammlern gebildet, die ihre Bilder kauft. Ohne diese Teilnahme würden ihre Bestrebungen in der Luft stehen. Dass sie auch Opposition finden, ist natürlich. Aber der Widerstand macht gesund. Er wird sie eher zum Einsetzen ihrer ganzen Kraft zwingen, als wenn alles auf Königswegen ginge, und wird sie vor Überhebung bewahren.

Auch die Sammlung von modernen, namentlich französischen Plaketten und Medaillen, die von Freunden des Institutes ausdrücklich als Anregung zur Reform des Hamburgischen Medaillenwesens gestiftet wurde, hat ähnliche Wirkung gehabt, denn der Staat hat beschlossen, seine Medaillen auf Grundlage der neuen Ideen umzugestalten, und es sind in diesem Sinne bereits eine Anzahl Medaillen hergestellt, die in ihrer Art zu den besten in Deutschland gehören, und für den neuen Zentralfriedhof scheint sich die Bronzeplaquette als neuer Typus des Gräberschmuckes einzubürgem.

Ähnliche Anregung dürfte die von Kunstfreunden begründete Sammlung von Bildwerken in Marmor und Bronze ausüben. So weit sind diese modernen Kunstsammlungen durch die Teilnahme vieler einzelner Kunstfreunde, Vereine und Stiftungen entwickelt. Die Sammlung moderner Meister nimmt unter den deutschen Galerien eine der ersten und eine ganz eigenartige Stellung ein. Die Aufgabe des Staates wird es nun sein, durch Erwerbung von Kunstwerken höchsten Ranges dem Werke die Weihe zu geben.

Auch das Museum für Kunst und Gewerbe ist aus der Initiative opferwilliger Bürger hervorgegangen. Nachdem schon von den dreissiger Jahren ab Mitglieder des Kunstvereins, dem ja auch — was nicht vergessen werden darf — Semper angehört hatte, in öffentlichen Vorträgen und dann nach dem grossen Brande durch die künstlerische That eine Wiederbelebung der dekorativen Künste auf der Basis des Studiums der heimischen Produktion älterer Epochen angestrebt hatten, waren um 1860 von der Patriotischen Gesellschaft verschiedene Anläufe gemacht, ein historisch-technologisches Museum für das Gewerbe zu gründen. Aber erst als zu Ende der sechziger Jahre Justus Brinckmann auftrat, fanden die aus einander gehenden Wünsche die einigende Hand. Das Museum für Kunst und Gewerbe wurde begründet — zunächst als Privatunternehmen, wie in Hamburg herkömmlich, und dann als Staatsinstitut, aber unter stetig sich steigerndem Interesse und opferwilliger Beihülfe der ganzen Bevölkerung zu dem grossartigen Institut ausgebildet, das in mehr als einer Beziehung vorbildlich geworden ist, und dessen Ansehen weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht.

Von allen Hamburgischen Museen ist dies das bekannteste. Es lässt sich nicht abschätzen, was die Stadt ihm dankt. Für die japanische Kunst ist es das bedeutendste Museum des Festlandes, und in allen seinen zahlreichen Abteilungen trägt es den Charakter einer sehr gewählten Privatsammlung. Das ist das höchste Lob, das einem öffentlichen Museum gespendet werden kann. — Wie sein Name sagt, hat es in allem das künstlerische Element vorangestellt. Es konnte deshalb als erstes unter den deutschen Gewerbemuseen den Schritt zur Erwerbung von Erzeugnissen der dekorativen Kunst unserer Zeit machen, so wie sie begann, die Nachahmung des Alten aufzugeben und neu zu schaffen im Anschluss an die lebende hohe Kunst. Es war z. B. das erste Museum, das der neu entstandenen Plakatkunst Aufnahme gewährte.

Im Zusammenhänge dieser Betrachtungen muss hervorgehoben werden, dass es von der ersten Stunde an bedacht war, die Reste heimischer Kunst zu sammeln, und dass vergessene Zweige der einheimischen, zeitweise hoch entwickelten dekorativen Künste durch das Museum für Kunst und Gewerbe erst wieder zu Ehren gebracht sind.

Seit 1890 ist im künstlerischen Leben der Hamburger Gesellschaft eine neue Wendung eingetreten. Die vorhergehenden Generationen hatten begründet und ausgebildet, was zur öffentlichen Kunstpflege gehört, und im Privatbesitz hatten sich grosse Sammlungen von Gemälden gebildet, die zum Teil, wie die von Amsinck, Behrens und Ed. Weber, zu den hervorragendsten in Deutschland gehören.

Von etwa 1880 ab lässt sich in Hamburg wie überall ein mächtiges Anwachsen des Dilettantismus beobachten. Als der Kunstverein in den zwanziger Jahren seine ersten Schritte that, war der Dilettantismus noch eine anerkannte Macht Harzen und Rumohr konnten der jüngeren Künstlergeneration in der Ausübung der Kunst noch die Wege weisen. Dilettanten stellten auf den ersten Kunstausstellungen neben den Künstlern aus. Dann trat, nachdem der Künstlerstand als solcher sich entwickelt hatte, eine schroffe Scheidung ein, die mit dem Zurückweichen des Dilettantismus endigte. Dass es immer noch einzelne Dilettanten gab, dass Zeichnen und wohl auch Malen in der Erziehung einen Platz hatten, war mehr ein belangloses Beiwerk.

Am Anfänge der neunziger Jahre begann sich der neuaufgelebte Dilettantismus, der das Studium ernst nahm, zu organisieren. Nachdem der Kunstverein und der Verein von Kunstfreunden den öffentlichen Betrieb der Kunstpflege begründet hatten, suchte der Dilettantismus nunmehr das künstlerische Bedürfnis des Individuums und des Hauses zu verfeinern. Welche Massnahmen die beiden neuen Gesellschaften ergriffen, habe ich in der Schrift „Vom Arbeitsfelde des Dilettantismus“ darzulegen versucht. Ihre Bestrebungen sind eine folgerichtige Weiterentwickelung der Absichten der vorhergehenden Geschlechter.

Neben der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde und der Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie wirkt sodann seit 1896 die Vereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung in der Schule. Es ist ein Kreis von Lehrern und Lehrerinnen, der sich — ebenfalls im Anschluss an die Kunsthalle — praktisch erreichbare Zwecke gesteckt hat. Bildende Kunst, Litteratur, Musik und das künstlerische Element in der Gymnastik werden von den einzelnen Sektionen bearbeitet. Die Oberschulbehörde gewährt ihnen innerhalb der sachlich gebotenen Grenzen freien Spielraum.

Auf dem Gebiete der bildenden Kunst wird eine Weiterbildung des Zeichenunterrichtes in künstlerischem Sinne angestrebt. Die zu Hamburg erscheinende Jugendschriftenwarte versucht dem Unwesen der künstlerisch und litterarisch gleichgültigen Spekulation auf dem Gebiete der Jugendschrift kritisch gegenüber zu treten. Eine grosse Ausstellung in der Kunsthalle, von den Lehrern für den Deutschen Lehrertag 1894 veranstaltet, führte an einem ausserordentlich umfangreichen Material die historische Entwickelung der Jugendschrift und die gegenwärtigen Leistungen der Kulturvölker vor Augen. Verzeichnisse empfehlenswerter Jugendschriften werden zu Weihnachten den Eltern zugestellt. Die hervorragendsten Kunstwerke in den öffentlichen Sammlungen werden mit den Kindern betrachtet.

In den Volksschulen soll der Versuch gemacht werden, auf der Basis der Kunst etwas wie eine Schulgemeinde zu gründen. Die Kinder der oberen Klassen und ihre Eltern werden zu Unterhaltungsabenden eingeladen, an denen Vorlesungen aus den Werken älterer und neuerer Schriftsteller mit Quartettmusik und Chorgesang wechseln. Es wird Nachdruck darauf gelegt, dass bei sorgfältiger Auswahl des zum Vortrag Gelangenden der lehrhafte Anstrich vermieden wird. Nach den ersten Versuchen zu urteilen, erscheint diese Einrichtung in hohem Grade entwickelungsfähig.

Die Seele dieser Bestrebungen bilden die Lehrer an den Volksschulen, die überhaupt im geistigen Leben Hamburgs eine Rolle spielen. Die Gründung der Litterarischen Gesellschaft ist von ihnen ausgegangen, einige der namhaftesten Hamburgi-schen Schriftsteller gehören ihnen an oder stehen ihrem Kreise nahe. Es wirft ein scharfes Licht auf die Isolierung der Hamburger Gesellschaft, dass die Volksschullehrer den persönlichen Verkehr mit den hervorragenden Schriftstellern des Inlandes vermitteln.

Aus der vornehmen Gesellschaft heraus hat sich in den letzten Jahren eine Vereinigung gebildet, die auch den weniger bemittelten Schichten die edelsten musikalischen Genüsse zugänglich zu machen bestrebt ist. Für ein Eintrittsgeld von fünfzig Pfennig, das Garderobengeld und Programm einschliesst, wird im Winterhalbjahr eine Reihe von Konzerten ersten Ranges abgehalten. Der Staat zahlt diesem Verein von Musikfreunden einen Jahreszuschuss von 20000 Mark.

IV.

Fasst man alle die günstigen Bedingungen zusammen, die in Hamburg für die Entwickelung einer einheimischen Kunst und Litteratur vorhanden sind, die Wohlhabenheit, die nicht im Vorhandensein vieler grosser Vermögen im internationalen Sinne, sondern in den auskömmlichen Verhältnissen breiter Schichten ausgesprochen ist, das tiefe Interesse an allem, was Hamburgisch ist, die Fähigkeit der Initiative und der leidenschaftlichen, wenn auch äusserlich ruhigen Hingabe an gemeinnützige Unternehmungen — dann nimmt es wunder, dass dieser Boden sich in unserem Jahrhundert für Kunst und Wissenschaft scheinbar so wenig ergiebig gezeigt hat. Eine Hamburgische Architektur gab es im achtzehnten Jahrhundert, als die Grosse Michaeliskirche gebaut wurde, das originelle Bauwerk, dessen gross-artiger Innenraum heute mit Notwendigkeit zur Festkirche des Staates geworden ist; gab es im Grunde noch bis zum Anfänge der vierziger Jahre, als Chateauneuf — ein Hamburger französischer Abkunft — die palastartigen Stadthäuser, die wundervollen Treppen der Kleinen Alster und in bewusster Anknüpfung an einheimische Baugedanken — nicht Bauformen — des achtzehnten Jahrhunderts das Postgebäude errichtet, als Bülau in demselben Sinne das Haus der Patriotischen Gesellschaft baute und für einzelne Privathäuser in freier Benutzung auf die Backsteinfassaden und Treppengiebel der alten Hansestädte zurückgriff. Dann wurden diese Bestrebungen unterdrückt. Da Hamburg keine Bauschule besass, mussten seine architektonischen Begabungen in Berlin, Hannover, München, Stuttgart, Karlsruhe und Paris studieren, um in der Heimat anzuwenden, was sie gelernt hatten, und jede Kraft schuf isoliert. So entstand die Buntscheckigkeit des Architekturbildes der neuen Stadt, in dem sich alle Stile Europas mischen, die englische Landhausgotik eingeschlossen. Man sieht es heute auf einen Blick, ob München, Hannover, Paris oder Berlin die Parole ausgegeben hat. Es ist auch leicht, zu erkennen, dass diese neue Architektur in Hamburg von Architekten stammt, die von keiner lebenskräftigen, selbständigen einheimischen Skulptur und Malerei irgendwie befruchtet worden sind.

Denn auch der Malerei und Skulptur in Hamburg fehlten nicht die Talente, sondern der Boden der Heimat. Die Stadt bot den aufstrebenden Talenten keine Möglichkeit, zu Hause zu lernen, was an der Kunst lernbar ist. Auch sie waren gezwungen, sich auf die Akademien zu begeben.

Viele gingen dadurch der Vaterstadt für immer verloren. Wer zurückkehrte, hatte mit wüdrigen äusseren Verhältnissen zu kämpfen, und nur sehr wenige fanden sich selbst wieder und entwickelten in der Stille ihre Begabung. Was sie im Anschluss an den heimischen Boden geschaffen haben, überrascht jetzt, wo die Kunsthalle es zu sammeln und zu Ehren zu bringen versucht, durch einen Grad von Gesundheit und Selbständigkeit, der der akademischen Kunst Deutschlands in unserem Jahrhundert nur ausnahmsweise eigen war. Am Anfänge unseres Jahrhunderts entwickelte Ph. O. Runge ein Programm der Kunst der neuen Zeit, dessen Grenzen noch immer nicht ganz erfüllt sind. In den zwanziger Jahren entstand im Anschluss an die Panoramenmalerei unabhängig von jedem äusseren Einfluss eine moderne deutsche Landschaftsmalerei, deren weitere Entwickelung gestört wurde, als man die jungen Träger der neuen Ideen mit Stipendien auf die Akademien sandte. Um die Mitte der dreissiger Jahre malte Erwin Speckter, von der Lehre unter Cornelius und dem Studienaufenthalt in Italien zurückgekehrt, das Interieur mit dem Mädchen von Fanoe, das auf lange Zeit hinaus das voraussetzungsloseste deutsche Oelbild geblieben ist. Um die Mitte der vierziger Jahre hatte Hermann Kauffmann, dem missliche Verhältnisse zu seinem Glücke die Rückkehr zur Akademie unmöglich gemacht hatten, eine schlichte Grösse und Einfachheit erreicht, die ihn zu einer ganz einzigen Erscheinung in unserer Kunst machen, um dieselbe Zeit malte Valentin Ruths als Autodidakt seine ersten köstlichen Bilder aus dem Hafen, deren malerische Qualitäten sein späterer Lehrer Schirmer nie gekannt hat, und im folgenden Jahrzehnt entwickelte sich Steinfurth, von Düsseldorf zurückkehrend, einsam schaffend, zu einem der besten deutschen Bildnismaler.

Dass auch die Kunstindustrie mit Ausnahme weniger Zweige sich nicht zu selbständiger Blüte erheben konnte, wo eine eigenartige Architektur, Malerei und Skulptur fehlten, bedarf keiner Ausführung. Immer weitere Kreise werden von dem Wunsche durchdrungen, dass die Hamburgische Architektur die Nachahmung fremder Vorbilder aufgeben und im Anschluss an heimische Gedanken für die eigenartigen Bedürfnisse den eigenen künstlerischen Ausdruck finden möge; dass die in den kommenden Generationen heranreifenden künstlerischen Talente

nicht gezwungen werden, den Boden der Heimat zu verlassen, sondern dass ihre Ausbildung unter dem Einfluss der heimatlichen Landschaft und des eigenen Volksstammes stattfinden möge, damit sie, getragen von einer Bevölkerung, die das Glück fühlen lernt, Kunst mit zu erleben, im stände seien, eine kräftige Lokalkunst zu schaffen, die einer eigenartigen dekorativen Kunst zum Ausgangspunkte dient Hamburg ist absolut in der Lage, eine ansehnliche lokale Produktion tragen zu können. Von den auskömmlichen Mitteln, deren breite Schichten sich erfreuen, liefert das finanzielle Ergebnis der Ausstellungen den redenden Beweis. Bei der Hamburger Industrieausstellung von 1889 war jede siebente Seele der Einwohnerschaft abonniert.

Weitgehende Wünsche bewegen die Gemüter auch in Bezug auf die litterarischen Verhältnisse. In den Kreisen derer, die die Entwickelung in Hamburg beobachten, wird seit Jahren die Gründung einer Wochen- oder Monatsschrift ventiliert, die vom Hamburgischen Standpunkte aus den Lauf der Weltbegebenheiten verfolgt und der lokalen Produktion als Gefäss dient. Versuche sind bisher noch nicht gelungen, obgleich es an litterarischen Kräften nicht fehlt und auf eine grosse Anzahl von Abonnenten sicher zu rechnen ist.

Hamburg drückt sich noch nicht aus. Die Institute und Gesellschaften, die die Bewohner Hamburgs als Organe ihrer kulturellen Bedürfnisse geschaffen haben, die immer erneuten Bemühungen einzelner Kunstfreunde legen von der grossen Kraft des Bodens, Kultur zu tragen, entscheidendes Zeugnis ab. Wir verstehen diese Zeichen als Glieder einer weit zurückreichenden Kette, wenn wir uns erinnern, dass die Patriotische Gesellschaft um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts gegründet wurde, dass fast hundert Jahre vorher Bürger Hamburgs sich zusammengethan hatten, um das erste Opernhaus modernen Stils in Europa zu bauen, das der deutschen Oper die erste Möglichkeit der freien Entfaltung bot und in der That die erste Blütenepoche dieser Kunstgattung unter Reinhold Kaiser herbeiführte, und wenn wir uns vergegenwärtigen, welche Rolle das Hamburger Theater in der Entwickelung der deutschen Litteratur gespielt hat.

Aber es fehlte im geistigen Leben Hamburgs bis in die neueste Zeit ein Faktor, den ein Geschlecht, das Neues gestalten möchte, gering zu schätzen pflegt, der aber allein die Kontinuität eines gesicherten Besitzstandes verbürgt, die Tradition.

Die Geschichte der Kultur in Hamburg bietet dasselbe Bild unendlicher Umgestaltungen und Neubildungen wie die des Erdbodens und der Familien. Grosse Vermögen werden schnell aufgebaut und sinken, wenn die Kraft des Begründers zurückgetreten und kein ebenbürtiger Nachfolger vorhanden ist, ebenso schnell in Trümmer. Jeder Einzelne, jede Generation hatte von vom zu beginnen, war auf sich selber gestellt und sorgte wesentlich nur für die unmittelbar fühlbaren Bedürfnisse.

Dieses notwendige Element der Tradition kann in der beweglichen Masse der Individuen, die vorübergehen, nicht Wurzel fassen, sie ist auf das dauernde Prinzip, den Staat, angewiesen, wenn die Kultur über eine ungünstige Epoche hinweggerettet werden soll.

Man ist in Hamburg so sehr gewöhnt, die Pflege der Kultur als eine Angelegenheit individueller Initiative anzusehen, dass wohlmeinende Politiker ernstlich zweifeln, ob der Staat überhaupt die Aufgabe hat, pflegend und fördernd einzugreifen.

Aber so überraschend diese Auffassung in den Staaten mit ehemals absoluter Fürstenherrschaft sein mag, wo nach alter Gewohnheit vom Staate alles erwartet wird, so gesund ist sie im Grunde, und es wäre sehr bedauerlich, wenn das Gegenteil einmal in Hamburg Platz greifen würde.

Nur lässt sich der Standpunkt, dass der Staat die Sorge für die Kultur und die Initiative auf diesem Gebiete dem Privatmann gänzlich überlassen sollte, auf die Dauer nicht behaupten, und seit der Mitte dieses Jahrhunderts hat sich in Hamburg allmählich ein Umschwung vollzogen, der, von Fall zu Fall fortschreitend, dem Staate zunächst die Pflege der über die Möglichkeit der Unterhaltung aus Privatmitteln hinaus entwickelten Institute überantwortet und ihm schliesslich sogar die Initiative zur Weiterführung und Neugründung zur Pflicht gemacht hat.

Vor fünfzig Jahren pflegte der Staat nur eine höhere Schule, das Johanneum. Die Wohlhabenden waren auf das Privatschulwesen angewiesen, die niedrigeren Schichten auf einige Stifts- und Volksschulen. Heute hat das Schulwesen sein Übergangsstadium beinahe Übemunden. Das gesamte Volksschulwesen wurde in wenigen Jahrzehnten reorganisiert, eine grössere Anzahl höherer Staatsschulen hat das Privatschulwesen zurückgedrängt, das nur noch in den höheren Mädchenschulen seine alte Stellung behauptet.

Zur selben Zeit hat der Staat die von ihm übernommenen wissenschaftlichen Institute umgestaltet, erweitert und durch Neugründungen vervollständigt, so dass ihr System heute dem Apparate einer mittlem Universität gleichkommt, nur dass es in dem musealen Teil und mit der Ausdehnung und Einrichtung der Krankenhäuser weit darüber hinausgreift.

Seit einigen Jahren hat die Oberschulbehörde ein öffentliches Vorlesungswesen eingerichtet, dem das Publikum aller Stände das lebhafteste Interesse entgegenbringt. Das Verzeichnis der Vorlesungen umfasst bereits alle Gebiete der Wissenschaft. Dozenten sind die Direktoren der wissenschaftlichen Institute, Geistliche, Lehrer der höheren Schulen und für einzelne Fächer Professoren deutscher Hochschulen. Die Teilnahme, mit der gerade die gebildeten Klassen diese Einrichtung verfolgen, liefert den Beweis, dass ein Bedürfnis, Anregung zu empfangen, lebhaft gefühlt wird.

Wie weit sich dieses Institut entwickeln wird, steht noch dahin. Es hat bereits eine lebhafte Bewegung in Scene gesetzt, und die schon in früheren Zeiten wiederholt diskutierte Idee einer Hamburgischen Universität beschäftigt viele Köpfe. Wenn darüber debattiert wird, pflegen die kulturellen und politischen Gesichtspunkte, die dafür sprechen, in den Vordergrund gestellt zu werden, und man erinnert sich daran, dass Hamburg in dem jetzt in eine Reihe wissenschaftlicher Institute aufgelösten Akademischen Gymnasium eine Anstalt besessen hat, die im siebzehnten Jahrhundert Rang und Funktionen einer Universität besass.

Alles deutet darauf hin, dass die Thätigkeit des Staates auf allen diesen Gebieten in Zukunft noch weitere Ausdehnung erfahren wird. Neubildungen fallen allerdings den Organen des Staates, die nicht experimentieren dürfen, in Hamburg so schwer wie anderswo, aber es steht zu hoffen, dass hier die alte Gewohnheit der selbständigen Schöpferthätigkeit des Bürgers durch den prinzipiellen Umschwung in der Beteiligung des Staates nicht leiden wird.

Wie überall und jederzeit, stehen auch in Hamburg zwei Generationen mit auseinander gehenden Anschauungen und Wünschen sich gegenüber. Die ältere, die den Wohlstand der Stadt heraufgeführt hat, sieht nicht ohne Bedenken, dass die jüngere diese materielle Grundlage zum Ausgangspunkte der Entwickelung einer eigenartigen nationalen Kultur Hamburgischer Färbung wählen will. Man hatte sich, nachdem die internationale Konkurrenz die Anspannung aller Kräfte in Anspruch genommen hatte, an die Auffassung gewöhnt, Hamburg ausschliesslich als ein Handelsorgan des Reiches aufzufassen und zu übersehen, was frühere Epochen in Hamburg für die deutsche Kultur geleistet haben.

Die jüngere Generation will sich damit nicht begnügen. Sie sieht in einer selbständigen Blüte der einheimischen Kunst und Wissenschaft nicht nur ein Moment vermehrten Wohlbehagens, das sich auch zur Not entbehren Hesse, sondern eine politische Angelegenheit, von der das Ansehen des Staates und die Sympathie, die ihm von den anderen Gliedern des Reiches entgegengebracht wird, wesentlich mit abhängt. Und in den Imponderabilien der Wertschätzung und Sympathie im Reich hat sie hervorragende politische Faktoren erkannt, auf deren Einfluss sie nicht zu verzichten gewillt ist Hamburg wird im Verzeichnis der deutschen Staaten an allerletzter Stelle aufgeführt, als wirtschaftliche Macht hat es seinen Platz gleich nach den Königreichen. Dass es auch als Pflegerin deutscher Bildung, Kunst und Wissenschaft denselben Rang erlangen möge, den es in der Ökonomie der Nation innehält, das ist der Wunsch und das Streben der „Jungen“ in Hamburg.

Text aus dem Buch: Hamburg; Niedersachsen (1897), Author: Lichtwark, Alfred.

Siehe auch:
Dresden im Mittelalter
Dresden im 16. JAHRHUNDERT
Dresden im 17. JAHRHUNDERT
Dresden im 18. JAHRHUNDERT
Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART
Mecklenburg – Mittelalter und Renaissance
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Mecklenburg – Das 19. Jahrhundert und die neuere Zeit
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Siehe auch:
Alte Stadtansichten Dresden Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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